Beyonder

GeschichteAbenteuer / P12
25.06.2009
09.06.2015
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Dieses Kapitel
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„Sie interessieren sich vielleicht nicht für den Krieg. Aber der Krieg interessiert sich für Sie!“
(Leo Trotzki)

Prolog:
Als er die Augen öffnete, blendete ihn das Licht, das alles erfüllende Licht.
Wer war er? Wo war er? Was war das für ein Licht, und was waren das für komische Gestalten um ihn herum? Was war hier los? Und wieso konnte er sich nicht bewegen?
Langsam. Er war Alex Tarnau, und er war gefangen. Nach und nach klärte sich der Schleier, kam die Erinnerung zurück. Die dunkle Straße, das Licht, daß so sehr geblendet hatte, und... Und jetzt war er hier.
Entführt von einem UFO,  fuhr es ihm durch den Kopf. Aber Unsinn, es gab doch keine UFOs, zumindest gab es keine, die Nachts auf der Erde ihr Unwesen trieben und nichts ahnende Erdenbürger entführten, um an ihnen obskure Experimente durchzuführen. So hatte er bisher immer gedacht. Doch nun, wenn er den Kopf etwas drehte, dann sah er mehrere Liegen, nein, Dutzende, und auf jeder lag ein Mensch. Zwischen ihnen gingen diese schmächtigen Wesen hin und her, betrachteten Anzeigen am Fuß der Liegen, deuteten mit merkwürdigen Geräten auf die Menschen und unterhielten sich dabei in einer unverständlichen Sprache.
Einer von ihnen ging von Liege zu Liege und sagte dabei: „.Aveemaren. Avemasuu. Aveemaren. Avemasuu.“
Was war das? Was waren das nur für Gesichter? Keine Ohren, keine Nase, riesige Augen mit blauer Iris, dieser blasse Teint.
Der eine, der von Liege zu Liege ging, kam nun zu Alex. Er öffnete den schmallippigen Mund und sagte: „Aveemaren!“


1. Tag eins: Erwachen

„Ich bin Alex Tarnau!“, brüllte Alex und sprang auf. Wo war er hier? Eben gerade noch bei diesen Fremden, und nun auf einer grünen Wiese? Wo war da der Sinn?
„Ist ja gut, daß du deinen Namen noch weißt“, hörte er eine spöttische Stimme hinter sich. „Aber du brauchst es nicht gleich in die Welt zu posaunen, Mann.“
Alex fuhr herum. Gerade erst drei Sekunden wieder bei Bewusstsein, und schon war er nahe daran, den Verstand zu verlieren.
Rund um ihn herum lagen oder saßen... ja, was waren diese Gestalten eigentlich? Es schienen Menschen zu sein, aber sie trugen alle Raumanzüge. Nein, das war nicht das richtige Wort. Diese Dinger waren wesentlich eleganter, geschmeidiger als die raumtauglichen Anzüge, die von der NASA oder der Russischen Weltraumbehörde verwendet wurden. Sie sahen aus wie Rüstungen. Und in diesen Rüstungen steckten... Menschen?
Einer der Rüstungsträger grinste ihn an. Er hatte das Vorderteil seines Helmes hochgefahren. „Willkommen im Nichts, Kamerad. Ich bin schon einige Minuten vor dir aufgewacht und hatte Gelegenheit, mich mit der Rüstung vertraut zu machen. Du bist die Nummer zwei, die aufgewacht ist. Vorsicht, erschrick nicht, aber du trägst auch so eine Rüstung wie ich. Habe es selbst erst nicht gemerkt!“
„Scheiße. Tatsächlich. Wie hast du den Helm aufgekriegt?“
Alex´ Gegenüber grinste nun noch breiter. Sein dunkles Gesicht schien dabei fast zu strahlen, was die schneeweißen Zähne noch unterstrichen. „Du musst dich konzentrieren, Alex Tarnau. Direkt in deinem Blickfeld schwebt ein Gegenstand. Er sieht aus, als würde er zwanzig, dreißig Meter entfernt sein, aber das stimmt nicht. Denn der Gegenstand ist immer da, egal, in welche Richtung du guckst. Konzentriere dich da drauf.“
„Oh. Ein Headup-Display.“
„Richtig. Du siehst jetzt jede Menge Symbole vor deinen Augen, unter anderem eine rotierende Rüstung. Sieh sie an. Okay? Jetzt müsste die Rüstung dein gesamtes Blickfeld ausfüllen. Sieh auf den Helm.“
„Das sieht nach Kommunikationsrelais aus.“
„Ignoriere das. Auch das Nachtsichtgerät und den Infrarotspürer. Sieh einfach auf das Visier.“
„Frische Luft“, keuchte Alex erleichtert, als das Visier der Rüstung hochfuhr.
Der Schwarze pfiff anerkennend. „Du scheinst gut mit dieser Technik klar zu kommen, Alex Tarnau. Respekt.“
„Lass den Scheiß, Mann. Sag einfach Alex, okay? Und wenn du schon mal dabei bist, wo sind wir hier?“, erwiderte Tarnau.
„Das weiß nur der liebe Gott, Mann. Hey, ich bin Jamahl Anderson. Sag Andy zu mir, ja?“
„Gut. Andy.“ Alex nickte dem Mann zu.
„Keine Ahnung, wo wir sind. Aber irgendetwas sagt mir, daß es mit diesem Raumschiff zu tun haben muß, in dem ich war. In dem wir waren?“
Tarnau nickte zustimmend.
„Aha. Jedenfalls ist das hier nicht die gute alte Erde“, sagte Andy leise.
„Sagt dir das deine Intuition?“
„Nein, Mann, das sagt mir der zweite Mond da oben!“
Unwillkürlich folgte Alex´ Blick Andys Handbewegung. Direkt über ihnen, hoch am Himmel hing eine weiße, narbige Scheibe, die dem Mond nicht unähnlich sah. Doch daneben hing eine weitere, weit kleinere Scheibe. Außerdem war sie grün.
„Bei Nacht muß das eine romantische Gegend sein“, meinte Alex ironisch.
„Kurt Warninger hier. Ich habe euch ein wenig zugehört, Jungs, vor allem was dieses UFO angeht, in dem ich auch war. Ich gebe euch Recht. Dies ist nicht die Erde.“
In Alex´ Nacken kribbelte es. Er hatte ein verdammt mieses Gefühl, wenn er ehrlich war. „Woher kommst du, Kurt?“ fragte er, um sich vom Kribbeln abzulenken.
„Ich bin Australier. Ich komme aus Sidney. Habe dort für eine Bank gearbeitet, bevor... Bevor ich hier aufgewacht bin. Und du?“
„Ich bin Deutscher. Ich komme aus Hamburg, wenn euch das was sagt. Ich arbeite als… Nun kaufmännischer Angestellter trifft es wohl. Nebenbei bin ich übrigens Leutnant der Reserve in der Bundeswehr. Wie sieht es bei dir aus, Andy?“
„Mann, ich komme aus D.C. und war gerade dabei, meine Prüfung zum Detective abzulegen, als ich plötzlich mitten im Tausend Morgen-Wald aufwachte. Ich bin ein Cop, heißt das.“
Kurt ließ sich in seiner Rüstung neben den beiden nieder. „Tja, da sitzen wir ja ganz schön in der Tinte. Was sollen wir eigentlich hier?“
„Gute Frage“, meinte Andy. „Leider habe ich keine Antwort.“
„Fassen wir mal zusammen. Wir kommen aus verschiedenen Staaten der Erde. Wir erinnern uns alle an das Innere eines... Eines UFOs? Im nächsten Augenblick erwachen wir hier in diesen Rüstungen. Auf einem fremden Planet mit atembarer Luft und zwei Monden – außer, die NASA hat in letzter Zeit einen zweiten Mond ins All geschossen.“
„Nicht sehr wahrscheinlich“, seufzte Kurt. „Warum tragen wir eigentlich diese Dinger, wenn die Luft des Planeten atembar ist? Ich meine, wir atmen die Luft doch und es geht uns noch gut, oder?“
„Mal den Teufel nicht an die Wand, Kurt“, erwiderte Alex schaudernd.
„Übrigens, dein englisch ist ganz hervorragend, Alex. Man merkt fast gar nicht, daß du von Übersee kommst“, bemerkte Andy.
Entgeistert riss Alex Tarnau die Augen auf. „Ich spreche kein englisch!“
„Verdammt, du sprichst aber auch kein deutsch, Mann. Den Kraut-Kauderwelsch hätte ich erkannt.“
„Die Sache wird mir langsam unheimlich“, gestand Tarnau.
„Jetzt erst?“, spottete Andy. „Scheint so, als würden wir alle dieselbe Sprache sprechen, und es ist keine, die wir kennen dürften. Na, zumindest von der Erde nicht. Trotzdem beherrschen wir sie wie unsere Muttersprachen. Wir haben sogar nicht gemerkt, daß wir sie benutzen. Wer immer uns in diese Dinger gesteckt hat...“
„...hat uns auch eine neue Sprache beigebracht, damit wir miteinander reden können, obwohl wir aus verschiedenen Ländern und verschiedenen Kulturen kommen“, vollendete Kurt Warninger den Satz. Er deutete auf die anderen weißen Rüstungen. „Wer weiß, von woher sie alle kommen.“
„Wer weiß, was wir hier sollen“, sagte Andy. „Und wer weiß, wie wir wieder nach Hause kommen.“
Alex erhob sich. Es ging ganz leicht. Die Rüstung behinderte ihn überhaupt nicht. „Vielleicht finden wir ein paar Antworten im Headup-Display. Dann können wir den anderen wenn sie aufwachen wenigstens ein paar Fragen beantworten. Obwohl sich mehr und mehr Fragen aufwerfen, je länger ich drüber nachdenke.“
„Okay, Mann, checken wir das Mistding ab.“
Kurt Warninger nickte nur. Fast zugleich ließen sie ihre Visiere wieder zufahren.

Alex konzentrierte sich wieder auf das Headup-Display. Er lernte schnell, daß man einzelne Komponenten wie den Helm direkt ansteuern konnte. Er konzentrierte sich auf den Helm und entdeckte durch die Blickschaltung ein Untermenu, daß vor seinen Augen eine dreidimensionale Karte entfaltete. Er sah die nähere Umgebung im Radius von zehn, elf Metern, innerhalb dieses Bereiches entdeckte er siebzehn kleine Rüstungen, und unter jedem blinkte ein Name: Garret, Anderson, Feretti, Kelal, Furohata, Warninger... Es gab eine Möglichkeit, sie alle zu kontaktieren, oder sie einzeln aufzurufen. Dazu blinkten krakelige Schriftzeichen auf, die den Status der Person aufwiesen. Bis auf ihn, Kurt und Andy waren die anderen Rüstungen als inaktiv gekennzeichnet.
Alex meinte, diese Schrift noch nie zuvor gesehen zu haben, dennoch konnte er sie lesen. Es war ein Fragenkatalog, der ihm die Möglichkeiten anbot, Statusberichte, Nachrichten oder das Anzugsarchiv anzuzapfen. Ein weiterer Hinweis fragte, ob Kommunikation erwünscht sei. „Andy? Hier Alex.“
„Alex? Das Ding hat Funk?“
„Wundert dich das?“, bemerkte der Deutsche ironisch. „Was hast du entdeckt?“
„Ich habe mich auf Arme und Beine konzentriert. Du wirst es nicht glauben, aber da gibt es ein paar Details, die werden mit Piktogrammen erklärt. Schwierigere Vorgänge laufen in einer Art dreidimensionalem Kurzfilm ab. Sauleicht zu lernen, Mann. Außerdem ist alles beschriftet, aber nicht in englisch oder so. Trotzdem kann ich es problemlos lesen. Und jetzt halte dich fest, Mann: Dieses Ding ist gespickt mit Waffen! Im rechten Arm steckt eine versenkte Lafette, die Miniraketen verschießt! Und in den Beintaschen ist noch mehr von diesem Scheiß drin. Minen, Alex, und Granaten. Dazu gibt es genaue Anleitungen mit diesen Filmchen, wie man sie einsetzen muß. In was für eine Scheiße sind wir da bloß rein geraten?“
„Keine Ahnung, aber wer immer uns in diese Dinger gesteckt hat, der wird bestimmt wollen, das wir die Waffen auch benutzen.“ Alex erweiterte den Funkkreis auch auf Warninger und sagte: „Kurt, hörst du mich?“
„Das Ding hat Funk?“
„Ich hoffe, du erwartest darauf keine Antwort“, tadelte Alex mit einem dünnen grinsen. „Andy hat in den Armen und Beinen Waffen gefunden. Ich im Helmsektor eine Art Landkarte und die Kommunikation. Wie steht es mit dir?“
„Ich habe mir den Torso vorgenommen. Dieses Ding hat so eine Art Konverterkiemen auf dem Rücken, die es in die Lage versetzen, sogar unter Wasser zu atmen. Wenn man so ein Detail aktiviert, spielt der Anzug zur Erklärung immer so ein Kurzfilmchen ab.“
„Haben wir auch schon bemerkt. Noch was?“
„Nun, wir verfügen mit den Rüstungen offenbar über eine Art Ein Mann-Panzer. Ein Exoskelett verstärkt unsere Kraft, was uns in die Lage versetzt, sehr schnell zu laufen und sehr weit und hoch zu springen. Außerdem habe ich so eine Art Energieanzeige gefunden. Sie steht  noch auf voll. Es kann also noch nicht lange her sein, daß man uns ausgesetzt hat. Außerdem habe ich mich auf rudimentäre Eigenschaften der Rüstung konzentriert. Laut der Filmchen verfügt die Rüstung über eine begrenzte Recyclingfähigkeit, die sie für mehrere Tage autark machen kann. Fragt mich jetzt nicht im Detail, wie es funktioniert, es würde euch sicher nicht gefallen. Aber es hängt mit dem Röhrchen zusammen, das zusammengeklappt auf der Innenseite des Helms hängt. Laut der Filme kann man damit Wasser mit Nährstoffen trinken, wenn man es aktiviert. Auch so eine Sache, um die Rüstungen autark zu machen. Wir könnten mit den Dingern sicherlich sogar im Vakuum des Alls operieren. Oder in einer Wolke aus Giftgas.“
„Das gefällt mir alles nicht! Sucht weiter, Jungs.“
„Wie du befiehlst, mein Führer“, erwiderte Andy flapsig.
Alex verzichtete auf einen Kommentar. Er hatte schon viel von der Ironie gehört, mit der die Amerikaner den Krauts begegneten und tat Andys Bemerkung darunter ab.
Also widmete er sich wieder der Karte mit den Kommunikationsmarkierungen. Hier gab es eine Option, die Karte stufenlos zu vergrößern. Eigentlich hatte Alex nur vorgehabt, sich so die nähere Umgebung mal genauer anzusehen, als beim zoomen plötzlich eine weitere Rüstung markiert wurde. Allerdings unterschied sich diese Rüstung durch eine gelbe Eins, die neben ihr eingeblendet war. „Hey, Jungs, da draußen scheint noch jemand in einer Rüstung unterwegs zu sein. Ich versuche mit ihm zu reden.“ Alex etablierte den Kontakt auf die gleiche Art wie vorhin mit Kurt und Andy.
Beinahe sofort gellte diese ängstliche Frauenstimme in seinen Ohren: „Panzer! Nein! Sie folgen mir! Ich muß... Weiter! Weg hier!“
Wieder meldete sich das Kribbeln in Alex´ Nacken.
„Oh Scheiße! Das hört sich gar nicht gut an“, knurrte Andy. „Na, jetzt wissen wir wenigstens, warum wir diese Waffen haben.“
Alex Tarnau versuchte, sich den kalten Angstschweiß von der Stirn zu wischen, ein leises Klopfen erinnerte ihn daran, daß er immer noch den Helm trug. „Kurt, Andy, weckt die anderen. Keine langen Erklärungen jetzt, sagt ihnen die Richtung in die sie laufen sollen und sgt ihnen, Erklärungen gibt es später. Beeilt euch. Am besten schickt Ihr sie auf die Anhöhe da oben rauf. Von dort haben wir einen guten Überblick über das Gelände.“
„Okay. Was machst du?“, fragte Kurt.
„Ich fange dieses verirrte Schäfchen ein. Vielleicht kann sie uns ein paar Fragen beantworten. Außerdem finde ich es plötzlich sehr gefährlich, sich hier allein herumzutreiben.“

Alex ließ die beiden allein. Sie befanden sich auf einer grünen Wiese, die von zwei Seiten, welche sein Headup-Display in der neuen Schrift als Norden und Westen bezeichnete, von einem Wald eingeschlossen war. In den anderen beiden Himmelsrichtungen folgte Hügelland und sporadische Waldzonen. Soweit Alex erkennen konnte, war dieser Waldgürtel beachtlich groß. Jedenfalls erreichte die Karte den Waldrand nicht, als er weiter heraus zoomte.
Im Westen lauerte Gefahr. Das hatte ihm sein Headup nicht verraten. Er wußte es einfach.
Und er wußte auch, daß nicht mehr viel Zeit blieb. Darum begann er, während er mit einem atemberaubenden Tempo durch den Wald hetzte, die Rüstung genauer zu inspizieren. Und je mehr er das tat, desto mehr Respekt bekam er vor den Fähigkeiten dieses kleinen Wunderdings. Mehr durch Zufall entdeckte er sogar eine Lasergesteuerte Verbindung zu einem Satelliten im Orbit. Es gab sogar mehrere Satelliten, aber sie waren nicht aktiviert, lieferten keine Bilder, keine Kommunikation.
Warum immer sie auch hier waren, wer ihnen diese Suppe auch eingebrockt hatte, Alex spürte sehr deutlich, dass die Panzer, vor der die gelbe Eins solche Angst hatte, nur der Anfang ihres Problems waren.
„Andy, Kurt, wie weit seid Ihr?“
„Wir haben die Stellung auf dem Hügel bezogen. Die Leute sind etwa verwirrt, einen mußten wir sogar tragen, weil er noch benommen war. Aber abgesehen davon, daß Kurt und ich mit Fragen bedrängt werden, die wir nicht beantworten können, geht es uns gut hier hinten. Wie wäre es, wenn du wieder zu uns rüber kommst, Rotkäppchen. Allein im finsteren Wald lockst du nur den großen bösen Wolf an.“
„Keine Bange, Großmutter. Ich pass auf mich auf. Ich habe übrigens ein paar nette Dinge entdeckt. Es gibt Satelliten im Orbit. Sie sind aber nicht aktiviert. Außerdem verfügt diese Rüstung über ein Spielzeug, das unsichtbar macht. Du musst dich nur über die Blicksteuerung in den Torsobereich einklinken und das Symbol für Tarnung anklicken, eine Rüstung, die mit durchbrochener Linie dargestellt wird. Es gibt auch ein Kurzfilmchen dafür. Dann dürftest du vor aller Augen verschwinden.“
„Ich merke keinen Unterschied.“
„Dummkopf“, knurrte Alex. „Du merkst auch als letzter, daß du nicht mehr da bist.“
„Mein Arm ist unsichtbar. Hab es doch gemerkt.“
„Geh mir nicht auf die Nerven. Sage den anderen sofort, wie es geht und tarnt euch dann. Wenn ich zurückkomme, will ich über euch stolpern müssen.“
„Jawohl, mein Führer“, spöttelte Andy.

Alex deaktivierte die Verbindung mit einer gewissen Verärgerung. Langsam ging ihm Andy mit diesem mein Führer-Quatsch auf die Nerven.
Gerade wollte er auf seiner Karte wieder nach dem gelben Kontakt suchen, da huschte ein weißer Schemen auf ihn zu, prallte gegen ihn und stürzte vor ihm zu Boden. Hart schlug Alex gegen einen der unzähligen armdünnen Bäume und warf ihn um. Sofort sprang er wieder auf. Na ja, mit zwei Sekunden Verzögerung, die er brauchte, um die Sterne vor seinen Augen zu vertreiben.
Direkt vor seinen Füßen lag ein Mensch. Oder jemand, der die gleiche Rüstung trug wie er. Gerade rappelte sich der Fremde wieder auf und wollte weiterlaufen. Sofort griff Alex zu und
hielt ihn zurück. Ihm blieb keine Zeit, um festzustellen, ob dies die verzweifelte Frau war, die er hatte kontakten wollen oder ein weiterer nicht weniger verzweifelter Rüstungsträger.
Alex deaktivierte die Tarnung und ließ das Visier zurückfahren. „Hey, warte mal. Du kommst von Westen und gehörst nicht zu meiner Gruppe. Bist du allein? Wirst du verfolgt?“
Der Fremde verstand ihn nicht - oder wollte es nicht. Verzweifelt sträubte er sich gegen Alex´ festen Griff, der von der Rüstung noch verstärkt wurde.
„Sie kommen!“ hörte er eine ängstliche Stimme rufen. „Sie haben alle getötet! Und jetzt wollen sie auch mich töten! Lass mich! Ich muß fliehen! Ich muß...“
Alex hatte das Gefühl, in Eiswasser gebadet zu werden. Seine Nackenhaare richteten sich auf und eine spöttische Stimme in seinem Kopf bemerkte lässig: Wusste ich es doch!
Was er die ganze Zeit schon geahnt, schon gewusst hatte, war Wirklichkeit. Es gab jemanden auf dieser Welt, der seinesgleichen tötete. Zurück zu den anderen, war sein erster Gedanke. Aber nicht ohne diesen Unglücklichen, den seine kopflose Flucht womöglich in Lebensgefahr brachte. „Wohin, du Narr?“, blaffte Alex den Fremden an.
Das schien zu wirken. Die Gestalt in der Rüstung hörte auf, sich gegen Alex´ Griff zu sträuben.
„Denk mal nach. Hinter uns befindet sich meine Gruppe. Sie hat sich auf einem Hügel verschanzt und kann gut zweihundert Meter vom Gelände einsehen. Du solltest mit mir kommen, wenn du nicht sinnlos davonlaufen willst.“
Die Befreiungsversuche hörten auf. „Deine...Gruppe?“
„Meine Gruppe“, bestätigte Alex.
„A-auf dem Hügel?“
„Auf dem Hügel. Und du kommst mit mir.“ Alex half dem Fremden auf. „Übrigens, wie heißt du eigentlich?“
„Martha. Martha Wong, Ren.“
Ren. Das Wort hörte Alex zum ersten Mal. Aber es klang vollkommen vertraut. Wenn er es genau bedachte, entsprach es dem englischen Sir und betitelte einen Ranghöheren.
„Den Ren kannst du ruhig weglassen. Folge mir.“ Alex warf einen schnellen Blick auf seine Karte, um sich zu orientieren. Dabei bemerkte er, daß neben dem gelben Kontakt ein Name erschienen war: Wong!

So schnell es die Rüstungen ermöglichten durcheilten sie den Wald. Als Alex mit Martha zurück zu den Hügeln eilte, konnte er sehen, wie die Frau - wie alt mochte sie sein, nach der Stimme vielleicht Mitte zwanzig - gewaltige Sätze von bis zu zehn Metern machte, um voranzukommen.
„Und wie heißen Sie, Ren? Äh, ich meine...“
„Schon gut. Alex Tarnau. Sag Alex zu mir.“
„Okay. Alex. Was machen wir, wenn die Panzer kommen? Was, wenn von meiner Gruppe noch jemand lebt? Es ging alles so verdammt schnell.“
„Wir kümmern uns darum“, versprach Alex, während sie die Lichtung erreichten.
„Andy?“
„Was gibt es, mein Führer?“
„Jede Menge Ärger, wenn du den Quatsch mit mein Führer nicht lässt. Schon vergessen, dass Ihr Amis den Krauts genau deswegen in den Arsch getreten habt? Schlechte Omen mag ich nicht“, knurrte Alex gereizt.
„Hey, bleib cool, Mann. War ja nur Spaß. Wie wäre es stattdessen mit großer Meister?“
„Du wirst wohl nie erwachsen“, erwiderte Alex und bemerkte gegen seinen Willen, dass sein Ärger verschwand. „Ich komme jetzt hoch und bringe die gelbe Eins mit. Achtung, es kann sein, dass wir gleich Besuch bekommen. Wir sollten uns so schnell es geht weiter mit den Rüstungen vertraut machen und hoffen, daß der Gegner uns nicht überlegen ist.“
„Mit den... Spinnst du? Wir wissen nicht einmal, wo wir sind. Und jetzt sollen wir für dich in den Krieg ziehen?“
Ein kurzer Blick auf sein Headup-Display verriet Alex den Namen des letzten Sprechers: Feretti. „Hör mal, Feretti, die Frau, die mich begleitet gehört zu einer anderen Gruppe. Leute wie wir. Die Gruppe wurde von angreifenden Panzern ausradiert. Wenn sie so aufgewacht sind wie wir, dann hatten sie nicht sehr viel Zeit, einen Gegner zu provozieren. Das heißt, wir kriegen auch den Arsch versohlt, wenn wir auf gute Nachbarn machen. Also Feretti, ich weiß nicht wie es mit dir ist, aber ich möchte gerne den Tag überleben.“
Auf dem Hügel angekommen warf sich Alex sofort in Deckung. Neben ihm landete Martha Wong. Sie zitterte so sehr vor Angst, daß die Rüstung mitvibrierte.
„Du meinst also, erst schießen und dann fragen?“

Alex kam nicht mehr dazu, auf diese Frage zu antworten. Unter ihnen, an der Lichtung preschte eine weitere Gestalt in einer Rüstung hervor. Ihr auf dem Fuß folgte eine an den Seiten eingedrückte Halbkugel mit bedrohlich wirkenden Aufbauten.
Eine dieser Aufbauten spie plötzlich Feuer. Der Rüstungsträger warf sich herum und entging mit einem Sprung über zehn Meter der Feuerlohe.
„Einer von uns?“, fragte jemand. Es klang mehr nach einer Feststellung.
Ein weiterer Panzer brach aus dem Wald hervor und half, den Rüstungsträger in die Enge zu treiben.
„Er läuft in unsere Richtung! Das darf er nicht! Er wird die Panzer zu uns führen! Schick ihn weg, Tarnau! Schick ihn weg!“, brüllte eine Frauenstimme, die Alex ohne einen Blick auf die Anzeige nicht zuordnen konnte.
„Wenn er sterben soll“, knurrte Alex, „ dann sag du es ihm gefälligst. Sag ihm, daß er sich woanders erschießen lassen soll. Na? Habe ich mir gedacht. Andy, Thermalgranaten. Wir werfen zwei Stück.“
„Und dann?“
„Die Mini-Raketen. Mit etwas Glück sind sie stark genug, um diese Konserven zu knacken. Das kleine Filmchen behauptet es zumindest.“
„Töten, töten, das ist alles, was die Menschen können.“
„Fängst du schon wieder an, Feretti? Halt endlich deine große Klappe und beobachte die Umgebung, damit uns nicht plötzlich Panzer im Nacken sitzen!“
Unverständliches Gemurmel antwortete Alex. Der nickte zufrieden. Ohne es recht zu bemerken hatte seine Ausbildung zum Offizier gegriffen und ihm das Kommando verschafft, nachdem der letzte Widerspruch verstummt war.

Auf sein Zeichen warfen er und Andy die Granaten. Beide landeten direkt neben dem vordersten Panzer. Als sie detonierten, warfen sie den Panzer einfach um. Daraufhin kam es zu einer internen Explosion, die das Schicksal des Panzers besiegelte.
Alex deaktivierte seine Tarnung und richtete sich halb auf, damit der Fremde ihn sehen konnte. „Hierher, du Idiot!“, blaffte er.
Auch ohne, daß er sich in den Funkkreis des anderen einklinkte, verstand der und hielt direkt auf Tarnau zu.
Derweil hatte der andere Panzer reagiert. Mehrere der bedrohlichen Aufbauten richteten sich auf den Hügel. Eine Raketensalve löste sich aus der linken Aufbaute und hielt direkt auf Alex zu. In seinem Helm begann das Headup hektisch zu blinken. Ein neues Symbol wurde besonders hervorgehoben. Ohne zu zögern aktivierte Alex es mit der Blickschaltung.
Plötzlich öffnete sich auf seinem Rücken eine Klappe, ein sonnenhelles Etwas schoß daraus hervor und flog auf die Raketen zu. Zwanzig Meter vor Alex detonierten sie. Der Lichtblitz war so grell, daß das Visier den automatischen Filter vorschaltete.
„Verdammt, großer Meister, wir haben Abwehrmaßnahmen.“
Alex ignorierte Andys neuen Namen für sich und besah sich die Situation. Der zweite Panzer musste auch ausgeschaltet werden. „Andy, ich gehe das Ding von hinten an. Du von vorne. Und, Feretti?“
„Ja?“
„Wenn du nicht zuviel Angst hast oder es gegen deine Religion ist, dann schlag einen Haken durch den Wald und beschieße das Ding mit dem Raketenkarabiner, der in deinem rechten Arm montiert ist, okay?“
„Bin schon weg.“
Erleichtert atmete Alex auf. Hatte der Mann wohl doch begriffen, dass sie aus dieser Situation nicht so ohne weiteres heraus kamen. Vor allem nicht, wenn der Gegner so eindeutig gewaltbereit war. Und zudem durchaus ihre Rüstungen vernichten konnte.
Der Fremde erreichte ihre Höhe, sprang mit einem gewaltigen Satz über sie hinweg und landete in der flachen Mulde, in der sich die anderen verborgen hielten. Kurt Warninger riß den Fremden brutal zu Boden und brüllte auf ihn ein. Kurz darauf aktivierte sich die Tarnung der weißen Rüstung.

Alex sprang. Für eine Sekunde wurde ihm übel. Es wurde ein Satz über zwanzig Meter, dank des Gefälles des Hügels.
Der Panzer ignorierte ihn. Er hatte wahrscheinlich kapiert, daß da oben mehr als ein einzelner Mann lag. Im Zweifelsfall waren die gefährlicher als er. Vielleicht glaubte die Crew - oder war das Ding Vollrobotisiert - er wolle fliehen? Auch recht. Mit mehreren der riesigen Sätze gelangte Alex schnell in den Rücken des unbekannten Vehikels.
Wieder schoß der Panzer Raketen ab. Diesmal stiegen gleich vier Abwehrmaßnahmen vom Hügel auf.
„Nicht alle auf einmal reagieren! Jetzt weiß der... Na, der Typ im Panzer, daß da oben mindestens vier Leute in Deckung liegen! Feretti, bist du da?“
„Ich bin da und warte auf deinen Befehl, wieder ein Neandertaler mit Steinkeil in der geballten Faust zu werden!“
„Okay, dann wirf deinen Steinkeil auf drei. Du auch, Andy! Eins... Zwei... Drei!“
Andy warf eine weitere Granate. Sie explodierte direkt auf einer der Aufbauten und brachte die eingelagerte Munition zur Explosion. Gleichzeitig eröffneten Alex und Feretti das Feuer. Mehrere Raketensalven perforierten die Hülle. Im Innern war anscheinend auch Munition gelagert, es kam zu einer Sekundärexplosion, die den Panzer wie sein zerstörtes Pendant wie Papier zerfetzte.
„Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“, meinte Andy lakonisch.
„Das stimmt. Aber irgendwie bin ich nicht stolz drauf. Feretti, zurück zur Gruppe. Ich komme ebenfalls hoch. Furohata, Kelal. Andy und Warninger geben euch Deckung. Ihr seht euch mal den Panzer an, der auf dem Rücken liegt, okay? Seid aber vorsichtig und spaziert nicht vor der Mündung einer Waffe herum.“
Furohata bestätigte knapp, Kelal blieb stumm.
Als Alex aber den Hügel wieder hinaufging, kamen ihm zwei Gestalten in Rüstungen entgegen. „Und schaltet eure Tarnungen ein.“
Die Servomotoren ihrer Rüstungen summten leise, als sie die Köpfe drehten, um Alex anzusehen. Die Visiere fuhren auf, auch Alex ließ seines hochfahren. Furohata war dem Namen nach Japaner. Ein junger Mann mit kaum geschlitzten Augen. Seine Haut war reichlich blass. Er hätte sich einen Japaner dunkler vorgestellt. Kelal war eine junge Frau. Irgendwie konnte Alex sie nicht einordnen. Mediterran? Arabisch? Sie hatte einen braunen Teint, aber die Nase war klein und hoch gedrückt. In ihren blauen Augen schimmerte die Angst.
Eigentlich war die Ethnik in diesem Fall scheißegal, erkannte der junge Europäer. Es kam nur darauf an, daß sie überlebten, wo immer sie waren, was immer hier geschah.
Sie sahen sich in die Augen. Alex sah mal Kelal, mal Furohata an. Schließlich nickte der Japaner. „Ja, Ren.“
Kelal nickte wieder, doch diesmal lächelte sie fast. Die Angst war tief in den Augen verschwunden. Sie ließen ihre Visiere wieder zufahren. Kurz darauf aktivierten sich die Tarnungen der beiden. Nur anhand seines Headup-Displays konnte Alex sehen wohin sie sich bewegten. Und an einem kleinen, kaum merklichen Flimmern in der Luft. Er zwinkerte und verlor das Flimmern aus den Augen.

Oben auf dem Hügel empfing ihn Andy. Er observierte die Umgebung. Wahrscheinlich hatte er die Vergrößerungsschaltung entdeckt, die sein Blickfeld bis um den Faktor eintausend heranzoomen konnte. Eventuell benutzte er sogar die Passiv-Ortung.
„Ren? Ich dachte, das Wort bedeutet dir nichts, großer Anführer.“
„Mir nicht“, erwiderte Alex matt. Plötzlich war er so müde, so unglaublich müde. „Aber ihm bedeutet es was.“ Adrenalin, das war es. Seit diese Panzer aufgetaucht waren war Alex auf Adrenalin gewesen, einer körpereigenen Stimulans. Jetzt war es verbraucht, und der Körper verlangte von ihm, daß er sich jetzt etwas ausruhte. „Feretti?“
„Ich bin hier. Etwas zerschlagen, aber ich kann noch.“
„Ist schon gut. Leg dich eine Sekunde hin. Kurt?“
„Ren?“
„Witzbold. Was sagt unser Gast?“
„Sein Name ist Juri Malenkov. Er gehörte nicht zu der gleichen Gruppe wie Martha. Er meint, es könnte noch mehr Überlebende in seiner Gruppe gegeben haben. Bevor sie geflohen sind wie die Hasen haben einige noch einen oder zwei Panzer zerstört.“
„Ich schalte mich in seinen Funk ein. Danke, Kurt.
Malenkov, hören Sie mich? Mein Name ist Alex Tarnau.“
„Alex Tarnau? Sie sind mein Retter? Danke, vielen Dank.“
„Bedanken Sie sich nicht zu früh. Die Panzer kommen sicher noch mal wieder.
Hören Sie mal, wie groß war Ihre Gruppe? Und wie viele können überlebt haben?“
Unsicherheit schwang in der Stimme Malenkovs mit, als er antwortete. „Wir waren zwanzig, vielleicht mehr. Die meisten von uns waren schon wach, bevor die Panzer kamen. Wir wurden ziemlich kalt erwischt. Die Mistdinger haben zwei von uns sofort beschossen, ihre Rüstungen sind geplatzt wie rohe Eier. Da haben wir die Nerven verloren und jeder ist für sich abgehauen. Ich glaube, die Hälfte könnte noch leben, wenn nicht mehr.“
„Danke, Malenkov. Sie gehören jetzt zu dieser Gruppe. Warninger wird Ihnen erklären, wie Sie sich in unseren Funkkreis einschalten können.“
„Danke, Ren.“
Alex winkte ab. Es war immer noch zu früh, um sich zu bedanken.

