Thriller

GeschichteAbenteuer / P12
17.05.2009
17.05.2009
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Mein Name ist Justin Time. Nein, das ist kein Scherz. Ich heiße wirklich so. Ich merke schon, du bist der altterranischen Regionalsprache englisch mächtig und verstehst den Wortwitz: Just in Time - Gerade rechtzeitig! Doch, es ist mein richtiger Name, und zugleich mein Markenzeichen. Ich bin ein... nun, sagen wir, Spezialist für... Dinge, die verloren scheinen, wobei das Wort `verloren´ geduldigt ausgelegt werden kann.Ich erfülle meine Problemaufträge gerade rechtzeitig...
Meine Referenzen? Nun, ich arbeite ab und an für den TLD, aber der wird das leugnen. Ich habe auch schon für und gegen das Kristallimperium gearbeitet und gelegentlich auch für einen der vielen Geheimdienste des Forum Raglunds.
Was? Das Forum hat nur einen Geheimdienst? Wie hoch ist deine Strangeness? Die einzelnen Mitgliedvölker vertrauen wahrscheinlich eher darauf, dass das Galaktikum eine Entscheidung fällt als auf ihre Bündnispartner!
Aber am liebsten arbeite ich für... kleinere Organisationen, Familienunternehmen, Privatleute, etwas, wo man keine Ideologie heucheln muß.
Ich habe erstklassige Kontakte auf Lepso und Archetz, gehe auf der BASIS ein und aus und arbeite mit den besten Spezialisten der Galaxis zusammen. Wenn es ein privates Problem ist, dass... nun, nicht auf konventionelle Weise gelöst werden kann, dann bin ich sicher, dass ich helfen kann: Wie teuer ist denn das Problem?



Lepso, 13.04.1282
Planetare Hauptstadt, Stadtteil Klein-Arkon, Hauptquartier der Polizei

Überraschung - ein plötzliches, nicht unbedingt freudiges Ereignis.
Große Überraschung - ein sehr plötzliches, nicht unbedingt freudiges Ereignis.
Tödliche Überraschung - ein halbes Dutzend Söldner in SERUNS, die mit der Präzision NATHANS zuschlagen.
Aber was soll’s, Lepso war nun mal ein heißes Pflaster, und die Gefahr, ermordet zu werden, war hier schon immer größer gewesen, als ein Ticket wegen Falschparkens zu bekommen. Und so war das einzig Ungewöhnliche an dem Bild von sechs Attentätern, die eine Gleiterlimousine zerschossen höchstens, dass ihre Hardware vom Allerfeinsten war. Es gab viele Typen von SERUNS in der Galaxis, angefangen bei der einfachen Version in der Raumflotte, die gerne für Extremwelten und kurze Aufenthalte im All benutzt wurde, auch mal als Ersatzrettungsboot.
Dann gab es noch die Schweren Ausführungen, wie sie bei bewaffneten Expeditionen benutzt wurden. Und es gab die Creme de la Creme, das Feinste vom Feinsten, das Nonplusultra: SERUNS, die mit Paratronschirmen ausgerüstet waren. Diese Dinger waren erstens sauteuer, und zweitens auch verdammt schwer zu bekommen. Ein Paratronschirm hatte seine eigenen Regeln, und man konnte nicht von jedem kleinen Gauner erwarten, dass er um sie wußte, dass ihm bewußt war, dass er, marschierte er mit eingeschaltetem Paratron durch ein Gebäude, selbiges in Schutt und Asche legen würde. Die LFT, die Kosmische Hanse und wer es sich noch immer leisten konnte, diese Dinger zu kaufen oder zu produzieren, achtete darauf, dass diese kleinen Kostbarkeiten nicht in falsche Hände fielen.
Dennoch gab es einige Exemplare auf dem freien Markt, meist ausgemusterte Uraltmodelle, die noch nicht einmal einen Pikosyntron hatten. Die Galactic Guardians, die größte, Galaxisübergreifende Verbrecherorganisation produzierte deswegen angeblich Nachrüstpacks, um normale Hightech-SERUNS mit Paratrons auszurüsten, aber das war Quatsch. Das Forum Raglund, genauer gesagt, die eine oder andere Fraktion der Akonen belieferte die einzelnen Organisationen mit diesen kleinen Sächelchen. Die nachgerüsteten SERUNS erkannte man jedoch bereits am Geruch oder anhand einer Spektralanalyse. Die Projektoren waren ständig in Gefahr, überlastet zu werden, deshalb produzierten sie jede Menge beißendes Ozon.
Doch die Dinger, die das Sixpack der Angreifer getragen hatte, waren keine dieser nachgerüsteten Allzweckraumanzüge. Es waren, nun, Originale, wie man sie nur an Bord von LFT-Schiffen, bei Kampfverbänden der Kosmischen Hanse oder bei den Akonen fand.
Justin beugte sich vor, um das Holovid besser sehen zu können.

Gerade riß einer der Angreifer die Tür des Gleiters mit der mechanischen Hilfe seines Anzuges auf. Ein Energieblast schoß ihm aus der offenen Tür entgegen und köpfte ihn. Haltlos fiel die gepanzerte Gestalt zu Boden.
Hm, um die Tür aufreißen zu können hatte der Angreifer seinen Schirm abstellen müssen. Sein Pech. Ein Mann sprang aus der offenen Tür und ließ sich den einen Meter bis zur Straße fallen. Dabei drehte er sich im Sturz und schoß auf den nächsten Angreifer. Dessen Schirm versagte. Der SERUN verging in einer prächtigen Überladung.
Der schlanke Terraner mit den braunen Haaren pfiff leise. Das Ding, dass der Kerl in der Hand hielt, wurde normalerweise dem TARA V UHc als Impulsblaster eingebaut. Ein normaler Mensch konnte diese Waffe eigentlich nicht heben, außer, er trug ein Exoskelett, dass seine Kraft verstärkte.
Wahrscheinlicher war es da schon, dass der Kerl im schwarzen Geschäftsanzug ein Umweltangepasster war, ein Oxtorner vielleicht. Das erklärte auch die breiten Schultern und die schnellen Reflexe, mit denen er herum wirbelte und einen unaufmerksamen Gegner fast vom Himmel schoß. Himmel, hätte er die Waffe auf dieser Stufe innerhalb des Wagens abgefeuert, hätte es einen schönen Feuerball und gebratenen Oxtorner satt gegeben.
Es ging noch weiter. Die vier übrig gebliebenen Angreifer drängten den Oxtorner - es mußte ein Oxtorner sein, oder der Kerl nahm eine Droge ein, die Justin noch nicht kannte und auch gewiß nie kennenlernen wollte - immer mehr vom Wagen ab, was dem gar nicht gefallen wollte. Als ein Gegner versuchte, in die Limousine zu kommen, vernachlässigte der Umweltangepaßte seine Deckung und wurde von einem Desintegratorstrahl getroffen. Hätte er nicht die legendäre Kompaktkonstitution seiner Art gehabt wäre sein Oberkörper garantiert komplett vergast worden. So aber wurde es nur ein glatter Durchschuß in der rechten Schulter, der ihm das weiße - künstliche, zweifellos - Haupthaar ansengte und ihn zu Boden warf. Die Zeit seiner Orientierungslosigkeit nutzten die Gauner und holten sich, was sie wollten: Den Passagier der Gleiterlimousine, eine junge Terranerin in einem schneeweißen Kostüm und pechschwarzen Haaren. Zwei der Angreifer nahmen sie in die Mitte und verließen dann mit ihren Kameraden das Schlachtfeld. Kurz darauf vergingen die SERUNS der beiden Toten in einer gleißenden Lichtwolke. Das Holo erlosch.

„Was hältst du davon?“
Justin stand auf und streckte sich. Das dabei fast dieses enge Mistding zerriß, dass die terranischen Designer als Jacke für Freizeitvergnügen zu bezeichnen wagten, nahm er dabei in Kauf - leider erfüllte sich sein heimlicher Wunsch nicht, die Nähte hielten.
Der Mann, der die Frage gestellt hatte hieß Montracza, war gebürtiger Pariczaner mit dem einen oder anderen Schuß Epsal im Blut, also ein Umweltangepaßter Arkonide von der Rasse der Überschweren, und auf dieser von Verbrechen, Mord und Totschlag durchzogenen Welt so etwas wie ein Polizeichef oder Bereichsleiter als Teil des Staatlichen Wohlfahrtdienstes, jener planetaren Einrichtung, die am ehesten einer paramilitärischen Organisation wie der Polizei glich. Ihm unterstand der Stadtteil Klein-Arkon der planetaren Hauptstadt Orbana.
Im Klartext hieß das, er war dafür zuständig, dass in seinem Revier ein Mindestmaß an Ordnung herrschte, um auch weiterhin Abenteuergeile, verwöhnte, Neureiche Touristen herzulocken, ohne dass die wirklich ihr Leben riskierten. Tourismus war eine der Haupteinnahmequellen von Orbana. Der Schmuggel von Rauschgiften und anderen verbotenen Kleinigkeiten stand auf Platz zwei.
Es hiess, das bei öffentlichen Feiern für jeden uniformierten Angehörigen des Staatlichen Wohlfahrtsdienstes mindestens vier weitere Undercover in der Menge waren. Montraczas Leute waren die Uniformierten, was meistens ein Vorteil, manchmal ein tödlicher Nachteil war.
„Das waren keine Profis, Montracza. Okay, sie trugen allerfeinste SERUNS, aber sie haben für die ganze Aktion zwei Minuten gebraucht. Und anscheinend haben sie nicht gewußt, dass ein Oxtorner mit im Gleiter saß“, bemerkte Justin nachdenklich.
„Eigentlich ein massiver Widerspruch. “ Montracza verschränkte seine kräftigen Hände vor dem Kinn, eine Geste, die er gerne vollführte, wenn er konzentriert wirken wollte.
„Eigentlich ja. Es beweist, ihr Auftraggeber hat Geld, aber nicht besonders viel Ahnung. Das einzige Professionelle an ihnen war, dass sie sich nicht damit aufgehalten haben, den Bodyguard zu töten. Als er ausgeschaltet war, haben sie die Kurve gekratzt. Lebt er noch?“
„Er wachte gestern aus dem Heilschlaf auf. Die TLD-Agenten der Botschaft haben ihn vernommen und anschließend mitgenommen. Was dabei herausgekommen ist, kann ich Dir nicht sagen. Ich und meine Leute durften nicht dabei sein. Frag mich warum, aber irgendwie scheinen die LFT-Typen uns nicht zu trauen!“
Justin grinste den Überschweren an. Zwecksarkasmus war Montraczas Hobby. Die beiden kannten sich nun schon, seit der Terraner das erste Mal diesen Sündenpfuhl betreten hatte. Für ein kleines Bestechungsgeld war Montracza damals bereit gewesen, ihm bei einer seiner, nun, Erkundigungen zu helfen, und mittlerweile waren sie... Freunde kannte der Pariczaner nicht, konnte er auch nicht gebrauchen auf dieser Welt. Alte Geschäftspartner traf es da eher.
Montracza trug wie immer diese dunkelrote Uniform des Wohlfahrtdienstes mit derart vielen goldenen Anhängseln und Bändern, dass man sich fragte, wie er mit dem Gewicht zurecht kam... Oder welches der Anhängsel wirklich einen Sinn erfüllte.
Montracza setzte sich hinter seinen Schreibtisch und schob ein halbes Kilo Speicherkristalle mit der Rechten herunter. Aus einer der Schubladen beförderte er eine Flasche Vurguzz und zwei Gläser hervor und stellte sie auf die freigewordene Fläche.
Justin lächelte, als die grüne Flüssigkeit in das Glas rann, dass Montracza zu ihm hinüber gestellt hatte. Der Polizeichef hatte allerbeste Kontakte zu den hiesigen Schwarzbrennern, und das Zeug, dass die produzierten, war in der Lage, einem SERUN zwei Schichten abzufressen. Aber es schmeckte wesentlich besser als diese lahme Brühe von Terra. Justin nahm sein Glas in die Hand und prostete Montracza zu. Halb geleert stellte er es zurück. Diesen edlen Tropfen genoß man langsam, anstatt ihn sich barbarisch die Kehle runterzugießen.
Dann griff er in die linke Innentasche seiner Jacke und zog einen Packen Jetons der hiesigen Spielbanken hervor. Die zehn violetten Platten hatten einen Wert von je tausend Galax.
„Wen soll ich dafür umbringen?“ fragte Montracza argwöhnisch.
Justin schüttelte den Kopf. „Ich brauche Informationen. Besorg mir den Bodyguard!“
„Sag mal, spinnst du, Justin? Nur Selbstmörder versuchen in die Botschaft der LFT einzudringen!“
„Sehe ich aus wie jemand, der Selbstmörder anheuert?“ tadelte er den Überschweren. „Montracza, wie lange kennen wir uns jetzt? Na? Seit ich diesen verwöhnten Bengel von Plophos nach Hause bringen mußte, weil sich Mami Sorgen gemacht hat.“
„Und weil Mami eine halbe Million Galax ausgespuckt hat“, ergänzte der Überschwere.
„Von der du reichlich bekommen hast. Mein neuer Auftraggeber ist noch etwas spendabler als eine plophosische Politikerin, die um ihren Sprößling und um ihren guten Ruf besorgt ist. Die Jetons sind natürlich nur eine Anzahlung. Wenn du mir den Oxtorner herschaffst, zahle ich das gleiche noch mal. Ach ja, weißt du, ob einer meiner Geschäftspartner gerade auf Lepso ist?“
„Hm, du weißt, das kostet extra!“
Murrend legte Justin einen weiteren violetten Jeton auf den Packen. „Montracza, du solltest dir um deinen Ruf Gedanken machen. Nicht, dass die Leute am Ende noch glauben, du seist bestechlich!“
Der Überschwere lachte dröhnend, dass es dem Terraner in den Ohren klingelte. Aber das war Justin gewohnt. Die Hälfte seiner bevorzugten Geschäftspartner im Informations- und Dienstleistungsmetier waren Umweltangepaßte.
Montraczas Lachen verebbte. Ernst sah er seinen Gegenüber an. „Also, Justin, du weißt, dass es unmöglich ist, jemanden aus der Botschaft rauszuholen. Okay, fast unmöglich. Ich bin sicher, du würdest es schaffen, ohne den halben Komplex einzuäschern. Aber ich bin nun mal kein Syntron-Tänzer!“
„Bleib ruhig. Ich will ja nicht, dass die LFT mit einem Dutzend VESTA-Kreuzern hier auftaucht und aus Lepso ein zweites Mimas macht. Hier.“
Mißtrauisch nahm Montracza den kleinen Ring aus Justins Hand - ein Kunststück bei seinen Pranken, das zu schaffen, ohne ihn zu zerquetschen. „Du weißt, Justin, ich bin lieber Junggeselle“, scherzte er. „Also, was soll ich damit?“
Der Terraner kippte den Rest seines Glases die Kehle hinunter, wartete auf die unvermeidliche Rebellion der Magennerven und gab sich dann einen Moment der wohligen Wärme in den Eingeweiden hin. „Ich würde dir nicht raten, ihn von deinen Spezialisten checken zu lassen. Ich habe nur den einen. Es ist ein Holo-Projektor von Swoofon. Gib ihn dem Bodyguard. Der Projektor wird aktiviert, wenn er seine Individualschwingungen anmißt! Er vernichtet sich nach einmaligen Abspielen selbst.“
„Was ist drauf?“ fragte Montracza beiläufig.
„Weiß ich nicht genau. Zumindest eine Nachricht vom Papa der Entführten und eine Anweisung, mit mir zusammenzuarbeiten! Kriegst du das hin? Der TLD isoliert ihn, also ist die einzige Chance, ihn da raus zu bekommen die, dass er von selbst kommt.“
„Ich werde tun, was ich kann. Und, Justin?“
„Hmmm?“
„Wo wohnst du eigentlich? Wie immer im ZALIT PALACE?“
„Nein. Diesmal im STAR OF ARKON.“
„Gibt es einen besonderen Grund dafür? Oder darfst du das einem alten Geschäftspartner nicht verraten?“ fragte der Polizeichef und beugte sich in seinem Sitz vor. Sofort knirschte das Möbelstück bedenklich laut. Wann würde sich der Überschwere endlich Möbel aus Formenergie zulegen?
„Wenn du es unbedingt wissen willst, mein Auftraggeber besteht darauf, dass ich im STAR wohne! Außerdem hat mir einer meiner Informanten einen Tip gegeben, dass man mein altes Zimmer im PALACE vom TLD überwachen läßt. Danke für den Schnaps. Ich reche dann in fünf Stunden mit einer Nachricht von dir:“
„Justin, der TLD? Worauf hast du dich diesmal bloß eingelassen?“
Der seufzte, als er Montraczas Büro verließ. „Das wüßte ich selber gerne. Normalerweise interessiert sich die Oma im Turm nicht dafür, was ich tue!“
Montracza nickte. Die Oma im Turm, beziehungsweise Gia de Moleon, die uneingeschränkte Herrin über den Terranischen Liga-Dienst, des Nachfolgers der legendären Solaren Abwehr... seit wann interessierte sie - oder einer ihrer Subalternen - sich für einen kleinen Dienstleister wie Justin Time?

