Blue Moon

GeschichteRomanze, Fantasy / P18
Beth Turner Josef Kostan Mick St. John
13.06.2009
23.09.2012
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„Dieser Idiot! Was glaubt er eigentlich, wen er vor sich hat?!", rief Beth erzürnt. Sie stand mit Sarah Whitley zusammen vor dem Lift des „Chronicle" und hämmerte mit dem Finger gegen den Fahrstuhlknopf. „Komm schon, du blödes Ding, ich muss hier raus", beschwor sie die geschlossenen Türen. „Ping", machte es, die Türen öffneten sich und Beth und Sarah stiegen ein. Beth knallte mit der Faust auf die Erdgeschoss-Taste, und der Lift setzte sich in Bewegung. Sarah grinste nur und biss sich auf die Lippen, um nicht laut herauszuplatzen. Sie wusste, wie allergisch Beth auf ihren neuen Boss, Herrn Lupescu, reagierte. Gleich würde sie wieder loslegen: „Allein dieser doofe Vorname...".

„Nur schon dieser doofe Vorname", schimpfte Beth auch schon, und Sarah kicherte.

„Apostol. Wer heisst denn schon Apostol, um Himmels willen! Wenn es noch zu ihm passen würde, aber nein, er kann ja seine Finger nicht bei sich behalten. Apostol, dass ich nicht lache!", schnaufte Beth.

„Er kann ja nun nichts für seinen Namen, Beth, den hat er sich ja nicht ausgesucht", wagte Sarah einzuwenden.

„Ha, da wär ich nicht so sicher! Glaubt ja kein Mensch, dass den seine Mutter so genannt hat. Sah man dem bestimmt schon als Baby an, dass es ein Teufel wird. Hast du schon mal seine Augen betrachtet? Ekelhaft, sag ich dir. Wie pochierte Eier, bääh. Und wenn ihm etwas gefällt (du weisst, was ich meine), dann ändern sie die Farbe, und er starrt dich an und  verzieht das Gesicht zu diesem süffisanten Lächeln. Letztens dachte ich echt, er fängt gleich an zu sabbern! Was für ein Ekelpaket!" Beth kräuselte angewidert die Nase und schüttelte sich.

„Und ausgerechnet für ihn soll ich eine Stoy recherchieren. Hast du gewusst, dass ich ihm persönlich die Ergebnisse vorlegen und mit ihm besprechen muss? In seinem Büro? Ich werde mir ein Nonnenhabit kaufen müssen, besser noch eine Rolle Stacheldraht!"

Sarah lachte nun laut heraus. Beth starrte sie gespielt empört an.

„Also wirklich, Sarah, das ist nicht komisch. Findest du es etwa witzig, dass ich von einem Widerling von Boss angemacht werde?" Aber sie grinste dabei.

Sie wussten beide, dass sich Beth nichts gefallen lassen würde und ihr Boss sich einiges würde anhören müssen, sollte er wirklich zu weit gehen. Dennoch war es unangenehm. Aber was sollte sie tun? Sie liebte den Job hier, jedenfalls bis jetzt, und war nicht bereit, ihn wegen dieses Idioten aufzugeben. Sarah arbeitete in einer anderen Abteilung und kannte Herrn Lupescu daher nur vom Sehen, was ihr ehrlich gesagt auch reichte. Sarah war nicht so taff wie Beth und hätte es mit ihm keinen Tag ausgehalten.

Der Lift hielt im Erdgeschoss und sie stiegen aus und liefen durch die hohe Eingangshalle. Beth blieb stehen und schüttelte den Kopf.

„Weisst du, was das schlimmste ist? Die Story selbst. Du wirst mir nie glauben, was er mir aufgetragen hat. Halt dich fest: Ich soll eine Recherche machen über Vampire. Hast du so einen Unsinn schon mal gehört? Er sagt, Vampirismus liege im Trend, die Leute wollten so etwas lesen und ich soll alles über Vampire und dergleichen recherchieren, wirklich alles, so weit zurück, wie möglich, angefangen beim ersten Eintrag in den Geschichtsbüchern, mit Namen und allem. Was denkt er sich denn? Klar, kein Problem. Laufe ich mal eben in die nächste Bibliothek und schlage den Stammbaum des Namens „Vampir" auf, oder was?