Alex sah sich um, im kleinen Reich seiner Gruppe. Mit ihm waren sie jetzt zwanzig. Wie viele gab es wohl von ihnen? Wieviele hatte man hier ausgesetzt, Waffen in die Hand gedrückt und dann allein gelassen? Wieso, ging ihm durch den Kopf, und mit welchem Recht? Doch er drängte diese Fragen zurück. Im Moment gab es wichtigeres. Und Tote konnten keine Fragen mehr stellen. „Andy?“
„Ja, Mann?“
„Ich brauche mal etwas Ruhe, okay? Vielleicht kriegen wir Kontakt zu den anderen, die hier noch herumflitzen. Ach, siehst du was?“
„Nein. Im Umkreis von einer Meile gibt es nichts, was uns gefährlich werden kann. Wird sich sicher bald ändern. Wir haben die Panzer zwar schnell ausgeschaltet, aber sicher konnten die noch jemanden alarmieren. Ach ja, Furohata und Kelal kommen zurück. Der zweite Panzer ist vollkommen ausgebrannt. Nichts mehr zu machen. Und in den Bruchstücken des anderen gab es auch nichts zu finden.“
„Ist gut. Halte die Augen offen, ja?“
„Jawohl, großer Meister.“
Der junge Mann seufzte leise. War dieser großer Meister-Tick nun eine Angstreaktion, versteckte Ehrerbietung oder schlicht und einfach ein dummer Witz? Vielleicht von allem ein wenig.
Er setzte sich hin. Die Rüstung war sehr bequem, man merkte fast nicht, daß man sie trug. Für ein paar Sekunden schloß er die Augen. Endlich etwas Ruhe.
Nein, er durfte sich jetzt nicht gehen lassen! Ohne es zu wollen, hatte er für die anderen die Verantwortung übernommen. Für Andy, für Kurt, für Martha, für Feretti... Vielleicht gab es einen Besseren für diese Aufgabe, aber im Moment mußte er, der Reserveoffizier, eben reichen.
Headup-Display. Den Funkkreis aktivieren. Die Karte der Umgebung vergrößern. Noch mal vergrößern. Erneut vergrößern. DA! Ein weiterer Funkkreis, bestehend aus elf Rüstungen in zwei Kilometern Entfernung im Westen. Alex klinkte sich ein. Plötzlich verschwand eine der Rüstungen und ein Schrei, den er nie wieder würde vergessen können, kreischte in seinem Helm auf.
Jemand rief panisch etwas. Alex verstand nur Wortfetzen.
„Ruhe im Äther!“, brüllte Alex dazwischen. Und es wurde ruhig.
Dann erklang eine zaghafte Stimme. „Wer war das?“
„Tarnau. Wer ist euer Gruppenführer?“
„Unser was?“
„Schon gut. Wenn ich eure Positionen mit dem Gelände vergleiche, dann seid Ihr etwa zwei Kilometer von unserer Gruppe entfernt. Wir befinden uns östlich von euch. Ich weiß nicht, was Ihr da hinten treibt, aber lasst alles stehen und liegen und kommt hierher, verstanden?“
„Aber die Panzer...“
„Verstanden?“
Ein Ruck ging durch die Stimme des fremden Sprechers. „Verstanden.“
„Gut. Mein Komm-System sagt, daß Ihr Name Bernstein ist. Bernstein, Sie führen Ihre Leute hier herüber. Halten Sie sie zusammen und passen Sie auf, daß nicht noch einer draufgeht, ja? Und wenn möglich, tun Sie es sofort.“
„Verstanden.“
Alex wechselte den Funkkreis. „Andy, wir kriegen in ein paar Minuten Besuch. Zehn weitere Rüstungsträger.“
„Das wird eng hier oben“, kommentierte der New Yorker Cop.
Alex fragte sich, ob er wirklich den Platz scheute, oder in der Massierung so vieler von ihnen eine Gefahr sah. Ein kurzer Blick in die Runde ließ ihn zu Möglichkeit eins tendieren. „Ich weiß. Es ist außerdem eine dumme Idee, wenn wir alle hier bleiben, was? Feretti, nimm dir vier Mann und richte dich auf dem westlichen Hügel ein, ja? Kurt, nimm dir auch vier und platziere dich auf dem nördlichen Hügel. Furohata, schnapp dir Kelal und sieh dir mal an, was da hinter uns liegt. Wenn die Gegend sauber ist, gib Bescheid. Kann sein, daß wir uns zurückziehen müssen. Dann hätte ich gerne schon eine gute Route durch die Hügel da.
Alles verstanden?“
Nacheinander bestätigten die anderen. „Gut. Viel Glück!“
„Ren?“
„Ja, Martha?“
„Diese zehn Menschen, sind die von meiner oder von Juris Gruppe?“, fragte die verängstigte Frau zaghaft.
„Weder noch. Es scheint, wir sind weit mehr als wir angenommen haben. Ich checke noch mal nach anderen Kommunikationen. Martha, Sie können mir dabei helfen. Wenn Sie auf der Karte in Ihrem Headup-Display jemanden entdecken der nicht zu uns gehört, oder sich noch nicht auf dem Weg zu uns befindet lotsen Sie ihn rein, okay? Und sagen Sie ihnen, sie sollen einen Gruppenführer bestimmen, wenn es mehrere sind. Es ist immer gut, wenn einer vorweg läuft.
Garret!“
„Ren?“, klang eine verwunderte Frauenstimme auf. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, von ihm angesprochen zu werden.
„Garret, sehen Sie sich mal schnell die anderen Hügel hier im Süden an. Vielleicht müssen wir die ankommenden Gruppen auf sie verteilen. Wir brauchen Hügel mit möglichst großer Kuppe, die natürliche Deckung bieten. Sie haben eine Viertelstunde.“
„Und womit soll ich die Zeit messen, Ren?“, fragte sie sarkastisch, wobei sie das Wort Ren extra betonte.
„Suchen Sie nach einem Zeitmessgerät in Ihrem Headup-Display“, erwiderte Alex ruhig. „Wenn Sie dort nicht fündig werden, dann gehen Sie einfach nach Ihrem Gefühl. In dem Moment, in dem Sie glauben, daß ich Sie am liebsten roh fressen möchte, kommen Sie zurück.“
„Ich habe verstanden. Eine Viertelstunde.“
Alex grunzte zufrieden.

Wieder ins Netz. Die Gruppe Bernstein war am alten Platz auf der Karte nicht mehr zu finden. Alex suchte näher an seiner Position und wurde fündig. „Bernstein?“
„Sind Sie das, Tarnau, Ren?“, klang die Stimme des Frischgekürten Gruppenführers in der Leitung.
„Ja.“
„Gott sei dank. Wir haben die Panzer abgeschüttelt. Und wir haben noch welche wie uns gefunden, vier Leute in Gefechtsrüstungen.“
„Sie haben sie gesehen? Ja, haben Sie noch nicht die Tarnung entdeckt?“, rief Alex bestürzt.
„Welche Tarnung?“, kam es verwirrt zurück.
Schnell erklärte Alex in knappen Worten, wie die Tarnung zu aktivieren war. Sicherheitshalber erklärte er noch, wie man Abwehrmaßnahmen gegen Raketen aktivieren konnte. „Alles verstanden? Gut. Kommen Sie so schnell es geht auf unsere Höhe. Tarnau Ende!“
„Ren? Martha hier. Ich habe ein paar aus meiner Gruppe entdeckt. Ich habe ihnen den Weg zu uns erklärt und Feretti Bescheid gesagt. Sie werden bei ihm unterkommen.“
„Gute Arbeit, Martha.“
„Danke, Ren.“ Die Frau schien sichtlich stolz auf das Lob zu sein.
Wieder klinkte sich Alex in das Komm-Netz ein. Mit jedem Mal schien es größer zu werden. Drei weitere Gruppen kontaktierte er und wies ihnen den Weg zu seiner Gruppe, dazu entdeckte er fünf einzelne Rüstungsträger. Wenn es sein musste erklärte er in Stichworten technische Details wie die Tarnung oder die Abwehrmaßnahmen. Oder beides. Schnell wuchs das Häuflein Versprengter auf den Hügeln auf fünfzig. Dann auf sechzig.
Inzwischen meldete sich Garret zurück. War denn wirklich erst eine Viertelstunde vergangen?
„Elf Minuten. Das ist mein persönlicher Rekord. Wir können die beiden Hügel neben Ferettis Stellung nutzen, Ren. Sie liegen hoch und haben sowohl breite Kuppen als auch ein freies Schussfeld bis an den Wald heran. Bei Warninger sieht es nicht so gut aus. Zuviel Wald. Ich empfehle, daß er sich etwas zurückzieht.“
„Sie übernehmen das, Garret. Kurt soll einen Beobachter dort lassen und eine Stellung weiter hinten beziehen. Sie nehmen sich zehn Mann aus den Neuankömmlingen und igeln sich ebenfalls hinter uns ein. Furohata hat ein paar gute Plätze gefunden. Lassen Sie sich einen hübschen zeigen. Die Hügel neben Feretti sparen wir uns auf, bis wir mehr sind.“
„Verstanden“, erwiderte Garret. Sie klang etwas überrascht.
„Sie wissen, wie man sich in einen anderen Funkkreis einklinkt?“
„Ja, Ren.“
„In dieser Option gibt es auch die Möglichkeit, einen neuen Funkkreis zu erstellen. Ich will, daß Sie ab sofort diese Gruppe anführen. Verstanden, Gruppenführer?“
Garret straffte sich. Krieg spielen schien ihr plötzlich Spaß zu machen. „Verstanden, Ren.“
„Ach, lassen Sie die Finger von Furohata und Kelal. Ich brauche die beiden als Späher.“
„Auch verstanden.“ Beinahe glaubte Tarnau, ihr Grinsen vor sich sehen zu können.
Martha meldete sich kurz zu Wort. Sie berichtete von sieben weiteren Versprengten, die sie herdirigiert hatte.
Alex wurde das Gefühl nicht los, daß es doch weit mehr waren, die hierher verschlagen worden waren, als er dachte. Viel, viel mehr. Also teilte er drei von den Neuen ein, ebenfalls nach neuen Funkkreisen zu suchen. Er instruierte sie kurz und ließ sie beginnen. Für Rückfragen sollte Martha zur Verfügung stehen. Damit hatte er sie offiziell zur Cheffunkerin gemacht.
„Alex?“
„Was gibt es, Andy?“
„Ich sehe Panzer. Elf Stück. Kommen schnell näher“, meldete der Schwarze.
„Okay, du hast freie Hand. Schalte sie aus. Heute wird erst geschossen und dann gefragt. Morgen machen wir es dann umgekehrt.“
„Okay, Mann. Ich lasse sie eiskalt auflaufen und serviere sie ab.“

Panzer! An diese Mistdinger hatte er gar nicht mehr gedacht. Viel zu sehr hatte er versucht, die versprengten Schäfchen einzusammeln. Ach ja, die Schäfchen. Andy würde sich um die Panzer schon kümmern. Eine weitere Gruppe, dreizehn Mann stark, erreichte ihre Position. Von den Rüstungen verstärkt sprangen sie in gewaltigen Sätzen wie Ochsenfrösche heran. Einer der Neuen auf dem Hügel, er hieß Kalmar, winkte sie in die Richtung von Feretti. Dafür, daß das alles nur ein Provisorium war, funktionierte es ganz gut.
Wieder klinkte sich Alex in die Komm-Kreise ein. Hundertvier Personen, zählte sein Headup-Display automatisch. Wenn es so viele waren, die wie sie ausgesetzt worden waren - ja, ausgesetzt - wenn er diejenigen dazurechnete, die versprengt oder getötet worden waren, dann... Ja, was dann? Dann konnte er nicht sagen, wie viele sie am Ende des Tages sein würden.
„Angenommen, wir sind mehr, sehr viel mehr...“, sinnierte er in Gedanken. „Angenommen, man hat uns diese Möglichkeit, miteinander zu funken nicht zufällig gegeben. Angenommen, irgendwer von uns kann mit allen Gruppen kommunizieren... Es muß doch einen Weg geben, alle zu erreichen, oder größere, mehrere Gruppenkreise umfassende Großkreise. Bloß wie?“
„Hundertvierzig“, meldete Martha leise. „Dazu kommen vierzig Vermisste und elf, die definitiv tot sind.“
„Danke, Martha. Instruieren Sie noch ein paar Neue, damit Sie auch mal Pause machen können. Übernehmen Sie das in eigener Regie, ja?“
„Okay, Ren.“
Die Satelliten! Verdammt, das musste es sein! Die Dinger waren nicht aktiviert gewesen. Aber wer sagte denn, daß er sie nicht aktivieren konnte? Mehr als daran scheitern konnte er nicht. Also, per Blickschaltung in den Pfad für die Satelliten einklinken. Was nun?
„Aktivieren“, befahl er leise. Nichts. Na, es wäre ja auch zu schön gewesen. Also, wie dann? Musste man doch einen Code kennen? Aber nein, das machte keinen Sinn.

Von einem Moment zum anderen erfüllte ein babylonisches Sprachgewirr seinen Helm. Nicht so, als er die Gruppe Bernstein angerufen hatte, es war tausendmal schlimmer. Plötzlich standen ihm hundert, nein, tausend Funkkreise offen! Und aus jedem Funkkreis empfing er den Sprechverkehr, in verschiedenen Lautstärken, mit verschiedenen Stimmen, daß es zu einer gigantischen Brandung wurde, die über ihm zusammenschlug.
„Hört auf!“, schrie Alex verzweifelt. „Seid still, verdammt.“ Und sie waren still. Eine Sekunde, die Alex genoss. Zwei Sekunden, die Alex genoss.
Dann war da diese ruhige Stimme, tief, sonor. „Du sollst nicht fluchen, spricht der Herr. Außer, du hast eine Lizenz.“
Für einen Moment wusste Alex nicht, ob er lachen oder weinen sollte. „Ich besorge mir eine“, versprach er. „Aber jetzt hört mal her. Alle. Mein Name ist Alex Tarnau. Ich befinde mich mit meiner Gruppe im Hügelland. Eure Gruppen umgeben uns, wenn ich die Satellitenbilder richtig deute, von allen Seiten. Einige von euch sind hinter uns, andere sitzen im Wald. Einige kämpfen, einige fliehen. Der Gegner kommt mit Panzern aus dem Westen. Wir wissen nichts über ihn. Deshalb ist es das Beste, wenn die Gruppen westlich von den Hügeln sich auf diese Position zurückziehen. Dabei solltet Ihr einander Deckung geben. Und zwar...“
„Warte mal, Arschloch. Wer bist du, daß du glaubst, hier Befehle zu geben, hä? Ich bin mit meinen Leuten bisher gut alleine klar gekommen.“
„Wer ich bin? Ich bin ein ahnungsloser Mensch, der hier einfach ausgesetzt wurde, genau wie Ihr. Und ich bin einer, der es hasst, dass schon so viele von uns sterben mußten, weil sie diesen...diesen... Ach, ich weiß nicht. Diesen Gegnern einfach so vorgeworfen wurden. Wenn du leben willst, wenn Ihr alle leben wollt, dann hört auf mich, ja? Zurzeit besteht meine Gruppe aus über hundert Leuten, und wir haben Stellung bezogen auf einer Länge von dreihundert Metern.“
„Ich frage dich das nur noch einmal. Warum sollten wir auf dich hören?“
„Weil ich der einzige bin, dem etwas daran liegt, daß Ihr heil aus dieser gequirlten Scheiße wieder rauskommt!“ Wieder war Stille, nur unterbrochen von einigen leisen Kommandos.
„Da du so gerne fluchst, Bruder, erteile ich dir hiermit eine Flucherlaubnis und den Segen Gottes.“
„Hoffentlich hört er dich hier draußen auch“, erwiderte Tarnau mit einem matten Lächeln.
„Amen.“

„Okay“, meldete sich der Spötter wieder. „Meine Gruppe hört auf dich. Aber beeil dich etwas, ja? Es kommen eine Menge Panzer auf uns zu.“
„Dein Name?“
„Patric.“
„Gruppe Patric, hergehört. Ihr legt Minen aus, die befinden sich in euren Beintaschen, die Ihr über das Headup-Display öffnen könnt. Wie die Tarnung funktioniert wisst Ihr? Gut. Ihr zieht euch einen Kilometer zurück. Dabei werdet Ihr eine andere Gruppe passieren, die euch Feuerschutz geben wird. Ihr richtet euch in eurer neuen Stellung ein und wartet, bis die Gruppe, die für euch die Köpfe hingehalten hat, an euch vorbei ist. Dann zieht Ihr euch wieder zurück. Dieses Spiel macht Ihr so lange, bis Ihr bei uns seid, okay?“
„Okay, aber wer garantiert uns, daß die wirklich auf uns warten?“
„Ich garantiere es. Los, jetzt. Laut der Satelliten sind die Panzer nur noch hundert Meter von euch entfernt.“
Alex klinkte sich in den anderen Funkkreis ein. „Wer hat bei euch das Sagen?“
Stille. Schließlich meldete sich eine zaghafte Stimme. „Niemand. Soweit sind wir noch nicht. Wir...“
„Dein Name.“
„Mbuto, Ren. Albert Mbuto.“
„Okay, Albert. Du hast gehört, was ich Gruppe Patric gerade gesagt habe? Ihr seid die Gruppe, die hinter ihnen liegt. Könnt Ihr die Stellung halten, bis sich Patric hinter euch eingerichtet hat?“
„Ja, schon, aber...“
„Aber was?“
„Aber wer garantiert uns, daß dieses Großmaul nicht stiften geht?“
„Ich garantiere das. Es ist alles, was ich euch geben kann. Es ist auch alles, was Ihr verlangen solltet.“
„Okay, wir halten die Position für sie. Hoffentlich lassen die uns nicht im Stich.“
„Hör mal, wir sind keine Feiglinge! Wenn Ihr euren Part macht, machen wir unseren“, rief Patric zornig.
„Das ist ein Deal“, schloss Alex die Diskussion ab. Sofort wandte er sich einem anderen Funkkreis zu.
***
Bald danach war es geschafft. Sie befanden sich auf den Rückzug, ja, aber sie waren beieinander, alle die noch lebten. Ein Teil marschierte an den Flanken, einige bildeten die Vorhut und andere die Nachhut. Während des Rückzuges hatten sie noch siebzehn Panzer erledigt. Bei den Rückzugsgefechten hatten sie kaum bluten müssen. Es hatte kleinere Blessuren gegeben, auch einige Brüche. Die Rüstungen glichen das jedoch aus.
Aber nun befanden sich gut zwanzigtausend Menschen in diesen weißen Rüstungen auf dem Weg nach Süden. Die Kraftverstärker sorgten dafür, daß sie nicht ermüdeten. Sie kamen schnell voran. Und anhand der Satellitenaufklärung konnte Alex jederzeit sehen, wo sich der Gegner befand. Alex wollte nicht Feind sagen, nicht einmal denken, denn obwohl die den ersten Schuss gehabt hatten, erschien es ihm ungerecht, sie einfach abzustempeln und zur Jagd freizugeben. Deshalb wichen seine Leute aus, tief nach Süden in ein Gebirge, daß ihnen allen Deckung bieten sollte. Die ersten Späher waren schon da und berichteten von Panzerspuren. Aber selbst nach intensiver Suche fanden sie keinen Hinterhalt. Das kleine Gebirge schien sicher zu sein. Vorerst.

`Wie lange dauert der Tag auf dieser Welt eigentlich?´, dachte Alex überrascht. Die Sonne - eine gelbe - stand nicht am höchsten Punkt am Himmel. Er hatte sie den Tag über nicht beobachtet, deshalb konnte er nicht sagen, ob es nun Morgen, Abend oder Mittag war. Er hatte ja nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie lang der Tag auf einer Welt war, die zwei Monde besaß.
„Weiß jemand, ob die Sonne aufgeht oder untergeht?“
„Das war der Override-Code“, meldete sich eine hektische Stimme. „Das muß Tarnau sein! Ren, hier Collins, Gruppe Collins, Ren. Nachhut. Mein Funker Chan hat die Sonne beobachtet. Er meint, wir müssten jetzt späten Nachmittag haben.“
„Danke, Collins. Das heißt, wir haben noch ein paar Stunden Tageslicht. Das müsste reichen, um uns im Gebirge einzurichten.“
„Äh, Ren, ich habe da eine Frage.“
„Schießen Sie los, Collins.“
„Sie haben selbst gesagt, daß wir über zwanzigtausend sind. Warum treten wir den Typen nicht mal kräftig in den Arsch, Ren?“
„Wenn Sie mir jetzt sofort sagen können, gegen wen wir kämpfen, wie stark er ist und wo sich seine Einheiten befinden, dann verspreche ich Ihnen, ich werde dem Gegner in den Arsch treten, daß er glaubt, er wäre Napoleon bei Waterloo.“
„Aber Ren, ich weiß nicht, wie stark der Gegner ist. Keiner weiß das.“
„Deshalb ist es unklug, ihn anzugreifen. Noch nicht. Wenn sie uns hinterherkommen, geben wir ihnen Zunder, versprochen. Aber erst brauchen wir einen sicheren Platz für uns und unsere Freunde. Dann brauchen wir Wissen, und dann brauchen wir Nachschub. Und dann brauchen wir den Kerl, der uns hierher gebracht hat.“
„Ich verstehe, Ren. Nützt es was, wenn ich uns allen viel Glück wünsche?“
„Collins, verdammt, es schadet zumindest nicht.“
„Dann wünsche ich uns viel Glück!“
„Danke, Collins. Bringen Sie Ihre Gruppe sicher zu uns, ja?“
„Versprochen. Ach ja, ich bin kein Militär, aber ich glaube, Sie machen Ihre Sache verdammt gut.“

Kein Militär! War das ein Teil des Puzzles? War das ein Stück der Geschichte? Er selbst war Reserveoffizier bei der Bundeswehr, im Moment jedoch nicht aktiv. Aber war das die Ausnahme oder die Regel? Nicht aktiv, irgendwie spürte Alex, dass dieser Faktor eine wichtige Rolle spielte.
Über die Direktverbindung nahm Alex Kontakt zu Jamahl Anderson auf. „Andy?“
„Ja, Mann?“
„Sag mal, warst du in der Army? Navy Seals, Marines oder so ein Kram?“
„Nein, Mann. Wir haben eine Berufsarmee. Und ich fühlte mich nie besonders dazu berufen.“
„Bis heute.“
„Ist ein Unterschied, ob man die Wahl hat oder nicht. Der Dienst als Bulle reicht mir vollkommen.
Sag mal, was bringen die euch nur bei auf dem anderen Kontinent, daß Ihr als Reserveoffiziere komplette Armeen führen könnt?“, scherzte der Schwarze.
„Witzbold“, entgegnete Alex. Aber er schmunzelte bei Andys Worten. Ein kleines Stück Zuversicht an einem ganz besonders miesen Tag. „Weißt du, was merkwürdig ist, Andy? Hast du Hunger?“
„Nein, Mann. Das Gefecht muß mir auf den Magen geschlagen haben.“
„Oder die Rüstungen ernähren uns.“
„Was für ein wilder Gedanke. Gleich behauptest du auch noch, die Rüstungen absorbieren Pisse.“
„Hast du es schon probiert?“
„Ha, ha, sehr witzig. Ich musste noch nicht.“
„Dann setz mal einen deiner Leute daran, im Archiv der Rüstung nach Recyclingsystemen zu suchen, ja? Ich würde schon gerne wissen, wie lange wir in diesen Konserven stecken dürfen.“
Andy bestätigte.
„Ach, und mach dir mal Gedanken über das Wasser aus dem Saugröhrchen. Vielleicht sind da mehr Nährstoffe drin, als wir glauben.“
„Genügend, um feste Nahrung zu ersetzen?“, zweifelte Andy.
„Konzentriert vielleicht“, spekulierte Alex. „Hoch konzentriert.“
„Ich schau mal nach. Vielleicht gibt es ja ein kleines, leicht zu verstehendes Filmchen dazu“, scherzte er.

Inmitten einer Traube aus über tausend Rüstungen erklomm Alex einen bewaldeten Hügel. Von hier aus konnte man das nahe Gebirge sehr gut sehen. Auch den Wald, der so vielen zum Grab geworden war. Wo waren sie hier? Weshalb waren sie hier? Und wer war daran schuld,
stellte er sich die Fragen erneut, die ihn quälten. „Wer immer es war, er hat sich ein paar Gedanken gemacht.“
„Sprichst du mit mir, Alex?“, meldete sich Andy sofort.
„Nein, ich habe nur laut nachgedacht. Wir haben noch eine Menge Tageslicht, um das Gebirge zu erreichen. Und dann beginnen unsere eigentlichen Probleme.“
Eine der weißen Rüstungen drehte den Torso halb zu ihm herüber. Das Visier fuhr auf und Alex erkannte das verschrammte Gesicht Andys. „Was für Probleme, Mann?“
„Lass dich überraschen. Es wird dir nicht gefallen... Mann.“


2. Tag eins: Besinnung

„Hier spricht Alex Tarnau. Ich rufe alle Gruppen in Reichweite. Wir sammeln uns im Gebirge und staffeln uns um das Hoffnungstal, wie ich es benannt habe. Ich habe die einzelnen Gruppen bereits auf neue Positionen eingeteilt. Über das Funknetz werde ich virtuelle Karten verschicken lassen, in denen die neuen Positionen verzeichnet sind. Wenn jemand mit den Karten noch nicht umgehen kann, soll er fragen. Keine falsche Scheu. Es ist lebenswichtig, daß sich jeder so gut es die Umstände zulassen mit den Rüstungen vertraut macht.
Wenn jemand mit der Position seiner Gruppe nicht einverstanden ist, möchte er bitte den Ärger fürs Erste runterschlucken. Jeder bekommt die Gelegenheit, etwas zu sagen.
Sobald alle Gruppen Position bezogen haben, wird meine Kommunikationsgruppe unter Martha Wong die Funkkreise der Gruppen zu Großkreisen zusammenfassen. Die Großkreise werden dann zu Hauptkreisen addiert und diese in den Allgemeinen Funkkreis integriert.
Wenn das erledigt ist, bitte ich jede Gruppe darum, daß ihr Sprecher sich mit den Sprechern einiger anderer Gruppen trifft und einen gemeinsamen Sprecher bestimmt. Diese Sprecher werden als vollwertige Vertreter ihrer Gruppen zusammenkommen und nachher unsere Lage besprechen.
Ich weiß, was jetzt viele von euch sagen wollen, und einige tun es sicher gerade, aber wir schließen niemanden aus. Das gesamte Gespräch wird über die Funkkreise an die Gruppen übertragen, und jeder einzelne hat das Recht, eine Frage zu stellen. Nur muß diese Frage erst dem Gruppenleiter gestellt werden, der sie seinem vorgesetzten Sprecher weiterreicht. Dort kann sie zu unserer Diskussion beitragen.
Noch etwas: Den meisten wird es bereits aufgefallen sein, daß wir weder Hunger noch Durst verspüren. Einige werden auch bemerkt haben, daß Kratzer, Wunden und sogar Brüche vom Anzug behandelt werden.
Der Anzug ernährt uns über die aufgenommene Flüssigkeit und versucht mit seinen Möglichkeiten, unsere Einsatzbereitschaft zu gewährleisten. Aber das ist kein Grund, ihn immer tragen zu müssen. Wenn jemand das Bedürfnis hat, den Anzug für einige Zeit abzulegen, dann soll er das in Absprache mit den anderen seiner Gruppe tun. Das Headup-Display enthält einen leicht zu verstehenden Kurzfilm, der erklärt, wie man die Rüstung in neun Schritten verlassen kann. Und eine Beschreibung, wie man wieder in drei Schritten hineinschlüpft. Jeder, der seine Rüstung ausziehen möchte, muß sich damit vertraut machen. Die Gruppensprecher tragen dafür Sorge, daß sich jeder daran hält. Sie tragen ebenfalls dafür Sorge, daß sich die Mitglieder der Gruppe dabei abwechseln und niemand bevorzugt wird. Und, keine Angst, laut den Daten des Anzugs tragen wir einen schwarzen Strampelanzug aus einer Art Plüsch. Ihr braucht euch nicht zu schämen. Tarnau Ende!“

`Hoffnungstal, was für ein prachtvoller Name´, dachte Alex bei sich. Rund um ihn herum saßen, standen und lagen nahezu sechzehntausend Menschen. Die anderen gut viertausend waren auf den Hügeln und Berghängen positioniert, obwohl durchaus genügend Platz im Tal vorhanden war. Aber Alex hatte dafür gesorgt, daß vor allem solche Gruppen, die gekämpft hatten, ins Tal gelassen wurden, die anderen sollten die Augen offen halten. Durch den Wachturnus, den Andy vorgeschlagen hatte, würde der Frustfaktor in Grenzen gehalten werden. Das hoffte er zumindest.

Alex hatte das Visier geöffnet. Er saß auf einem kleinen Felsen und unterhielt sich leise mit Andy und Kurt Warninger. Mittlerweile war die Nacht über sie hereingebrochen, aber einer der beiden Monde dieser Welt stand noch am Himmel und erhellte die Szenerie. Dazu glomm ein riesiger Sternhaufen in der Nacht, der ein Übriges tat. Einzelne Sterne waren nicht zu sehen, sie wurden von den beiden intensiven Lichtquellen praktisch überdeckt.
„Ren?“ meldete sich Martha Wong.
„Ja?“
„Ren, die Großgruppensprecher sind dann soweit. Es sind hundertvierundachtzig. Falls es Sie interessiert, Ren, wir sind nun zwanzigtausendvierhundertelf. Einige Vermisste haben es noch zu uns geschafft.“
„Danke, Martha. Bitte richten Sie einen vorläufigen Funkkreis ein, der es mir, Kurt und Andy ermöglicht, mit den anderen zu sprechen.“
„Schon dabei, Ren.“
Eigentlich war diese Technik wunderbar. Je mehr Alex sich mit der Rüstung beschäftigte, desto beeindruckender erschien sie ihm. Die Kommunikationsmöglichkeiten waren ja schon phantastisch, und das war nur ein Bruchteil der wahren Fähigkeiten.
„Hier spricht Alex Tarnau. Ich bitte die Großgruppensprecher nun, sich im Hoffnungstal zu versammeln. Die Besprechung beginnt in fünf Minuten.“
Vereinzelt hörte er eine Bestätigung, den Rest fischte Martha aus dem Netz, bevor es ihn erreichte.
„Alle haben bestätigt, Ren“, meldete sie kurz darauf.
„Na, dann kann es ja losgehen.“

„Alex? Das hier solltest du dir vorher vielleicht mal ansehen“, kam Ferettis Stimme über den Funkkreis von Tarnaus Gruppe.
„Feretti? Wo steckst du?“
„Außerhalb des Hoffnungstals. Ich zeichne dir den Weg auf einer Karte ein und schicke sie dir.“
„Okay, ich habe die Karte. Ich komme nach der Versammlung hoch.“
„Alex, du solltest dir das hier vielleicht sofort ansehen, sonst glaubst du es nicht!“
Etwas in Ferettis Stimme überzeugte ihn, daß es dringend war. Oder zumindest wichtig genug, um sofort erledigt zu werden. Er vertraute Feretti, auch wenn sie nicht gerade den besten Start gehabt hatten.
„Okay, ich komme. Andy, du leitest die Versammlung. Kurt, du hilfst ihm dabei. Für den Fall des Falles bleibe ich aber auf der Leitung, falls mich jemand persönlich sprechen möchte.“
„Und wann hast du deine offizielle Autogrammstunde?“, feixte Andy.
„Witzbold“, lachte Alex und machte sich auf den Weg. Schnell laufen oder die Sprungkraft der verstärkten Beine einsetzen war nicht drin. Zu eng standen, saßen und lagen seine Leidensgenossen hier im Tal.
Besorgt ließ Alex seinen Blick streifen, während er sich seinen Weg bahnte. Den ganzen Tag über hatten alle was zu tun gehabt, aber jetzt kam eine gefährliche Zeit. Einige schliefen und Alex wünschte ihnen, dass sie keine Alpträume haben würden, aber die meisten waren wach und hatten Zeit zum grübeln.