Justins nächster Weg führte zu einer anderen Quelle für sichere Informationen, die Pathologie des Bereichshauptquartiers von Klein-Arkon. Ein steinalter Ara mit Gliedmaßen, die aussahen, als wären es verdorrte Zweige eines Baumes, empfing ihn mit einem hohlwangigen Grinsen. „Justin Time, dich sehe ich hier unten immer gerne!“rief er hocherfreut.
Der Terraner deutete auf eines der Fächer der Kühlkammer links von ihm. „Dort?“
Der alte Ara lachte knarrend. „Mach dich nicht lächerlich, Justin. Du weißt, ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf dieser Welt, der es immer gut mit dir gemeint hat!“
„Ich weiß, Onkel Parazz, ich weiß. Hast du was für mich ?“
Der uralte Ara liess von seiner Arbeit ab, einem Hologramm, welches einen direkten Thorax-Durchschuss bei einem Lemurerabkömmling darstellte. Letal, natürlich. „Drei Morde heute bisher, einer an einem terranischen Touristen, die anderen beiden an Ortsansässigen, ein Arkonide und ein Gataser-Blue!“
„Das klingt zwar interessant, aber das meine ich nicht. Was ist mit der Entführung vom Zehnten?“
„Ach, deswegen kommst du? Da drüben!“ Eine der spindeldürren Hände des Aras deutete zu seinem Schreibtisch auf der anderen Seite des Raumes.
Justin grinste und fragte: „Verarschst du mich, Onkel? Im Mülleimer?“
„Hüte deine Zunge, junger Mann, sonst lege ich dich übers Knie. Ich meine natürlich das Analyse-Gerät!“
„Was? Mehr ist von den beiden SERUNS nicht mehr übrig?“
„Ich frage besser gar nicht erst, woher du das schon wieder weißt, mein Junge. Zwei SERUNS, jawohl. Allerfeinste Hightech. Es ist genügend übriggeblieben, um zu identifizieren, dass es sich um Kampfanzüge der Kosmischen Hanse handelt.Gehandelt hat, um genau zu sein. Von einem Anzug gelang es mir, die ID-Signatur zu retten. Laut der LFT-Botschaft stammt der SERUN vom Leichten Holk CHICAGO, der vor elf Jahren im System Beta Albireo vernichtet wurde. Die Umstände sind bis heute strittig, hat man mir gesagt!“
„Hm! Das erklärt die Paratronschirme. Was weißt du über die Toten?“
„Es blieb gerade genug übrig, um anhand der DNA die Rasse zu spezifizieren. Der erste Tote, Versuchsanordnung A war früher mal Terraner, zirka dreißig Jahre alt. Allerdings lassen diverse genetische Abweichungen darauf schließen, dass er ein Umweltangepaßter der vierten oder fünften Generation sein muß!“
„Hm, das hilft mir nicht viel weiter. Es gibt viele illegale Kolonien da draußen, die von Terranern gegründet wurden. Fünf Generationen zurück dürfte so gegen Ende der Monos-Ära sein. In dieser Zeit müßtest du dich eigentlich sehr gut auskennen, Onkel! Die Cyborg-Rasse der Cantaro schirmt die Milchstraße ab, die Herren der Straße regieren von Terra aus die Galaxis, Homer G. Adams, einer der Unsterblichen, und seine geheime Widerstandsgruppe, die Widder versuchen, ihnen Stolpersteine in den Weg zu legen...“
„Du hast recht, mein Junge. In dieser turbulenten Zeit kam es zu manch ungewollter Koloniengründung. Es sind in diesen Tagen viele Raumschiffe verschwunden, einige wurden nie gefunden, oder erst, nachdem die ehemaligen Besatzungen bereits eine funktionierende Kolonie errichtet hatten. Aber diese planetaren Populationen zeichnen sich durch ein gewisses Maß an, nun, Erbschäden durch Überzüchtung aus. In diesem Fall aber nicht!“
„Scheiße. Und der andere?“
„Die andere, bitte. Akonin, vielleicht neunundvierzig“, dozierte Onkel Parras mit ernster Miene.
„Also keine ethnischen Gemeinsamkeiten. Söldner?“
„Du bist der Detektiv, nicht ich!“, wies Parras den terranischen Dienstleister zurecht.
„Wird schwer, bei den dürftigen Indizien. Reicht die DNA, um am Syntron einen Clon zu simulieren? Dann habe ich wenigstens einen gewissen Anhaltspunkt!“
Der alte Ara schüttelte bedauernd den Kopf. „Habe ich schon probiert, aber die Thermo-Ladung in ihren SERUNS war sehr effektiv. Mehr konnte ich nicht feststellen. Außer...!“
Justin horchte auf. „Außer...?“
„Außer, dass beide unter dem Einfluß einer gelben G2-Sonne gelebt haben müssen. Möglich, dass sie sogar vom gleichen Planeten stammen.“
„Na, das hilft mir doch wenigstens ein bißchen mehr. Ruf mich bitte an, wenn du mehr herausfindest, ja, Onkel?“ Justin zog einen roten Jeton hervor und schob ihn dem Ara hinüber. Rote hatten einen Wert von immerhin zweihundert Galax. Der terranische Dienstleister bezahlte gut für Informationen. Außerdem musste man sich selbst alte Freunde wie den Pathologen durch kleine Gefälligkeiten warm halten. Man konnte ja nie wissen, wozu es nützte. Gerade hier auf Lepso.
Die knorrigen Finger krallten sich um den Chip und ein zufriedenes Lächeln legte sich um die verwitterten Züge des alten Mannes. „Jederzeit, Justin Time.“
***
Etwas später, und zum Glück ohne weitere Ausgaben befand sich Justin Time an Bord eines Mietgleiters auf dem Weg zu seinem Hotel, dem STAR OF ARKON. Unter dem Taxi glitt die enge, verschachtelte Stadt Orbana dahin, beschienen von der untergehenden Sonne und ein paar tausend künstlichen Beleuchtungskörpern. In Klein-Arkon, dem zivilisiertesten der versifften Stadtteile dieses Sündenpfuhls würden sich jetzt die leichten Jungs und Mädels auf ihre Schicht vorbereiten, die Kneipen und Stripbars schon mal die Pforten für die ersten Gäste öffnen und die Wachmannschaften der neun großen Spielcasinos die Gleiterparkplätze vor den protzigen Bauten vom Unrat des vergehenden Tages befreit haben, sei dies nun ein nicht ganz ausgenüchterter Gast vom Vorabend oder eben die achtlos weggeworfene Verpackung eines dreifachen Zalit-Burgers mit Tomaten und Raytan.
Wenn man nicht so blöd war, am hellichten Tage oder mitten in der Nacht in die richtig wilden Stadtteile zu gehen, die den Galactic Guardians gehörten, ohne ein Einsatzkommando in Kompaniestärke in Reserve zu haben, dass einen schnell rausholen würde, dann ließ es sich hier einigermaßen leben. Man konnte sich Nachts sogar ganz gut amüsieren. Das Flair in den Casinos zumindest war um einiges aufregender als an Bord der BASIS.

Das STAR OF ARKON warb gerne mit der Verballhornung eines terranischen Zitats. Das STAR sehen und nicht sterben. Das war das Motto des Hotels, und die Sicherheitsvorkehrungen des STAR waren gelinde gesagt besser als jene der terranischen Botschaft, geschweige denn des hiesigen Hansekontors. Das Hotel verbriet ein Drittel aller Einnahmen für die Kathegorie Sicherheit, es unterhielt sogar eine kleine Privatarmee, die für den entsprechenden Schutz sorgte. Wer ins STAR eincheckte, der war dort sicherer als die galaktische Position von Camelot in einem terranischen Bankschließfach.
Wie gesagt, sich das STAR privat leisten konnte Justin nur äußerst selten, und der wichtigste Grund waren die Horden überheblicher, schwerreicher Touristen aller galaktischen und extragalaktischen Welten, die unbedingt in das Nachtleben Lepsos eintauchen wollten, in das richtige Nachtleben, und nicht in das künstliche, im Umfeld der Casinos produzierte, und leider auch das nötige Kleingeld hatten, sich ein paar Dutzend Leibwächter des Hotels zu mieten, um ihre Exkursionen lebend zu überstehen. Diese Leute umgaben sich gerne mit Profis, wie Justin einer war. Außerdem waren sie arrogant genug zu glauben, dass ihr Geld ihnen alle Wünsche erfüllte. Mehr als hundert Mal hatte Justin sich gegen die Avancen dieser Abenteuerlustigen wehren müssen. Und nicht selten hatte es seinen Auftrag gefährdet.
Der zweite Grund war, dass auch ein professioneller Dienstleister wie Justin die Galax nicht so locker hatte, und das STAR sich seine Dienste teuer bezahlen ließ. Nun, sein Auftraggeber bestand darauf, dass er im STAR wohnte, also hatte Justin nicht vor, diesen Teil der Spesenabrechnung zu beschönigen.
Als sich der Mietgleiter dem STAR OF ARKON näherte, stoppte die Maschine. Er wurde vom Sicherheitsdienst angerufen und gebeten, sich zu identifizieren. Niemand, wirklich niemand, der nicht zahlender Kunde, avisierter Gast, Imperator des Tai´Ark Tussan oder Erster Terraner persönlich war, kam dem STAR näher als einen terranischen Kilometer. Auch das umfaßte den Punkt Sicherheit, auch die anschließende, umfassende Scannung des Taxis. Man mochte schließlich ein Kunde sein, aber wer wußte schon, was man mit dem Gleiter angestellt hatte?
Als sich der Gleiter schließlich auf dem oberen Landedeck des pyramidenförmigen Bauwerks parkte, waren gut und gerne zehn Minuten vergangen. Wenn man bedachte, dass der Flug über Klein-Arkon hinweg nur vier gedauert hatte, konnte Justin sicher sein, dass der Sicherheitsdienst jetzt wußte, wieviel Gewicht die unförmige Masse in seinem Magen hatte, die vor sechs Stunden noch eine Schale Corn Flakes von Terra gewesen war.
In dem Moment, als Justin den Gleiter verließ, tauchte er in eine neue Welt ein. Von Sicherheitskräften war ab jetzt nichts mehr zu sehen, der Service trat in den Vordergrund. Eine junge Frau, Terranerin, mittelgroß und aschblond in der typischen roten Uniform des Hotels empfing ihn und erkundigte sich höflich nach seinen Wünschen. Ihr Gesicht war hübsch und nichtssagend. Justin beschloß, sich bei der Direktion zu beschweren. Wenn sie schon seine Vorlieben analysierten und ihn mit einem entsprechend verkleideten DANIEL-Roboter empfingen, dann hätten sie das Gesicht auch etwas herber gestalten können. Das war natürlich ein Scherz. Dies war das STAR, und im STAR waren die einzigen Roboter die vom Reinigungspersonal.
Nein, keinen Begrüßungsdrink, nein, auch nicht, wenn es sein Lieblings-Scotch auf Kosten des Hauses war. Keine Anrufe, gut, keine Nachrichten und die Reservierung für das MONACO war erledigt worden. Die Terranerin begleitete ihn noch bis zum nächsten Eingang, und in dieser Zeit erhielt Justin von ihr einen kompletten Überblick über die galaktische Lage. Das war ein Sonderservice, der zwar extra kostete, aber man mußte schließlich auf dem Laufenden bleiben.

