ATROCIS AUREAEQUE MEMORIAE SUNT

GeschichteThriller / P18
20.06.2009
10.04.2010
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20.06.2009 1.091
 
Kapitel 8

Die in tristem Grau gefärbten, meterdicken Mauern aus Beton, an deren Ecken die schwer bewaffneten Wachtürme das Innenleben des Gefängnishofes überwachten, wurden lediglich noch durch die im Sonnenlicht matt glänzenden Stacheldrahtspulen gekrönt. Ein beklemmender Anblick für jeden Besucher, der in die Nähe dieses Komplexes kam. Auch für Mario, der an einer schwachen Form von Klaustorphobie litt, war es ein Ort, den er nicht gerne Aufsuchte. Aber zu seinem Glück war heute der erste und, in seinen Augen, hoffentlich auch letzte Tag, an dem er das Hochsicherheitsgefängnis von Den Haag aufsuchen musste. Nachdenklich fuhr er sich durch den Bart, den er sich hatte wachsen lassen. Die letzten Wochen waren nicht gerade ein Zuckerschlecken für ihn gewesen. Träume und ´Visionen`, wie er sie nannte, raubten ihm den letzten Nerv und ließen ihn einfach nicht schlafen. Er achtete nicht mehr auf sein Äußeres, hatte fast sämtliche Kontakte zu unbedeutenden Freunden und Bekannten abgebrochen und die, nach der Verhaftung Carlos, verordnete Büroarbeit in der Europol füllte ihn nicht einmal ansatzweise aus. Der Freispruch für Carlo dagegen war ein wunderbarer Lichtblick in doppelter Hinsicht für seinen düsteren Alltag geworden. Sein bester Freund war wieder auf freiem Fuß und er konnte endlich wieder den normalen Dienst antreten. Vielleicht würde er sich Morgen auch wieder rasieren, jetzt da sich doch alles wieder normalisieren würde...
Interessiert betrachtete er nun eine plötzlich herbei geflogene Taube, die sich auf einem der Türme ausruhte und einen eigenartigen Kontrast zu diesem trostlosen Ort schaffte. Normalerweise wäre er schon früher hierher gekommen, um seinen alten Bekannten und Partner zu besuchen, aber die Sonderkommission, die ihren Fall untersuchte, hatte ihm, so lange die Untersuchungen andauerten, den Zutritt zu dem Gefängnis verweigert, um mögliche Absprachen zu unterbinden. Jetzt, da Carlo am vorangegangenen Tag freigesprochen wurde, war für ihn aber dazu auch kein Anlass mehr. 12:03 Uhr zeigte seine Armbanduhr an und Ungeduld machte sich bei ihm breit. Er hatte seinen Mazda vor etwa einer viertel Stunde auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt und schaute nun, lässig gegen die Motorhaube gelehnt, auf das schwere Eisentor. Ein Spruch seines Vaters kam ihm auf einmal in den Sinn: „Mario, es gibt zwei Dinge im Universum, die sich nicht zu bewegen scheinen – Fixsterne und Beamte. Wobei ich mir aber bei den Fixsternen nicht so sicher bin...“ Obwohl er selbst beim Staat angestellt war, musste er seinem Vater in diesem Moment einfach Recht geben. Die Zeit verging und er fing schon langsam mit dem Fuß zu wippen an, als sich endlich die intrigierte Türe des blauen Tores knirschend öffnete. Carlo, mit einem großen Seesack über der Schulter geworfen, trat langsam aus dem Schatten heraus. Er schaute sich um, erblickte Mario und zwinkerte ihm verschmitzt zu. Nach ein paar Schritten warf er dann den Kopf in den Nacken, tat, als ob er den teilweise bewölkten Himmel dankbar betrachten würde, streckte die Arme nach oben hin aus und rief unüberhörbar in seiner überspitzt theatralischen Art „Freiheit!“ in die weite Welt hinein. Mario konnte nur den Kopf schütteln und über diesen eigenartigen Humor, der typisch für Carlo war, schmunzeln. Er winkte den Gefängniswärtern zum Abschied und kam mit einem breiten Grinsen auf Mario zu.
