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Schatten der Vergangenheit

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Fenryl Tiranu Yulivee
29.06.2009
05.10.2010
37
91.669
1
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
29.06.2009 5.684
 
Oweia! Schon wieder über einen Monat Wartezeit für euch. Das wird ja immer mehr! :(  Ich hoffe, dieses relativ lange und hoffentlich spannende Kapitel meiner Story wird euch gefallen.
Ich danke allen, die wieder so freundlich waren, eine Review zu hinterlassen.
Und nun viel Spaß!
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Albträume



König Wolkentaucher kam mit seinem Gefolge; allesamt Adler, die in den Trjuredkriegen Großes geleistet hatten. Steinschnabel, Steinkopf und Hartgreif waren am Tage des Überfalls auf Valloncour, der unter dem Befehl von Schwertmeister Ollowains durchgeführt worden war, mit den Elfen geflogen und hatten Hunderten von ihnen das Leben gerettet.
Lange hatten seine Brüder am Hange des Albenhaupts in ihren Nestern geruht, um nun wieder in einer Stunde der Not den Elfen beizustehen.
Fenryl saß auf einer der steinernen Bänke im Hof des Herrenhauses von Salanel, eines toten Mannes. Senryls Blick lag auf der welligen Wasseroberfläche des Brunnens im Hof. Der Schein des Halbmondes brach sich auf dem Wasser; das silberne Licht tanzte auf den Wellen. Er kniff die Lippen aufeinander. Wieder einmal musste er unweigerlich feststellen, dass ihm das Anwesen gefiel. Das Haus war prächtig, doch fehlte ihm, wie fast allen elfischen Häusern Ishemons, der übliche Prunk. Nach Fenryls Meinung tat es dem alten Gebäude allerdings keinen Abbruch, er fühlte sich fast heimisch hier, in all den Tagen, die er hier verbracht hatte. Selbst an den ständig aufkommenden Nebel, der aus den Gebirgen nächtlich über Meliamer trieb, hatte er sich gewöhnt. Was ihn wirklich beunruhigte- hatte er sich nicht für ein Leben an der Seite der großen Schwarzrückenadler entschieden? Vernachlässigte er nicht allzu oft seine Pflichten als Fürst gerade deswegen? Um bei den Adlern zu sein? Sie stimmte wohl, die Voraussage Yulivees - seine elfische Seite übernahm erneut die Vorherrschaft über seinen Geist, und somit über seinen Körper. Langsam fand er wieder zu seinem alten Ich zurück. Doch gänzlich würde Winterauge nie aus seinem Inneren schwinden. Er war ein Teil von ihm geworden.
Wie so oft hielt er die Verbindung mit Wolkentaucher aufrecht, während dieser gemeinsam mit seinem Gefolge über die weiten Ebenen, Flüsse und Gebirge von Albenmark zog. Was würde er geben, einer von ihnen zu werden?
Fenryl schüttelte den Kopf- für solche Gedanken war nun wirklich nicht die richtige Zeit. Fast sieben Tage war es her, dass Burg Elfenlicht -zwar keine Festung im herkömmlichen Sinne, doch schreckte die meisten Widersacher der Elfenkönigin allein schon die Macht ebenjener zurück- überfallen, die junge Nessalia entführt und der Fürst Tiranu schwer verwundet worden war.
Und schon drei Tage seit dem Aufbruch Yulivees in die sagenumwobenen Gebirge Ishemons.
Keine Nachricht hatte die junge Elfe, die einst seinem Gefolge angehört hatte, über die gemeinsame Verbindung zu Wolkentaucher überbracht. Und Fenryl konnte sich auch sehr gut vorstellen, weshalb. Tot war sie nicht- Wolkentaucher hätte ihm das binnen eines Herzschlages mitgeteilt- nein, die Elfe hielt mit Absicht ihre Kunde zurück. So war die Elfenkönigin nun mal; sie sträubte sich gegen jede Unterwerfung bis zum letzten Atemzug- selbst, wenn es ihre eigenen Gefühle waren, die ihr ihres Erachtens nach, eine Gefahr wurden. Sie unterwarf sich niemals...
Und so wollte sie auch nicht, dass ihre geheimen Ängste, die sie sich womöglich nicht einmal selbst eingestand, über Wolkentaucher, dem niemals ein Gedanke von jemandem, mit dem er in Verbindung stand, entging, von ihm, Fenryl, bemerkt wurden.
Der König der Schwarzrückenadler flog über die See. Fenryl konnte die dunklen Wogen, über denen sein Nestbruder seine Schwingen breitete, sehen. Die salzige Meeresluft lag ihm förmlich auf der Zunge und in der Nase.
Lange würde es nicht mehr dauern, dann wären sie in Meliamer, der Hauptstadt, und auch wohl der einzigen Siedlung Ishemons, in der Elfen lebten, angekommen.
Bis dahin würde er wohl -anders als die restlichen Elfen der Jagdgemeinschaft, die auf den Straßen Ishemons nach Vertrauten und deren Informationen über Salanel suchten- hier auf dieser Steinbank sitzen und den fallenden Wassern des Brunnens zusehen. Wartend auf Kunde von Yulivee und Giliath.
 
~~~
 
Vorsichtig näherte sie sich ihm. Sie wusste zwar, dass er ihre Anwesenheit längst spüren musste, doch noch immer verunsicherte sie seine kolossale Gestalt.
Baelfyr machte sich über die drei Bergziegen her, die er gerissen hatte. Knochen, Hufe und selbst die mächtigen Hörner wurden unter den dolchartigen Fängen des Drachen zermalmt. Die Geräusche, die er dabei veranstaltete, jagten Silana einen Schauder über den Rücken.