Der Weg in Justins Suite war kurz, aber er bot genug Gelegenheit, das exotische Ambiente zu bewundern, dass den Innenraum des STAR erfüllte. Die Appartements und Einzelzimmer waren in die Wände eingebaut, wenn man so wollte. Jede Etage wurde von einem Balkon umlaufen, von dem aus man den gesamten Innenraum einsehen konnte. Den Antigrav-Pool, der hier auf Höhe des Oberen Drittels unterhalten wurde, fand Justin besonders interessant. Dann gab es da noch die Kellergeschosse mit den normalen Bädern, den Sporthallen und dem Maschinenpark. Den Innenraum selbst füllten auf drei Ebenen Einkaufspassagen, Cafés und anderen Nettigkeiten für all die Gäste, die auf dem letzten Meter doch noch kalte Füße bekamen und sich nicht in die City wagten. Durch ein Atrium konnte man auch die letzte Etage, das Erdgeschoß sehen. Und es war gut gefüllt. Gerade um die Vorabendstunden ging es hier lebhaft zu, kurz bevor die Mutigen die City stürmten... und die nicht so Mutigen sich Mut anzutrinken versuchten.
Genauso sicher wie das STAR war, genauso unsicher mußte Lepso sein, um auch weiterhin diesen zahlungswilligen Kundenschlag anzuziehen. Denn das Geschäft mit Orbana blühte. Drogenhandel, die Casinos, Prostitution, all das bildete den wichtigsten Wirtschaftszweig dieser Welt. Wenn man die Gelder dazurechnete, die von den Galactic Guardians erwirtschaftet wurden und nicht im Bruttosozialprodukt des Planeten aufgeführt waren, dann hatte dieser kleine Hinterwäldlerplanet einen Jahresumsatz, wie er einer reichen terranischen Welt wie Plophos entsprach. Es ging um viel Geld, die Hotels und die Casinos waren noch die legalsten Wege, etwas vom Kuchen zu bekommen.

Justin verweilte einen Moment am Balkon. Gut zwanzig Meter links von ihm gab es einen Zugang zum Antigrav-Bad, aber ihm stand nicht der Sinn nach Sport. Die schwerelose Wasserblase selbst war drei Meter von ihm entfernt. Das Bad war so weit oben in der Spitze des Pyramidenbaus angebracht, damit der Blick auf den Innenraum nicht getrübt wurde. Ein Delphin schwamm an ihm vorbei. Kein richtiger, natürlich. Es war nur ein Save-Toy, ein Service-Roboter, der vermeiden half, dass jemand durch Unachtsamkeit zu Schaden kam. Auf drei Schwimmer kam ein Save-Toy, das sie unauffällig überwachte. Auf der anderen Seite stakste eine plophosische Meeresspinne durch das Wasser, indem sie sich von einer schwerelosen Luftblase zur nächsten hangelte.
„Ach, kommt. Eine Salzwasserspinne in einem Swimmingpool“, spottete Justin grinsend.

Dann sah er sie. Terranerin, vielleicht Mitte dreißig. Langes, blondes Haar, das sie im schwerelosen Bad umgab, als hätte es ein Eigenleben. Man mußte schon ein sehr guter Schwimmer sein, um trotz der Haarflut nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Also war die Frau eine Angeberin oder einfach nur waghalsig. Auf jeden Fall konnte sie schwimmen. Sie bemerkte seinen Blick und lächelte herüber. Ein kräftiger Schwimmstoß brachte sie an den Rand der Wasserblase. Ihr halber Oberkörper ragte nun über den Rand des Wassers hinaus. Das war das absolute Limit, was die syntronische Überwachung zuließ, ohne ein Prallfeld zum Schutz der Frau zu aktivieren „Wir kaufen nichts!“ scherzte sie.
Die junge Frau hatte ein Paar wunderhübscher rosa Augen und Justin fragte sich, was wohl falsch und was echt an ihr war. Die Iris? Vielleicht nicht, obwohl das bedeutet hätte, dass sie ein paar Arkoniden in ihrer Ahnenreihe hatte. Der Brustkorb jedoch schien eindeutig aus Rippen zu bestehen, das konnte er auch sehen, ohne dass die blonde Frau ihren einteiligen hellblauen Badeanzug auszog.
Justin sah auf. „Entschuldige, ich wollte nicht unhöflich sein. Du siehst gut aus.“
Die Miene der Terranerin verzog sich. Dann jedoch entschied sie sich, Justins Worte als Kompliment aufzufassen. „Danke. Du aber auch.“
„Ich bin Justin.“
„Cassie. Cassie Mercury. Was machst du auf Lepso, Justin?“
„Nichts weiter. Ich verfolge nur ein paar Söldner, die hier mit Hochtechnologie ihr Unwesen treiben.“
Cassie lachte. Sie hielt seine Worte wohl für einen Scherz, wenn nicht für Angeberei.
„Und du?“
„Oh, ich bin für ein paar Wochen zur LFT-Botschaft hier in Orbana eingeteilt worden. Weißt du, ich bin nämlich TLD-Agentin.“
Nun war es an Justin, zu lachen. Nicht, weil er ihr nicht glaubte. Die Möglichkeit, dass sie die Wahrheit sprach, zog er ernsthaft in Betracht. Sie erwartete eben einfach von ihm, dass er lachte. „Dann ist es bestimmt kein Zufall, dass wir uns treffen, nicht?“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, erwiderte sie und drehte sich ein paarmal um ihre Längsachse. Dabei wirbelte ihr Haar umher. Das Wasser an ihnen wurde in alle Richtungen davongeschleudert. Als es den Bereich des Antigravs verließ, fiel es als leichter Niesel zu Boden. Ein paar Tropfen trafen Justin.
„Oh, entschuldige bitte.“
„Das macht nichts. Ich bin nicht wasserscheu.“
„Trotzdem. Verzeih mir bitte. Kann ich das irgendwie wieder gut machen?“ Sie schlug die Augen nieder. „Mit einem Abendessen vielleicht?“
Einen Moment war Justin versucht, breit zu grinsen. Er zwang seine Züge jedoch, Wehmut zu zeigen. „Es tut mir leid. Ich habe heute schon eine Verabredung. Die Hochtechnologie-Söldner, du weißt schon.“
Cassie seufzte leise. „Tja, da kann man nichts machen. Vielleicht ein anderes Mal?“
„Gerne. Ruf mich doch mal an. Mein Zimmer ist die Hundertvier.“
Sie pfiff anerkennend. „Oberes Drittel, fast an der Spitze, nicht schlecht. Söldnerjagen muß profitabel sein.“
„Und TLD-Agenten müssen verdammt gut verdienen, wenn sie im STAR absteigen“, konterte Justin. Er winkte ihr noch einmal zu und verließ die Balustrade. Cassie winkte zurück und verschwand tiefer im Antigrav-Bad.
In Gedanken aber setzte er die Terranerin mit den Albino-Augen auf die Liste möglicher Gefahren.

Zwischenspiel:
Gertan Müsücly war ein reicher Tentra-Blue, der schon viel von Lepso und seiner bewegten Geschichte gehört hatte. Deshalb war diese Welt sein erstes Reiseziel gewesen, nachdem er sich den ersten Urlaub seit zehn Standartjahren gönnte. Gertan war Unternehmer und hatte auf Tentra-Prime einen gutgehenden Dienstleistungsbetrieb, der sich auf den Vertrieb und die Wartung teurer terranischer Import-Artikel spezialisiert hatte. Da der Markt expandierte und dies bei der derzeitigen politischen Lage im Tentra-Sektor noch einige Jahre so sein würde war der Blue ein gemachter Mann. Er war jetzt schon mehrfacher Millionär und würde sein Privatvermögen bald an die magische Grenze von fünfhundert Millionen Galax geführt haben. Das Geschäft wußte er bei seinen fünf ausgewachsenen Söhnen in allerbesten Händen, und so leistete er sich mit seiner Stammfrau diesen kleinen Urlaub.
Gertan saß in einer der kleinen Bars unten an der Pyramidenbasis und gönnte sich ein Getränk, dass der Bartender eine apasische Bloody Mary nannte, einen rötlichen Drink mit jeder Menge Pfeffer, einem Gewürz, dass die Sinne jedes Jülziish anzuregen wußte, viel echtem terranischem Tomatensaft - Tomatensaft, allein deren Blausäuregehalt kitzelte einem Blue den Gaumen - und einem kräftigen Schuß Methylalkohol. Dabei beobachtete er die anderen Gäste des STAR, die hier unten an der Basis flanierten. Die Mutigen-Meile, wie jeder Gast irgendwann erfuhr. Hier hielten sich jene auf, die garantiert in die City wollten. Es war ein prahlerisches Versprechen nach dem Motto: Seht, ich habe Mut, ich gehe hinaus!
Gerade gingen drei Unither an der Bar vorbei. Sie trugen teure Geschäftsanzüge aus einer sehr kostspieligen Synthetik, die mit Howalgoniumfäden verwoben war. Ein Meter Stoff dieses Materials kostete soviel wie ein leitender Angestellter in der Firma des Blues im Jahr verdiente. „Angeber“, knurrte er, und das nicht etwa aus Neid. Gerade kam eine junge Akonin in die Bar. Sie trug ein kanariengelbes Kostüm mit einem sehr tiefen V-Ausschnitt. Anscheinend eine Trendsetterin, denn der schon totgeglaubte Ich habe keinen Zellaktivator vor der Brust baumeln - Ausschnitt war wieder im Kommen.
Eine weitere Humanoide, eine Arkonidin verließ die Bar gerade. Sie ging gerade aufgerichtet, oder versuchte es zumindest, denn Gertan hatte gesehen, wie sich die junge Frau mit den schneeweißen Haaren mehr als einen Drink gegönnt hatte. Als sie fast stolperte, sah sie sich schnell einmal in der gesamten Bar um, ob jemand es bemerkt hatte. Dabei begegnete ihr Blick dem Blue, der sie mit seinen hinteren Augen musterte. Ihre tiefroten Augen blitzten vor Zorn. Rote Augen, weiße Haare, bei den arroganten Akonen-Abkömmlingen immer ein Zeichen von Adel. Oder von einem Konto, das groß genug war, um an sich ein paar kosmetische Veränderungen vornehmen zu lassen. Sie versuchte zu sprechen, doch es kamen nur ein paar zusammenhangslose Wortfetzen über ihre Lippen. Um sich nicht vollends zu blamieren warf sie dem Blue einen weiteren strafenden Blick zu und machte auf dem Absatz kehrt. Dabei wäre sie fast gefallen - schon wieder. Gertan lachte leise, allerdings im Ultraschallbereich. Die Arkonidin konnte es nicht hören, erst recht nicht in ihrem angeschlagenen Zustand.

Der Barkeeper war ebenfalls ein Blue. Ein paar feine Zeichnungen im Antlitz ließen Gertan vermuten, dass er von Apas kam. Auch er lachte leise, unhörbar für Humanoide im Ultraschallbereich. „Haus Zoltral, eine der höheren Töchter. Sie will ihren Papi ärgern, weil der ihr die BASIS verboten hat. Noch einen?“
Gertan nickte. „Wie heißt du?“
„Sam“, gab der Mann hinterm Tresen bereitwillig Auskunft.
„Ein ungewöhnlicher Name für einen Jülziish!“ stellte der andere fest. Sein Gegenüber war höchstens dreißig, also nicht einmal halb so alt wie der Tentra, aber er schien eine Menge zu wissen, vor allem über Orbana und das STAR.
„Ist terranisch. Es ist mein Künstlername“, belehrte Sam ihn. „Wir haben hier alle Künstlernamen.“
„Interessant“, meinte Gertan. „Warum ein terranischer Name?“
„Warum nicht? Ich finde, der Name hat Flair. Er ist kurz, prägnant, man kann ihn als Jülziish problemlos aussprechen. Und er sichert einem ein Extra-Trinkgeld von den Terrys, wenn sie in meiner Bar einen heben.“
„Sag mal, wie lange bist du schon hier, Sam?“
„Hier im STAR? Hm, gut zehn Jahre. Wieso?“
Gertan neigte den Tellerkopf leicht nach links. „Na, dann kennst du sicherlich den einen oder anderen Stammkunden, oder?“
„Ja, sicher.“ Scheinbar desinteressiert wischte der Apaso mit einem Tuch über seinen Tresen.
Gertan zwitscherte vergnügt. „Ich will nachher mit meiner Hauptfrau in eines der Spielcasinos. Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn... Wenn du jemanden wüßtest, der sich in Orbana auskennt und bereit ist, uns zu begleiten...“ Langsam schob der Tentra einen Spielbankchip über den Tresen. Die gelbe Plakette hatte einen Wert von fünfhundert Galax.
Sam tat, als wische er weiterhin den Tresen ab, dabei verschwand der Jeton auf wundersame Weise. „Klar, ich kenne da den einen oder anderen, der sich hier gut genug auskennt. Dort drüben sitzt Kennar Vragan, ein Ertruser. Er kommt hier schon seit Jahren regelmäßig her, um im PLOPHOS NIGHT zu spielen. Wenn du ihm einen ausgibst, ist er sicherlich bereit, dich und deine Frau mitzunehmen und ein Auge auf dich zu haben. Allerdings ist er kein vermögender Mann...!“
Gertan verstand. „Wieviel?“
„Oh, er ist bescheiden. Zweitausend Galax für den ersten Abend erfüllen alle seine Bedürfnisse!“
„Interessant. Gibt es noch mehr hier? Einen Blue, vielleicht?“
„Drei Blues, vier Akonen, ein Arkonide, ein Unither, ich kenne eine Menge Leute.“

