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Angstlos

von Sonny
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P6 / Gen
Manji Rin
08.06.2009
08.06.2009
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Angstlos


"Manji?"

In der Hütte am Fluss, in der Manji und Rin sich zur Zeit aufhielten, war es dunkel. Die Tür hatte Manji zur Sicherheit schon lange geschlossen und die Lampe hatte sie auch schon ausgemachen müssen. Das dämmerige Licht, das durch die vergitterten Fenster herein kam, reichte gerade so um grobe Umrisse im Inneren der Hütte erkennen zu können. Mehr aber auch nicht. Musste man auch nicht, wenn es nach Manji ging. Er wollte in der Hütte schlafen und nicht die Maserung des Holzes näher betrachten, wie er es immer ausdrückte.

Rin hingegen hatte etwas gegen die Dunkelheit in der Hütte. Sie bettelte jedes Mal wieder, dass sie in der Lampe wenigstens ein bisschen Öl lassen durfte, damit diese brannte bis sie eingeschlafen war. Manji hatte es ihr bislang immer verboten, hatte es aber auch nicht geschafft, ihr es ganz auszureden. Rin wollte Licht beim Einschlafen. Manji nicht. Nur ein weiterer Punkt auf ihrer Liste, in dem sie sich nicht einig wurden.

Ein weiterer Punkt auf dieser Liste war ihre Fähigkeit, Menschen einschätzen zu können. Rin sah es den Menschen meistens nicht einmal an, wenn sie logen, Manji hingegen hörte es schon aus der Stimmlage seines Gegenüber heraus.
Auch bei Rin, dieses Mal sprach sie eindeutig wieder mit ihrer Klein-Mädchen-Stimme. Sie war also wieder in Laune, irgendwelche gefühlsdusseligen Themen zu besprechen.
"Was ist, Rin? Du sollst doch schlafen..."

Er konnte nichts genaues sehen, aber er meinte auf der anderen Seite der Scheune in Rins Ecke einen Schatten erahnen zu können. Sie hatte sich aufgesetzt. Scheinbar sollte das ein längeres Gespräch werden.

"Sag mal, Manji, wovor hast du Angst?"

Das war eine typische Rin-Frage. Nur sie stellte solche Fragen. Vermutlich wollte sie die Leute besser einschätzen lernen, indem sie mehr über die Hintergründe der Menschen erfuhr. Vielen Menschen stellte sie solche Fragen nicht, ihre frühere Erziehung zu feinen Dame erlaubte ihr das nicht, aber da sie nun schon eine ganze Weile mit Manji zusammen unterwegs war, schien sie ihn solche Dinge unbesorgt fragen zu können.

Außerdem schienen solche Fragen für Rin irgendein Zeichen von Vertrauen zu sein. Sie konnte ihm solche Fragen stellen, sie waren vertraut miteinander. Das waren sie sicher auch, doch für Manji zeigte sich so etwas in anderen Dingen und nicht in solchen Fragen. Für ihn waren das einfach nur Fragen. Für Rin nicht. Wieder so ein Punkt.

Er antwortete selten ehrlich auf diese Fragen und selbst wenn Rin das merken würde, hätte sie wohl viel zu großen Respekt vor ihm, als dass sie ihn zur Rede stellte.
"Vor gar nichts."

Er spürte die fragenden, wahrscheinlich auch skeptischen Blicke Rins bis zu seinem Schlafplatz. Das zumindest beherrschte sie, sie konnte Menschen nur mit ihrem Blick ein schlechtes Gewissen und zumindest ein gewisses Unwohlsein einreden. Vielleicht lag das aber auch einfach nur an ihm und seiner Reaktion auf diesen Blick, selbst wenn es dunkel war.

"Du musst doch aber wie jeder andere Mensch vor etwas Angst haben." Seit wann hakte sie denn noch einmal nach? Sonst gab sie doch immer nach der ersten Frage auf, scheinbar war diese Frage für sie wohl wirklich wichtig. Jetzt war er sich auch ziemlich sicher, dass Rin sich aufgesetzt hatte. Ihre Gestalt zeichnete sich jetzt gegen das hereinfallende Mondlicht vage ab.
"Ich nicht und jetzt schlaf!" Kurz hatte er den Kopf gehoben, um ihn dann auch gleich wieder sinken zu lassen. Dass dieses Mädchen nie Ruhe geben konnte.

