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Anders

GeschichteDrama / P12
Nathan Petrelli Peter Petrelli
09.06.2009
09.06.2009
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Seine Hand lag auf der Klinke zu Nathans Büro, und wieder durchlief ihn ein unangenehmer Schauder, ließ seinen Körper unwillkürlich erzittern.

Peter Petrelli begründete die ungewohnten Gefühle, die ihn von Zeit zu Zeit überfielen – ihn am häufigsten überfielen, wenn er auf die eine oder andere Weise mit Nathan konfrontiert wurde, mit der Erschöpfung, die eine nur allzu logische Konsequenz sein sollte.
Eine Konsequenz aus der Anzahl an schreckenerregenden Ereignissen, welche die letzten Monate für ihn in eine Hölle verwandelt hatten.
Und nicht nur die letzten Monate.

Seine Höllenfahrt begann mit der Entdeckung der Fähigkeiten, deren Ursache und Nutzen nicht einmal Mohinder Suresh bislang zufriedenstellend erklären konnte, die sie alle immer nur tiefer in eine Katastrophe hineinritten, deren Ausmaße noch lange nicht abzusehen waren. Und diese Höllenfahrt beschleunigte sich, je rascher Peter sich von Nathan entfernte.

Als hätten sie die Lücke, die sein Gedächtnisverlust und Nathans langsame Genesung, allein auf zeitlicher Ebene zwischen ihnen aufklaffen ließ, nie wieder schließen, nie die Gelegenheit finden können, das Band, das einst zwischen ihnen bestand, erneut zu knüpfen.

Dabei hatte Peter sich an Nathan erinnert, an ihn allein und als ersten Menschen, als ersten Anhaltspunkt, der die Rückkehr seines Gedächtnisses einleitete. Und eigentlich verwunderte ihn diese Tatsache auch nicht.
Nathan war stets der ruhende Pol in seiner Welt aus Chaos, Verwirrung und Phantasie.
Ein Anker, der Peter in der Realität festhielt, an den er sich klammern konnte, wenn alles um ihn herum zusammenbrach, wenn seine Gefühle überhand nahmen, seinen Verstand umnebelten, und ihn dazu brachten, verrückte und unsinnige Dinge zu tun.

Jedesmal wieder war Nathan rechtzeitig aufgetaucht, hatte die Notbremse gezogen, oder ihn aus einer Situation herausgeholt, in die er sich niemals, wäre er bei klarem Verstand gewesen, gebracht hätte.

Doch Peters Sache war nicht der klare Verstand.
Die Rationalität überließ er Nathan, musste sie ihm überlassen.

Sogar Angela, sogar ihr Vater, so sehr es Peter schmerzte an Arthur zu denken, hatte mehr Vernunft besessen, als dem jüngeren Bruder jemals zugestanden worden war. Und Peter wusste nicht mehr, ob ihm diese tatsächlich abging, oder ob ihm nur weisgemacht wurde, dass seine Persönlichkeit keinen Anflug davon besaß.

Aber gerade dann war Nathan immer da gewesen, und dies solange Peter denken konnte.
Er hatte ihn stets gerettet, seine Aufgabe als großer Bruder gewissenhaft erfüllt, so wie er alle seine Aufgaben bis an den Rande der Perfektion erfüllte.
Das lag in Nathans Natur, ebenso wie der Mangel an diesem Talent in Peters Natur lag.

Und Nathan war stets der einzige gewesen, der ihm diesen Mangel nicht zum Vorwurf gemacht hatte. Er war der einzige aus ihrer Familie, der sich an Peters Seite befand, wenn er mal wieder versagte, der einzige, dem es gelang auch aus schlechten Noten oder einer wiederholten Ablehnung, selbst wenn es nur darum ging, in ein belangloses Sport-Team zu gelangen, einen positiven Aspekt herauszustellen.

„Du kriegst das hin“, flüsterte er zu jenen Zeiten in Peters Ohr, und zeigte ihm geduldig, wie die Gleichung gelöst, entfernte mit nur wenigen Worten das Brett vor Peters Kopf, bis ihm die Bedeutung des Theaterstücks, das er analysieren sollte, klar wurde, zeigte ihm den Weg, bewies ihm, dass es weiterging, dass er kämpfen konnte, dass er kämpfen musste.