Ich versuchte ihm klarzumachen, dass es sich hierbei um eine Legende, ein Märchen handelt, nicht um eine Familie, die man zurückverfolgen kann bis Adam und Eva. Aber auf diesem Ohr ist er ja taub. Ich glaube wirklich, der glaubt an dieses Zeug. Vielleicht hält er sich ja selbst für einen Vampir."  Bei diesen Worten riss sie die Augen auf, hob die Hände, bleckte die Zähne und gab ein fauchendes Geräusch von sich.

„Nun ja, immerhin stammt er ja aus Rumänien, wie ich gehört habe. Es könnte also sein, rein geografisch, meine ich..." Sarahs Stimme verlor sich und sie wurde rot.

Beth starrte sie ungläubig an. „Sarah, sag mir jetzt bitte nicht, dass du an diesen Schwachsinn glaubst!"

„Nun ja, glauben ist zuviel gesagt. Man könnte vielleicht sagen, ich schliesse es nicht völlig aus." Als sie Beth' Blick sah, fühlte sie sich genötigt, sich zu verteidigen: „Irgendwoher kommen diese Geschichten ja. Ich kann mir vorstellen, dass sie auf einem wahren Kern beruhen. Ach, vergiss es, du weisst ja, wie ich bin. Ich erschrecke vor meinem eigenen Schatten. Aber jedenfalls finde ich es interessant, das ist alles."

Beth runzelte die Stirn. „Interessant, ja? Na komm, du Trantüte, gehen wir einen Eisbecher essen. Schmierige Verrückte machen mich immer hungrig."

„Ich kann leider nicht, ich habe Lucy vom Empfang versprochen, ihr zu helfen. Sie kommt mit dem neuen Telefonsystem nicht so zurecht, und ich wollte ihr ein paar Tipps geben. Tut mir leid. Gehen wir ein andermal?"

„Kein Problem. Sehen wir uns heute noch? Du könntest zu mir kommen zum Abendessen, ich mach Lasagne." Sarah und Beth wohnten im selben Apartmenthaus direkt nebeneinander. Ganz praktisch für zwei alleinstehende Frauen in der Grossstadt.

„Bei Lasagne kann ich nie nein sagen. Ich komme so gegen sieben zu dir."

Sie verabschiedeten sich, und Sarah ging zur Telefonzentrale, während Beth sich zum Ausgang wandte. Gerade, als sie in der Drehtür steckte, stürmte ein Mann von der Strasse gegen die Tür, gab ihr einen heftigen Schubs und katapultierte dabei Beth auf der andern Seite auf den Gehweg. Sie stolperte und schlug in voller Länge auf das Pflaster. Zu allem Elend öffnete sich auch noch ihre Handtasche und der ganze Inhalt ergoss sich über den Gehweg. Ihr IPod, Taschentücher, zwei Lippenstifte, ein Kugelschreiber und diverser Krimskrams hüpften umher und rollten fröhlich auf alle Seiten.

Beth wollte sich gerade wieder aufrappeln, als sie zwei Hände unter ihren Armen spürte, die sie auf die Füsse zogen.

„Geht es Ihnen gut? Sind Sie verletzt?", fragte der Mann aufgeregt und fing an, ihr ungeschickt mit den Händen die Kleider abzuwischen.

Dabei streifte er versehentlich auch ihren Busen, der unter einem flauschigen Pullover verborgen war. Das war nun zuviel für Beth, hatte sie sich doch vorhin gerade mit ihrem grapschenden Boss herumärgern müssen.„Hände weg!", schrie sie daher empört, „was fällt Ihnen eigentlich ein, sie blöder Volltrottel! Fassen Sie mich nicht an!" Sie rieb sich ihre schmerzenden Hände. „Haben Sie eigentlich keine Augen im Kopf? Rasen hier wie ein wildgewordener Derwisch durch die Tür, ohne sich umzusehen. Sie sind nicht allein auf der Welt, Mister."

