Geschichte: Fanfiction / Bücher / Die Geisha / Lady

Lady

GeschichteDrama / P16
Mameha
31.05.2009
31.05.2009
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Der Schrein lag außerhalb von Gion, am Rande der Stadt. Jeden Tag kam sie hierher, fiel vor den drei winzigen jizo-Statuen auf die Knie und betete, ehrte die Seelen ihrer drei Kinder. Sie hatte keine Wahl gehabt, tun müssen, was von ihr verlangt wurde. Drei ungeborene Kinder abgetrieben. Getötet. Auch nach dem Vollzug des Rituals verweilte sie vor den Statuen und weinte. Wie an allen Tagen zuvor. Sie weinte stumm, ohne Schluchzen, den Blick in Richtung Himmel gerichtet. Stunden vergingen, bis sie sich erhob, umwandte. Die jizos hinter sich ließ und erneut die Maske aufsetzte. In ihr altes Leben zurückkehrte.    

Geishas sind Künstlerinen. Singen, tanzen, spielen Shamisen, um Männern Freude zu bereiten, Männer zu unterhalten. Geishas sind Künstlerinnen, keine Kurtisanen. Geben sich nicht der Lust hin, auch dann nicht, wird es von ihnen verlangt. Geishas sind Künstlerinnnen, keine Ehefrauen. Für immer frei. Frei und doch so sehr gebunden, an die Schwester, die Mutter, die Okiya. Das Leben einer Geisha ist hart, an manchen Tagen kaum erträglich. Und doch... doch erträgt sie stumm alle Qualen, lächelt. Bewahrt die Maske. Es steht ihr nicht zu, zu fühlen, etwas zu empfinden. Übernimmt ein Mann die Patenschaft für eine Geisha, schenkt er ihr Kimonos und Schmuck, bezahlt ihre Rechnungen. Sie muss ihm Gehorsam schwören, stets das tun, was er von ihr verlangt. Doch empfindet sie etwas für ihn, wird sie bestraft. Denn einer Geisha ist es verobten, zu lieben.
„Mameha, du musst diesen Kimono nächste Woche bei meiner Party in Tokyo tragen, diese blaue Seide sieht einfach wunderbar an dir aus!“ Das Lächeln des Barons war widerlich, sein Atem roch unangenehm nach Sake und doch beugte er sich zu der jungen Geisha vor, die neben ihm kniete. Besorgnis zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. „Baron...“, flüsterte Mameha, hielt den Blick zu Boden gerichtet. „Wissen Sie denn nicht mehr, dass ich einen Arzttermin habe?“  
Sogleich gefror sein Lächeln. „Sprich nicht in diesem Ton mit mir! Und wage es nicht, mir ungehorsam zu sein... Schließlich handelt es sich bei deinem... Termin nicht um eine Abtreibung oder ähnlich Wichtiges...“
Die Konversationen in dem Tatamizimmer verstummten. Alle Augen waren nun auf den Baron und Mameha gerichtet, die sogleich auf die Knie fiel, um sich zu entschuldigen. „Es tut mir Leid, Baron...“
Es folgte ein leises Räuspern. „Nun...“ Der Gastgeber blickte von Gast zu Gast, bis er der jungen Frau schließlich einringlich in die Augen sah. „Ich werde dich nach dem Fest zu deiner Wohnung begleiten, Mameha...“, zischte er ihr zu. „Dort werden wir unser Gespräch fortsetzen.“

„BARON!“ Mit einem gellenden Schrei fiel sie zu Boden, presste sich sogleich eine Hand auf den Mund, um ihn nicht noch mehr zu provozieren, denn er beugte sich bedrohlich über sie.  „Ich werde dich lehren, was es heißt, mich vor allen Leuten lächerlich zu machen...“, zischte er, hob den Arm um erneut zuzuschlagen. Noch nie war er Mameha gegenüber gewalttätig geworden, doch nun... Nun schien es ihm beinahe Frede zu bereiten, sie brechen zu sehen. Schützend schlug sie die Hände um den Körper, schloss ihre Augen. „Baron, bitte...“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Halt den Mund, Mameha!“ Er lachte leise, blies ihr seinen alkoholisierten Atem ins Gesicht. Und schlug erneut zu. Wieder, immer und immer wieder. Mameha schrie nicht mehr. Stumm vor Angst, vor Entsetzen ließ sie alles über sich ergehen, zuckte nicht ein Mal zusammen. Ertrug die Qual. Stundenlang ließ der Baron nicht von ihr ab, schlug, trat in ihren Unterleib. Erst als ihr Kimono sich in Blut tränkte, wandte er sich um, lächelte. „Die Abtreibung kannst du dir jetzt wohl sparen...“, sagte er noch, bevor er die Türe aufschob und nach draußen trat. „Ich erwarte dich nächste Woche in Tokyo.“
Zitternd, zu schwach um sich aufzurichten, vergrub Mameha ihren Kopf in den Tatamimatten und weinte, unfähig zu begreifen, was geschehen war.