Der Tentra zwitscherte vergnügt. Nimm niemals das erste Angebot an, war seine Devise. Vielleicht konnte er den Preis ja noch etwas reduzieren. Nicht, weil ihm zweitausend Galax zuviel gewesen wären, nein, es war eine Frage des Prinzips. Und des Spaß an der Sache. „Was ist mit dem da? Dem Terraner da oben auf der Balustrade beim Antigrav-Bad? Er sieht aus, als würde er auch öfter im STAR vorbeischauen.“
Sam erschrak und wackelte mit dem Tellerkopf. „Das ist Justin Time“, hauchte er und schwieg, als sei damit alles gesagt.
„Und?“ hakte Gertan nach.
„Justin ist ein Terry, ja, aber es ist eine verdammt dumme Idee, sich an ihn dranzuhängen. Wenn er hier auftaucht, dann hat er meistens einen Job zu tun!“ Sam beugte sich vor und flüsterte im Verschwörerton: „Ich habe es von einem Etagenkellner, der hat´s vom Chef der Sicherheit, und der vom Chef der Tagesschicht am Empfang. Normalerweise bewohnt Time, wenn er hier absteigt, ein Zimmer im zweiten Drittel. Diesmal aber ist er im obersten Drittel abgestiegen und hat auch noch im Voraus bezahlt. Das ist ein sehr sicheres Zeichen, dass sein Auftraggeber viele Galax hat. Und wer Galax hat, der hat auch Macht. Wenn Justin bei diesem Job versagt, dann sollte man besser nicht in seiner Nähe sein!“ Der Barkeeper begleitete seine Worte mit einer ziemlich endgültigen Geste; Humanoide wären wahrscheinlich mit dem Finger über ihre Kehle gefahren.
Der Tentra erstarrte. „Ich verstehe. Hm, ich denke, ich werde diesem Kennar Vragan einen ausgeben!“
Sam bestätigte und schenkte ein großes Glas mit Vurguzz voll, das er mit einem guten ertrusischen Whisky abrundete. „Ich werde ihm den Drink gleich bringen!“ versprach er und aktivierte die Kühlplatte, die den Drink auf die optimale Temperatur reduzierte. Dabei fiel sein Blick auf den im Tresen eingelassenen Monitor, der die wichtigsten Hausmitteilungen abbildete. An oberster Stelle stand eine Meldung, in der empfohlen wurde, dem terranischen Ermittler Justin Time die anderen Gäste des STAR wenn möglich vom Hals zu halten. Time war als Gefahr für zahlende Kunden eingestuft worden. Sam seufzte erleichtert, als er dem Ertruser den Drink brachte, der natürlich auf der Lohnliste des STAR stand. Diese Klippe hatte er erfolgreich umschifft, und der reiche Tentra würde einen spannenden, aber ungefährlichen Abend erleben...
***
Im Hotelzimmer plante Justin die nächsten Schritte. Das Holovid-Gerät schaltete sich beim Eintreten gleich auf den Nachrichtenkanal ein - wie gesagt, Informationen waren wichtig für das Geschäft - aber er hörte nur mit einem Ohr hin. In Gedanken war er schon vier Stunden weiter, sogar noch etwas mehr. Er dachte an Henrik Bunner, den Bodyguard seines Zieles, seines Suchzieles, um genau zu sein. Justin hoffte, er würde ihm etwas mehr Anhaltspunkte geben können, als die Satellitenkamera der örtlichen Behörden. Sein Auftraggeber war in diesem Punkt sehr zuversichtlich gewesen.
Ein Einsatzteam, er würde ein Team brauchen. Ein gutes Team und gute Ausrüstung. Eventuell konnte man ja etwas mit diversen Kontakten zum Kristallimperium anstellen und kurzfristig über ein, zwei Freunde einen Elite-Stoßtrupp der Arkoniden anwerben... Dann war da noch das Problem mit dem Syntron. Für seine ganz persönliche Spezialität brauchte Justin noch einen besonders schnellen Syntron.
Die Tatsache, dass im dunklen Zeitalter, als die Bestie Monos auf Terra geherrscht hatte, die gesamte Erdbevölkerung in einer virtuellen Welt gefangen war, hatte die gesamte Milchstraße gegenüber allzu echten Formen der Virtual Reality sensibilisiert. Die Simusense war eine dieser allzu realistischen Versionen. Wenn man an einen entsprechend leistungsfähigen Syntron angeschlossen war und der Simusense ausgesetzt, konnte man sie nicht von der Realität unterscheiden. Das Perverse daran war, dass man glücklich gefangen gewesen war. In der Monos-Zeit hatte das Simusense-Netz aus einem einzigen, wunderschönen Traum bestanden, jeder Wunsch hatte sich scheinbar erfüllt. Aber es war eben doch nur ein ganz handelsüblicher Alptraum gewesen. So schön diese fiktive, atmende Welt auch gewesen war, sie war nun mal nicht echt. Alles, vom erfolgreich bestiegenen Berggipfel über diverse Eroberungen, sowohl sexueller als auch materieller Art bis zum fiktiven, in der Simusense geborenen Kind war nur eine Simulation, aber eine so perfekte, dass... Nun, als Rettungsteams unter Führung der Unsterblichen Terra nach der Monos-Ära zurückerobert hatten, waren nicht wenige Menschen gestorben, die man von der Simusense befreit hatte. Vor Enttäuschung gestorben.
Also hatte sich die Simusense-Technologie auch nicht in entschärfter Form jemals recht in der Milchstraße etablieren können, ja, mancherorts wurde sie immer noch behandelt wie eine exotische Droge, andernorts schlicht totgeschwiegen. Und solange das so blieb, hoffentlich noch ein, zwei Jahrzehnte, hatte Justin als Spezialist, als Syntron-Tänzer einen klitzekleinen Vorteil bei seiner Arbeit.

„... uns erst jetzt gemeldet wurde, ist die terranische Industriellentochter Tasmin Adrian am Zehnten dieses Monats auf offener Straße aus ihrem Privatgleiter von einem bewaffneten Terrorkommando entführt worden. Ihr oxtornischer Leibwächter wurde bei dieser Aktion schwer verletzt, zwei der Angreifer starben noch am Tatort! Die Polizei schließt ein politisches Motiv nicht aus. Aus diesem Grund erwartet die terranische Botschaft auf Lepso noch in dieser Woche eine Gruppe Spezialisten des TLD zur Klärung des Geschehens.
Die Terroristen haben bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Forderungen gestellt. Die Eltern der Entführten, C. C. Adrian und George Damin wollten sich zum Geschehen nicht äußern, um...“
Das Erstbeste, was in Justins Reichweite lag, war eine unschuldige kleine Vase. Wie er später feststellte, ein exquisites Stück altarkonidischer Töpferkunst, und etwas mehr wert, als diese Suite für einen Standarttag kostete. Doch an solch unwichtige Details dachte man im Zorn nicht, gerade nicht bei einer so unsinnigen Reaktion wie einem Wutausbruch. Justin hatte die kleine Vase auf den Holovidschirm geschleudert, der war unzerbrechlich. Die Vase leider nicht, und er automatisch um achtzigtausend Galax ärmer. Danach hatte er sich abgeregt. Wütend war er immer noch.
Verdammt, Montracza und er hatten einen Deal. Kein Wort zu den Medien. Die Entführer zu warnen würde die gesamte Aktion nur unnötig erschweren und das Leben des Opfers gefährden. Toll, und Terra schickte ein Rudel TLD-Spezialisten. Selbst wenn das nur eine Ente war, würde es doch dafür sorgen, dass die Entführer übervorsichtig wurden... in Panik gerieten.
Justin mochte es, wenn seine Ziele in Panik gerieten, aber doch bitte erst, wenn er es selbst so arrangiert hatte. Jetzt machte er sich doch ernsthafte Sorgen um die Sicherheit seines Suchzieles. Denn wenn ihr etwas passierte, passierte mit seinem Kontostand gar nichts.
***
Erinnerungen:
Es ist dunkel um mich. Ich... ich weiß nicht so recht, wo ich bin. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich es wissen will. Plötzlich hallt ein ferner Donnerschlag zu mir heran. Ich zucke zusammen. Der Helm meines SERUNs schließt sich automatisch. Ich trage einen SERUN?
Keine Sekunde zu früh, denn dem Lärm folgt das Feuer. Alles ist in gleißende Helligkeit getaucht als hocherhitztes Plasma auf mich zubrandet. Mein Anzug baut ein Schirmfeld auf, während ich selbst noch wie gelähmt bin. Die Welle erreicht mich. Mein Pikosyn informiert mich darüber, dass der Schirm bei diesem Ansturm noch genau zehn Sekunden hält. Ich befehle die Flucht, etwas was der SERUN eigentlich automatisch tun müßte.
Das Plasma, das ultraheiße, tödliche Plasma, weist mir den Weg, erhellt ihn für mich. Eine endlose Röhre, die sich vor mir dahinwindet, bereits angefüllt mit dem Verderben im vierten Aggregatzustand.Ich hätte Dramatiker werden sollen.
Mein Pikosyn zählt die verbleibenden Sekunden bis zur Überlastung herunter. Ich habe nicht die Kraft, es ihm zu verbieten. Endlich, eine Abzweigung, der Plasmastron teilt sich, die Belastung geht zurück. Der Piko revidiert und beginnt von vorne mit seinem tödlichen Countdown. Er beginnt diesmal bei vierzehn. Weiter geht der Flug ins Ungewisse. Ich frage mich wo ich bin, und gleichzeitig spüre ich, dass ich es gar nicht so genau wissen möchte, dass ich es eigentlich weiß, aber nicht wahrhaben will.
Der Countdown nähert sich dem Ende. Mein Piko hat großzügig kalkuliert, der Schirm bekommt die ersten Strukturrisse und Fragmente der ultraheißen Substanz verheeren meinen SERUN. Ich spüre, wie die Haut auf meinen Beinen verbrannt wird, aber ich kann nicht schreien. Noch nicht.
Wieder eine Abzweigung, wieder reduziert sich die Belastung. Einige wenige Meter noch, und ich bin gerettet, vorerst. Ich verlasse das Röhrensystem durch ein Panzerschott. Das System ist typisch für die Zwischenböden eines mittelgroßen Walzenschiffs der Springer und wird für Wartungen... Nein, ich will es nicht wissen, mich nicht erinnern müssen. Nein.
Doch es ist zu spät. Ich weiß jetzt, ich fühle fast, was auf mich zukommt. Mein SERUN ist schwer verwüstet, nur noch die Bewegungsservos funktionieren einigermaßen, so dass ich das Mistding nicht ablegen muß. Weiter geht es, immer weiter. Eine innere Stimme sagt mir, dass ich wieder mal der größte Narr in dieser Galaxis gewesen bin. Ich muß irgendeine Dummheit angestellt haben, um in diese tödliche Lage zu geraten.
Beinahe erleichtert es mich, als ich jemanden auf mich zueilen sehe, obwohl ich ja längst weiß, was mich erwarten wird. Denn ich sehe... Ich sehe mich selbst!
Jetzt kann ich endlich schreien!
***
„Justin? Du wolltest nach zwei Stunden geweckt werden“, säuselte der Zimmersyntron.
Der Terraner fuhr aus seinem Bett hoch. Sein erster Blick ging zu den Beinen, als hätte er erwartet gehabt, sie noch verbrannt zu sehen.
Eigentlich Unsinn, denn erstens trug er ja noch seine Hose und zweitens waren die Ereignisse, von denen er wieder mal geträumt hatte bereits tausend Jahre her. Na gut, elf Jahre waren es mittlerweile. Elf lange Jahre, seit ihm die havarierte MOLACH VII um die Ohren geflogen war...und sein Leben gekostet hatte.
„Geh die Liste durch“, mahnte sich Justin selbst, während er sich aus den völlig verknautschten Sachen schälte. Ein Syntron mit genügend Kapazität... Hm, die Hanse schuldete ihm noch einen Gefallen... Aber der hiesige Kontorkommandant war nicht nur ein Ekelpaket, er war auch sehr ehrgeizig. Wahrscheinlich würde er Justins Anliegen so lange hinauszögern, bis die Agenten von Terra oder Plophos eintrafen. Was war mit dem Forum? Wahrscheinlich auch keine so gute Idee, denn deren Geheimdienste waren derzeit gar nicht gut auf den terranischen Dienstleister zu sprechen.
Er hatte fast zwei Stunden geschlafen. Bald würde sich hoffentlich Montracza melden, und außerdem wurde es Zeit für den Ausflug ins MONACO. Justin seufzte leise, eine Reaktion, die er in letzter Zeit erschreckend oft an sich bemerkte. Eine neue Garderobe, eine lindgrüne Hose aus arkonidischer Seide, einer mutierten Importart terranischer Seidenspinnerraupen, das Ding kam immer an. Stiefel aus Kunstleder, wie sie an Bord von LFT-Raumschiffen üblich waren - man wollte ja nicht übertreiben. Ein weißes Hemd, dass nicht weiter auftrug und dazu eine lindgrüne, knapp über der Hüfte endende Jacke mit Mandarinkragen. Durch den hochgeschlossenen Hals schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe. Justin nutzte die einzige Möglichkeit, als männliches Wesen mit Hals ohne eine Fliege ins MONACO zu kommen und unterstrich den militärischen Stil des Outfits. Military war  Zurzeit wieder mächtig im Kommen, nachdem endlich dieser dämliche Modetrend mit den tiefen V-Ausschnitten gestorben war.
Dann wieder die Liste. Die Sache mit dem Syntron würde sich schon lösen lassen, aber woher das Einsatzteam nehmen und nicht stehlen? Blieb ihm Zeit, ein paar alte Vertragspartner einfliegen zu lassen? Vielleicht konnte er sich auch ein paar Leute von Montracza borgen, obwohl das sehr teuer war und einige kleine Gefallen kosten würde. Na, und die besten waren sie auch nicht gerade.
Wütend warf Justin den elektronischen Notizblock aufs Bett. Er  war vorsichtiger geworden. Noch mehr Bruch, und er mußte bei diesem Auftrag womöglich draufzahlen.
Ach ja, der Auftrag. Alle Vorbereitungen nützten nichts, wenn er nicht mit dem Leibwächter zusammenkam. Es wurde auch Zeit, dass er herausfand, wo die Entführer ihre Beute versteckt hatten.