Einen Moment verharrte sie, ließ dieses Bild auf sich wirken. Seit ihrer Jugend hatte sie davon geträumt, einen Drachen vor sich zu sehen. Wirklich gehofft aber, einen zu kontrollieren, hatte sie damals nicht. Nicht, bis sie von den Plänen ihres Vaters erfahren hatte. Von da an hatte sie nur noch diesen Traum gehabt: Mit einem Drachen an ihrer Seite über Albenmark zu herrschen.
Heute wusste sie, dass der Preis dafür zu hoch gewesen war...
Es war spät in der Nacht, das Licht der Sterne erhellte die weite Terrasse, die in den letzten Tagen zum Hauptsitz Baelfyrs geworden war, nur schwach. Das Licht des Mondes wurde von den schweren Nebelschwaden verdeckt.
Silana war es leid zu warten. Sie verstand nicht, warum die Königin nicht kam. Ob der Späher nicht in Elfenlicht angekommen war, um der Königin ihren Fluchtort mitzuteilen?
Sie seufzte. Immer wieder befielen sie dieselben Zweifel. Und immer wieder befahl sie Baelfyr über das Gebirge im Südwesten zu fliegen, um nach der Königin zu suchen.
Bisher hatte er niemals mehr als Fleisch mitgebracht.
Vielleicht sammelte die Königin auch erst genügend Krieger um sich? Alleine mit ihrer Zaubermacht könnte sie Baelfyr niemals das Wasser reichen; nur die Schwarze Kunst vermochte es, einen Drachen zu bändigen. Doch hatte die Königin erst einmal genügend Krieger...
Nein!, schalt sie sich selbst. Ich werde die Königin schlagen! Erst wenn ihr Blut über meine Hände fließt, erst wenn ich in ihre leeren Augen sehe, dann werde ich ruhen können! Tiranu! Das wirst du dir selbst zuschreiben müssen. Du wirst für den Mord meines Vaters bezahlen. Und glaube mir, du wirst mehr leiden, als ich es tue! Du wirst vor Schmerz und Schuldgefühlen wahnsinnig werden! Du lässt andere vielleicht im Glauben, du wärst gefühllos und die Schwarze Magie hätte dir all deine Liebe genommen. Doch dieses Maskeradenspiel ist vorbei! Ich sah deine wahre Natur, als du zu deiner Mutter gingst, die im Sterben lag. Dein eigenes Versagen, sie nicht beschützt zu haben, hat dir den größten Schmerz bereitet. Und dieses Versagen, dieser Schmerz wird sich wiederholen, wenn deine Geliebte hier erst einmal eintrifft! Denn auch ihre Schwächen sind mir wohl bekannt...Sie wird persönlich kommen, um ihre Tochter zu retten, obwohl sie weiß, dass es ihr Verderben sein kann...
Sie schreckte auf, als sie sich gewahr wurde, dass Baelfyrs riesige Augen sie eindringlich musterten.
Diese grüngoldenen Augen...Sie kam sich vor, als wäre sie seine nächste Beute.
Lange Zeit geschah nichts. Nur ein stummes Duell ihrer Augen. Sein glühend heißer Atem schlug Silana trotz der Entfernung ins Gesicht. Ihre geistige Verbindung war mit einem Male wie verraucht. Das Alte Wesen hatte seine Gedanken vor ihr abgeschirmt!
Silana senkte ihren Blick nicht. Sie war sich sicher, wenn sie nun nachgab, würde er dies ausnutzen. Stumm fragte sie sich, wie er es bewerkstelligt hatte, sich kurzzeitig von ihr, seiner Meisterin, zu trennen, dann war der altvertraute und doch so fremde Geist wieder nahe dem ihren.
Seine Augen lagen nicht mehr auf ihr, sie waren auf einen Punkt hinter ihr gerichtet. Silana wandte sich um und erkannte die kleine Gestalt Nessalias am Portal zur Halle stehen.
Die Blutmagierin runzelte die Stirn. Hatte das Mädchen bis eben nicht noch geschlafen?!
Noch verwirrt trat sie dem Elfenkind entgegen, welches sich müde über die Augen strich. Sie brauchte nicht zu fragen, was los sei, das Mädchen eilte ihr entgegen und schlang die dünnen Ärmchen um die Hüfte Silanas: „Ich hatte einen schlechten Traum!“
Die Tochter Salanels versteifte sich. Wieder rief sie sich ins Gedächtnis, dass die Kleine noch immer glaubte, sie wolle sie beschützen. Was sollte sie auch anderes glauben? Sie war nur ein naives Kind. Und das sollte sie auch vorerst bleiben...
Silana löste die Arme von ihrem Körper und ging in die Hocke. Sie legte ihre Hände beruhigend auf die Arme Nessalias.
„Was hast du geträumt, Kleine?“
Ihre schweren Lider verdeckten die dunklen Augen größtenteils, als die Tochter Tiranus zu überlegen schien. „Ich weiß nicht mehr...aber ich war ganz verschwitzt als ich aufgewacht bin.“
Das war Silana auch schon aufgefallen. Sowohl das Gesicht als auch die Haut unter dem leichten Stoff ihres Kleides war schweißnass. Das dunkle Haar klebte an ihrer Stirn.
Silana wollte zu beruhigenden Worten ansetzen, als sie bemerkte, dass Nessa das Alte Wesen musterte. Als sie den Blick hinter sich warf sah sie, dass Baelfyr sich zu einer Kugel gerollt hingelegt hatte. Aus seinem Maul rumorte es. Knurrte er?
