ATROCIS AUREAEQUE MEMORIAE SUNT

GeschichteThriller / P18
20.06.2009
10.04.2010
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Kapitel 5

Der Sitz war ziemlich unbequem und die Holzlehnen drückten ihm schmerzvoll in den Rücken. Unruhig rutschte er auf und ab, in der Hoffnung eine bessere Sitzlage zu finden, doch ohne Erfolg. Es war ihm klar, dass man Menschen in seiner Position keinen Komfort bieten wollte. Aber irgendwie störte es ihn trotzdem. Zumindest wusste er jetzt wie es denjenigen erging, die Er an einem solchem Ort wie diesem gebracht hatte - obwohl er sehr bezweifelte, dass diese sich eher Gedanken über ihren Stuhl, als über das ihnen bevorstehende Urteil gemacht hätten. Nur war bei ihm die Situation eben anders, er hatte damals gezwungener Maßen gehandelt und fühlte sich nicht schuldig. Das Problem war nur, dass ihm kaum einer glaubte. Zugegebenermaßen hätte nicht einmal er selbst seiner eigenen Geschichte geglaubt, wenn sie ihm jemand anders erzählt hätte. Dabei konnte er nicht einmal alles schildern, sondern nur den Teil, der halbwegs glaubwürdig auf andere wirkte. Den Rest musste er aus praktischen Gründen „abändern“. Demzufolge war der einzige Mensch, der ihm wirklich glaubte, nur Mario allein – und dieser war in diesem Vorfall ja selbst verwickelt gewesen.
Genervt über diese scheinbare Hilflosigkeit versuchte er einen tiefen Atemzug zu nehmen, aber die lange Narbe an seinem Bauch hinderte ihn schmerzvoll daran. Sie spannte nach wie vor, und dass noch nach ganzen drei Monaten.
„Wenigstens“, so dachte er, „haben die Ärzte damals gute Arbeit geleistet.“
Sie hatten ihn nach dieser schweren Verletzung, die ihn mehrer Wochen ins Koma fallen ließ, so gut es ihnen möglich war, wieder zusammengeflickt.
„Sie hatten unglaubliches Glück! Es wurden größtenteils keine Lebenswichtigen Organe verletzt. Ihr Bauchfett hat sie gerettet.“
Diesen letzten Satz des Chefarztes hätte er sich am liebsten in Gold einrahmen lassen. Wer hätte gedacht, dass sein Übergewicht ihm eines Tages das Leben retten würde. Bei diesem Gedanken musste Carlo unweigerlich schmunzeln.
Links von ihm hörte er ein räuspern. Der Pflichtverteidiger, der ihm zugeteilt worden war und neben ihm saß, schaute ihn mit einem komischen Ausdruck an. Anscheinend hat er ihn kurz lächeln gesehen. Carlo nahm sofort wieder eine starre und schuldbewusste Mimik an und der Anwalt nahm seine vorherige Position wieder ein.
Carlo saß in einem großräumigen Gerichtssaal, der mit kostbaren Holztäfelungen an den Wänden bestückt war und in dem über große, langgezogene Fenster das Licht dämmrig in den Raum fiel. Die Richter waren bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht da, also schaute er sich die auf den Zuschauerrängen sitzenden Gäste ein wenig an. Die Sitzreihen zu seiner rechten waren bis auf den letzten Platz gefüllt, und auch einige seiner Kollegen befanden sich unter den Zuschauern. Diese aber mieden peinlich berührt unter allen Umständen seinen Blickkontakt und betrachteten eindringlich den Boden zu ihren Füßen.
Carlo wandte wiederum den Blick ab und dachte nach.
„Was sie wohl über mich denken? Vermuten sie etwa, dass ich den Jungen wirklich mit Absicht erschossen habe? Dass ich so kaltblütig sei, ein unschuldiges Kind zu ermorden? Aber sie kennen ja nicht den gesamten Sachverhalt. Sie wissen ja nicht, was dieses Kind wirklich war, zu was es imstande war und vor allem: was es getan hatte...“
Diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf, aber er hatte keine Zeit sich weiter damit zu beschäftigen, denn gerade eben betrat der Oberste Richter zusammen mit den Nebenrichtern den Saal durch die hintere Seitentür.
„Stand up.“, befahl plötzlich der in der Nähe stehende Wächter Carlo und er folgte der Aufforderung ohne Zögern.
Jetzt, im nachhinein, war Carlo ziemlich erstaunt über den Ort, an dem er sich momentan befand, und den er eigentlich nur aus den Nachrichten kannte. Normalerweise hätte man ihn nämlich vor einem französischem Gericht verurteilen müssen - aber durch seine Immunität, die er als Internationaler Polizeibeamter inne hatte, war man gezwungen gewesen, auf eine höhere Instanz zurück zu greifen: Den Europäischen Gerichtshof.
Jetzt stand er hier, in dem Gerichtssaal, in dem eigentlich nur über die wichtigsten Fälle geurteilt wurde - was ihm aber die Angelegenheit auch nicht gerade angenehmer machte.
Als sich die Richter endlich an ihren Plätzen befanden, wurde die Sitzung offiziell eröffnet: das Zeichen, dass alle wieder Platz nehmen durften. Carlo setzte sich und versuchte der Anklageschrift, die vom Staatsanwalt persönlich vorgelesen wurde, seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Aber seine Gedanken schweiften, verursacht durch die monotone Stimme des Juristen, schon nach kurzer Zeit schnell wieder ab. Außerdem wusste er schon, was man ihm vorwarf: fahrlässiger Totschlag an einem Kind - von hinten ´aus Versehen` in den Rücken geschossen. Ein unglücklicher Unfall eben. Er schüttelte insgeheim den Kopf. Keiner hätte ihm je geglaubt, dass es Notwehr gewesen war, dass es ohne sein schnelles Handeln seinem Freund das Leben gekostet hätte. Niemand hätte es ihnen je abgekauft. Aus diesem Grund mussten Mario und er bei der Befragung lügen. Sie behaupteten, dass das Holzstück, dass durch den Sturm auf Carlo geschleudert wurde, seine Sinne extrem einschränkt hatte und ihn glauben ließ, der Junge wäre der Mörder. Welche Ironie...
