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Zu neuen Ufern

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
03.06.2009
08.10.2010
20
82.104
65
Alle Kapitel
284 Reviews
Dieses Kapitel
19 Reviews
 
 
03.06.2009 3.940
 
Alle meine hier und anderenorts veröffentlichten Werke unterliegen dem Urhebergesetz. Jegliche Verletzung des Urheberrechts wird zur Anzeige gebracht.


Autor: Ich.

Disclaimer: Alles meins. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, sowie mit Ereignissen oder anderen Geschichten, wäre rein zufällig.

Warnings: fluff, maleslash, später lemon.

Summary: Gestatten? Mein Name ist Axel. Vormals eingefleischter Hetero, inzwischen Privatkoch und -bäcker meiner Naschkatze, bzw. eigentlich eher meines Naschkaters, den ich auf der Geburtstagsfeier des Vaters meiner damaligen Freundin aufgelesen - pardon - kennen gelernt habe. Und was auf die Tierwelt zutrifft, passt auch bei Manuel: füttert man ihn einmal, bekommt man ihn nie wieder los. Sehr zu meiner Freude, denn wenn ich ehrlich bin, möchte ich alles andere, als ihn wieder loswerden...

Aaalso, das ist mein aller-aller-erster Versuch in diese Richtung und ich hoffe, dass ich es einigermaßen hinbekomme. Sagt mir ruhig, wenn irgendwas nicht passen sollte. Ansonsten freue ich mich natürlich über Reviews aller Art! ;-)


~***~


„Schatz?“

Ich blicke von meinem zur Hälfte leer gegessenen Teller auf, geradewegs in Sandras rehbraune Augen, die mich teils besorgt, teils belustigt betrachten.

„Hm?“, antworte ich nur, da ich mit vollem Mund eh nicht viel sagen kann, und selbst wenn, mit mehr als fünf Gramm im Mund klingt phonetisch ohnehin alles irgendwie gleich, oder?

„Alles okay?“, fragt sie.

Ich nicke, immer noch kauend. Und es entspricht ja größtenteils auch der Wahrheit. Auch wenn ich mich ein klein wenig mulmig fühle, bei all den Männerblicken, die ich ungewollt auf mich ziehe. Ich scheine wohl doch in das Beuteschema einiger Herren hier zu passen, auch wenn ich mir wirklich Mühe gebe, mich so hetero zu geben, wie nur irgend möglich. Als echter Kerl mit einer gutaussehenden Freundin möchte man ja schließlich keine Missverständnisse aufkommen lassen, nicht wahr? Insbesondere wenn man sich gerade inmitten einer Gruppe von Schwulen nahezu aller Altersklassen befindet, aus denen man zahlenmäßig gut und gerne fünf Fußballmannschaften bilden könnte.

Die unterschiedlichsten Typen von Männern sind hier zu sehen, was bei einer Szenenkneipe natürlich nicht weiter verwunderlich ist. Das umfangreiche Repertoire reicht von den wirklich tuntigen Kerlen, die mit jedem Schritt und Tritt das Klischee regelrecht bedienen, bis hin zu unglaublich männlichen Typen, bei denen man ohne mit der Wimper zu zucken seinen eigenen Hintern darauf verwetten würde, dass sie ausgesprochene Weiberhelden sind. Sandras Vater zählt zu Letzteren. Er ist auch der Grund, dass wir überhaupt hier im Boots sind, bei dem hätte ich zu Anfang alles gedacht, nur nicht, dass er Menschen mit diesem XY-Chromosom zugetan sein könnte. Wie auch immer, er feiert jedenfalls heute seinen 60. Geburtstag und die Mehrzahl der geladenen Gäste, setzt sich aus seinem unmittelbaren Bekanntenkreis zusammen, der zum größten Teil eben aus Homosexuellen besteht. Ich zähle höchstens drei Hetero-Paare, uns eingeschlossen, und eine Frau, wohl eine Arbeitskollegin von Carsten, Sandras Vater.

Es bedurfte zwei Ehen und drei Kinder, bis Carsten letztendlich erkannte, dass eine Frau ihm nicht das geben konnte, das er insgeheim brauchte. Sandra hatte mir irgendwann einmal erzählt, dass ihr Vater eine Art spätpupertäre Sturm- und Drangphase durchlebte, als er sich mit seiner Homosexualität abgefunden hatte. In dieser Zeit hatte er wohl so ziemlich alles mitgenommen, was bis drei nicht auf den Bäumen war, und wenn es doch einmal einer geschafft haben sollte, wurde er kurzerhand wieder heruntergeschüttelt.

