ATROCIS AUREAEQUE MEMORIAE SUNT

GeschichteThriller / P18
20.06.2009
10.04.2010
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Kapitel 1

Ohne es zu merken, war Mario anscheinend während der Fahrt eingeschlafen. Carlo weckte ihn mit einem kurzen, aber kraftvollen rütteln.
„Wach schon auf du Frühlingsgöttin, es ist Zeit für die Steinkohle-Ernte.“
Dies war einer seiner Lieblingssprüche, die er fast immer und zu jeder Gelegenheit gebrauchte, aber wirklich fröhlich wirkte er dieses Mal nicht, als er ihn aussprach.
„Sind wir etwa schon da?“, fragte Mario und setzte sich die Arme ausstreckend auf.
„Noch nicht ganz, aber wir biegen gleich in die Seitenstraße ein, die zum Hof führt.“
Mario nickte, doch plötzlich kamen ihm Zweifel an Carlos Plan.
„Könnte es wirklich sein, dass der Täter hier auftaucht, oder schon aufgetaucht ist? Ich meine es kommen schließlich noch drei andere Landhäuser in Frage.“
Carlo überlegte kurz, und antwortete dann entschlossen.
„Aber dieses hier liegt im Zentrum der bisherigen Angriffe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir ihn hier finden werden. Vielleicht, - vielleicht können wir, wenn wir Glück haben, schlimmeres verhindern.“
Carlo legte die Stirn in Falten, als er dies sagte. In Wirklichkeit wusste er, dass es im Fall der Fälle schon zu spät war für die Opfer.
Der Peugeot bog in den holprigen Feldweg ein. Sie fuhren an brachliegenden Äckern vorbei auf einer Straße, die schon lange nicht mehr ausgebessert wurde. Die Wolkendecke brach nun an ein paar wenigen Stellen kurz durch, und das Mondlicht gab den unheimlichen Anblick auf den vor ihnen liegenden Bauernhof preis. Dieser wäre selbst am helllichten Tag, bei Sonnenschein und blauem Himmel als trostlos eingestuft worden, doch wie viel befremdlicher wirkte er in diesem Moment.
Das schwarze Coupé bewegte sich, an der dunkel schimmernden Oberfläche eines kleinen Sees vorbeifahrend, immer näher auf die Gebäude zu. Auf dem Gelände befanden sich ein alter Kuhstall, eine vermoderte Scheune und ein Wohnhaus, in dem sich die gesuchte Familie aufhielt.
Hundert Meter von der Holz-Scheune entfernt, hielt Carlo den Wagen an einer geeigneten Stelle an und schaltete den Motor aus.
Zornig peitschte mittlerweile der Wind - Er schien die Ankunft der Fremden nicht zu begrüßen. Rundherum ächzten die Bäume, sich den Gewalten des aufkommenden Sturmes beugend.
Die beiden Kriminalpolizisten blieben noch einen Moment mit geschlossenen Augen sitzen, das Unwetter um sie herum tobend, um sich für das Folgende zu sammeln. Eine Art Ritual, das sie seit je her vor jedem Einsatz vollführten.
„Bereit?“, fragte Carlo seinen Kollegen Mario nach zwei Minuten, sich zu ihm wendend, nachdem er fertig war.
Dieser erwiderte den Blick mit einem ausdruckslosen Lächeln.
„Bereit, wenn du es bist.“
„Also los.“
Sie zogen ihre Dienstwaffen aus den Seitenfächern der Autotüre, entsicherten routiniert jeweils die Pistolen und stiegen aus.
Ziel gerichtet schritten sie voran, vorbei am Stall, auf das Wohnhaus zu, die Waffen im Anschlag. Jede noch so kleine Bewegung erfasste Mario aus den Augenwinkeln heraus, jedes noch so ungewöhnliche Geräusch nahm er trotz des Sturms wahr. Doch trotz ihrer Erwartungen, - es geschah nichts. Gegen die starken Windstöße ankämpfend, traten sie bis zum Haus vor.
Das Bauernhaus selbst besaß eine Orts-Typische Steinfassade, die jedoch schon anfing an vielen Stellen zu zerbröckeln. Es hatte zwei Etagen gehabt, wovon die obere, ersichtlich durch den schlechten Zustand, verlassen war und somit nur das Erdgeschoss bewohnbar zu sein schien. Die Fenster waren mit Lamellentüren verschlossen, von denen der Lack schon abblätterte - Bei einem der Fenster konnte man erkennen, dass in dem Raum das Licht eingeschaltet war. Es musste sich also anscheinend jemand im Haus aufhalten.