Direkt vor ihm griffen sich plötzlich zwei junge Leute an. Beide trugen nur den schwarzen Strampelanzug, aber bereits beim ersten Schlagabtausch erkannte Alex, daß der kleinere der beiden gewinnen würde. Der Große mit dem breiten Kreuz und den roten Haaren war einfach nicht schnell genug, um sich gegen den drahtigen Bengel mit den blonden Haaren durchzusetzen.
Alex ging dazwischen und ergriff die beiden Streithammel im Genick ihrer Unterkleidung und hob sie in die Höhe. „Was soll der Quatsch?“, brüllte er die zwei an.
Der Große verhielt sich ganz still, aber der Kleine wand sich im Griff und trat nach Alex´ Rüstung.
Der seufzte nur und schüttelte den Kleinen ein wenig. Nach der Prozedur wurde er ruhiger. „Wie heißt Ihr beide und wer ist euer Gruppenführer?“
„Das geht dich nichts an“, knurrte der Kleine. Nein, die Kleine. Die Stimme hatte hell und weiblich geklungen. Sie musste um einiges jünger als die anderen hier sein, und gerade neben dem riesigen Rotschopf wirkte sie wie ein Vierzehnjähriger.
Über ihren Ausbruch konnte Alex nur lachen. Er klinkte sich in den Funkkreis von vier, fünf liegenden und verlassenen Rüstungen ein und hatte so schnell ein paar Namen und den des Funkkreises zur Verfügung.
„Euer Anführer heißt Kohn. Ihr seid in der gleichen Gruppe und prügelt euch. Sagt mal, schämt Ihr euch nicht? Heute sind eine Menge Menschen wegen nichts gestorben, und Ihr habt nichts Besseres zu tun als die Idioten zu spielen!“
„Unser Teamleiter wurde zum Großgruppenführer gewählt und spricht gleich mit Tarnau“, sagte die Kleine mit weicher Stimme und wischte sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. „Du kannst uns übrigens wieder runterlassen.“
Alex öffnete die Hände und etwas unsanft landeten die beiden Streithähne auf ihren Füßen. „So, und jetzt sagt Ihr mir, wer Ihr seid und worum es hier ging, verstanden?“
„Ich bin Philips, das ist Montjar. Wir gehören zur gleichen Gruppe, ja, aber das ist auch schon alles“, zischte sie.
Montjar wich dem zornigen Blick seiner Kameradin aus.
„Und, worum ging es?“
„Das ist privat und geht dich nichts an!“, blaffte Philips. Wieder sah Montjar weg.
„Oh, Scheiße.“ Mit einem Mal wusste Alex ganz genau, worum es gegangen war. Es hatte so kommen müssen, machte er sich klar. Schließlich waren sie alle noch Menschen, dazu im besten Alter. Einige würden wahrscheinlich Jahre ohne es auskommen, aber einige wie Montjar hatten vielleicht heute dieses Bedürfnis. Alex durchzuckte ein Gedanke, der ihm gar nicht gefiel. Denn er hatte mit Gewalt gegen Schwächere zu tun. Auch wenn Philips in diesem Fall die Stärkere war, was keinesfalls die Regel sein musste.
Er besah sich die beiden genauer. Montjar war nur noch ein Häufchen Elend, und der Zorn in Philips´ Gesicht war verraucht. Vielleicht war es diesmal nur ein Missverständnis gewesen, aber allzu bald würde es nicht so glimpflich enden. „Andy, hörst du mich?“
„Laut und deutlich, als hättest du das Tal noch nicht verlassen. Hey, du hast das Tal noch nicht verlassen.“
„Witzbold. Andy, was ich dir jetzt sage, ist sehr ernst. Wenn die Versammlung beginnt, müsst Ihr Verhaltensmaßregeln festlegen. Dazu gehört auch ein Strafenkatalog, der Gewalt innerhalb der Gruppen ahndet. Besonders schwerwiegend sollte Vergewaltigung behandelt werden.“
„Starker Tobak, Mann. Aber irgendwo hast du recht.“ Die Stimme des Freundes klang überrascht.
„Danke, Andy. Ich schicke Dir gleich zwei neue Leute. Montjar und Philips. Montjar soll sich in der Kommunikationsgruppe nützlich machen, Philips bei den Spähern. Kläre das bitte kurz mit Kohn ab. Er wurde zum Großgruppensprecher bestimmt und hat anscheinend keinen Vertreter zurückgelassen.“
„Ist okay. Wir fangen übrigens gleich mit der Besprechung an.“
„Ich bin zurück, bevor sie endet. Versprochen. Alex Ende.“ Der junge Mann blinzelte ein paarmal, um wieder in die düstere Umgebung zurückzufinden. Vor ihm standen die beiden Streithähne.
„Du bist Tarnau?“, fragte Philips erstaunt.
Verdammt, hatte er etwa die Außenlautsprecher offen gelassen? „Ja, ich bin Alex Tarnau. Und Ihr beide solltet besser lernen, miteinander auszukommen. Zieht jetzt eure Rüstungen wieder an und geht auf die Talsohle runter. Mein Stellvertreter Anderson wird euch einweisen. Ich habe noch etwas vor.“
Als Alex sich zum gehen umwandte, rief Montjar: „Ren! Das mit dem, na, das mit Jenny tut mir leid. Das war nur ein Missverständnis. Entschuldigung.“
Alex lachte leise. „Sag das nicht mir. Sag es Philips.“

Anhand der Karte erreichte Alex Tarnau sein Ziel recht zügig. Einer aus Feretti Gruppe, das Headup-Display bezeichnete ihn als Kreuzer, winkte Tarnau in eine kleine Höhle, aus der ein matter Schimmer trat.
Feretti empfing ihn mit hochgefahrenem Visier. „Du glaubst es nur, wenn du es selbst siehst, Chef.“
Das machte Alex neugierig. Antonio Feretti führte ihn tiefer in die Höhle, auf den Lichtschimmer zu. Dort hockten vier von Ferettis Leuten am Boden und drohten mit ihren ausgefahrenen Karabinern auf die gegenüberliegende Wand.
„Kneif mich bitte. Das sind doch nicht etwa Lampen und Metallschotte?“
„Es sind Lampen und Metallschotte. Und hinter den Schotten sind Magazine, bis an die Decke gefüllt mit Munition, der schwarzen Paste und Nahrungsbrei, alles in der Neuen Sprache beschriftet. Genug, um unsere Leute ein halbes Jahr zu versorgen. Aber das Beste kennst du ja noch gar nicht. Das da ist das Beste.“
Ferettis Leute machten vor den beiden Platz und öffneten so die Sicht auf das, was sie mit ihren Waffen bedrohten.
Als Alex es sah, wurde ihm schwindlig. Feretti musste ihn stützen, damit er nicht fiel.
„Ich kenne dieses Wesen!“, stieß er aus zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Das Gefühl hatten wir alle“, erwiderte Feretti mit einem Knurren.

Direkt vor ihm saß eine kleine verrunzelte Gestalt auf dem Boden und sah ihn an. Er war etwa einen Meter groß und trug eine schmucklose blaue Kombination, die nur die rosigen Hände und den gewaltigen, haarlosen Schädel freiließ. Der Kopf war groß genug für einen ausgewachsenen Menschen, aber dieser saß auf dem Körper eines Sechsjährigen. Das Wesen starrte ihm aus riesigen blauen Augen entgegen. Es war völlig haarlos, die Lippen nur ein dünner Strich. „Ah, Sie sind bestimmt der Commander dieser terranischen Gruppe. Respekt, so schnell hat es noch keiner an die Spitze geschafft. Und vor allem nicht so unblutig.“
„Wer sind Sie?“, fuhr ihm Alex in die Rede, ohne auf seine Worte einzugehen.
„Ich bin Ihr Verbindungsmann zum Rat, der Herold L´ Tark.“
„Letark, aha“
„Nein, L´ Tark. Das E bleibt stumm.“
„Aha, sehr interessant. Ich glaube, wir zwei müssen uns mal unterhalten.“
„Deswegen bin ich hier, Alex Tarnau. Deswegen bin ich hier.“
Alex verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: „Na, dann schießen Sie mal los, Großer Herold L´ Tark.“
***
Der kleine Gnom runzelte die Stirn und kratzte sich mit seinen Kinderhänden an der Schläfe. „Wo soll ich bloß anfangen? Ach so, am besten mit Ihrer Geschichte. Sie alle stammen vom dritten Planeten einer gelben Normsonne mit neun Trabanten. Unsere Erkundungsschiffe haben Sie dort untersucht und für tauglich gefunden. Daraufhin wurden Sie mit Hilfe unseres Antriebes, der überlichtschnelle Reisen ermöglicht, binnen eines Ihrer Monate hierher geschafft, ausgerüstet und auf dieser Welt abgesetzt, einem erdähnlichen Planeten mit zwei  Monden und einer für Sie atembaren Atmosphäre. Ihre Aufgaben hier sind folgende. Sie..“
„Moment!“, brüllte Alex und ergriff den kleinen Kerl am Kragen. Als er den Herold in die Höhe lupfte, kreischte der kleine Kerl vor Überraschung. „Nicht so eilig, Majestät. Ich habe da noch ein paar Fragen, bevor Sie gedenken, uns mit Ihren Aufträgen zu segnen! Erstens: Wer ist wir?“
„Wir sind die Schöpfer.“
„Zweitens: Warum haben Sie mich und zwanzigtausend andere Menschen von der Erde entführt?“
„Weil Sie aggressiv genug sind. Wir haben jeden einzelnen auf seine Aggressivität getestet, bevor wir ihn angenommen haben. Nur die mit dem größten Aggressionspotential wurden akzeptiert. Wir brauchen Krieger, keine Denker.“
„Sie brauchen Krieger?“, fragte Feretti erstaunt.
„Na, dachtest du, sie brauchen Kuchenbäcker? Warum stecken wir wohl in diesen Rüstungen? Also, Herold, warum haben die Schöpfer uns hergeholt? Es geht um Kampf, das haben wir heute am eigenen Leib erfahren. Aber gegen wen kämpfen wir hier?“
„Die Truppen, gegen die Sie heute gekämpft haben, gehörten zum Expeditionscorps des Ritters Porma el Tar. Er wiederum untersteht direkt dem Rat der Pes Takre, oder wenn Sie es so wollen, dem Rat der Drei Völker. Sein Auftrag ist es, das Territorium der Schöpfer zu finden und zu erobern. Sie waren ihm heute dabei einfach nur im Weg.“
„Na toll, ein ausgewachsener Krieg. Als wenn wir auf der Erde nicht genug eigene hätten. Was haben die Schöpfer gemacht? Dem Rat ans Bein gepisst?“
„Entschuldigen Sie, Tarnau, ich verstehe Sie nicht.“
„Wie haben Sie sich diese Burschen zu Feinden gemacht?“
„Wir haben gar nichts gemacht. Mein Volk besteht aus friedlichen Forschern. Unser einziges Bestreben ist es, Wissen zu sammeln. Doch leider wurden die Pes Takre dabei auf uns aufmerksam. Seit sie die Schöpfer kennen, seit sie um ihren immensen Wissensschatz wissen, werden die Schöpfer von ihnen gejagt. Jeder Schöpfer, dessen sie habhaft werden wird gezwungen, sein gesamtes Wissen preiszugeben und anschließend versklavt. Bis heute ist nicht ein einziger meines Volkes, der ihnen in die Hände fiel, zurückgekehrt. Vielleicht sind sie auch alle tot. Wir wissen es nicht.
An dieser Stelle kommen Sie ins Spiel, Alex Tarnau. Wir sind Denker, keine Kämpfer, deshalb haben wir jemanden gesucht, der an unserer Statt kämpfen kann. Vor Ihnen traten zwei andere Völker für uns an, sie haben beide versagt. Sie, die Menschen sind nun unsere letzte Hoffnung, bevor die Pes Takre wirklich zu den Stätten unseres Volkes finden und wir alles verlieren, was wir sind und was wir wissen.
Sie sollen ja auch nicht umsonst kämpfen, Alex Tarnau. Sobald Sie gewonnen haben, werden wir Sie wieder auf die Erde bringen. Und wir werden Sie belohnen. Auf Ihrer Welt benutzt man zur Warenfluktuation ein Medium namens Geld. Mit unseren hoch entwickelten Technologien können wir für Sie viel Geld verdienen, sehr viel Geld!“
Alex hob den kleinen Kerl bis dicht vor seine Augen. „Das ist nicht unser Krieg. Sie haben kein Recht, uns da hineinzuziehen! Wir sind keine Söldner, verdammt!“
„Aber verstehen Sie doch, Alex Tarnau, wir sind in Not! Gewiss, einige Waffen haben wir auch zu unserer Verteidigung, aber unser Talent ist nicht destruktiv ausgerichtet. Vergleichen Sie uns mit Schlafenden, die aus einem wunderschönen Traum gerissen wurden und nun mit der schrecklichen Wirklichkeit nicht zurechtkommen. Wir sind in Not, Alex Tarnau, und wir bitten Sie um Ihre Hilfe.“
Der junge Mensch setzte den Schöpfer wieder auf die eigenen Füße. „Wie wollen Sie uns unterstützen?“
„Unterstützen? Aber ich habe doch schon gesagt, daß wir...“
„Herold!“, fuhr Alex ihm ins Wort. „Sie haben gesagt, Sie haben Waffen zu Ihrer Verteidigung. Irgendwie kann ich nicht glauben, daß diese Rüstungen für so einen kleinen Gnom wie Sie das Richtige sind.“
„Das haben Sie richtig erkannt. Es gelang uns, die Gefechtsrüstungen eines Varni unbeschädigt zu erobern. Wir haben sie erforscht, verbessert, die Tarnvorrichtung und das Raketenabwehrsystem eingebaut und die Energiekapazität verzehnfacht. Sie sollten in der Lage sein, mit diesen Rüstungen für uns zu siegen.“
„Können Sie das bei jeder Waffe machen? Sie untersuchen und verbessern?“
„Im Prinzip ja, Alex Tarnau. Wenn wir die Baupläne bekommen. Besser wäre ein unbeschädigtes Exemplar.“
„Was ist mit Raumschiffen?“
„Sie werden keine brauchen, Alex Tarnau. Das Heer von Porma el Tar hat hier auf Zehn Steine seine Basis, und hier müssen Sie ihn aufhalten.“
„Was ist mit Raumschiffen?“
„Wir können Sie erst nach Hause bringen, wenn Ihre Aufgabe hier erledigt ist.“
„Was ist mit Raumschiffen?“
„Dann erobern Sie doch ein paar von den Varni! Die Schöpfer werden sie für Sie verbessern.“
„Gut“, grunzte Alex. „Und jetzt kommen Sie bitte mit, Herold. Ich möchte meinen Leuten gerne einen von den Kerlen vorstellen, denen wir es verdanken, daß wir in der Galaxis verschollen sind.“
„Was? Es war gar nicht geplant, daß wir uns hier treffen. Sie sollten nur einen Hinweis auf mich finden, in drei oder vier Tagen. Und daß ich Ihren Leuten vorgeführt werde, war auch nicht geplant!“
„Das ist doch uns völlig egal!“, mischte sich Feretti ein. „Du bist hier, wir sind hier, machen wir das Beste draus, Kleiner.“
Alex grinste frech. „Feretti, nimm unseren Gast bitte auf die Schulter. Seine kurzen Beine sind wohl nicht dafür geschaffen, mit uns mitzuhalten.“
„Ich protestiere!“, quengelte das kleine Männchen, als Feretti es lachend am Kragen packte und auf der breiten Schulter seiner Rüstung wieder absetzte.
„Haben Sie keine Angst. Ich bin vielleicht aggressiv, aber ich bin verdammt noch mal schlau genug um zu wissen, daß Sie unsere einzige Fahrkarte nach Hause sind. Andy, hörst du mich?“
„Gott sei dank! Alex! Komm bitte ganz, ganz schnell zurück, Mann. Dieser Diplomatiescheiß ist echt nix für mich! Die können mir doch alle den Buckel runterrutschen.“
„Bleib cool, Junge. Ich bin ja bereits auf dem Rückweg. Und ich bringe eine kleine und eine große Überraschung mit.“
„Ich protestiere dennoch!“, hallte die dünne Stimme von L´ Tark zu Alex herüber.
***
„Erst entsandten wir die Melorer. Sie wurden unterworfen. Seither sind sie die Arbeiter des Pes Takre.
In unserer Not wandten wir uns an die Varni. Auch sie versagten im Krieg und wurden unterworfen. Nun sind sie die Soldaten des Pes Takre. Und das Pes Takre dringt mit seinen Kriegsschiffen immer weiter in unser Gebiet vor.
Sie sind wüste Eroberer. Eine Forschungsstation meines Volkes, die sie erobert haben, fanden wir bis auf den letzten Stein vernichtet vor. Jeden Schöpfer, den sie nicht entführen konnten, haben sie grausam getötet.
Und wir werden erst der Anfang sein. Mit dem Wissen meines Volkes, mit unserer Fähigkeit, bestehende Techniken zu verbessern und unserem überlegenen Hyperraumantrieb werden sie über die gesamte Galaxis expandieren. Vielleicht finden sie die Erde nicht heute, vielleicht nicht morgen, mit etwas Glück nicht einmal in diesem Jahrhundert. Aber sie werden die Menschen finden. Finden und unterwerfen. Vielleicht ist das Pes Takre dann bereits das Kor Takre, die vier Völker, oder das Niee Takre, die acht Völker. Und sicher werden sie in ihrem Reich auch eine Aufgabe für die Menschen finden, vielleicht in der Verwaltung oder in der Nahrungsmittelproduktion. Vielleicht aber gibt es für sie keine Verwendung für die Menschen und sie löschen euer Volk einfach aus...“

Dem Herold antwortete Schweigen. Zu Anfang der Rede des Großen Herolds hatten viele gepfiffen und dazwischengerufen, aber selbst sie waren immer leiser geworden. Gerade noch war es nur um diese Handvoll Verlorener gegangen, aber nun ging es um mehr, um die gesamte menschliche Rasse.
Alex Tarnau räusperte sich. „Okay, das hört sich alles recht bewegend an, L´ Tark. Die Schöpfer bangen also um ihre Existenz. Das ändert aber nichts daran, daß Ihre Rasse uns immer noch entführt hat, gegen unseren Willen durch die halbe Milchstraße verschleppte und hier in einen Krieg geworfen hat, der uns vielleicht niemals erreicht hätte. Vielleicht. Aber wir befinden uns in der Hand der Schöpfer. Ohne ihre Unterstützung werden wir diesen Planeten vielleicht niemals verlassen können, auf jeden Fall werden wir die Erde niemals wieder sehen. Deshalb sind wir darauf angewiesen, im Sinne der Schöpfer zu handeln. Das bedeutet, wir müssen den Krieg der Schöpfer gegen die Pes Takre führen und wir müssen ihn gewinnen.
Aber ich denke nicht daran, daß wir ab jetzt nach der Pfeife der Schöpfer tanzen. Sie haben uns schon nicht gefragt, ob wir in diesen Rüstungen gesteckt werden wollen. Nun aber sollen Sie uns den Kampf auf unsere Weise führen lassen.
Herold, Sie haben selbst gesagt, daß Ihr Volk aus Denkern besteht, nicht aus Kriegern. Nun, mein Volk hat viele Kriege in den wenigen Augenblicken seiner Existenz geführt, und ich denke, viele von uns können Krieger werden. Aber wir werden entscheiden, wer von uns kämpft, wo wir kämpfen, wen wir bekämpfen und wann wir es tun. Sie, Herold, werden dafür Sorge tragen müssen, daß wir alles bekommen, was wir brauchen. Vor allem benötigen wir Bekleidung, denn niemand kann von uns verlangen, ständig in diesen Rüstungen oder im schwarzen Unterfutter herumzulaufen.
Und dann brauchen wir Nahrung. Vergessen Sie den Nahrungsbrei, mit dem uns die Rüstungen versorgen. Wir brauchen was Festes zwischen den Zähnen. Wir benötigen Transportmittel, und wir benötigen Waffen. Wir kämpfen für Sie, aber nur zu unseren Bedingungen.“
Der Herold richtete seine großen Augen auf Tarnau und sagte: „Es hat sich in der Tat immer als Fehler herausgestellt, wenn wir uns in die Befehlshierarchie unserer Truppen eingemischt haben. Darum stimme ich im Namen aller Schöpfer zu. Sie erhalten von uns Nahrung, Munition und Waffen. Fahrzeuge müssen Sie sich erobern, aber ich verspreche, daß wir jedes Fahrzeug mit unserer Technik derart aufrüsten können, daß es seinen vorherigen Status um den Faktor zehn übertrifft.“

„Das klingt ja alles gut und schön“, meldete sich einer der Großgruppensprecher zu Wort. Alex identifizierte ihn als Jaques Vaillard, einen Mann, den Andy als in der Versammlung der Großgruppenführer extrem nervig beschrieben hatte.
„Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir diesen Kampf führen können.“ Vaillard löste sich aus der Gruppe der Großgruppenführer und trat neben den Schöpfer. „Wir sind zwanzigtausend. Die meisten von uns wollen nicht kämpfen, können es vielleicht nicht, aus moralischen, ethischen oder persönlichen Gründen. Die meisten von uns sind keine Soldaten, nicht bereit zum töten. Und viele, die es heute dennoch tun mussten, werden von ihrem Gewissen geplagt, obwohl es um ihr Überleben ging. Auch wenn es um die Erde geht, wenn es um die ganze Menschheit geht, sollten wir uns eines fragen: Können wir Erfolg haben? Reichen zwanzigtausend Menschen, die mit Gefechtsrüstungen ausgerüstet sind, die jene der Varni um den Faktor zehn übertreffen, um den Kriegstross zu besiegen? Haben wir eine Chance zu überleben?“
Der Großgruppenführer ließ sein Visier auffahren und sah Tarnau direkt an. „Alex Tarnau. Können wir gegen die Varni gewinnen? Haben wir eine Chance, die es lohnt, dass wir unsere Moral vergessen, unsere Gewissen verleugnen und freiwillig intelligente Wesen töten? Können wir sie davon abhalten die Erde zu erobern, oder auch nur das Territorium der Schöpfer? Können wir es?“
„Aber Ihr seid nicht nur…“, begann L´Tark, wurde jedoch von Tarnau unterbrochen.
„Das ist berechtigte Kritik. Aber es geht mittlerweile um mehr als nur um diese zwanzigtausend. Es geht um die gesamte Menschheit. Doch ich verstehe, dass viele gar nicht kämpfen möchten. Wir können auch niemanden dazu zwingen. Ich denke, nicht wenige würden sich lieber den Varni ergeben, um einen sinnlosen, entbehrungsreichen Kampf zu vermeiden.“
Lautes Raunen antwortete Tarnau.
„Ich will damit nicht sagen, dass hier jemand feige ist. Aber die Logik gebietet uns, dass wir einen sinnlosen Kampf gar nicht erst beginnen sollten. Denn was nützt unser Opfer, wenn wir doch nichts ändern?“
„Gut gesprochen, Alex Tarnau“, lobte Vaillard. „Was also wirst du unternehmen?“
„Die Versammlung der Großgruppenführer soll mir drei Tage geben. Drei Tage, in denen ich beweisen werde, dass wir die Varni besiegen können. Das wir ihnen überlegen sind. Das die zehnfache Verbesserung uns einen Vorteil verschafft, mit dem wir siegen können. Nicht morgen, nicht nächste Woche, aber doch in einem absehbaren Zeitraum. Denn nur wenn wir Hoffnung haben, die Varni aufzuhalten, die Schöpfer zu retten und zur Erde zurückkehren zu können, nur dann können die Schöpfer ruhigen Gewissens verlangen, dass wir für sie töten und… sterben.“

Das letzte Wort hatte eine gewisse Unruhe ausgelöst, es war beinahe ein Tabu-Wort gewesen. Aber Tarnau hielt nichts davon, etwas derart essentielles zu verschweigen oder zu ignorieren. Wenn sie kämpften, dann würden sie sowohl töten als auch selbst Verluste hinnehmen müssen. Wie schon heute auf dem Rückzug geschehen.
Vaillard ließ sein Visier zufahren und beriet sich mit den anderen einhundertdrei Großgruppenführern.
Alex fühlte sich versucht, sich mit dem Override-Code in die Unterhaltung einzuklinken, widerstand jedoch.
„Alex Tarnau. Wir sind bereit, dir drei Tage zu geben, um zu beweisen, dass wir die Schöpfer besiegen können. Denn letztendlich ist dies die einzige Hoffnung die wir haben, um nach Hause zu kommen. Aber der Rat fragt, wie du es beweisen willst.“
Vaillard und Tarnau wechselten einen langen Blick. Die Augen des anderen Mannes waren ernst, beinahe hart, aber Alex konnte einen gewissen Schimmer darin erkennen. Dieser Mann machte sich Hoffnungen. Er sah die Realität, wusste, dass sie eigentlich gar keine andere Möglichkeit hatten als zu kämpfen. Aber er war Großgruppenführer und hatte diese Verantwortung angenommen. Er musste sich um ein paar hundert Leute sorgen. Und das tat er auch. Ihre Leben zu verschwenden wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Und das beeindruckte Alex.
„Bei unserem Rückzug“, begann er deshalb ernst, „sind viele von uns von ihrer Gruppe getrennt worden. Einige starben durch die Varni, andere wurden versprengt, vielleicht auch gefangen genommen.  Die Varni haben schnell und kompromisslos zugeschlagen. Es ist durchaus möglich, dass ihre Panzertruppen Gefangene gemacht haben, vor allem, da einige Gruppen auch darüber berichtet haben, dass einige Panzer von Gefechtsrüstungen der Varni begleitet worden waren.
Wir dürfen diese Menschen nicht länger in der Hand des Gegners lassen. Wir dürfen die Gefechtsrüstungen nicht in der Hand des Gegners lassen. Sie dürfen unserer Hochtechnologie nicht auf die Spur kommen. Wir müssen diesen Vorteil halten. Außerdem sind da immer noch die Panzer.“
„Was ist mit den Panzern?“, fragte Andy erstaunt.
Alex Tarnau ließ sein Visier auffahren, damit die anderen sein Grinsen sehen konnten. „Herold L´Tark, Ihr Angebot die Waffen des Gegners um den Faktor zehn aufzurüsten, gilt das auch für die Panzer?“
Der kleine Außerirdische nickte in menschlicher Manier. „Natürlich. Sie müssen nur ein paar erobern.“
Tarnau wandte sich wieder Vaillard zu. „Die Varni werden irgendwo in der Nähe des Waldes Stützpunkte errichtet haben. Dort werden wir alles finden: Unsere Gefangenen, die Rüstungen… Und die Varni-Panzer. Das sind meine Ziele.“
Vaillard sah ihn einen Moment unschlüssig an. Dann kommunizierte er wieder mit den Großgruppenführern. „Wir sind einverstanden, Alex Tarnau. Du hast drei Tage.“


3. Tag vier: Angriff

Diese Rüstung war etwas Wunderbares, fand Andy, während er an der Spitze einer Einsatzgruppe durch den Wald schlich. Die Oberfläche der Panzerung war mit tausenden Mikrokameras gespickt, die mit Projektionsflächen verbunden waren, welche die Rüstungen ganzflächig abdeckten. Die Bilder der Kameras wurden auf exakt der gegenüberliegenden Seite projiziert und erschufen so die Illusion, daß der Rüstungsträger unsichtbar war. Die intelligent angeordneten Projektionsflächen sorgte dafür, daß die Illusion aus jeder Richtung gesehen perfekt war. Eine spezielle Beschichtung verhinderte zudem, daß Flüssigkeit oder Schmutz auf ihnen haften und den Rüstungsträger somit verraten konnte. Und selbst wenn man sich bewegte, gab es nur ein kaum merkliches Flimmern, da die aufgenommenen und projizierten Bilder mit Lichtgeschwindigkeit weitergeleitet wurden.
Links von ihm bewegte sich Feretti im Tarnmodus. Er konnte ihn nur sehen, weil der Computer der Rüstung seine Sicht nachträglich bearbeitete, anhand der permanenten Kommunikation der Rüstungen untereinander die Position bestimmte und Feretti nachträglich einarbeitete.
Denn eigentlich war Feretti in seiner Rüstung nicht einmal zu orten, weder mit einem Wärmetaster noch mit einem Radar.
Nun würde es sich erweisen, was dieser Tarnmodus wirklich wert war.
Der Funkverkehr war auch so eine Sache. Laut L´ Tark konnten die Varni die Form der Kommunikation, welche die Rüstungen untereinander verwendeten nicht aufspüren, geschweige denn abhören, aber die Menschen waren sicher nicht das einzige Volk im Universum, das dazu lernen konnte.
Andy hielt es für möglich, daß die Varni mittlerweile einige der Rüstungen, die sie vorgestern hatten erobern können, analysiert hatten. Vielleicht waren sie nun bereits in der Lage, heimlich auf das Funknetz der Rüstungsträger zuzugreifen. Den gleichen Gedanken hatte auch Alex gehabt und einige Leute aus Marthas Kommunikationsgruppe darauf angesetzt, nach neuen Funkkontakten Ausschau zu halten, während sich die Angriffsgruppen langsam an das Ziel heranpirschten. Ein Lager der Varni, ein Lager des Volkes, welchem die Panzer gehörten, die ihnen die letzten Tage zugesetzt hatten und noch immer nach ihnen suchten. Ein Lager der Varni, in denen sich wahrscheinlich die Rüstungen der Toten befanden - und hoffentlich einige Überlebende.
Darum war Andy jetzt hier draußen, zusammen mit Warningers Gruppe und weiteren dreihundert fest entschlossenen Beyonder, wie Alex ihre Gemeinschaft genannt hatte.

Noch vor zehn Stunden hatten Furohatas Späher im Wald nur die Panzer entdeckt. Anstatt sie zu vernichten hatte der Japaner sie aber benutzt, um sich an ihre Basis führen zu lassen. Es hieß, Furohata selbst hätte einen Feindpanzer entdeckt und sei auf die Aufbauten gesprungen, um sich so bequem bis zum Ziel transportieren zu lassen.
Ob das nun den Tatsachen entsprach oder nicht, sicher war, daß der drahtige Japaner in einem Lager der Varni gewesen war und sich dort unbemerkt über eine Stunde umgesehen hatte, bevor er es wieder unbemerkt verlassen hatte.
Einige andere aus seiner Gruppe, unter ihnen Kelal und die hitzköpfige Philips lagen nun außerhalb des Lagers und observierten es.
Das, was Doitsu Furohata berichtet hatte, war nicht sehr ermutigend gewesen. Danach bestand das Lager aus einer Art provisorischer Garnison, gesichert mit einem drei Meter hohen Energiezaun, fliegenden Kameras und schwer bewaffneten, Robotgesteuerten Wachtürmen. Das Lager selbst schmiegte sich an die Waldgrenze und einen kleinen Fluss an, war beinahe quadratisch und hatte eine Seitenlänge von fast einem Kilometer. Furohata hatte siebzig Panzer vom gleichen Typ gezählt, mit dem sie schon zu tun gehabt hatten, dazu dreißig Fahrzeuge, die er als Transporter bezeichnet hatte. Außerdem hatte er von den Varni berichtet. Er schätzte ihre Stärke auf vier- bis fünfhundert. Über hundert von ihnen trugen Gefechtsrüstungen, die braungrün lackiert waren. Für sie hatte Furohata aber nur ein müdes Lächeln übrig gehabt.

Die Varni selbst waren eine Rasse von Humanoiden, die man ohne weiteres mit einem Menschen hätte verwechseln können. Allerdings half ihre durchschnittliche Größe von gut drei Metern, sie von den auf diesem Planeten ausgesetzten Menschen zu unterscheiden.
Die Varni besaßen ebenso wie sie selbst zwei Arme und zwei Beine, Füße und Hände hatten fünf Extremitäten. Ihre Proportionen glichen denen der Menschen in einem Maße, daß es Andy schon als beängstigend empfand. Augen, Nase, Ohren, Haare, Kinn, es war, als blicke man daheim aus einem Fenster auf die Straße.
Einzig ihre Wangenknochen waren in einer wahren Groteske ausgeprägt. Beinahe ragten sie aus den Gesichtern der Varni wie Wellenbrecher an einer Sturmumtosten Meeresküste. Die Hautfarbe der Varni entsprach einem Bronzeton, der jede Schattierung von rot bis golden abdeckte. Ihre Haarfarben reichten von schwarz bis zu einem dunklen rot. Andy schätzte ihre Körperkraft als der einem Menschen weit überlegen ein. Jedoch würde die erhöhte Körpermasse sie auch etwas verlangsamen, war seine Vermutung.

Der letzte Punkt, über den der Späher berichtet hatte, war der traurigste gewesen. Der Stützpunkt war klar ein Provisorium, dennoch bestand er aus Gebäuden, allerdings in Leichtbauweise, aus Fertigsegmenten bestehend. In einem dieser Gebäude hatte er schließlich eine Spur der BEYONDER gefunden, die es nicht bis zur Gruppe Tarnau geschafft hatten. In diesem Gebäude hatten Mediziner der Varni die Leichen toter Menschen seziert, in einer anderen Abteilung des gleichen Gebäudes mehr oder weniger zerstörte Rüstungen untersucht.
Einen Hinweis auf Überlebende hatte er nicht entdecken können, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, wohl aber auf vier weitere Stützpunkte in der Nähe.
Diese Orte, von Alex Tarnau Alpha, Bravo, Charly, Delta und Ecco genannt, waren Andys Ziel. Jedem Stützpunkt waren fünf Späher und dreihundert Krieger zugewiesen worden. Ihr Auftrag war simpel: Klaut, was Ihr klauen könnt und nehmt die toten Kameraden mit. Zerstört die Rüstungsfragmente oder stehlt sie ebenfalls.
Andy hatte den größten Stützpunkt zugewiesen bekommen, Bravo. Es war nicht nur Tarnaus stille Hoffnung, gerade hier noch überlebende Beyonder zu finden. Auch Andy klammerte sich fest an diesen Gedanken.
Alex saß mit seiner Kommunikationsgruppe etwa drei Kilometer hinter ihnen, bei ihm weitere sechshundert Rüstungsträger, bereit, jedem zu Hilfe zu kommen, der in Bedrängnis geriet. Von dort koordinierte er den Einsatz.
Der Großgewachsene Afroamerikaner war dankbar dafür, denn Alex hatte dafür ein beachtliches Talent entwickelt. Er war einfach cool auf diesem Gebiet, und solange er da hinten hockte, die eingehenden Daten sichtete, ruhig blieb und die richtige Entscheidung traf, fühlte er sich hier vorne etwas sicherer.

„Noch dreißig Sekunden“, kam Tarnaus Stimme über Funk.
Andy schreckte auf. War es wirklich schon soweit? Sofort öffnete er einen Kanal zu seiner Gruppe, die er extra für diesen Angriff ausgehoben hatte. „Letzte Anweisung. Ihr kennt den Plan. Bleibt solange unsichtbar, wie es nur irgend geht, ja? Versucht, auf festem Grund zu bleiben und hinterlasst keine Fußspuren. Die Varni sind nicht dumm und haben sicher herausgefunden, was unsere Rüstungen besser können als ihre.“ Dasselbe hatte Alex ihnen schon bei der Einsatzbesprechung vorgekaut, aber Andy hielt es für wichtig genug, um es noch mal zu betonen. „Und verdammt noch mal, wenn es losgeht, ballert nicht wie die Wilden um euch und spielt Exekutionskommando. Wir sollen Munition sparen, hat Tarnau gesagt!“
Die Angehörigen seiner Gruppe bestätigten.