"Aber..." Ihre Stimme wurde jetzt deutlich leiser. Ihr Mut hatte scheinbar wieder nachgelassen.
"Kein Aber, Rin! Schlaf!" Hoffentlich war er jetzt deutlich genug gewesen. Er wollte jetzt wirklich schlafen, wollte sie jedoch auch nicht weiter anschreien.
Kurz war nichts von Rin zu hören, doch dann hörte man wieder den Stoff ihrer Decke rascheln.
"Aber jeder hat doch vor etwas Angst..."

"Ach ja, wovor hast du denn Angst?" Jetzt hatte Manji sie, sie würde nicht antworten, da sie es hasste, vor ihm Schwäche zu zeigen. Sie wollte auf ihn schon immer erwachsen wirken und nicht mehr schwächlich wie ein kleines Mädchen. Ihm jetzt ihre Ängste zu verraten, wäre für sie ein Schritt in die falsche Richtung. Auch wenn sie dann ihr Vertrauensding nicht mehr durchziehen konnte, das Erwachsenwirken war ihr wichtiger.

Wieder war ein Rascheln zu hören. Manji unterdrückte ein Seufzen, wieso konnte sie nicht einfach schlafen? Er drehte sich auf die Seite und wollte gerade den Kopf auf den Hand stützen, um dann zu Rin rüberzugucken. Doch die kniete bereits direkt vor ihn. Das Licht, das über seinem Kopf in den Raum drang, ließ ihn das gerade erkennen. Das Licht reichte jedoch nicht, um Rins Gesichtsausdruck zu erkennen, sonst hätte er mit Leichtigkeit sagen können, was gerade in ihr vorging. Doch diesmal blieb ihm das verwährt, die Stimme seiner Begleiterin allein reicht aber auch, um zu erahnen, was in Rin vorging.

"Vor der Dunkelheit... davor habe ich Angst..." Ihre Stimme klang seltsam, schon oft hatte Rin so leise gesprochen, doch diesmal war da noch etwas anderes, was Manji nicht wirklich einordnen konnte. War das Traurigkeit, die ihre Stimme so belegt klingen ließ?
"Bist du nicht schon ein bisschen alt für die Angst vor der Dunkelheit?" Verdammt, er hätte sich schlagen können für diese Frage, doch diese war ihm einfach rausgerutscht. Er hätte so ziemlich alles machen können, aber so etwas sagen? Nein, den Satz hätte er sich sparen können, vermutlich war er wirklich so unsensibel und gefühlskalt wie es ihm alle sagten. Aber was konnte man schon von ihm erwarten? Er war nun mal so, wie er war, daran konnte er nichts ändern. Er war eben eher ein ungehobelter Typ, der nicht viel von Gefühlsduselei hielt.

Rin hingegen war anders, sie legte viel Wert auf Gefühl und Emotionen, sie brauchte diese sogar. Und er sagte so einen Mist zu ihr. Es tat ihm fast wieder leid, es war ihm ja eigentlich nur so rausgerutscht. Es war wohl besser er würde sich entschuldigen.
"Rin..?" Rin hatte den Kopf gesenkt und wenn er nicht so gute Ohren hätte, die ihm das Gegenteil sagen, würde er sagen, Rin begann zu weinen. Sie konnte doch jetzt nicht anfangen zu weinen, sie wusste doch, dass er das nicht mochte. Manji seufzte leise.

"Mit der Dunkelheit verbinde ich immer das Gefühl vom Alleinsein. In der Dunkelheit kommt das Gefühl der Einsamkeit hoch, ich fühle mich verlassen und komme mir hilflos vor. Es ist ein furchtbar beklemmendes Gefühl, das ich am liebsten abschütteln würde, doch ich werde es nicht los. Immer wenn es dunkel wird, kommt es zurück und ich fühle mich verlassen und verloren..." Rin atmete einmal tief durch, vermied es hoch zu sehen und hielt den Kopf weiter gesenkt. Dieses Geständnis hatte sie scheinbar Überwindung gekostet, immerhin wollte sie doch nicht mehr als schwach angesehen werden.

Obwohl sie wieder eine Regung gezeigt hatte, fühlte sich Manji nur bedingt wohler, das beklemmende Gefühl blieb. Er konnte nicht gut mit Gefühlen umgehen, weder mit seinen noch mit denen anderer. Er musste jetzt wahrscheinlich irgendetwas sagen, doch er wusste nicht was. Er fühlte sich beinahe hilflos, ein furchtbares Gefühl. Fühlte Rin sich genauso, wenn es dunkel wurde? Wenn ja, musste das furchtbar sein.