Als ihre Dienerin schließlich von einem Botengang zurückkehrte, fand sie sie. Bewusstlos. „Herrin!“ Sofort fiel sie auf die Knie, tätschelte vorsichtig ihre Wange. Bis sie endlich die Augen aufschlug. „Tatsumo-san...“
„Herrin... Gott sei Dank...“ Vorsichtig half das Mädchen der jungen Geisha sich zu erheben. „Was ist geschehen?“
Mameha wandte ihren Blick ab, beschämt darüber, ihre Beherrschung verloren zu haben. Es dauerte nur einen Moment, bis sie ihre Fassung wiedererlangt hatte. „Tatsumo, mach bitte das Zimmer sauber und ordne meine Schminke... Danach bring meinen Kimono in die Wäscherei... Vielleicht...“ Sie konnte ein leises Seufzen nicht unterdrücken. „Vielleicht kann man ihn noch retten... Falls dich jemand fragt, sag, ich sei die Treppen hinabgestürzt... Ich... ich muss mich unziehen, in einer Stunde beginnt ein Sumo-Kampf, zu dem ich eingeladen bin...“
„Mameha-san, sind Sie sicher, dass Sie sich dazu in der Lage fühlen...“ Tatsumo verstummte, als sie den Blick ihrer Herrin bemerkte. Es war nicht zu üersehen, wie schwerfällig Mameha sich bewegte, wie erschöpft sie war, als sie in ihrem Ankleidezimmer auf die Knie sank, sich das verschmierte Make-Up aus dem Gesicht wischte. Noch immer zitterten ihre Hände, sie war so schwach und doch... Doch führte sie ihr Leben einfach weiter fort, als wäre nichts geschehen. Aber alles hatte sich verändert, alles... Denn von diesem Zeitpunkt an freute sie sich nicht mehr auf die Begegnungen mit dem Baron. Sie fürchtete sie.

Monatelang, bei jeder der darauffolgenden Begegnungen vergriff er sich an ihr, oft so stark, dass sie es kaum schaffte, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Mamehas Verletzungen wurden stets von den Kimonos verdeckt, die noch schwerer auf ihren Schultern lasteten, doch auch ihr Gesicht war gezeichnet. Sie war unheimlich blass, hatte innerhalb kürzester Zeit stark an Gewicht verloren. Natürlich war ihre Schönheit nicht verblüht, doch sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst, schwach, kaum fähig sich auf den Beinen zu halten. Mameha wirkte abwesend, zuckte vor Schmerz zusammen, wenn ein Mann sie nur an der Schulter streifte. Doch sie schwieg. Verlor niemals ein Wort über die Geschehnisse in ihrer Wohnung, aus Angst, verstoßen zu werden.
