Spiel mit mir! ...und herzlich willkommen im Nichts.

von darkyyy
GeschichteAbenteuer / P18
25.05.2009
03.11.2010
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„Kleine, jetzt hast du mich schon wieder aus dem Konzept gebracht! Wo ist der Stein denn nun?“
Stolz hob Jennay eines der vier kleinen Becherchen, die vor ihm auf dem Tisch standen, an.
„Genau hier! Und sogar du bist nicht hinterhergekommen!“
Sie feixte, sie hatte eben ihre große Schwester Zaneta ausgetrickst, die beste Spielerin der ganzen Familie. Und ihr Familie war groß, sogar, wenn man nur die derzeit Anwesenden zählte. Dann waren sie um die 40, allerdings zogen derzeit mindestens weitere 20 durch das Land, um Geld zu verdienen.
Jennay und Zaneta gehörten zu den Roma Ungarns, obwohl sie dort nicht gern gesehen waren. Das waren sie allerdings nirgends...

„Ich denke, mein Schwesterchen, es wird Zeit, dass du dich mal ein bisschen allein umsiehst, meinst du nicht auch?“ meinte die Ältere, sich bewusst, dass sie mit diesem Satz einen großen Wunsch erfüllte.
„Wirklich? Du willst mich wirklich lassen?“ fragte Jennay ungläubig, bis jetzt hatte es nur Streit gegeben, wenn sie dieses Thema angeschnitten hatte.
Zaneta seufzte, doch dann stand sie auf und sagte bestimmt „Komm, wir packen deine Sachen. Nun bist du endlich gut genug!“
Es tat ihr weh, die Kleine - denn klein war sie wirklich - ziehen zu lassen, obwohl sie schon 17 war. Sie hatte zwar noch weitaus mehr Geschwister, aber Jennay war ihr die Liebste. Doch ihre Eltern hatten ihr aufgetragen, gut für die Jüngeren zu sorgen, während sie herumzogen. Und das beinhaltete auch diesen Schritt...
Sie musste Erfahrungen sammeln und das Land kennen lernen, denn ohne diese Kenntnisse würde sie als Roma, oder auch Zigeunerin, wie die Sesshaften sagten, nicht weit kommen.

Schon am nächsten Morgen wanderte Jennay, mit einem alten Armeetornister auf dem Rücken, Richtung Westen. Der Rucksack war vollgepackt mit Essen, ein klein wenig Ersatzkleidung, noch weniger Geld, aber dafür mit umso mehr Würfeln, Karten und Hütchen.


Osteuropa war das ideale Pflaster für eine hübsche, junge Falschspielerin, auch wenn sie alleine war. Niemand schlug sie bei den Karten, ihre Würfel waren so geschickt gezinkt, dass nicht einmal Profispieler dies bemerken konnten. Und flink wie sie war, wirbelte sie die Hütchen, dass man meinte, ein kleiner Wirbelsturm fege über den Tisch.
Das Geld, dass sie einnahm, brachte sie ab und zu bei dem derzeitigen Lager ihrer Familie vorbei, denn soviel, wie sie sich erspielte, konnte sie allein nicht ausgeben.

Nach zwei Jahren, kurz nach einem Besuch bei ihrer Familie, wanderte Jennay wieder einmal durch Ungarn mit dem Ziel Szegéd. Es war Winter, und viele Männer versuchten tatsächlich, dumm wie die meisten von ihnen waren, die knappe Ernte durch Spielgewinne auszugleichen. Sie suchte sich in der relativ kleinen Stadt die erstbeste Kneipe und betrat den verräucherten Schankraum, angefüllt mit groben Bauern in schlichtem Sackleinen. Wie ein Paradiesvogel, der für einige Momente hinabgeflattert war, wirkte Jennay in ihrer bunten, völlig durcheinandergewürfelten Kleidung, doch wenn man genauer hinschaute, erkannte man ein knapp zwanzigjähriges, durchgefrorenes Mädchen mit großem Hunger.

Sie setzte sich an die Theke und fragte nach etwas zu Essen, woraufhin sie einen Brotkanten und ein Stück harte Wurst bekam. Nicht das beste, aber trotzdem kaute sie widerspruchslos. Jemand wie sie musste froh sein, wenn sie nicht sofort wieder an die Luft gesetzt wurde.

Als sie sich halbwegs aufgewärmt hatte, betraten vier Männer den Raum, die so gar nicht in dieses Ambiente passen wollten. Ausnahmslos trugen sie feine Kleidung, sogar neue, saubere Stiefel nannten sie ihr eigen! Sie ließen sich nieder und bestellten vom schwersten Rotwein, den der Wirt zu bieten hatte, eine ganze Karaffe.
Jennay sah ihre Chance, als einer der Männer, scheinbar der inoffizielle Anführer, einen Würfelbecher hervorholte. Sie wartete noch einen Augenblick, zupfte derweil ihr Kleidung für die Männer hochinteressant zurecht und trat dann an den Tisch.