Sie hob den Blick, um den Mann böse anzufunkeln. Die zwei schönsten Augen, die sie je gesehen hatte, blickten zerknirscht aus einem hochroten Gesicht auf sie herab. Er hatte die Stirn gerunzelt, und ein verunsicherter Ausdruck lag in seinem Blick. „Es tut mir wirklich leid, ich wollte Sie wirklich nicht... das war nur ein Versehen, ich wollte nur...", stammelte er beschwichtigend.  Er hatte die Hände erhoben, um ihr anzuzeigen, dass er nicht die Absicht hatte, ihr zu nahe zu treten.

„Äh, Miss?", fragte er nun und sah Beth auffordernd an, die ihn einfach nur anstarrte und vergessen hatte, was sie sagen wollte. „Es ist mir wirklich peinlich, und ich entschuldige mich, dass ich Sie zu Fall gebracht habe", fuhr er dann fort, „ich habe Sie einfach nicht gesehen. Ich bin wirklich untröstlich. Äh, wollen Sie nicht mal etwas dazu sagen?"

Beth räusperte sich und löste ihren Blick von seinem Gesicht. „Entschuldigung angenommen," sagte sie dann, „aber Sie sollten wirklich besser aufpassen." Sie blickte sich um und sah ihre Sachen auf dem Boden herumliegen. Schnell bückte sie sich, um sie aufzuheben.

Der Mann bückte sich ebenfalls, um ihr zu helfen. Beth griff sich hastig ihre Lippenstifte und stopfte sie zurück in die Tasche. Der hübsche Fremde klaubte unterdessen ihre Kaugummis und Wohnungsschlüssel auf und hielt sie ihr hin. Beth blickte auf, vermied es aber, ihm in die Augen zu sehen. Gemeinsam fanden sie alle verstreuten Gegenstände. Beth liess die Sachen in ihre Tasche fallen und sah sich um. Sie schienen alles gefunden zu haben, nichts lag mehr herum. Der Fremde machte einen Schritt auf Beth zu, und ein leise knirschendes Geräusch ertönte unter seinem rechten Schuh. Beide starrten seinen Schuh an, als könnte er explodieren, und langsam hob er seinen Fuss, um zu sehen, worauf er getreten war.

Etwas Kleines, Weisses lag da, leicht zerquetscht. Er kniff die Augen zusammen, um es besser erkennen zu können, und bückte sich dann danach. Er hob es auf und hielt es Beth vor die Nase, ein amüsiertes Grinsen umspielte seine Lippen. Beth stöhnte auf, Hitze breitete sich auf ihrem Gesicht aus und sie wurde rot wie eine Tomate. Das durfte doch nicht wahr sein, dachte sie. Erde, tu dich auf und verschling mich! Ein Tampon! Ein blöder, weisser, peinlicher kleiner Tampon baumelte lässig zwischen den Fingern des Mannes, dem sein Vergnügen an der Situation anzusehen war.

„Danke!", sagte Beth frostig, nahm ihm den Tampon aus der Hand und warf ihn wütend in die Handtasche. Sie straffte die Schultern. Sie war schliesslich eine erwachsene Frau und konnte mit solchen Dingen locker umgehen. Was war schon dabei? Keine grosse Sache, versuchte sie sich einzureden. Es klappte nicht. Sie fühlte sich nackt und beschämt und wusste nicht recht, wie sie die Situation entkrampfen sollte, und so fing sie verlegen an, mit den Fingern ihr Haar hinter die Ohren zu streichen, die Augen auf den Boden geheftet.