„Dann hast du mehr Zeit für wichtigeres“, tröstete Nathan ihn, und ließ es zu, dass Peter seine Arme um ihn schlang, und seinen Kopf an Nathans Schulter barg. „Aber du warst auch im Team“, murmelte Peter dann erstickt. „Alle Petrellis waren Sportler.“

„Hey.“ Nathan fuhr Peter durch sein viel zu langes Haar, erwiderte dann die Umarmung mit eben derselben Stärke, die Peter aufwandte, wenn er ihn bei seiner Rückkehr aus der Schule, vom Militär, der Universität beinahe umwarf, die Luft aus seinen Lungen quetschte, und ihn festhielt, als fürchtete er, dass Nathan sich – kaum zurückgekehrt – schon wieder in Luft auflösen würde.

„Du bist ein Petrelli“, sagte er dann. „Wenn es nach mir ginge, der beste von uns.“
Und gelegentlich wunderte Peter sich darüber, wie traurig Nathans Stimme in diesen Momenten klang.

Später, als er älter wurde, erkannte Peter zunehmend, dass Nathan sich trotz der Fassade mit der er sich umgab, unwohl fühlte in der eigenen Haut, auch wenn er ihm dies niemals gestand, niemandem dieses eingestand.

Nathan erfüllte das Programm, das ihm sein Status als Erstgeborener auferlegte, und Peter registrierte erst als er selbst erwachsen und frei von den Banden seiner Familie war – so frei, wie es ihm als Petrelli offen stand – die Bürde, die Nathan ob freiwillig oder unfreiwillig auf sich genommen hatte, indem er den Fußstapfen seiner Vorgänger, den Generationen an Petrellis, die vor ihm lebten und wirkten, folgte.

Eigentlich wusste Peter, dass er Nathan dankbar sein sollte, dass der ältere ihm selbst eine Last abnahm, die Peter sich nicht einmal vorstellen konnte zu tragen, von der er insgeheim auch überzeugt war, dass er bereits als Kind unter ihr zusammengebrochen wäre.

Seine ersten Erinnerungen an Nathan, wenn er aus dem Internat während der Ferien zu Besuch kam, so verschwommen diese auch waren, beinhalteten einen vorwiegend ernsten und immer adrett gekleideten Jungen, dessen perfekte Umgangsformen ihm selbst als unerreichbares Beispiel vorgehalten wurden, so lange Peter denken konnte.

Und doch war er selbst – Peter – es stets gewesen, dem es gelang, ein Lächeln auf Nathans Gesicht zu zaubern. Nur er brachte es fertig, dass Nathan sein steifes Wesen ablegte und ihm Geschichten erzählte von fremden Welten, von den unzähligen Kindern in Schuluniformen, die hart arbeitete, die lernten, um ein Ziel zu erreichen, und die in ihrer Freizeit alles taten, um dem Druck, den ihre Familien auf sie ausübten zu entkommen, so unangenehm und peinlich die Konsequenzen auch manchmal waren.

Denn das waren sie, soviel bekam Peter später auch zuhause mit, wenn seine Eltern Nathan zu ihren Gesprächen beiseite nahmen, wenn ihr Vater sich mit ihm im Studienzimmer einschloss, und Nathan es für den Rest des Tages tunlichst vermied, sich zu setzen.

Als sich die Puzzleteile für Peter zusammensetzten fühlte er sich gleichzeitig schuldig und erleichtert mit dem Wissen, dass er von Anfang an dieser Erwartungshaltung nicht ausgesetzt war, dass sein Part ein anderer war.

Er konnte Nathan ablenken und aufheitern, er konnte ihm Dinge zeigen, die der andere ohne seine Hilfe nicht wahrnahm. Einen Schmetterling, ein Vogelnest, später dann ein Buch, ein Musikstück oder auch den Druck eines Gemäldes, den er Nathan schenkte, einfach weil er selbst sich in dem Anblick verlieren konnte.

Nicht dass er wirklich glaubte, dass es Nathan ebenso erginge, aber es war schön, das Aufleuchten in dessen Augen zu sehen, das dankbare Lächeln, und den Blick, der ausschließlich auf Peter konzentriert war, und der etwas enthielt, was Peters Haut kribbeln ließ.