Die Verhandlung nahm in etwa zwei Stunden in Anspruch, bei denen Carlo, Mario und einige weitere Beamten, die zum Tatort gekommen waren, befragt wurden. Eine eintönige und Kraftraubende Prozedur, die scheinbar nicht enden wollte. Jedoch war Carlo bei der Befragung von Mario, den er seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte, über dessen Aussehen äußerst überrascht. Er war nicht mehr der gepflegte, Gutaussehende Jüngling, so wie er ihn in Erinnerung hatte. Im Gegenteil: Er hatte tiefe Ringe unter den Augen, seine Haare waren nicht mehr kurz, sondern lang und ungewaschen, und er trug einen wilden und zersausten Bart. Seine Kleidung war leider auch nicht mehr so stilvoll wie früher; statt teurem Anzug trug er mittlerweile einen alten Pullover und verwaschene Jeans. Das Ereignis hat Mario also ziemlich fertig gemacht, vielleicht sogar mehr als Carlo selbst.
Dann endlich zogen sich die Richter zur Beratung zurück, um danach das Urteil zu verkünden. Dies war geradezu eine Sensation, da solche Verhandlungen sich meistens über mehrere Gerichtstage hinziehen konnten und nicht bloß ein paar Stunden andauerten. Aber was war schon normal bei dieser Verhandlung? Man hatte zum Beispiel unter anderem extra auf den Ausschluss der Öffentlichkeit bestanden und speziell auf einem gewissen Grad von Geheimhaltung geachtet. Statt einer Gerichtsverhandlung stand nämlich eine Renovierung des Saals auf dem Programm. Die Presse sollte absolut nichts mitbekommen und unter keinen Umständen einen Skandal aus diesem Vorfall breitschlagen können. Und dass, weil ein Polizist einen Zivilisten erschossen hatte? Es war ja nicht das erste Mal, dass so etwas passiert war. Es musste mehr dahinter stecken, da war sich Carlo sicher. Vielleicht hing es sogar mit der Obduktion dieses gehörnten Kindes zusammen...
Nach fünf Minuten Beratungszeit kehrten die Richter zurück und alle Anwesenden standen auf, gespannt auf das nun folgende Urteil. Carlo wurde nun etwas mulmig zumute. Wie viel würde er wohl absitzen müssen? Hatte er überhaupt noch die Chance auf eine Bewährung? Carlo verdrängte diese Gedanken schnell und hörte aufmerksam den Worten des Richters zu, der nun über seine Zukunft entschied.
„Im Namen der Europäischen Gemeinschaft ergeht folgendes Urteil: Der - “, setzte der Oberste Richter seine Urteilsverkündung an, würde jedoch von einem aus dem Hinterzimmer kommendem Beamten unterbrochen.
Dieser hielt ein gedrucktes Blatt Papier in der Hand und überreichte es dem Vorsitzführenden Richter. Konzentriert überfolg dieser schnell das Dokument und übergab es mit einem ernsten Gesichtsausdruck seinen Kollegen.
„Was ist den jetzt?“, murrte Carlos Pflichtverteidiger genervt und ging zum Richterpult hinüber, der Staatsanwalt ebenfalls sofort folgend.
Ein Raunen ging durch den Saal und einige Zuschauer unterhielten sich angeregt über diesen Vorfall, Spekulationen über den Inhalt dieses Zettels aufstellend.
„Quiet please!“, gebot der vorherige Wächter, während sich die Juristen wieder zu ihren Plätzen begaben.
Mario schaute neugierig zu Carlo hinüber und zuckte mit den Schultern. Anscheinend hatte auch er keine Ahnung, was hier plötzlich los war.
Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, setzte der Oberste Richter von oben herab zum zweiten Mal zu seiner Verkündigung an.
„Anscheinend sind einige... Unstimmigkeiten aufgetreten. Aus diesem Anlass wird der zum Totschlag Beschuldigte Carlo Pedersoli wegen mangelnder Beweisführung von der Anklage freigesprochen. - Die Kosten für die Gerichtsverhandlung tragen...“, die letzen Worte hörte Carlo nicht mehr.
Vor lauter Überraschung waren er und einige Zuschauer aufgesprungen. Während sich Carlo vor lauter Freude, seiner neu gewonnen Freiheit noch gar nicht richtig bewusst war, riefen ein paar empört auf und wollten, sichtlich verärgert, nach vorne stürmen. Das Wachpersonal hatte einiges zu tun, um für Ordnung zu sorgen.
Mario stand von der Zeugenbank auf und ging zu ihm hinüber.
„Hättest du das gedacht?“, fragte Mario nachdenklich, nachdem er sich neben ihn gestellt hatte.
„Da ist irgendetwas faul - aber zumindest hast du jetzt nicht mehr die Sorge um die ´Gefängnis-Seife`.“, hackte er etwas erheitert nach.
„Ha-Ha, siehst du wie ich lache? Sehr komisch.“, antwortete Carlo leicht sarkastisch, dessen Laune sich aber nach diesen harten Wochen endlich etwas gebessert hatte.
Aber er musste Mario Recht geben – es wirkte alles ziemlich eigenartig und seltsam auf ihn.
Sehr eigenartig und seltsam sogar...