Gleich darauf meldete sich wieder Alex Tarnau: „Fünf Sekunden... vier... drei... zwei... eins... Angriff!“
Sofort erhob sich Andy aus seiner Deckung und sprang in mächtigen Sätzen dem Lager entgegen. Er schaltete sich im Laufen zu den beiden Späherinnen durch. „Meldung!“, keuchte er.
„Keine verdächtigen Bewegungen im Lager. Alles ruhig“, meldete Philips.
„Bei mir ebenfalls“, schloss sich Kelal an.
Andy grinste. Prachtmädchen, alle beide. Das Lager kam in Sicht. Ähnlich wie Lager Ecco, daß von Furohata erkundet worden war lag auch dieses an einem Flüsschen, nahe dem Wald. Der Boden war nicht besonders fest und das bedeutete, ob unsichtbar oder nicht, ihre schweren Rüstungen würden Spuren im weichen Morast hinterlassen. Und die Robotkameras würden diese Spuren vielleicht bemerken. Also näherte sich der Trupp dem Lager auf dem Festgewalzten Pfad, der zum Lager führte. Vier dieser Wege gab es und von jeder Seite näherte sich ein Viertel der Einsatzgruppe.
Direkt vor ihm wurde eine Lasersperre angezeigt. Wurde der Strahl unterbrochen, gab es im Stützpunkt Alarm. Andy konnte über diese Vorsichtsmaßnahme nur lachen und durchschritt die Sperre einfach. Ein Unsichtbarer konnte diese Sperre nicht unterbrechen, vor allem nicht, wenn seine Unsichtbarkeit auf der hoch stehenden Technik der Schöpfer beruhte. Das Energiegatter, das dem Lager als Tor diente, war beinahe fünf Meter hoch, sechs breit und wurde von zwei Robottürmen flankiert. Auch darüber konnte er nur lachen. „Ist die Innenseite des Tors frei?“, fragte er schnell bei Kelal nach.
„Tor ist sauber“, meldete die Späherin ohne zu zögern.

Auch Andy zögerte nicht mehr und sprang mit Hilfe der Rüstung über das Tor hinweg. Drüben angekommen trat er zur Seite und machte den Nachfolgenden Platz. Kurz sah sich Andy um. Seine Landung hatte etwas Lärm verursacht und auch die anderen Beyonder verursachten ein leises Stampfen, während sie unsichtbar über die Tore sprangen. Die Rüstungen selbst arbeiteten fast geräuschlos, im Einklang mit der Tarnung, aber dieser Moment, dieser Laut konnte sie alle verraten.
Als kein Alarm aufgellte, keine Scheinwerfer aufflammten und keine Varni hektisch durch die Gegend zu laufen begannen, atmete er erleichtert auf, während sich die Beyonder unter seinem Kommando auf dieser Seite des Tors zu den Gruppen zusammen fanden, als die sie agieren würden.
Andy scheuchte sie an die ihnen zugewiesenen Ziele weiter. Fünf Mann postierten sich vor der Hauptenergieversorgung des Lagers, weitere fünf vor einem anderen Tor an der Notversorgung. Fast hundert Mann fielen über die Panzer und Fahrzeuge her und begannen sie zu untersuchen. Sie trugen zwar die klobigen Gefechtsrüstungen, aber das die Varni im Schnitt einen Meter größer als sie waren erlaubte es den Beyonder, sogar so bequem einzusteigen. Fünfzig postierten sich vor den Mannschafts- und Offiziersquartieren, bereit, auf einen Befehl einzudringen und die Bande hoch zu nehmen. Der Rest verteilte sich gleichmäßig auf die Wachtürme.
Als alle Truppen Position bezogen hatten, war es für Andy an der Zeit, seine Stellung zu erreichen. Sechs seiner Leute wies er in Richtung der Funkzentrale, die restlichen fünfzehn nahm er mit zum zentralen Gebäude. Bereitmeldungen lösten einander ab, bis der Kommunikationsspezialist seiner Gruppe bestätigte, daß alle in Position waren.

Andy öffnete einen Funkkanal zu Tarnau. „Bravo bereit. Warten auf Angriffsbefehl.“
Tarnau erwiderte: „Warten noch auf Alpha.“
Bange Sekunden des Wartens vergingen. Das Kommando auf den Sturm von Alpha hatte Malenkov bekommen, und anscheinend brauchte der Russe etwas länger, um seine Truppen zu koordinieren.
Ein Blick auf sein Headup-Display belehrte ihn aber eines Besseren. Die ihnen zugewiesene Zeit war erst zur Hälfte verstrichen. Seine Gruppe war einfach schneller gewesen.
„Von Tarnau: Gruppe Malenkov meldet schwere Panzer in Alpha, nicht aktiv. Kommando für Alpha erreicht Angriffsstatus in vierzig Sekunden. Nicht nervös werden, Leute.“
Wieder musste Andy grinsen. Das war es also. Sie alle hatten nur mit dem einen Panzertyp gerechnet, den nämlich, der ihnen bereits solche Schwierigkeiten gemacht hatte. Und der Bengel hatte seinen Angriff erst auf diese unerwartete, aber höchst willkommene Zugabe umstellen müssen.

„Von Tarnau“, kam endlich die Erlösung. „Los, los, los!“
„Los, jetzt!“, blaffte Andy und trat die Tür des Zentralgebäudes ein. Hinter ihm verging gerade die Hauptenergie in einer netten Explosion. Auf dem Rundumsichtdisplay seiner Rüstung konnte er zwei weitere Explosionen im Osten erkennen. Der Computer berechnete ihre Entfernung mit vier Kilometern.
Andy stürmte in das Gebäude, während draußen die Motoren der Panzer surrend zum Leben erwachten. Einer feuerte eine Rakete ab, und das hoffentlich nur auf einen Wachtturm.
„Von Warninger. Andy, die Türme haben autarke Energie!“
„Verstanden! Schaltet sie aus! Ist der Funk ebenfalls ausgeschaltet?“
„Ja, Ren. Wir sind drin und haben die Energieversorgung gekappt. Zwei meiner Leute bereiten den Kram gerade darauf vor, abtransportiert zu werden. Ich halte die beiden Varni in Schach, die hier Dienst getan haben, während der Rest meines Trupps die Leichtbausegmente zerlegt. Ich dachte mir, so etwas Praktisches sollten wir nicht zurücklassen.“
Baker hieß die junge Dame, die Andy auf den Funk angesetzt hatte.
„Gute Idee. Sobald die Türme erledigt sind, sollten wir die kleineren Gebäude ebenfalls abbauen. Es wäre auch eine Schande, sie hier zurückzulassen.“ An der Spitze seiner Gruppe drang Andy tiefer in das Gebäude ein.

„Tarnau, hier Tarnau. An alle Einsatzgruppen, ich rücke mit einhundert Mann in Richtung Alpha aus. Stellt euch darauf ein, dass die Reserve dünner geworden ist.“
„Was ist los, Großer Meister?“, hakte Andy nach, während er die Eingangstür beinahe aus den Angeln riss, während er sie öffnete.
„Malenkov hat Probleme. Ein Teil der großen Panzer war bemannt und gefechtsbereit. Sie haben ein paar Glückstreffer gelandet und mehrere Rüstungen mit den Flammenwerfern getroffen, die nun verrußt und sichtbar sind. Ich verstärke seine Truppen und geleite sie sicher raus.“
„Verstanden. Wie lange brauchst du, bis du da bist?“, hakte Furohata nach, der in diesem Moment Lager Ecco eroberte.
„Wir springen gerade über die Mauer… Was für ein Inferno! Gruppe Suderbruch! Lösen und auf meine Höhe zurückfallen! Gruppe Malenkov! Bringt die gefangenen gegnerischen Infanteristen hinter den Gebäuden in Deckung! Ich will nicht, dass die Besatzungen der großen Panzer ihre eigenen Kameraden rösten!“ Das dumpfe Singen abgefeuerter Mini-Raketen erklang. „Einer erledigt, da waren es noch fünf! Gruppe Stein, bringt die eroberten Panzer hier raus!“
„Alex, kommst du klar?“, fragte Andy.
„Natürlich komme ich klar! Genau für so einen Fall haben wir die Eingreifreserve doch, oder? Weitermachen wie geplant!“
Andy stutzte. Er stand noch immer im Türrahmen, blockierte so den Weg für die eigenen Leute. „Tarnau kommt klar“, sagte er schließlich. „Was anderes ist auch nicht möglich. Leisten wir unseren Teil, Leute.“ „Jawohl!“

Vor Andy stand plötzlich ein Varni, ein wirklich großer Varni. Er stand an die Wand gelehnt und hielt eine gemein aussehende Waffe in der Hand. Schweiß lief über sein Gesicht, während er krampfhaft in den Gang zielte. Er konnte sie nicht sehen, durchfuhr es den Amerikaner, der eigentlich bis zuletzt gezweifelt hatte.
Andy trat vor und umklammerte den Lauf der Waffe. Die von der Rüstung verstärkte Bewegung war aber so kräftig, daß er dem Varni die Waffe dabei entriss, ihm die Hand brach und den Lauf zerdrückte. Entgeistert starrte der fremde Soldat auf die Stelle, an der seine Waffe frei in der Luft zu schweben schien. „Li“, wies Andy einen seiner Leute an, „bring den Kerl raus.“
Er stürmte weiter, in den angrenzenden Raum und blieb so ruckartig stehen, als wäre er vor eine Wand gelaufen. Er war in einem Operationsraum gelandet. Anscheinend hatten seine Leute die vier Varni hier gerade dabei überrascht, wie sie einen Menschen sezieren wollten. Das Problem aber war, dieser Mensch schien nicht tot zu sein. Jedenfalls konnte Andy auf dem nackten Körper der Frau keine Wunden erkennen.
Wütend deaktivierte er seine Tarnung und bedrohte die Mediziner mit dem ausgefahrenen Granatwerfer seines linken Armes. „Weg von ihr, verdammt!“, brüllte er und winkte sie in eine Ecke des Raumes. Einer seiner Leute beugte sich über die nackte Frau und meldete bestürzt: „Andy, sie lebt noch. Ich messe ein Wärmefeld an. Außerdem registriert meine Rüstung das Geräusch ihres Herzschlags.“
„So was habe ich mir schon gedacht, Antoniescou. Suchen Sie mit den anderen nach weiteren Überlebenden und vor allem nach unseren Rüstungen. Wir nehmen alles mit, was wir finden können! Von Anderson. Ich brauche sofort Transporter vor dem Zentralgebäude!“
„Sie werden nicht weit kommen“, sagte einer der Mediziner plötzlich.
Überrascht sah Andy herüber. „Sie verstehen, was ich sage?“

Kurt Warninger hatte behauptet, daß die Schöpfer ihnen diese neue Sprache vielleicht nicht nur beigebracht hatten, damit sie die eigenen Sprachbarrieren hatten überwinden können. Es erstaunte Andy über alle Maßen, daß der Ältere Recht behielt.
„Natürlich kann ich Sie verstehen. Sie sprechen die Verkehrssprache der Pes Takre.“
Andy nahm den Arm mit der Waffe runter und trat einen Schritt näher an die Mediziner. „Und warum werden wir nicht weit kommen?“
„Nun“, erwiderte der Mediziner, „als die Schöpfer Sie auf dieser Welt abgesetzt haben, wurde sofort die Angriffsflotte Porma el Tars alarmiert. Das Gros unserer Streitkräfte wird in weniger als zehn planetaren Tagen wieder über Zehn Steine sein.“
„Wir werden ihn gebührend empfangen“, versprach Andy grimmig. Er aktivierte seine Tarnung erneut und trat zur Seite. „Verlassen Sie jetzt das Gebäude und gesellen Sie sich zu den anderen Gefangenen. Jeder Widerstand wird sofort geahndet. Wenn ich besonders schlechte Laune habe, werde ich Sie vielleicht ebenso sezieren wie Sie es mit der Frau versucht haben.“
„Sie verkennen unser Motiv“, erwiderte der Arzt schließlich. „Wir liquidieren keine Gefangenen. Autopsien nehmen wir nur an den toten Gefangenen vor. Diese Frau ist schwer verletzt. Sie hat innere Blutungen, die ihren Zustand in den letzten Tagesvierteln rapide verschlechtert hat. Wir wollten sie operieren.“
„Und das soll ich Ihnen abkaufen? Für wie blöd halten Sie mich, hä?“
„Wir verwenden Endoskopie, um die Blutungen zu stillen. Es kann Ihnen doch nichts schaden, wenn Sie uns drei kleine Schnitte für unsere sensiblen Operationsroboter machen lassen. Auf dem Monitor können Sie jeden einzelnen Schritt mitverfolgen.“
„Warum sollte ich das wohl tun?“, fragte Andy barsch.
„Weil sie sonst stirbt. Und wenn sie stirbt, dann wegen Ihnen.“

Unschlüssig versuchte Andy, im Gesicht des Varni zu lesen, in der fremden Physiognomie ein Zeichen von Falschheit zu entdecken. Aber es gelang ihm einfach nicht. „Alex, hier Andy. Ich habe ein Problem.“
„Schlimmer als meines?“, fragte der zurück. Im Hintergrund der Verbindung war eine Explosion zu hören, danach war Stille. „Okay, mein Problem hat sich erledigt. Lass mal deines hören.“
In kurzen Sätzen schilderte der Afroamerikaner dem Freund, was er hier vorgefunden hatte und bat um die Erlaubnis, bis zum Ende der Operation im Lager Bravo zu bleiben.
„Gruppe Malenkov, gut gemacht. Bringt die Gefangenen raus!
Andy, das schmeckt mir nicht, und mir steht es nicht zu, darüber zu entscheiden. Deine Truppe soll vorgehen wie geplant. Aber versuche, Freiwillige zu finden, die mit einem Transporter auf dich und die Frau warten, ja? Bleib nicht allein zurück.“
Erleichtert seufzte Andy. „Verstanden, Großer Meister. Danke dir. Wie sieht es übrigens bei dir aus?“
Tarnau seufzte. „Diese Riesendinger waren zäh. Malenkov zu verstärken war die richtige Entscheidung, sonst hätte es noch Verluste gegeben. Im Moment treiben wir die Varni aus dem Lager, aber wir sind noch im Zeitplan. Also sieh zu, dass du nicht zu lange brauchst.“
„Verstanden.“

Er aktivierte den Funkkreis für die Großgruppe. „Anderson an alle. Ich brauche eine Gruppe Freiwilliger, die im Lager zurückbleibt. Eine der Gefangenen braucht dringend medizinische Versorgung, und ich will, daß sie sie bekommt. Ich und die Freiwilligen werden sie und einen Teil der Operationseinrichtung nach dem Eingriff abtransportieren. Ich bitte um Meldungen.“
Seine eigene Gruppe meldete sich geschlossen, ebenso die von Kurt. Eigentlich meldeten
sich alle, sogar die Beyonder, die bereits in den eroberten Panzern steckten. Andy entschied sich für seine und Kurts Gruppe.
„Beginnen Sie“, wies Andy den Arzt an. Sofort trat das Team wieder an den OP-Tisch heran. Auf einen Sensordruck hin legte sich ein feines Energiefeld um die nackte Frau. „Eine Desinfektionsmaßnahme“, erklärte der Sprecher der Ärzte.
Der nickte nur. „Weiter, Doc, weiter. Also, Gruppe Warninger bleibt hier und bewacht den letzten Transporter. Gruppe Anderson sichert dieses Gebäude. Und haltet die Augen offen. Ich erwarte von euch, daß Ihr eher verschwindet als euch einer Gefahr auszusetzen.“

Die Zeit, die der Chronograph in seinem Headup-Display anzeigte, verstrich unerbittlich. Noch vier Minuten, und er hatte das Ende der Zeit erreicht, die Alex jedem Kommando für den Angriff zugestanden hatte.
Leises Grollen drang von draußen herein und sofort unterbrachen die Ärzte den Eingriff. Auf den Monitoren war zu sehen, wie ein feines Robotgelenk dabei innehielt, den Riss in einer Arterie im Leib der Frau zu flicken.
„Was?“, fragte Andy verwundert. „Machen Sie weiter.“
„Wir wollen nur sichergehen, daß dort draußen keine Soldaten liquidiert werden, die sich ergeben haben.“
Andy winkte ab. „Keinesfalls. Wir sind keine Monster. Wir zerstören nur das, was wir nicht mitnehmen können oder nicht brauchen. Was da gerade explodiert sind die Gefechtspanzer Ihrer Infanteristen. Ihre Leute werden von meinen Teams aus dem Lager gebracht, um uns noch etwas Zeit zu verschaffen. Kein Angst, wir werden nicht die gesamte medizinische Ausrüstung mitnehmen. Und wir überlassen Ihnen auch genügend Vorräte, um bis zum Eintreffen dieses Pormas zu überleben. Mein Wort drauf.“
„Ich glaube Ihnen“, sagte der Arzt schließlich und wandte sich wieder der Patientin zu.

„Wir sind dann soweit“, meldete Kurt. „Das Team hat siebenunddreißig Überlebende gefunden. Ich schicke sie mit unseren Truppen raus. Es steht übrigens ein Laster für dich bereit.“
„Sehr gut. Was machen die Varni vor dem Lager?“
„Hier Kelal. Die Varni verhalten sich ruhig. Sollten sie was Dummes anstellen, melde ich mich.“
„Verstanden. Ich brauche hier noch zwei Minuten.“
„Von Tarnau. Andy, wir ziehen unsere Einheiten jetzt zurück. Ich warte genau eine halbe Stunde am Sammelpunkt auf dich, nicht eine Minute länger, hörst du? Und wenn du nicht kommst, wirst du uns suchen müssen. Ich werde dann das Hoffnungstal evakuieren.“
Wenn er nicht kam und der Grund keine Verspätung war, erkannte Andy, dann war er auf irgendeine Weise von den Varni gefangen genommen worden. Und dann stellten er und seine Leute eine Gefahr für alle Beyonder dar. „Hey, Großer Meister, wir kommen schon, keine Bange.“

„Das war es auch schon“, sagte der Wortführer der Varni-Ärzte und strich sich müde über sein Gesicht. „Die Patientin braucht jetzt Ruhe, aber wie ich der Kommunikation mit Ihrem Alex entnehmen konnte, haben Sie es eilig. Das kann sich negativ auf den Zustand meiner Patientin auswirken.“
Für eine Sekunde wusste Andy nicht, was er sagen sollte. „Mein... Alex? Ach so, Sie meinen, das wäre ein Rang. Nein, Alex ist sein Name.“
„Interessant. Und welchen Rang bekleidet er?“
„Welchen Rang? Ich weiß nicht, Großer Meister?“
„Gut. Großer Meister. Bitten Sie ihn um Erlaubnis, dass ich meine Patientin begleiten darf, um ihre Genesung nicht zu sabotieren. Im Ausgleich bitte ich Sie, die medizinischen Geräte selektieren zu dürfen, die Sie mitnehmen. Verstehen Sie mich richtig, Sie haben keinerlei Ahnung davon, welche Geräte Sie mitnehmen sollten und welche nicht. Welches Gerät was bewirkt und wie. Ich werde Ihnen ein komplettes Set für ein Feldlazarett zusammenstellen, ohne dieses Lager von allen Ressourcen zu entblößen. Es könnte Ihnen Pluspunkte bei Ritter el Tar einbringen.“
Ein Arzt war immer eine gute Sache, fand Andy. „Okay, wir reden unterwegs. Zeigen Sie die Geräte, die wir mitnehmen sollen und sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen sich draußen zu den Soldaten scheren.“
„Nein, das lasse ich nicht zu! Wenn Hauptarzt ar Zykarta geht, werde ich ihn begleiten!“
„Da Ventor, beherrschen Sie sich!“
„Das sind doch Wilde, von den Schöpfern willkürlich in diese Rüstungen gesteckt! Wer weiß, was die mit Ihnen machen werden? Wenn Sie sterben, werden Sie es nicht allein.“
„Nichts da!“, rief Andy barsch. „Nur der Doc. Laroche, Duke, bringt sie alle raus, alle, auch diesen Möchtegernhelden da Ventor.“
Der Kraft der Rüstungen hatten die varnianischen Ärzte nicht viel entgegenzusetzen. Trotzdem versuchte es da Ventor und scheiterte.

Andy spürte Respekt für ihn in sich keimen. „Ein dummer Kerl, aber tapfer.“
„Ja, das ist er wohl“, meinte der Chefarzt des Lagers leise. „Vielleicht ist er aber auch nur ein Spitzel des Pes Takre, und hat versucht, in meiner Nähe zu bleiben, um mich im Notfall umzubringen.“
„Wie bitte?“ Der Amerikaner war überrascht.
„Schon gut“, wehrte ar Zykarta ab. „Sie werden diese Diagnoseeinrichtungen brauchen, dazu den mobilen OP. Wir haben ihn bereits auf die Physiognomie unserer Gefangenen eingestellt. In diesem Schrank befinden sich Arzneien, die wir provisorisch an sie angepasst haben.“
Leise gab der Chefarzt seine Anweisungen, Andys Leute führten sie aus. Letztendlich leerte sich das Gebäude um die Hälfte seines Bestandes.

„Von Tarnau. Andy, die halbe Stunde ist gleich um. Komm jetzt!“
„Hier Anderson, Großer Meister. In einer Minute sind wir hier raus.“
„Dein Wort in L´Tarks Ohr“, brummte Alex besorgt.
„Der Gnom hat Ohren?“
„Zuhause, in der Vitrine“, sagte Alex.
Andy konnte nur den Kopf schütteln, während er sich auf die flache Pritsche des Transporters schwang. „An deinem Humor müssen wir aber noch arbeiten, Mann.“
Tarnau lachte zur Antwort. „Später, auf der Erde. Beim Bier...Mann!“
***
Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, als ich zum ersten Mal in meinem Leben einem Varni von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand.
Immerhin war dies ein Angehöriger des Volkes, welches mich und meine Freunde ohne jede Warnung gejagt, gehetzt und getötet hatte.
Ich gebe zu, mein erster Eindruck des Arztes Colm ar Zykarta war schlicht und einfach überwältigend. Alleine seine Größe von fast drei Metern war beeindruckend. Aber da war noch viel mehr. Ihn umgab eine Aura des Geheimnisvollen, etwas faszinierendes, was durch die Ähnlichkeit zu uns und ebenso durch die kleinen Unterschiede erst noch verstärkt wurde.
Damals hatte ich noch nicht ahnen können, wie sehr mich das Treffen mit ihm prägen würde.
Ich gebe zu, in den ersten Stunden nach seiner Ankunft im Hoffnungstal hegte ich große Angst um sein Leben. Am liebsten hätte ich drei, vier Gruppen zu seinem Schutz abgestellt, um ihn vor verständlichen Racheakten unserer Leute zu bewahren.
Aber es erwies sich als vollkommen unnötig. Obwohl der lange Weg ihn erschöpft haben mußte, setzte Colm die Behandlung seiner Patientin aus Lager Bravo fort. Am nächsten Tag widmete er sich mit beinahe unerschöpflicher Energie weiteren Verletzten.
Die Rüstungen konnten uns zwar selbstständig zusammenflicken und kampfbereit halten. Aber was ein gut ausgebildeter Arzt wert war, lernte ich an diesem ersten langen Tag mit dem Varni. Schnell hatte er sich in de mittlerweile entstandene Gruppe von über vierzig Freiwilligen eingefunden, die ein Medizinstudium begonnen hatten, als Schwestern oder Pfleger ausgebildet waren oder zumindest über den guten Willen zum helfen verfügten. Ebenso schnell übernahm ar Zykarta mit seiner langjährigen Erfahrung die Leitung unseres Lazaretts. Die Tage darauf versorgte er seine ambulanten und stationären Patienten und lenkte seine Ärzte und Pfleger mit einer Freundlichkeit, die jeden für ihn einnahm. Bereits am zweiten Tag zog ich seine persönliche Wache ab.
Ich glaube, es war in dieser Zeit, daß der Varni sich meinen und den Respekt der anderen BEYONDER erarbeitete.
Wenn  seine Arbeit getan war, verließ Colm den aus dem Lager Bravo geklauten Fertigbau und trat ohne Angst mitten unter die anderen. Natürlich fiel der Riese auf wie ein Eisbär unter Pinguinen, natürlich hatte Martha mittlerweile alle BEYONDER über das Aussehen der Varni informiert. Natürlich erkannten sie ihn. Aber sie begegneten dem Arzt nicht mit Angst. Nein, es war eine geradezu kindliche Neugier, mit der sie immer wieder an ihr heran traten, ihn vorsichtig berührten und versuchten, ihn in Gespräche zu verwickeln. Jeden Abend bildete sich eine beachtliche Traube um ar Zykarta, und der Gigant stellte sich ihren Fragen, Gedanken und Träumen.
In solchen Momenten  wusste ich, daß die Menschen den Varni trotz all dem Kampf, all dem Leid in ihre Herzen aufgenommen hatten, und ich betete das erste Mal seit langer Zeit wieder um etwas: Das uns dieser Varni niemals verriet. Das seine offene Art, sein Verständnis keine Lüge war.
(Interaktive Aufzeichnung aus dem Gefechtspanzer von Alex Tarnau.)
**
Tag fünf:

Die Mission war ein Erfolg gewesen. Die Beyonder hatten die fünf Forts erobert, gefangene Kameraden befreit und zurück ins Hoffnungstal geschafft und ansonsten alles gestohlen, was sie in die Finger kriegen konnten. Bereits am nächsten Morgen hatten Beyonder, die nicht gekämpft hatten, aus den Fertigbausegmenten eine kleine Siedlung errichtet, in der Tarnau sofort ein Büro bezogen hatte. Auch ein Lazarettkomplex war so entstanden, in denen es sogar von den Varni gestohlene Betten gab. Vor allem die Gefangenen und die Verletzten der Schlacht im Wald waren dort untergebracht worden.

Der Beweis, dass sie den Varni überlegen waren, war erbracht worden. Nun aber stand eine weitere Entscheidung aus, und ehrlich gesagt fürchtete sich Alex Tarnau davor, als er in die hoch stehende Mittagssonne blinzelte.
„Ich rufe noch mal den Rat der Großgruppensprecher zusammen. Sie werden Ihren Gruppenführern jetzt bitte auftragen, ihre Leute nach deren Meinungen zu befragen. Kämpfen wir? Ja oder nein? Die Anzahl der Ja- und Nein-Stimmen leiten Sie bitte über die üblichen Verbindungen an die Kommunikationsgruppe weiter. Ich erwarte von jedermann, daß er sich dem Mehrheitsbeschluss fügen wird, egal, wie der ausfallen wird und egal, wofür er sich selbst entschieden hat. Tarnau Ende.“

Obwohl die Abstimmung über das Funknetz der Gruppenkreise abgehalten werden würde, brach im Tal hektische Aktivität aus. Gruppen fanden zusammen und diskutierten miteinander. Und die ersten Stimmen trafen ein.
„Sag mal, ist das so klug?“, zweifelte Andy. „Mann, wir wissen doch beide, daß die Schöpfer und ihr Krieg unsere einzige Fahrkarte nach Hause sind. Was wirst du tun, wenn die Mehrheit dagegen ist?“
Alex zuckte die Achseln. „Nun, da wäre erst einmal die Aggression. Angeblich haben wir alle eine Menge davon. Dazu kommt, daß viele sich noch sehr lebhaft an die Schlacht im Wald erinnern und nichts lieber tun würden, als es den Varni mal so richtig zu zeigen. Die Chancen stehen also verdammt gut.
Andererseits, wenn sich die meisten gegen den Kampf entscheiden, werde ich mit gutem Beispiel vorangehen und den Mehrheitsbeschluss akzeptieren. Irgendwie werden wir dann schon einen Weg nach Hause finden.“
„Ren, wollen Sie abstimmen?“, fragte Martha leise über die direkte Komm-Verbindung.
„Jede Stimme zählt, Martha. Ich stimme mit Ja.“
Ein paar Augenblicke später war das Ergebnis da. Tarnau ließ es sich auf sein Headup-Display einblenden. Er nickte grimmig und sah in die Runde. Viele der Rüstungsträger hatten ihre Visiere hochgefahren und blickten ihn erwartungsvoll an. Er erkannte in den Augen Neugier, Kampfeslust, aber auch Angst und Verzweiflung.
Schließlich drehte Alex sich zum Schöpfer um und sagte: „Herold, Sie haben Ihre Armee.“

Schweigen erfüllte für einen Moment das Tal. Schließlich trat Jaques Vaillard, der sich zum Sprecher der Großgruppenführer entwickelt hatte, vor. Er ließ sein Visier auffahren und musterte Tarnau. „Die Beyonder haben entschieden. Wir werden das Pes Takre hier auf Zehn Steine aufhalten.
Die Großgruppenführer und ich sind in einem Punkt einer Meinung. Wir legen alle militärischen Belange bis auf weiteres in die Hände von Alex Tarnau, bis wir die Verfassung der Beyonder ausgearbeitet haben. Danach werden wir einen Anführer wählen.“
Vaillard trat vor, berührte den Deutschen an der Schulter. „Und ich habe so eine Ahnung, wer der Anführer sein wird. Gut gemacht, Alex Tarnau. Jetzt bin ich mir sicher, dass wir nach Hause kommen werden!“
Alex starrte den anderen konsterniert an. Nur mühsam fand er seine Stimme wieder. „Ich danke dir, Jaques Vaillard. Ich gebe mein Bestes.“
„Das weiß ich jetzt, Alex. Und deshalb unterstütze ich dich.“ Er wandte sich der Menge der Rüstungsträger zu. „Gemeinsam schaffen wir es!“
Lauter Jubel brandete auf, erfüllte das Tal, stürmte über die Gruppe um Tarnau hinweg und ließ ihn erschauern. Dann begannen die ersten seinen Namen zu skandieren.
Alex fühlte sein Herz wild schlagen. Einige mochten es als Lob empfinden, wenn ein paar Tausend Menschen laut Tarnau, Tarnau riefen, aber für ihn war es etwas anderes. Ein Auftrag, eine Verpflichtung, so viele wie möglich von diesen gezwungenen, entführten Menschen wieder nach Hause zu bringen. Übergangslos spürte er die schwere Last der Verantwortung auf seinen Schultern lasten. Wenn nur die Verfassung schon fertig wäre, dann hätte man ihm eine größte Last, nämlich diese Gemeinschaft zu strukturieren von den Schultern genommen.
„Ich gebe mein Bestes“, sagte er leise. Doch insgeheim hatte er Angst, nicht groß genug dafür zu sein, um die Beyonder anzuführen.
***
Spät in der Nacht saß Alex in seiner Gefechtsrüstung auf dem Gipfel eines Hügels, drei Kilometer vom Hoffnungstal entfernt. Er studierte die virtuelle Datei mit den Verhaltensmaßregeln, die von der Versammlung der Großgruppenführer ausgearbeitet worden war. Besonders beeindruckten ihn die Passagen, die es jedem einzelnen erlaubten, seine Gruppe jederzeit zu verlassen und sich einer anderen Gruppe anzuschließen oder eine eigene Gruppe zu gründen. Alex sah darin genauso viel Gutes wie Schlechtes, und er hoffte, das Gute würde überwiegen.
Andy kam den Hügel hoch und setzte sich neben ihn. „Und, Großer Meister, wie geht es jetzt weiter?“
„Frag mich mal was Leichteres.“ Alex nickte in Richtung des Hoffnungstals. „Da hinten sind über zwanzigtausend Menschen, zwanzigtausend Individuen, die alle ein Leben auf der Erde hatten. Sie wissen nicht wo sie sind, sie wissen nicht einmal wann sie sind und...“
„Moment mal, wieso wann?“, unterbrach ihn der Afroamerikaner verdutzt. „Kurt hat auch so was gesagt, aber ich werde nicht ganz schlau draus.“
Der Europäer legte sich auf den Rücken und verschränkte die gepanzerten Arme hinter dem Kopf. „Na, denk doch mal nach. L´Tark hat gesagt, sein Volk besitzt die Technik, um im Hyperraum zu reisen. Und du hast sicher genügend Science Fiction gesehen, um dir unter diesem Begriff was vorstellen zu können. Aber wie bereisen sie den Hyperraum? Frieren sie sich ein? Oder zwitschern sie einfach mal so in dieses fremde Kontinuum, fliegen eine halbe Stunde rum und haben im Normalraum hundert Lichtjahre zurückgelegt? Was, wenn die Realität verzerrt wurde? Ich meine, was wenn die Reise für uns wirklich nur ein Monat war, auf der Erde aber ein Jahrhundert vergangen ist? Lohnt es sich dann überhaupt noch zurückzukehren?“
Andy nickte schwer. „Hoffen wir das Beste.“
„Na, auf jeden Fall haben wir jede Menge Probleme am Hacken. Und weil ich meine große Klappe mal wieder nicht halten konnte und mich schon wieder in den Vordergrund gedrängelt habe, kleben sie vor allem an meinem.
Was ist mit dir? Du hast mir doch heute Morgen erzählt, daß du Cop bist. Und sonst? Hast du Familie? Eltern, Großeltern, Geschwister? Eine Freundin vielleicht? Diese zwanzigtausend da hinten, wer weiß schon, was man ihnen genommen hat, als man sie hierher beförderte. Dazu kommt auch noch, daß sie bis an die Zähne bewaffnet sind. Wenn einer, nur ein einziger durchdreht, kann er ungeheuren Schaden anrichten. Und wie stellt sich der Herold das vor? Stellt ein paar tausend Menschen zusammen, steckt sie in High Tech-Rüstungen, nach denen sich die Militärs der Erde die Finger lecken würden und behauptet, daß sie alle sehr aggressiv sind und deswegen dazu geeignet, die Varni aufzuhalten. Warum haben sie nicht versucht, eine reguläre Armee zu bekommen? Zwanzigtausend Mann sind doch nun wirklich nicht soviel, jeder Staat der Erde hätte sie zur Verfügung stellen können. Die Schöpfer wollen sie ja sogar bezahlen. Eine organisierte Truppe mit straffer Hierarchie hätte hier einiges leisten können. Und vor allem wäre sie freiwillig hier!“
„Ich will ja nicht meckern, aber gestern hat es doch gut geklappt.“
„Ha! Gestern war doch gar nichts. Wir hatten eine Menge Glück, das hast du ja am Lager Alpha gesehen, als ich Malenkov zu Hilfe gekommen bin.
Und außerdem, was glaubst du, wie viele von unseren Leuten wirklich ihre Waffen abfeuern können, wenn es sein muß? Wie viele werden plötzlich geil aufs töten, wie viele werden sich zu Moralaposteln erheben? Weißt du, was alles schief gehen kann?“

Andy seufzte. „Wir werden uns als Anfang einen Anführer wählen. Dieser Anführer wirst du sein. Daran habe ich genau wie Vaillard keinen Zweifel.“
„Ja, weil ich laut und deutlich hier geschrieen habe, als einer gebraucht wurde, um Ordnung in dieses Chaos zu bringen.“
Andy grinste. „Nein, deshalb nicht. Darf ich dich mal zitieren? Weil du der einzige bist, dem etwas daran liegt, daß wir aus dieser Scheiße wieder rauskommen.“
„Alles klar, ich besorge mir einen Heiligenschein. Oder soll ich mich gleich zum Kaiser ausrufen lassen?“, erwiderte Alex mit zynischem Ton in der Stimme.
„Zwanzigtausend Untertanen sind doch etwas erbärmlich für einen Kaiser. Versuchs erstmal mit Baron oder so“, erwiderte Andy spöttisch.
„Witzbold.“
„Ich habe mit dem Kram nicht angefangen, Großer Meister. Jedenfalls, du wirst unser Anführer. Du wirst dir einen Beraterstab wählen. Dazu werden sicherlich ich und Kurt gehören. Außerdem werden wir die Versammlung der Großgruppensprecher beibehalten. Du wirst dich vor ihnen für alles was du tust rechtfertigen müssen. Anschließend sollten wir ein wenig Ordnung in die Sache bringen.
In einem Punkt hast du Recht, Alex Tarnau, wir alle hatten unsere Leben auf der Erde, und es wird wohl Zeit, daß wir das nutzen. Wir sollten dem Beispiel der Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte folgen und die Berufssoldaten organisieren. Dazu ehemalige Wehrpflichtige. Ich bin sicher, wir haben von denen ein paar. Dann müssen wir uns ansehen, was wir noch so bei uns haben: Verwaltungsleute, Cops, Anwälte, den ganzen Kram eben. Dazu kommen Hobbys, Mann. Extremsportler sind uns hier sicherlich sehr nützlich. Und ein Feierabendelektriker kann uns sicher auch unterstützen. Wir werden eben versuchen müssen, jedem etwas zu geben, was er kann.“
„Das wird ein hartes Stück Arbeit, Alter. Außerdem sind da immer noch die Varni, die jetzt wissen, daß die Schöpfer wieder mal wen angeworben haben. Sie werden uns hart auf der Pelle sitzen. Porma el Tar ist auf dem Weg zu uns.“
„Da hast du wohl Recht. Aber du musst die Arbeit ja nicht alleine machen.“ Andy klopfte dem anderen mit seiner gepanzerten Hand auf den Rücken.

