ATROCIS AUREAEQUE MEMORIAE SUNT

GeschichteThriller / P18
20.06.2009
10.04.2010
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Kapitel 3

Carlo verstummte sofort. Mario nickte nur, ohne ein weiteres Wort. Diese Aussage würde für einen Außenstehenden sicherlich befremdlich wirken, aber Carlo war sofort klar was sein Kollege damit meinte. Santa Lucia war eine Stadt, in der Nähe von Neapel, die zu ihrem damaligen Revier gehört hatte. Von einem Informanten hatten sie damals den Tipp bekommen, dass sich in einer der Lagerhallen am Hafen ein Drogendepot der Mafia befinden solle. Doch die Dinge kamen damals anders als gedacht...
„Bist du sicher?“, fragte Carlo noch etwas ungläubig, doch am erneuten ernsten Nicken seines Freundes konnte er erkennen, dass dieser nicht scherzte.
„Sie sind alle schon Tod. Was denkst du, warum keiner Rauskommt und nachschaut was los ist? Lass dich vom Aussehen nicht täuschen. Da steht unser Killer.“, versuchte ihn Mario zu überzeugen.
Carlo konnte es sich nicht erklären, aber er begriff langsam.
„ALSO LOS, AUF DEN BODEN ODER WIR SCHIESSEN!!!“, brüllte er mit seiner brachialen Stimme.
Erstaunt wich der Junge zuerst mit ein, zwei Schritten zurück. Doch dann, die Mütze vom Kopf ziehend, setzte er zu einem lauten und freudlosen Lachen an.
„Ha-ha-ha-ha-ha...! Ihr denkt doch nicht etwa, Ihr könntet mich aufhalten?!”, fragte er mit einem eisigem Unterton.
Carlo konnte die beiden Auswüchse an den jeweiligen Kopfseiten erkennen, doch er verdrängte den Anblick zunächst und konzentrierte sich auf seine Arbeit.
„Junge, nimm Verstand an! Wir haben hier zwei Schrödel 304, und du hast gar nichts in deiner Hand! Wenn du kooperierst wird dir nichts geschehen!“, schrie Carlo dem gehörnten Jungen entgegen.
„Pass auf!“, murmelte Mario warnend aus dem Mundwinkel heraus, „Es klingt eigenartig und verrückt, aber er hat so etwas wie telekinetische Fähigkeiten. Du solltest Abstand von ihm halten. Versuch ihn zu verwunden!“
Carlo wollte, verständlicherweise noch verwirrter als zuvor, fragen, woher er das wüsste. Aber da sprintete Mario schon nach rechts, um den Jungen abzulenken. Er hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache. Obwohl Mario diesen Kleinen für den Täter hielt - sollte er wirklich auf seinen sich komisch verhaltenden Kollegen hören und auf ein Kind schießen? Und was war mit dieser angeblichen Telekinese? Was sollte das alles...
Der Junge wurde durch die Aktion von Mario kurzzeitig tatsächlich abgelenkt.
„Mach schon!“
Dieser Satz riss ihn aus seinen Gedanken heraus und er reagierte wie mit einem Reflex. Er zielte auf eines der Beine und drückte ab. Der Schuss fiel, gut gezielt. „Oh Gott, was habe ich nur getan...“, schoss es ihm durch den Kopf.
Doch etwas stimmte nicht. Der Junge blieb erstaunlicherweise stehen, so als ob nichts geschehen wäre. Aber es floss kein Blut und eine Wunde konnte er auch nicht erkennen – konnte es sein? War die Kugel etwa abgeprallt?! Völlig perplex harrte Carlo in seiner Haltung und Mario blieb, mit einem versteinerten Gesichtsausdruck, abrupt stehen. Der Junge lächelte und bewegte sich bedrohlich ein paar Schritte auf sie zu, blieb stehen, und machte ein zufriedenes Gesicht. Carlo wurde jetzt klar, dass das unmöglich ein Mensch sein konnte und er bekam eine Gänsehaut, die scheinbar nicht enden wollte. Aus den Augenwinkeln schaute er zu Mario hinüber, und er wunderte sich, woher dieser das alles wissen konnte. Mario bemerkte den Blick und erwiderte ihn, auch er wirkte verwirrt, doch da war etwas anderes. Zum ersten Mal erkannte Carlo einen Ausdruck, den er zuvor bei Mario noch nie gesehen hatte:
Angst.