„Justin? Ein Anruf für Dich. Es ist Montracza!“
„Stell ihn durch, Syntron. Hallo, Montracza. Du bist früh dran!“
Der Überschwere von der Kolonialwelt Paricza grinste, und entblößte dabei zwei Reihen kegelförmiger Zähne, die wohl nicht einmal mit Granit Probleme gehabt hätten. „Zähl schon mal Deine Jetons ab. Ich habe alles, was du brauchst!“
„Ist Henrik Bunner etwa bereit, die Botschaft zu verlassen?“
„Das ist kalter Kaffee, wie Ihr Terraner so gerne sagt. Als er diesen komischen Holoring abgehört hatte, war er sofort Feuer und Flamme. Das sagst du doch immer, nicht, Justin?“
„Und das heißt im Klartext?“
„Er ist Morgen früh bei dir. Vorher lassen ihn die TLD-Idioten nicht gehen. Ich nehme an, du hast im STAR bereits ein Zimmer für ihn gebucht?“
„Natürlich. Und was löst deiner Meinung nach alle meine Probleme? Sind die Entführer bei dir vorbeigekommen, haben die junge Dame abgegeben und gesagt `Bringt sie bitte zu Justin Time´?“
Montracza lachte laut. Bei einem Überschweren, der ebenso breit wie hoch war, nebenbei die Folge einer Anpassung an gut zweifache Erdschwere über mehrere Generationen hinweg (dreißig etwa), bedeutete dies, dass er einen Swoon quer hätte fressen können. „Viel besser, alter Freund. Vor zehn Stunden ist ein terranischer Handelsraumer ins Sonnensystem eingeflogen. Es ist die MERCUTIO!“
In Justins Augen blitzte es auf. Die MERCUTIO war Privatbesitz. Sie einen Handelsraumer zu nennen war eigentlich verkehrt. Sie war eher für Explorer-Einsätze und Kampfhandlungen ausgerüstet, aber dadurch, dass man sie im terranischen Schiffsregister als Handelsschiff eingeschrieben hatte, ergaben sich für den Besitzer einige steuerliche Vorteile sowie den garantierten Schutz der LFT-Flotte... Immer vorausgesetzt, da wo sich die MERCUTIO mal wieder rumtrieb gab es auch LFT-Schiffe. Der Kapitän und Justin waren alte Bekannte. In Gedanken hakte er den Posten `Hochleistungssyntronik´ ab. Die Syntronik der MERCUTIO würde mehr als ausreichend sein.
„Wann wird sie landen?“
Montracza grinste wieder. Wenn er jetzt den Mund aufgemacht hätte, man hätte seinen Magen von innen sehen können. „Sie landen noch in dieser Stunde. Ich habe Janner Crux mitteilen lassen, dass Du auch gerade auf dieser Welt bist. Er will Dich sehen. Im HIGHLIGHT in einer Stunde!“
„Hast Du ihm nicht gesagt, dass ich im MONACO bereits einen Tisch bekommen habe?“
Der Umweltangepaßte lachte dröhnend. „Glaubst du wirklich, das hat ihn interessiert? Immerhin willst du was von ihm, und nicht umgekehrt. Also, in einer Stunde im HIGHLIGHT!“
„Danke für deine Unterstützung, Montracza. Hast du noch so gute Nachrichten für mich auf Lager?“
„Nur noch eine. Du hast einen Schatten. Wahrscheinlich vom TLD. Sei vorsichtig. Anscheinend will man dich vorerst auf Eis legen!“
Skeptisch verzog der Terraner die Miene. „Wie sicher ist die Information?“
„Sag mal, willst Du mich beleidigen, alter Freund? Die Nachricht ist so sicher, als hättest Du sie Dir selbst im Hauptsyntron des TLD-Towers ertanzt!“ Etwas gnädiger fuhr er fort: „Ein Bekannter von mir hat gerade ein paar Leute auf der Straße laufen, der hat dich routinemäßig gecheckt, und dabei haben seine Jungens festgestellt, dass jemand, der in der LFT-Botschaft sitzt, unser Satellitennetz angezapft hat. Um dich zu verfolgen!“
„Okay. Schalte die Satelliten über Klein-Arkon ab!“
„Das ist doch nicht dein Ernst, Justin. Hast du vergessen, dass ich diesen Distrikt immer noch überwachen muß?“
„Verstärke einfach mal die Patrouillen für die Zeit. Würde auch deinem Image gut bekommen!“
„Justin, das nützt dir doch gar nichts. Wenn die Satelliten, die Klein-Arkon erfassen, desaktiviert sind, braucht dein kleiner Freund in der LFT-Botschaft sich nur in das Satellitensystem eines anderen Stadtteiles zu hacken, die Optik neu zu fokussieren, und schon bist du wieder im Visir!“
„Ob du es glaubst oder nicht. Das ist meine Absicht. Bin ich es diesem Jemand wert, dass er in ein weiteres Steuerungssytem einbricht? Und wenn ja, wie lange wird er dafür brauchen? Zehntausend Galax, Montracza, in bar von meinem Kreditchip. Und du darfst die Satelliten sofort wieder hochfahren, sobald mein Freund in ein anderes System einbricht!“
„Sollte er es nicht tun“, sagte der Pariczaner bedeutungsschwer, „oder sollte er zu lange brauchen, ich fahre die Satelliten nach einer Stunde wieder hoch!“
„Damit bin ich einverstanden“, erwiderte Justin zufrieden, während er mit dem Kragen seiner Jacke kämpfte. Warum konnte die aktuelle Mode nicht mal bequem sein? Warum immer diese engen Folterwerkzeuge? Und warum mußte er sich in seinem Job unbedingt in diese Dinger hineinzwängen? Mehr Schein als Sein, beantwortete er seine Frage in Gedanken selbst. Darin war er gut, richtig gut. „Sobald mein Auftrag erledigt ist, komme ich vorbei und zahle dich aus!“
„Weil du es bist, Justin. Ich werde sie runterfahren, wenn du zu deinem Date ins HIGHLIGHT aufbrichst!“
„Gut mitgedacht, Montracza. Du solltest über einen Job beim TLD nachdenken. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest? Ich muß mich für das HIGHLIGHT fertigmachen.“
„Laß dich nicht aufhalten. Ich gebe Dir Bescheid, wenn etwas wichtiges passiert!“
Der Bildschirm erlosch. Justin ging zum Tresor des Zimmers und holte sich einige seiner Spielzeuge heraus. Eine Mikrosonde, die Steuerung und einen kleinen syntronischen Chip, in dem die Namen und persönlichen Daten der meisten Lebewesen verzeichnet waren, die auf Lepso eine wichtige Rolle spielten. Er kannte sie fast alle persönlich, aber auch ein Profi wie Justin konnte sich nicht an jede einzelne von zehntausend Intelligenzen erinnern, die er auf hunderten Welten kennengelernt hatte. Aber mit dem Speicher war er in der Lage, dieses Problem zu lösen. Justin zögerte kurz, dann strich er das Haar über seiner linken Schläfe glatt. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte dort etwas auf. Der semiorganische Anschluß war sehr teuer gewesen, doch bisher hatte das Hightech-Gerät seinen Zweck erfüllt, ebenso wie der kleine Chip, der an der Großhirnrinde des Terraners angeschlossen war. Er brauchte den Speicherchip nur kurz an die Schläfe zu drücken, und der Syntronchip unter seiner Schädeldecke hatte alle Daten aufgenommen. Mit einem intensiven Gedankenbefehl rief er die abgespielten Daten auf. In seinem Geist erschien das Bild einer Person, ein alter Terraner namens Ken Takei. Das Bild wurde von einem kaum wahrnehmbaren Flüstern begleitet, dass erklärte, wie alt Ken schon war, wie lange er schon auf Lepso lebte und wie er zu Justin stand. Aha, sie schüttelten einander die Hände und teilten die Vorliebe für terranischen Scotch. Justins Langzeitgedächtnis meldete sich zu Wort und präsentierte ihm Bilder seiner Erinnerung. Das MONACO, vor drei Jahren. Sie hatten gegeneinander gepokert, und der ältere Mann hatte Justin gewinnen lassen. Ihm war es damals auf den Spaß angekommen. Justin lächelte. Wegen dieser Menschen mochte er das MONACO so. Wieder wisperte die Geisterstimme. Oh, scheiße, er hatte damals mit Kens Tochter geschlafen. Hoffentlich nahm ihm das der alte Spieler nicht übel. Weitere Gesichter tauchten auf, die Croupiers, einige weiter Stammgäste.
Justins Blick klärte sich wieder, als er den Chip zurück in den Tresor legte, direkt neben den Chip für die BASIS. Die Abfrage hatte lediglich ein paar Sekunden gedauert. Jetzt wurde es Zeit, dass er sich aufmachte, damit ihn sein Schicksal in das sterile und oberflächliche HIGHLIGHT trieb.
Alles in allem verprach es ein interessantes Abendvergnügen zu werden. Aber er haßte das HIGHLIGHT wirklich!
Es trieb ihn eben in das oberflächliche und sterile MONACO..
***
Erinnerungen:
Als ich erwache, pocht mein Herz so wild, als hätte ich gerade die Strecke von Marathon bis nach Athen hinter mir. Panik wühlt in mir; das Letzte, woran ich mich erinnere, ist das Plasma auf der MOLACH VII, dass mich in der Wartungsröhre beinahe geröstet hatte. Und nun bin ich hier... Doch wo ist dieses hier? Bin ich tot? Wenn ja, dann ist das Paradies äußerst unbequem. Das Antigravbett, in dem ich liege ist schlecht kalibriert. Also vielleicht doch die Hölle? Ich versuche, mich zu bewegen, doch allein der Versuch beschert mir ein Gefühl, als hätte sich ein Dutzend Hornschrecken in meinem Kopf eingenistet. Wo bin ich nur, verdammt? Was ist das für ein Ort? Nein, das ist nicht die Frage. Ich bin auf einer Krankenstation, das kann ich selbst mit meinem verschwommenen Blick erkennen. Aber wo befindet sich diese Krankenstation? Und was noch wichtiger ist, was ist passiert?
„Er ist erwacht“, höre ich einen Syntron leise säuseln. Eine ältere Frau in weißer Kleidung betritt meinen Raum und lächelt mich liebevoll an. Weiß. Alle Ärzte Terras operieren mit Syntrons und kompletten robotisierten Apparaturen, aber noch immer tragen sie weiß.
Die Frau, sie muß eine Ärztin sein, lächelt mich an. „Wie fühlst du dich, Davil?“
Davil? Wer ist Davil? Hat sie mich damit gemeint? Die Ärztin scheint mein Zögern entsprechend zu interpretieren und flüstert einem neben ihr schwebenden Servofeld einige Worte zu. „...Gehirnerschütterung... wahrscheinlich Amnesie... Eventuell verdrängt er auch die Ereignisse an Bord des Springers...“
„Was ist los?“ schreie ich dazwischen. Es hätte ein Schrei werden sollen, aber es wurde nur ein erbärmliches Krächzen.
„Ganz ruhig, Davil. Du hattest einen schweren Unfall. Ein Leichter Holk der Hanse hat dich und deine Kameraden von der MOLACH aus der Raumnot gerettet und...“
„Wer ist Davil?“ brülle ich die Ärztin an, und zufrieden registriere ich, dass es diesmal auch ein Brüllen war.
„D-du bist Davil. Davil Fataro.“
Plötzlich scheint meine Welt kleiner zu werden, es ist, als würde mir etwas genommen. „Nein“, höre ich mich sagen. „Nein, bin ich nicht...“
***
Justin schreckte hoch. In seinem Kopf dröhnte es. Der Datentransfer hatte ihn schläfrig gemacht und sein Langzeitgedächtnis aktiviert. Davil Fataro... Diesen Namen trug er schon lange nicht mehr. Beinahe hätte er vergessen können, wer er gewesen war, vor nicht einmal elf Jahren... Oder wer er hätte sein sollen. Aber nein, er hatte sein eigenes Leben, rief er sich zur Ordnung. Es gab nur noch Justin Time, Davil Fataro war an Bord des Springerschiffes MOLACH VII gestorben. „Laß mich hier aussteigen“, wies er den Autopiloten des Gleiters an. „Ich brauche frische Luft.“
„Erhabener“, beschwerte sich der Steuersyntron, „es sind nur noch zwei Minuten bis zum HIGHLIGHT.“
„Trotzdem“, bestimmte er.
Der Gleiter klinkte sich aus dem Verkehrsleitstrahl der Hochstraße Klein-Arkon - Terra-Town aus und tauchte in das verwinkelte Gewirr der Straßen Klein-Arkons herab. In einer der Hauptstraßen ging er nieder. „Soll ich den Sicherheitsdienst des HIGHLIGHT informieren, damit er dir entgegen kommt, Justin?“ versuchte es der Syntron ein letztes Mal.
„Nein“, sagte Justin barsch. „Ich bin schon ein großer Junge.“
Er stieg aus. Kurz darauf erhob sich der Gleiter auf seinem Antigrav-Feld wieder in die Luft und fädelte sich erneut in die Hochstraße ein. Diesmal zurück in Richtung STAR OF ARKON. Ein paar hundert Meter die Straße hinab landete gerade ein anderer Gleiter. Eine einzelne Person stieg aus und ging dann die Straße entlang, während sein Transportmittel wieder startete. In Justins Geist schlugen ein Dutzend Alarmglocken an! Er wurde verfolgt! Aber... Konnte ein Verfolger wirklich so plump arbeiten? Nun, seit Neuestem schien Orbana ja die Hauptstadt der galaktischen Amateure zu sein.
Justin gähnte herzhaft. Gleichzeitig ließ er die kleine Sonde, die er mitgenommen hatte, aus seiner Tasche fallen. Er setzte seine Sonnenbrille auf und ging in Richtung des HIGHLIGHT. Kurz darauf startete das kleine technische Wunderwerk. Die Sonnenbrille empfing die optischen Daten der kleinen Sonde und projizierte die Bilder direkt auf Justins Netzhaut. Tatsächlich, ein Verfolger. Es war ein Unither. Diese humanoide Spezies zeichnete sich dadurch aus, dass sie statt einer Nase einen halbmeterlangen Rüssel besaß. Ansonsten waren sie eines der ersten Völker, die von den alten Arkoniden vor den Methankriegen unterworfen worden waren. Mittlerweile hatten sie sich fast von diesem Joch befreit, aber leider nur fast. Alte Loyalitäten und Bande gab es auch noch in diesen Tagen, von politischen Dünkeln mal ganz abgesehen. Gerade durch das Erstarken der Hardliner im Kristallimperium kam diese Art der Politik gerade wieder in Mode.
Justin bog gleich in die erste dunkle Gasse ein, die sich vor ihm auftat und durchquerte sie bis an ihr Ende. Der Unither sollte glauben, dass er den Terraner im Sack hatte, das war sein Plan. Per Blickmenu steuerte Justin die Sonde über die Sonnenbrille näher an die Rüsselnase heran und ließ sie ihn umkreisen.
Sicher würde der Unither etwas redselig werden, wenn er seine Beute sicher wähnte. Aber was war das? Der Typ zog einen schweren Impulsblaster und verstellte ihn. Spätestens, als er die Waffe auf Justins Hinterkopf richtete, war klar dass er nur zu einem Zweck hier war - um den Terraner zu liquidieren. Die Gasse endete an einer vier Meter großen Mauer, fliehen konnte er also nicht. Ihm blieb nur eine Möglichkeit. Ein Befehl im Blickmenu beorderte die Sonde aus der Gasse. Sofort rief ein weiterer Befehl sie mit Höchstgeschwindigkeit zurück. Justin steuerte sie auf den breiten Nacken des Unithers zu. Als etwas hinter ihm laut knirschte, ließ der Terraner sich fallen, doch kein Schuß löste sich aus der Waffe des Unithers. Wer zum Teufel interessierte sich dafür, einen kleinen Dienstleister wie Justin tot zu sehen?
***
Wenn man dem Tode so oft schon so nah gewesen war wie er, dann könnte man eigentlich meinen, dass irgendwann ein gewisser Gewöhnungseffekt eintrat, aber dem war nicht so. Noch minutenlang stand Justin über den toten Körper des Unithers gebeugt und versuchte, das heftige Zittern der Hände in den Griff zu kriegen. Nein, es war keine Angst, dieses Gefühl gönnte sich ein Profi wie er nur selten. Es war eine Überdosis Adrenalin, körpereigenes, die sein Körper erst verbrauchen mußte. Als sich das Zittern seiner Finger beruhigt hatte, nahm er einen kleinen Taster aus der Jackentasche und durchleuchtete den Toten. Es gab so viele wundervolle Möglichkeiten, nach seinem Dahinscheiden einen allzu neugierigen Killer mit in den Tod zu nehmen, und schließlich wollte Justin nicht auf solche Schweinereien hereinfallen wie eine in den Körper implantierte Bombe, die losging, wenn die Lebenszeichen erloschen waren. Aber nein, der Unither war sauber. Es ließ sich auch keine Vorrichtung an seinem Anzug feststellen, die einen vielleicht mit ein paar Millionen Ampére briet, wenn man sich an ihm zu schaffen machte. Also keine Gefahr, der Fremde war vielleicht nicht einmal ein Geheimdienstler. Der schwere Thermoblaster, mit dem er Justin bedroht hatte, lag direkt neben ihm. Die Waffe war auf höchste Intensität eingestellt. Hm, der Kerl hatte sich sieben Meter hinter ihm befunden. Bei dieser Entfernung und der eingestellten Energiefreigabe wäre selbst von einem Ertruser dann nur ein Häufchen verträumter Asche übriggeblieben, wenn der Energie-Impuls lächerliche zwanzig Zentimeter an ihm vorbeigezuckt wäre.
Sein Blut blieb kalt, als er den Toten auf den Bauch drehte und seine Arbeit besah. Die Sonde, die mit einem Viertel der Schallgeschwindigkeit in das Genick des Unithers gerast war, steckte noch immer in seinem Nacken, war jedoch vollkommen deformiert. Der Bruch war nicht ganz glatt, unithische Genicke hatten leider die Angewohnheit, sehr nachgiebig zu sein, aber dieser Bursche hier war definitiv tot. So tot, wie ein Unither nur sein konnte. Wieder wälzte der Terraner ihn herum und durchsuchte seine Taschen. Nichts von Bedeutung. Jetons im Wert von dreitausend Galax, drei Ersatzmagazine für den Blaster und einen kleinen, goldverzierten Nasenreiniger, wie er auf Unith derzeit ganz groß in Mode war. Nicht, dass ein echter Unither jemals seinen Rüssel von Hand gereinigt hätte, solange ihm eine vollautomatische Reinigungsapparatur zur Verfügung stand, aber es war nun einmal Mode, und manche Unither machten nun einmal jeden Schwachsinn mit. Damit waren sie in bester Gesellschaft mit den Terranern, Akonen, Blues und Topsidern, von den Arkoniden ganz zu schweigen.