Alex lächelte den Freund flüchtig an. Freund? Ja, so war es wohl. „Danke, Alter. Wenn wir wieder auf der Erde sind, spendiere ich dir ein Bier.“
Andy grinste frech. „Ich nehme dich beim Wort. Und jetzt komm zurück ins Tal. Auch du brauchst etwas Schlaf, Alex Tarnau. Um den Heiligenschein kümmern wir uns Morgen.“
„Sehr witzig“, brummte Alex beleidigt und trottete neben dem großen Amerikaner her, zurück ins Hoffnungstal, zurück in die Ungewissheit.
**
Tag acht:

Die junge Frau lächelte schüchtern, als sie den Mann vor sich ansah. Sie trug die Rüstung der Beyonder, verzichtete aber auf den zweiteiligen Helm. „Bist du soweit, Roger?“, fragte sie besorgt.
Der Mann in der voll funktionsfähigen Rüstung nickte ihr zu. „Ich habe dich genau im Blick. Sag Bescheid und wir legen los.“
Sie warf einen Seitenblick zu einer anderen Frau in einer Gefechtsrüstung, die aufmunternd nickte.
„Nur zu, Tin-Tin, ich werde alles was Roger mit seiner Rüstung erfasst, sofort in das Kommunikationsnetz einspeisen. Ich finde es eine großartige Idee, dass du und Roger so etwas tun wollt. Seit wir wissen, dass wir das Netzwerk der Beyonder auch als dezentralen Speicher benutzen können, schreit es ja geradezu nach einer Idee wie dieser.“
„Danke, Martha.“ Die junge Asiatin lächelte wieder schüchtern und sah auf die andere Seite, wo ein ungehaltener und unterkühlter Doitsu Furohata starr geradeaus sah.
Sie schluckte noch einmal heftig. „Zähl an, Roger.“
Der Mann, der mit seiner Rüstung Kamera spielte, zählte einen Countdown runter. „Drei… zwei… eins… On.“
Martha bestätigte die Verbindung.
Nun wurde es ernst.
Durch die schlanke Frau ging ein Ruck. „Hier ist eure Tin-Tin, liebe Beyonder. Nun, vielleicht bin ich noch nicht eure Tin-Tin, denn Ihr kennt ja mich und meinen Kameramann Roger noch gar nicht. Aber ich würde mich freuen, wenn euch unsere Arbeit gefällt. Zusammen mit Martha planen wir, regelmäßig Aufnahmen in das allgemeine Netz zu stellen, in denen wir über Interessantes berichten, wichtige oder besondere Menschen interviewen und euch eine Basis für Diskussionen bieten.“
Roger pfiff anerkennend. Die nervöse Tin-Tin von vorhin und die vor der Kamera bei laufender Aufnahme waren zwei verschiedene Menschen, so schien es. Diese hier war selbstsicher, souverän und hatte ein wirklich süßes Lächeln.
„Mein erstes Interview habe ich mit Doitsu Furohata, Anführer der Erkundungsgruppe, persönlicher Vertrauter von Alex Tarnau und Held der Aktion gegen die Waldforts.“
Tin-Tin trat einen Schritt auf den mürrischen Japaner zu. „Doitsu, hallo.“
Für einen Moment schien es als wolle Furohata sie ignorieren. Doch schnell begann er höflich zu lächeln. „Hallo, Tin-Tin. Darf ich zuerst sagen, dass ich deine Idee toll finde? Ich glaube, dies hier hat uns allen gefehlt, seit wir auf Zehn Steine erwacht sind. Und ich bin sicher, die anderen Beyonder werden deine Idee sehr positiv aufnehmen.“
Tin-Tin lachte glockenhell. „Na, du bist mir ja ein Charmeur, Doitsu Furohata. Es würde mich wirklich sehr freuen, wenn viele Beyonder diese und alle anderen Sendungen zu schätzen wissen und diese Idee aufnehmen und weiter entwickeln. Im Netz steckt noch sehr viel Potential, das wir noch gar nicht entdeckt haben.
Aber zurück zu dir. Doitsu, du hast das erste Waldfort entdeckt. Man sagt sogar, du hast dich mit einem Trick bis in ihr Lager geschlichen. Was stimmt daran?“
Der Japaner lachte nervös. „Bausch das bitte nicht so auf. Ich bin Chef der Späher, seit Alex Tarnau mich dazu gemacht hat. Es ist meine Aufgabe. Also erfülle ich sie so gut ich kann. Gut, ich habe die Forts entdeckt. Aber es war eher Zufall, dass gerade ein Panzer in meiner Nähe hielt. Als ich auf die Aufbauten sprang, habe ich nicht wirklich damit gerechnet, dass er mich direkt bis in eins der Forts fahren würde.
Und ehrlich gesagt, die Stunde, die ich im Fort verbringen musste, bis ein anderer Panzer es verließ war die nervenaufreibendste meines Lebens. Mit unseren Rüstungen sind wir zwar unsichtbar, aber wir sind nicht verschwunden. Ein Rempler, eine umstürzende Tonne, Fußspuren, die aus dem Nichts entstehen… Kurz, es war sehr schwierig.“
„Wow. Sehr schwierig halte ich da noch für eine Untertreibung“, sagte Tin-Tin und sah den Japaner mit großen Augen an. „Du hast ein mittleres Wunder vollbracht.“
„Quatsch“, erwiderte Doitsu. „Ich tue nur meine Pflicht. Das ist, was Alex von mir erwartet, und ich übrigens auch von mir selbst. Nur wenn ich volle Leistung bringe, kann sich Alex auf mich verlassen. Und nur dann leiste ich meinen Teil, damit wir alle nach Hause kommen. Damit wir alle überleben, wenn der Kriegstross el Tars kommt.“
„Stimmt, der steht uns ja noch bevor.“ Tin-Tin nickte gewichtig. „Aber ich bin sicher, wir werden mit ihm fertig. Wir sind erst acht Tage her und schon hat Tarnau uns alle organisiert. Was wird er da erst in einem Monat schaffen? Und mit Freunden wie dir wird er es schaffen. Vorausgesetzt, wir anderen geben ebenfalls unser bestes.“
„Freunde?“, ächzte Furohata verlegen. „Nein, ich gebe zu, ich bewundere Alex seit unserer gemeinsamen Zeit im Waldland, aber…“
„Dann eben Vertrauter“, wies Tin-Tin den Einwand geschickt ab. „Aber mal was anderes, Doitsu, hast du eigentlich eine Frau auf der Erde? Oder eine Freundin unter den Beyonder?“
Erschrocken riss der Japaner die Augen auf. „Was? Freundin? Nein, ich… Nein, nicht hier und nicht auf der Erde.“
Tin-Tin wandte sich wieder Roger zu. „Ein heißer Tipp für euch Frauen da draußen. Doitsu ist noch zu haben. Ich denke selbst gerade daran, mir diesen coolen Typen zu schnappen.“
Sie zwinkerte der Aufnahme zu.
„Hey, Tin-Tin, ich bin ja auch noch da“, beschwerte sich Roger gespielt.
„Keine Angst, Roger, ich bleibe dir treu. Wer soll sonst die nächste Reportage aufnehmen?
Doitsu, danke für deine Zeit.“
„Gern geschehen, Tin-Tin.“
„So, das war es auch schon. Aber freut euch schon mal auf die nächste Reportage von Tin-Tin…“
„…und ihrem treuen Kameramann Roger.“
„Zwei… eins… Off. Gratuliere, Ihr zwei. Das war eine sehr gute Arbeit“, lobte Martha Wong.
Tin-Tin brach übergangslos der Schweiß aus. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer sein würde.“
„Willst du die Idee etwa wieder fallenlassen?“, fragte Roger besorgt.
„Was? Bist du verrückt? Bei dem Spaß, den wir hatten? Niemals! Hütet euch, Beyonder, jetzt kommen Tin-Tin und Roger und stellen eure Welt auf den Kopf!“
„Das glaube ich euch aufs Wort“, murmelte Furohata mit einem stillen Lächeln.


4. Tag elf: Verharren

An diesem Morgen war Alex Tarnau schon früh auf den Beinen. Obwohl Martha Wong und ihre Kommunikationsgruppe in der Lage waren, die Neuankömmlinge zu betreuen, ließ es sich Alex nicht nehmen, ebenfalls mit ihnen zu reden. Die Verletzten zu besuchen. Und natürlich die Beute einzusehen. Er war noch in den frühen Morgenstunden des sechsten Tages vom Rat der Großgruppenführer als Anführer bestätigt worden und wollte seinem Amt, das er bisher der Form halber erfüllt hatte, mit allem Ernst und seiner ganzen Kraft nachgehen.
Der Große Herold hatte versprochen, sämtliche Waffen die in den Besitz der Beyonder gelangten, um den Faktor zehn zu verbessern.
Dass sie es konnten, zeigten die Gefechtsrüstungen, die den Beyonder von den Schöpfern überlassen worden waren. Die Varni-Rüstungen, aus denen die Beyonder-Rüstungen entwickelt worden waren, wirkten bei näherer Untersuchung mehr wie besser gepanzerte kugelsichere Westen denn wie die effektiven Kampfrüstungen der Gestrandeten. Was also würden die Schöpfer erst mit den Kampfpanzern anstellen? Der Gedanke faszinierte ihn, trotz der Lage, in der sie alle steckten.

Die Teams hatten fast hundert Überlebende aus den Forts befreit. Einige von ihnen waren verletzt, manche lebensgefährlich schwer. Weitere dreihundert mussten von den Varni im Gefecht am Tag ihrer Ankunft getötet worden sein.
Ohne Kriegserklärung, ohne Provokation, einfach nur aus der Tatsache heraus, dass Schöpferschiffe die Menschen hier abgesetzt hatten.
Alex schüttelte den Kopf. Von einem normalen Leben auf der Erde fortgerissen, um in einem interstellaren Krieg zu dienen, gegen einen zahlenmäßig weit überlegenen Gegner auf einer unbekannten Welt war Wahnsinn. Wahnsinn, für den er nun verantwortlich war.

Ihre einzige Chance, das hatte Alex schnell erkannt, war von den effektiven Rüstungen abzukommen. Gewiss, sie waren gut, sogar gut genug, die Panzer der Varni zu vernichten.
Aber über dreihundert tote Beyonder zeigten, wie schnell sie alle getötet werden konnten, wenn die Varni sie nur richtig zu packen bekamen. Nicht nur die Beyonder waren lernfähig. Und die Varni hatten die Rüstungen der Toten und Gefangenen viel zu lange in der Hand gehabt, um nicht daraus zu lernen.
Außerdem, nur Verzweifelte griffen Panzer mit Infanteriewaffen an.
Sie brauchten ebenfalls Panzer.
Und die von den Varni eroberten Einheiten würden die Grundlage für eigene Panzereinheiten der Beyonder stellen.
Sie hatten siebzig Panzer des Typs erobert, mit denen die Varni sie am Tag der Ankunft gehetzt und getötet hatten.
Dazu zwanzig Panzer von einem bis dato unbekannten, größeren Typ.
Nach einer recht abenteuerlichen Fahrt hierher ins Gebirge wusste Alex auch, wieso dieser Typ bisher nicht aufgetaucht war. Die große Maschine war einfach zu steif, zu ungelenk, um mit annehmbarer Geschwindigkeit durch die Engpässe eines Waldes oder eines Gebirges zu kommen. Sie verfügte zwar über einen Antrieb, der nichts mit Rädern oder Ketten zu tun hatten. Groß und schlecht zu handhaben blieb sie dennoch.

Andy hatte den kleineren Panzer Wolf getauft. Malenkov, dessen Team im Lager Alpha die großen Panzer entdeckt und erobert hatte, nannte die großen Panzer Rhino.
Die Bewaffnung bestand bei beiden Gefährten im Wesentlichen aus Raketen und Projektilwaffen sowie den bereits hinlänglich bekannten, weit tragenden Flammenwerfern, die ihren Rüstungen gefährlich werden konnten.
Alex war kein Waffenfachmann. Aber einer von denen, die vorgaben es zu sein, hatte ihm erklärt, dass diese Flammenwerfer kein herkömmliches Gas- und Flüssigkeitsgemisch entzündeten und  abschossen, sondern Plasma, also Material in einem Aggregatzustand, der noch über gasförmig anzusiedeln war. Dadurch wurde die Feuerlohe stark gebündelt und erreichte horrende Temperaturen.
Alex hatte sich die Rüstungsreste der Beyonder angesehen, die aus Malenkovs Gruppe in solche Flammer geraten war, dazu etliche Trümmerstücke toter Beyonder. Viele von ihnen waren geschmolzen und stark verbrannt. Einige bestanden nur noch aus einer mehrere Zentimeter starken Schicht poröser Kohle.
Angeblich sollten die Projektilwaffen aus so genannten Glattrohrkanonen feuern. Zudem sollten die Granaten intelligent sein und ihren eigenen Kurs variieren können. Was dann erst die Raketen anrichten konnten, nun, daran wollte Alex besser gar nicht erst denken.

Auf seinem Weg zu den Panzern wurde der Anführer der Beyonder von den verschiedensten Menschen gegrüßt. Freudig von den einen, schüchtern zurückhaltend von den anderen und manchmal sogar mürrisch, als wäre er, Alex Tarnau, Schuld daran, dass sie alle nun auf Zehn Steine festsaßen. Noch waren diese Menschen in der Minderzahl. Aber Alex konnte absehen, dass ihre Zahl bald wachsen würde, bis es zu offener Unzufriedenheit kommen würde.
Und damit zu einer Minimierung ihrer Möglichkeiten, jemals wieder nach Hause zu kommen. Das bedrückte den Deutschen.
Er hatte sich an die Spitze gesetzt. Er war jetzt für diese Menschen verantwortlich. Es lag an ihm, ob sie wieder zurück fanden. Zumindest die meisten von ihnen, ging es Alex durch den Kopf, als er an den Fertigbauhütten vorbeikam, die von den Angriffstrupps aus den Lagern der Varni gestohlen worden waren. Hier, unter dem Schatten großer Bäume im Hoffnungstal dienten sie als Büros und als Lazarett.
Kurz spielte er mit dem Gedanken, noch mal ins Lazarett zu gehen und mit den Verwundeten zu sprechen.
Natsumi Genda, die junge Frau aus Fort Bravo, von der Andy angenommen hatte, sie solle bei lebendigem Leib ausgeweidet werden, war vorgestern aufgewacht und hatte die neue Situation schnell erfasst. Wie es aussah, verkraftete sie die Wahrheit. Vielleicht aber konnte sie ihre Verzweiflung einfach nur tief genug in ihr Herz eingraben. Dieser Gedanke machte Alex zu schaffen, stand er doch stellvertretend für alle anderen Menschen auf dieser Welt, ihn eingeschlossen, wenn er nicht derart viel zu tun gehabt hätte, um Verzweiflung locker bis in den nächsten Monat in seinem Terminkalender zu schieben. Sehr viel früher als Verzweiflung setzte er den Krankenbesuch auf seine Liste.

Die Panzer und der zusammengeklaute Maschinenpark, bestehend aus Lastern verschiedener Größen, standen unter einem natürlichen Felsvorsprung am Rande des Hoffnungstals.
Eine Gruppe von dreihundert Beyonder wuselte schon wie jeden Tag seit der Eroberung der Waldforts seit den frühen Morgenstunden im schwarzen Unterfutter oder in Rüstungen über die Gefährte. Sie prüften die Technik, die Funktionsweise der Aufbauten und die anderen Fähigkeiten der Fahrzeuge.
Als sich vom vordersten Panzer aus einer Aufbaute eine Rakete löste und im blauen Himmel verschwand, zuckte Alex zusammen. Nicht nur er. Aus über fünfhundert Rüstungen stiegen Abwehrmaßnahmen auf.
Bei den Panzern wurde gejubelt. Der Schütze, natürlich niemand anderer als Jamahl Anderson, grinste schief, als die Anwesenden ihm begeistert auf die Schultern klopften.
Erst als der Amerikaner den Anführer der Beyonder entdeckte, verschwand das Grinsen.
„Äh, hallo, Großer Meister. Wir probieren nur die Waffensysteme aus. Du hast selbst gesagt, die Schöpfer brauchen nur ein Exemplar pro Panzer und Laster. Da können wir die anderen doch selbst einsetzen.“
Alex schluckte Schreck und Ärger runter. „Schaden kann es ja nicht. Aber macht es irgendwo vor dem Hoffnungstal. Und seht zu, dass Ihr während der Tests nicht eingesehen werden könnt. Wir haben zwar keinen Hinweis auf Satelliten der Varni im Orbit, aber das heißt nicht, dass es keine gibt.“
„Alles klar, Chef“, rief Andy und blaffte schnelle Anweisungen. Zwei Wolf und ein Rhino fuhren unter dem Felsvorhang hervor und hielten direkt vor Alex Tarnau. Andy besetzte die Wolf-Panzer mit jeweils fünf Beyonder in Rüstungen, den Rhino mit acht.
„Ich fahre mal in den Abyss. Dort dürften wir vor Ortungen sicher sein. Und wir richten keinen Schaden im Hoffnungstal an.“
„Abyss?“, fragte Alex nach.
„Äh, ein Canyon fünf Kilometer nordestlich von hier. Wir sind an ihm vorbei marschiert, als wir hierher ins Hoffnungstal kamen.
Er wurde vom gleichen Fluss ausgewaschen, der auch diesen Vorsprung und das Hoffnungstal ausgespült hat. Der Abyss ist groß genug, dass der Rhino drin manövrieren kann. Wir haben einen direkten Zugang entdeckt.“
„Fluss?“, rief Alex entsetzt und dachte an eine riesige Wasserwand, die sich aus den Bergen einmal quer durch das Tal schob und alles mitnahm, was sich in ihm befand.
„Keine Sorge, Ren“, sagte der Fahrer des Wolfs, den sich Andy ausgesucht hatte. „Ich bin Gerald Jordin aus Andys Gruppe. Ich habe Geologie studiert. Der Abrieb im Tal ist schon Jahrtausende alt. Lediglich die schmale Rinne in der Talmitte ist frisch. Vor ewigen Zeiten muss hier permanent eine Riesenmenge Schmelzwasser durchgekommen sein. Das hat sich mittlerweile erledigt. Außerdem hat es in letzter Zeit weder geregnet, noch sieht es so aus, als würden derzeit in den Bergen gigantische Schneemassen schmelzen.“
„Ich will einen Bericht dazu, Gerald Jordin. Heute noch. Und ich will einen Evakuierungsplan von dir, wohin wir uns zurückziehen können, falls es doch zu so einer gigantischen Flut kommt.“
„Willst du aus meinem Fahrer etwa deinen geologischen Berater machen?“, scherzte Andy.
„Wie du schon sagtest, Andy, wir sollten die Menschen nach ihren Berufen, Fähigkeiten und Hobbys einteilen.
Schreiben Sie den Bericht mit Ihrer Rüstung. Und schicken Sie ihn dann über die Kommunikation an Martha Wong.“
„Ja, Ren“, erwiderte der Mann freudig. Geologie schien ihm wirklich Spaß zu machen. Und dieses dämliche Ren wurde Alex wohl nicht mehr los.
Der Wolf fuhr an. Andy deutete nach hinten. „Übrigens, Großer Meister. Kurt ist da hinten und baut gerade einen Rhino auseinander. Er will wissen, wie dieser Gleitantrieb funktioniert.“
„Danke für den Hinweis, Andy. Ich wollte sowieso mit ihm reden. Wenn Porma el Tar hier in ein paar Tagen eintrifft, brauchen wir eine gute Strategie.“
„Wenn Porma el Tar hier eintrifft, brauchen wir ein verdammtes Wunder!“, erwiderte Andy und winkte noch mal zum Abschied.
Im Stillen verfluchte Alex den Freund für seine rohe, aber herzliche Offenheit. Aber ahnte er auch nur im Entferntesten, was er mit diesen Worten bei den anderen anrichten konnte? Beinahe stündlich rechnete Alex mit der Nachricht, dass sich der erste selbst umgebracht hatte. Und das dies nur der Anfang einer ganzen Serie von Suiziden werden würde.
Und dass diese feige Flucht sogar ihm gefallen könnte.
Nein, nicht ihm. Er nicht. Er durfte nicht so denken, niemals.

Als der Anführer der Beyonder zwischen den geparkten Panzern hindurch ging, passierte er eine offene Rüstung, die laut seinem Headup-Display einem Kwan gehörte, Gruppe Chu, Großgruppe Vaillard. Aus der Rüstung erklang Musik.
Alex blieb stehen. Musik? Von der Erde? Er kannte dieses Musikstück. Es war einer dieser amerikanischen Pop-Happen, die immer mal wieder aufbrachen, die Welt zu erobern und nach einem halben Jahr bereits vergessen waren.
Es war nur die Melodie, aber sie war derart gut eingespielt, dass sich Alex für einen Moment fragte, ob es einem von ihnen – also Kwan – gelungen war, einen Datenträger von der Erde fort zu schmuggeln.
Ein schlanker Asiat lachte vom nächsten Rhino herunter und grüßte. „Habe ich aufgenommen. Diese Anzüge sind unglaublich. Ich habe mit der virtuellen Datenbank gespielt und einen eingebauten Synthesizer entdeckt. Dann habe ich etwas herum experimentiert, bis es wenigstens annähernd nach Musik von einer E-Gitarre klingt. Anschließend habe ich eine Tonleiter virtuell erschaffen und auf einem Notenbuch die verschiedenen Laute und ihre Länge und Lautstärke festgelegt. Na ja, hat alles gedauert. Aber es klingt doch jetzt fast wie Don´t bother me, oder?“
Verdutzt nickte Alex Tarnau. Genau. Don´t bother me von einem Country-Sternchen, dass unbedingt auch weltweit berühmt werden wollte und dementsprechend ins Popfach gewechselt war. „Fehlt nur noch die Stimme“, brummte Alex.
Der Asiate zuckte die Achseln. „Ich habe meine eigene Stimme aufgenommen und mit dem Synthesizer herumexperimentiert. Ich habe die Stimme verändert, mehr auf weiblich getrimmt. Klingt ganz gut. Im Moment versuche ich, dem Anzug beizubringen, einen vorbestimmten Text zu singen. Klingt noch alles etwas hölzern, aber ich denke, ich kriege das hin. Aber vielleicht mache ich doch nur eine schlichte Aufnahme mit meinem Gesang und lege beides übereinander.“
Alex merkte auf. „Sie wollen mir doch nicht etwa sagen, dieser Aparillo kann mit einer Stimme machen, was er will?“
„Na, man muss ihm zeigen, was er tun soll. Aber ja, er kann dann mit einer Stimme machen, was er will.“
„Das wird nützlich sein, wenn wir irgendwann einmal akustische Codes knacken müssen“, raunte Alex mehr zu sich selbst.
Er sah zu dem Mann auf dem Panzer hoch. „Können Sie noch mehr Musikstücke erstellen? Ich meine, wenn Sie Zeit und Lust haben?“
„Ja. Natürlich. Das erste hier hat mir viel Spaß gemacht. Und solange es nicht zu Kämpfen kommt…“
„Gut. Dann machen Sie uns noch ein paar. Und schicken Sie die Musik dann zu Martha Wong. Sie soll eine Art Tauschbörse für die Musikstücke einrichten, so was in der Art wie die Datenbank mit den Interviews dieser Tin-Tin. Vielleicht können wir sie ja bald erweitern, um Bücher, Sachtexte und so.“
„Eine tolle Idee. Ich mache mich gleich dran, sobald ich hier fertig bin.“
Alex Tarnau nickte. Hatten sie hier die Chance, ein wenig ihrer Heimat wiederzubekommen? Wenn nur zwanzig weitere Beyonder so begabt waren wie Kwan, wenn sie Musikstücke ebenso gut nachstellen konnten, wenn die Synthesizer noch besser waren als Alex hoffte, dann würde vielleicht eines seiner Lieblingstücke irgendwann in der Tauschbörse zu finden sein.

„Hau ab, du störst“, brummte Kurt Warninger zur Begrüßung.
Alex, noch immer in Gedanken versunken, schreckte hoch. „Was?“
Kurt Warninger sah vom geöffneten Heck eines Rhinos auf. „Ich sagte du störst. Ich bin hier gerade mit ein paar KFZ-Mechanikern dabei, den Panzer zu zerlegen. Wir haben vor, dabei herauszufinden wie er funktioniert. Damit wir wissen, wo wir ansetzen müssen, wenn wir ihn mal reparieren müssen. Da kann ich keine Ablenkung gebrauchen, auch wenn die Rüstungen alles aufzeichnen.“
„Red du nur. Erzähl mir nicht, dass du irgendeinen Sinn hinter der Varni-Technik erkennst.“
„Oh, durchaus, Alex Tarnau, durchaus. Ich meine, diese Dinger unterscheiden sich von einem Benzinmotor wie eine Dampfmaschine von einer Turbine mit Nachbrenner. Aber es sind doch immer die gleichen physikalischen Gesetze, auf denen sie beruhen.
Manchmal werden die Gesetze gebeugt oder interpretiert, aber im Großen und Ganzen kommen wir doch immer wieder darauf zurück.
Beispiel? Wusstest du, dass amerikanische Forscher herausgefunden haben, dass die gemeine Hummel nach den Gesetzen der Aerodynamik gar nicht fliegen können dürfte? Die Flügel sind zu klein und der Körper ist viel zu klobig. Dennoch fliegt sie.
Und weißt du auch, wie die Hummel diesen Trick schafft? Sie hat eine ganz besondere Methode entwickelt, wie sie ihre Flügel schlägt. Durch diesen besonderen Schlag bekommt sie mit ihren winzigen Flügeln mehr Auftrieb, als diese eigentlich gestatten würden.
Und Voilá, das Vieh fliegt.“
„Interessant. Und das da ist deine Hummel?“
„Ich habe doch gesagt, stör mich nicht. War ja klar, dass dir Jungspund nur Unsinn einfällt.“
Kurt zwinkerte mit dem linken Auge, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen.
„Ja, da ist was Wahres dran. Ich habe vor, dich zu stören.“
Seufzend richtete sich der Australier auf. „Worum geht es?“
„Fahren können wir die Dinger ja schon. Und wie Andy gerade bewiesen hat, feuern wir auch die Waffen ab. Aber können wir diese Dinger auch in einem Gefecht einsetzen? Ich meine, ich glaube nicht, dass die fünf Forts am Waldrand alles gewesen sind, was die Varni hier zu bieten haben. Einmal ganz davon abgesehen, dass dieser Ritter el Tar auch bald eintreffen wird, wenn Colm ar Zykarta Recht behält.“
Für einen Moment wirkte Kurt bedrückt. „Entschuldige, Alex. Ich habe für einen Moment vergessen, dass dies kein Abenteuerurlaub ist, sondern dass wir alle entführt wurden und gegen unseren Willen gegen die Feinde der Schöpfer antreten sollen.
Wir werden im Nachteil sein, wenn wir die Panzer einsetzen. Ich meine, das ist die gleiche Technik, wie sie auch die Varni selbst benutzen. Ohne Vorteile für uns. Ich sehe es kommen, mit ihrer bloßen Masse werden die Varni uns erdrücken. Vielleicht sollten wir uns nur auf die Rüstungen verlassen.
Vielleicht die Panzer auch nur als Köder benutzen. Etwas in der Art. Verdammt, ist das Schade.“
Alex schmunzelte. „Einen Vorteil haben diese Babys gegenüber denen, die von den Varni gefahren werden“, erklärte er. „In unseren sitzen die Beyonder in ihren Gefechtsrüstungen, sind also doppelt geschützt.
Die Varni-Panzer können unsere Rüstungen knacken, wenn wir nicht aufpassen. Aber ich bezweifle, dass sie es durch die Panzer und die Rüstungen schaffen. Wenn wir eine entsprechende Strategie ausarbeiten, Kurt, dann sollte es uns möglich sein, die Panzer und deren Bewaffnung einzusetzen, ohne die Crew zu gefährden.“
„Hm. Conrad aus der Fabrizio-Gruppe hat mal auf einem Panzer gedient. Während seines Grundwehrdienstes. Vielleicht hat er dabei ein paar nützliche Dinge aufgeschnappt. Ich rede mal mit ihm.“
„Kurt, fangt so schnell wie möglich an, eine Strategie zu entwickeln. Und such dir ein paar Leute aus, die auf den Panzern trainieren. Mach mit Andy von mir aus eine eigene Panzergruppe auf, von mir aus eine Großgruppe oder zwei. Aber ich will, dass diese Dinger wenigstens gefahren werden können. Besser noch ist einsatzbereit, wenn wir anfangen, uns mit den Varni zu prügeln.“
Kurt Warninger verneigte sich spöttisch. „Den Wünschen des legendären Alex Tarnau wird entsprochen. Ich werde nachher mal einen Aufruf starten, wer Erfahrung mit Panzern hat. Oder wenigstens auf Zehn Steine erfolgreich gegen sie gekämpft hat. Denn wenn man weiß, wie man die Dinger vernichten kann, dann weiß man auch, wie man sich selbst verhalten hätte, um nicht vernichtet zu werden.
Aber jetzt entschuldige mich bitte. Ich will wenigstens noch herausfinden, wie viele Bauteile dieses Gerät besitzt. Es ist unglaublich. Der Panzer fliegt nicht, er schwebt. Als hätte die Schwerkraft keine Gültigkeit für ihn. Aber ich komme der Hummel schon noch auf die Schliche.“
Alex zog die Stirn kraus und verließ den Lagerplatz für die Panzer wieder. Kurt war regelrecht in seinem Element.

„Umgeben von tausenden Menschen fühle ich mich trotzdem allein“, brummte Alex leise, während er durch die Reihen der Menschen, teils im schwarzen Unterfutter, teils in ihren Rüstungen schritt. Respektvoll machten ihm die meisten Platz. Einige schnell, andere träge oder entschuldigend. Wann würde ihn der erste herausfordern? Und würde dieser jemand die Beyonder besser führen als er, oder schlechter?
Himmel, nach nicht einmal zwei Wochen war seine Führung noch kein besonders guter Maßstab. Okay, es gab da ein paar Erfolge. Er hatte über zwanzigtausend Menschen aus einer Gefahrensituation gerettet, dazu dafür gesorgt, dass über hundert Gefangene befreit worden waren. Es gab nun Unterkünfte und medizinische Versorgung über das hinaus, was die Rüstungen leisteten. Auch wenn das weder Teil seines Plans noch auf seinen Mist gewachsen war.

Die Menschen begannen sich zu organisieren. Einzelne Gruppen bildeten sich neu, doch die meisten blieben in der Konstellation zusammen, in der sie sich mitten in den Kämpfen wieder gefunden hatten. Die Kontaktgruppe um Martha Wong war mittlerweile auf ein paar Hundert angewachsen. Sie kümmerten sich um alles, den Funkverkehr, die Koordination der Spähtrupps, die Verbindungen zu den Satelliten, die über ihrer Position im Orbit schwebten, den Aufbau neuer Gruppen, die sich kurzfristig für Spezialaufgaben zusammenfanden. Halfen bei der Befragung der anderen Beyonder, um besondere Talente, persönliche Erfahrungen, Ausbildungen und Hobbys herauszufiltern, die ihnen in dieser Situation nützlich sein würden.
Ein Teilerfolg war der kleine Stab, der ar Zykarta zugeteilt worden war. Der Varni-Arzt verfügte nun über dreiundzwanzig Ärzte und Medizinstudenten, dreißig Pfleger und die Hälfte an ausgebildeten Schwestern.
Eine andere Gruppe, die bei den Panzern unter Kurt setzte sich aus Hobbybastlern, Automechanikern und Technikern zusammen.
Merkwürdigerweise aber hatten sie noch nicht einmal eine Handvoll ausgebildeter Soldaten gefunden. Und es waren durchweg Wehrpflichtige oder Reservisten, wie er selbst einer war. Oder ehemalige Zeitsoldaten. Nicht einmal annähernd genügend, um eine kleine Truppe aufzustellen, die eine gewisse Erfahrung hatte.
Aber Alex verließ sich sowieso lieber auf jene Beyonder, die bereits erfolgreich gegen die Varni gekämpft hatten.