Den mächtigen, triangelförmigen Kopf hatte er auf seine Pranken gelegt. Die Wolken vor dem Mond waren vorübergezogen und ließen dessen Licht direkt in die mattgrünen Augen des Drachen scheinen.
Ohne sich umzuwenden fragte Silana: „Ist er es, der dir Angst bereitet?“ Sie erhielt keine Antwort.
Silana sah dem Kind prüfend ins Gesicht. Es kaute nachdenklich an seiner Unterlippe herum.
„Nein.“, kam es schließlich entschieden. „Es ist diese seltsame Magie hier.“
Die Magierin wusste, wovon sie sprach. Die Magie der Drachen, die einst in dieser Himmelsfestung gelebt hatten, haftete diesem Ort noch immer an. War es diese dunkle Macht, die der Kleinen Albträume beschert hatte?
„Aber da ist auch etwas...Vertrautes. Ich habe es schon einmal gespürt. Aber es ist so schwach...“ Alle Müdigkeit war von der jungen Elfe gewichen, während sie weiterhin über die Schulter Silanas den Drachen beobachte. Geräusche, die sich wie rollende Steine anhörten, waren zu vernehmen und verrieten Silana, dass Baelfyr seine Lage geändert hatte.
„Wo? Wo hast du diese vertraute Macht schon einmal gespürt?“
Nessalia zuckte nur die Schultern, was Silana fast dazu verleitete, die Augen zu verdrehen. Sie erhob sich und nahm Nessalia bei der Hand. Wahrscheinlich hatte der schlechte Traum nur ihre Sinne verwirrt.
Während die beiden Elfen durch das Portal ins Innere schritten, warf Silana noch einen letzten Blick auf Bealfyr. Dieser war wohl gesättigt und zufrieden eingeschlafen.
 
~~~
 
„Sie werden die ersten sein, die sterben!“ Niemals hatte er sie so erlebt. So überzeugt, so verbittert. So voller Inbrunst...
Sicherlich, sie war eine gute Rednerin, eine wahrlich gute Anführerin, deren Anhänger ihr in jeden Tod folgen würden, doch diesmal war es anders.
„Sorge dafür, dass sie leiden wird, Tiranu! Sie wird für den Verrat an ihm büßen!“
Sie sprach niemals seinen Namen aus. Nicht, seit er gestorben war.
Mit dem Rücken zu ihm gewandt stand sie auf dem weitauslaufenden Balkon ihrer Gemächer. Ihr Gesicht war zum Vollmond erhoben. Und doch wusste er, dass sie vor Wut schäumte. Tiranu spürte ihre Macht, die durch ihre dunklen Gefühle noch verstärkt wurden.
Seit sie ihn zum Rosenturm, ihrer Residenz ihm Westen Langollions, bestellt hatte, nagte ein beklemmendes Gefühl an ihm. Es hatte ihn nicht getäuscht.
„Hast du mich verstanden?!“ Sie wirbelte zu ihm herum. Die vertrauten Züge ihres Gesichts waren hassverzerrt. Sie bemühte sich nicht, ihre kühle Maske in Gegenwart von ihm aufrecht zu erhalten. Und so entgingen Tiranu auch nicht die Spuren des Schmerzes in ihren grünen Augen.
Ohne seine Antwort abzuwarten, kam sie näher und sprach eingehende Worte, als würde sie Worte der Macht rezitieren: „Heute Nacht, mein Sohn, haben die Schattenkriege begonnen! Emerelle mag ihren Thron von den Trollen wiedererlangt haben, aber diesen Krieg wird sie nicht überstehen! Hunderte meiner Getreuen habe ich heute Abend ausgesandt, um die Anhänger der Königin zu beseitigen.“ Sie holte tief Luft und biss sich auf die Lippen. „Du magst dich gegen den Weg der Blutmagie entschieden haben, Tiranu. Nun beweise mir die Richtigkeit deiner Wahl.“ Eine kühle Hand legte sich auf seine Wange, während grüne Augen die seinen immer noch gefangen hielten. Ihr Ausdruck änderte sich. „Sie mögen sich in Sicherheit wiegen, da nun die Trollkriege vorüber sind. Gemeinsam liegen sie in einem Rattenloch und denken, all ihr Unheil sei vorüber. Doch das ist es noch lange nicht! Finde sie! Finde sie und töte den Bastard an ihrer Seite. Die Hure lässt du dabei zusehen und bringst sie anschließend zu mir!“
Tiranu schluckte. Er hatte viel über den Mörder gehört. Er war einer der besten Kämpfer Albenmarks... Er selbst war noch lange nicht am Ziel seiner Ausbildung zum Krieger.
Ihr musste klar sein, dass die Chancen eines Erfolges ziemlich gering waren!
Sie ließ von ihm ab und musterte ihn eingehend. „Enttäusche mich nicht, Tiranu!“, befahl sie.
Er sah ihr nur tief in die Augen. Traute sie ihm wirklich diese Tat zu? „Das werde ich nicht...“
 
Der Wolfself versuchte ihm seine krallenbewehrte Hand in den Magen zu rammen. Er hatte den Schlag längst kommen sehen. Hämisch grinsend wich er zur Seite aus und registrierte zufrieden das schwere Keuchen seines Gegners. Seine menschliche Seite machte ihn schwach!
Tiranus Klinge stieß vor und wurde von der Linken Melvyns pariert. Die Krallen verkeilten sein Schwert, während seine Rechte versuchte, Tiranu einen Kinnhaken zu verpassen. Trotz allem war er immer noch verdammt schnell!