Inzwischen scheint er jedoch wieder etwas ruhiger geworden zu sein und lebt seit über einem Jahrzehnt mit seinem Lebensgefährten Frederick zusammen, und die Verbindung ist im Großen und Ganzen wohl auch glücklich, auch wenn Carsten, so sagt zumindest Sandra, es mit der Treue nicht allzu genau nimmt. Das war aber wohl schon so, als Carsten noch mit Sandras Mutter verheiratet war. Manche Menschen oder auch Dinge ändern sich wahrscheinlich einfach nie. Mir ist das im Grunde aber auch ziemlich egal, Sandra liebt ihn und ich mag ihn auch… irgendwie, auch wenn ich seinen zuweilen etwas seltsamen Sinn für Humor manchmal sehr befremdlich finde. Mir wird immer noch ziemlich unbehaglich zumute, wenn ich an dieses 'vertraute' Gespräch vor einigen Monaten denken muss. Da er mit beiderlei Geschlechtern Erfahrungen hat, scheint er sich manchmal für eine Art Experten zu halten und schreckt auch nicht davor zurück, andere mit delikaten Tipps zu versorgen. Glaubt mir, das sind Gespräche, die möchte man einfach nicht führen, schon gar nicht mit dem Vater seiner Freundin. Okay, er war damals ziemlich angetrunken und wohl nicht mehr so ganz zurechnungsfähig. Wenn er noch wüsste, was er an jenem Abend alles so vom Stapel gelassen hat, wäre es ihm sicherlich ganz furchtbar peinlich – oder auch nicht. Bei Carsten steige ich offengestanden manchmal nicht so richtig durch.

„Kommst Du mit raus oder ist es okay für Dich, wenn ich Dich eben für ein paar Minuten alleine der Meute hier überlasse? Ich brauche dringend eine Zigarette“, Sandra wedelt in Richtung Tür und wühlt mit der anderen Hand auch schon in ihrem Lederrucksack herum. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich in der Handtasche, oder in Sandras Fall eben im Rucksack, einer Frau, eine weitere Dimension befindet. Ich stelle immer wieder fassungslos fest, dass sie ständig nahezu den halben Hausstand mit sich rumschleppt. Irgendwann zaubert sie wahrscheinlich, so ganz à la Mary Poppins, einen Lampenschirm oder Schlimmeres daraus hervor.

„Na geh schon“, lächle ich, „es wird schon keiner über mich herfallen, wenn sich mein Wachhund mal für ein paar Minuten außer Beiß-Reichweite befindet“, necke ich sie.

„Ich geb’ Dir gleich Wachhund, Du Knilch“, kichert sie und drückt mir einen kurzen Kuss auf den Mund, bevor sie mit Zigaretten und Feuerzeug bewaffnet, verschwindet.

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Die meisten haben ihr Essen ebenfalls beendet und stehen nun in kleinen Grüppchen schwatzend beieinander. Aus den Lautsprechern erklingt zum bestimmt 1000sten Mail die angebliche Schwulenhymne. Ich kann dieses Lied von Marianne Rosenberg wirklich nicht mehr hören und würde am liebsten mit einem Satz hinter die Theke hechten und die Lautsprecherkabel aus dem Player zerren.

Stattdessen suche ich die Toiletten auf, stelle mich jedoch nicht an ein Urinal, wie ich es in jeder anderen Kneipe machen würde, sondern schließe mich in eine der beiden Kabinen ein ... und fühle mich dabei wie ein absoluter Volltrottel. Was erwarte ich denn? Dass mich von hinten einer anspringt? Immer noch über mich selbst und mein albernes Verhalten den Kopf schüttelnd, trete ich an die Waschbecken heran. Neben mir steht ein dunkelhaariger Kerl und ich nicke ihm kurz durch den Spiegel freundlich zu, bevor ich mich ans Händewaschen mache.

Ich zucke erschrocken zusammen, als ich plötzlich etwas an meinem Hintern fühle. Was zum… Ruckartig drehe ich mich herum und sehe mich einem stark geschminkten Typen, mit weißem Rüschen-Hemd und knallenger schwarzer Lederhose gegenüber, der mich anzüglich angrinst.