„He, Mario alter Kumpel! Wie geht’s?“, rief er mit seiner beinahe lärmenden Stimme und drückte ihm die Hand so fest, dass Mario fast in die Knie gehen musste. „Uhaa... abgesehen davon, dass du mir fast die Hand zerdrückt hast, ganz gut. - Sag mal, hast du abgenommen? Du siehst so mager aus.“, erwiderte Mario, Carlo kurz betrachtend, um sich danach die rechte Hand mit der anderen zu massieren. Carlo war heute wirklich bester Laune, was bei ihm in der Regel eher selten der Fall war. Er lachte und klopfte sich mit beiden Handflächen stolz auf den Bauch. „Sieben Kilo abgenommen – ist ja auch kein Wunder bei dem Fraß, den sie dir dort vorwerfen.“ Sein Blick fiel auf das Auto. „Ist das dein Neuer?“, fragte Carlo auf den Wagen deutend, während er zur Beifahrertür ging. „Mazda RX-8, Baujahr 2008, 260 PS mit Leichtmetallfelgen und rotem Metalliclack. Gebracht gekauft mit 15000 Kilometern. Der Besitzer hatte ihn all die Jahre in der Garage stehen lassen.“, zählte Mario stolz die Daten auf, kräuselte dann aber leicht verärgert die Stirn, als Carlo den Wagen spaßhaft als „Hübsche Hämorriden-Schaukel“ bezeichnete. Für Carlo war sein Peugeot 408 natürlich der ultimative Wagen, den er nicht einmal gegen einen Ferrari eingetauscht hätte. Sie stiegen beide ein und als Mario den Motor aufbrüllen ließ, konnte sich sein Beifahrer aber ein bewunderndes Nicken nicht verkneifen. Sie mussten durch die Innenstadt fahren, um zu Carlos Wohnung zu gelangen. Der Verkehr war heute ziemlich zähflüssig, da einige Einheimische, ihrem Klischee nachkommend, mit Wohnwägen in Richtung Süden reisten. „Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?“, erkundigte sich Marios Beifahrer nach ein paar Minuten, um die Fahrzeit etwas zu überbrücken. „Ja, etwas sehr interessantes hat sich heute Nacht ereignet – Moment.“, murmelte Mario, während er nach hinten griff, vom Rücksitz einen Aktenordner nahm und ihn Carlo in die Hand drückte. Wieder einmal ein besch farbigen Ordner der Europol, der einen neuen Fall enthielt. Carlo schlug den Bericht auf, las ihn mit großer Aufmerksamkeit schweigend durch, während sich seine Augen, den Text überfliegend, von Sekunde zu Sekunde vor Überraschung mehr weiteten. An einer gewissen Stelle dann stutzte er komplett und sah erregt auf. „Soll das etwa ein Scherz sein? Was soll das heißen, ´der Angegriffene, sei höchstwahrscheinlich durch die Ursache einer Explosion gestorben – jedoch fehlen bis zu diesem Zeitpunkt jegliche Anzeichen eines Sprengsatzes’? Hat wieder unser alter Christoph in seinem Suff den Tatort beschrieben, oder was?!“, rief er leicht verärgert auf, wobei er die Wörter „höchstwahrscheinlich“ und „jegliche Anzeichen“ besonders hervor hob. Mario konnte seiner Reaktion nachempfinden, da er genau so reagiert hatte. „Reg’ dich nicht auf – auch ich habe ihn zweimal lesen müssen, bevor ich registriert habe, dass das kein Scherz sein kann. Die Amsterdamer Kripo war vor Ort und hat die Vermutung eines Bombenanschlags in den Raum geworfen. Das heißt, sie haben den Job einfach an die Europol weiter geschoben. Im Revier habe ich dann erfahren, das sie den Fall uns beiden übertragen haben und jetzt sollen wir uns alleine darum kümmern.“, antwortete Mario nach vorne gewandt. „Na toll, dann ist ja wieder alles beim altem. Wir bekommen die mysteriösen Fälle und dürfen den Kopf hinhalten. Schöner Mist, den sie uns da wieder vorsetzen...“, seufzte Carlo genervt und warf den Bericht wieder nach hinten. „Tja, neuer Fall, neues Glück.“, antwortete Mario und manövrierte den Wagen geschickt und zügig durch die mit Fahrzeugen übersäte Autobahn.
Der Ruf der Pflicht hatte sie wieder einmal ereilt…