Dies war ein Konflikt, den die Menschen so wenig wollten wie einen Konflikt jemals zuvor. Es war allerdings auch vollkommen unmöglich, ihm auszuweichen.
Natürlich, sie konnten hier bleiben, auf Zehn Steine, eine neue Kolonie gründen, die ersten Menschen im All, die fernab der Heimat ein Zuhause aufbauen würden. Eine Idee, die Alex immer dann besonders gut gefiel, wenn er daran dachte, wie viele Menschen hier draußen bereits gestorben waren. Und daran, wie viele womöglich noch sterben würden.
Aber zwei Dinge sprachen so vehement dagegen, dass selbst der allergrößte Träumer den Irrsinn dieser Idee sehen konnte.
Das erste war, dass die Schöpfer ihnen im Falle eines Erfolges die Heimreise versprochen hatten. Wer wollte denn nicht nach Hause? Zurück in sein altes Leben? Auf die Erde? Weit fort von diesem Krieg, von diesem Irrsinn?
Das zweite aber war, dass die Varni wussten, dass die Beyonder hier waren. Und sie hatten gezeigt, was mit Menschen passierte, die so unvorsichtig waren, Varni über den Weg zu laufen.
Sie waren in jedem Fall Gejagte. Mussten sich wehren, wenn sie überleben wollten. Konnte man sich vielleicht mit Porma el Tar auf ein Taxi nach Hause einigen? Möglich. Aber nur weil die Option bestand, konnte er die Beyonder deswegen nicht ins offene Messer führen und hoffen, der Ritter würde über seinen eigenen Schatten springen können.
Und selbst dann blieb das übrig, was L´Tark gesagt hatte, der Große Herold. Es gab immer noch die Varni, es gab noch immer das Pes Takre. Und es gab immer noch eine Erde, die vor Leben brodelte und geradezu danach schrie, kolonisiert zu werden.
Himmel, diese Gedanken waren so frustrierend! Sie waren so… So… Unfair.

„Alex Tarnau. Kann ich Sie sprechen?“
Der Beyonder verharrte im Schritt und wandte sich um. Neben ihm stand der Arzt Colm ar Zykarta und neigte respektvoll das Haupt.
„Was kann ich für Sie tun, Doc?“
Der Mann beugte sich noch weiter vor. „Mir ist nicht entgangen, dass sich ein Schöpfer unter Ihnen befindet. Das ist sehr interessant. Die anderen Gruppen hatten keinen Berater.“
Alex ließ das Visier auffahren. „Was haben Sie gerade gesagt?“
„Ich sehe, Sie verstehen. Darf ich Sie nun um eine halbe Stunde Ihrer Zeit bitten, Alex Tarnau? Wir müssen reden.“
Irgendwie wusste Alex vom ersten Moment an, dass ihm das, was ihm der Varni verraten würde, nicht gefallen würde. „Ja, Doc. Schießen Sie los.“
Der Riese schüttelte übertrieben den Kopf, als er versuchte die westliche Geste der Verneinung auszuführen. „Nicht hier, Alex Tarnau. Bitte folgen Sie mir.“
Der Anführer der Beyonder nickte bestätigend. „Martha.“ „Ren?“ „Ich gehe mit unserem Varni-Gast mal ein wenig spazieren. Sehen Sie zu, dass Feretti den Großen Herold beschäftigt hält.“
„Verstanden, Ren. Einmal beschäftigter Herold, kommt sofort.“
Alex ließ das Visier zufahren und musste grinsen. Was würde er nur ohne Martha anfangen?
„Wir können.“

Der Varni bewegte sich schnell. Sehr schnell. Ohne die Kraftverstärker in der Rüstung wäre es dem Beyonder nicht möglich gewesen, ar Zykarta zu folgen.
Der Varni führte den Deutschen mehrere Kilometer tief ins Gebirge, immer am Rande eines Wildbachs entlang. Die aufgestellten Posten ließen das ungleiche Gespann passieren, sobald sie Alex Tarnaus Rüstung identifizierten.
Als sie auch den letzten Wächter gute achthundert Meter hinter sich gelassen hatten, hielt der Varni an. Er sah zum Menschen herüber und sagte: „Alex Tarnau, bitte legen Sie die Rüstung ab.“
„Was bitte?“
„Ich weiß, ich bin Ihnen an Kraft überlegen und es bedeutet für Sie ein großes Opfer, auf den Vorteil zu verzichten, den Sie durch Ihre Rüstung erhalten. Aber ich bitte Sie, mir zu vertrauen.“
Die Entscheidung war in einer Sekunde gefällt. Warum sonst war Alex dem Arzt hier hinaus gefolgt?
Er legte sich auf den Boden und entsiegelte den Helm. Eigentlich waren es zwei Stücke, die Frontmaske und die Hinterkopfschale. Aber es hatte sich sehr schnell etabliert, beide Stücke quasi als eines zu betrachten. Nachdem Alex auch den Brustpanzer an den Seitenflanschen gelöst hatte, konnte er bequem heraus kriechen.

Nur mit dem schwarzen Unterfutter bekleidet stand er vor dem Arzt. „Das bringt mich auf einen witzigen Gedanken“, sagte der Beyonder grinsend. „Wie viel Scheiße kann das Unterfutter eigentlich absorbieren? Und wie schnell? Nicht, dass wir eines Tages die Helme öffnen und eine Spur der Vernichtung hinter uns her ziehen.“
Der Arzt zeigte mit keiner Regung, ob er den Witz verstanden hatte. Er blieb äußerlich ruhig, während er begann, sich zu entkleiden.
„Das Unterfutter bitte auch, Alex Tarnau.“
„Hä?“
„Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass Ihr Körper keine festen Exkremente abgibt? In der Nährflüssigkeit, welche Sie von den Schöpfern erhalten, sind Medikamente, welche Ihren Stuhl flüssig halten. In diesem Zustand ist das Futter in der Lage, alle Absonderungen Ihres Körpers zu absorbieren. Bitte legen Sie nun auch das Unterfutter ab, Alex Tarnau.“
Als der Varni nackt vor ihm stand, runzelte der Beyonder kurz die Stirn, zog aber gehorsam das Unterfutter aus. „Ich sage es Ihnen gleich, Colm. Sie sind nicht mein Typ, also machen Sie sich keine Hoffnungen“, scherzte Tarnau.
„Was? Oh. Nun, ich kann Sie beruhigen, Alex Tarnau. Sie sind auch nicht… mein Typ.
Bitte folgen Sie mir nun zu diesem kleinen Wasserfall.“

Der Außerirdische ging voran, und nach einem Moment des Zögerns folgte ihm der Anführer aller Beyonder. Das Wasser war eiskalt, aber irgendwie tat es auch gut.
In der Steinwand hinter dem Wasserfall befand sich eine kleine Ausbuchtung, in der sie beide bequem stehen konnten, ohne ständig vom eiskalten Wasser durchgewalkt zu werden.
„Bitte sehen Sie immer nur gerade aus, Alex Tarnau. Es tut mir leid, dass ich Sie derart im Unklaren gelassen habe. Aber da Sie einen Schöpfer in Ihren Reihen haben, muss ich doppelt vorsichtig sein. Es war wichtig, dass Sie Rüstung und Unterfutter ablegen, damit wir sicherstellen können, dass uns keine Abhörgeräte der Schöpfer belauschen können.“
„Aha. Und deswegen stehen wir mit dem Gesicht zur Wand. Damit man uns nicht von den Lippen lesen kann.“
„Exakt. Zudem verhindert die Wasserwand, dass aus den Kontraktionen unserer Rücken- und Nackenmuskulatur auf den Inhalt unserer Worte geschlossen werden kann.“
„Schlau, wirklich schlau. Und ich nehme an, das eiskalte Wasser sollte eventuelle Aufnahmegeräte paralysieren, die ich im Körper tragen könnte“, brummte Alex.
„Nein, für den Fall haben wir das beständige Rauschen des Wassers.“
„Da drängt sich mir doch eine Frage auf.“ Alex sah aus den Augenwinkeln zum Varni herüber. „Warum haben Sie Ihre Kleidung auch abgelegt?“
„Damit uns keine Aufnahmegeräte des Pes Takre belauschen können, Alex Tarnau.“
Der Beyonder schluckte einmal kurz und erwiderte: „Ich wette, unser Gespräch wird sehr interessant werden. Und ich wette, was ich hören werde, wird mir nicht gefallen.“

„Fangen wir ganz von vorne an, Alex Tarnau. Was wissen Sie über die Schöpfer und ihren Konflikt mit den Pes Takre?“
Kurz zögerte der Beyonder. Dann erzählte er alles, was er vom Großen Herold über den Konflikt erfahren hatte. Es war seiner Ansicht nach nichts, was der Varni nicht erfahren sollte oder durfte. Zudem befand sich der Arzt nominell in seiner Hand. Wenn er schnell genug zurück in seine Rüstung kam.
Ar Zykarta nickte, stellte kurze Zwischenfragen, nickte wieder.
„Aha. Alex Tarnau, wissen Sie, warum die Wachtruppen der Varni Sie angegriffen haben?“
„Nun, ich nehme an, weil uns ein Schiff oder mehrere Schiffe der Schöpfer hier abgesetzt haben.“
„Nein, Alex Tarnau. Sie haben nur einen Präventivschlag geführt.“
„Das ist ja wohl nichts anderes als auch passiert… Präventivschlag? Verstehe ich Sie richtig? Ist diese Verkehrssprache des Pes Takre, in der wir uns unterhalten, so feinsinnig, dass Sie das gesagt haben könnten, was ich verstanden zu haben glaube?
Sie wollen sagen, die Varni hatten bereits Menschen als Gegner, richtig? Kein anderes Volk. Menschen. Menschen wie mich.“
Der Varni nickte leicht. „Ja, so ist es. Es begann vor vier Wochen. Die Schöpfer setzten fünfhundert Menschen in diesen Bergen aus. Dies zog natürlich die Aufmerksamkeit von Ritter el Tar auf sich und er positionierte zur Sicherheit die Wachforts im Tiefland vor dem Wald, damit der potentielle Anmarschweg auf die Versorgungsfarmen gesichert war.
Leider erwies es sich als Bluff. Die Schöpfer hatten auf der anderen Seite des Gebirges noch einmal dreitausend Rüstungsträger ausgesetzt, die das gesamte Gebirge binnen einer Woche umgingen und die Farmen und Verarbeitungsfabriken vernichteten. Viele Menschen wurden getötet, der Rest floh zurück ins Gebirge.
Drei Wochen später zogen diese Menschen gemeinsam auf der anderen Seite des Gebirges ein Flussdelta hinab und griffen ein anderes Ziel an. Ein Landungsdock für unsere Hochseefabriken. Dabei erlitten sie weitere, empfindliche Verluste. Der Rest wurde versprengt. Wie viele überlebt haben, weiß ich nicht. Aber sie wurden nicht länger als Bedrohung angesehen.
Ritter el Tar zog ab und begab sich mit seinem Heertross erneut auf die Suche nach Welten der Schöpfer.
Sie können sich vorstellen, wie überrascht wir waren, als die Schöpfer keine drei Wochen später das Sechsfache an Rüstungsträgern im Wald vor den Forts absetzten.
Ich meine, direkt vor den Forts. Die Zahl war natürlich unglaublich hoch. Eine wahre Flut an Feinden. Dennoch rückten die Panzereinheiten aus und griffen mit dem Mut der Verzweifelung an.“

„Kanonenfutter“, stammelte Alex leise. „Wir waren Kanonenfutter für die Schöpfer.“
„Nein, Alex Tarnau. Die Schöpfer haben keinen Sinn für Taktik. Sie haben gesehen, der Feind ist hier. Ihre Soldaten sind da. Also haben sie die Soldaten zum Feind gebracht. Der Rest liegt nach ihrer Definition nicht mehr in ihrer Hand.
Die Anfangserfolge überraschten uns alle, die ersten Gefangenen und Rüstungsteile erschienen uns wie Geschenke. Als dann die Offensive im Wald stockte und wir erst schmerzhafte Verluste erlitten und dann einfach nicht mehr auf Feinde stießen, begannen wir das Schlimmste zu befürchten.
Doch nichts geschah. Zwei Tage herrschte Ruhe. Wie ich jetzt weiß, zogen Sie die Menschen zusammen und führten sie tiefer ins Gebirge, weg von den Truppen meines Ritters.
Dies ist eine Taktik, die ich den marodierenden, destruktiven Menschen nicht zugetraut hätte.

Als dann der Mensch Jamahl Anderson vor mir stand und ich mit erlebte, wie respektvoll er die von ihm besiegten Varni behandelte, sich sogar um das Leben einer verletzten Kameradin sorgte, für sie ein Risiko einging, wandelte sich das Bild der Menschen für mich.
Sie wissen, dass die Schöpfer Sie benutzen, Alex Tarnau.“
Der Beyonder nickte.
„Und Sie wissen jetzt, dass Sie nicht die einzigen Menschen auf dieser Welt sind. Sie sind nur erst die dritte Gruppe, welche die Schöpfer hier ausgesetzt hat.
Zehn Steine hat fünf Kontinente. Diesen hier nennen wir Mergon.
Ich weiß von Lapas, dem größten Kontinent, auf dem Germanium geschürft wird, dass auch dort ein Kontingent von Rüstungsträgern angegriffen hat. Wie groß es ist, wie es um Lapas steht, ich weiß es nicht.“
„Noch mehr Beyonder? Wie viele haben die Schöpfer denn noch entführt?“ Alex schlug mit der Faust auf den Felsen vor sich ein. „Was bilden sie sich überhaupt ein? Wie können sie so etwas tun?“
„Alex Tarnau. Alex Tarnau. Hören Sie mich noch? Sind Sie noch bei Verstand?“ Die Stimme des Varni klang besorgt.

„Schon gut, ar Zykarta. Ich bin noch da. Aber unten im Lager kann ich dem kleinen Gnom schlecht den Arsch versohlen, wenn wir wieder nach Hause kommen wollen.“
„Diese Option besteht tatsächlich, Alex Tarnau. Aber es bringt uns zu meinem Problem, welches nun auch Ihres ist.“
„Sprechen Sie, Doc. Und schonen Sie mich nicht.“
„Sie wissen, dass Sie gegen das Pes Takre kämpfen müssen, den Bund der drei Völker, richtig?
Sie wissen, dass die Schöpfer selbst nicht kriegerisch sind. Oder an einem Krieg interessiert. Gewiss, sie sind sehr mächtig. Aber auch… Nun, weltfremd. Sie denken seit sechshundert Jahren, dass sie dem Pes Takre nur die Ressourcen eines anderen Volkes vorzuwerfen brauchen, um es zu stoppen.“
„Aber es funktioniert nicht.“
„Nein, Alex Tarnau, das tut es nicht. Vor fünfhundert Jahren entführten die Schöpfer eine Million Varni von ihren Welten und zwangen sie, gegen das Pes Takre zu kämpfen. Nach einigen Anfangserfolgen aber wurden diese Varni besiegt.
Nur wenige Jahre später erschienen Schiffe des Pes Takre über den Welten der freien Varni und unterwarfen sie.“
„Moment mal, ar Zykarta. Wenn Sie in diesem Zusammenhang von den drei Völkern sprechen, dann sind die Varni kein Teil der drei Völker?“
Der riesige Varni verzog das Gesicht zu einem schlecht imitierten Lächeln. „Das haben Sie gut erkannt, Alex Tarnau. Das Pes Takre heißt nicht Pes Takre, weil drei Völker in ihm organisiert sind. Es dürften eher so um die neun sein. Warum sich diese Gruppe immer noch Pes Takre nennt, ich weiß es nicht. Aber die Menschen laufen Gefahr, das zehnte Volk zu werden.“
„Ich… verstehe. Und Sie repräsentieren eine Gruppe, die für die Varni einen Befreiungskampf anführt?“
„Nein, Alex Tarnau, obwohl dieser Gedanke nahe liegt. Ich repräsentiere eine Gruppe freier Varni, die weder durch Eide noch durch Loyalität mit dem Pes Takre verschworen ist.
Ihr Ziel ist es, aufzudecken, was das Pes Takre ist. Erst dann können und dürfen wir daran denken, unser Volk zu befreien.
Denn auch wenn wir nicht wirklich von den anderen Völkern unterdrückt werden. Die Regierung, welche das Pes Takre auf den Heimatwelten etablierte, regiert ganz im Sinne des Dreivölkerbundes. Und schickt damit hunderte Millionen Varni auf die Suche nach den Schöpfern. Widerspruch wird nicht geduldet. Gehorsam ist das Maß. Tribut ist der Alltag.
Dies würde auch den Menschen bevorstehen, Alex Tarnau. Außer…“
Der Mensch sah den Varni an. „Außer?“
„Außer, wir überlegen uns, wie wir das ändern können. Wichtig ist vor allem, dass das Pes Takre nicht erfährt, wo sich Ihre Heimatwelten befinden. Das bedeutet, die Beyonder werden noch hier bleiben müssen.“
„Und gegen die Varni kämpfen“, brummte Alex müde.
„Ja, gegen die dem Pes Takre loyale Varni wie Ritter el Tar.“
Alex atmete tief ein und wieder aus. „Nun, einen Vorteil haben wir.“ Er sah den Varni kurz an, doch sofort wandte er den Blick wieder auf die Steinwand. „Die Menschen haben bisher nur eine Welt besiedelt. Das bedeutet, wir können nicht so leicht gefunden werden.“
„Ein Vorteil, der zugleich ein Nachteil ist. Denn wenn die Menschen gefunden werden, Alex Tarnau, dann ist die gesamte Menschheit verloren.
Selbst heute noch gibt es angeblich freie Kolonien der Varni, die das Pes Takre nie erobert hat. Sie führen eine Existenz im Verborgenen.
Aber sie werden nicht vom Bund der drei Völker bevormundet. Sie sind Keimzellen für eine mögliche Unabhängigkeit meines Volkes.
Diese Option haben die Menschen nun nicht.“
„Was also schlagen Sie vor, ar Zykarta?“
„Was ich vorschlage wissen Sie doch längst. Stehen Sie zu Ihrem Wort. Führen Sie einen Krieg gegen mein Volk, gegen die dem Pes Takre loyalen Varni.
Und überleben Sie so lange wie irgend möglich.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Sie gewinnen werden, Alex Tarnau, es tut mir leid. Selbst wenn Sie Ritter el Tar überwinden, warten noch siebzehn weitere Ritter mit ihrem Kriegstross auf Ihre Beyonder. Und nach den Varni kommen die Pekiki, die Olvaren, die Imeki…“
„Schon gut, schon gut. Ich verstehe das Problem. Mir bleibt also gar nichts anderes als so lange wie irgend möglich zu überleben, große Schlachten zu vermeiden und auszuweichen.“
„Das werden die Schöpfer nicht dulden. Ihr Auftrag lautet, diese Welt zu nehmen.
Sie werden nicht umhin kommen, diesen Auftrag auszuführen.
Aber da die Schöpfer keinerlei Ahnung von Taktik haben, ist es ihnen egal, wie Sie dieses Ziel erreichen. Solange Sie es erreichen. Und das müssen Sie.
Denn nur wenn Zehn Steine den Beyonder gehört, haben Sie überhaupt eine Grundlage, um einige Zeit erfolgreich gegen das Pes Takre zu bestehen.“

„Welchen Nutzen ziehen Sie hieraus, ar Zykarta?“, fragte der Beyonder geradeheraus.
„Nutzen, Alex Tarnau? Nun, es liegt naturgemäß im Sinne meiner Gruppe, wenn die loyalen Varni reduziert werden… Oder zumindest abgelenkt. Je intensiver, desto besser.
Es kann sein, dass Ihre Arbeit hier meine Gruppe in eine Lage versetzt, selbst aktiv zu werden. Es gäbe vielleicht die Möglichkeit eines Bündnisses.
Doch das ist Zukunftsmusik. Darüber können wir reden, wenn Zehn Steine in Ihrer Hand und Ritter el Tar besiegt ist.“ Der Varni nickte schwer, um seine Worte zu unterstreichen.
„Das ist ein Problem. Ich weiß nicht, wie wir diese Welt erobern sollen. Zehn Steine ist groß, und wir sitzen hier auf Mergon fest. Ich habe Zugriff auf Satelliten im Orbit, aber sie erlauben keine Kommunikation über diesen Kontinent hinaus. Meine Kommunikationsfachleute haben das bereits festgestellt.“
„Hm. Ich gehe davon aus, dass die Schöpfer auf allen Kontinenten Rüstungsträger entlassen haben. Das Problem ist es nun, sie zu kontaktieren und zu koordinieren. Wenn es sie noch gibt. Den Transport über große Entfernungen können die Varni bewältigen. Beziehungsweise, Alex Tarnau, können Sie Transporter von ihnen erobern, die es Ihnen erlauben, in den nahen Weltraum vorzudringen und sehr schnell auf andere Kontinente zu wechseln.
Ich sehe es als Ihre wichtigste Aufgabe an, auf allen Kontinenten aktiv zu sein.
Ach, und, Alex Tarnau. Was denken Sie, wie viele Menschen die Schöpfer hier ausgesetzt haben?“
„Wenn es hier schon dreiundzwanzigtausend waren, vielleicht hunderttausend. Obwohl ich nur schätzen kann.“
„Nun, was halten Sie von dem Gedanken, Alex Tarnau, dass die Schöpfer auch auf anderen Welten Menschen in Rüstungen ausgesetzt haben? Reden Sie darüber doch mal mit L´Tark.“

Langsam drehte sich der Varni um, trat wieder unter den Wasserfall. Er ließ sich einige Zeit kalt abduschen und ging dann zurück zu der Stelle wo seine Kleidung lag.
Alex folgte ihm. Erst jetzt merkte er, wie sehr er fror.
Hastig schlüpfte er in das schwarze Unterfutter und danach in die Rüstung.
Als er das Visier schloss, sah er Colm ar Zykarta in die Augen. Der Varni nickte stumm.
Diese Unterredung hatte nie stattgefunden.
Alex konnte selbst kaum ertragen, was er erfahren hatte. Die anderen zu belasten, zu gefährden, indem er ihnen davon erzählte, erschien ihm arrogant und auch feige.
Bestenfalls konnte und durfte er ein paar Brocken seines neuen Wissens freigeben.
„Tarnau hier. Martha, hören Sie mich?“
„Martha hier, Ren. Gut, Ihre Stimme zu hören.“
„Ist was passiert?“
„Nein, aber ich habe mir Sorgen gemacht, als Sie ohne Begleitschutz so einfach ins Gebirge aufgebrochen sind.“
„Das ehrt Sie, Martha. Benachrichtigen Sie bitte Furohata, dass er ein paar weitere Spähtrupps aufstellen soll. Ich erstelle eine virtuelle Karte mit Orten, an denen sich diese Spähtrupps mit aller gebotenen Vorsicht umsehen sollen.
Und Ihre Gruppe möchte bitte die Augen offen halten, ob sie in der Nähe nicht ein paar neue Kontakte findet. Ich… habe Hinweise darauf gefunden, dass es hier draußen noch mehr Menschen gibt.“
„Verstehe, Ren. Martha Ende.“

Alex Tarnau sah wieder zum Varni. „Sagen Sie, wie stark ist der Tross eines Ritters denn so im Durchschnitt?“
Ar Zykarta verzog sein Gesicht zu einem Grinsen. „Sehr stark“, sagte er. „Stark genug, um ein paar tausend Varni mal eben in fünf Kasernen am Rande eines Waldes in einer taktisch unbedeutenden Gegend abzusetzen und dort beliebig lange zu belassen.“
„Das war nicht die Antwort, die ich mir erhofft habe“, brummte Alex Tarnau und ging voran.
***
Fünf Kilometer im Süden fuhr Jamahl Anderson mit seiner Gruppe Varni-Panzer gerade in den Canyon ein. Er selbst saß auf einem hochgestellten Sitz, der es ihm erlaubte, aus der oberen Turmluke seines Wolfs zu sehen. Dabei konnte er nicht anders, er zollte den Varni Respekt. Die Luke war im geschlossenen Zustand kaum zu sehen. Der ganze Panzer konnte hermetisch versiegelt werden. Ob das Absicht war, damit die Panzer noch ein wenig Furchteinflößender waren?
„If you try to skip me…“ Andy grinste schief und warf einen Blick zu dem hinter ihm fahrenden Rhino herüber. Der Kommandant des schwereren Panzers öffnete sein Visier und rief herüber: „Soll ich es lauter stellen, Chef?“
„Das ist doch Don´t bother me, richtig?“
„Ja. Einer unserer Panzerleute hat es mit der Rüstung nachgemacht. Dazu singt er selbst. Klingt doch ganz gut, oder? Wong hat es gerade in einer Art virtueller Datenbank hoch geladen, auf die jeder Beyonder Zugriff hat. Ich habe es entdeckt, als ich zufällig durch die Funkkreise gesurft bin.“
„Gut. Ist mein Lieblingslied. Überspielen Sie es mir doch bitte, Singh.“
„Schon unterwegs, Chef.“
Andy checkte seine Kommunikation und entdeckte das Musikstück. Er aktivierte es und kurz darauf erklang das Lied. Der Gesang war natürlich nicht von Melissa Myles, aber Kwan hatte eine schöne Stimme, die gut zu dem Sound passte.
Er sah in den Panzer hinab und drehte die Außenlautsprecher auf. „Hört euch das mal an, Leute.“
Die vier Beyonder, die mit ihm in dem Panzer fuhren, reagierten mit Verwunderung. Andy musste die Geschichte zweimal erklären, bis sie kapierten, dass es niemandem gelungen war, etwas von der Erde zu schmuggeln.
Danach wurde das Lied aber einstimmig zur Hymne der Panzerfahrer erklärt.
Kurz darauf erklang es von allen drei Panzern das Lied.
Einige sangen mit. „If I lost faith in you, don´t bother me…“
„Merkwürdig ist das schon“, rief Andy in den Panzer hinein.
„Was ist merkwürdig, Ren?“, antwortete Andrews, sein Richtschütze. Na toll, jetzt hatte die Ren-Krankheit auch schon ihn erfasst.
„Na, das ist merkwürdig, dass wir den Text auf englisch hören. Wir sollen doch jetzt alle eine gemeinsame Sprache sprechen, richtig? Scheint aber so, als müsste man sich nur konzentrieren und schon spricht man wieder in der Muttersprache.“
„Oh-oh-oh, don´t bother me…“
„Ja, merkwürdige Sache.“
„Ich werde mal mit dem Großen Meister darüber reden. Vielleicht nützt uns das irgendwann mal was. Wir…“

„KONTAKT!“, blaffte Singh in diesem Moment. „Wir werden von Zielsuchradar angepeilt!“
Es sprach für Andy, dass er sich von der urplötzlich geänderten Lage nicht überraschen ließ. „LUKEN DICHT!“, gellte sein Ruf über die Kommverbindung, während er seinen Sitz bereits wieder in den Panzer versenkte.
Über ihm schloss sich die Luke und hinterließ kaum eine Naht.
„Anderson hier! Was haben Sie für mich, Singh?“
„Aktivradar! Wir wurden von Aktivradar geortet! Ausgangspunkt war der Rand des Canyons.“
„Okay, wir stehen nicht unter Feuer. Oder besser noch nicht. Der Rhino fällt zurück. Wenn wir hier abhauen müssen, braucht er am längsten. Darum sollte er den Weg verkürzen, verstanden, Singh?“
„Ja, Ren. Reduziere Geschwindigkeit.“
„Und stellt das Lied ab, Leute!“
„Ren, wir sitzen doch in Varni-Panzern, richtig?“
„Worauf wollen Sie hinaus, Andrews?“, brummte Andy und widmete sich den Ortungsbildern vor ihm.
„Der Panzer hat die Ortung als feindlich eingestuft, oder zumindest als unbekannt, richtig?“
„Weiter.“
„Kann es nicht sein, dass da oben ein paar Beyonder stehen und uns bei unserer Übung beobachten? Auf jeden Fall sind es keine Varni, die wären anders klassifiziert worden.“
„Gut gedacht, Andrews. Die Sache hat nur einen Haken. Wenn da oben Beyonder wären, dann hätten wir Zugriff auf deren Funkkreis. Da das aber nicht der Fall ist…“
„Deswegen können es aber trotzdem Beyonder sein, oder?“
„Rüstungsträger, ja. Aber keine Beyonder.“
Andrews starrte den Panzerkommandanten aus aufgerissenen Augen an. „Sie meinen… Noch mehr Menschen?“
„Noch mehr Menschen. Und sie kommen nicht aus dem Hoffnungstal.“
„Und wir sitzen hier in Varni-Panzern…“
Wie um ihre Gedankengänge zu bestätigen, warf Olesson, der Fahrer, den Wolf in eine enge Kurve, direkt über das ausgetrocknete Bett des Flusses hinweg, auf die andere Seite der Schlucht. Explosionen und aufgeregte Rufe erfüllten die Luft.
„Raketenkarabiner! Das waren Raketenkarabiner! Sollen wir das Feuer erwidern?“, blaffte Andrews.
„Negativ! Das sind Beyonderwaffen! Wir haben also Recht, da oben stecken Menschen.
Singh, hören Sie, gehen Sie stiften! Aber passen Sie auf. Wenn das hier eine Falle ist, erwarten Sie vielleicht ein paar Rüstungen am Ausgang des Canyons! Der Panzer ist zu wertvoll, um ihn zu verlieren!
Malossi, machen Sie mir eine Verbindung zu Martha, oder noch besser, zu Alex Tarnau! Wenn wir nicht töten oder getötet werden wollen, brauchen wir Unterstützung!“
„Verbindung steht!“, haspelte die schlanke Italienerin herunter. „Wong wurde informiert und hat bereits Befehle von Tarnau für uns. Wenn möglich, sollen wir die fremden Rüstungsträger hier binden, bis er eintrifft! Aber wir sollen nach Möglichkeit nicht dabei sterben.“
„Witzig, Großer Meister, sehr witzig!“ Andy verdrehte die Augen. „Hier ist der Platoonleader. Singh, Kalinskaya, Position und Anzahl der Gegner!“
Zuerst meldete sich die ältere Russin, die den zweiten Wolf kommandierte. „Wir haben mindestens drei Stellen ausgemacht, von denen gleichzeitig auf uns geschossen wurde. Also sind es wenigstens drei Gegner!“
„Es sind mehr, ich werde gerade von zwei weiteren Rüstungen beschossen, ich wiederhole, zwei weitere Rüstungen. Und sie benutzen keine Tarnung!“
„Macht fünf“, brummte Andy. „Singh, brechen Sie durch. Sie sind schneller als die Rüstungen. Und feuern Sie zurück. Aber versuchen Sie, unsere Gegner am Leben zu lassen.
Entschuldigen können wir uns immer noch. An alle, Feuer erwidern!“
Wieder warf Olesson den Panzer in eine enge Kurve und ließ ihn ganz im Flussbett abtauchen. Gleichzeitig erwiderte Andrews das Feuer mit den Raketenwerfern.
Von drei neuen Stellen stiegen Abwehrmaßnahmen auf. „Macht acht“, keuchte er und feuerte eine Granate auf den Hang, etwas abseits der Stelle, von wo die Abwehrmaßnahmen gegen die Raketen aufgestiegen waren.
„Würde ja auch sonst keinen Sinn machen, oder? Würden wir zwei Wölfe der Varni mit weniger als sechs Mann angreifen? Nein. Und dann noch der Rhino dazu. Da draußen sind bestimmt zehn oder mehr Rüstungen. Hm, verhalten sich ganz geschickt.
Wie sieht es aus, Kalinskaya, haben Sie auch das Gefühl, dass wir den Canyon tiefer hinunter getrieben werden sollen?“
„Singh hier. Bin durchgebrochen. Aber der Rhino musste echt was einstecken. Am Ausgang erwarteten mich vier weitere Rüstungen. Ich habe beide Raketenaufbauten verloren und zwei direkte Treffer eingesteckt. Hätte mein Fahrer keine Rüstung getragen, wäre er jetzt tot.“
„Verstanden, Singh. Weiter zurückfallen lassen, dann abstellen. Schicken Sie vier getarnte Rüstungen raus, die den Bereich absichern, falls Sie verfolgt werden.
Und warten Sie dann auf unsere Verstärkung.
Also, Helena, was meinen Sie?“
„Ganz ehrlich, Andy? Es explodieren mehr Karabinergeschosse hinter als vor mir. Scheint, Sie haben Recht.“
„Soll vorkommen“, kommentierte Jamahl Anderson trocken. „Also gut, tun wir ihnen den Gefallen. Philips“, rief er die Orterin des Panzers direkt an. Seit einigen Tagen klebte die junge Frau ständig an der Gruppe um Alex Tarnau. Sie zeigte aber auch ein sehr intuitives Verständnis für die Rüstungen und Technik im Allgemeinen, sodass sich Andy dazu entschlossen hatte, sie an Bord seines Panzers zu nehmen. Nur mit einem Kampf hatte er nicht wirklich gerechnet.
„Bin schon dabei, Ren. Aber ich orte nichts. Ich hätte da eine Idee.“
„Raus damit, Philips.“ Erwartungsvoll streifte Andy sie mit einem Blick, bevor er sich wieder seinen Bildschirmen zuwandte.
„Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Angreifer nicht getarnt sind, weil sie die Tarnung nicht kennen?“
„Weiß nicht. Vermutlich sehr hoch.“
„Gut. Dann reduzieren Sie kurz die Geschwindigkeit und lassen Sie mich getarnt raus. Ich prüfe die Lage selbst.“
Andy lachte freudlos. „Alex hat mich gewarnt. Er hat gesagt, pass auf, mein Freund, die kleine Philips ist ein Heißsporn. Sie wird dir noch richtig Freude bereiten.
Sie haben die Lady gehört, Olesson. Suchen Sie eine Ecke, wo wir sie rauslassen können. Und dann kurven Sie mal etwas auf und ab, um ihr einen Vorsprung zu geben.“
„Ja, Ren. Da vorne wäre ideal. Da sind irgendwelche Büsche, die wachsen ziemlich hoch. Wenn sie aussteigt, während die Äste über uns hängen, dürfte es gehen.“
„Mitgehört, Mädchen? Gut. Tarnung an und bereithalten.“

Philips nickte und aktivierte ihre Tarnung. Über den Filter des Visiers sah Andy, wie sich ihre Hände auf die Luke legten, um sie aufzustoßen. Er machte sich bereit, sie wieder zuzuziehen.
„Ich reduziere die Geschwindigkeit.“ Kleine Explosionen erschütterten den Wolf. „Mist, mehrere Treffer. Ich zähle an. Drei, zwei, eins…RAUS!“
Die Luke neben dem Orterplatz schwang auf, die getarnte Frau sprang raus.
Sofort griff Andy zu. „Na, da bin ich aber mal gespannt. Kalinskaya, Feuer erwidern. Sie hauen Ihre Flammer auf die Ostseite des Canyonrandes, ich auf die Westseite.“
„Verstanden. Wir sollten vorsichtig mit den Dingern sein. Damit wurden etliche Beyonder getötet.“
„Ja, aber unsere Gegner müssen sehen, dass wir es ernst meinen. Feuer frei.“
„Ja, Ren.“
„Na endlich“, brummte Andrews leise. „Damit treiben wir sie prima vom Rand weg und hindern sie daran, auf uns zu feuern.“
„Und erkaufen Philips mehr Zeit…“
***
Alex Tarnau hatte schnell reagiert. In Windeseile hatte er zwei mittlerweile recht erfahrene Gruppen angefunkt und ihnen einen Sammelpunkt vor dem Hoffnungstal angewiesen.
Die Gruppen Garret und Bernstein hatten sich wie erwartet eingefunden, als Alex eintraf.
„Folgen Sie mir!“, blaffte Alex und rannte an Ihnen vorbei. „Das ist die Lage! Großgruppenführer Anderson ist mit zwei Wölfen und einem Rhino in die nahe Schlucht im Norden, dem Abyss gefahren, um die Waffen der Varni-Panzer auszuprobieren.
Dabei wurde er von fremden Rüstungsträgern angegriffen.
Der Rhino ist auf seinen Befehl hin durchgebrochen und wartet drei Kilometer vor dem Lager auf uns. Sie haben Scouts ausgeschleust, die auf einen möglichen Angriff achten. Sie werden uns einweisen.
Die beiden Wölfe spielen derweil Katz und Maus mit den Angreifern. Fragen?“
„Rüstungsträger? Versprengte Varni?“
„Negativ, Garret, ich tippe da eher auf versprengte Menschen.“
„Aber warum sollten die uns angreifen? Wir sitzen doch alle im selben Boot, Ren.“
„Schon, Garret, aber Anderson sitzt zurzeit in einem Panzer der Varni. Verstehen Sie?“
„Ja, Ren. Was sollen wir tun?“
Alex klinkte sich hastig im Funkkreis der Panzer ein. Um den Rhino herum war alles ruhig, wenngleich einer der unsichtbaren Späher einen Gegner regelrecht begleitete, der den Spuren des Rhinos folgte.
„Wir wollen sie nicht töten, also müssen wir so viele von ihnen wie möglich auf einen Schlag erwischen. Sie kennen anscheinend die Tarnung nicht, das gibt uns einen Vorteil! Beide Gruppen geben mir zwei Leute ab, mit denen ich tiefer in den Canyon eindringen werde. Gruppe Bernstein geht rechts den Canyonrand entlang. Gruppe Garret den linken. Wenn Ihr auf eine Rüstung trefft, dann postiert einen getarnten Mann neben ihr.“
„Ähemm“, machte Garret.
„Oder eine Frau“, korrigierte Alex amüsiert. „Und sobald das Signal kommt, schaltet Ihr sie aus und holt sie aus ihren Rüstungen. Aber seht zu, dass Ihr niemanden tötet. Andererseits, wenn es heißt sie oder wir, dann geht wir vor, verstanden?“
„Ja, Ren“, antworteten die anderen Rüstungsträger.
Resigniert stellte Alex fest, dass diese Unsitte mit dem Ren wohl nicht mehr auszurotten war.
„Malenkov hier. Tarnau, Wong meinte, ich solle meine Gruppe in Reserve bringen.“
„Gut mitgedacht. Ihre Rüstungen warten bei dem Rhino.“
„Singh hier, Ren. Der einzelne Späher kommt immer mehr heran. Sollen wir ihn ausschalten?“
„Negativ. Das könnte die anderen warnen. Feuern Sie in die Luft, machen Sie Lärm, irgendwas. Alleine wird er sich wohl nicht mit Ihnen anlegen. Also sagen Sie ihm, dass er gefälligst nach Hause gehen soll.“
„Verstanden.“ Kurz darauf feuerte die Glattrohrkanone mehrere Schüsse ab.