Ich schnappe nach Luft, bevor ich sage: „Sag mal, gehen Deine Hormone mit Dir durch?“, ich denke, es sind weniger die Worte, mehr der Tonfall. Wie auch immer, ich erziele den gewünschten Effekt, denn sowohl das Grinsen auf seinem Gesicht, als auch die Hand auf meinem Hintern, verschwinden sofort.

„Lass ihn in Ruhe, Rob, das ist Sandras Freund. Ich denke Carsten wäre nicht sonderlich begeistert, wenn er erfahren würde, dass Du seinem Schwiegersohn in spe an die Wäsche gehen willst“, kommt es von dem Typen, der immer noch neben mir am Waschbecken steht.

„Konnte ich doch nicht wissen! Es tut mir leid, okay?“, schmollt besagter Rob und verlässt mit schwingenden Hüften beleidigt die Toilette.

„Danke“, sage ich an meinen Waschbecken-Nachbarn gewandt, „aber ich wäre sicher mit ihm fertig geworden.“

„Natürlich wärst Du das“, antwortet dieser leicht spöttisch, „aber so wie Du ausgesehen hast, dachte ich, Du nimmst den armen Kerl jeden Augenblick auseinander. Ein Eingreifen erschien mir angebracht, Rob ist außerordentlich wehleidig“, ergänzt er lachend.

Nun muss auch ich grinsen. „Ich hätte ihm schon nichts getan. Ich bin schon ein großer Junge, das Prügelalter habe ich schon vor einer ganzen Weile hinter mir gelassen.“

„Ich heiße übrigens Manuel“, erklärt er und streckt mir seine rechte Hand entgegen.

„Axel“, antworte ich und ergreife sie etwas zögernd. Nach dem soeben abgewehrten Angriff auf meine Kehrseite, bin ich nicht wirklich sonderlich erpicht auf eine weitere Tuchfühlung mit dem eigenen Geschlecht. Im Grunde rechne ich sogar schon damit, dass er meine Finger länger festhält als nötig und bin angenehm überrascht, dass er sie schnell wieder freigibt. Erstaunlich schnell sogar… fast so, als hätte er sich verbrannt.

Nun wage ich doch einen etwas längeren Blick. Er sieht recht normal aus. Zwar ziemlich gutaussehend, aber… eben normal. Nichts deutet darauf hin, dass er schwul sein könnte, sofern er das überhaupt ist. Nicht jeder Mann auf der Feier hier, muss zwangsläufig auch homosexuell sein. Das sieht man schließlich an mir… ich bin auch hier und habe mit Männern nichts, aber auch wirklich gar nichts am Hut.

Ich mustere ihn etwas eingehender. Er ist ein paar Zentimeter größer als ich und insgesamt auch kräftiger gebaut. Allerdings ist das keine große Kunst bei mir dürrem Gestell. Sein Haar reicht bis in seinen Nacken, stößt dort auf und biegt sich deshalb ganz leicht nach außen. Ich selbst bin eher unscheinbar, zumindest empfinde ich es so. Das Haar fast schon militärisch kurz geschnitten und von einem schlichten Braun. Das wahrscheinlich Auffälligste an mir sind meine Augen, die je nach Gemütsverfassung mal in einem tiefen, mal in einem blassen Blau schimmern. Manuels hingegen sind tief dunkelbraun, wie Schokolade und üben eine ganz merkwürdige Faszination auf mich aus. Ich muss mich geradezu dazu zwingen, mich von ihnen abzuwenden.

„Bist Du einer von Carstens Freunden?“, frage ich gerade heraus und wahrscheinlich ziemlich unvermittelt. Ich musste einfach irgendwas sagen, um mich nicht vollkommen zum Trottel zu machen.

„Das auch, aber vor allem bin ich Fredericks kleiner Bruder“, erklärt er mir. Sofern er von meiner Wissensgier überrascht ist, zeigt er es zumindest nicht.

„Oh, dann bist Du also gar nicht …“, als ob mich das was angehen würde, geschweige denn mich zu interessieren hätte. Es ist doch wirklich scheißegal, ob der Kerl andersrum ist oder nicht.

„Schwul?“, beendet er meine Frage und seine Augen blitzen amüsiert auf. „Doch, seit meinem 13. Lebensjahr“, erklärt er nach einer kurzen Pause.