Mit einem plötzlichen Ruck brachen hölzerne Stützbalken aus der Veranda heraus und ein Teil des Daches stürzte ein. Zwei dieser Holzbalken schwebten nun unheilvoll über dem Jungen hinweg.
„Wer will als erstes?“, fragte er in einem nahezu fröhlichen Ton, als ob er Süßigkeiten verteilen wollte.
Der Junge ließ die Holzbalken weiter über sich kreisen, die beiden geschockten Polizisten nacheinander eingehend betrachtend. Schließlich blieb sein Blick an Carlo hängen, der die Pistole nach wie vor fest umklammert und ausgestreckt in den Händen hielt.
„Wie wäre es mit dir, Fettsack?“, fragte der Junge mit einem leisen, angsteinflößenden Ton.
Carlo ahnte die Gefahr, und seine Pupillen weiteten sich vor Schreck – aber er war zu langsam. Wie in Zeitlupe bewegte sich einer der Balken ein kleines Stück zurück um Schwung zu holen. Ein lautes und verzweifeltes Brüllen kam von Mario, der seine Pistole zog und wahllos auf den Jungen schoss. Doch er konnte ihn nicht mehr aufhalten…
Hilflos musste Mario mit ansehen, wie der Balken nach vorne geschleudert wurde. Der Aufprall war so heftig, dass es Carlo von den Beinen riss und er zu Boden geschleudert wurde.
Da lag er, den Brustkorb qualvoll hebend und senkend. Das Holzstück ragte hochkant aus seinem Bauch heraus; er krümmte sich Blut spuckend und dann war nur noch ein leichtes röcheln von ihm zu hören.
„Nnneiiiiiiiinnn!!!“, schrie Mario aus dem innersten seines Herzens heraus und sank kraftlos zu Boden.
Der andere Holzbalken hatte ihn nur knapp verfehlt und steckte nur einen viertel Meter von ihm entfernt im Boden. Ein dicker Kloß steckte ihm im Hals, als er seinen Freund zum zweiten Male am Boden liegend sehen musste. Er hatte es nicht geschafft ihn zu retten, es war für ihn alles vorbei. Ein paar Blitze zuckten kurz hintereinander über die finstere Wolkendecke hinweg, dann fing es, erst langsam und dann immer stärker werdend, an zu regnen. Die Regentropfen rannen ihm am Gesicht entlang und vermischten sich mit den salzigen Tränen.
Der Junge kam langsam auf ihn zu, aber es interessierte ihn nicht mehr.
„Da hast du noch einmal Glück gehabt. Aber glaub nicht, dass ich dich deswegen verschonen werde. Wir beide werden bestimmt noch unseren Spaß haben.“, flüsterte der kleine Mörder bedrohlich.
Mario sah auf.
„Du kannst mich mal...“
Er spürte wie sich plötzlich eine Hand um seinen Hals legte und ihn würgte. Sein Kehlkopf wurde erbarmungslos zugedrückt.
„Oh, jetzt werden wir auch noch frech, he?“, fragte der Junge, den Griff verstärkend.
Mario konnte keine Hand erkennen – es war wieder eine dieser unsichtbaren Gliedmaßen. Diese zog ihn ein paar Meter über den Grund. Verzweifelt in der Luft strampelnd, versuchte er sich von diesem tödlichen Griff zu lösen, doch ohne Erfolg. Der unerwartet feste Griff schnürte ihm die Luft vollkommen ab und ließ ihn langsam das Bewusstsein verlieren.
Vielleicht, so dachte Mario in diesem Moment, konnte man das Schicksal nicht ändern. Vielleicht waren wir alle dazu verdammt einen Weg zu gehen, den wir uns nicht ausgesucht haben. Vielleicht waren wir nicht mehr, als nur Marionetten in einem üblen Spiel. Mario starrte auf den Jungen, der gleich sein Leben beenden würde. Seine Sicht wurde unschärfer und seine Lungen brannten bis ins unerträgliche. Er wurde immer schwächer. Das war es also gewesen.
„Na, was ist denn? Jetzt schon schlaff geworden? Das ging ja viel zu schnell! Dann wird es wohl Zeit für das Golden Goal.“, sagte der Junge in einem enttäuschten Ton, und holte zum letzten und vernichtenden Schlag aus.
Ein Blitz erhellte die tragische Szene in gleißendem Licht, untermalt durch das tiefe grollen und dumpfe beben eines Donners…