„Mameha-san, ist alles in Ordnung?“ Die Stimme ihrer jüngeren Schwester riss sie aus ihren Gedanken. „Herrin... Ich sehe doch, dass es Ihnen nicht gut geht... Sie müssen nach Hause gehen...“
Erbost richtete sich Mameha auf, schloss für einen kurzen Moment die Augen. „Du sprichst Unsinn, Sayuri“, erwiderte sie, während die beiden Frauen die Shirakawa-Brücke überquerten. „Ich habe noch fünf Partys zu besuchen... Wie stellst du dir das vor, einfach so nach Hause zu gehen?“
Den ganzen Tag über hatten unerträgliche Schmerzen sie gequält, die sich von Minute zu Minute verschlimmerten. Ihr kopf drohte zu zerspringen, un doch... Trotz allem hatte sie den Schein gewahrt. Die Maske aufrecht erhalten, die nun zu zerbrechen drohte. Mamehas Miene war eisern, doch etwas zu tiefst Verletztes lag in ihrem Blick. Sayuri konnte es sofort deuten. „Er hat sie geschlagen, nicht wahr?“, fragte sie leise.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
„Der... der Baron... Er schlägt Sie.“
Es folgte lange Stille. Mameha rang um Fassung, denn sie spürte, wie Tränen in ihren Augen aufstiegen. „Sayuri, wie kannst du annehmen, der Baron...“ Sie wagte nicht, fortzufahren, doch ihre jüngere Schwester schien keineswegs daran zu denken, das Thema zu beenden. „Lieben Sie ihn wirklich so sehr, dass Sie all das über sich ergehen lassen? Herrin, Sie-“
„Sayuri, es reicht“ Endlich schien Mameha ihre Beherrschung wiedererlangt zu haben. „Geh zurück in deine Okiya, ich erwarte dich morgen direkt nach dem Aufstehen in meiner Wohnung.“

„Tatsumo-san...“ Die Verwunderung stand Sayuri ins Gesicht geschrieben, als sie das von Tatamimatten verdunkelte Zimmer Mamehas betrat. „Was ist hier los? Die Herrin sagte, sie erwarte mich...“
Die junge Dienerin schüttelte den Kopf. „Es tut mir Leid, Sayuri-san...“, erwiderte sie mit gedämpfter Stimme. „Aber Mameha kann und darf momentan keinen Besuch empfangen...“
„Ist... ist etwas geschehen?“
Tatsumo nickte. „Sie ist gestern Abend bei einer Party zusammengebrochen... Nobu-san hat sie hierher gebracht und einen Arzt gerufen. Sie braucht absolute Ruhe, nicht einmal der Baron darf sie sehen... Er war furchtbar zornig, als ich ihn vorhin abweisen musste...
Zu erschrocken, um etwas zu sagen, wandte sich Sayuri um, nickte Mamehas Dienerin stumm zu... und lief. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf, als sie den Pfad zu ihrer Okiya einschlug. Der Baron würde sie totprügeln, unternahm Mameha nicht etwas. So schnell wie möglich.
Wochen vergingen, ehe sich die beiden Schwestern erneut im Badehaus begegneten. Noch immer war Mameha blass, ihr Körper übersät von frischen Striemen, Blutergüssen. Ihr Lächeln war schmerzverzerrt, als sie Sayuri erblickte. „Fühlen Sie sich besser, Herrin?“, erkundigte sie sich. Die junge Geisha nickte. „Vielen Dank, Sayuri...“, entgegnete sie. „Ich... Ich muss mich wohl überanstrengt haben...“
„Mameha-san, bitte...“ Die Stimme Mamehas jüngerer Schwester zitterte vor Zorn, vor Besorgnis. „Sie müssen fort von hier... Der... Der Baron wird Sie umbringen...“
Sie hatte erwartet, die Herrin würde sich erbost umwenden, doch stattdessen sah sie ihr in die Augen. Sayuri erschrak, als sie tiefe Verzweiflung in Mamehas Blick lesen konnte. „Wie stellst du dir das vor, Sayuri?“, fragte sie leise, mit erstickter Stimme. „Selbst wenn ich dem Baron dadurch entkäme... Glaubst du wirklich, ich könnte mein Leben in Gion einfach so aufgeben? Fliehen und von vorne beginnen?  Ich bin eine Geisha... Nur eine Geisha... Frauen wie mir stehen Neuanfänge nicht zu...“
Nun schien auch Sayuri Probleme haben, nicht die Beherrschung zu verlieren. „Aber Herrin, Sie sind doch...“
