ATROCIS AUREAEQUE MEMORIAE SUNT

GeschichteThriller / P18
20.06.2009
10.04.2010
10
10.458
 
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
20.06.2009 1.452
 
Kapitel 9

Nachdem er Carlo vor seiner Wohnung abgesetzt hatte und sie sich herzlich verabschiedet hatten, fuhr Mario, erleichtert über die Tatsache, dass sein Freund wieder auf freiem Fuß war, zu seiner eigenen Wohnung zurück.
Es war eine weitläufige Wohnsiedlung in der er wohnte, die größtenteils von jungen Familien bewohnt wurde und voll vom Lärm schreiender Kinder war. Wie Affen hingen deswegen die Kleinen an den Geländern des Spielplatzes, als Mario an ihnen vorbei zu seiner Wohnung schritt.
Plötzlich schrie eines der Kinder begeistert auf, als es ihn wieder erkannte.
„Inspektor Girotti, Inspektor Girotti! Da kommt der Inspektor!“, riefen die übrigen sechs bis acht Jährigen, stürmten auf ihn zu und gruppierten sich um ihn herum, um mit ihrer Neugierde Löcher in seinen Bauch zu fragen.
„Herr Inspektor, haben sie wieder einen Verbrecher gefangen?!“, fragte eines der Mädchen aufgeregt, indem sie ihm am Mantel zupfte.
„Nein, Rosetta, heute habe ich keinen gefangen. Aber ich bin ihnen ganz dicht an den Fersen.“, antwortete er, indem er mit dem Auge zwinkerte.
Die Kinder kicherten und stellten ihm weitere Fragen, die er geduldig beantwortete und sie danach wieder zum Spielen schickte.
Er mochte Kinder, sie waren noch so unbefangen und ehrlich - ganz im Gegensatz zu den Erwachsenen.
Er ging auf seinen Wohnblock zu und wollte gerade den Schlüssel aus seiner Jacke kramen, als er den Mann bemerkte, der vor der Eingangstüre seines Wohnblocks wartete.
„Guten Tag, warten sie auf jemanden spezielles?“, fragte er in einem höfflichem Ton, jedoch ohne den Argwohn in seiner Stimme überdecken zu können
„Ich suche einen gewissen Herrn Mario Girotti.“, erwiderte der Mann mit einem leicht polnischen Akzent.
Der Herr trug einen hellgrünen Anzug und eine dicke, altmodische Hornbrille, die auf seiner Hackennase thronte. Seinen grauen Haaren und den Falten zu urteilen, schätzte ihn Mario auf ende sechzig, Anfang siebzig.
„Der bin ich. Was wollen sie von mir?“, fragte er, die Stirn leicht runzelnd.
„Ich wollte mit ihnen reden, Herr Girotti.“, antwortete der Unbekannte in einem bedächtigen und ruhigen Tonfall.
„Wenn sie mit mir reden wollen, dann können sie gerne bei der Europol anrufen und mit meiner Sekretärin einen Termin ausmachen. Jetzt dagegen würde ich gerne meine Freizeit genießen, um mich von meiner harten Arbeit zu -“, wollte Mario den Fremden abwimmeln, doch er wurde mitten im Satz durch eine völlig überraschende Aussage unterbrochen.
„Ich weiß, was das für ein Wesen war, dass ihr Kollege erschossen hat.“
Mario verstummte sofort und merkte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich.
„Ich weiß nicht, wovon sie -“
„Tun sie nicht so, als ob sie nicht wüssten, was ich meine. Ich komme vom europäischen Ausschuss für Innere Sicherheit. Ich werde ihnen alles erklären, aber nicht hier draußen. Entweder sie nehmen sich jetzt die Zeit mir zuzuhören, oder wir werden uns nie wieder sehen - dass garantiere ich ihnen.“, antwortete der alte Herr in einem fast scharfen Tonfall.
Mario überlegte einen kurzen Moment, dann nickte er.
„Okay, kommen sie mit. Aber Füße abtreten, verstanden?“
Seine Wohnung war ein einziger, weiträumiger und hell erleuchteter Raum, in dem sich sowohl Ess- als auch Wohn- und Schlafzimmer befanden. Abgesehen von den durch den Raum verteilten Socken am Boden und dem Geschirr vom Vortag, das sich noch immer in der Spüle befand, war das Loft ansonsten recht sauber und ordentlich.
Mario bot dem Mann einen Platz am Esstisch an, und setzte sich gleich ihm gegenüber.
„Kommen wir gleich zur Sache – was wissen sie über den Vorfall in Frankreich?“, fragte er den Mann und schaute ihm mit einem prüfenden Blick in die Augen.
„Nicht viel. So weit ich weiß, sie sind damals durch ihre Ermittlungen auf ein mögliches Schema gestoßen, dass der Täter vermutlich anwandte und sie hatten den Plan, ihm zuvor zu kommen. Als sie am wahrscheinlichen Ort der nächstgeplanten Tat ankamen, waren die Opfer leider schon getötet worden, aber der Täter war glücklicherweise nach wie vor am Tatort. Sie überraschten ihn und er entpuppte sich - in ihren Augen - als ein kleiner Junge. Sie wurden beide angegriffen, aber irgendwie gelang es ihrem Kollegen, den Täter zur Strecke zu bringen.“, erklärte ihm der Mann in kurzen und sachlichen Sätzen das Drama, das er und sein Partner durchleben mussten.
Mario war über diese Abgebrühtheit geradezu geschockt und versuchte erst einmal seine Gedanken zu ordnen.