Tiranu ging in die Hocke, zog seinen Dolch und stieß diesen in die Achsel des Halbmenschen. Dieser schrie gellend auf und schwankte. Tiranu nutze den Moment der Unachtsamkeit und befreite sein Schwert.
Keinesfalls aus Angst schaffte er ein wenig Abstand zu dem Blonden. Die Wolfsaugen waren trüb geworden; eine Hand umfasste den schlaffen Arm.
Tiranu hatte ihn alleine in den Wäldern angetroffen. Weder Leylin noch Conlyn, der Bastard der Verräter, waren zu sehen.
Wie seine Mutter ihm gesagt hatte lebten die drei Elfen in einer verdreckten Wolfshöhle inmitten der Wälder vor den Slanga- Bergen.
„Was willst du?“ Der Wolfself hatte sich wieder einigermaßen aufgerichtet. Bis auf seine Krallenhände war er unbewaffnet. Doch seine Augen sprühten ebenso gefährlich, wie die der drei Wölfe, die sich bedrohlich um ihren Herrn gesammelt hatten. Seit Tiranu einen von ihnen getötet hatte, wagten die anderen nicht mehr, als ihn anzuknurren, während Melvyn kämpfte.
„Ich bin hier, um den Tod Shandrals zu rächen!“
Die Augen Melvyns weiteten sich. Das Licht des kleinen Lagerfeuers, das er wohl zuvor entzündet hatte, spiegelte sich in seinen eisblauen Tiefen wieder. Er trug nur ein abgewetztes Lederhemd und einen blassroten Lendenschurz. Tiranu konnte sich nicht vorstellen, dass Leylin sich tatsächlich für ihn entschieden hatte. Auch er hatte schon die Gerüchte gehört, die besagten, dass der Halbelf wahllos die Frauen hochgestellter Männer besprang, um sie dann wieder fallen zu lassen.
Ein Rascheln am Rande der Lichtung der dunklen Wolfshöhle erklang. Tiranu sah zwei Schattengestalten zwischen den Bäumen hervortreten.
Die kleine Gestalt löste sich und eilte den Kämpfenden entgegen. Plötzlich hielt er inne. „Vater!“
Melvyn sprang panisch zwischen seinen Sohn und Tiranu. „Leylin! Nimm Conlyn und lauf!“, rief er ohne den Fürstensohn aus den Augen zu lassen. „Lauft weg!“
Die Elfe eilte in den Schein des Feuers und nahm Conlyn an der Hand. Tiranu schoss ohne Vorwarnung vor, seine Klinge wurde wieder von den Stahlkrallen abgewehrt. Doch diesmal viel schwächer als zuvor. Das Schwert glitt ab und schnitt in das Fleisch der Brust. Leylin schrie auf; die Wölfe knurrten und sprangen vor. Conlyn versuchte sich loszumachen, um seinen Vater beizustehen. Er wand sein Handgelenk aus der eisernen Umklammerung der Hand seiner Mutter und schon stürmte er auf Tiranu, der ein Wort der Macht gebrauchte, um die Wölfe vor Schmerz heulen zu lassen, zu.
Melvyn wollte vorspringen, um seinen Sohn aufzuhalten. Von Verzweiflung getrieben vergaß er dabei seine Deckung. Die Schwertklinge stieß mit aller Kraft seines Trägers bis zum Heft in seinen Bauch.
„Nein! Melvyn! Nein!“
 
Tiranu fuhr auf. Sein Körper war schweißgebaded. Plötzlicher Schwindel trieb ihn zurück in die Kissen und machte ihm Schwierigkeiten, sich nicht zu übergeben.
Leylins Schrei gellte noch immer in seinen Ohren, während er sich mit der Hand über das nasse Gesicht fuhr. Nur langsam konnte er sich einreden, dass er nicht mehr in dem dunklen Wald vor vielen Jahrzehnten war.
Die Erinnerungen an diese Nacht ließen nicht von seinen Gedanken ab.
Melvyn war zu Boden gegangen, seine Augen waren noch trüber als zuvor gewesen. Der Feuerschein glänzte auf dem dunklen Blut, das von dem Oberkörper des Halbelfen rann. Conlyn war mit dem Mut der Verzweiflung mit bloßen Fäusten auf ihn losgegangen, während Leylin wie eine Statue mit dem entrückten Ausdruck von Leid auf der Lichtung stand.
Tiranu hatte dem Jüngling den Knauf an die Schläfe geschlagen. Sofort war er leblos in sich zusammengesunken.
Leylin lief nicht fort. Sie starrte wie paralysiert auf die beiden zu Boden gegangenen Elfen.
Tiranu hatte auch sie niedergeschlagen und auf den Sattel seines Pferdes gewuchtet. Er sah nicht nach, ob Melvyn und Conlyn tatsächlich tot waren.
Ob es ihm damals egal gewesen war, oder ob es ihn schlicht nicht wissen wollte, konnte er nicht sagen. Er wusste nur noch, dass er die beiden bewusstlosen Elfen nicht mehr angesehen hatte. Und wie ein Wunder hatte Melvyn, der nie erfahren hatte, wer der Angreifer dieser Nacht war, gemeinsam mit seinem Sohn überlebt.
In derselben Nacht waren hunderte der mächtigsten Anhänger Emerelles durch den Befehl seiner Mutter gestorben. Nur er war gescheitert.
So hatten die Schattenkriege begonnen. Melvyn war in einem verzweifelten Versuch, Leylin zu befreien, ums Leben gekommen.
Letztlich war es aber seine Mutter, Silwyna, gewesen, die Alathaia getötet hatte.