„Eine der berühmtesten Geishas in ganz Japan?“ Mameha lachte kurz auf. „Als würde das etwas ändern... Ich mag  mir die Unabhängigkeit erkämpft haben... Genügend Geld verdienen, um mich hier durchzuschlagen... Doch selbst wenn ich all meine Kimonos und meinen Schmuck verkaufte, könnte ich höchstens ein, zwei Jahre überleben...  Mich stets versteckt halten... Sag mir, Sayuri, könntest du es tun? Könntest du all das aufgeben? Für... für nichts?“
Erschrocken wandte das Mädchen seinen Blick ab. „Nichts?“, rief es, hatte ohne es zu merken die Stimme erhoben. „Ihre Sicherheit bezeichnen sie als ‚nichts’? Ist... ist Ihr Leben Ihnen denn gar nichts wert?“
Schweigen. Mameha erhob sich, langsam und schwerfällig. „Nein, Sayuri...“, erwiderte sie, kaum hörbar. „Nicht mehr...“

Völlig atemlos kam die junge Geisha zu der Wohnung ihrer älteren Schwester gelaufen, fiel auf die Knie und schob die Türe auf. Sogleich wurde sie von der jungen Dienerin Tatsumo begrüßt. „Sayuri-san...“ Das Mädchen zwang sich zu einem Lächeln, doch die Verzweiflung in seinem Blick war nicht zu leugnen. „Ich... ich habe Sie schon erwartet...“
„Wo ist Mameha?“, fragte Sayuri, sah sich suchend in dem winzigen Tatamizimmer um. „Soll ich hier auf sie warten?“
Tatsumo schüttelte den Kopf. „Nein...“, entgegnete sie, den Blick fest zu Boden gerichtet. „Der... der Baron war gestern Abend bei ihr... Danach ist sie Hals über Kopf aufgebrochen, hat mich gebeten, all ihre Besitztümer zu verkaufen... Un Ihnen das hier zu geben... Sie... sie wirkte völlig verstört...“ Mit zitternden Händen holte sie ein winziges, in Reispapier gewickeltes Päckchen hervor. „Sayuri, Sie müssen gehen... Ich... Es tut mir Leid...“ Mit Tränen in den Augen fiel Mamehas Dienerin auf die Knie, verbeugte sich vor der jungen Geisha, bevor sie schließlich die Türe hinter sich schloss.
Zurück in der Okiya löste Sayuri vorsichtig den Umschlag von dem Inhalt. Ein wunderschöner, mit Rubinen besetzter Kamm kam zum Vorschein. Ihr ganzer Körper zitterte, als sie die Nachricht auf dem Papier las. Es war nur ein einziges Wort. „Danke“. Ein kaum merkliches Lächeln umspielte Sayuris Lippen, ein Gefühl der unglaublichen Erleichterung breitete sich in ihr aus. Mameha hatte die richtige Entscheidung getroffen.

„Sayuri, komm her, du wirst am Telefon verlangt! Man sagt, es sei wichtig!“ Die raue Stimme Mutters hallte im ganzen Haus wider, ließen die junge Geisha vor Schreck zusammenzucken. „Ich komme gleich!“, rief sie, schloss sorgfältig die Make-Up Dosen. Mehrere Monate seit Mamehas Verschwinden waren vergangen, und Sayuri dachte noch immer jeden Tag voller Sorge an ihre ältere Schwester.
„Jetzt beeil dich doch, du dummes Ding! Es ist Tatsumo, diese nichtsnutzige Dienerin von Mameha-san! Weiß der Himmel, was sie von dir will...“
Erschrocken ließ Sayuri einen in Lippenfarbe getränkten Pinsel fallen, der einen blutroten Punkt auf der Tatamimatte hinterließ. Sie sprang auf, stürzte die Treppen hinab zu dem Telefonzimmer, in dem Mutter saß und ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte trommelte. „Na endlich, Sayuri... Sei beim nächsten Mal nicht so eitel und lass das Dienstmädchen deine Schminksachen in Ordnung bringen... Selbst Kürbisköpfchen hätte schneller hier sein können als du...“ Mit einem leisen Seufzen erhob sie sich und reichte ihrer Adoptivtochter den Telefonhörer. „Aber halte dich kurz! In zwei Stunden musst du im Ichiriki-Teehaus sein.“

„Tatsumo-san!“ Völlig atemlos, entgegen aller Regeln fiel Sayuri dem Mädchen in die Arme, das sie vor einer heruntergekommenen Hütte viele Kilometer außerhalb Kyotos begrüßte. Achtlos drückte sie dem Rikschakuli das Fahrgeld in die Hand, wandte sich wieder Tatsumo zu. „Was ist geschehen? Wo ist Mameha?“
„Sie... sie konnte sich nichts Besseres leisten... Hat alles verkauft, alles... Bis auf eines. Den Kamm, der ihr am meisten bedeutet hat...“