„Okay. Zuerst einmal, woher wissen sie das alles und zweitens, was war denn nun dieses Kind, das uns fast umgebracht hat?“
„Sagen wir einfach, ich habe eins und eins zusammen gezählt und den Hergang der Tat rekonstruiert. Und ihrer Reaktion zu folge, hatte ich wohl mit meinen Vermutungen recht.“
„Und die Sache mit dem Kind? Was hat es damit auf sich?“
„Erinnern sie sich an den Atomtest, den Nordkorea im Jahre 2009 in einem unterirdischen Komplex an der Grenze zu Südkorea veranlasst hatte?“
„Ja natürlich, ich kann mich noch gut daran erinnern. Viele Länder und unter anderem die Vereinten Nationen waren damals in Alarmbereitschaft, und das ganze hätte beinahe zu einem globalem Konflikt geführt – aber was...“
„Dieser Komplex war ursprünglich nicht für diesen Atomtest gebaut worden. Er war für etwas ganz anderes konzipiert gewesen.“
Der Mann drehte sich kurz zur Seite um zu husten und fuhr danach fort:
„In Wirklichkeit war es ein streng geheimes Forschungslabor, in dem an diesem bestimmten Tag ein sehr gefährliches Experiment fehlschlug. Die Zündung einer Atombombe war nur eine Vorsichtsmaßnahme der Nordkoreaner gewesen, um das Ausmaß der Katastrophe auf ein Minimum zu reduzieren. Da man den Medien damals eine Rechtfertigung für eine Nuklearsprengung bieten musste, sprach man von einer ´Demonstration der militärischen Macht´.“
Zuerst hielt Mario es für einen Scherz und musste lachen, aber als er in die ernste Miene des Gegenübers sah, war er zuerst sprachlos, dann verwirrt und schließlich verärgert.
„Sagen sie mal, ist ihnen überhaupt klar, was sie mir da weismachen wollen? Was zum Henker soll gefährlicher als eine Atombombe sein?“
Der alte Mann sah auf seine verschrumpelten Hände herab, schloss sie zur Faust und wandte den Blick an Mario vorbei in die Ferne. Dann antwortete er ihm, indem er Mario mit einem fast traurigen Blick in die Augen sah.
„Etwas, das schlimmer als eine Atombombe ist? Eine Seuche. Eine Seuche, die die gesamte Menschheit innerhalb weniger Jahre vollkommen ausgerottet hätte.“
Plötzlich dämmerte es Mario.
„Sie meinen doch nicht etwa, das…“
„Oh doch. Das Kind, das sie gesehen haben, war das Produkt dieser Seuche."
Eine kurzer Moment des Schweigens trat ein und der Mann fuhr erneut fort.
"Wir haben im Moment leider noch nicht genügend Informationen darüber, was diese Krankheit ist und wie sie übertragen wird. Bisher sind es nur Vermutungen, die wir den Japanern aus der Nase gezogen haben. Aber wir haben berechtigten Grund zur Sorge, da jetzt schon ein solcher Fall hier in Europa aufgetreten ist. Wir stehen diesem Problem fast hilflos gegenüber – aber auch nur fast.“
„Moment – Sie waren es, die Carlo freisprechen ließen! - Sie brauchen uns, nicht wahr?“
„In der Tat. Sie beide sind die einzigen, denen es bisher möglich war, ohne spezielle Ausrüstung eines dieser Wesen zu töten.“
„Sie haben vergessen zu erwähnen, dass es uns beinahe das Leben gekostet hätte.“
„Trotzdem sind sie unsere einzige Hoffnung im Kampf gegen diese Wesen.“
„Zwei einfache Polizisten? Mehr hat Europa nicht zu bieten? Was ist mit den ganzen Sondereinsatzkommandos? Oder sind wir nur das Kanonenfutter, he?!“
Während des letzten Satzes war Mario aufgesprungen und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, so dass der Mann leicht zurückwich.
Doch Mario fasste sich sofort wieder und glitt langsam zurück. Der Mann wartete einen Augenblick und fuhr im gleichen ruhigen Ton fort.
„Sie haben mich da leider Falsch verstanden. Natürlich erwartet keiner von ihnen diese - Monster - selbst zur Strecke zu bringen. Aber sie werden diese Einsätze koordinieren und Verdächtigen Spuren nachgehen. Ihre Erfahrung ist für uns Unbezahlbar. Aus diesem Grund werden wir demnächst mit ihnen gemeinsam eine eigene Sonderkommission bilden und ihnen in naher Zukunft die Fälle übergeben, von denen wir glauben, dass sie mit diesen besonderen Vorkommnissen in Verbindung stehen.“
Mario nickte und kräuselte nachdenklich die Lippen.
„War das alles, was sie mir sagen wollten?“
„Nein. Ich möchte ihnen beiden noch viel Glück wünschen. Wir zählen auf sie.“
Der Mann stand langsam unter leisen ächzen auf, und schritt zu Tür. Mario begleitete ihn. Kurz bevor er aus dem Türrahmen schritt, hielt Mario ihn noch kurz fest.
„Eine Frage, hätte ich noch an sie. Wie lange wissen sie von diesen `besonderen Vorfällen´?“
Der alte Herr lächelte nur matt.
„Das werden sie noch früh genug erfahren. Auf Wiedersehen, Herr Girotti.“, sagte er, ging an Mario vorbei, die Treppe heruntersteigend und ließ ihn im Türrahmen stehen.
Mario wartete, bis er den Mann nicht mehr hören konnte und ging kopfschüttelnd zum Telefon.
Er wählte eine Nummer und hob den Hörer ab.
„Carlo, wir müssen uns mal kurz unterhalten. Es ist wichtig...“