ATROCIS AUREAEQUE MEMORIAE SUNT

GeschichteThriller / P18
20.06.2009
10.04.2010
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Kapitel 2

Ein Ruf war zu hören der die Stille durchdrang, ein Ruf der gar nicht hierher gehörte. Ein Ruf...
„Hey, wach jetzt endlich auf!“
Mit einem plötzlichen Schreck erwachte Mario.
„Wach schon auf du Frühlingsgöttin, es ist Zeit für die Steinkohle-Ernte.“
Es war Carlo gewesen, der versucht hatte Mario durch rütteln aufzuwecken.
Mario schaute sich verwirrt um – er saß im Auto. Sie fuhren noch.
„Alles Okay? Du siehst etwas bleich aus.“, erkundigte sich Carlo.
Mario betastete ungläubig seinen Körper. Er hatte tatsächlich nur geträumt; aber er konnte immer noch nicht fassen, was er gerade gesehen hatte. Doch viel mehr als das gesehene, beunruhigte ihn eine andere Tatsache: Er hatte solche Träume schon früher erlebt - Träume die später Wirklichkeit wurden. „Es hat mich also eingeholt.“, ging es ihm durch den Kopf. Dabei hatte er so viele Jahre seine Ruhe gehabt. Aber anscheinend fing es wieder an.
„Ich hatte einen Traum.“, antwortet Mario tonlos.
„Einen Traum? Na, wenn’s sonst nichts ist.“, reagierte Carlo gelassen.
Die Schwüle war durch den Wind verschwunden, aber das Gewitter nahm immer größere und bedrohlichere Ausmaße an.
Wie sollte er es ihm nur klarmachen? Er würde es nicht glauben, und ihn für verrückt erklären.
Der Flur. Ein plötzlicher Migräneanfall ließ ihn sich schmerzerfüllt zusammenkrümmen.
„Hey, was ist mit dir? Brauchst du Hilfe?“, erkundigte sich Carlo besorgt, abwechselnd die Straße und seinen Kollegen beobachtend. „Soll ich vielleicht anhalten?“
Das Blut. Eine weitere Schmerzwelle, stärker als die vorherige durchzuckte ihn, doch Mario wollte sich nichts anmerken lassen.
„Alles in bester Ordnung!“, täuschte er ihm vor und streckte den Daumen nach oben.
Carlos Körper. Wie ein Messerstich ins Gehirn, das kurze Gefühl sein Kopf könnte zerplatzen – genau so fühlte sich der Schmerz an, der ihn in diesem Moment so heftig durchfuhr.
„Ahhh!“, schrie er mit schmerzverzerrter Mine auf und hielt sich verzweifelt den Kopf. Verstört blickte Carlo zu ihm herüber.
Doch dann war es plötzlich wieder vorbei. So schnell wie er gekommen war, war der Anfall auch wieder verschwunden.
„Verdammt, was ist los?! Was hast du? Jetzt sag schon!“
Der Schmerz war weg zum Glück weg, doch die grausamen Bilder blieben vor seinem innerem Auge bestehen. Sein Kollege schaute ihn immer noch besorgt an.
„Migräne. Ich nehme nachher ein Aspirin, keine Panik. Und schau mal wieder auf die Straße, es macht mich nervös wenn du mich während der Fahrt anstarrst.“, entgegnete Mario ihm und zwang sich ein Lächeln auf.
Er atmete tief durch. Ein Gedanke kam in ihm jetzt immer und immer wieder auf und ließ ihn nicht mehr los: „Ich muss dieses Monster aufhalten und meinen Freund retten. Ich muss dieses Monster aufhalten und meinen Freund retten. Ich muss...“
Genervt schaute Carlo derweil nach vorne und grummelte verärgert vor sich hin. Die Blitze zuckten immer wilder und waren sichere Vorboten für eine Gewitterzelle, wie man sie selten in dieser Gegend vorfand. Mario konnte langsam seine Gedanken wieder ordnen und betrachtete dieses Naturschauspiel. Doch die wahre Bedrohung war nicht annähernd so Eindrucksvoll wie dieses Ereignis, dessen war er sich voll und ganz bewusst.
„Das Unscheinbare ist eine wesentlich größere Gefahr, da man es meistens unterschätze.“ Das hatte ihm sein Vater damals von Kindheit an immer eingebläut, aber er hielt es leider immer nur für einen dummen Spruch. Wenn er nur an seinen Vater dachte...
