Geschichte: Fanfiction / Anime & Manga / Hetalia / 1812

1812

GeschichteDrama / P12
24.05.2009
24.05.2009
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1812



Der Himmel hatte sich rot gefärbt. Die Dunkelheit der Nacht war verdrängt worden, um einem Spektakel Platz zu machen, das das Land so noch nicht erlebt hatte und wahrscheinlich – hoffentlich – auch nie wieder erleben würde.

Es knisterte und prasselte, sonst war es still. Totenstill. Kein Windhauch war da, um die Zweige der Bäume schwenken zu lassen, kein Tier war zu hören.
Und die einzigen beiden Personen, die dort standen, auf einer Anhöhe über der großen Stadt, schwiegen.

Zumindest eine Zeit lang.

„War das wirklich nötig, aru?“

„Was hättest du an meiner Stelle getan?“

Wieder herrschte Stille.

„Ich weiß es nicht.“

Hitze, unerträgliche Hitze hatte sich breit gemacht, es knisterte und loderte überall. Unter ihren Füßen hatte sich der Boden erwärmt. Die Luft war dicht und stickig vom Rauch. Das Atmen fiel einem schwer.

Mit einem leisen Seufzen strich sich der eine der beiden Männer das lange, schwarze Haar, das sich teilweise aus seinem Zopf gelöst hatte, mit einem Ärmel zurück. Seine dunklen Augen überblickten das Land.
„Ich weiß es nicht“, sagte er noch einmal. „Aber ich glaube, ich hätte mein Herz nicht einfach so in Brand setzen können, aru.“

„Es ist nur eine Stadt“, kam es von dem anderen. „Sie bedeutet mir nichts, Yao.“

Sie beide wussten nur zu gut, dass das gelogen war.
Und das nicht nur, weil Ivans Stimme zitterte, weil noch immer stumme Tränen seine Wangen hinab liefen, weil sein Leib von Zeit zu Zeit zuckte wie von einem schweren Schlag getroffen. Yao hatte doch gesehen, wie er geschrien hatte. Wie sein Körper sich vor Schmerzen gewunden und zu bluten begonnen hatte.

Yao hatte ihn im Arm gehalten, ihm über das verschwitzte Haar gestrichen, sorgsam mit den Ärmeln das Blut von seinem Mundwinkel gewischt – das sah man jetzt natürlich nicht mehr, da sein Gewand von Vornherein aus blutrotem Stoff bestand –, ihn wie ein Kind in seinen Armen gewiegt und ihm eine chinesische Weise vorgesungen, bis er sich endlich beruhigen konnte.

Auch, wenn Ivan in seinem Stolz für immer abstreiten würde, dass dies überhaupt geschehen war.

Moskau brannte.
Russland stand in Flammen.
Und Ivan spürte das gesamte Leid, welches sein Volk in dieser Nacht ereilte und noch ereilen würde.

„Glaubst du, es war richtig?“, fragte Yao in unsicherem Tonfall. Es gefiel ihm nicht, was er da sah. Denn es war eine hinterhältige Taktik, die Ivan gewählt hatte, um den Mann, der von Francis ausgesandt worden war, aus seinem Land zu vertreiben.

Ivan schwieg. Seine Finger spielten nervös mit seinem Schal, der bei ihrer Flucht aus der brennenden Stadt Feuer gefangen und einen Teil seiner Länge eingebüßt hatte.
„Was hätte ich denn tun sollen? Er hätte Moskau auch selbst angezündet. Hätte ich zusehen sollen, wie er mordet und plündert, wie er meinen Kindern Leid zufügt?“

Seine Kinder …

Yao sah zu Boden. Es war nicht richtig, dass ein Kind wie Ivan – und für Yao war er nun einmal ein Kind und würde es immer bleiben, schließlich trennten sie zu viele Jahrtausende der Erfahrung voneinander – selbst Kinder großziehen und mit ansehen musste, wie sie litten.

Die Flammen breiteten sich immer weiter aus, leckten über die vier großen, aneinander gebauten Städte, die Moskau darstellten, hinaus. Fraßen sich durch Stein und Holz und Tränen und Träume.

Es brannte die gesamte Nacht hindurch. Auch, als die Nacht verklang und sich die Sonne am nächsten Morgen aus ihrem Versteck hinter dem Horizont heraus traute, war das Feuer nicht erloschen. Es war noch immer hell. Es wäre auch ohne die leuchtenden Strahlen hell geblieben. So trugen sie nur zu der bereits bestehenden Hitze bei.

