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Honest Fox

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
20.05.2009
20.05.2009
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Jetzt ergriff ich das Wort: „Warum hat der Häuptling der Kiowas Honest Fox weggeschickt?“
Er starrte mich an, als hätte ich gefragt, welche Farbe der Himmel habe. „Sie ist ein Weib!“ „Aber die Kiowas leben normalerweise doch auch mit Frauen zusammen.“ „Aber…sie hat uns angelogen!“ „Tatsächlich? Hat sie jemals gesagt, dass sie ein Junge ist?“ Langes Ohr überlegte kurz. „Nein, aber sie hat auch nicht gesagt, dass sie ein Weib ist.“ „Dennoch hat sie nicht gelogen. Und auch wenn sie ein Mädchen ist, bleiben doch ihre Taten und Worte, die die Kiowas dazu veranlassten, sie zu ihrem ‚Bruder’ zu machen.“ „Wir können kein Weib zu unserem Bruder machen.“ „Aber ihr hättet sie bei euch im Lager lassen können.“ „Sie war es nicht wert.“ „Nun gut“, sagte ich und stand auf. „Wenn bei den Kiowas keine Taten und Worte zählen, sondern lediglich Äußerlichkeiten, und wenn ehrliche Leute als Lügner gelten, dann verzichte ich, diesem Stamm ein Bruder zu sein.“
Damit ging auch ich zu meinem Pferd und ritt dem Mädchen nach. Ich konnte sie ja schlecht allein in die Wildnis hinauslassen. Außerdem hatte ich ein schlechtes Gewissen. Bald kam auch schon Winnetou an meine Seite und wenig später kamen auch das „Kleeblatt“ und schließlich auch Old Firehand. Er hatte zwar etwas mit sich gerungen, weil er sich das Geschäft mit den Kiowas nicht entgehen lassen wollte, aber endlich hat er doch eingesehen, dass es Wichtigeres im Leben gab als Gold und Silber.
Honest Fox hatte sich nicht sonderlich beeilt. Warum sollte sie auch? Sie hatte ja kein Ziel. Wir hatten den Vorsprung also relativ bald eingeholt und sahen sie nach vielleicht zehn Minuten in noch recht großem Abstand völlig zusammengesunken auf ihrem Pferd. Wir ritten näher heran und auf einmal wandte sie den Kopf zu uns um. Sie hatte uns gehört und nun erkannte sie ihre Verfolger. Sie wischte sich so unauffällig wie möglich ihre Hand über die Augen, doch als wir herankamen sahen wir sie gerötet.
Was mochte in diesem schönen Kopf vorgegangen sein! Einem Außenstehenden wären diese Tränen vielleicht als unverdient und schwächlich vorgekommen, typisch für ein Mädchen. Ich aber begriff ihre Situation, wenn auch noch nicht ganz. Es war wohl die Verzweiflung, ganz auf sich allein gestellt zu sein – und das mit gerade mal sechzehn Jahren! Außerdem noch die Scham, der sie ausgesetzt war, als sie ihre wahre Identität vor den Indianern hatte preisgeben müssen und die Demütigung als sie unter bösen Zurufen das Lager hatte verlassen müssen. Und schließlich wohl auch noch das schlechte Gewissen, da sie uns eine solch wichtige Tatsache die ganze Zeit verheimlicht hatte. Und dann wohl auch noch die Erleichterung, dass dieses Versteckspiel nun ein Ende hatte. Doch sie bekämpfte die Tränen tapfer.
„Welch freudiges Zusammentreffen hier im fernen, einsamen Westen“, versuchte sie uns mit einem Scherz zu empfangen. „Warum seid Ihr denn nicht bei den Kiowas geblieben?“ „Am besten ist es, wir reden in Ruhe darüber“, erwiderte ich und so machten wir Halt, stiegen von unseren Pferden und setzten uns im Kreis auf den Boden, ganz genauso wie bei der geplatzten Zeremonie im Lager der Utahs, nur dass deren Häuptling fehlte. Zuerst wandte sich Honest Fox mit ernstem Gesicht zu uns allen und meinte: „Es tut mir leid, dass ich Euch so hintergangen habe. Aber ich hatte nicht den Mut, von Anfang an mit der Wahrheit herauszurücken. Ich befürchtete, wie es jetzt ja auch geschehen ist, dass ich fortgejagt würde, hatte aber nicht zu hoffen gewagt, dass man mir nachreiten werde.“
Ich sah an den Gesichtern meiner Begleiter, dass sie keinesfalls wütend auf Honest Fox waren, sondern sich in ihren Blicken tiefes Mitgefühl widerspiegelte. Da fiel mir auf einmal etwas ein: „Was treibt dich eigentlich in den Westen?“ Sie zuckte mit den Schultern und antwortete mit einer Gegenfrage: „Was treibt Euch in den Westen?“ „Nun ja…es ist nicht verwunderlich, hier einen Westmann zu finden und es gibt viele Gründe einer zu werden. Aber Frauen begegnet man hier recht selten. Für sie ist das Leben im Osten vorzuziehen.“ „So, meint Ihr das?“ Ihre Stimme hatte urplötzlich eine nicht zu überhörende Schärfe angenommen. „Habt Ihr diese Ansichten auch schon mal einer Indianerin mitgeteilt?“ „Nein, aber die sind ja das Leben in der Wildnis gewohnt.“ „Und Ihr, seid Ihr auch in der Wildnis aufgewachsen?“ „Nein, aber…“
Ich suchte vergeblich nach einem weiteren Argument, bis mir Johnny, etwas spöttisch und bitter auf die Sprünge half: „Aber Ihr seid ja auch ein Mann, nicht wahr? Bitte antwortet mir ehrlich, Sir: Habe ich mich seit unserer Bekanntschaft jemals so verhalten, wie Ihr Euch mit Eurem Kavaliersdenken eine Frau im Westen vorstellt?“ Ich schüttelte den Kopf, denn ich musste zugeben, dass sie sich wirklich wie ein Westmann, und noch dazu wie ein sehr guter, aufgeführt und angestellt hatte.
So kam es also, dass Honest Fox, alias Johnny, weiterhin in unserer Gesellschaft blieb. Und bis zum heutigen Tage habe ich diese Entscheidung nie bereut.

~ Ende ~
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