Einen Atemzug später erreichte Alex mit den beiden Gruppen den Panzer.
Singh sah aus der offenen Turmluke zu ihm herunter und grinste. „Hat funktioniert, Ren. Der Späher ist stiften gegangen.“
„Sehr gut. Rücken Sie langsam wieder vor, so weit es geht. Aber lassen Sie keine Rüstungen in Ihren Rücken gelangen. Und passen Sie auf, dass Sie nicht entdeckt werden.“
„Verstehe, Ren.“
„Tarnung aktivieren! Vier Mann zu mir. Der Rest wie befohlen“, blaffte Alex und rannte schon wieder. Die Rüstungen spritzten auseinander. Vier von ihnen folgten ihm.
Ein schmales Lächeln huschte über den Mund des Sprechers der Beyonder. Wenigstens das klappte.
Schon schaltete sich Tarnau in den Funkkreis der Panzergruppe um Jamahl ein.
„Hinterhalt, Hinterhalt, Hinterhalt!“, hörte er eine Frauenstimme rufen. Er erkannte sie schnell als die von Jennifer Philips. „Zehn Rüstungen liegen hier auf der Lauer, alle mit ausgefahrenen Raketenkarabinern. Außerdem scheinen sie Minen ausgelegt zu haben.“
„Stellung halten und uns einweisen!“, rief Alex und beschleunigte die Rüstung noch ein wenig mehr. Wundervolle Dinger, diese Rüstungen. Alex war jetzt bereits drei Kilometer gelaufen, aber er schien nicht müde zu werden. „Ich komme mit vier Rüstungen von Süden rein. Passiere die Panzer in zwei Minuten. Andy, hältst du das Spielchen noch so lange durch?“
„Was hast du vor? Und warum riskierst du deinen verdammten Hals? Als Anführer der Beyonder solltest du so was von hinten leiten. Oder meinst du, ich will mich an einen neuen Ren gewöhnen müssen? Nachher werde ich hier noch der Chef. Na danke.“
„Witzbold“, brummte Tarnau. „Ich habe Bernstein und Garret den Schluchtrand entlang geschickt. Dort sollen sie die Rüstungen ausschalten. Das gleiche habe ich mit dem Hinterhalt vor, den Philips gesehen hat.“
„Zehn gegen sechs? Na, wenn das mal gut geht, Alex.“
Die fünf Rüstungen der Beyonder erreichten die Bodenspalte, welche den Eingang in den Canyon markierte. „Anderthalb Minuten, Alter.“

Der Weg auf dem Grund des Flussbetts war sehr verwinkelt und zudem mit Geröll gefüllt. Die Panzer waren hier natürlich problemlos drüber weg geglitten. Aber die Rüstungen mussten da erfinderischer sein. Kurz entschlossen sprangen sie von Fels zu Fels, von Vorsprung zu Vorsprung, wie die Grashüpfer. Der Computer der Rüstungen suchte ihnen den besten Absprungwinkel und den besten Landeort aus, und los ging es.
„Bericht“, schnarrte Tarnau. So langsam merkte er die Belastung doch.
„Garret hier. Wir haben schon fünf Rüstungen entdeckt und jeweils eine von uns daneben postiert.“
„Bernstein hier. Bei uns sind es neun.“
„Was ist mit dem Späher? Singh?“
„Mein Mann begleitet ihn noch. Er geht auf die Seite, auf der sich Bernsteins Gruppe befindet.“
„Dann sind die anderen Rüstungen, die den Hinterhalt für den Rhino gelegt haben, vielleicht auch dort. Auf meinen Befehl warten.“
Als von sämtlichen Rüstungen, einschließlich der Panzer ein Okay kam, strauchelte Alex Tarnau kurz. Ihm wurde wieder mal bewusst, wie wertvoll doch das für ihn war, was Martha für ihn tat, indem sie solche Meldungen gar nicht erst bis zu ihm vordringen ließ und nur das Fazit meldete.

Alex landete unsicher, fiel aber nicht. Dabei kam ihm ein Gedanke. Er rief die virtuelle Karte auf und suchte nach unmarkierten Rüstungen. Zoomte die Karte und suchte erneut.
Er wurde fündig und aktivierte den Kontakt zu dieser Rüstung, sagte aber nichts. Es war eine jener Rüstungen, die sich auf dem westlichen Rand befand. Offenbar führte sie eine längere Unterhaltung, Alex verstand nur ein paar Worte, während er die beiden Wölfe passierte.
„…weiß selbst, dass es zu gefährlich ist, die Leute den Canyon runter zu schicken. Aber wie sollen wir die beiden Panzer trotzdem in die Falle treiben? Sie kurven so viel hin und her, als hätten sie den Braten gerochen!“
Ja, das war eindeutig ein Mensch gewesen. Alex suchte den Empfänger. Der saß bei der Gruppe im Hinterhalt. Kaum hatte der Beyonder diesen Kontakt etabliert, als ihm ein weiterer Funkkreis offen stand.
„Wir müssen uns sowieso bald zurückziehen. Wo die Panzer herkommen gibt es bestimmt auch Menschen in Rüstungen. Sie werden ihren Kameraden bald zu Hilfe kommen. Dann werden sie uns verfolgen und wir können einen oder zwei von ihnen gefangen nehmen.“
Alex erschrak, bekam kaum mit, wie Philips ihm eine Sichtanzeige schickte, in der der Boden vor dem Hinterhalt als vermint und nicht vermint aufgeteilt wurde. Beinahe wie ein Schlafwandler wand er sich durch das Feld hindurch. Um Lärm brauchte er sich keine Sorgen zu machen, solange die Antriebe der Panzer lauter waren als das Waffenfeuer.

Sie wussten, dass Menschen in den Panzern steckten! Verdammt sie wussten es!
Automatisch folgte er der Einweisung der jungen Frau, umging die Stellung mit seinen vier Kameraden und gelangte in den Rücken der zehn im Hinterhalt liegenden Rüstungsträger.
Unwillig schüttelte Alex den Kopf. Später. Er schloss die Kommunikation mit den fremden Rüstungen. „Tarnau ist in Stellung.“
„Garret ist in Stellung.“
„Bernstein ist in Stellung.“
„Okay, Andy, greif an. Sobald alle auf deine beiden Wölfe sehen, schlagen wir zu. Aber sieh zu, dass du nicht ins Minenfeld fährst.“
„Verstanden. Bin in einer Minute da.“
Alex winkte Philips zu sich heran und bedeutete den anderen, sich entlang der Stellung aufzubauen. „Philips, das haben Sie gut gemacht. Aber jetzt gehen Sie die Schlucht weiter runter. Suchen Sie nach weiteren Rüstungen. Nur für den Fall, dass die noch was in Reserve haben.“
Ohne Antwort eilte Philips davon. Alex nickte zufrieden. Jetzt fehlte nur noch Andy.
Als vor dem Hinterhalt eine Granate einschlug, machte sich Alex bereit.
Die beiden Wolf-Panzer kamen um eine Kurve herum, feuerten ihre Flammer ab und umzirkelten einander, nur um wieder abzudrehen.
Enttäuscht richtete sich einer der Rüstungsträger auf. Jetzt!
„JETZT!“, blaffte Alex, fuhr den Raketenkarabiner aus, griff an die Kehle der fremden Rüstung und zog sie hoch. Die Mündung des Karabiners drückte er auf die Visierplatte.
Sein eigenes Visier schnappte lautlos auf. Neben ihm griffen auch die anderen vier zu und holten sich ihre Opfer.
Die anderen fünf hier im Hinterhalt liegenden Rüstungsträger begriffen einen langen Moment gar nicht, was geschah. Also kannten sie die Tarnung wirklich nicht. „Arme unten lassen!“, blaffte Alex. Gehorsam richteten die fünf übrigen Rüstungsträger die Arme mit den Waffen zu Boden.
„Tarnau hier, ich brauche Hilfe. Das Verhältnis steht hier zwei zu eins.“
„Garret hier, mein Bereich ist gesichert, ich kann vier Leute entbehren.“
„Bernstein hier. Ich schicke einen.“
„Malenkov hier. Ich rücke mit meinen Leuten ein. Der Rhino trägt uns ins Ziel. Halten Sie durch, Ren.“
„Raus aus den Rüstungen!“, blaffte Alex. „Aber schnell, wenn ich bitten darf.“
Einer der Fremden ließ sein Visier auffahren. „Hören Sie, wir sind keine Feinde. Wir sind Menschen wie Sie. Wir…“
„SOFORT!“
Gehorsam begann sich sein Gegenüber der Rüstung zu entledigen. Zuerst setzte er den Helm ab. Danach legte er die Arme ab. Die anderen vier folgten seinem Beispiel.
„Gut“, brummte Alex und ließ seine Geisel los. „Jetzt Sie.“
Der noch immer auf ihn gerichtete Karabiner überzeugte den Rüstungsträger, dass es besser war, auf Tarnau zu hören.

„Philips hier. Einen Klick weit ist der Canyon sauber. Soll ich weiter gehen?“
„Ja, gehen Sie auf Nummer sicher. Regelmäßig Bericht, bitte.“
Ein Steinrutsch zu seiner Linken veranlasste Alex dazu, das Visier wieder zufahren zu lassen. Aber es war nur der einzelne Beyonder Verstärkung von Bernsteins Truppe, der getarnt die Wand herunter kam.
Als sich das Zahlenverhältnis mit dem Eintreffen der Gruppe Malenkov endgültig Zugunsten der Beyonder gewendet hatte, deaktivierte Alex seine Tarnung. Die zehn vor ihm stehenden, im schwarzen Unterfutter gekleideten Männer und Frauen sahen ihn missmutig an.
Wieder ließ der Sprecher der Beyonder sein Visier auffahren. „Wer sind Sie? Und warum greifen Sie meine Leute an?“
Malenkov sammelte derweil die ausgelegten Minen ein und deaktivierte sie wieder, damit die Wolf-Panzer gefahrlos näher kommen konnten.
Der Älteste der Gruppe trat vor und sagte: „Sergeant Stonefield, USMC. Das hier ist mein Platoon. Zumindest das, was ich gerade anführe.“ Unmerklich schielte er die Canyonwand rauf.
Alex lächelte nachsichtig. „Die haben wir auch schon kassiert. Was machen Sie hier, Sergeant?“
Der Ältere zuckte unsicher mit den Schultern. „Anscheinend dasselbe wie Sie. Varni jagen.“
„Ah ja. Dasselbe wie wir. Wir werden sehen. Ihre Soldaten sollen aufsitzen. Sind es alles Marines?“
„Nein… Ren? Einige sind russische Spezialeinheit, andere kanadische. Hören Sie, da wir alle Menschen sind, können wir wieder in unsere Rüstungen?“
„Nein“, bestimmte Alex barsch. „Und Sie sollen aufsitzen.
Malenkov, Rüstungen einsammeln. Martha soll die Speicher untersuchen. Ich will soviel wie möglich über die Damen und Herren des USMC wissen.“
Malenkov grinste. „Ja, Ren.“
Neben dem Sergeant kletterte Alex auf den vordersten Wolf. Er klopfte am Turm an und wartete darauf, dass Andy den Kopf raus streckte. „Einmal Hoffnungstal. Wenn Sie sich beeilen gibt es Trinkgeld.“
„Sehr komisch, Alex, wirklich sehr komisch. Ich installiere noch mal ein Taxameter, extra für dich.“
**
Als der Rhino und die Wölfe mit den Gefangenen in ihren schwarzen Unterfutterbekleidungen auf den Aufbauten einfuhren, hatte sich die Nachricht vom Gefecht bereits verbreitet. Hunderte Beyonder hatten sich versammelt, um die Neuankömmlinge zu begutachten.
Die Kommentare waren vielschichtig. Manche beschimpften die unbekannten Angreifer, andere verstanden nicht, warum Tarnau die Menschen nicht freiließ.
Als Alex Tarnau vom Panzer kletterte, sein Visier auffahren ließ und in die Runde sah, verstummte dieses Gemurmel jedoch.
„Macht eines der Gebäude als Gefängnis frei.
Ich will, dass die Gefangenen von mindestens einer Großgruppe bewacht werden.
Aber zuerst bringt sie zum Bach. Sie sollen Gelegenheit haben, sich die Hände und die Haare zu waschen.“
Andy besah sich die verfilzten Haarschopfe der Gefangenen und die teils beachtlichen Bärte der Männer. „Gute Idee. Wir sollten auch Rasierzeug bereitstellen. Kurts Gruppe kann aus den Panzersplittern sicher noch mehr Messer herstellen.“
„Gute Idee. Wenn Ihr fertig seid, bringt diesen Sergeant direkt zu mir. Wir haben eine Unterhaltung zu führen. Zum Beispiel über das Thema, warum sie uns angegriffen haben und uns in einen Hinterhalt locken wollten.“
Der Sergeant fühlte sich genötigt, etwas zu erwidern. Trotz der Wachen trat er vor und sagte: „Ren, wir wussten nicht, dass Menschen in den Panzern sitzen. Wir kämpfen schon seit über vier Wochen gegen die Varni, und für uns war das nur eine Gelegenheit, noch mehr von ihnen zu töten.“
Aufgeregtes Gemurmel erhob sich. Rüstungsträger in den vorderen Reihen übertrugen Text und Bild an interessierte Kameraden live weiter. Eine hastig eingerichtete Abstimmung gab zu achtzig Prozent der Stimmen an, den Angriff nicht zu bestrafen.
Alex sah dem alten Soldaten direkt in die Augen. In seiner Gruppe gab es keine professionellen Soldaten. Bestenfalls ein paar Wehrpflichtige wie ihn selbst. Er wusste auch warum, seit er sich mit dem Varni-Arzt unterhalten hatte.
Wurde dieser Sergeant zum Schlüssel für einige weitere Antworten?

„Sie lügen“, sagte Alex Tarnau leise. Das Raunen der Beyonder wurde lauter. Betroffenheit und Ärger schwang darin mit. Wenn der Chef das sagte, dann war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es stimmte.
„Sie wussten ganz genau, dass Menschen in diesen Panzern sitzen.“
Stonefield erwiderte den Blick kalt. „Ihre Spekulationen machen daraus noch keine Wahrheit, Tarnau.“
Alex grinste abfällig. „Ich verfüge über den Override-Code“, kommentierte er.
Der Sergeant sah ihn irritiert an. „Was ist der Override-Code?“
Konnte das sein? War es möglich, dass die Gruppe Menschen, die zuerst hier gelandet war und zuerst mit den Varni gekämpft hatte, den Override-Code nicht entdeckt hatte? Geschweige denn die Satellitenkommunikation?
„Ich zeige Ihnen, was ich meine“, erwiderte der Beyonder. Er öffnete ein paar aufgezeichnete Dateien aus dem Canyon. Laut erklang die Stimme eines der Gefangenen über dem Tal, als Alex die Aufzeichnung auf Lautsprecher schaltete: „…weiß selbst, dass es zu gefährlich ist, die Leute den Canyon runter zu schicken. Aber wie sollen wir die beiden Panzer trotzdem in die Falle treiben? Sie kurven so viel hin und her, als hätten sie den Braten gerochen!“
Die Stimme des Sergeant setzte hinzu: „Wir müssen uns sowieso bald zurückziehen. Wo die Panzer herkommen gibt es bestimmt auch Menschen in Rüstungen. Sie werden ihren Kameraden bald zu Hilfe kommen. Dann werden sie uns verfolgen und wir können einen oder zwei von ihnen gefangen nehmen.“

Alex Tarnau ließ die Worte wirken. Die Beyonder nahmen diese Worte mit Wut und Fassungslosigkeit auf. „Das ist der Override-Code. Ich kann mich in sämtliche Funkkreise einklinken. Auch in Ihren, Sergeant Stonefield. Außerdem habe ich den Kontakt zu den Kommunikationssatelliten im Orbit frei geschaltet.
Die Frage ist nun nicht, ob Sie die Panzer angegriffen haben, obwohl Sie wussten, dass Menschen am Steuer sitzen. Die Frage ist: Warum haben Sie das getan? Und wo ist der Rest von Ihrem Kommando?
Gruppenführer Malenkov. Bringen Sie die Gefangenen wie besprochen zum Fluss. Danach einzeln zum Verhör.
Und Gruppenführer Wong soll ein paar Leute schicken, die sich die Speicher der Rüstungen unserer Gäste ansehen.“
„Ja, Ren.“ Malenkov ließ sein Visier auffahren. Er sah die gut dreißig Gefangenen an. „Ihr kriegt hier echten Luxus, Herrschaften. Das wird das erste Mal seit Tagen sein, dass euer Haar Wasser gesehen hat. Dieses Unterfutter ist recht nützlich, aber es bedeckt nicht den Kopf. Und die schwarze Schmiere heilt zwar Wunden, aber es ist kein sehr effektives Waschmittel.
Haben Sie Verletzte in Ihrer Truppe, Sergeant? Wir haben ein zentrales Lazarett eingerichtet. Nein? Gut, dann Abmarsch.“

Die kleine Gruppe, bewacht von über hundert Beyonder, marschierte ab in Richtung Bach. Einen Moment dachte Alex daran, dass es vielleicht ein Fehler war, einen so gefährlichen Menschen wie den Sarge am Leben zu lassen, schüttelte dann aber unwillig den Kopf. Es waren trotz allem Menschen. Menschen wie die Beyonder. Sie waren nicht der Feind.
Falls es in dieser Situation überhaupt einen Feind gab.
„Und? Was machen wir jetzt mit ihnen?“, fragte Philips leise. Die junge Frau hatte den Helm abgenommen und strahlte den Chef der Beyonder an.
„Das ist nicht die Frage, Mädchen“, erwiderte Alex amüsiert.
Sie runzelte die Stirn. „Und wie lautet die Frage?“
„Sie lautet“, sagte Alex leise, „wie kann uns die Situation einen Vorteil verschaffen? Gewinnen wir hier neue Leute, oder neue Feinde? Wo ist unser Nutzen? Und ich glaube fest, dass es diesen Nutzen gibt.“
„Verstehe“, kommentierte sie leise. „Ich werde mal zu Furohata gehen. Wir werden neben unseren Wachtposten besser auch noch Späher ausschicken. Ich bin sicher, dass die Marines nicht alleine hier waren. Noch so eine Überraschung überleben wir vielleicht nicht.“
„Gutes, selbstständiges Denken, Philips. Weiter so, und Sie kriegen noch Ihre eigene Gruppe“, lobte Alex.
„Jen“, erwiderte sie verlegen.
„Was?“ „Jen, mein Name ist Jen. Eigentlich Jennifer, aber Jen mag ich lieber. Oder von mir aus auch Jenny.“
„Also gut. Jen. Reden Sie mit Furohata. Sagen Sie, ich hätte schon dazu genickt.“
„Danke, Ren.“ Sie setzte den Helm schnell wieder auf und eilte los, um ihre Aufgabe zu erledigen.
Alex sah ihr nach.

Zu den anderen Beyonder gewandt bemerkte er amüsiert: „Ist noch etwas wichtiges?“
Einer von ihnen deutete auf die linke Schulter. „Ihre Rüstung hat sich verändert, Ren.“
Alex klinkte sich in die Rüstung des Mannes ein und rief seine Visierdarstellung ab. Tatsächlich. Seine linke Schulter hatte sich rot eingefärbt. Es wirkte wie ein Dreieck.
Tarnau aktivierte die Tarnung der Rüstung, aber das Dreieck blieb.
Wieder ging ein raunen durch die Menge.
„Noch ein Rätsel“, kommentierte Tarnau frustriert. Er deaktivierte die Tarnung wieder und kontaktierte Kurt Warninger. „Kurt, stell mal ein paar Leute von der Untersuchung der Panzerantriebe ab. Nein, nicht für die Speicher der Rüstungen. Ich will mehr über diese Tarnung wissen. Meine hat gerade eine Macke gekriegt.“
***
Eine gute Stunde später wurde der Sergeant als erster von vielen in eines der Fertigbauteilgebäude geführt. Natürlich fiel ihm der Varni-Arzt ar Zykarta zuerst auf. Er zuckte reflexartig zurück, wurde aber von Malenkov weiter gedrückt.
Dann fiel der Blick von Stonefield auf den Schöpfer.
„Kommen Sie nur rein, Sarge“, kommentierte Alex Tarnau amüsiert. „Sie sind gerade richtig, um an unserer kleinen Konferenz teilzunehmen.
Links sehen Sie unseren Chefarzt. Nach einem Überfall auf Varni-Forts hat er sich uns angeschlossen.
Rechts sehen Sie unseren ganz persönlichen Schöpfer. Ich war gerade dabei, mit beiden darüber zu reden, wie viele Menschen die Schöpfer noch auf Zehn Steine ausgesetzt haben. Und ich dachte mir, Ihre Anwesenheit könnte produktiv sein.“
Der Sergeant versteifte sich.
„Was Sie hier tun und sagen, wird maßgeblich darüber entscheiden, ob ich hier das erste planetenweite Gefängnis plane oder Sie sogar wieder in eine Rüstung lasse!“, bellte Alex.
„Gefängnis?“, echote der Ältere.
„Angriff auf die Beyonder, obwohl Sie wussten, dass wir Menschen sind. Das ist ein Verbrechen. Jedenfalls, solange ich hier was zu sagen habe.“
Alex Tarnau erhob sich. „Verstehen wir uns, Sergeant?“
„Ja…“
„Ich kann Sie nicht hören!“
„Ja, Ren!“
„Gut. Nachdem das geklärt ist: Wo ist der Rest Ihrer Gruppe? Und wie lange beobachten Sie uns schon? Ach kommen Sie, erzählen Sie mir nicht, Sie wären die einzigen.“
„Bei allem Respekt, Ren, aber ich kann Sie nicht über die militärische Stärke meiner Gruppe informieren.“
„Verdammt, heißt das, ich habe Ihre Leute als Feinde zu betrachten? Haben Sie sich schon mal zwei Gedanken gemacht, Sergeant? Gedanke eins: Wir sitzen alle im gleichen Boot.
Gedanke zwei: Wir sind ein paar tausend Lichtjahre von Daheim weg.
Das sind zwei Punkte, über die Sie mal nachdenken sollten.
Also, wie viele sind Sie?“
Der Sergeant dachte einen Moment nach. „Ren. Ich kenne Sie nicht. Aber ich kenne meine Leute. Und verzeihen Sie mir, das Hemd ist mir näher als die Hose.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.
Alex Tarnau begann zu lachen. „Akzeptiert. Sie sind vorsichtig. Das bedeutet aber einen Minuspunkt für Sie, Sarge.“
Der Chef der Beyonder wandte sich dem Schöpfer zu. „Wenn wir mal davon absehen, dass Sie mir das alles längst schon hätten sagen sollen, L´Tark, wie viele Rüstungsträger haben Sie vor meinen Beyonder abgesetzt?“
„Alle? Auch die auf den anderen Kontinenten?“, fragte der Schöpfer infantil.
Der alte Sergeant japste erschrocken auf.
Alex versuchte überrascht auszusehen, während der Varni-Arzt keine Miene verzog.
„Nein, eigentlich auch die auf den anderen Planeten“, erwiderte der Beyonder mit einem Schuss ins Blaue.
„Auch die auf den anderen Planeten, ja, es waren ursprünglich eine gute Million.“
Diesmal blieb auch Alex der Atem weg. Eine Million Menschen. Eine Million!
Der Sergeant taumelte bei dieser Überraschung und wurde nur von den beiden Rüstungsträgern gehalten, die ihn eskortierten. Obwohl selbst Malenkov und sein Untergebener Jones auch an dieser Nachricht zu beißen hatten.

Alex fühlte, wie etwas in ihm erstarrte. Wie etwas in ihm fast zu Eis wurde. Der Arzt hatte Recht gehabt.
„Wie viele Planeten werden derzeit von Menschen verteidigt, Großer Herold der Schöpfer?“, fragte er leise.
Der kleine Gnom dachte kurz nach. „Ilumina, Zehn Steine, Goronkar, Ventris, Arhala, Fünfte Pforte, Sommertraum…“
„Das macht insgesamt?“, unterbrach Alex barsch.
„Zehn Welten, Alex Tarnau.“
„Also sind es hunderttausend für jede einzelne Welt.“ Alex überschlug im Kopf ein paar Gedanken. „Nun wird mir einiges klar. Warum haben Sie uns nicht früher über die Zahl der Beyonder informiert, Herold?“
Das kleine Wesen zuckte in menschlicher Manier die Achseln. „Sie haben nicht gefragt, Alex Tarnau.“
Der Beyonder stützte das Gesicht auf den Händen ab. „Dieser Witz ist sogar für Sie zu alt, L´Tark. Okay, klären Sie mich mal auf. Ursprünglich wurden fünfzigtausend Menschen auf Zehn Steine gelandet, richtig?“
„Nein, das ist falsch. Wir haben zuerst zwanzigtausend ausgesetzt, Alex Tarnau. Als diese bei ihren Missionen in ihrer Zahl reduziert wurden, entschieden wir Schöpfer, die restlichen achtzigtausend auszusetzen.“
„Und wahrscheinlich wurden die anderen sechzigtausend genauso wie meine Gruppe den Truppen Porma el Tars direkt vor die Nase gesetzt, richtig?“
Der kleine Gnom zuckte erneut in menschlicher Manier mit den Schultern.
„Die Reserven müssen dort stehen, wo der Feind ist, Alex Tarnau.“
„Abgesehen davon, dass Sie uns nicht einmal gefragt haben, ob wir überhaupt für Sie kämpfen wollen, Herold, hätten Sie uns ruhig unsere eigene Strategie aufbauen lassen sollen.“
„Der Colonel hat das abgelehnt.“
„Welcher Colonel?“
„Der Colonel, der die Verstärkungen angefordert hat.“

Stonefield zucke leicht zusammen, als der militärische Rang fiel. Alex war es, als trete ihm jemand in die Eingeweide. Einige weitere Puzzlesteine inklusive des Hinterhaltes bekamen nun einen neuen Sinn.
„Oh, ich verstehe. Ich verstehe sehr gut. Nicht nur, dass wir den Varni-Panzern als menschliches Bollwerk entgegen geworfen wurden, teilweise ohne die Chance, uns zu wehren.
Nein, wir sollten auch noch verschreckt und dezimiert werden. Damit wir anschließend das Kommando dieses Colonels leichter akzeptieren. Ich weiß noch nicht genau, wie dieser Hinterhalt hineinpasst. Aber er sollte uns wahrscheinlich zu diesem Offizier führen. Ein verlockender Gedanke. Der ranghöchste und erfahrenste Soldat auf dieser Welt präsentiert sich als Erlöser und alles wird gut. Was für eine Scheiße.“
Alex sah auf. „Wie nahe komme ich der Wahrheit, Sergeant Stonefield?“
Die Miene des alten Soldaten versteinerte.
„Kommen Sie, kommen Sie, jetzt ist es egal. Sobald wir die Speicher Ihrer Rüstungen analysiert haben, weiß ich es sowieso. Und wenn Sie mir nichts erzählen wollen, ich bin sicher, der eine oder andere Ihrer Leute ist da gesprächiger.“
Malenkov fuhr den Raketenkarabiner aus und hielt ihn dem Mann im schwarzen Unterfutter an die Schläfe. „Soll ich ihn erschießen, Ren?“
„Nicht hier drin, das viele Blut und die Gehirnreste kleben dann in jeder Ritze. Gehen Sie dafür raus mit ihm.“
„Das können Sie nicht machen! Ich bin ein Kriegsgefangener! Es gibt Regeln!“
„Wir sind keine Soldaten, und dies ist kein Krieg. Und jetzt raus mit ihm.“
Die beiden Rüstungsträger griffen zu, hoben den Sergeant vom Boden ab und trugen ihn raus.
„Deavenport!“, blaffte der Sergeant. „Colonel Chrisholm Deavenport!“
Alex seufzte. „Na also. Bring ihn wieder rein, Juri. Nun, das war doch gar nicht so schwer, oder, Sergeant? Haben Sie mir noch etwas zu sagen? Außer das Ihr heiß geliebter Colonel irgendwo da draußen mit seinen restlichen Rüstungsträgern darauf lauert, hier entweder als Erlöser oder als Eroberer einzumarschieren?“
„Nein, aber ich habe eine Frage.“
„Stellen Sie Ihre Frage, Stonefield.“
„Warum haben Ihre Rüstungen diese Tarnung und unsere nicht?“
Alex Tarnau sah den Schöpfer an. Der schüttelte vehement den Kopf. „Die Rüstungen sind alle identisch aufgebaut und verfügen alle über die gleichen Systeme. Auch Ihre Rüstungen haben dementsprechend die Tarnvorrichtung. Ich nehme stark an, niemand in Ihrem Kommando hat sich die Mühe gemacht, danach zu suchen.“
Der Sergeant wurde rot. „Wenn wir von der Tarnung gewusst hätten, hätte dies hunderten guten Soldaten das Leben retten können!“, blaffte er. Ohne die Rüstungsträger die ihn hielten hätte er sich zweifellos auf L´Tark gestürzt.
„So sind die Schöpfer nun mal“, brummte Alex. „Sie geben einem die Mittel. Anwenden muss man sie selbst.“
Er fixierte den Sergeant. „Nachdem Sie mir den Namen Ihres Kommandeurs verraten haben, werden Sie nicht mehr zu ihm zurückkehren. Sie haben jetzt nur noch die Wahl, ein Beyonder zu werden oder ein Gefangener der Beyonder. Ich gebe Ihnen und Ihren Leuten einen Tag Bedenkzeit. Und glauben Sie mir, ich kann ein Gefängnis einrichten.“

Der Sergeant sah zu Boden. Erinnerungen schienen in ihm zu wüten. Er zuckte heftig, als ihn eine besonders schmerzhafte Erinnerung zu überwältigen drohte.
„Eine Frage, Tarnau“, stieß er endlich hervor. „Hätten Sie mich wirklich erschießen lassen?“
Malenkov fuhr das Visier seiner Rüstung auf und grinste schief. „Sie kennen wirklich nicht allzu viel von den Systemen dieser Rüstung, was? Während Alex sich mit Ihnen unterhalten hat, Sarge, hat er mit Hilfe eines holographischen Menus und per Augenbewegung eine Nachricht geschrieben. Die hat er dann an mich und Jones geschickt. Sie enthielt Anweisungen, Sie tüchtig zu verarschen.“
Malenkov ließ den Karabiner wieder einfahren. „Sie wissen wirklich wenig über diese Rüstungen.“
„Der Colonel…sah keine Notwendigkeit, etwas anderes als die Gefechtssysteme eindeutig zu untersuchen.“
„Eine armselige Idee. Bring den Sarge raus, Juri. Danach leite die Verhöre der anderen. Mal sehen, was dabei alles raus kommt. Mich interessiert vor allem, in welchen Einheiten sie auf der Erde gedient haben. Vielleicht wird das einmal nützlich für uns.“
„Ja…Ren.“ Der Russe zwinkerte Alex zu.