Hatte die Maurawani vor ihrem Einzug ins Mondlicht, als er sie inmitten eines Waldes einsam gefunden hatte, die Tat jener Nacht gesehen? Ihm war es vorgekommen, als hätte sie bis tief auf den Grund seines Herzen geblickt.
Warum lächelte sie ihn an?
Langsam beruhigte sich sein hämmerndes Herz wieder. Er stützte sich auf seine Unterarme, um in eine aufrechte Position zu gelangen. Als er aus dem Fenster sah bemerkte er, dass die Sonne schon lange über den Horizont geklettert war.
Seit fast drei Tagen lag er unnütz im Bett herum. Die meiste Zeit hatte er mit Schlafen verbracht und die restliche mit nervenzehrenden Grübeleien.
Was hatte Yulivee sich dabei gedacht, ohne ihn aufzubrechen!? Das war doch genau das, was Silana erwarten würde.
Er schwang seine Beine über die Bettkante. Egal, was Morwenna und Jornowell taten, er würde nicht länger hier bleiben, wissend, dass Nessalia und Yulivee in Gefahr waren.
 
Nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte trat er aus seinem Gemach.
„Tiranu!“ Gerufener Fürst zog eine Grimasse und wandte sich Jornowell zu. Dieser eilte ihm entgehen und Tiranu fragte sich, auf was er sich jetzt wieder gefasst machen konnte. Er hatte heute keinen Nerv zum Diskutieren.
„Wie ich sehe geht es dir besser. Du bist zwar noch immer ein wenig blasser als sonst - und ich hätte nie gedacht, dass das möglich wäre - aber ansonsten...“ Er zuckte nur die Achseln.
Tiranu ließ sich von dieser altbekannten Provokation Jornowells, dessen Haut von der Sonne gebräunt war, nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn er innerlich alles andere als gefasst war. So beschränkte er sich darauf, sein Gegenüber mit Blicken zu erdolchen.
Jornowell stutze, als er Tiranu genauer bedachte. „Wohin des Wegs?“
Tiranu wandte sich ohne Kommentar ab und wollte gehen. Er war wirklich erschrocken, Jornowells Griff an seinem Arm zu spüren.
Überrumpelt wurde er von dem Hofmeister zurück in sein Gemach gezogen, wo dieser die Tür hinter sich schloss. Der Elfenfürst wollte ihn schon anfahren, als Jornowell ihm zuvor kam: „Hör zu, du Griesgram! Ich weiß, was vorhast! Und ich bin auf deiner Seite, was Morwenna angeht...“ Jornowell blickte ihn erwartend an. Er wollte also ebenfalls zu Yulivee...Fühlte er sich gekränkt, weil er dazu abkommandiert wurde, auf ihn, Tiranu, aufzupassen?
Wie hast du mich gerade genannt?“, war Tiranus einzige Aussage nach einer Weile des angespannten Schweigens. Er hatte keinesfalls vor, Jornowell nach Ishemon mitzunehmen. „Und was soll das heißen, auf deiner Seite!? Glaubst du, dass ich gegen meine eigene Schwester nicht ankomme?“
Jornowell zog eine Grimasse. „Nun...sie kann sehr angsteinflößend sein. Und - verzeih mir, wenn ich mich irre, mein Fürst - wolltest du dich nicht gerade hinausschleichen?“ Er deutete mit triumphierenden Lächeln auf das Schwer an Tiranus Hüfte.
Der Fürst bereute es, dass er seine Klinge nicht eher gezogen hatte. Jornowell war noch nerviger als sein Vater...und das auf eine eklige Art und Weise!
Jornowells verschiedenfarbigen Augen duellierten sich stumm mit den schwarzen Tiranus. Schließlich war es Jornowell, der aufgab und den Kopf schüttelte.
„Morwenna weiß von meinem Vorhaben, der Elfenjagd zu folgen ... Sie hat mir üble Drohungen an den Kopf geworfen, die sie in die Tat umzusetzen gedenkt, sollte ich dich mit meiner Idee anstecken.“
„Lass mich raten: Das hat dich nicht wirklich abgeschreckt, oder?“ Tiranu war von dieser Unterhaltung gelangweilt. Allerdings...Jornowell war kein übler Kämpfer; es könnte nicht schaden, ihn mitzunehmen. Doch widerstrebte es ihm, den Hofmeister ständig um sich zu haben. Er wusste, dass Jornowell ihn nicht leiden konnte.
„Doch, durchaus. Immerhin habe ich ganz schön lange darauf gewartet, dass du wieder auf die Beine kamst.“
Tiranu musterte den blonden Elfen vor sich. Er schien es wirklich ernst zu meinen.
„Und was ist mit dem Befehl Yulivees, du sollst hier auf mich aufpassen?“
„Wenn du nicht willst, dass ich in Schwierigkeiten gelange, können wir behaupten, du hast mich dazu überredet. Außerdem kann ich am besten auf dich aufpassen, wenn ich in deiner Nähe bin.“
„Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst!“, stieß der Fürst zwischen geschlossenen Zähnen hindurch. Er wollte am Hofmeister vorbei zur Tür treten, doch wieder hielt ihn dieser auf. „Ich sehe das anders. Deine Mutter wurde getötet, Tiranu! Deine Tochter ist in der Gewalt Silanas. Ich denke, selbst du wirst dich in dieser Situation zu unbedachten Reaktionen verleiten lassen...Besonders, wenn du von Rachegelüsten getrieben bist.“
Tiranu befreite seinen Arm von Jornowell. „Befürchtest du, ich könnte wieder der Blutmagie verfallen?!“ Diese Aussage ließ Jornowells Befürchtung wahr werden. Er hatte zugegeben, dass auch er die Dunkle Kunst beherrschte. Nur wegen eines inneren Impulses heraus...