Kein Wunder, dass er das Bild von Nathan und sich selbst bei sich trug. Ein Bild aus glücklicheren Tagen, auch wenn Peter sich dieser nicht entsinnen konnte.

Kein Wunder, dass der Bruder es war, an den er sich erinnerte. Und kein Wunder, dass Nathan rechtzeitig auftauchte, um ihn vor einem irreparablen Fehler zu bewahren, wie so oft zuvor.

Peters Herz klopfte von dem Moment an, an dem er ihn wiedergesehen hatte, in doppelter Geschwindigkeit, und so laut, dass er glaubte, alle Menschen um ihn herum, könnten es hören.

Doch dann überschlugen sich erneut die Ereignisse.
Und noch bevor sie einen Augenblick für sich erhielten, noch bevor er Nathan erzählen, erklären konnte, was geschehen war, was Adam ihm gesagt hatte, welche Angst er um Caitlin hatte, wie allein er sich fühlte, noch bevor dies geschehen konnte, fiel ein Schuss, und Peters Welt zerbröckelte vor seinen Augen.

Er konnte Nathan nicht verlieren, nicht schon wieder.
Und er hatte ihn nicht verloren. Alles, was nach diesem Schuss folgte, verschwamm in einem Nebel. Peter fühlte sich in einen Strudel gerissen, und unvermeidlich hinab gesaugt, ohne zu wissen, ohne zu ahnen, wohin die Reise führen sollte. Er wusste lediglich, dass sie nicht gut enden konnte, nicht so.

Denn obwohl Nathan lebte, zerbrach die Welt um Peter weiterhin. Sie tat es nur langsamer, und Peter erkannte lange nicht, was es war, das ihre Bruchstücke auseinander driften ließ.

Nathan lebte, sie konnten zusammen sein. Nur, dass sie es nicht waren – nicht so, nicht auf die Art, auf die es sein sollte.
Peter wusste nicht, was in Nathan kaputt gegangen war, er zeigte es nicht, und doch fühlte er dessen Schmerz, als wäre es sein eigener.

Nathan hatte zuerst Peter verloren, dann Heidi und vor allem seine Kinder. Das alleine stellte bereits ausreichend Gründe dar, um sich oder den Halt in sich zumindest bis zu einem gewissen Grade zu verlieren.

Und der Bruch war nicht zu kitten. Peter hatte Heidi aufgesucht, doch ihre Entscheidung stand mehr als fest. Und Peter wurde den Verdacht nicht los, dass ihre Mutter, dass Angela etwas damit zu tun hatte, dass sie die treibende Kraft hinter dem Verbot für Nathan seine Söhne zu sehen, sein musste.

Er konnte sich den Sinn nicht erklären, aber das Resultat blieb.
Nathan war allein. Er hatte sein Leben und seine Karriere aufgegeben, war beinahe umgekommen, nur um – kaum war er genesen – erschossen zu werden.

Der Ausflug in die Spiritualität hatte nur nahe gelegen. Und seine Rückkehr in den Beruf, sein beinahe besessenes Knien in die Arbeit, eine ebenso logische Konsequenz.

Und dann starb ihr Vater - erneut.
Nein – verbesserte Peter sich in Gedanken. Er selbst hatte Arthur umgebracht, egal was Sylar behauptete – es war Peters Wunsch gewesen, dass ihr Vater starb, und er bereute es nicht. Und damit verriet er, woran Nathan glaubte.

Denn für den älteren lag die Sache anders als für ihn selbst, für Peter, der Zeit seines Lebens im Clinch mit dem Vater gelegen hatte.
Für Nathan dagegen war ihr Vater eine Respektsperson gewesen, das Ideal, zu dem er aufschauen, und dem nachzustreben zu seinen wichtigsten Aufgaben zählte. Daran bestand nie ein Zweifel – nicht in ihm, nicht von Seiten der Familie, der Freunde oder der Kollegen. Nathan sollte die Fahne hochhalten.

Seitdem er das nicht mehr konnte, fehlte einer der tönernen Füße, auf dem sein Leben aufgebaut war.
Und seitdem Nathan Arthur gesehen hatte – ihn wirklich gesehen hatte – und nachdem Arthur nicht mehr war – brach noch mehr unter ihm weg. Und das, ohne dass Peter es merkte.

