Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Schatten der Vergangenheit

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Fenryl Tiranu Yulivee
29.06.2009
05.10.2010
37
91.669
1
Alle Kapitel
118 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
29.06.2009 969
 
Kapitel 2
Verrat

Faeglon trat hinaus in die Nacht. Die kleine Hafenstadt war von den kalten Winterstürmen verschont geblieben, doch der Wind kratze einem fast die Haut von dem Gesicht. Eilig zog er seinen Mantel noch enger um seinen Körper.
Der Kobold war tot. Er hatte seinen Auftrag erfüllt. Es wurde Zeit, wieder in die kleine Burg am Hang der Küste zurückzukehren.
Eiligen Schrittes bahnte er sich seinen Weg durch die hohen Steinhäuser der Fischer und Handelsmänner dieser kleinen Stadt. Merleth lag an einer Handelsbucht in Langollion, war aber gänzlich unbedeutend, was sie attraktiv für ein Versteck machte. Die Häuser waren ungewöhnlich für Elfen. Hohe Steinwände und mit mehreren Stockwerken. Hier und da wurde eines der Fenster von Kerzenlicht erhellt, doch sonst schlief die Stadt. Nur das Rauschen der Brandung, die in regelmäßigen Abständen gegen die Docks mitten in der Stadt krachten, war zu hören. Doch daran waren seine Ohren längst gewöhnt. Ebenso an den Geruch der See, der wie ein Tuch über dieser Stadt lag.
Laternen und Fackeln erhellten die Straßen und Gassen schlecht, doch seine Augen konnten selbst die Häuser nahem den Klippen, auf denen die Burg stand, erspähen.
Seit vielen Jahrzehnten schon lebte er hier. Seit vielen Jahrzehnten diente er für Alathaia, die wieder geboren war. Nun waren sie so kurz vor ihrem Ziel angelangt, die neue Königin zu stürzen und die Schwanenkrone an sich zu reißen. Heute Morgen war es endlich soweit gewesen. Alathaia hatte einen der Karfunkelsteine, der gefunden ward, verspürt. Er war durch einen Albenpfad geritten, um den Kobold, der den Stein gefunden hatte, herzubringen. Niemand sollte etwas von ihren Plänen erfahren. Um Entdeckungen zu vermeiden, war er durch einen minderen Albenstein geschritten und hatte den restlichen Weg zu Pferd genommen.
Auf dem Hügel an der Küste konnte er die dunklen Türme der kleinen Burg erspähen, die vom Licht des vollen Mondes beleuchtet wurde. Vier Türme waren es insgesamt, allesamt verbunden durch schmale Steinbrücken. Zum Tor führte eine breite Treppe, die den Anstieg zum Gipfel der Anhöhe im schwachen Winkel erleichterte. Es war ein altes Gemäuer. Doch es kam ihrem Plan zugute. Niemand in der Fischerstadt würde Verdacht an Alathaia verschwenden, die sich als unvermögende Adlige ausgab und so gut wie nie die geschlossenen Mauern verließ.
Auf den Stufen der Treppe wurde er nichtmehr von den Hauswänden geschützt und war dem Wind umso mehr ausgesetzt. Die Wellen spiegelten das Licht der Nacht wieder und kamen zielstrebig der Stadt näher.
Er ließ seinen Blick über die schlafende Stadt schweifen, als die Treppe eine Kurve beschrieb.
Der Kai mit den wenigen Segelschiffen war noch von einzelnen Seeleuten belebt, die eine anlegende Kogge vertäuten. Der kleine Hafen teilte die Stadt entzwei. Nur wenige Häuser, die auch kleiner als die anderen waren standen außerhalb des Innendorfes. Die gepflasterte Hauptstraße durchlief die Stadt und führte als Kaibrücke über die Fluten des Meeres hinüber in den anderen Teil der Hafenstadt. Dahinter war ein dichter Wald, in dem sich allerlei Gesinde herumtrieb. Der Handelsweh, der in die Stadt führte wurde von Fackeln erhellt, die nicht durch Wind gelöscht werden konnten. Noch von hier konnte er ihr Licht sehen.
Er führte seinen Weg weiter die Treppe hinauf.
Am Tor zur Burg grüßten  ihn zwei schwarz gekleidete Männer. Kurz angebunden nickte er ihnen zu.

Er strebte die Gemächer seiner Herrin an. Die dunklen Mauern der Burg verströmten die kalte Luft von außen. Sie isolierten nicht.
Er erklomm die schmalen Stufen, bis hin zu dem Turm, in dem Alathaia bewohnte.
„Komm herein!“, hieß es, als er angeklopft hatte. Er legte die Hand an die Klinke und drückte die schwere Tür auf.
Alathaia stand in mitten des kargen Raums, der von einigen Kerzen erhellt wurde. Zwei Türen führten zu ihrer Schlafkammer und ihrem Studierzimmer, in dem sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hatte. Sie trug nichts bis auf ein schlichtes schwarzes Kleid. Ihre rabengleichen Haare vielen ihr lose über die milchigen Schultern. Sie war noch jung, doch ihre Seele verfügte über ein immenses Alter, das ihrer Ausstrahlung zugute kam.
Er blieb an der Tür stehen und ging nicht die beiden Stufen hinunter zu ihr. Ihr erwartender Blick durchbohrte ihn.
„Der Kobold ist tot. Meine Männer verscharren ihn am Rande des Waldes. Niemand wird von dem Stein erfahren!“
„Gute Arbeit, ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen konnte“, sagte sie lächelnd, „Endlich steht uns nichts mehr im Weg!“
Fast nichts, durchfuhr es ihn. Er konnte nicht sagen, wie viel Macht dem Stein innewohnte, aber es musste viel sein, um die Königin zu stürzen. Natürlich war sie nicht so erfahren im Herrschen wie Emerelle es einst war, doch in ihrer Zaubermacht stand sie in niemandem Schatten. Auch Alathaia war eine überaus geschickte Magierin. Sie hatte sich der Blutmagie verschrieben und war erprobt in ihrer Anwendung. Seit ihre Seele wiedergeboren war, konnte sie sich durch einen Zauber, den sie kurz vor ihrem Tod gesponnen hatte, an ihr früheres Leben erinnern. Seit sie ein Kind war, hatten sich ihre Mächte verdoppelt. Sie tat fast nichts anderes, als ihrer Rache an ihren Mördern zu planen. Sie wollte die Herrschaft über Albenmark. Und die Unwürdigen tilgen. Kentauren, Menschen, alle Völker, die sich ihr nicht beugen wollten.
Sie setzte dabei fest auf die Hilfe ihrer Kinder. Ihrer Meinung nach hatte Tiranu sich mit der Absicht in das Herz der Königin geschlichen, sie zu töten, sobald die Seele seiner Mutter wiedergeboren war. Immerhin war er ihr Sohn, der beste Kämpfer Albenmarks. Und Morwenna war die ausgesprochene Fürstin Langollions. Mit ihrer Hilfe würde Alathaia Yulivee stürzen. In der Theorie.
„Sonst noch etwas?“, fragte sie durchaus höflich, doch Faeglon wusste, dass sie allein sein wollte, um den Stein weiter zu studieren.
Er neigte seinen Kopf leicht und verließ den runden Raum.
Erschöpft von der Reise durch den Albenstern und die gesamte Anspannung dieses Tages, führten ihn seine Füße in sein Gemach.

___________________    
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast