Wege einer Liebe

GeschichteRomanze / P12
Benjamin Barker Lucy Barker
18.06.2009
23.12.2011
11
17.028
 
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18.06.2009 865
 
Es war der 17. Januar 1829, der Benjamin Barkers Leben grundlegend ändern sollte. Doch er begann nicht etwa außergewöhnlich, nein, eigentlich begann er nicht schlimmer und nicht besser als jeder andere Tag. Und doch sollte er für den jungen Barbier einen komplett neuen Anfang bedeuten, eine Wende um 180 Grad.

Als er erwachte, war von solch bedeutenden Ereignissen allerdings noch nicht das Geringste zu spüren. Eher im Gegenteil, er fühlte sich geradezu zerschlagen, und nichts lag ihm ferner, als aufzustehen und sich an die Arbeit zumachen. Draußen herrschte noch rabenschwarze Nacht, und Benjamin hätte alles dafür gegeben, in seinen warmen, weichen Daunendecken Liegenzubleiben und weiterzuschlafen, bis die ersten Sonnenstrahlen ihn von alleine weckten. Doch die Arbeit rief, und Benjamin wusste, dass er seine Kunden nicht warten lassen durfte. Mit Leidensmiene schwang er seine Beine über die Bettkante und blieb einen Moment lang sitzen, missmutig auf die Holzdielen starrend. Dann stand er vorsichtig auf, und musste sich einem Moment lang am Bettgestell festhalten. Morgens war ihm immer erst etwas schwindelig. Nun ja, es half alles nichts. Schicksalsergeben schlüpfte er in seine Klamotten und ging langsam hinüber zu dem großen Fenster, von dem aus man die ganze Fleet Street überblicken konnte. Wie so oft war die Luft erfüllt von dem Geruch von Druckerschwärze, der aus einer der viel Druckereien empor stieg. Leicht lächelnd schloss er die Augen. Er liebte London wirklich. Obwohl es noch so früh morgens war, herrschte auf der Straße und auf dem Platz vor der St. Dunstan’s Church reges Treiben. Die Bauern aus den umliegenden Dörfern kamen mit Wägen, so schwer beladen, dass es ein Wunder war, dass sie nicht umkippten. Aus Kisten erklang das Gegacker von Hühnern, und eine Ziege sträubte sich gegen ihren Besitzer, der versuchte, ihr ein Lederhalsband umzulegen.

Für Benjamin gab es nichts Schöneres als dieses allmorgendliche Treiben zu beobachten. Auch seine ersten Kunden würden bald kommen. Sie trudelten meist pünktlich mit den ersten Sonnenstrahlen ein, um sich rasieren oder die Haare stutzen zu lassen. Wie jeden morgen musste er erst alles vorbereiten. Aus dem kleinen Schrank holte er seine Kiste mit den Rasiermessern hervor. Ehrfürchtig strich er über die Klingen. Sie waren von allerbester Qualität, und wieder einmal bewunderte er die filigranen Verzierungen auf den Griffen. Diese Messer waren eigens für ihn in einer alteingesessenen Messerschmiede in Sheffield hergestellt worden. Sündhaft teuer, natürlich, aber er bereute keinen Penny, den er für sie bezahlt hatte. Gutgelaunt holte er seinen Streichriemen hervor und machte sich daran, die Messer für den nächsten Gebrauch zu schärfen. Nach getaner Arbeit verstaute er seine Messer wieder vorsichtig in ihrer Kiste und legte sie auf den kleinen Schrank, wo sie auf den ersten Kunden des Tages warteten. Mittlerweile war die Sonne über Londons Hauptstadt aufgestiegen und verbreitete gleißendes Licht, dass den strahlend blauen Winterhimmel noch blauer erscheinen ließ. Benjamin fröstelte es. Es war einer dieser schneiden kalter Tage, an denen man das Gefühl hatte, der eigene Atmen würde in der Luft gefrieren.
Da klopfte es laut an der Tür. Benjamin fuhr erschrocken zusammen, fing sich dann jedoch wieder und rief: „Herein?“ Die Tür öffnete sich, und ein junger, gut aussehender Mann trat herein. Er war ziemlich groß, vielleicht 1, 85m, und muskulös. Seine Haare waren von einem dunklen blond, und seine wachsam blickenden Augen dunkelgrün. „Was kann ich für sie tun, Sir?“, fragte Benjamin höflich. Der Fremde blickte sich erstmal im Raum an. An seiner ausdruckslosen Miene konnte man nicht erkennen, ob ihn das Gesehene ansprach oder nicht. „Eine Rasur, Mister …?“, sagte er dann mit einer tiefen Stimme. Benjamin lächelte zuvorkommend und bot ihm an, Platz zu nehmen. „Barker, Sir.“, sagte er dann und drehte sich um, um Rasierschaum und eins seiner Messer zu holen. Da hörte er plötzlich eine hohe, mädchenhafte Stimme von draußen. Verwundert sah er zur Tür, die sich eben in diesem Moment öffnete. „Charles?“, rief ein Mädchen, und dann trat sie in den Raum ein, und Benjamin verschlug es den Atem. Sie war wunderschön. Sie war das wunderschönste Mädchen, das seine Augen je erblickt hatten. Ihre goldblonden Haare fielen in offenen Wellen über ihre Schultern, und ihre tiefblauen Augen fixierten seinen Kunden. Auf ihren vollen Lippen lag ein Lächeln, so schön, dass es von einem Engel stammen musste. Ihre Haut war blass, elfenbeinfarben, und ihre Kleider schlicht, aber ihrer Figur schmeichelnd. Doch das bemerkenswerteste an ihr war, dass eine besondere Aura umgab. Es war, als würde etwas in ihrem Inneren strahlen, und sie in ein goldenes Licht tauchen. Sie war wie eine Erscheinung für ihn.

Sein Kunde sah ihn ungeduldig an. „Mr. Barker? Ich habe heute noch etwas anderes zu tun.“, sagte er scharf und erinnerte Benjamin so an seine Arbeit. „Das ist meine Verlobte Lucy.“, fügte er mit einem Blick auf das Mädchen hinzu. „Sie kann doch sicherlich hier warten?“ Geistesabwesend nickte Benjamin. „Natürlich.“, sagte er dann und machte sich an die Arbeit. Seine Verlobte. Er durfte gar nicht erst damit anfangen, an sie zu denken. Doch immer wieder schweifte sein Blick zu ihr. Lucy. Was für ein schöner Name.

Und das war sie: Die eine Begegnung, die ein Leben für immer veränderte. Und Benjamin Barker spürte, dass das nicht das Ende gewesen war. Es hatte gerade erst begonnen.