Mit zitternden Händen fuhr Sayuri in ihren Obi, holte den wunderschönen Kamm hervor, den Mameha ihr einst zum Abschied geschenkt hatte. Sie hatte ihn nie getragen, doch stets bei sich gehabt. Als Glücksbringer. Ein kaum merkliches Lächeln umspielte Tatsumos Lippen. „Ja... Genau diesen...“ Sie konnte ein leises Seufzen nicht unterdrücken. „Aber bald... Bald gingen auch die letzten Ersparnisse meiner Herrin zu Ende... Sie hatte mir schon lange zuvor kündigen wollen, doch... Ich bin bei ihr geblieben... Habe die wichtigsten Besorgungen für sie erledigt... Denn sie hatte viel zu große Angst, das Dorf zu verlassen... Mit der Zeit wurde sie sogar glücklich... Auch wenn ihr Leben nicht mehr dasselb war wie zuvor...“
Auch Sayuri konnte ein kaum merkliches Lächeln nicht unterdrücken, doch ihre Miene verdunkelte sich sogleich. „Aber... Warum haben Sie mich dann angerufen, Tatsumo?“
Hastig wandte das Mädchen seinen Blick ab. Ein leises Schluchzen war zu vernehmen. „Gestern... Gestern schickte mich die Herrin in die Stadt, um Nahrung zu kaufen... Als ich am Abend zurückkehrte, fand ich sie... Sie lag auf ihrem Futon, bewusstlos... Blutberströmt...“ Tatsumo musste nicht weitersprechen. Erschrocken vergrub Sayuri ihr Gesicht in den Händen. „Der Baron...“, flüsterte sie kaum hörbar. Die junge Dienerin nickte. „Er... Er hat sie halb tot geprügelt... Zuerst dachte ich, es würde ihr bald besser gehen, aber... sie ist einfach nicht aufgewacht... Ihr Zustand verschlechtert sich von Stunde zu Stunde... Ich wusste nicht, was ich tun sollte... Wir können uns doch kaum etwas zu essen leisten... Aber sie braucht einen Arzt! Oh Sayuri-san, ich bin so froh, dass Sie da sind...  Aber Sie müssen zurück in die Stadt... Mameha würde nicht wollen, dass...“
Beschwichtigend legte die junge Geisha eine Hand auf Tatsumos Schulter. „Machen Sie sich keine Sorgen...“, erwiderte sie. „Ich werde solange bleiben, wie es nötig ist...“
„Und Frau Nitta...“
„Sie wird nicht erfreut sein, aber... Lassen Sie das meine Sorge sein. Hier...“ Erneut griff Sayuri in ihren Obi, reichte dem Mädchen ein dickes Bündel Geldscheine. „Als erstes holen Sie einen Arzt für Mameha... Sagen Sie ihm, Sayuri schickte Sie, er solle so schnell wie möglich hier her kommen, es ginge um...“ Sie stockte. „Um Leben und Tod... Kaufen Sie Essen und Kleidung für Sie beide... Und den Rest... Den Rest sparen Sie... Beeilen Sie sich!“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, wandte sie sich um, betrat die Hütte. Entsetzt von der Schäbigkeit der Behausung schloss sie für einen kurzen Moment ihre Augen, ehe sie sich neben Mameha auf den Boden kniete. Blass lag sie auf ihrem zerrissenen Futon, zitterte am ganzen Leib. Es war tiefster Winter, und doch trug sie nur ein hauchdünnes Unterkleid, das an ihr klebte wie eine zweite Haut. Auch die baumwollene Decke war schweißgetränkt. Blutige Striemen zeichneten sich auf ihrem Körper ab, trotz den geschlossenen Augen war Mamehas Gesicht schmerzverzerrt. „Mameha-san...“ Vorsichtig nahm Sayuri ihre Hand. Sie war eiskalt. „Herrin... Ich bin es... Sayuri... Ich... ich habe Tatsumo geschickt, einen Arzt zu holen... Er wird Ihnen helfen...“
Mameha zeigte keine Reaktion. Noch immer war sie bewusstlos, atmete so leise, schwach... Stunden vergingen, und nichts geschah. Tatsumo würde erst am nächsten Morgen zurückkehren, doch der Arzt hätte längst den Weg in das Dorf finden müssen. Noch immer hatte sich Mamehas Zustand nicht verändert. Sayuri hatte sie nie aus den Augen gelassen, war in dem winzigen Zimmer umhergelaufen, auf der Suche nach Tüchern, frischem Wasser. Doch sie fand nichts. Es musste bereits weit nach Mitternacht sein, sie wagte nicht, sich erneut auf den Boden zu knien, aus Angst, einzuschlafen. Doch die Müdikgeit überwältigte Sayuri, beinahe fiel sie nun, schloss ihre Augen...