„Du wusstest das schon so bald? In dem Alter war mir gerade mal klar, dass Mädchen und Jungs einen ganz entscheidenden Unterschied haben“, lache ich. „Fußball war bis dahin weitaus interessanter als Mädchen.“

„Oh, Fußball gespielt habe ich auch“, grinst er, „allerdings aus einem anderen Grund, denn eigentlich hasse ich jegliche Teamsportarten. Aber das war die beste Gelegenheit meinen damaligen Sportlehrer anzuhimmeln“, gibt er feixend zu.

Sein Lachen ist so ansteckend, dass ich unwillkürlich mitlachen muss. Er ist ein wirklich sympathischer Bursche, stelle ich fest.

„Wie kommen eure Eltern damit klar, zwei schwule Söhne zu haben“, möchte ich wissen. Ich weiß nicht, wie meine reagieren würden, aber begeistert wären sie sicherlich nicht.

„Mein Vater erstaunlich gelassen. Meine Mutter hat es schon etwas härter getroffen. Nicht, weil sie niemals eine Schwiegertochter haben wird, ein Schwiegersohn ist ihr ebenso recht … aber sie wird niemals Großmutter werden, das macht ihr zu schaffen“, erklärt er leise und wie mir scheint etwas … wehmütig.

Ich weiß nichts darauf zu antworten, deshalb nicke ich nur verständnisvoll.

„Das mit Sandra und Dir, ist das was Ernstes?“, möchte er wissen und lehnt sich lässig mit seiner Kehrseite an das Waschbecken.

„Hm?“, antworte ich überrascht.

„Naja, ich meine, wenn ihr wirklich irgendwann einmal heiraten solltet, wären wir ja quasi verwandt - irgendwie, und ich mag Sandra sehr“, er kratzt sich mit dem Daumennagel leicht über eine Augenbraue.

„Wir haben uns ehrlich gesagt noch nie übers Heiraten unterhalten. Wir sind beide zufrieden, so wie es ist. Ich kann zwar nicht für Sandra sprechen, aber ich bin sicher, dass sie es genauso sieht“, erwidere ich.

Die Beziehung zwischen Sandra und mir ist nicht einfach zu erklären. Wir sind kein klassisches Liebespaar. Angefangen hat es damit, dass wir uns einfach wunderbar verstanden haben. Später kam dann eben mehr dazu ... vielleicht, oder auch sehr wahrscheinlich aus einer Art Bequemlichkeit heraus. Aber es funktioniert … ziemlich gut sogar. Wir wissen, dass wir von einander keine unliebsamen Überraschungen zu erwarten haben. Natürlich wird es nicht ewig so gehen, denn irgendwann wird Sandra sich in einen anderen Mann verlieben … oder ich mich in eine andere Frau. Aber selbst wenn wir uns auf diesen Punkt der Trennung zubewegen, wird unsere Freundschaft Bestand haben, davon bin ich felsenfest überzeugt.

„Wie auch immer, wir werden uns wohl in der Zukunft noch über den Weg laufen, zumindest bei Familienfesten“, meint er lächelnd.

„Das ist anzunehmen“, entgegne ich und stelle fest, dass ich nichts dagegen hätte, ihn wieder zu sehen, ich mag ihn irgendwie. „Jetzt muss ich aber langsam zurück, Sandra hat inzwischen bestimmt schon ihre fünfte Zigarette geraucht und fragt sich schon, wo ich so lange bleibe“, ich stoße mich vom Waschbecken ab.

„Na dann. Es hat mich wirklich gefreut Dich kennen zu lernen“, er lächelt mich freundlich an.

„Danke gleichfalls“, erwidere ich und sehe ihm noch kurz nach, als er durch die Tür verschwindet.

*


„Wo warst Du denn so lange?“, fragt Sandra überrascht, als ich zurück an den Tisch komme.

„Ach, irgend so ein Typ hat mich angegrabscht auf dem Klo“, erkläre ich.

„Bitte - was?“, erwidert sie und ihre Mundwinkel zucken amüsiert.

„Es ist nichts passiert. Er hat seinen Irrtum schnell bemerkt und seine Finger von mir genommen“, antworte ich schnell und muss über den Vorfall nun doch selbst schmunzeln. „Dabei habe ich übrigens Fredericks Bruder kennen gelernt“, füge ich hinzu.

„Du bist Manuel über den Weg gelaufen?“, ihre Augen beginnen sichtlich zu leuchten. „Oh, es war doch nicht er, der Dich angefasst hat, oder?“

„Nein, nein. Er hat mir geholfen, auch wenn ich die Situation da schon im Griff hatte“, winke ich ab.