Außer, dass er mit einer entsicherten Waffe auf Justins Hinterkopf gezielt hatte, schien es zwischen ihm und dem Terraner keine nennenswerte Verbindung zu geben. Welche Optionen gab es jetzt? Er konnte die Leiche von Montracza wegschaffen lassen, um eventuell nach Spuren suchen zu lassen, die man auf die Schnelle nicht sehen konnte. Doch selbst für ein großzügiges Trinkgeld würde Montracza Fragen stellen müssen, Fragen, die Justin aber nicht - noch nicht - beantworten konnte. Und selbst dann konnte einer von Montraczas Leuten gekauft worden sein. Teufel, wie naiv. Jeder Polizist in Klein-Arkon ließ sich drei - viermal schmieren, und wenn Justin Pech hatte, war einer der Cops genau von dem Typen geschmiert worden, der ihm diesen Attentäter geschickt hatte. Es blieb eigentlich nur eine Alternative. Justin griff in die linke Brusttasche seines Jacketts und holte ein kleines Etui mit Kapseln hervor. Die Roten waren in diesem Fall die besten. Eine mußte reichen. Er nahm eine der Roten heraus und aktivierte per Daumenaufdruck den unscheinbaren positronischen Chip auf ihr und legte sie auf den Toten. Kurz wedelte er mit dem Taster durch die kleine Gasse, fand aber nicht einmal den Infratorabdruck eines Swoons, geschweige denn den eines zweiten Unithers.
Dreißig Meter von der Kapsel waren der Mindestabstand. Der Terraner legte noch einmal die Hälfte drauf. Damit stand er schon fast auf der Straße, die vor das HIGHLIGHT führte. Dann der grelle Lichtblitz, der von der Sonnenbrille komplett gefiltert wurde. Das Ding war aus den TLD-Beständen, die Justin vor sieben Jahren für eine Mission ausgehändigt worden waren. Leider war sie dabei zerstört worden... Eigentlich hatte die Oma im Turm ihm das Ding für den erfolgreichen Abschluß des Auftrages geschenkt, aber einem freien Mitarbeiter überließ man keine TLD-Ausrüstung, nicht einmal etwas so altes wie diese Brille.Für eine Viertelsekunde entstand in der kleinen Gasse im Umkreis von drei Metern eine Temperatur von sechstausend Grad. Die Leiche, die Sonde und alles, was Justin in der Gasse hinterlassen hatte, angefangen vom natürlichen Endorphin-Ausstoß über den Angstschweiß bis hin zu Haaren und Hautschuppen war in dieser Viertelsekunde vollkommen verbrannt worden. Alle Spuren seiner Anwesenheit würden verwischt worden sein, und niemand, der ihn diskreditieren wollte, würde jemals beweisen können, dass der Terraner je in dieser Gasse gewesen war. Er würde nicht einmal beweisen können, dass jemand in dieser Gasse gestorben war.
Justin blieb gerade lang genug, um zu sehen, dass die Explosion wirklich erfolgte. Der grelle Lichtblitz mußte gesehen worden sein, auch wenn Montracza die Satelliten über Klein-Arkon totgeschaltet hatte, vielleicht hatte die hohe Temperatur auch etwas - irgendetwas - angezündet... Die Feuerlöschrobots waren hier sehr fix, und es wäre dumm von Justin gewesen, herauszufinden wie fix. Also schlenderte er zum Haupteingang des HIGHLIGHT und ging hinein. Gewiß, das Beste wäre gewesen, sofort zu verschwinden, aber vielleicht verriet sich jemand durch seine offene Enttäuschung, wenn er sah, dass Justin noch lebte.
Außerdem war er ja verabredet.
***
„Rien ne va plus!“ hallte es Justin entgegen, als er nach einem kurzen Besuch auf der Herrentoilette den Spielsaal betrat. Das HIGHLIGHT bestand aus zwei großen Sälen, die dem Spiegelsaal von Versailles nachempfunden waren. Warum, wußte wahrscheinlich nicht einmal der Besitzer des Casinos zu sagen. Jedenfalls dominierten meterhohe Spiegel und Gemälde von wilden Reiterschlachten stets die Westseite eines Saals, während die Ostseite aus gigantischen Panoramamfenstern bestand. Jeder Saal war zwanzig Meter breit und gut fünfzig lang. Eine Art Podest umzog den Innenraum des Casinos. Auf ihnen standen die Tische für die Gäste, die eine Pause vom Geldverlieren machten. An einem dieser Tische erwartete ihn sein alter Freund Janner. In der Mitte waren die verschiedensten Spielgelegenheiten aufgebaut. Über das klassische Roulette bis zur Gurrad-Version von Black Jack war alles vertreten. Justin wußte aus eigener Erfahrung, dass die moderneren Hologrammspiele im zweiten Saal standen. Dort fand man das jüngere Publikum – oder jene, die sich dafür hielten.
Im Hintergrund des vorderen Saals ratterten die einarmigen Banditen, direkt vor dem Eingang fand gerade eine Pokerrunde statt. Hoffentlich kein Heldenpoker. Justin haßte dieses Spiel, bei dem man seine eigenen Körperteile verwetten konnte. Nebenan wurde Roulette gespielt. Das mochte er wieder, obwohl die Chancen, bei neunhundertacht Möglichkeiten ausgerechnet die Kombination zu setzen, die gewinnen würde nahezu null war. Gerade fiel die kleine weiße Kugel durch das Hologramm, sauste ein paarmal durch die Antigravfelder des Zufallsgenerators und wurde auf der roten Seite des Tisches ausgespien und rollte in das Glücksrad mit den Gewinnziffern. Auf der blauen siebenundvierzig blieb sie liegen. „Rouge, quarante-sept, bleu!“
Am Tisch wurde gejubelt. Anscheinend hatten einige Glückliche auf die richtige der vier Grundfarben schwarz, weiß, rot oder grün gesetzt, was ihren Einsatz vervierfachte. Vielleicht hatten auch einige die richtige Farbe der Ziffer, blau oder gelb, erraten. Einzeln war dies eine schlichte Gewinnverdopplung, in Verbindung mit der Grundfarbe bekam man den sechzehnfachen Gewinn. Da waren aber noch die Möglichkeiten, auf das richtige Zahlendrittel, auf gerade oder ungerade oder auf die Zahl selbst zu setzen. Entweder nur auf die Zahl, oder auf die Zahl, die Grundfarbe, die Zahlenfarbe, das Drittel, etc. Wenn man all dies richtig erriet, maximierte sich der Gewinn um den Faktor tausendzweihundert und ein paar Zerquetschte. Auch Justin hatte schon gespielt, und bereits mit der richtigen Grundfarbe Glück gehabt,  auch schon mit der Zahl und dem Drittel, aber alles richtig zu haben, war ihm noch nicht vergönnt gewesen.
Weiter ging es an den Kartentischen, an denen neben Heldenpoker auch die anderen Varianten wie Arkonidenpoker mit Ferrolblatt, Südlicher Gatas oder Olymp-Poker mit drei offenen Karten gespielt wurde. Sogar einen Baccara-Tisch hatten die Betreiber aufgezogen. Das Spiel haßte er wieder. Es war irgendwie... antiquarisch... Außerdem hatte er die Regeln nie richtig verstanden.

