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Der Anfang vom Ende

von Maline
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
09.06.2009
10.07.2009
6
19.535
4
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
13 Reviews
 
 
09.06.2009 1.333
 
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U-Bahngespräche




Er saß einfach nur da.
Die Hände hatte er in den Taschen seiner abgewetzten Jeans vergraben, während sein Kopf gegen dem schmierigen Fensterglas lehnte, als würde er jeden Moment einschlafen. Hin und wieder nickte sein Kopf vornüber, als der Schlaf ihn einholte, doch jedes Mal fing er sich erneut im letzten Moment und stemmte sich störisch dem Schlaf entgegen.

Das Zittern erkannte sie sogar trotz der Tatsache, dass sie ihn nur mit verstohlenen Blicken über den Rand ihres Buches hinweg anzusehen wagte.
Dabei trug er doch eine dicke Winterjacke. Ein weiterer flüchtiger Augenaufschlag zeigte jedoch, dass diese Winterjacke in einem ebenso mitleidserregend desolaten Zustand war, wie seine löchrige Jeans. Wie seine ganze mitgenommene und zusammengesackte Gestalt.

Mit kreischenden Bremsen hielt die U-Bahn und eine unverständliche Frauenstimme nannte den Namen der Station.

Er blickte nicht auf. Nichts an ihm regte sich. Da war nur das Zittern, dass dann und wann von ihm Besitz ergriff.
Noch immer lehnte sein blonder Schopf gegen dem schmierigen Fenster, das sie nicht einmal mit ihrem Jackenärmel zu berühren wagte.
Haar verschleierte sein halbes Gesicht, doch die Hälfte, die sie erkennen konnte, war so schneeweiß, als habe er seit Jahren keine Sonne mehr gesehen.  Das grässliche Neonlicht des Wagons half da auch nicht viel weiter. Im Gegenteil. Es verlieh seiner ungesunden Blässe den Teint von halbgegorener Milch und malte ihm eigenartige Schatten unter die Augen.

Es ruckte einmal und die U-Bahn nahm ihre Fahrt wieder auf. Der finstere Tunnel verschluckte sie aufs Neue.

„Hallo.“ Arglos streckte sie ihm ihre Hand entgegen, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Kein weiteres Wort. Keine Erklärung.
Er reagierte nicht. Ja, vermutlich fühlte er sich nicht einmal angesprochen.

Verbissen räusperte sie sich, ließ beharrlich ihre Hand vor ihm in der Luft schweben und wiederholte ihre Begrüßung: „Hallo. Ich bin Marie. Und du?“

Tatsächlich öffnete er ein Auge, suchte kurz nach dem Besitzer der Stimme und fand schließlich ihr Gesicht. Der Blick, mit dem er sie musterte, wirkte als wolle er nicht so recht glauben, dass sie tatsächlich mit ihm gesprochen hatte.

Seine Pupillen waren riesig. Das erkannte sie erst jetzt. So riesig, dass es ziemlich schwer zu sagen war, welche Farbe seine Augen eigentlich hatten. Allein der schmale Rand, der seine schwarzen Pupillen einfasste wie ein Bilderrahmen, verriet, dass sie vermutlich blau waren. Ein ziemlich dunkles Blau.

„Julian“, antwortete er nach einer gefühlten Ewigkeit. Endlich fand sein verschleierter Blick ihre Hand, die noch immer störrisch ausgestreckt zwischen ihnen verharrte.
Langsam, als müsse er sich jede Bewegung zweimal überlegen, zog er eine Hand aus der Hosentasche und griff zu. Seine knöchernen Finger umschlossen ihre halbe Hand schmerzhaft fest. Und doch war sie es, die ihren Arm hoch und runter bewegte und  seinen somit zu einem Händeschütteln zwang.

„Nett dich kennen zu lernen, Julian.“ Sie zog ihre Hand zurück und lächelte breit.
Tatsächlich entgegnete er ihr Lächeln, auch wenn es noch immer stark verunsichert wirkte. Hölzern und aufgesetzt. Beinahe so als, wolle er nicht so recht glauben, was hier gerade geschah. Als hielte er das alles für einen unsinnigen Traum, während in der Wirklichkeit sein schlafender Körper in den billigen U-Bahnsitzen zusammengesackt war und er gegen das schmierige Fensterglas sabberte.

Langsam wanderten seine Augen zu dem Buch in ihrem Schoß und wieder zurück zu ihr.
Seine Lippen öffneten sich und schlossen sich in der nächsten Sekunde wieder. Mit eingesogener Unterlippe wirkte er, als würde er seine Worte erst auf der Goldwaage abwägen.