Mario und Carlo sahen sich ohne ein Wort gegenseitig an und nickten sich verständnisvoll zu. Carlo betrat über die modrigen Stufen die Veranda und klopfte an der vergilbten Haustüre aus Massivholz an. Mario folgte ihm mit einem Meter Abstand und blickte sich nach wie vor um, weiter nach verdächtigen Anzeichen Ausschau haltend.
Plötzlich hörte man von innen die Dielenböden knirschen, verursacht durch eine Person, die sich der Türe weiter näherte. Sie kam immer näher und näher, Schritt für Schritt, bis sie schließlich vor der Haustüre stehen blieb. Die Person hielt kurz für einen Moment inne und die Haustüre wurde daraufhin langsam geöffnet.
Doch anstatt des erwarteten Erwachsenen, stand vor ihnen ein kleiner Junge. Er trug blaue Jeans, ein weißes T-Shirt mit einer unleserlichen Schrift und über den Kopf gezogen eine schwarze Mütze.
Überrascht steckten die beiden Beamten die Pistolen weg. Carlo musste unweigerlich lächeln und tätschelte dem Jungen den Kopf.
„He Kleiner, sind deine Eltern da?“, fragte er freundlich, „Wir sind nämlich von der Polizei und wollen helfen!“
„Kommt herein, wenn ihr nur wollt“, antwortete der etwa siebenjährige Junge in einem sehr ruhigen Ton.
Carlo ging an ihm vorbei, trat in den Flur des Hauses und sah sich neugierig um. Mario folgte ihm, behielt jedoch den Jungen im Auge. Etwas irritierte ihn an diesem, doch er wusste nicht was es war.
„Was ist mit deinen Eltern, sind sie hier?“, fragte Mario, während sich sein Kollege im Haus umsah.
„Nein.“, antwortete der Junge jetzt in einem kalten Ton und starrte ihn durchdringend an.
Verwirrt wollte Mario weiterfragen, doch da kam Carlo, geradezu kreidebleich und mit einem entsetzten Gesichtsausdruck, aus einem der Räume zurückgerannt.
„Ich habe sie gefunden. Sie liegen im Wohnzimmer.“
Mario wandte sich völlig überrascht zu seinem Kollegen um, doch dann geschah etwas völlig unerwartetes.
„Aber wenn er schon hier war...“, war das letzte, was Carlo hervorbrachte.
Von einer Sekunde auf die andere wurde sein Kopf durch eine unsichtbaren Macht vom Rumpf getrennt. Der Kopf fiel nach vorne, der Körper folgend. Der Flur. Das Blut. Carlos Körper. Durch den Schock ergriffen sah Mario all dies wie in Zeitlupe vor sich gehen. „Was ist nur passiert?“, schoss es ihm durch den Kopf, aber sein Gehirn war zäh wie Brei geworden. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Von einem Augenblick auf den anderen lag er da blutüberströmt vor ihm - der Kopf abgetrennt. Sein Kollege, sein Mitkämpfer, sein Freund...
Wie Feuer brannten plötzlich sämtliche seiner Gehirn- und Nervenzellen auf. Ein knackendes Geräusch, verbunden mit einem plumpen aufplatzen nahm er dumpf wahr. Er sank auf die Knie, und registrierte erst jetzt, dass dieses Geräusch nicht von Carlo, sondern von ihm selbst stammte. Das blutige Loch im Brustkorb bemerkend, die zerfetzte Haut zusammen mit den nach außen gebrochenen Rippen, einem Teil der Wirbelsäule und den heraushängenden Organen, sackte er stöhnend zu Boden.
Jetzt konnte er wieder, gepeinigt durch die ins unendlich gehenden Schmerzen, den Jungen leicht verschwommen erkennen. Über diesem sah er etwas, dass wie ein blutverschmierter Arm in der Luft schwebte. Bedeckt durch sein Blut und das von Carlo, zeigte sich die unsichtbare Gliedmaße, die ihn und seinen Kollegen so schrecklich erwischt hatte.
„D-duu, wwarst ess...“, brachte er unter unglaublichen Anstrengungen röchelnd hervor.
Der Junge nahm seine Mütze vom Kopf. Er trug violette Haare und an der Kopfseite waren ungewöhnliche Auswüchse zu sehen, Hörnern gleich. Der Junge lächelte, aber mit einem kaltherzigen Ausdruck.
„Keine Sorge, gleich ist alles vorbei.“, sagte er mit geheucheltem Mitleid.
Er hob den „Arm“, hielt ihn, den Augenblick sichtlich genießend, nach oben und senkte ihn daraufhin blitzschnell.
Ein peitschender Schlag mit einem lautem aufplatzen war zu hören. Danach herrschte Stille. Nur ein Ruf aus weiter ferne war zu hören...