ATROCIS AUREAEQUE MEMORIAE SUNT

GeschichteThriller / P18
20.06.2009
10.04.2010
10
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20.06.2009 551
 
Kapitel 4

Plötzlich stoppte das gehörnte Wesen von einem Moment auf dem anderen seine Bewegungen und Mario fiel losgelassen auf den schlammigen Boden. Keuchend rang er nach Luft und sah zu dem Jungen auf, der sich die linke Seite seines Brustkorbs hielt.
Verwirrt nahm der Junge die Hand weg – ein Einschussloch war zu sehen.
Dieser sah auf seine blutverschmierte Hand, wandte dann den Blick mit einem solch entsetzten Ausdruck zu Mario, dass ihm der Atem durch den Anblick unwillkürlich stockte. Der Junge sackte daraufhin in sich zusammen und fiel Tod zu Boden. Eine der Lachen färbte sich dunkelrot und Mario wandte den Blick angeekelt ab.
Stattdessen interessierte ihn vielmehr die Ursache der plötzlichen Wendung, und er bekam sie unerwartet zu sehen.
Carlo lag in einigen Metern Entfernung, mit dem linken Arm seitlich aufgestützt. Mit der rechten Hand hielt er noch für einen Moment seine Schrödel 304 und ließ sich danach wieder erschöpft zu Boden sacken.
Mario sprang erstaunt auf, rannte zu seinem verletzten Kollegen hinüber, rutschte vor ihm auf die Knie und bückte sich über ihn, um seinen Zustand zu begutachten.
Carlo verzog bei jedem Atemzug das Gesicht schmerzerfüllt, verursacht durch die Kraft raubende Verletzung.
Ohne unnötig Zeit zu vergeuden, rief Mario über sein Mobiltelefon die Zentrale an, einen Krankenwagen und Verstärkung anfordernd. Einen Moment lang überlegte er, den Holzbalken aus der Wunde heraus zu ziehen, aber vielleicht würde der daraus resultierende zusätzliche Blutverlust ihn töten. Sein Zustand würde sich aber auch so von Minute zu Minute verschlechtern. Er riss ein Stück von seinem Ärmel weg und versuchte ein wenig die Blutung zu stillen.
„Kannst du reden?“, fragte Mario etwas unbeholfen und betrachtete ihn mit einem besorgten Blick.
„Schwer.“, presste Carlo angestrengt hervor und versuchte ihn anzusehen.
Der Wind hatte nachgelassen und die Stille beherrschte nun die Umgebung. Der Regen fiel nach wie vor und durchnässte weiter ihre Kleidung.
„Tu mir – bitte einen – Gefallen.“, flüstere Carlo abgehackt mit einer kaum hörbaren Stimme.
Mario wusste was komme würde.
„Du wirst nicht sterben.“, sprach Mario entschlossen, die innere Panik verdrängend.
Er würde seinen Freund nicht einfach so sterben lassen.
„Wenn doch – dann sag – dann sag Mirjam – dass ich sie – dass ich sie immer – geliebt habe.“, flehte Carlo ihn mit einem geradezu herzzerreisendem Blick an.
Mario wandte sich kurz ab, da er sich kaum noch fassen konnte. Er wusste Bescheid, da Carlo es ihm einmal erzählt hatte. Sie war Carlos Jugendliebe gewesen, doch seine Zuneigung zu ihr wurde nie erwidert. Er hatte sich gezwungenermaßen von ihr abgewendet, um ihr, wie er sagte, nicht mehr zur Last zu fallen. Trotzdem hatte er sie aber komischerweise bis zu diesem Tag weiterhin geliebt.
Mario schaute in Carlos glasig werdende Augen, und er konnte sein Mitleid und seine Trauer kaum verbergen.
„Das werde ich.“, versprach er, und unterdrückte ein schluchzen.
Carlo nickte beruhigt und schloss zufrieden die Augen.
Der Regen wurde immer schwächer und hörte schließlich ganz auf. Die Wolkendecke brach auf und zog langsam davon.
Von weitem hörte man schon die Sirenen der Polizei und des Rettungsfahrzeugs. Gleich würde Hilfe da sein. Hoffnung kam wieder in Mario auf.
Noch war sein bester Freund nicht verloren.
„Nein, noch nicht!“
Er sah Gedanken verloren auf den Horizont und wartete auf die ersehnte Rettung. Die ersten roten Strahlen der aufgehenden Sonne waren zu sehen.
Ein neuer Tag brach an.