ATROCIS AUREAEQUE MEMORIAE SUNT

GeschichteThriller / P18
20.06.2009
10.04.2010
10
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20.06.2009 760
 
Kapitel 6

Es war heute ein langer Arbeitstag im Antiquitätenladen gewesen und sie fühlte sich genau so erschöpft wie sie wohl aussehen musste. Sie hatte ja nicht einmal Zeit für einen kurzen Blick in den Spiegel gehabt, um das Make-up zu überprüfen. Andererseits war sie darüber aber auch ganz froh. Ihr Spiegelbild erinnerte sie leider immer wieder schmerzvoll an ihre Behinderung, die sie seit Kindestagen an hatte.
Sie musste bei dem Gedanken unwillkürlich an ihre Kopfseiten fassen, um die merkwürdigen Auswüchse vorsichtig zu betasten. Jeden Morgen, wenn sie aufwachte, hatte sie insgeheim die Hoffnung, dass sie über Nacht wie durch ein Wunder einfach verschwunden wären, dass sie sich endlich wie ein normaler Mensch fühlen dürfte und nicht mehr in der Angst leben müsste, dass jemand ihre Hörner entdecken könnte.
Sie zog die Baskenmütze, die sie auf dem Kopf trug, seufzend wieder ein kleines Stück herunter und schritt mit gesenktem Kopf, über den nassen Pflasterweg hinweg, auf ihre Wohnung zu. Der süßliche Duft von Marihuana, der in Amsterdam keine Seltenheit war, wehte ihr aus einer der Gassen entgegen und ein leichtes Gefühl von Übelkeit überkam sie. Angeekelt wandte sie sich von diesem penetranten Gestank ab – wenn sie endlich genug Geld beisammen haben würde, so kam ihr der Gedanke, dann würde sie so schnell es ihr nur möglich war aus dieser verfluchten Stadt verschwinden. Sie war hier zwar nicht geboren worden, aber gewisse Umstände hatten sie hierher gebracht und bis jetzt an diesen Ort gebunden.
Die Sonne ging blutrot leuchtend am Horizont unter und es wurde schon dunkel, als die Laternen über ihr am Kanal entlang aufflackerten. Es fröstelte ihr und sie zog den schwarzen Mantel enger an sich. Es waren wegen des regnerischen Wetters kaum Passanten unterwegs und eine ungewöhnliche Stille legte sich über die Straße, auf der sie entlang ging. Ein Haus nach dem anderen löschte das Licht und gab die Umgebung der Dunkelheit preis. Eine unheimliche Zeit, um nach Hause gehen zu müssen. Sie konnte es sich nicht erklären, aber irgendwie hatte sie nach einer Weile das leise Gefühl verfolgt zu werden. Beunruhigt ging sie aber weiter ihren Weg am Kanal entlang, vorbei an steinernen Brücken, die mit alten und rostigen Fahrrädern übersäht und an deren Geländern angelehnt waren.
Verstohlen schaute sie sich immer wieder über der Schulter um, überprüfend, ob sich hinter ihrem Rücken vielleicht doch jemand befand. Sie konnte nichts Ungewöhnliches erkennen, aber das mulmige Gefühl ließ sie einfach nicht los. „Was bin ich auch so blöd und lauf’ abends zu Fuß nach Hause!?“, flüsterte sie leicht verärgert zu sich selbst und sie spielte schon mit dem Gedanken, eines der Hunderten von Fahrrädern zu nehmen, die hier in der Gegend herumstanden. Sie verwarf die Idee aber gleich wieder und konzentrierte sich lieber auf die großen Pfützen vor ihr.
Beiläufig betrachtete sie das Wasser im Kanal, dass wegen der Finsternis wie eine zähflüssige, schwarze Masse wirkte, die alles zu verschlucken schien, was ihm zu nahe käme. Da sie schon von Klein auf große Angst vor offenem Wasser gehabt hatte, hielt sie vorsichtig genügend Abstand vom Ufer.
Plötzlich war ein leises Plätschern hinter ihr zu hören. Erschrocken drehte sie sich schnell um und blickte mit angsterfüllten Augen zurück. Sie konnte durch die Dunkelheit nichts erkennen, aber etwas war hinter ihr in eine Lache getreten. Panik machte sich plötzlich in ihr breit – Jemand verfolgte sie. Unwillkürlich beschleunigte sie ihren Gang und versuchte sich, während sie lief, auf hörbare Schritte hinter sich zu konzentrieren. Da ihre Stöckelschuhe auf diesem Untergrund so laut klapperten, war es ihr aber unmöglich, die Schritte einer anderen Person wahr zu nehmen. Schweißperlen der Anstrengung und der Angst rannen ihr mittlerweile von der Stirn und stoßhaft atmete sie die kalte Luft aus und ein. Im Lauf versuchte sie nun noch einmal zurück zu blicken, doch dieser Fehler kam sie teuer zu stehen.
Auf den rutschigen Pflastersteinen fanden ihre Sohlen keinen halt mehr und sie stürzte mit einem lauten Aufschrei zu Boden. Sie schlug zuerst mit dem linken Knie auf, konnte sich aber glücklicherweise noch mit ihren Händen abfedern und rollte sich zur Seite auf den Rücken. Ihre Handflächen brannten unerbittlich durch den harten Aufschlag und eine heiße Schmerzwelle durchströmte ihren Körper von ihrem Knie ausgehend. Sie spürte, wie das Blut dickflüssig und warm aus der Schürfwunde austrat und an ihrem Schenkel entlang langsam herunter floss.
Sie wischte sich die verdreckten Hände an ihrem Rock ab und befingerte vorsichtig die Wunde. „Scheiße...“, stöhnte sie schmerzerfüllt auf und versuchte sich mit wackeligen Beinen wieder aufzurichten. Doch sie stockte wie gelähmt in ihren Bewegungen als sie erschrocken aufsah…