„Es hätte mich auch arg gewundert. Manuel ist nämlich in solchen Dingen eher zurückhaltend, es hätte einfach nicht zu ihm gepasst“, sie schüttelt den Kopf, dann fährt sie nach einem kurzen Aufseufzen fort: „Es ist wirklich ein Jammer, dass der schwul ist. Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, das ist inzwischen bestimmt 10 Jahre her, habe ich mich bis über beide Ohren in ihn verknallt“, erklärt sie mit einem wehmütigen Lächeln.

„Du warst in ihn verknallt?“, wiederhole ich belustigt ihre Aussage.

„Und wie! Er war … eigentlich ist er es ja immer noch, so unglaublich süß. Kannst Du Dir auch nur annähernd meine Enttäuschung vorstellen, als ich feststellte, dass er seinem Bruder ähnlicher ist, als mir lieb war?“, erklärt sie seufzend.

Ich kann, denn er hat ja sogar auf mich Eindruck gemacht und ich habe schließlich keinerlei schwule Neigungen.

„Ja, er scheint recht nett zu sein“, antworte ich.

„Nett?“, entrüstet sie sich, „er ist ein Goldstück!“

„Hey, muss ich Angst haben?“, frage ich amüsiert.

„Wenn er auf Frauen stehen würde, auf jeden Fall!“, gibt sie lachend zu.

„Was ist denn so besonders an ihm?“, möchte ich wissen.

„Du meinst außer seinem Aussehen? Okay, Du bist ein Kerl, und ihr Kerle könnt das ja nicht so beurteilen.“

Hat die 'ne Ahnung.

„Aber es ist auch seine ganze Art. Ich glaube ich habe aus seinem Mund noch nie ein böses Wort gehört. Er ist einfühlsam, hilfsbereit und er hat ein unglaubliches Charisma. Habe ich schon erwähnt, wie schade ich es finde, dass er keine Frauen mag?“, grinst sie.

„Ich glaube Du hast es zwischendurch einmal nebenbei erwähnt“, grinse ich zurück.

„Er hat es natürlich gemerkt, damals“, erzählt sie, „aber anstatt sich über mich lustig zu machen, wie es wohl die meisten getan hätten, hat er sich mit mir zusammen gesetzt und wir haben darüber gesprochen. Ich war da grad mal 17 und er kaum älter.“

„Er ist noch so jung?“, frage ich überrascht.

„Ja, er ist gerade mal ein halbes Jahr älter als ich. Erstaunlich, nicht? Er wirkt sehr viel …“, sie sucht nach dem richtigen Wort, und hat es schließlich einige Sekunden und hilflose Gesten später gefunden: „ … reifer.“

Wie bestellt, nähert sich Sandras Schmachtobjekt in diesem Moment unserem Tisch.

„Hey Kleines, wie geht es Dir? Wir haben uns eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen“, richtet Manuel seine Aufmerksamkeit auf Sandra, deren Augen vor Freude ganz groß geworden sind und er zieht sie in eine kurze, aber liebevolle Umarmung.

„Gut, ich kann nicht klagen“, antwortet sie lächelnd. „Und Dir?“

Er breitet die Arme aus und erklärt lachend: „Du kennst mich doch. Ich lasse es einfach nicht zu, dass es mir schlecht geht.“

„Ja, ich kenne Dich“, grinst sie. „Wie ich mitbekommen habe, kennt ihr zwei euch bereits? Axel hat mir von seinem zweifelhaften Abenteuer auf der Herrentoilette erzählt und wir haben gerade von Dir gesprochen“, Sandra greift über den Tisch hinweg nach meiner Hand.

„Hah! Ich habe doch geahnt, dass das Klingeln in meinen Ohren einen Grund hat. Ich hoffe, Du hast nicht all meine dunklen Geheimnisse ausgeplaudert?“, kichert er. „Was habt ihr denn so gelästert?“

„Als ob es über Dich was zu lästern gäbe, Du Mutter Theresa in Männergestalt“, Sandras Mundwinkel zucken spöttisch.

Manuel greift sich gespielt entsetzt ans Herz: „Oh das trifft mich aber schwer, das siehst Du also in mir? Wärst Du arg geschockt, wenn ich Dir gestehen würde, dass ich alles andere als ein Heiliger bin?“, feixt er und seine Blicke ruhen für einige Momente auf mir.