Er hatte sich gerade aufsetzen wollen, als Rin aufstand, noch immer mit gesenktem Kopf. "Jeder hat vor etwas Angst, du auch, Manji." Dann ging sie wieder zurück zu ihrem Schlafplatz und verschwand so wieder hinter dem Vorhang aus Dunkelheit, der sich wieder eine Wand durch den Raum zog und jeden Blick auf die andere Seite verhinderte. Schweigend starrte Manji hinüber zu dem Schatten, der sich gerade unter die Decke legte.
"Gute Nacht, Manji." Seltsam zurückhaltend klangen Rins Worte, nur selten war bei ihr ein solche Zurückhaltung in der Stimme zu hören. Normalerweise war sie nicht so verschlossen, besonders nicht zu Manji.

Manji antwortete nicht, viel zu perplex und verwirrt war er noch.
Ein leises Schnauben war zu hören. Rin schnaubte immer, wenn ihr etwas nicht passte, diesmal war das wohl Manjis Schweigen.
Aber er konnte nicht antworten, Rin hatte ihn in eine viel zu tiefe Grube aus Fragen geschubst, aus der er nicht herauskam. Wovor hatte er Angst?

Hatte er denn überhaupt vor etwas Angst?

Hatte er Angst vorm Tod? Nein, er erwartete den Tod gewissermaßen, er würde dann von seinem unsterblichen Leben befreit sein.

Hatte er Angst vor Krankheit oder Schmerzen? Nein, beides erfuhr er zu genüge am eigenen Leib und beides hatte ihm bislang nicht das Fürchten gelehrt.

Vor was hatten die Menschen denn sonst noch Angst? Dem Verlust der Familie? Dem Verlust des Besitzes? Beides betraf ihn nicht, entweder er hatte es nicht oder hatte es schon mal verloren.

Aber irgendetwas musste da doch sein...

Doch musste er vor irgendetwas Angst haben? Er fand, es lebte sich auch so ganz gut. Aber Rin hatte schon irgendwie recht, er musste doch vor irgendetwas Angst haben. Wäre er denn ansonsten noch ein Mensch?
Manji seufzte leise und legte die Kopf in den Nacken. Nachdenklich starrte er zu dem Fenster und dem bisschen Mondlicht, das durch diese in den Raum fiel. Rin hatte ihn wirklich durcheinander gebracht.
Von ihr war nun gar nichts mehr zu hören. Er konnte nur noch erahnen, dass sie da lag und vermutlich versuchte zu schlafen. Ob sie auch nur ahnte, wie durcheinander sie ihn gebracht hatte? Wahrscheinlich nicht...
"Rin?"

Von ihrer Seite war nur ein Brummeln zu hören. Scheinbar war sie noch sauer. Oder zumindest verstimmt.
"Vor der Angst selbst..."

"Hm?" Rin gab diesen fragenden Laut von sich und setzt sich auf, wenn Manji die Bewegungen des Schattens richtig deutete.
"Vor der Angst selbst habe ich am meisten Angst. Angst kann dich vollkommen lähmen. Wenn du Angst hast , bist du zu keiner Bewegung mehr fähig. Davor habe ich Angst, das ich mich irgendwann vor Angst nicht bewegen kann. Nicht mehr selbst über mich bestimmen kann. Ich will nie ohnmächtig vor Angst sein..." Nun hatte er es auch gesagt, er hatte Rin seine Ängste gestanden. Ob Rin ihn jetzt auch auslachen würde, wie er sie vorhin ausgelacht hatte? Wahrscheinlich nicht, Rin lachte nie über Gefühle anderer Menschen.

"Danke, Manji..." Jetzt sprach da wieder die Rin, die er kannte. Die Rin, deren Stimme manchmal so unglaublich mitfühlend klang, dass er manchmal schon versucht war, ihr tatsächlich zu erzählen, was in seinem Inneren vorging. Er hatte sich bislang jedoch immer zusammengerissen und ihre Frage mit einem abweisenden Kommentar abgeblockt.
Irgendwie fühlte er sich ein bisschen erleichtert, dadurch dass er Rin seine größte Angst gestanden hatte. Vielleicht war an dieser Vertrauenssache ja doch etwas dran...
Seufzend ließ sich Manji wieder zurück fallen. Es war schon verrückt, was dieses Mädchen aus ihm machte. Wer hätte früher gedacht, dass er irgendjemandem seine Ängste gestehen würde? Er bestimmt nicht. Aber Rin war eben doch etwas Besonderes.

"Rin... wenn du willst, kannst du die Lampe noch ein wenig anlassen..."


ENDE


Disclaimer: Sowohl der Manga als auch die Figuren daraus gehören nicht mir.
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