„So, ich fasse zusammen. Auf Zehn Steine und neun weiteren Welten wurden Menschen ausgesetzt. Insgesamt ne gute Million. Ein Teil von ihnen hat militärische Vorkenntnisse und wurde als eine Art Erste Welle eingesetzt. Ich schätze, dass drei Viertel der ausgesetzten Menschen lediglich die von Ihnen gewünschte Fitness und Aggression aufweisen, L´Tark. Sie wurden als eine Art Verstärkung ebenfalls eingesetzt.“
„Und wurden dabei sicherlich nicht nur hier auf Mergon ohne jede Vorbereitung in die Schlacht geworfen“, sagte der Arzt leise.
„Woran wir den Schöpfern aber nur teilweise die Schuld geben können“, brummte Alex. „Anscheinend haben sie ihrem Wahlspruch alle Ehre gemacht und den Menschen die Ausrüstung zur Verfügung gestellt, sich aber ansonsten raus gehalten. Ich sehe es als ziemlich sicher an, dass dieser Colonel Deavenport uns als Verstärkung angefordert hat. Ich bin nicht sicher, ob er es wollte, dass wir direkt vor den Forts ausgesetzt wurden, kann es aber nicht ausschließen. Wahrscheinlich war es aber eher ein Fehler der Schöpfer.“
„Wir geben Ihnen die Möglichkeiten. Von Kampf verstehen wir nichts“, wandte der Schöpfer kläglich ein.

„Übrigens ist Ihre Leistung bemerkenswert, Alex Tarnau. Vielleicht müssen wir es als Vorteil ansehen, dass Sie kein ausgebildeter Militär sind. Für Sie gibt es keine Lehrdoktrin, der Sie folgen. Sie können also das Potential der Rüstungen viel besser nutzen, weil Sie nicht versuchen, sie nach bekannten und in anderer Form bewährter Schemata einzusetzen. Wenn ich Sie wäre, würde ich das Kommando nicht an diesen Colonel Deavenport abgeben“, sagte der Varni leise.
„Sie brauchen mich nicht in den Himmel zu loben, ar Zykarta. Ich habe nicht vor, das Kommando abzugeben. Immerhin führe ich hier kein militärisches Kommando. Nur ein Teil von uns ist bereit, gegen die Varni zu kämpfen. Ich bin eher der Vorsteher einer großen Kommune. Also werde ich mit Sicherheit niemandem folgen, der alle anderen zum kämpfen zwingt.“
„Es wäre aber wünschenswert, wenn alle Beyonder kämpfen. Es wäre dumm, das vorhandene militärische Potential ungenutzt zu lassen“, warf der Schöpfer ein.
„Oh, wir lassen es nicht ungenutzt. Wir gehen nur etwas feinsinniger vor. Wir werden versuchen jeden einzelnen Beyonder so einzusetzen, wie es seinen Fähigkeiten entspricht. Aber das führt zu weit in die Zukunft. Sie können gehen, Doc. Ich werde nachher noch mal vorbei schauen und nachsehen, wie es Ihren Patienten geht.
Sie können ebenfalls gehen, L´Tark. Vermeiden Sie es aber zu nahe an Stonefield und seine Leute zu kommen. Auch ohne Rüstung kann Ihnen ein erwachsener Mensch ohne weiteres den dürren Hals brechen.“
Der kleine Mann nickte. „Natürlich, Alex Tarnau. Entschuldigen Sie mich jetzt.“
„Ach, übrigens, Herold, eines noch. Auch wenn Sie es nicht wissen, aber ich verfüge über eine militärische Ausbildung. Ich bin Offizier der Reserve in meinem Heimatland. Vielleicht erklärt dies einiges.“
„Ich verstehe zuwenig davon, um diese neue Information richtig bewerten zu können.“ Er verbeugte sich leicht in Tarnaus Richtung. „Entschuldigen Sie mich jetzt.“
Der Varni nickte ebenfalls. „Ren. Meine Herren.“

Als sowohl der Riese als auch der Zwerg den Fertigbau verlassen hatten, schüttelte Alex Tarnau verwundert den Kopf. „Hat mich ar Zykarta gerade Ren genannt?“
„Sieht so aus, Alex.“
„Verrückte Zeiten sind das“, murmelte er und schloss das Visier seines Helmes.
„Martha. Ich will sofort ein paar Großgruppenführer hier sehen, die bereit sind zu kämpfen.“
„Da gibt es ein paar. Ich schicke Ihnen außerdem auch noch Anderson und Furohata, Ren.“
„Danke, Martha, Sie können meine Gedanken lesen.“


5. Tag elf: Intermezzo

Als Andy mit seiner Gruppe aus drei Panzern wieder unter den Felsvorhang fuhr, erwartete sie ein sichtlich aufgekratzter Kurt Warninger.
„Was hast du mit meinem Rhino gemacht, du Wahnsinniger?“, rief Kurt und stürzte zu dem gewaltigen Varni-Panzer. „Das Loch ist ja groß genug, um rein zu greifen! Oh, du armes Baby, jetzt wird ja alles gut, du bist wieder bei deinem Papa, und der richtet das wieder.“
Ian Kellen, der Fahrer des Rhinos, kletterte aus seiner Panzerluke und nahm den Helm ab.
„Typisch Techniker“, knurrte er. „Ich wäre fast gestorben, aber er hat nur Augen für seine Spielzeuge.“
Die anderen Panzerbesatzungen lachten.
Warninger sah kurz auf und besah sich die Rüstung des Iren.
„Hm? Ist doch nicht so schlimm. Aufschlagspuren und Schmauchspuren von Handtellergröße. Damit ist der Frontpanzer natürlich nicht mehr tarnfähig. Leider können wir das nicht reparieren. Das geht wohl nur mit Hilfe der Schöpfer. Aber wir haben ja noch die geborgenen Rüstungsteile aus den Varni-Forts. Sehen Sie doch mal hinten nach, ob da nicht ein unversehrter Brustpanzer dabei ist und tauschen Sie die Teile aus.“
„Hey, danke, dann muss ich ja nicht auf die… Moment! Ich wollte mich doch gerade aufregen, weil Ihnen der dämliche Panzer wichtiger ist als ich!“
Kurt warf dem Fahrer einen bitterbösen Blick zu. „Sagen Sie so etwas nie wieder, hören Sie? Wie kommen Sie darauf, dass mir ein Panzer wichtiger ist als ein Menschenleben? Ich wusste nur vorher schon, dass Sie mit dem Schrecken davon gekommen sind. Also, seien Sie nicht so schnell bei der Hand mit Ihren Urteilen.“
Kellen senkte den Kopf. „Ja, Ren, entschuldigen Sie.“
„Ist ja in Ordnung. Nun gehen Sie nach hinten, wo die beiden Rhinos nebeneinander stehen. Dort liegen die Rüstungsteile. Suchen Sie sich was Hübsches aus. Alle Rüstungsfragmente sind untereinander kompatibel, soviel habe ich schon herausgefunden.“
Er wandte sich Jamahl Anderson zu, der sich auf seinem ausgefahrenen Kommandantensitz köstlich amüsierte. „Und was dich angeht, Mister Obercool, hast du dir schon mal das Loch angesehen, dass in meinen Rhino gerissen wurde?“
Singh hob entschuldigend die Hand. „Wir können doch nichts dafür, dass wir in einen Hinterhalt geraten sind. Der Schaden wäre natürlich nicht aufgetreten, wenn wir die Erlaubnis gehabt hätten, die attackierenden Rüstungen zu zerstören. Da fällt mir ein, wir sollten zusätzliche Schützenplätze einbauen. Die Waffensysteme sind so zahlreich, dass ein Schütze und der Kommandant vollkommen überfordert sind. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich hätte die seitlichen Flammer gar nicht einsetzen können, als ich mit dem Rhino durch den Hinterhalt gebrochen bin.“
„Ja, darüber sollten wir nachdenken. Aber Sie haben nicht zufällig gerade Kritik an Alex Tarnau geäußert, junger Mann?“
Singh wiegelte ab. „Nein, nein, Ren. Ich habe nur festgestellt, dass wir die Rüstungen abgefrühstückt hätten, wenn wir es gewollt hätten. Und ich verstehe durchaus den Sinn der Anweisung, die Angreifer überleben zu lassen. Und das hat ja auch alles geklappt und so.“

Warninger sah dem Asiaten lange Zeit in die Augen und grunzte dann zufrieden. „Sehen wir uns den Schaden mal an. Hm. Wir haben hier einen guten Einblick in die Panzerung des Rhino. Aha. Eine Art Stahlplatte. Danach im Wechsel Stahlplatten, eine Art Wabensystem, Schichten aus einer Art Synthetik, noch eine Stahlplatte. Nett. Was hat das hier angerichtet?“
Singh spielte die Aufnahmen seiner Rüstung ab. „Gleichzeitiges Feuer von drei Rüstungen mit Raketenkarabinern. Elf Projektile haben dieses Loch geschlagen. Das zwölfte ist dann auf der Brust meines Fahrers detoniert.“
„Gleichzeitiges Feuer von drei Rüstungen? Scheint so, als würden die Fremden einiges über die Systeme der Rüstungen wissen. Sieht ganz so aus, als hätten sie sich untereinander verlinkt, um eine Art Punktbeschuss zu erreichen.“ Andy kratzte sich an der Stirn. „Schicken Sie mir doch bitte die Daten mal rüber, Singh.“

Während Andy die Aufzeichnungen studierte, werkelte Kurt im Innern des Panzers. „Mein Team hat übrigens einiges über diesen Antrieb herausgefunden“, erklang seine Stimme dumpf aus dem Innern.
Helena Kalinskaya, die Kommandantin des zweiten Wolfs, trat hinzu. „Da bin ich aber gespannt.“
„Im Prinzip ist es eine Art Antischwerkraft. Sie ermöglicht es den Panzern – und übrigens auch den Transportern, die wir geklaut haben – ohne jede Reibung voranzukommen. Einmal abgesehen vom Luftwiderstand. Nun geh endlich ab, du Mistding.
Jedenfalls, es ist vollkommen unmöglich, die komplette Schwerkraft eines Planeten aufzuheben. Einmal davon abgesehen, dass dies vielleicht eine ganze Welt vernichten könnte.“
„Aha. Und was ist des Rätsels Lösung?“, fragte Andy.
„Du wirst jetzt sicher vermuten, dass diese Antriebe die Schwerkraft nur punktuell aufheben. Und damit hast du gar nicht mal so Unrecht, Andy.
Aber es ist noch ein kleiner…Autsch! Kleiner Trick dabei.“
Plötzlich bewegte sich ein ungefähr einen Quadratmeter großes Teilstück der Panzerung und rutschte auf den Boden hinab. Dahinter kam der grinsende Australier zum Vorschein. „Wusste ich es doch. Modulpanzerung.“
„So was lernt man aber nicht in der Bank“, meinte Andy mit einem dicken Grinsen.
Warninger kletterte auf den Boden, griff unter die Platte und warf sie auf die andere Seite. „Es gibt ja noch mehr im Leben als die Arbeit. Das basteln war schon immer eines meiner liebsten Hobbys. Du solltest mal meine Sammlung an Autos Zuhause sehen. Da sind einige Prachtexemplare dabei, die ich liebevoll restauriert habe.“
„Kurt“, tadelte Andy. „Der Trick.“
„Der was? Ach so, ja. Also, was ist Schwerkraft überhaupt? Wie wirkt die Schwerkraft? Alles in allem gibt es im ganzen Universum keinen einzigen Platz, der sich nicht bewegt. Vorsicht, das geht dann schon in die Relativitätstheorie, aber einige Objekte bewegen sich schneller, andere langsamer. Und je schneller ein Objekt ist, desto langsamer vergeht dessen Zeit. Natürlich rein subjektiv.“
„Bis zum absoluten Stillstand der Zeit bei Lichtgeschwindigkeit.“
„Papperlapapp. Dann würde die Zeit ja für alles stillstehen, was so schnell wie das Licht ist. Also hätten wir kein Radio, kein Fernsehen, kein Mobilfunk, keine radioaktive Strahlung und kein Licht. Da steckt also noch ein wenig mehr hinter als ich mit meinem laienhaften Wissen über die Arbeit von Mister Einstein sagen kann.
Auf jeden Fall sind diese Bewegungen im Prinzip nichts weiter als freier Fall. Die Drehbewegung dieser Welt erzeugt eine Fliehkraft, die uns von ihr abzustoßen droht. Die Masse dieser Welt aber zieht uns zu ihr herunter. Im Klartext, wir fallen im Prinzip in Richtung Erdkern. Und das ist das ganze Geheimnis. Alles, was existiert, fällt. Nur aus verschiedenen Gründen, verschiedenen Vektoren und verschiedenen Geschwindigkeiten.“
„Jetzt hast du mich aber richtig neugierig gemacht, alter Mann“, brummte Andy und lehnte sich gegen den Rhino.
Kurt begann die Plattenränder zu säubern. „Hier gibt es mikroskopisch kleine Verschlusssysteme, die man nur mit einer Rüstung erkennen kann. Aber wenn man weiß wo die Kontakte sind, kann man sie ohne Werkzeug verriegeln und entriegeln. Schöne Sache, die sich die Varni da ausgedacht haben.
Die Antischwerkraft, die hier verwendet wird ist schlicht und einfach nichts anderes als eine Art fallen. Der Fallvektor wird nur verändert. Man fällt mit einem aktivierten Panzer nun nicht mehr zur Erdmitte, sondern parallel dazu. Und man kann die Fallgeschwindigkeit auch noch erhöhen, soweit es der Luftwiderstand zulässt.
Angenommen, wir könnten eine Art Triebwerk an diesen Babys installieren, könnten sie mit dem entsprechenden Fallvektor sogar den Orbit erreichen.“
Kurt wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Na, vielleicht. Eventuell probiere ich so was mal aus, wenn ich Zeit habe.“

„Typisch“, bemerkte die Russin amüsiert. „Wegen einer durchschlagenen Frontpanzerung macht Kurt einen Heidenaufstand. Aber dann will er selbst einen seiner wertvollen Panzer in den Orbit oder noch besser auf einen der beiden Monde schießen.“
„Ja, ja, spotte du nur, Helena. Ich habe jedenfalls genug damit zu tun, nicht nur herauszufinden wie der Antrieb funktioniert. Ich muss auch noch herausfinden, ob man so etwas reparieren kann. Vielleicht können wir sogar die Tarnung der Rüstungen auf meinen Babys anbringen.“
Andy dachte darüber nach. „Das wäre cool. Getarnte Panzer. Damit könnten wir wirklich gemeine Sachen anstellen.“
„Freu dich nicht zu früh, Jamahl Anderson“, mahnte Kurt. „Die Tarnung ist auch nur so lange effektiv, wie der Gegner sie noch nicht kennt und keine Gegenmaßnahmen entwickelt.“
„Also sollten wir den Vorteil nutzen, solange wir ihn haben“, bemerkte Andy amüsiert.
„Das dürfte wohl jedem Kleinkind klar sein, also ist es keine Überraschung, dass du auch drauf gekommen bist“, neckte der Australier.
Andy brummte beleidigt.

„Chef? Wir kommen gerade von Tarnau. Wir haben mal seine Rüstung gecheckt. Die Tarnung ist wirklich hinüber.“
Kurt sah in Richtung seiner drei Leute, die sich mit einigem Stolz als Techniker bezeichneten, obwohl ihr Erfahrungsstand mit den Rüstungen und den Panzern den Begriff Blinde eher gerechtfertigt hätte. „Schießt los. Was hat die Meisterrüstung vom Oberesel?“
Jerrard, der inoffizielle Stellvertreter Warningers fuhr sein Visier auf und kratzte sich an der Stirn. „Also, es ist verdammt merkwürdig. Auf seiner linken Schulter ist ein gleichseitiges Dreieck erschienen. Magentarot, wenn ich mich da nicht irre. Wenn Tarnau – oder Mr. Oberesel, wenn du drauf bestehst, Kurt – die Tarnung aktiviert, ist das rote Dreieck immer noch da.
Aber der Hammer ist, es ist nicht nur auch von hinten, sondern auch von den Seiten und von oben zu sehen. Es scheint, als würde die Rüstung dieses Dreieck als eine Art frei schwebende Folie auf die Rüstung selbst projizieren. Wir haben ein wenig herumexperimentiert und festgestellt, dass das Dreieck sich, wäre es real, in etwa dort befinden muss, wo sich Tarnaus linkes Schlüsselbein befindet.“
„Also mitten im Körper?“
„Mitten im Körper“, bestätigte Jerrard. „Wir haben dann mal die Zeit genutzt und uns die Tarnung genauer angesehen. Dabei haben die Rüstungen ein paar wirklich tolle Aufnahmen gemacht.“
„Schick sie mir zu meiner Rüstung“, rief Kurt voller Vorfreude und ging seinen Helm holen.

Nachdenklich betrachtete er die übermittelten Aufnahmen und brummte dazu.
„Was siehst du, Kurt?“, fragte Jerrard in der Art, in der jemand fragt, wenn er erwartet, dass ein anderer die gleichen Erkenntnisse erlangt wie er selbst, sobald er dieselben Fakten sieht.
„Sind das Aufnahmen im getarnten Zustand?“, fragte Warninger leise.
„Teilweise. Ich habe alle Bilder kommentiert. Wenn Du im Holo auf das Tonbandsymbol drückst, kannst du den Audiokommentar und eine Schriftversion benutzen.“ Jerrard lächelte leicht. „Ich habe das Symbol selbst gezeichnet.“
„Hm. Interessant. Was meinst du aber mit Glühbirnen?“
„Die Tarnung der Rüstung, oder besser gesagt die Rüstung selbst besteht aus einigen hunderttausend kleinen Körpern, die einer Glühbirne nicht unähnlich sind“, dozierte der Amerikaner den von ihm selbst verfassten Text. „Auf einen Quadratzentimeter drängen sich bis zu zweitausend von ihnen. Auf der Oberfläche dieser Glühbirnen, oder Monitore, wie wir sie genannt haben, wird ein Bild projiziert. Durch die Wandung der Birne erhält dieses Bild eine Konsistenz, die dafür sorgt, dass auf ihr quasi eine Art dreidimensionales Bild erzeugt wird. Oder um es einfacher auszudrücken: Egal aus welchem Blickwinkel man auch auf die Rüstung schaut, bei aktivierter Tarnung gibt es keine Verzerrungen. Man sieht immer den exakten, dem Monitor gegenüberliegenden Teilausschnitt der Umgebung.
Die kleinen schwarzen Punkte, von denen fünf in den Monitor eingelassen sind, stellen Mikrokameras dar, die alle für den Datentransfer notwendigen Aufnahmen machen.
Wir vermuten, dass ein dezentralisierter Rechner in der Rüstung die Informationen aufarbeitet und somit die Illusion erzeugt, die Rüstungen wären unsichtbar. Dabei sind es nur Kameras und Monitore, die einfach die Umgebung aufnehmen und projizieren. Obwohl ich mir die Verwaltung dieser Informationen wirklich als Sisyphusarbeit vorstelle. Der Rechner der Rüstung muss extrem leistungsfähig sein. Die Tarnung selbst aber dürfte kaum Energie benötigen. Sie ist ja geradezu simpel, wenn man mal drüber nachdenkt.“
„Danke für Ihren Vortrag, Professor Jerrard“, neckte Kurt und setzte den Helm ab. „Und in Alex´ Rüstung wird während der Tarnung nun dieses Dreieck projiziert? Damit ist der Tarnmodus für ihn wertlos. Er sollte in eine neue umsteigen.“
Jerrard grinste verlegen. „So was Ähnliches haben wir uns auch gedacht. Darum habe ich mit Tarnau den Brustpanzer getauscht. Hat aber nichts gebracht. Das Dreieck war immer noch da – bei ihm, wohlgemerkt. Mittlerweile glaube ich, er würde es auch tragen, wenn er eine andere Rüstung benutzt.“
„Das sollten wir mal beizeiten ausprobieren“, brummte Kurt.
„Dann sollten wir besser einen Termin beantragen. Zurzeit hat der Chef soviel um die Ohren, er ist sofort nach unserer Untersuchung zu einer Konferenz mit dem Varni und dem Herold abgerauscht.“
„Ich bin gespannt, was dabei herauskommt“, brummte Andy.

„Hier ist wieder eure Tin-Tin vor der Kamera“, erklang hinter dem Panzer eine weibliche Stimme.
„Und natürlich Roger hinter der Kamera“, fügte eine Männerstimme hinzu.
Eine junge asiatische Frau ging in ihrer Rüstung ohne Helm langsam rückwärts an der Gruppe am Panzer vorbei. Sie lächelte. „Für alle, die sich erst jetzt einklinken oder sich das hier nicht live, sondern als Aufnahme ansehen, ich bin Tin-Tin, eure rasende Reporterin. Ich bin leider keine Kämpferin, zumindest keine gute, und ich kann auch nicht kommandieren wie Alex Tarnau. Etwas reparieren oder ein Leben retten kann ich schon gar nicht. Aber ich bin sehr gut darin, mit anderen Beyonder ins Gespräch zu kommen. Also dachte ich mir, warum nutzt du nicht die Möglichkeiten der Rüstung und machst eine Art Nachrichtensendung?“
„Klatschsendung trifft es wohl eher“, kommentierte Roger amüsiert.
Tin-Tins Lächeln wurde ein dickes Grinsen. „Wie auch immer, Roger. Auf jeden Fall habe ich eine sinnvolle Beschäftigung gefunden. Und dir auch gleich eine verpasst, nicht wahr?“
„Darüber lässt sich nicht streiten. Aber egal, Tin-Tin, wohin schleppst du mich diesmal? Gestern Abend war es der Varni-Arzt ar Zykarta, der sich zu unser aller Überraschung als sehr freundlich herausgestellt hat.“
„Was ihm in unserem interaktiven Forum im Datennetz sofort einen gewaltigen Sympathiebonus beschert hat“, bemerkte Tin-Tin fröhlich.
„Richtig. Und Vorgestern hast du versucht, etwas aus Mister Eisberg rauszuholen, Gruppenführer Doitsu Furohata, den unbestrittenen Meister aller Späher. Die Liebesbriefe an ihn von seinen mittlerweile beachtlich vielen weiblichen Fans sprengen fast die Speichermöglichkeiten des Forums“, kommentierte Roger mit einem spöttischen Unterton in der Stimme.
Tin-Tin seufzte zum Steinerweichen. „Er ist aber auch so was von cool. Unnahbar, distanziert, so erhaben. Und dann taut er plötzlich auf und lächelt, dass einem das Herz aufgeht. Es wundert mich nicht, dass er auch Fanpost von Männern erhalten hat.“
„Liebesbriefe von Männern?“, hakte Roger nach.
Tin-Tin wurde rot. „Fanpost von Männern. Nach unserer Sendung sollen sich mehrere Dutzend Freiwillige zu den Spähern gemeldet haben, sodass Furohata-sama nun in der Lage sein soll, eine eigene Großgruppe zu bilden.“
„Na, das sind ja wirklich gute Neuigkeiten. Und es reicht gerade mal so, um unserer Arbeit einen Sinn zu geben“, scherzte Roger.
„Oh, ich denke, unsere Arbeit hat sogar sehr viel Sinn. Und das will ich heute beweisen. Denn heute besuchen wir… Nein, nicht Alex Tarnau. Auch nicht seinen Stellvertreter Jamahl Anderson, obwohl er in unserer Abstimmung vor allem bei den Frauen mehr Punkte bekommen hat als unser Chef.
Nein, wir besuchen ihn. Den einzigen. Den wahren. Kwan Sung Lee, den Mann, der Don´t bother me auf dem Synthesizer seiner Rüstung eingespielt und anschließend selbst besungen hat.
Hier sehe ich gerade Jamahl Anderson. Er hat die Panzergruppe unter seine Fittiche genommen, will sie aber, wie ich gehört habe, bald an einen fähigen Nachfolger abgeben, weil er seine Aufgaben als Stellvertreter von Alex Tarnau besser wahrnehmen können will.“
Tin-Tin wandte sich zu der Gruppe am Panzer um, die sie aus unerfindlichen Gründen sogar mit ihrem Hinterkopf gesehen hatte und lächelte in die Runde. „Kurt Warninger, Jamahl Anderson, Ihr seid zwei der wichtigsten Beyonder nach Alex Tarnau. Eurem Engagement in den ersten Stunden war es zu verdanken, dass so viele von uns überlebt haben.
Was ist das für ein Gefühl, wenn die Menschen, die Ihr gerettet habt, plötzlich diese Kreativität entwickeln und den Grundstein einer eigenen Kultur legen?“
Andy räusperte sich verlegen. „Nun, ich dachte ja eigentlich, es erwischt mich heute nicht, weil du gesagt hast, Ihr wollt direkt zu Kwan, Tin-Tin.“
Die Anwesenden lachten höflich.
„Aber ja, es ist für mich ein toller Lohn, wenn ich sehe, dass die Beyonder nicht einfach nur dasitzen und dumpf vor sich hinbrüten. Natürlich ist es schwer, für zwanzigtausend Menschen eine Beschäftigung zu finden. Es können nicht alle Techniker, Ärzte oder Späher werden.
Umso schöner ist es, wenn jemand eine so sinnvolle Beschäftigung findet wie du und Roger.“
Tin-Tin strahlte bei diesen Worten. „Danke, Andy. Das ist ein großes Lob für uns zwei. Hierbei sollten wir aber nicht Martha Wong vergessen, die unsere kleine Sendung nicht nur ins Netz speist, sondern auch die Aufnahmen zum herunterladen bereitstellt. Ohne unsere allwissende Martha sind wir nichts.
Don´t bother me, wie überrascht warst du, als du es gehört hast, Kurt?“
Der alte Australier setzte ein joviales Lächeln auf. „Sehr überrascht, glaub es mir, Tin-Tin. Da ist man wer weiß wie weit von Zuhause entfernt, und plötzlich hört man ein Lied von daheim.
Obwohl ich mir statt einer Pop-Trällerei lieber was von den Stones oder die Karmina Burana gewünscht hätte.“
Tin-Tin wandte sich mit ihrem bezaubernden Lächeln wieder Roger und damit der Aufnahme zu. „Da hört Ihr es, Beyonder. Kurt Warninger, unser Cheftechniker, hätte gerne die Karmina Burana zum herunterladen. Seid Ihr talentiert? Habt Ihr eine tolle Stimme? Oder noch besser ein gutes Gedächtnis? Dann stellt die Oper doch nach. Für mich bitte Turandot.
Oh, und es muss ja nicht bei Opern bleiben. Was für Lieder kennt Ihr noch? Welche Romane sind euch noch im Gedächtnis? Warum dieses Wissen für sich behalten? Warum nicht mit allen Beyonder teilen? Warum nicht auch etwas Neues erschaffen?“
Tin-Tin lächelte wieder Andy an. Der starrte sie mit offenem Mund an. „Tin-Tin, also ehrlich, das ist eine tolle Idee. Du bist unglaublich.“
Die junge Asiatin schlug verlegen die Augen nieder. „Das ist mir gerade so eingefallen. Ich wusste ja nicht, ob es gut ist.“
„Sehr gut sogar. Ich freue mich schon auf die vielen Lieder und Texte, die wir bald herunter laden können!“ Andy grinste schief und von den Umstehenden erklang bestätigendes Gemurmel.
„Na, dann sollten sich die Beyonder doch mal ins Zeug legen. Don´t bother me, Andy. Was ist dieses Lied für dich?“
„Als ich es gehört habe, hat Singh, der Kommandant dieses Rhino-Panzers es gerade herunter geladen und über die Lautsprecher seiner Rüstung abgespielt. Für einen Moment dachte ich, ein Wolf rammt mich. Dann aber habe ich mich einfach darüber gefreut. Kwan hat ein großes Talent. Und wie ich sehe, war er eine große Inspiration für viele von uns. Kein Wunder, dass wir Don´t bother me einstimmig zur Hymne der Panzerfahrer erklärt haben.“
Tin-Tin hob tadelnd den Finger. „Aber, aber, Andy. Bitte das erste Lied der Beyonder nicht so vereinnahmen.“
Wieder wurde gelacht.
Sie drehte sich wieder Roger zu. „So, das waren die Meinungen von zwei Beyonder der Führungsgruppe. Sie hatten bemerkenswert wenig Lampenfieber. Ich hätte natürlich auch noch die anderen befragt wie Panzerkommandant Singh oder die Wolf-Kommandantin Kalinskaya. Wenn die nicht beim ersten Anzeichen einer Kamera stiften gegangen wären.
Danke, dass Ihr beide nicht geflohen seid.“
Warninger und Andy grinsten breit in Richtung der Panzerbesatzungen und Techniker, die sich so weit es ging aus dem Sichtwinkel der Rüstung heraus hielten – obwohl sie eigentlich wussten, dass sie dennoch aufgenommen wurden, solange sie sich nicht im nächsten Erdloch eingruben. Aber sie waren nicht im Mittelpunkt und damit außer Gefahr.
„Lasst uns weitergehen. Mir wurde gesagt, Kwan arbeitet an einem Wolf. Mal sehen, ob wir ihn suchen müssen, oder ob uns ein Pulk von Fans den Weg weist.“

Andy klopfte Kurt Warninger auf die Schulter. „Das sehe ich mir an, wenn gleich nach der ersten Klatschreporterin der erste Popstar der Beyonder geboren wird.“
Die resolute Asiatin und ihr Kameramann gingen weiter, verfolgt von Andy und einigen anderen Panzerfahrern.
Bis sie Kwan erreichten, der fröhlich pfeifend die Panzerplatten eines Wolf-Panzers entfernte.
„Kwan Sung Lee, dürfen wir dich kurz stören?“, fragte Tin-Tin und lächelte den Metallberg hinauf.
Kwan hielt inne und sah herab. „Bist du nicht diese Tin-Tin? Die rasende Reporterin?“
Die junge Frau lächelte verlegen. „Oh, ich bin berühmt.“
„Von mir redet mal wieder keiner“, beschwerte sich Roger, es klang aber zu wehleidig, um ernst gemeint zu sein.
„Natürlich bist du berühmt. Du hast zwar erst zwei Reportagen gemacht, aber ich habe sie verschlungen. Ich bin sicher, du hast sehr viele Fans, die nur auf weitere Nachrichten von dir warten.“
„Apropos Fans“, erwiderte Tin-Tin. „Du hast auch eine ganze Menge. Und es werden mit jeder Stunde mehr.“
Kwan wirkte irritiert. „Was? Wieso das denn?“
„Immerhin hast du Don´t bother me eingespielt und besungen. Das hat viele Beyonder inspiriert. Und die Panzerfahrer haben mir gerade erst erzählt, dass sie es zu ihrer Hymne gemacht haben.“
Verlegen verschränkte Kwan eine Hand hinter dem Kopf. „Ach, deswegen? Das hätte doch jeder andere auch machen können.“
Tin-Tin hielt ihm die Hand hin. Kwan ergriff sie und sprang herab.
„Tatsache ist aber, du hast es gemacht. Und du hast es gut gemacht. Martha Wong, unsere gute Seele, sammelt seit einer Stunde eifrig Kommentare zu Don´t bother me. Sie wird sie gleich an dich überstellen. Nur soviel, es sind mehrere hunderte Zuschriften.“
„Das ist ja… Wow, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Bin ich jetzt etwa auch berühmt?“
„Das sieht ganz so aus. Übrigens, es gibt eine Frage, die alle deine Fans beschäftigt. Wann gibt es Nachschub? Was wird dein nächstes Projekt?“
„Mein nächstes Projekt? Das ist, diesen Panzer hier komplett auseinander zu nehmen und wieder zusammen zu setzen. Wir müssen verstehen, wie er aufgebaut ist. Und das ist der einfachste Weg.“
„Verstehe“, kommentierte die Asiatin und wirkte enttäuscht.
„Aber in meiner Freizeit dachte ich daran, vielleicht Anger is a bad mood aufzunehmen…“

Andy grinste bei der zur Schau gestellten kindlichen Freude, die Tin-Tin an den Tag legte, als sie Kwan überglücklich um den Hals fiel und ihn zu dieser Idee beglückwünschte.
„Hey, schnapp mir nicht mein Mädchen weg“, kommentierte Roger amüsiert, was der Koreaner mit hochroten Wangen kommentierte.
Tin-Tin löste sich wieder von Kwan und hüstelte verlegen. „Entschuldige, ich war nur so begeistert. Also wird Anger is a bad mood dein nächstes Projekt. Das ist ursprünglich von Karen Wayne, nicht?“
„Ja, das ist richtig. Karen Wayne gilt als die Hoffnung des Ostküstenpops in den USA. Obwohl Melissa Myles alles versucht, um ihr diesen Rang streitig zu machen, seit sie ebenfalls ins Popfach gewechselt ist.“
„Hat das Ganze nicht auch etwas von einem Stilbruch für dich? Ich meine, Don´t bother me ist ein schneller, spritziger Song, während die Arbeiten von Karen Wayne grundsätzlich epische Ausmaße für eine Ballade annehmen.“
„Die beiden unterscheiden sich, und das ist auch gut so. Ich brauche mich dann nicht entscheiden, welche von beiden ich lieber mag.“
Tin-Tin lachte leise. „Und dank dir müssen wir auf keine der beiden verzichten.“

Roger meldete sich zu Wort. „Hey, Ihr zwei, Martha Wong gibt gerade die Fanpost frei. Es sind achthundert Einträge.“
„Acht…hundert?“, staunte Kwan.
„Eigentlich achthundertsiebenundzwanzig.“
„So viele?“
„So ist das eben, wenn man berühmt ist“, stellte Tin-Tin fest. „Und bedenke die vielen anderen Beyonder, die keine Einträge gemacht haben, das Lied aber trotzdem mögen.“
„Und? Wirst du auf die Beiträge antworten?“, fragte Roger.
„Ich werde auf jeden Fall jeden einzelnen lesen. Und am besten fange ich gleich damit an.“ Kwan lächelte verlegen. „Entschuldigt mich, bitte.“
„Ist in Ordnung“, erwiderte Tin-Tin mit dem verschmitzten Lächeln, das sie unter den Beyonder berühmt gemacht hatte. „Ich würde es ebenso machen.“
Kwan lächelte und setzte den Helm der Rüstung auf.
„Der ist erst mal beschäftigt“, brummte Andy amüsiert.
„Das war Kwan. Es sieht so aus, als würde er nicht so bald dazu kommen, Anger is a bad mood aufzunehmen. Aber das ist egal. Schreibt weiter eure Fanpost und zeigt unserem ersten Star, was Ihr von seiner Arbeit haltet.
So, das soll es gewesen sein. Morgen versuchen wir dann mal ins Allerheiligste vorzudringen. Zu Alex Tarnau persönlich. Danke fürs zusehen.“
„Und wir sind runter.“ Roger klappte sein Visier auf. „Eine gute Sendung, Tin-Tin. Du hast es wirklich drauf. Und du bist wirklich nur Oberstufenschülerin auf der Erde gewesen?“
„Ich war die schlimmste Tratschtante der ganzen Schule. Das mir das einmal von Nutzen sein würde…“
Andy lachte laut. „Situationen wie diese erwecken eben alle verborgenen Talente.“
„Gruppenführer Anderson“, erklang Martha Wongs Stimme in Andys Rüstung.
„Der Chef sucht Sie.“