„Mick St. John", hörte sie plötzlich seine Stimme. Sie hob den Blick und sah, dass er ihr die Hand hinstreckte. Sie zögerte. Wollte sie ihm ihren Namen nennen? Weitere Verwicklungen konnte sie nicht brauchen, und dieser Mick sah ganz nach schweren Verwicklungen aus. „Kommen Sie, ich habe das Innenleben Ihrer Handtasche kennengelernt, da können Sie mir doch auch sagen, wie Sie heissen, oder?" Er lächelte sie freundlich an. Von der Unsicherheit von vorhin war nichts mehr zu sehen, selbstsicher strahlte er auf sie herab. Beth legte ihre Hand in seine, und ein Stromschlag durchfuhr sie. „Beth Turner", murmelte sie, während Mick ihre Hand festhielt und sanft drückte. Mit dem Daumen fuhr er wie zufällig über die zarte Haut zwischen ihrem Daumen und Zeigefinger.

Beth erschauerte. Was war nur los mit ihr? Sie war doch kein sexgeiles Flittchen, das hinter den Männern her war. Um genau zu sein, hatte sie noch nie einen One-Night-Stand gehabt. Es dauerte lange, bis sie einem Mann genug vertraute, um mit ihm zu schlafen. Und doch hätte sie diesen St. John am liebsten auf der Stelle abgeknutscht. Seine Hand war so warm, fest und weich zugleich, und sie ertappte sich bei dem Gedanken, wie sich wohl der Rest seiner Haut anfühlte. Hastig liess sie sie los und setzte ein unverbindliches Lächeln auf. „Mr. St. John, es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen", sagte sie steif.

Mick lachte. „Nun, das kann ich mir kaum vorstellen. Erst werfe ich Sie auf die Strasse, verschütte Ihre Sachen und bringe Sie dann auch noch in Verlegenheit. Ich habe schon einen besseren ersten Eindruck gemacht, fürchte ich. Lassen Sie es mich wiedergutmachen, indem ich Sie auf einen Cappuccino im „Toni's" einlade. Es ist hier gleich um die Ecke. Na, wie wärs? Bitte, ich würde mich gern rehabilitieren. Ich bin nämlich üblicherweise kein solcher Tolpatsch."

Treuherzig sah er sie an. Sein Herz klopfte heftig, er war nervös, aber das würde er sie nicht merken lassen. Er wollte mit dieser zauberhaften Wesen unbedingt noch ein wenig Zeit verbringen, sie kennenlernen. Sie ging ihm unter die Haut. Ihre Funken sprühenden Augen, als sie ihn „Volltrottel" genannt hatte, die hübsche Röte auf den Wangen, als er ihr den Tampon gab, das wundervolle, lange blonde Haar, all das nahm er überdeutlich wahr, und er war sofort hingerissen.

Er würde sie nicht einfach so entkommen lassen, oh nein. Seit langer Zeit hatte ihn keine Frau mehr auf den ersten Blick so beeindruckt und betört wie sie. Aber sie hätte nach dieser Szene wohl kein Interesse an einem minderbemittelten Trampel, also musste er versuchen, souverän zu wirken. Gespannt sah er sie an. Er konnte ihr die Gedanken fast vom Gesicht ablesen, wie sie da stand und ihn musterte. Konnte sie ihm trauen? War er ein gefährlicher Irrer? Sie kannte ihn ja nicht. Er atmete erleichtert auf, als er sah, wie sie sich entspannte und ein feines Lächeln ihr Gesicht erhellte. Sie nickte.

„Warum eigentlich nicht? Ich kenne das „Toni's", und die Leute kennen mich. Mehr, als mir den Kaffee auf die Kleider zu schütten, können Sie also kaum anstellen. Und die sind jetzt sowieso schon schmutzig. Ausserdem kann ich einen Cappuccino jetzt echt gut gebrauchen. Also gut, gehen wir."

Sie überquerten die Strasse und betraten das italienische Restaurant, in dem Beth fast täglich anzutreffen war, zu einer Kaffeepause oder auch mittags für eine schnelle Pizza. Ausserdem wäre sie sowieso hierhergekommen, denn Toni machte das wohl beste Eis der Stadt, selbstgemacht, köstlich und absolut süchtigmachend. Mick hielt ihr galant die Tür auf, was sie mit einem überraschten Lächeln quittierte.