Er merkte es erst, als Nathan seinen Status für die Hexenjagd nutzte, die alles nur noch schlimmer machen sollte.
Er merkte es erst, als Nathan ihn hinterging, als das Vertrauen, das sie stets verbunden hatte, in der Atmosphäre verglühte.

Gut – Nathan hatte alles getan, um seine Fehler gut zu machen. Sie standen wieder auf einer Seite, waren eine Familie, waren Brüder, wie sie es immer gewesen waren.

Und doch konnte Peter nicht damit aufhören, Nathan zu beobachten, ihn genau zu beobachten, als fürchtete er, dass sein Bruder jederzeit etwas Unverzeihliches, etwas vollkommen Untypisches und doch letztlich allzu Typisches unternahm.

Als schliefe in Nathan eine Kreatur, von der Peter bislang nur einen flüchtigen Eindruck gewonnen hatte, die er erahnte, wenn Nathan sich dem Bild des machthungrigen, korrupten Politikers soweit näherte, dass Peter es beinahe für die Wahrheit hielt.

Nathan trug diese Seite in sich, die Seite, die immer noch seinen Vater und seine Mutter stolz machen wollte.
Eine Seite, die über Leichen ging. Und trotz allem, was Nathan in den letzten Wochen zu ihm gesagt oder was er getan hatte, fürchtete Peter, dass das Dunkle das in seinem Bruder schlummerte, nur einen geringen Auslöser benötigte, um sich ans Licht zu wagen.
Und diesmal würde es alles verschlingen, was von dem Nathan übrig war, den Peter als Kind vergöttert hatte, und den er als Mann und Bruder liebte.

Denn egal, wie tief ihre Differenzen gegangen waren, wie groß seine Wut auf Nathan und auf das, was er tat, gewesen sein mochte, so war diese doch nie größer gewesen, als der Schmerz, den ihre Trennung, den ihr Streit in Peter verursachte.

Er hasste es, von Nathan getrennt zu sein, so wie er es als Kind gehasst hatte. Und zugleich konnte er es nicht ertragen in seiner Nähe zu sein. Und Peter wusste nicht, was er dagegen tun konnte.

Es gab keinen Grund, Nathan nicht zu sehen, keinen logischen Grund ihm aus dem Weg zu gehen, es zu vermeiden, ihre Beziehung zu erneuern.
Peter fand keine Entschuldigung dafür von dem Haus, von Nathans Büro fortzubleiben. Es stand ihm jederzeit frei, Nathan zu besuchen, sich jederzeit zu versichern, dass es ihm gut ging, dass alles beim alten war – soweit es beim alten sein konnte.

Und er wollte sich vergewissern, dass sie dabei waren, das Band neu zu schmieden, das vielleicht ausgefranst und dünn geworden war, doch von dem immer noch ein unzerstörbarer Faden bestand.

„Du weißt, dass ich dich liebe“, hatte Nathan gesagt, bevor sie Sylar angegriffen hatten.

Und Peter wusste es, hatte es immer gewusst.

Und er wusste, dass Nathan ihn auch jetzt liebte, dass er ihn immer lieben würde.

Peter sah es in Nathans Augen, erkannte es, wenn Nathan aus einem seiner Tagträume erwachte, in die er immer häufiger zu verfallen schien.

Wenn Nathan blinzelte, und zurückkehrte aus der Gedankenwelt, an die er sich später nie erinnern konnte, und dann Peter ansah, langsames Wiedererkennen in ihm dämmerte, und sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen – zu einem echten Lächeln, nicht dem falschen, aufgesetzten Lächeln des Politikers – dann sah Peter es so deutlich wie eh und je.

Nathan liebte ihn, liebte seinen kleinen Bruder.

Und nicht nur das – er hielt sich an ihm fest.
Peter war zu dem Anker geworden, der Nathan an der Realität band.

Verkehrte Realität.

Peters Anblick holte Nathan zurück aus einer Welt, zu der Peter keinen Zugang besaß, die ihn zugleich ängstigte und verwirrte – doch die jedesmal von Neuem Macht über Nathan erhielt, wenn dieser begann, sich in ihr zu verlieren.

Und deshalb musste er zu ihm gehen, deshalb konnte er Nathan nicht ausweichen, konnte die Begegnung nicht länger hinauszögern.

Peter betätigte die Klinke. Er öffnete die schwere Eichentür, und trat ein.


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