„Sayuri?“ Mit einem erstickten Schrei fuhr sie hoch, versuchte hastig, ihren Kimono glattzustreichen. Bis sie sich erinnerte, wo sie sich befand. Suchend sah sie sich nach Tatsumo um, aber von der jungen Dienerin fehlte jede Spur. „Mameha?“, fragte sie leise, wandte sich zu ihrer älteren Schwester um. Sie hatte die Augen aufgeschlagen, sah mit glasigem Blick gerade aus. „Sayuri...“, flüsterte sie. „Was tust du hier? Du...“ Sie konnte nicht weitersprechen. Sayuri strich ihr behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht, konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Mamehas Stirn war glühend heiß. Sie hatte Fieber. „Strengen Sie sich nicht zu sehr an, Herrin... Sie... Sie brauchen Ruhe... Tatsumo müsste jede Minute mit dem Arzt zurück sein...“
Es war, als schüttelte Mameha kaum merklich den Kopf. Sie versuchte, sich aufzurichten, doch ihr Körper sank schwach zurück auf den Futon, mit Tränen in den Augen. „Es... es ist zu spät...“
„Mameha-san, wofür? Wofür ist es zu spät?“ Natürlich kannte das Mädchen die Antwort. Doch es zwang sich, nicht daran zu denken, die Tränen zurückzuhalten.
„Sayuri...“ Erschöpft schloss die junge Geisha die Augen. Das Sprechen strengte sie sichtlich an, die Schmerze mussten unerträglich sein... „Es... es ist zu spät für einen Arzt... Für Hilfe... Der Baron hat mich gebrochen... Fahr zurück nach Kyoto, so schnell wie möglich... Man braucht dich dort... Du... du kannst nichts mehr für mich tun...“
Sayuri schüttelte den Kopf. „Nein, Herrin.“, erwiderte sie, schlug sich jedoch sogleich eine Hand vor den Mund. Noch nie hatte sie es gewagt, ihrer älteren Schwester zu widersprechen. Für den Bruchteil einer Sekunde rang sie um Fassung, stieß einen tiefen Seufzer aus... „Ich bleibe.“
Aus Angst davor, ihre ältere Schwester erzürnt zu haben, blickte sie zu Boden, verbeugte sich vor ihr, tiefer als je zuvor. Sie öffnete den Mund, wollte sich entschuldigen, doch der Anflug eines schwermütigen, gar traurigen Lächelns zeichnete sich auf Mamehas Lippen ab. „Verbeug dich nicht vor mir, Sayuri...“, flüsterte sie kaum hörbar, legte zitternd eine Hand auf die Schulter ihrer jüngeren Schwester. Sie spürte, wie ihre Kräfte schwanden. „Ich... ich bin keine Geisha mehr...“

„Sayuri-san, es tut mir so Leid...“ Tränenüberströmt kam Tatsumo auf die junge Geisha zugelaufen, fiel sofort vor ihr auf die Knie. Sie war vier Tage fort gewesen. „Ich... ich habe jeden Arzt in ganz Kyoto aufgesucht, aber... alle weigerten sich, Mameha zu... zu helfen... Auch nicht, als ich Ihren Namen nannte, erklärten sie sich dazu bereit, den Weg in das Dorf einzuschlagen... Manche haben mich nicht einmal angehört...“ Ein leises Schluchzen war zu vernehmen, die Dienerin wagte nicht, Sayuri in die Augen zu sehen. „Wie geht es ihr?“, fragte sie kaum hörbar. Sayuri stieß ein leises Seufzen aus. „Sie ist aufgewacht...“, erwiderte sie, ebenfalls mit gedämpfter Stimme. „Aber es geht ihr nicht gut... Sie ist furchtbar schwach...“
„Wird... wird sie sterben?“
„Ich bin keine Ärztin, Tatsumo-san... Aber...“ Sie verstummte, wandte ihren Blick ab. „Sie hat Fieber... Hohes Fieber... Ich wünschte, ich könnte ihr helfen...“