Ihre Kollegen von der Zeitung, die Reporter, mit denen sie ab und zu etwas trinken ging, wären nie auf eine solche Idee gekommen, aber das lag vielleicht am Beruf. Als Reporter waren sie ein besonderes Völkchen, ständig unterwegs, darauf bedacht, den Menschen Geschichten aus der Nase zu kitzeln und dafür wenn nötig über Leichen zu gehen. Es war ein hektisches Geschäft, wer zu spät kam oder zu zartfühlend vorging, war schnell weg vom Fenster.

Mick legte ihr leicht die Hand ins Kreuz und zog sie ein Stückchen zu sich, um einer Gruppe lachender Teenager auszuweichen und sie in eine ruhige Ecke zu dirigieren. Eine sanfte, respektvolle Berührung, zart wie Schmetterlingsflügel und kaum spürbar. Dennoch sandte sie Hitzewellen über Beth' Rücken, die sich sich ausbreiteten und ihre Beine in Gummi verwandelten. Am liebsten wäre sie einfach stehengeblieben und hätte sich mit dem Rücken an ihn gelehnt, um etwas mehr von dieser herrlichen Wärme zu spüren.

Aber sie riss sich zusammen und ging weiter, hoffte dabei, dass er nichts gemerkt hatte von ihrem Gefühlsaufruhr. Fehlte ja noch, dass er sie für eine rollige Katze hielt, die es nicht erwarten konnte, besprungen zu werden. Peinlichkeiten hatte sie für heute wirklich schon genug gehabt.

Sie setzten sich an den Tisch und bestellten ihre Cappuccinos. Ein peinliches Schweigen entstand, als die Bedienung sich entfernte. Keiner wusste, was er sagen sollte. Beth knibbelte am Tischtuch herum, während Mick einen äusserst interessanten Fleck an der Wand betrachtete. Schliesslich hub Mick an: „Was machen Sie beruflich?" Beth stürzte sich sofort auf die Frage, wie ein Ertrinkender auf ein Seil, und sie plapperte los.

„Ich bin Journalistin beim „Chronicle". Hauptsächlich habe ich mich auf Politik und Geschichte spezialisiert, auf die Recherche, um genau zu sein. Es ist sehr wichtig, dass die Details stimmen. Jahreszahlen, Namen, Sie wissen schon. Es hört sich vielleicht langweilig an, aber das ist es gar nicht. Gute Rechercheure sind gesucht, die meisten Reporter sind draussen unterwegs und schreiben die Aktualitäten. Sie befassen sich nicht gern mit den Hintergründen und Kleinigkeiten, die aber extrem wichtig sind. Ein falsches Geburtsjahr der Frau eines Politikers kann ganz schön Ärger geben, vor allem, wenn man sie unbeabsichtigt 10 Jahre älter gemacht hat, als sie ist.
Natürlich geht es nicht nur um solche Dinge; wir schreiben auch immer wieder längere Reportagen über geschichtliche oder kulturelle Themen, die dann als Mehrteiler abgedruckt werden. Diese Berichte werden sehr oft als Quellen verwendet, von Studenten und auch von Dozenten. Hin und wieder greifen auch Politiker in ihren Reden darauf zurück. Fehler wären da fatal. Wir sind bekannt dafür, dass unsere Berichte bis ins kleinste Detail stimmen, das macht den guten Ruf des „Chronicle" aus. Aber ich langweile Sie bestimmt." Die Kellnerin brachte ihnen die Getränke, und Mick schüttelte den Kopf.

„Nein, gar nicht. Im Gegenteil. Ich weiss, wovon Sie sprechen, denn ich mache im Grunde das gleiche. Ich bin Privatdetektiv, und das ist auch nicht so glamourös, wie die meisten denken. Auch meine Arbeit besteht zum grossen Teil aus Recherche, dazu noch ein Teil langweilige Überwachungen. Häufige Aufträge sind vermisste Personen, Kinder, aber auch Erwachsene. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Leute, die nicht gefunden werden wollen, die ein neues Leben anfangen wollten. Ich kenne die Vorgehensweise, weiss, was man tun muss, um zu verschwinden. Also klappere ich Bahnhöfe ab, durchforste das Internet, wühle im Leben der Vermissten nach Hinweisen, wohin es sie gezogen haben könnte." Er lächelte sie an. „Sie sehen, es ist fast das gleiche..."