Innerlich fluchend wandte er sich um. Jornowell hielt die Arme verschränkt und schwieg. Doch dieses Schweigen war Aussage genug.
„Was weißt du schon!?“, fuhr er ihn an. Dieses Schweigen war schlimmer als jede Anschuldigung. Tiranu fragte sich, warum ihm das auf einmal so viel ausmachte. Jornowell aber blieb ruhig.
„Ich weiß, dass du im Schlaf redest. Und du hast viel geschlafen in den letzten Tagen.“
Das traf Tiranu wie ein Faustschlag. Was hatte Jornowell gehört?
„Du machst dir Vorwürfe, weil du versagt hast und deshalb hast du Albträume. Ich werde mich über das ausschweigen, was ich gehört habe. Solange, bis wir die ganze Sache überstanden haben. Aber nun sieh erst mal ein, dass du alleine nicht gehen kannst - Das geht dir alles zu nahe! Und du bist noch geschwächt von deiner Verwundung.“
Tiranu wollte aufbegehren. Was dachte sich dieser Bastard?! Er war doch keine hilflose Maid, die beim kleinsten Nadelstich schon in Ohnmacht fiel.
„Ich glaube, deine Mutter hat dir weitaus mehr über Drachen beigebracht als den meisten Anderen bekannt sein dürfte. Dieses Wissen kann uns nützlich sein. Auch ich musste über meinen Schatten springen. Also vergiss deinen selbstblendenden Stolz, wenn du Yulivee helfen willst!“
 
~~~
 
Tiranu sah nicht so aus, als würden seine Worte Früchte tragen. Dunkle Augen versuchten ihn wohl zu töten während nicht ein Muskel in Tiranus Gesicht zuckte.
Nicht gut!
Schließlich brach die kühle Stimme des Fürsten schon fast versöhnlich die angespannte Ruhe: „Hast du sonst noch etwas zu sagen?“
Jornowell konnte nur leicht den Kopf schütteln, zum Antworten blieb ihm keine Zeit. Er sah nur noch, wie Tiranu ausholte...
Die Wucht des Schlages beförderte den Hofmeister der Elfenkönigin zu Boden. Dumpfer Schmerz breitete sich in seinem Kiefer aus. Benommen schüttelte er den Kopf.
Ja, er hätte ihn definitiv nicht provozieren sollen...
„Das war dafür, dass du mich im Schlaf beobachtet hast.“, war der einzige Kommentar des Elfenfürsten als er aus dem Zimmer trat.
Jornowell richtete sich auf seine Unterarme auf und versuchte den pochenden Schmerz zu ignorieren. Eine Hand wanderte zu der Stelle, an der Tiranus Faust sein Kinn getroffen hatte. Wenigstens schien nichts gebrochen zu sein.
Vor der Tür erklangen Stimmen.
„Wo ist Jornowell?“
„Dieser Gaffer hat sich eine kleine Auszeit verdient.“
Jornowell stöhnte auf. Morwenna! Er konnte sich schon jetzt ihr schadenfrohes Gesicht vorstellen. Sie hatte ihn hiervor gewarnt.
Die Schwester des Fürsten trat durch die Tür. Sie trug ihr langes schwarzes Haar offen und war in ein schlichtes dunkelblaues Kleid gewandet.
Morwenna hob bei seinem Anblick nur die Augenbrauen. „Ich habe dir gesagt, dass das mit euch beiden ich nicht gutgehen kann...allerdings hätte ich nicht erwartet, dass ihr schon so früh aneinander geratet.“
Jornowell stieß ein dumpfes Grollen aus und rollte mit den Augen.
Sie trat seufzend näher und besah sich sein Kinn. Sie sagte nichts mehr dazu, doch Jornowell konnte sich vorstellen, was sie dachte.
Die Heilerin griff unter seinen Kiefer und zwang ihn damit aufzusehen. Ihre dunklen Augen waren ernst geworden und so sehr darin vertieft, seine Wunde zu begutachten, dass Jornowell sich fragte, ob sie überhaupt bemerkte, wie er sie anstarrte.
„Halt still“, sagte sie nach einigen Herzschlägen und legte die Hand direkt auf die Blessur. Sie war angenehm kühl. Kurz darauf verspürte er ein stechendes Kribbeln, das durch sein Gesicht fuhr. Die Heilerin verzog keine Mine. Ob sie den Schmerz, der jeder Heiler auf sich nahm, wohl so gut verbergen konnte oder ob sie wirklich keinen verspürte, konnte Jornowell nicht sagen.
Als sie die Hand wieder wegnahm war der Schmerz vorüber, es blieb nur ein seltsames Gefühl, als wäre er ihr ausgeliefert. Während Heiler eine Wunde kurierten konnten sie bis tief auf die Seele ihres Patienten sehen. Der Gedanke, Morwenna könnte dies getan haben, behagte ihm nicht.
„Danke. Aber hättest du nicht lieber deinen Bruder aufhalten sollen?“
Die Tochter Alathaias erhob sich elegant und half ihm anschließend aufzustehen. Als Heilerin war sie eine ganz andere Person...
„Er weiß, dass die Albenpfade nach Ishemon sehr verworren sind. Nur ein erfahrener Pfadkundiger kann sich dort nicht verirren. Er kann nicht alleine gehen.“
Jornowell stöhnte. „Lirn!“ Vermutlich würde der arme Kobold wieder dazu genötigt werden, den Fürsten zu begleiten.