Am Nachbartisch folgte sein absolutes Lieblingsspiel: Fleet-Chess.
Über dem Spieltisch war ein Hologramm aufgebaut, in dem sich zwei Raumflotten gegenüber standen. Durch das Setzen von Geldbeträgen auf ein Feld konnte man eine Aktion oder eine Verbesserung bei den Schiffen dieser Flotte erkaufen. Der Haken war, dass die Beträge, sowohl die Einsätze als auch die Gewinne festgeschrieben waren, man konnte also nicht besonders viel gewinnen, ohne viel eingesetzt zu haben.
Die meisten Leute, die an diesem Spiel saßen, setzten immer so zum Spaß auf einen Angriffsbefehl, um sich daran zu ergötzen, wie sich dann die beiden Flotten in perfekt animierten Sequenzen gegenseitig den Garaus machten, einige wenige versuchten, das Equipment zu verbessern oder etwas Taktik ins Spiel zu bringen, Profis wie Justin, von denen es lächerliche drei, vier Millionen gab, setzten nicht wild auf beide Seiten, sondern sorgten dafür, dass es zu einer Polarisation unter den Spielern kam, dass sie sich für eine Flotte entschieden und unter der Anleitung eines erfahrenen Spielers ihre Beträge gezielt setzten. Auf der BASIS hatte er mal eine Spielrunde gegen einen Terraner gehabt, die hatte es in sich. Der Kerl war so verdammt gut mit seiner Flotte gewesen, beinahe hätte Justin das Spiel verloren. Und das war bei Fleet-Chess noch nie der Fall gewesen. Gewonnen hatte er dann nur durch einen schlichten Zufall. Irgendein Witzbold hatte gerade im schönsten Schlachtgetümmel mittels eines horrend hohen Geldbetrages bei der Flotte seines Gegners einen Kurswechsel ausgelöst. Danach hatte Justin seine Einheiten nur noch zerschlagen müssen. Was soll´s, so war das Spiel. Jeder konnte jederzeit und überall auf eine Aktion oder ein PowerUp setzen.
Sollte Justin den Terraner irgendwann noch mal an einem Fleetchess-Tisch treffen, diesmal hätte er gewußt, wie man gegen ihn anzutreten hatte.
Er mußte stehengeblieben sein und gestarrt haben, denn der Croupier sprach Justin an. „Justin Time, willst du setzen? Die blaue Flotte befindet sich in der Verteidigung und hat drei Schiffe verloren. Die rote Flotte ist im Angriff, hat bereits fünf Schiffe verloren, aber drei Einheiten mit doppeltem PowerUp!“
Selbstbeherrschung hatte noch nie zu Justins Stärken gezählt, zweihundert Jahre zu leben war einfach viel zu kurz, um allem Verlockungen zu widerstehen, also trat er an den Tisch heran und erkaufte ein Ausweichmanöver für die gesamte blaue Flotte, während jemand auf der anderen Seite einen weiteren PowerUp für eines der roten Schiffe erwarb.
Justin übernahm das Spiel und trennte nun den schwächsten Kreuzer von `seiner´, der blauen Flotte und verpaßte ihm einen PowerUp. Spätestens in diesem Moment wagte es niemand mehr, auf die blaue Flotte zu setzen, was Justin eigentlich gar nicht recht war, denn soviele Jetons hatte er nun auch wieder nicht.
Aber auch auf der anderen Seite war nur noch einer, der Chips auf den Tisch legte und Aktionen erkaufte. Wieder ein PowerUp bei der anderen Flotte und Angriffskurs auf den einzelnen Kreuzer. Justin reagierte darauf, indem er für das bedrohte Schiff einen weiteren PowerUp erkaufte. Gleichzeitig ließ er es stoppen. Dann war die rote Flotte heran und zerstörte in einem einzigen Feuerüberfall das blaue Schiff. Justins Gegenüber sah triumphierend herüber, doch das siegesgewisse Lächeln erstarb, als der Terraner Angriffsbefehl für den Rest der blauen Flotte erkaufte. Sein Kontrahent war so sehr damit beschäftigt gewesen, den blauen Maverick abzuschießen, dass er nicht mehr auf die restlichen Einheiten geachtet hatte. Der erste Angriff vernichtete die Hälfte der roten Einheiten, zwei der vier verstärkten Schiffe waren darunter, und vernichtete den Rest mit dem nächsten Befehl. Dabei verlor die blaue Flotte noch einmal die Hälfte der übrigen Einheiten. Hm, das minimierte den Gewinn auf eine lächerliche Verdopplung seines Einsatzes.
„Die blaue Flotte gewinnt“, meldete der Croupier.
Triumphierend sah Justin seinen Gegenüber an. Gewiß, das Spiel war nicht mit einer echten Raumschlacht zu vergleichen, es war eben ein Spiel, aber er hatte es gewonnen, und das ließ er seinen Kontrahenten voll spüren. Der andere schluckte ein, zweimal, wandte sich schließlich ab und verschwand im Casino.
Der Croupier schob einen Packen Jetons herüber. „Dein Gewinn, Justin. Möchtest du auch bei der nächsten Spielrunde mitmachen?“
„Nein, danke.“ Die Jetons verschwanden in Justins Jacke.

Janner Crux erwartete ihn bereits. Dotsu Villard, sein Erster Offizier sah den Terraner böse an und zählte Janner hundert Galax in Jetons in die Hand. „Für die erste Wette! Justin konnte wirklich nicht widerstehen und hat gespielt!“
Justin konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Janner kannte ihn eben schon seit Jahren. Mindestens seit elf, wenn nicht schon etwas länger.
„Und dies hier“, sagte Dotsu und zählte weitere dreihundert Galax in Janners ausgestreckte Hand, „ist dafür, dass er das Spiel auch noch gewonnen hat. Weißt du eigentlich, was mich deine mangelnde Selbstbeherrschung kostet, Justin?“
Der lachte laut, während er sich zu den beiden setzte. Die Zwei konnten gegensätzlicher nicht sein. Janner war ein Hochgewachsener Blondschopf mit tiefschwarzer Haut und dem Körper eines Athleten in seinen besten Jahren, und Dotsu war ein blasshäutiger, gebeugter alter Mann mit Übergewicht und langem Backenbart, der zudem noch einen Kopf kleiner als der Hochgewachsene Janner war. Und als hätte das nicht genügt, war sein Haupthaar nun seit einigen Jahren nicht mehr das kräftige Schwarz von einst und wurde zunehmend von grauen Haaren durchzogen. Justin wusste nie so recht, wer von den beiden gerade das Kommando über die MERCUTIO führte, aber eines war sicher, die beiden ergänzten sich perfekt.
Janner grinste ihn an. „Ich wette, du wolltest heute eigentlich ins MONACO, nicht wahr? Ich werde dich nie verstehen, Junge, ich werde nie verstehen, was du an diesem Snob-Schuppen findest. Hier tobt das Leben, hier im HIGHLIGHT!“
„Oder in einem der hinteren Räume, nicht? Ein paar illegale Drogen, etwas AlienSex, all die Kleinigkeiten, die man für gedeckte Galax bekommen kann, sogar SERUN-Technik!“
Janners Lächeln erstarb. Er seufzte. „Leider, Justin, leider. Aber nenn mir einen Laden auf Lepso, in dem es nicht so ist!“
Der Dienstleister lachte rauh. Natürlich gab es keinen. Nicht einmal das MONACO war clean.
„Wäre Perry Rhodan noch am Ruder, dann wär´s aber nicht so schlimm hier!“ brummelte Dotsu in seinen Bart. „Der hat die Solare Flotte schon mal gegen Lepso geführt - und auf diesem Sauhaufen mal so richtig aufgeräumt!“
„Perry Rhodan, Perry Rhodan, wenn du so auf dieses Fossil und seine Unsterblichenclique stehst, warum läßt du dich nicht von einem Camelot-Büro anwerben?“ meckerte Janner. „Dann hast du deinen Willen und ich endlich meine Ruhe!“
„Jaja, so sieht das also aus! Du willst mich loswerden, ist es das? Okay, dann gehe ich eben. Es gibt auch auf Lepso ein Camelot-Büro, damit du´s nur weißt! Ich kann mich da jederzeit anwerben lassen!“
„Versuch es mal besser bei einem TAXIT-Händler, der Handelsorganisation von Homer G. Adams. Denn auf Camelot wird dich keiner haben wollen - wo immer diese Mistwelt liegt!“
„Mistwelt, Mistwelt. Das Galaktikum existiert nur noch auf dem Papier, LFT und Arkoniden kochen ihre eigenen Süppchen und bekämpfen sich fast schon bis aufs Messer. Das Forum Raglund nimmt es an Konvusität locker mit den Zuständen im Humanidrom auf und Camelot ist die letzte Welt, auf der der Gedanke eines friedlichen Beisammenseins noch hochgehalten wird. Ist ja nicht so, dass sich Rhodan von den besten Wissenschaftlern der Galaxis neue Superwaffen erfinden läßt um damit die LFT zu erobern oder so. Alles, was er je getan hat, war, die Terraner und die Galaktiker aus dem Gröbsten rauszuhauen!“
Janner seufzte leise. „Du mit deiner Heldenverehrung. Was haben uns die Unsterblichen nur eingebracht? Wegen ihnen haben wir den Mars verloren!“
„Ja, weil er von einem Kristallgebilde infiziert war, dass Lebensenergie gefressen hat. Teufel, das Todesfeld hätte fast Terra berührt. Den Mars zu evakuieren ist schon ein Riesenaufwand gewesen, aber Terra...!“
„Okay, okay, ich gebe es ja zu, aber wie ist dieser Kristallsplitter da hin gelangt? Und komm mir nicht wieder mit dem Arresum - Parresumkram. Das werde ich wohl erst kapieren, wenn ich in ES aufgegangen bin!“
„Du auch gerade!“ witzelte Dotsu.
„Hey!“ brüllte Justin dazwischen. „Letztes mal war es der Plophos-Aufstand, davor das Druuf-Universum, alles, was auch nur ein bißchen mit den Unsterblichen zu tun hat. Habt Ihr beiden keine anderen Themen?“
Janner griff nach seinem Glas und nahm einen tiefen Schluck der quittegelben Flüssigkeit. Vergorener Raytan, sauer genug, um den Magen dreimal umzudrehen. Und hochprozentig genug, um die Magenschmerzen beinahe sofort zu vergessen. „Zum Beispiel?“
„Hä?“
Der große Blondschopf stieß Justin an der Schulter an. „Zum Beispiel welche anderen Themen?“
Aus der Jackentasche zauberte Justin einen Packen goldener Jetons. Es waren genau zwölf, und jeder einzelne war genau zweitausend Galax wert.
Dotsu pfifff anerkennend.
Janner sah Justin direkt in die Augen. Seine Stimme bekam etwas schelmisches, als er fragte: „Wen soll ich dafür umbringen?“
„Du sollst niemanden umbringen. Ich brauche nur dein Schiff. Der Batzen hier reicht für einen Monat Liegegebühren. Ich brauche das Schiff höchstens eine Woche!“
„Und laß mich raten“, meldete sich Dotsu wieder zu Wort. „Du brauchst wieder mal unseren Syntron! Dann habe ich eine Überraschung für dich. Ich habe das Update!“
Ein Lächeln flog über Justins Gesicht. Das war super, einfach wunderbar.
Janner strich mit dem Zeigefinger der Linken über das Glas in seiner Hand, hielt es auf Augenhöhe, sah gedankenverloren hinein. „Morgen, so gegen elf Ortszeit. Frühstücke nicht. Ich mache Pfannkuchen!“
Damit gehörte die MERCUTIO eine volle Woche Justin. Mehr brauchte zwischen den dreien nicht gesagt zu werden, vor allem nicht an einem Ort, an dem selbst ein Amateur sie problemlos abhören konnte.
Damit war Justins Arbeit hier eigentlich beendet, und er hätte ins MONACO gehen können, aber Janner und Dotsu waren mehr als Geschäftspartner. Sie waren Freunde. Und diese Sorte Mensch war im Dienstleistungsgewerbe selten genug. Außerdem, gestand sich Justin ein, erinnerte ihn die Nähe der beiden an das Frühstück. Hmmm, Janners Pfannkuchen waren die absolute Wucht. Kein Küchensyntron konnte sie so gut zubereiten wie er.
***
Zwischenspiel zwei:
„Der Erstkontakt mit Justin Time wurde geknüpft“, murmelte die Frau mit dem langen blonden Haar in das Akustikfeld des Servos, das direkt neben ihr schwebte. Sie war in ihrem Hotelzimmer im STAR und hockte auf einem bequemen Bürostuhl. Es war eine Marotte von ihr, dass sie sich dabei auf ihr linkes Bein setzte. Für sie war das angenehm. Direkt vor ihr schwebten zwei Holokuben. Sie zeigten Satellitenaufnahmen Klein-Arkons aus tausend Kilometern Höhe. Dabei waren sie aber noch so gestochen scharf, als befände sich die Vidkamera direkt über der Straße. Ein Objekt, gerade so groß wie eine terranische Ameise, konnte detailgetreu dagestellt werden.
„Wie erwartet wurde er von meinem Äußeren angezogen. Für das Protokoll: Aufmerksam geworden ist er auf mich, als ich mein Haar im Antigravbad löste. Dieser Punkt sollte bei späteren Observationen oder Kontaktaufnahmen berücksichtigt werden. Mut imponiert ihm. Meine Einladung zum Abendessen hat er ausgeschlagen. Es scheint, dass er bereits eine heiße Spur zu Tasmin Adrian hat. Um das zu prüfen, verfolge ich Justin gerade über das Satellitennetz des Stadtteils Klein-Arkon, Planetare Hauptstadt Orbana.
Es ist aber auch möglich, dass Justin wichtige Informationen von Tasmins Leibwächter Henrik Bunner erwartet, der auf eigenen Wunsch noch diese Nacht aus der Medozentrale der LFT-Botschaft entlassen wird. Das widerspräche zwar dem vom TLD angelegten Persönlichkeitsprofil Justin Times, aber er gilt nicht umsonst als anpassungsfähig.
Justin verläßt gerade das STAR in einem Hoteleigenen Mietgleiter. Meinen Quellen zufolge hat er einen Tisch im MONACO reserviert, seinem Lieblingscasino.“
Mit einem Zwinkern befahl sie dem Servo, die Aufnahme zu stoppen. Sie streckte sich und gähnte genüßlich. Es war ein langer Tag gewesen und er war noch nicht vorbei. Okay, sie hätte die Beobachtung des Terraners auch einem Kollegen in der LFT-Botschaft überlassen können, das hätte ihr Zeit gegeben, ein wenig zu schlafen, aber Justin Time und die Entführung der Industriellentochter Tasmin Adrian war ihr Fall. Und Cassie Mercury pflegte nicht zu delegieren, was sie selbst tun konnte.
Müde rieb sie sich die Schläfen. Die rosa Kontaktlinsen hatte sie schon rausgenommen, Time war auf dieses Gimmick nicht angesprungen. „Justin Time ist gefährlich. Justin Time ist wichtig. Justin Time läßt sich nicht verarschen. Justin Time fällt nicht auf hübsche Titten und lange Beine rein“, äffte Cassie Subdirektor Zwei, Kerji Takano nach. Als wenn sie die Akte des Dienstleisters Time nicht gelesen hätte. Sie war ein Profi und brauchte keine neunmalklugen Ratschläge von Schreibtischhengsten. Irgendwie würde sie ihn um den Finger wickeln. Der Rest, die Befreiung von Tasmin Adrian und so weiter würde dann schon noch kommen.
In die Enge getrieben hatte sie Justin ja schon. Die von ihr lancierte Meldung in den örtlichen Medien würde den Wunderknaben schon noch unter Druck setzen. „Wieder aktivieren,“ murmelte Cassie. Der Syntron schaltete wieder auf Aufnahme.
„Time wird bald in Kontakt mit Bunner treten, den er auf eine mir unbekannte Art kontaktaaaaa! Was ist das denn? Syntron, wo ist das Satellitenbild?“
„Das Satellitennetz über Klein-Arkon wurde vor zehn Sekunden desaktiviert.“
„Desaktiviert? Es liegt keine Störung vor?“
„Negativ!“
„Ich brauche sofort eine Verbindung mit der LFT-Botschaft!“
„Hier LFT-Botschaft.“ meldete sich der Haussyntron.
„Cassie Mercury, Codename STRIKER, Authorisation Alpha. Codeschlüssel wird von meinem Syntron eingelesen.“
„Bestätigt. Du hast Zugriff auf alle Alpha-Einrichtungen der Botschaft, TLD-Agent STRIKER!“
„Ich brauche sofort eine Verbindung mit einem Satellitensystem Orbanas, dass ich auf Klein-Arkon ausrichten kann!“
„Entschuldigung, Agent STRIKER, aber diese Handlung würde gegen die Verträge Handel und Tourismus vom 14.06. 209 NGZ und Warenaustausch vom 29.4.1232 NGZ verstoßen. Ich kann diese Anordnung nicht ausführen.“
Cassie fluchte undamenhaft. Selbst einem Springer wäre die Schamesröte bei diesen Flüchen ins Gesicht geschossen. „Vermittle mich an den TLD-Bereich der Botschaft.“
„Der TLD-Bereich ist nicht besetzt.“
„Dann wecke jemanden, oder ich sorge dafür, dass du in einen Toaster eingebaut wirst!“ brüllte Cassie.
Ob es nun an der Dringlichkeit in ihrer Stimme lag, oder einfach daran, dass der Syntron kein Lust hatte Toaster – und nur noch Toaster -  zu steuern, kurz darauf meldete sich eine verschlafene Männerstimme. „Wer stört?“
„Agent STRIKER. Höchste Dringlichkeit.“
„Was kann auf diesem Dreckklumpen schon dringlich sein? Will jemand Gia de Moleon erschießen? Soll er doch. Vielleicht sieht ihre Nachfolgerin besser aus.“
„Jetzt hör mal zu, du Idiot. In diesem Moment entscheidet sich meine Karriere. Wenn ich aus dem aktiven Dienst ausscheide, nur weil du zu faul warst, aus dem Bett zu kriechen, sorge ich dafür, dass man dich auf das Hansekontor Fornax versetzt!“
„Isjaschongut. Also, was willst du, Agent STRIKER?“
„Ich brauche eine illegale Übernahme eines Satellitensystems über Orbana, mit dem ich Klein-Arkon beobachten kann.“
„Ja, ja“, murmelte die Männerstimme. „Das haben wir doch erst eingerichtet. Über Klein-Arkon, um Justin Time zu beobachten.“
„Ja, ich weiß. Das System wurde aber abgeschaltet!“
Die Männerstimme lachte leise. „Hat er dich auflaufen lassen? Armes Mädchen.“
Cassie wurde rot. „Hör mal, das mit Fornax kann ich immer noch regeln.“
„Hab´s verstanden“, kam der trockene Kommentar zurück. „Hm, wie wäre es mit Zalit Quarter? Gut? In neun Minuten hast du deine Verbindung, STRIKER. Aber laß dich nicht wieder von Time austricksen, hörst du? Nochmal stehe ich nämlich nicht auf.“
„Ha, ha, sehr witzig. Leg mir die Leitung ins STAR, wenn du fertig bist. STRIKER Ende.“
Jetzt hieß es warten. Mit ein bißchen Glück war Justin noch nicht weit gekommen und sie konnte seine Fährte wieder aufnehmen und... „Ups. Syntron, die letzten drei Minuten vom Protokoll löschen.“
DAS war nun wirklich das letzte, was man Gia de Moleon oder Subdirektor Zwei vorlegen sollte...
***
Lepso, 14.04.1282
Planetare Hauptstadt Orbana, Hotel STAR OF ARKON