Irgendwie wird mir der Kerl immer sympathischer. Sandra hat Recht, er hat wirklich eine unglaubliche Ausstrahlung, die selbst mich nicht kalt lässt.

„Geschockt wäre ich, wenn Du aus heiterem Himmel anfangen würdest wie ein Kesselflicker zu fluchen. Und dass Du kein Heiliger bist, weiß ich ja. Wie viele gebrochen Herzen, meines eingerechnet, hast Du in den vergangenen 10 Jahren zurück gelassen?“, fragt Sandra liebevoll.

Ein wenig betreten sieht Manuel auf seine Schuhspitzen hinab.

„Hey, das war nicht böse gemeint“, Sandra knufft ihn sachte gegen den Oberarm. „Und wo wir schon mal beim Thema sind, was macht die Liebe? Gibt es da jemanden, den ich kennen lernen sollte?“

Interessiert spitze ich meine Ohren.

„Nichts Konkretes“, erwidert er, „ich habe kürzlich jemanden kennen gelernt. Mal schaun, ob und was sich da überhaupt draus entwickelt.“

„Erzähl!“, neugierig rutscht Sandra auf ihrem Stuhl hin und her.

„Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen, es ist etwas … kompliziert“, weicht er aus.

„Sag bloß, der Kerl will nichts von Dir wissen“, bringt Sandra fassungslos heraus, als ob sie nicht glauben könnte, dass es jemand geben könnte, der Manuel verschmäht.

„Das ist es nicht, er weiß doch noch nicht einmal, dass ich mich in ihn verguckt habe“, das Thema scheint ihm ganz offensichtlich unangenehm zu sein, denn er tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. Ich tippe Sandra unter dem Tisch leicht mit dem Fuß an. Aber hat schon mal jemand versucht einen Hai aufzuhalten, der Blut gewittert hat?

„Aber dann musst Du es ihm sagen!“, beharrt Sandra.

„Wie gesagt, es ist wirklich kompliziert“, wiederholt er.

„Ach Du Schande, hat er etwa einen Partner?“, bohrt sie weiter.

„Gewissermaßen“, antwortet Manuel steif.

„Das tut mir sehr leid, Manuel. Ich hoffe, dass alles gut werden wird. Insbesondere Dir wünsche ich alles Glück der Welt“, mitfühlend drückt sie seinen Unterarm.

„Das hoffe ich auch und ich danke Dir“, antwortet er gerührt. „Aber genug von mir. Carsten erzählte mir irgendwann, Du wärst umgezogen?“

„Ja, das stimmt. Ich konnte dieses Kabuff einfach nicht mehr sehen. Ich habe jetzt eine nette Wohnung in der Innenstadt. Somit wohne ich auch ein wenig näher bei Axel. Magst Du nicht einmal auf einen Kaffee vorbei kommen? Es ist lange her, seit wir das letzte Mal einfach miteinander auf dem Sofa gegammelt und über Gott und die Welt geplaudert haben“, erwartungsvoll sieht sie ihn an.

„Sehr gerne sogar, was hältst Du von nächste Woche Sonntag?“

Bin ich eigentlich auch eingeladen, oder wird das ein Tea oder vielmehr Coffee for two?

„Hört sich gut an! Es stört Dich doch nicht, wenn Axel auch dabei ist, oder?“

Aaah!

„Natürlich nicht“, grinst er in meine Richtung. „Soll ich Kuchen mitbringen?“

Oha, ja klar, er wird wissen, dass Sandra eine ziemliche – verzeiht den Ausdruck – Niete im Backen ist, er kennt sie ja schon ein paar Takte länger als ich. Gute Gelegenheit, mich auch mal in das Gespräch einzubringen.

„Den Kuchen bringe ich mit, irgendwelche Vorlieben?“, frage ich.

„Bei welchem Bäcker willst Du ihn kaufen? Dann kann ich Dir auch sagen, was ich am liebsten mag“, Manuel sieht mich erwartungsvoll an.

„Eigentlich hatte ich vor, etwas zu backen“, antworte ich vorsichtig.

„Du kannst Backen?“ Manuels Augenbrauen schnellen in die Höhe.