„Guten Abend, die Herren.“ Sie deutete einen schüchternen Knicks an, auf die Männer musste sie wie eine Hure wirken, die neu im Geschäft war.
„Hättet ihr etwas dagegen, wenn ich mich zu euch setze?“ Ziemlich plumpe Aktion, um an den Tisch der Anderen zu kommen, aber diese mussten, ihren Alkoholfahnen nach zu urteilen, teilweise schon recht betrunken sein.

Der Mann mit dem Würfelbecher lachte, irgendwie...besorgniserregend, fand Jennay.
„Aber natürlich, Kleine, setz dich zu mir! Mein Name ist Gyula und meine Gefährten sind unwichtig!“
Lachend und lautstark protestierten die Begleiter des Mannes wobei sie alle möglichst imposant wirken wollten, um die junge Frau zu sich zu locken.
Sie jedoch ließ sich neben Gyula sinken und stellte sich vor.
„Jennay mein Name, sagt, was spielt ihr dort? Ich habe noch nie gewürfelt, könntet ihr mir erklären, worum es geht?“
Ihr Sitznachbar warf ihr einen Blick zu, der deutlich sagte, er glaube ihr kein Wort, aber dennoch erklärte er ihr das Spiel und forderte sie unmissverständlich auf, mitzuspielen. Jennays Ziel war erreicht, genauso sollte es laufen...

Zwei Stunden später saß sie allein, kurz vor den Tränen und fast völlig blank am Tisch. Sie konnte sich selbst nicht erklären, was eben passiert war, die Wut verhinderte klares Denken. Jeden erdenklichen Trick hatte sie angewandt, sogar mit ihren eigenen Würfeln hatte sie gewürfelt! Nie waren die Hütchen schneller geflogen, nie hatte sie besser Karten gespielt.

Und trotzdem, gegen diesen Gyula hatte sie nicht die geringste Chance gehabt. Immer war sie der festen Überzeugung gewesen, er konnte nicht wissen, wo der Stein unter den Hütchen lag, doch hatte er ihn immer gefunden. Unmotiviert prellte sie ein paar Knechte um ihren kargen Lohn, doch selbst da stellte sich nicht der gewohnte Erfolg ein. Was sollte es, solange es für ein Bett reichte.

Am nächsten Morgen verließ sie, ohne Frühstück und noch vor Sonnenaufgang, Szegéd. Der Abend steckte ihr in den Knochen, irgendetwas stimmte nicht. Außerdem fühlte sie sich, als würde bald irgendetwas passieren, etwas ungesundes.
Sie schalt sich selbst, bloß weil sie ausnahmsweise einmal verloren hatte, ging die Welt nicht unter! Dieser Mann schien ein noch größeres Schlitzohr als sie selbst gewesen zu sein, das ließ sich nun auch nicht mehr ändern.

Gegen Nachmittag langte sie in einem etwas größeren Dorf an, und als sie die winzige Herberge sah, besserte sich ihre Laune erheblich. Hier stiegen oft Profispieler ab, wenn sie ihre Ruhe haben wollten, genau das richtige für sie.




Zufrieden saß Jennay an der Theke, eine Gruppe von sechs jammernden Männern um sich und zählte ihr soeben gewonnenes Geld. Diese Dummköpfe hatten geglaubt, bloß weil sie eine Frau war, wäre sie leicht zu schlagen. Die Münzen in ihren Händen sagten etwas anderes und die Demütigung des letzten Abends war bereits vergessen.

Das Geld würde für ein eigenes Zimmer und ein reichliches Abendessen genügen, und selbst dann würde etwas überbleiben. Sie wies den Wirt an, ein Zimmer und Essen herzurichten und ging, nach Erhalt des einfachen Schlüssels nach hinten in den ihr zugewiesenen Raum. Nach einiger Zeit kam die Wirtstochter herein und ließ einen dicken Fleischeintopf mit kräftigem Brot da, den Jennay heißhungrig sofort verschlang. Als sie aufgegessen hatte, schloss sie die Tür ab und legte sich zufrieden schlafen, es war ein guter Abend gewesen...


Sie erwachte erst, als der - vermeintlich - Fremde schon über sie gebeugt dastand. Als sie die Augen aufriss, schoss sein Hand, schnell wie eine Schlange, hervor und legte sich hart auf Mund und Nase Jennays. Sie versuchte zu schreien, schlug um sich, biss sogar in seine Hand, doch durch ihre Bewegung blieb ihr schon bald kein bisschen Luft mehr. Während alldem stand der Mann, den sie nun, dank ihrer guten Nachtsicht und ihres noch besseren Gedächtnisses als Gyula vom Vorabend erkannt hatte, ruhig da, als würde er sich locker mit einem Freund unterhalten.
Als ihr langsam die Sterne vor den Augen tanzten, lächelte er, aufs höchste amüsiert und ließ ihr die Nase frei. Gierig sog sie die Luft ein, doch trotzdem blieb ein hartnäckiger Schleier vor ihren Augen, der ihr die Sicht versperrte, auch ihr Geist schien wie gelähmt.

„Hallo, kleine Jennay... Komm, ich hab eine Überraschung für dich...“