Noch immer flohen Frauen und Kinder und Männer, arm wie reich gemeinsam, noch immer versuchten die Soldaten Napoleons unter Francis' Führung vergeblich, die Feuer zu löschen.

Und noch immer blutete Ivans Herz bei diesem Anblick.

Yao hatte schon mehrmals versucht, ihn anzusprechen, ihn von dem Ort wegzulotsen, ihn irgendwie zu unterstützen. Natürlich ohne Erfolg. Irgendwann hatte er es einfach sein gelassen und war gegangen.
Nicht weit weg, nur ein paar Schritte umher, um sich die Beine zu vertreten und um dafür zu sorgen, dass sie kein Franzose aus dem Hinterhalt heraus angriff. Langsam trottete er am Ufer der Moskwa entlang.
Der Fluss hatte sich durch das Feuer aufgeheizt und die Unglückseligen, die sich in seine Fluten gestürzt hatten, in der Hoffnung, den Flammen zu entkommen, bei lebendigem Leibe gekocht, ehe die Strömung sie weggerissen hatte.

Auch die Pflanzen waren verbrannt. Tot und karg sah das Land im Umkreis der Stadt aus. So tot, so leblos, wie Ivan ausgesehen hatte, als Yao ihn verließ.

Er seufzte leise. Was sollte er nur tun? Wie konnte er seinem Freund in einer solchen Situation helfen? Sein unglücklicher Blick schweifte über die verwitterte Vegetation. Und dann … dann sah er etwas, das ihn doch zum Schmunzeln brachte und begab sich darauf zu.

Eine einzelne Sonnenblume hatte dem Feuer und der Hitze widerstanden. Unnachgiebig reckte sie ihre Blüten empor in das gleißende Licht, begierig darauf, der Welt zu zeigen, wie hartnäckig sie doch war. Sie war genau wie Russland, fand Yao, als er sich zu ihr kniete und sie von Nahem betrachtete.

„Ich dachte schon, du hättest mich auch verlassen“, erklang eine leise Stimme hinter ihm.

Yao musste sich nicht umdrehen, musste nicht hochsehen, um sie zu erkennen.
„Wie könnte ich, aru?“, fragte er ebenso leise, beinahe flüsternd, beinahe so, als wollte er die Ruhe der Sonnenblume nicht stören. „Was für ein Freund wäre ich, wenn ich dich jetzt verlasse?“

„Kein besonders Guter“, meinte Ivan zustimmend und kniete sich neben ihn. Auf seinem Gesicht war ein leichtes Lächeln erschienen. Schwach und unsicher, aber dennoch offensichtlich vorhanden. Sein Mantel wies Blutspuren in Höhe seines Herzens auf. Doch das Blut war schon längst wieder getrocknet. Er hatte sich wieder gefangen.

„Wie geht es dir?“, fragte Yao ihn besorgt.

Ivan lächelte nur.
„Ich habe etwas bemerkt“, hauchte er in hoher Singsang-Stimme. Er neigte den Kopf ein wenig, wippte auf den Knien vor und zurück.

Das sorgte Yao nur noch mehr. Er kannte dieses Lächeln. Hatte es viel zu oft sehen müssen. Es bedeutete, dass Ivans Geist einmal mehr von Nebelwolken umhüllt wurde und sein Verstand die normalen Pfade langsam, aber sicher verließ. Vorsichtig gab er seinem Freund einen sachten Kuss auf die Stirn, schloss ihn wieder in seine Arme, ehe er leise und unsicher die Worte „Und was?“ flüsterte.

„Ich muss Francis dankbar sein.“
Ivans Blick war starr auf die Sonnenblume gerichtet, auf deren Blütenblättern sich bei viel, viel näherer Betrachtung winzige, rote Flecken abzeichneten.
„Heute ist es in Russland zum ersten Mal seit Langem warm.“





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A/N:
Am 14. September 1812 war Napoleons 'Grande Armeé' in Moskau eingefallen, um von dort aus ganz Russland zu erobern. Doch den Truppen Napoleons wurde dieser Triumph nicht vergönnt: Die Stadt war evakuiert worden. Und noch in jener Nacht hatte man sie in Brand gesetzt, was schließlich und endlich dazu geführt hatte, dass sich die 'Grande Armeé' mit beträchtlichen Verlusten zurückziehen musste.

Ob China zu dem Zeitpunkt in Russland anwesend war?
Wohl eher nicht.
Aber da die beiden sich seit 1649 kannten und da irgendwer Russlands ... Verrücktheit wohl oder übel eindämmen musste, ist es hier eben so. ;)
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