„Sogar richtig gut“, kommt es von Sandra. „Du musst unbedingt mal seinen Bananen-Eierlikör-Kuchen probieren. Leeecker, sage ich nur!“

„So klingt es auch, den muss ich unbedingt versuchen. Aber sei gewarnt, wenn der sich zu einem meiner Lieblingskuchen entwickeln sollte, wirst Du mich Zeit Deines Lebens nicht mehr los“, lacht Manuel.

Okay, die Kuchenfrage wäre also geklärt.

„Manuel ist nämlich ein absolutes Schleckermäulchen, musst Du wissen. Was der jede Woche an süßem Zeugs in sich hinein schaufelt, sieht mein Magen nicht in einem Jahr!“, kichert Sandra.

„Wie kommt es, dass Du backen kannst, machst Du das beruflich?“, fragt er mich, ungerührt von Sandras Seitenhieb auf seine Naschhaftigkeit.

„Nein, auch wenn Konditor tatsächlich meine zweite Berufswahl gewesen wäre, wenn es mit der Informatik nicht geklappt hätte. Das Backen hat mir meine Oma beigebracht, bei der ich quasi aufgewachsen bin. Als Scheidungskind habe ich die meiste Zeit bei ihr verbracht, meine Mutter musste ja arbeiten“, erkläre ich.

„Du hast Informatik studiert? Was machst Du genau?“, fragt Manuel, ganz offensichtlich interessiert.

„Ich bin der Administrator bei uns in der Firma. Kümmere mich um die Server, um die Arbeitsstationen, damit sich keiner Viren, Trojaner oder sonstige Schadsoftware einfängt, beseitige sie, wenn doch einer meiner Kollegen so leichtsinnig war und etwas angeklickt hat, was er hätte nicht anklicken sollen, und habe meine Finger nebenbei noch im internen Netzwerk, bin also sozusagen Mädchen für alles, sofern es irgendwie mit Computern zu tun hat“, zähle ich auf.

„Klingt sehr abwechslungsreich.“

„Das ist es auch, langweilig ist es mir bisher jedenfalls noch nicht geworden“, erwidere ich. „Was macht Du beruflich?“, möchte ich nun meinerseits wissen.

„Nichts so Spektakuläres, ich habe wahrscheinlich einen der am schlechtesten bezahlten Jobs überhaupt. Ich bin Altenpfleger. Und auch wenn es anstrengend ist, und die Arbeitszeiten echt bescheiden sind, so liebe ich doch meine Arbeit“, antwortet er achselzuckend.

Ja, das passt irgendwie zu ihm. Ich hätte ihn mir schwerlich als Schlipsträger in irgendeinem Büro, oder schlimmer noch in einer Bank vorstellen können.

„Und ich gehe jede Wette ein, dass die Omis und Opis ihn vergöttern“, mischt Sandra sich in die Unterhaltung ein.

„Ich komme ganz gut mit ihnen klar. Ich versuche auf sie einzugehen und nicht nur stur meinem Job durchzuziehen, was bei unserem gegenwärtigen Gesundheitssystem nicht gerade einfach ist. Die meisten von ihnen verbringen die letzten Wochen ihres Lebens in dem Pflegeheim, da bricht man sich wirklich keinen Zacken aus der Krone, wenn man freundlich ist und ihnen etwas Wertschätzung entgegen bringt“, seine Augen bekommen einen melancholischen Ausdruck.

Auch wenn Sandras Vergleich zu Mutter Theresa arg hinkt, so ahnt man doch, wie er zustande gekommen sein muss, sofern er auch außerhalb seiner Arbeit so mit Menschen umgeht, wonach es ja auch irgendwie aussieht.

„Wie dem auch sei, wann soll ich bei Dir aufschlagen?“, fragt er Sandra.

Sandra blickt mich an, doch ich zucke nur mit den Schultern. „Mir wurscht, ich habe sonst nichts anderes vor.“

„Sagen wir 15 Uhr, oder ist Dir das zu früh?“, meint sie an Manuel gewandt und kramt schon wieder in ihrem Rucksack herum. Was sie nun wohl wieder zutage fördert? Den Brockhaus? Eine Bratpfanne? Ah, nein es ist nur ein A4(!) Block nebst Schlampermäppchen. Unglaublich.

Sie kritzelt auf eine Ecke ihre Adresse, reißt sie ab und hält Manuel den Fetzen hin.

„15 Uhr passt super“, antwortet er, nimmt den Zettel entgegen und verstaut ihn, nach einem kurzen Blick darauf, in seiner Hosentasche.

~***~



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