Beth schmunzelte und blies auf ihren heissen Cappuccino. „Also Ihr Job ist wohl doch noch ein klein wenig aufregender als meiner. Aber ich muss sagen, ich liebe meine Arbeit." Sie trank einen Schluck, liess ihn geniesserisch den Hals hinabrinnen, leckte sich den Schaum vom Mund und schloss die Augen. „Tut das gut", seufzte sie, „es geht doch nichts über einen guten Schuss Koffein, vor allem, wenn es erst der zweite des Tages ist. Finden Sie nicht auch?" Sie sah Mick an, doch der sass da wie ein paralysiertes Kaninchen, mit offenem Mund, die Tasse halb erhoben. „Was ist, hab' ich Hörner?", fragte Beth und griff sich aufs Haar.

„Das nun nicht gerade", erwiderte Mick heiser, „aber Sie haben da...Darf ich?" Und er streckte die Hand nach ihrem Gesicht aus, den Daumen ausgestreckt. Mit diesem fuhr er ihr langsam über die Oberlippe, strich sanft über die weiche Haut, bevor er die Hand widerstrebend wieder zurückzog. „Nur etwas Schaum," meinte er rauh, und strich sich den Finger an der Serviette ab. Dann sah er ihr in die Augen, und Beth konnte das Begehren in seinem Blick brennen sehen, dasselbe, das in ihren Adern glühte, und sie wusste, dass auch er es in ihrem Gesicht sah. Die Würfel waren gefallen.

Beth senkte als Erste den Blick und starrte in ihren Cappuccino. Gedanken und Gefühle purzelten in ihrem Kopf durcheinander, Gefühle, die sie schon lange nicht mehr gehabt hatte. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, ihr ganzer Körper stand unter Strom, sie war sich jedes Atemzuges ihres Gegenübers bewusst. Beinahe konnte sie seinen Puls schlagen hören. Sie wusste, dass er genauso schnell schlug wie ihrer, das hatte sie in seinen Augen gesehen.

Liebe auf den ersten Blick, schoss es ihr durch den Kopf. Aber gab es das tatsächlich? Sie hatte nie daran geglaubt, es nie erlebt. Liebe brauchte Zeit, musste wachsen und gedeihen. Wie konnte sie verliebt in jemanden sein, den sie nicht kannte? Unmöglich, sagte sie sich. Und dennoch: Ihr Herz sagte ihr etwas anderes. Sie sah Mick wieder an, sah in diese wunderschönen Augen, die sie gleich gefesselt hatten. Sie liess den  Blick weiterwandern zu seinem Mund, strich mit den Augen daran entlang. Wie schön er war, dachte sie verträumt.

„Mick, ich weiss nicht, was ich sagen soll, ich...", fing sie an. Doch er unterbrach sie.
„Ich weiss", sagte er sanft, griff über den Tisch und nach ihrer Hand, „mir geht es genauso. Was machst Du nur mit mir, Beth Turner? Ich weiss nichts von Dir, ausser dass Du eine scharfe Zunge hast, aber ich weiss, dass ich Dich wiedersehen möchte. Ich habe in einer halben Stunde noch einen Termin mit einem Klienten und muss daher bald gehen, aber bitte: Lass uns einander wieder treffen, uns kennenlernen, du gefällst mir sehr." Er lächelte schief, verlegen über seine Offenheit, und fuhr dann fort:

„Beth, ich weiss, das kommt alles etwas plötzlich, und ich habe in dieser Stadt schon so Einiges miterlebt, daher weiss ich, dass Frauen leider vorsichtig sein müssen. Aber ich bin kein Serienkiller und auch sonst nichts Gefährliches, ich bin noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Ich lasse meine schmutzigen Socken hin und wieder auf dem Boden liegen, aber das ist auch schon alles. Wenn Du willst, kannst Du Dich beim Polizeirevier über mich erkundigen. Die kennen mich dort, ich arbeite oft mit ihnen zusammen, und wenn Du denkst, es sei zu gefährlich, Dich mit einem Fremden einzulassen, dann sage ich denen, sie sollen Dir Auskunft über mich geben.
Bitte Beth, ich möchte, dass Du Dich wohlfühlst mit mir, und ich schwöre Dir, Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, niemals. Ich bin ein ganz normaler Kerl. Gibst Du uns eine Chance? Lass uns heute abend zusammen essen gehen, in ein Restaurant Deiner Wahl. Wenn Du willst, bring eine Freundin mit. Was sagst Du dazu?" Er sah sie beinahe flehend an, und Beth grinste.

„Also über die Socken müssten wir eventuell gelegentlich noch sprechen", meinte sie spitzbübisch. „Aber im Ernst, Mick, ich danke Dir für Dein Angebot mit der Polizei. Tatsächlich kriege ich auch in meinem Job viel von der bösen Seite der Menschen mit, viel zuviel, um genau zu sein. Aber ich rühme mich selbst einer guten Menschenkenntnis, und daher glaube ich nicht, dass eine Überprüfung nötig sein wird. Ich will Dich kennenlernen und ich werde gern mit Dir zu Abend essen, aber ohne Freundin." Sie lächelte, als sie sah, wie Mick aufatmete. „Aber da wir gerade von ihr sprechen: Heute abend geht es nicht, weil ich ihr versprochen habe, Lasagne zu machen. Mädelsabend, Du verstehst. Wie wäre es mit morgen?"

Sie verabredeten sich für acht Uhr am nächsten Abend im „Othello" und plauderten noch kurz, ehe sich Mick verabschiedete. Beth blieb noch eine Weile am Tisch sitzen und dachte über diese unglaubliche Begegnung nach. Mick St. John, sinnierte sie, was für ein schöner Name. Mal einer, der zum dazugehörigen Menschen passte. Obwohl, dass er ein Heiliger war, konnte sie sich nicht vorstellen. Allein schon dieser funkelnde Blick....schon wieder geriet alles in ihr durcheinander, und sie sprang auf.

Sie konnte nicht still hier sitzen bleiben, dafür hatte sie jetzt viel zu viel Unruhe und Energie in sich. Sie sollte eigentlich mit der Recherche für Lupescu anfangen, aber dafür reichte ihre Konzentration nicht aus. Also würde sie die Zutaten für die Lasagne einkaufen und dann die Wohnung putzen und kochen und....was sollte sie morgen nur anziehen? Also mussten auch noch die Schränke durchwühlt werden. Sie freute sich, Sarah zu sehen und ihr alles zu erzählen. Beschwingt packte sie ihre Handtasche und rannte aus dem Restaurant.

Mick überquerte die Strasse und betrat das Gebäude des „Chronicle". Er blieb kurz stehen, um das selige Lächeln loszuwerden, das noch immer um seine Lippen spielte. Er musste Beth vorübergehend aus seinen Gedanken verbannen. Schliesslich war er auf der Suche nach einem Kind, das von seinem Vater entführt worden war. Die Mutter hatte es verdient, dass er mit ganzem Einsatz nach ihrem kleinen Sohn suchte, also musste er sich zusammenreissen, auch wenn es ihm schwerfiel. Beth war so zauberhaft, so wundervoll, am liebsten wäre er umgekehrt... Schluss jetzt, mahnte er sich.

Er war gespannt, ob der Tipp eines Informanten, naja, eines Kleinkriminellen, etwas wert war. Dieser hatte ihm einen Termin mit einem  EDV-Typen verschafft, der ein Ass auf dem Gebiet der Informationsbeschaffung aus dem Netz sein sollte. Unter anderem konnte er die Daten der Flughäfen anzapfen, die Namen der Passagiere und die Flugziele herausfinden. Daher hatte Mick ihn vor zwei Tagen angerufen, und heute wollte dieser Kerl, der sich selbst „Bytes" nannte, ihn hier in der Lobby treffen. Mick sah sich um und setzte sich dann in einen weichen Sessel neben einer riesigen Palme, von wo aus er den Raum überblicken konnte.