„Ja, auch nett dich kennen zu lernen.“ Simultan zu seinen Worten sank er zurück in die abgewetzte U-Bahnsitzbank wie ein haltloser Sack Kartoffeln. „Was liest du da?“

Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, als sie ihr Buch wieder aufnahm und es ihm mit dem Buchrücken entgegen reckte. Die verblassten Lettern darauf würde er ohnehin nicht entziffern können, aber trotzdem erfüllte sie die Geste mit einer ungeahnten Freude.
„Ich habe es kürzlich in der U-Bahn gefunden. Jemand muss es liegen gelassen haben“, gestand sie und senkte kurz den Blick, als wäre es ihr unheimlich peinlich. Doch bereits im nächsten Herzschlag blickte sie wieder auf und ein breites, geradezu strahlendes Lächeln beherrschte abermals ihre Miene. „Unglaublich, was? Wie kann man nur ein Buch einfach so liegen lassen? Ich bin zwar noch nicht sehr weit gekommen, aber es ist bisher wirklich nicht schlecht. Jedenfalls nicht schlecht genug, um es einfach weg zu werfen.“

In einer zärtlichen Geste fuhr ihr Finger über den verblassenden Buchtitel und den zerfledderten Einband. Als sie wieder aufblickte, war ihr Blick abermals strahlend. „Also, Julian, wie sieht’s aus? Wann wirst du mich zu dir einladen?“

„W...was?“ Er runzelte die Stirn so stark, dass sich eine steile Falte über seiner Nasenwurzel bildete. Das Buch in ihrem Schoß war vergessen. „Tut mir leid, aber…ich… was?”
Er legte seinen Kopf schief und die pure Fassungslosigkeit angesichts ihrer Worte sprang ihm aus dem Gesicht. Er zog die Hände erneut aus den Hosentaschen und fuhr sich zitternd durchs Haar.

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich abermals und schüttelte seinen Kopf, „aber was  soll ich tun? Haben wir…ich meine, ich…“
Sein Satz verkam zu einem unverständlichen Flüstern, während er den Blick fallen ließ und den U-Bahnboden anstarrte, als wäre das dreckige Linoleum höchst interessant.

Unbewusst zog seine Hand an dem Büschel Haar, in welches er sie nur Sekunden zuvor gegraben hatte.

„Tut mir leid.“ Sie faltete ihre Hände über dem Buch in ihrem Schoß. „Ich wollte dich nicht erschrecken.“
Erst jetzt schien sie zu erkennen, was sie da eigentlich gerade gesagt hatte und ihre Wangen färbten sich in einem sanften, peinlich berührten Rot.
„Mir wurde schon oft nachgesagt, dass ich immer viel zu unverblümt bin und alle überrumpeln muss. Abgesehen davon rede ich manchmal ohne Unterlass und kenne kein Punkt und kein Komma.“

Schon wieder erschien dieses unwiderstehliche und völlig unverhoffte Lächeln in ihren Zügen, dass ein solches Strahlen verbreitete, so dass er das unbestimmbare Gefühl verspürte, die Wärme würde in seine durchgefrorenen Glieder zurückkehren.

„Ach ja und ich bin extrem ehrlich.“

Er sah sie wortlos an. Sein Mund öffnete und schloss sich wieder.
Und dann, mit einemmal entrann seiner Kehle ein leises, kaum wahrnehmbares Lachen. Tief und kehlig, als müsse es sich einen Weg aus seinem tiefsten Inneren frei kämpfen.

„Aha.” Seine linke Augenbraue zuckte leicht. „Kennen wir uns von irgendwo?“

Auf eine seltsame Art klang er geradezu entrückt. Und müde, so müde, dass sie unwillkürlich erschauderte.

„Oh Mann…“ Er stieß hart den Atem aus und ließ den Kopf in seine aufgestützte Hand sinken. „Ich bin im Moment einfach zu high für den Quatsch...“

„Nein, nein.“ Ihr Lächeln war hochgradig unerschütterlich. „Du kennst mich nicht. Keine Sorge. Wir sind uns noch nie begegnet.“

Eines seiner Augen linste zwischen seinen Fingern hervor und schien sie von oben bis unten abzuscannen. „Bist du real?“

„Ja.“ Ihr Lächeln schien sogar noch eine Spur zu wachsen.

Abermals runzelte sich seine Stirn, während ihr Gesicht nicht aus dem Blick ließ.
„Wieso willst du mit zu mir kommen?“ fragte er nach einem kurzen Zögern. „Ich habe Halluzinationen wie dich schon oft mit nach Hause genommen, aber noch nie hat mich eine darum gefragt oder gebeten. Sie sind mir einfach nachgelaufen, wie die graue Straßenkatze. Ich hab sie Ju genannt, aber nach zwei Tagen ist sie nicht mehr aufgetaucht. Vielleicht war sie auch nur eine Einbildung. Kann sein. Obwohl ich mich dann frage, wer das Katzenfutter gefressen hat, das ich ihr in einer Schüssel hingestellt hab.“

Seine letzten Worte waren ein beinahe lautloses Gemurmel gewesen, doch noch immer schien sie sich durch nichts erschüttern zu lassen.

„Kann ich denn dann mitkommen?“

Er ließ seine Hand leblos in seinen Schoss fallen und starrte sie beinahe fassungslos an. „Ja, ja natürlich. Wenn du willst.“ Ein tiefer Atemzug unterbrach seinen Satz. „Aber ich weiß wirklich nicht, warum du das willst. Ich hab wirklich nicht viel zu bieten.“

„Hast du ein Bett zum Schlafen und ein Bad mit fließendem Wasser?“

Er nickte.

„Dann hast du mehr zu bieten als ich.“



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tbc


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