Er trat aus dem Gemach und folgte Tiranu hinab in den Thronsaal. Bevor Jornowell zu Tiranu ging, waren Lirn und er gemeinsam in den Gärten spazieren gegangen. Soweit er wusste, unterhielt sich der Kobold noch immer mit den beiden Botschaftern der Zwerge, bei denen er ihn zurück gelassen hatte.
Morwenna folgte ihm durch den Saal des Drachenbrunnens und vermied ebenso wie er, den weißen Stein genauer anzusehen. Stattdessen eilten sie in den Thronsaal, wo zwei korpulente Zwerge ganz offensichtlich verunsichert ob eines gewissen Fürst waren, der soeben dabei war, den Lutin zu überzeugen ihn auf seine Reise zu begleiten. So ließ er es zumindest vor den Botschaftern aussehen.
Jornowell schüttelte den Kopf ob dieser obskuren Szene.
Als der Hofmeister in dem Saal der Fallenden Wasser bemerkt wurde, beugten die Zwerge kurz ihr bärtiges Haupt. Er tat es ihnen gleich und gesellte sich zu der ungewöhnlichen Gruppe der vier Albenkinder.
„Hofmeister, Fürst, wenn ihr uns entschuldigt. Wir...“, setzte einer der Zwerge an.
„Schon gut, Alwis.“, antwortete er dem gedrungenen Albenkind, froh darüber, dass er anscheinend die heikle Situation erkannt hatte. Nachdem sie aus dem Saal traten war nur noch das Rauschen des Wassers zu hören.
Schließlich war es Morwenna, die das Wort ergriff: „Ihr alle werdet nirgendwo hingehen, seien es nicht eure Gemächer. Yulivee hat mir den strickten Befehl erteilt, euch hier zu behalten.“
Jornowell hatte sich schon gewundert, dass die Elfe sich mit dieser Aussage so viel Zeit gelassen hatte. Ihr musste doch klar sein, dass sie auf verlorenem Posten kämpfte?
Er war gespannt, wie Tiranus Ankommen gegen seine Schwester aussah.
„Yulivee ist nicht hier“, sagte Tiranu trocken. „Ich könnte immer noch behaupten, Jornowell hat mich mit schändlichen Mitteln überzeugt, ihm zu folgen.“
Morwenna schnaubte. „Sollte euch etwas passieren...“
Tiranu wollte etwas sagen, doch auch er wurde unterbrochen. „Mit Verlaub, Ehrwürdige, wenn du dir solche Sorgen machst, warum begleitest du sie...uns nicht einfach? Es kann nicht schaden, eine solch erfahrene Heilerin bei uns zu haben.“
Morwenna sah Lirn vernichtend an. „Deine schmeichelnden Worte fruchten bei mir nicht, Feigling.“
„Er hat mit seinen Worten nicht Unrecht“, verteidigte Jornowell den Kobold und räusperte sich sofort. „Ich meine natürlich, dass deine Fähigkeiten nützlich sein könnten.“
Tiranu, der bisher mit abwesendem Gesichtsausdruck die Konversation mitverfolgt hatte, war nun deutlich anzusehen, dass es ihm widerstrebte, sie mit in einen solchen Kampf zu nehmen.
Jornowell hatte diese Diskussion schon viele Male mit der Heilerin geführt. Doch diese Lösung war ihm bisher noch nicht in den Sinn gekommen. Er fragte sich, warum.
Auch Lirns Entschlossene Mine überraschte ihn. Er sah nicht im Mindesten so eingeschüchtert von Tiranu zu sein wie die Zwerge. Sein Respekt für den Lutin, der ihm schon viel über sein Leben und die Geschehnisse mit Tiranu berichtete hatte, stieg noch einmal. Er schien wirklich keine Furcht zu haben. Oder versteckte er sie nur gut? Es fiel ihm schwer, die pelzigen Züge des Kobolds zu deuten.
„Glaubst du, ich würde bei solch einem Wahnsinn mitziehen?!“, schnappte Morwenna. Es war interessant zu sehen, wie eine solche Situation selbst solch stoische Gemüter wie Morwenna und Tiranu aus der Ruhe brachten. Doch er konnte es nachvollziehen. Die Erweckung des Drachen würde alte Narben wiederaufreißen, auch wenn Yulivee für Alathaia vor ihrem Volk gelogen hatte. Man würde wieder anfangen, über die dunklen Elfen Langollions und deren Machenschaften zu munkeln.
„Ihr beide habt zehn Minuten, um euch reisefertig zu machen.“
Die Worte Tiranus lösten ein Gefühl des Triumphs aus. Endlich konnte er seine Hände aus dem Schoß nehmen und selbst etwas tun.
Morwennas Aufbegehren wurde schon im Keim von Tiranus finsteren Blick erstickt. Jornowell war wirklich überrascht, dass sie sich schließlich fügte und aus dem Thronsaal ging. Er blickte ihr mit zusammengekniffenen Lippen hinterher. Ihre Wut dürfte wohl er auszubaden haben.
„He!“ Tiranu blickte ihn prüfend an. Seinen Augen wohnte etwas Komisches inne, das Jornowell nicht recht zu deuten wusste. „Hast du nicht etwas zu tun?“
 
~~~
 
Das war erstaunlich wenig Widerstand seitens seiner Schwester gewesen. Tiranu fragte sich, was das zu bedeuten hatte. So kannte er sie gar nicht.
Wollte auch sie ihren Teil dazu beitragen, den Kampf gegen die Blutmagierin und ihr überdimensionales Haustier zu gewinnen?