Wie dieser Bytes wohl aussah? Erschrocken fuhr er zusammen, als direkt neben ihm eine Stimme ertönte: „St. John? Drehen Sie sich nicht um. Legen Sie das Geld auf das Tischchen neben Ihnen." Mick nahm einen kleinen Umschlag mit Geld aus der Hosentasche und legte ihn auf den kleinen Tisch, ohne hinzusehen. Er hörte, wie der Umschlag aufgerissen wurde. „Okay. Die Infos liegen auf dem Tisch. Nehmen Sie sie und gehen Sie." Mick drehte sich langsam zu dem kleinen Tisch und sah ein Papier aus einer der Zeitungen hervorlugen. Er griff danach, steckte es in die Tasche und erhob sich. Unauffällig sah er sich um. Niemand war in der Nähe zu sehen. Mick schüttelte den Kopf.

Wie konnte sich der Kerl einfach so an ihn ran- und wieder wegschleichen, ohne dass er ihn zu sehen bekam? War er ein Geist oder was? Und woher wusste Bytes, dass er St. John war? Noch einmal warf er einen Blick in die Runde und verliess dann die Lobby. An seinem Mercedes angekommen, stieg er ein und zog das Papier hervor. Da stand es, schwarz auf weiss, die Info, auf die er gehofft hatte. Der Vater war also mit seinem Sohn nach San Francisco geflogen. Den Namen des Lieblingskuscheltiers seines Sohnes als seinen eigenen anzugeben, war eine gute Idee gewesen, das musste er ihm lassen. Aber einen erfahrenen Detektiv wie Mick konnte er damit nicht hinters Licht führen. Mick seufzte. Also würde er hinterherfliegen müssen. Sollte er heute noch fliegen? Er musste unbedingt morgen abend wieder hier sein, und die Suche nach dem Kind könnte sich in Frisco in die Länge ziehen.

Mick war hin- und hergerissen zwischen seiner Pflicht, der Spur nachzugehen, und seinem Verlangen, Beth wiederzusehen. Schliesslich fiel ihm ein Kompromiss ein. Er würde einen alten Bekannten aus der Branche, John McIntyre, der in Frisco lebte, bitten, die Suche zu übernehmen, wenigstens bis übermorgen. Dann würde er die Sache wieder selbst in die Hand nehmen. Zufrieden, eine gute Lösung gefunden zu haben, griff er nach seinem Handy, um John anzurufen.

„Hey John, Mick hier. Wie gehts Dir, bist Du im Stress? Ich hätte einen kleinen Auftrag für Dich." Mick erklärte ihm die Situation, und John war einverstanden, sich darum zu kümmern. „Fax mir einfach die Fotos und alles, was Du über den Vater hast, und ich häng mich ran", versprach er. Nach dem Gespräch lehnte sich Mick entspannt zurück und liess den Kopf gegen die Kopfstütze sinken. Er schloss die Augen und freute sich auf seine Verabredung mit Beth.

Als er die Augen wieder aufschlug, erstarrte er und neigte sich dann ruckartig vor. Eine Frau stand an der Ecke vor ihm, langes, wallendes rotes Haar fiel ihr bis zur Taille, und sie sah ihn süffisant lächelnd an. „Lucinda?", flüsterte Mick erschreckt. Das musste doch nicht sein, nicht gerade jetzt, wo er Beth kennengelernt hatte. Lucinda zwinkerte ihm zu und verschwand dann zwischen den Häusern. Mick stöhnte. Er wusste, was das zu bedeuten hatte. Sie war wieder da, und sie würde Ärger machen. Lucinda Darkweather, dachte er, hätte ich dich doch nie getroffen...
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