Beide Mädchen fuhren zusammen, als sie hörten, dass Mameha von einem schrecklichen Hustenanfall geschüttelt wurde. Sayuri schloss für einen kurzen Moment die Augen, vergrub ihren Kopf in den Händen. „Tatsumo... Gehen Sie... Gehen Sie hinein und ruhen sich aus... Essen Sie etwas... Dann fahren Sie zurück in die Stadt... Besorgen Medizin, Tücher, Decken... Alles, was Sie bekommen können... Danach kommen Sie wieder hierher, so schnell wie möglich... Wir dürfen keine Zeit verlieren!“ Hastig wandte sie sich um, lief zurück in die Hütte, kniete sich neben ihre Herrin. „Mameha-san...“, flüsterte sie, strich vorsichtig über ihre Stirn. Ihr Atem ging schnell und unregelmäßig, sie schien Sayuri nicht wahrzunehmen. Tränen liefen ihre Wangen hinab. „Ich habe ihn geliebt...“, flüsterte sie kaum hörbar. Sie fantasierte. „Ich habe ihn so sehr geliebt...“
Vorsichtig nahm das Mädchen Mamehas Hand, versuchte sie zu beruhigen. „Herrin... Ich bin es... Es... es wird gut... Alles wird gut...“
Es dauerte Stunden, bis Mameha aus ihrem Fiebetraum erwachte, schwächer als zuvor. Sie konnte erkennen, dass Tränen über die Wangen ihrer jüngeren Schwester liefen. „Sayuri... Bitte, weine nicht... Ich... ich bin das alles gar nicht wert... Sieh mich doch an... Ich liege im Sterben... Schwach... und heruntergekommen... Ohne Kimonos, ohne Schmuck... Wer bin ich denn noch?“
Hastig strich sich Sayuri die Tränen aus dem Gesicht, griff in ihren Obi... Und holte Mamehas Kamm hervor. Vorsichtig, ganz vorsichtig, um ihrer älteren Schwester nicht noch mehr Schmerzen zu bereiten, steckte sie ihn in ihr Haar, lächelte. „Sie... Sie sind noch immer eine Geisha, Mameha-san...“, erwiderte sie. „Eine... wunderschöne Geisha... Er gehört Ihnen...“
Auch Mameha lächelte, schloss ihre Augen. „Danke, Sayuri...“, flüsterte sie, so leise, dass nicht einmal sie selbst es hätte hören können.
„Wofür denn, Herrin?“, fragte das Mädchen. Erneut füllten sich seine Augen mit Tränen, als es seine ältere Schwester betrachtete. „Den Kamm?“
Mameha schüttelte kaum merklich den Kopf, doch selbst diese Bewegung ließ sie vor Schmerz zusammenzucken. „Nein...“, erwiderte sie. „Nicht für den Kamm...“ Die Worte, die sie sprach, waren kaum noch verständlich. Noch immer lächelte sie, schien aber verzweifelt zu versuchen, ihre Augen zu öffnen, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. „Nicht für den Kamm... Dafür, dass... dass du geblieben bist.“

Die Nachricht von Mamehas Tod hatte die Stadt schnell erreicht. Niemand hatte eine Reaktion auf das Verschwinden der Geisha gezeigt, doch als Sayuri eines Nachts mit tränenverquollenen Augen in die Okiya zurückkehrte, verfiel Gion in tiefe Trauer. Selbst die Geisha Hatsumomo, Mamehas größte Rivalin, lief eines Tages, unerkannt von allen, zu einem Schrein am Rande Kyotos um für ihre Seele zu beten. Auch sie trauerte, doch niemand sollte je davon erfahren.
Es dauerte nur wenige Tage, bis die Routine in das Viertel zurückkehrte. Man besuchte seinen Friseur, stritt über zukünftige Einnahmen und Engagements in verschiedenen Teehäusern. Bald verstummten auch die letzten Gespräche über Mameha, die wohl größte Geisha Japans. Sie wurde vergessen, sogar von ihren Schwestern. Doch eins der Mädchen hatte Mameha fest eingeschlossen, in seinen Gedanken, seinem Herzen. Jeden Tag dachte es an seine ältere Schwester, die ihm all das ermöglicht hatte, von dem es träumte. Sayuri. Sie würde Mameha nie vergessen.
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