Aufgeschreckt wurde er wieder aus seinen Gedanken, als der Peugeot einen Satz machte und von der Landstraße in den tiefer gelegenen Feldweg einfuhr. Wie in seinem Traum fuhren sie nun über den Feldweg am unheimlich wirkenden See vorbei. Wieder fiel sein Blick auf den schicksalhaften Ort und er erschauderte. Vor der alten Scheune wurde der Wagen wieder an einer passenden Stelle geparkt. Um sie herum fing der Sturm jetzt wie eine Bestie an zu toben, doch dieser Sturm war nichts im Vergleich zu dem, der im Innern von Mario tobte. Es war genau so wie im Traum, und das beunruhigte ihn von Sekunde zu Sekunde.
Wie gewöhnlich wollte Carlo nun ihre kurze Meditationspause durchführen, aber er wurde durch Marios herausbrechender Ungeduld unterbrochen. Dieser schnallte sich ohne Zeit zu vergeuden ab, zog die Pistole aus dem Seitenfach und stieg aus. Über die Schulter sah er seinen noch immer im Auto sitzenden Kollegen an, überlegend und bemerkte dann kurz angebunden:
„Das bringt jetzt nichts. Los, komm mit.“
Sein Partner schaute ihn zuerst verdutzt an und folgte ihm leicht verärgert in einiger Entfernung nach.
„Was ist denn das jetzt? So haben wir es doch bisher immer gemacht!“, gestikulierte er ihm empört hinterher.
Mario antwortete ihm nicht, sondern machte eine beschwichtigende Geste.
Kopfschüttelnd lief Carlo ihm hinterher bis sie beide schließlich vor dem Haus ankamen. Der Wind zersauste ihnen das Haar und erschwerte sichtlich das Atmen. Carlo bemerkte das Licht im Haus und wollte schon anklopfen, doch Mario hielt ihn einen Moment zurück, indem er ihn am Arm packte.
„Wenn du anklopfst, dann halte bitte ein Stück Abstand. Du weißt nicht was dich erwarten wird.“, warnte ihn Mario, insgeheim hoffend, dass er sich doch irren könnte.
Carlo schaute mit finsteren Blick auf die Hand, die ihn gepackt hatte. Mario ließ ihn daraufhin instinktiv los.
„Entschuldige“, bemerkte er peinlich berührt.
„Mach dir nicht ins Hemd, ich weiß was ich tue. Aber ich werde deinen Rat beherzigen.“, sagte Carlo mit einem müden Gesichtsausdruck.
Er trat bis zur Türe vor, klopfte an und kam bedächtigen Schrittes wieder zu seinem Kollegen zurück.
„Zufrieden, der Herr?“, fragte er in einem leicht sarkastisch angehauchtem Ton.
„Sehr sogar.“, erwiderte Mario innerlich erleichtert, mit der Pistole auf die Haustüre zielend.
Sein Adrenalinspiegel stieg mit der Aufregung, doch die Konzentration nahm nicht im geringsten ab. Dann war es soweit. Wie Mario es in seinem Traum vorhergesehen hatte, öffnete sich langsam und zum zweiten Male die Holztüre.
In der Tat kam der selbe Junge hervorgetreten, das Aussehen und die Kleidung passten bis ins letzte Detail überein.
Keine Gefahr erkennend wollte Carlo schon seine Pistole wegstecken.
„Lass die Waffe angelegt. Vertrau mir!“, flüsterte Mario ihm zu.
„Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Das ist doch nur ein Kind!“, gab er genervt zurück.
„Und was, wenn das ein Trick des Mörders ist? Warten wir es lieber ab.“, zischte Mario zurück, den Jungen nicht aus den Augen lassend.
„Na gut.“, flüsterte Carlo und fragte den Jungen:
„Sind deine Eltern vielleicht da? Wir sind nämlich von der Polizei und wollen helfen!“
„Kommt herein, wenn ihr nur wollt“, bemerkte der Junge.
Der selbe kalte Tonfall.
Mario lief es bei diesem Satz eiskalt den Rücken herunter, aber er ließ sich trotzdem nicht beirren. „Den Gefallen tun wir dir nicht!“, dachte er sich und rief provozierend zu dem Jungen:
„Wie wär’s wenn Du raus kommst! Hier draußen ist es nämlich gerade so gemütlich.“
Carlo schaute seinen Kollegen entsetzt an. Er hatte so viele Jahre mit diesem Mann zusammen gearbeitet, und er konnte stolz von sich behaupten, dass niemand ihn besser kannte als er selbst. Aber so ein Verhalten wie dieses, hatte er bei Mario noch nie gesehen. Er würde doch nie einem Unschuldigen drohen, vor allem keinem Kind!
„Jetzt geht es aber los! Bist du noch ganz bei Sinnen?! Ich glaube du hast...“, setzte er schon zornig an, aber Mario sagte nur zwei Worte zu ihm.
Zwei Worte, die er in diesem Moment nicht einmal im Entferntesten erwartete hätte, aber deren Bedeutung für ihn unmissverständlich waren.
„Santa Lucia.“