Er wandte sich von dem bereits in einen dicken Mantel gekleideten Lutin ab und überlegte. Nach dem, was Jornowell ihm offenbarte, hatte er ganz andere Probleme als die Gefühlsschwankungen seiner Schwester.
Wie viel hatte er im Schlaf preisgegeben? Er konnte nicht glauben, dass ihn dieser einfältige Idiot tatsächlich im Schlaf belauscht hatte!
"Ich werde mich über das ausschweigen, was ich gehört habe. Solange, bis wir die ganze Sache überstanden haben."
Und dann? Hatte der Hofmeister vor, ihn, den Fürsten Langollions, zu erpressen? Vermutlich hatte Yulivee bereits alles Wissenswerte gesehen, als sie seine Erinnerungen durchwühlte.
Nach einer halben Ewigkeit kam Jornowell durch das Portal getreten. An seiner Seite der bocksbeinige Waldgeist Xern. Wahrscheinlich hatte der Hofmeister wieder kurzzeitig sein Amt auf ihn abgeschoben. Etwas, das auch ansonsten immer häufiger der Fall wurde. Er hatte Yulivee ja gleich gewarnt, als sie erwogen hatte, die Stelle des Meister Xerns, dem eigentlichen Nachfolger Alvias', Jornowell anzubieten. Der blonde Elf war einfach zu sehr ein Reisender, als dass er lange an einem Ort verweilen könnte. Er wusste, dass Yulivee dem nicht abgeneigt war. Weshalb aber hatte sie den Sohn Alvias dennoch dazu überredet, das Amt des Hofmeisters zu übernehmen?
In diesem Moment trat Morwenna durch das Portal. Sie hatte einen blauen Reisemantel angelegt und ihr Haar im Nacken zusammengebunden. Sie musterte Jornowell mit einem finsteren Blick, der Tiranu schon fast trotzig vorkam.
Sie würden ohne Pferde reisen. In den Gebirgen Ishemons kam man zu Fuß besser voran. Vielleicht könnten sie Yulivee und die Jagdgemeinschaft einholen.
Er schüttelte den Kopf und stellte fest, dass er während seiner Ohnmacht jedes Zeitgefühl verloren hatte. Morwenna hatte ihm alles erzählt, was geschehen war. Dies reichte, um ein klares Bild ihrer jetzigen Position zu machen.
Die Elfenjagd war vor fast sieben Tagen aufgebrochen. Vermutlich kämen sie ohnehin zu spät!
Er bedeutete Lirn den Albenstern zu öffnen. Der kleine Lutin atmete tief durch und schritt hinüber zu dem Schlangenmosaik.
Jornowell, gewandet in ein ledernes Jagdhemd, einen grauen Mantel und Schaftstiefel, verabschiedete sich von Xern.
Morwenna trat zu ihrem Bruder. Sie rückte den schmalen Gürtel an ihrer Hüfte zurecht, an den sie kleine Beutel, deren Inhalt wohl Kräuter und Wundbesteck waren, geknotet hatte. Einen langen Dolch hatte sie sich ebenfalls umgegürtet. Sie hatte das alles erstaunlich schnell angelegt...
Tiranu würde es allerdings nicht soweit kommen lassen, dass sie in die Nähe ihrer Feinde geriet. Das schwor er sich, als der mit seiner kleinen Gemeinschaft auf den Albenpfad begab.
Lirn führte sie ohne zu zögern auf einen goldenen Pfad, der nach Westen führte. Tiranu wusste, dass sie am sechspfadigen Albenstern im Alten Wald austreten würden, um von dort aus in den Südwesten Ishemons zu gelangen.
Lirn war anzusehen, dass er sich in dem goldenen Netz der Alben gut zurechtfand. Er zögerte auch nicht den zweiten Albenstern, der inmitten verschneiter Wälder lag, zu öffnen.
Tiranu musste sich unweigerlich an die Nacht erinnern, in der er Leylin so heimtückisch entführt hatte. Er wusste, die Träume von dieser und anderen Taten, würden ihn verfolgen bis er den Schatten der Vergangenheit, die nun in Form des Drachen wiederauferstanden waren, los wurde.
Die Albenkinder schritten über den goldenen Pfad und fanden sich auf einem schmalen Felsvorsprung eines Gebirgspass wieder. Sie waren durch einen der vielen schwächeren Albensterne Ishemons getreten.
Irgendwo hier muss sich Silana versteckt haben. Noch einmal werde ich sie nicht entkommen lassen!

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So, für alle, die sich fragen, wie ich auf die Idee der Traumsequenz kam: Wenn man die Elfenritter sehr aufmerksam liest, kommt man auf einige Anhaltspunkte, die darauf hindeuten, dass Alathaia sich wohl bei Melvyn und Leylin für die Verschuldung der Ermordung Shandrals, ihres Schülers (komisch, dass auch er schwarze Augen hatte...) rächte. (obwohl er ja eigentlich von den Rotmützen ermordet wurde *heul*) Dabei wurde Leylin (meiner Interpretation nach!) entführt und Melvyn starb, weil Emerelle ihn aussandte, Alathaia zu töten.
Ich hoffe, diese Annahmen sind für euch schlüssig ;) (Es ist übrigens nirgends geschrieben, dass Tiranu es war, der Leylin entführte. Das ist allein meine Vorstellung und nicht so von Hennen niedergeschrieben, geschweige denn erwähnt oder angedeutet!)

Wie immer freue ich mich über Reviews und kann versprechen, dass es in den nächsten Kapiteln zum Showdown kommen wird. Obwohl das nicht das richtige Down der Show ist, keine Panik :P

Bis dahin
Morwenna
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