Der Morgen hatte eigentlich sehr schön begonnen, fand Justin. Trotz der langen Nacht war er früh aufgestanden und hatte hervorragend gefrühstückt. Das war nämlich eine seiner Marotten. In seinem, nun, Beruf war der Dienstleister viel unterwegs, und nicht selten kam es vor, dass er sich binnen eines Monats an elf verschiedene Regionalzeiten anpassen mußte. Darum hatte er sich angewöhnt, wenigstens regelmäßig und gut zu essen, egal, wie spät es gerade vor Ort war. Besser hätte es gar nicht losgehen können.
Bis Henrik Bunner eintraf...
„Hy, ich bin Justin Time.“
„Ich weiß“, sagte der Oxtorner schlicht. Die Ruhe des Umweltangepaßten wirkte unnatürlich auf den Terraner. Äußerlich schien Henrik Bunner die Entführung und die schwere Verwundung verarbeitet zu haben, aber Justin war sich da nicht so sicher.
„Kommen wir gleich zur Sache. Ich brauche von dir ein paar Informationen, alles, was du den LFT-Leuten nicht gesagt hast.“
Noch immer starrte ihn Hendrik an, beinahe schien es Justin, als wäre der Oxtorner vor ihm ein schlecht programmierter DANIEL-Roboter. „Was willst du wissen?“
Der Terraner erschauerte. Selbst von einem Profi-Killer der Guardians war er eine wärmere Stimmlage gewohnt. „Hast du eine Ahnung, wer die Entführer waren?“
„Nein.“
„Ach komm, dein Chef hat doch bestimmt eine Menge Feinde. Einer von denen wird doch einen Nutzen daraus ziehen können, seine Tochter zu entführen.“
„Ja, er hat Feinde.“ Noch immer gab sich der Umweltangepaßte vollkommen emotionslos.
„Zum Beispiel? Die Erste Terranerin, Gia de Moleon, Imperator Bostich...“ Irrte sich Justin, oder hatte der Oxtorner leicht gezuckt, als er den Namen des Herrschers über das Kristallimperiums genannt hatte? „Also die Arkoniden.“ Das war ein Schuß ins Blaue.
Doch Henrik Bunner beherrschte sich diesmal.
„Genauer gesagt, die Aras. Oder doch die Springer? Komm schon, laß dir nicht jeden Wurm einzeln aus der Nase ziehen. Ich brauche Informationen. Viele Informationen.“
„Es könnten die Springer sein. Ein paar Geschäfte mit der Alcus-Sippe sind letztes Quartal geplatzt. Sie hatten Verbindungen mit dem arkonidischen Geheimdienst. Deshalb haben wir die Verträge eingefroren.“
Irgendwie überzeugte das Justin nicht. Der Oxtorner log und sprach die Wahrheit im gleichen Atemzug. Bloß, was war wahr und was gelogen? „So kommen wir nicht weiter, Henrik. Du mußt mir schon mehr sagen.“
Der Oxtorner verzog die Miene. „Wenn es nach mir ginge, würde ich mich dem Problem allein annehmen. Ich bin nur hier, weil mein Arbeitgeber es von mir verlangt.“
Das war zumindest ehrlich, fand Justin. „Okay. Ich habe bereits selbst einiges herausgefunden. Die Überreste der beiden Angreifer, die du erledigt hast, wurden analysiert. Ein Terraner und eine Akonin. Eine sehr ungewöhnliche Mischung. Beide im besten Alter, keine fünfzig Jahre. Lebten wahrscheinlich beide einige Zeit unter dem Licht der selben Sonne.
Die SERUNS, mit denen sie ausgerüstet waren, das waren übrigens Originale. Sie stammen vom Leichten Holk CHICAGO, der vor ein paar Jahren im Beta Albireo-System havariert ist. Außerdem weißt du besser als ich, dass deine Gegner trotz der feinen High-Tech bestenfalls drittklassig waren. Profis wären nicht so dumm vorgegangen. Hilft dir das irgendwie weiter, Henrik?“
Der Oxtorner sah ihn stumm an. Er faltete die Hände vor dem Gesicht, als überlege er. Plötzlich sprang er auf und war mit zwei schnellen Schritten beim verdutzten Dienstleiter. Justin fühlte sich an der Kehle gepackt und emporgerissen!
Die Finger des Umweltangepaßten gruben sich in Justins Hals, tiefer, immer tiefer. „Sag mir einen Grund, warum ich dich leben lassen sollte. Nur einen“, flüsterte Hendric gefährlich leise - selbst für einen Oxtorner.
„Ich kann sie retten“, krächzte der Terraner heiser. „Ich kenne diese Welt.“
Die Finger drückten noch etwas tiefer in das Gewebe des Terraners, dann ließ ihn der Oxtorner einfach fallen.
Hart schlug Justin auf dem Boden auf. Er hustete. „Bastard“, knurrte er den Oxtorner an, der sich über ihn beugte.
„Was weißt du noch über die Sache, Justin Time?“
„Zu wenig, sonst hätte ich eine Energiewand zwischen uns aufgebaut.“
„Okay, dann will ich dir ein paar Details erklären. Es dürfte dich nicht verwundern, wenn ich dir verrate, dass George Damin nicht sein ganzes Vermögen auf ehrliche Weise erworben hat. Er hat einige Jahrzehnte mit den Galactic Guardians Geschäfte gemacht. Das hat ihm ein Vermögen beschert. Mit diesem Geld investierte er in die arkonidische und die terranische Wirtschaft. Und heute ist er der Saubermann schlechthin.“
„Verstehe. Deshalb ist Damin bemüht, dass nichts über diese unwichtigen Geschäfte mit dieser unbedeutenden Randgruppe bekannt wird. Es könnte seinem Ruf schaden.“
Bunner nickte dazu. „Davon wollten die Guardians aber nichts wissen. Immerhin waren die Geschäfte gerade für sie lukrativ. Und jetzt haben sie das geeignete Mittel in der Hand, um Damin wieder dazu zu bewegen, Geschäfte mit ihnen zu machen.“
„Also die Guardians. Ich werde in dieser Richtung Erkundigungen anstellen. Danke, Henrik. Du hast mir sehr geholfen.“ Justin rieb sich die Kehle. „Sogar meiner Ader für Bescheidenheit. Ich melde mich bei dir, wenn ich etwas Neues weiß.“

Justin hatte noch nicht ausgesprochen, da war der Oxtorner bereits zur Tür hinaus. Ihm konnte es nur recht sein.
Seufzend massierte er seine malträtierte Kehle. Nur etwas stärker zugedrückt, und Justin wäre so tot, wie der Unither, der ihn gestern Abend hatte umbringen wollen.
Sollte er dem Oxtorner glauben? Einiges schien ins Bild zu passen, anderes nicht.
Bunner kochte sein eigenes Süppchen, davon war Justin überzeugt. Allein deshalb erwartete er nicht, dass der Oxtorner ehrlich gewesen war. Eine Lüge servierte man am besten mit einem Kern aus Wahrheit. Und Bunner hatte meisterlich gelogen.
Er ging ins Bad, um sich seinen Hals anzusehen. Die Finger des Umweltangepaßten zeichneten sich blau und violett auf der Haut ab. Ein Abdruck lag genau auf seiner Kehle. Wenn Bunner gewollt hätte, wäre es ihm ein leichtes gewesen, dem Terraner das Genick zu brechen oder den Kehlkopf einzudrücken.
„Was war wahr?“ murmelte Justin in Gedanken, während er eine Salbe auftrug, um die Haut zu beruhigen. „Die Sache mit den Guardians. Da bin ich sicher. Außerdem hängen die Arkoniden auch irgendwie mit drin. Und das nicht nur, weil Damin in die Orbanaschol-und Yolona- Werften investiert hat.
Was hat er mir noch verraten? Hm, vielleicht wollen die Guardians Papi wirklich wieder ins Geschäft drängen, dazu würden die SERUNS von der CHICAGO passen. Aber die haben bessere Leute als diese Amateure. Außerdem ist dieses Material sehr teuer, kaum zu ersetzen. Das opfert man nicht leichtfertig. Was ist mit den Springern? Da hat er auch drauf reagiert. Syntron?“
„Ja, Justin?“
„Ich möchte die Aufzeichnung des Gesprächs mit Henrik Bunner sehen.“ Justin kehrte in den Wohnraum zurück, orderte über den Servo plophosischen Kaffee und sah sich die Aufzeichnung an. Einmal, zweimal, dreimal...
„Die verdammten Springer hängen da mit drin. Aber wie?“
Die dritte Wiederholung. „Halt.“
Justin umrundete das Hologramm mehrmals, besah sich den lebensgroß dargestellten Oxtorner von allen Seiten. Dann stellte er sich neben seine eigene Projektion. „Weshalb ist er mir an die Kehle? Was war der Auslöser? Weiter, Syntron.“
Die vierte Wiederholung. Drittklassige Angreifer, Arkoniden, Springer, Leichter Holk CHICAGO, das waren die Worte bei denen Bunner reagiert hatte. Im Moment würgte das Hologramm des Oxtorners gerade sein Hologramm, und unbewußt massierte Justin seine Kehle.

„Das ist eigentlich nicht dein Auftrag, Justin Time. Du sollst nur Tasmin Adrian zurück nach Terra bringen. Warum ihr Vater Ärger mit den Guardians hat, geht dich eigentlich nichts an. Und auch nicht die Kontakte mit dem Kristallimperium. Das weiß dieser Okrillzüchter auch. Trotzdem stößt er dich mit der Nase auf die Guardians. Will er dich mit der Wahrheit ablenken, ans offene Messer liefern?
Aber auch das ist irrelevant. Du mußt die Frau finden, darauf kommt es an. Und deine heißeste Spur ist Arkon. Und die Springer.“
Justin nahm den Kaffee vom Servofeld entgegen und setzte sich. Der Syntron drehte das Holo so, dass er es von seinem neuen Platz bequem sehen konnte. „Noch mal abfahren, Syntron. Henrik Bunner, wieso habe ich nur das Gefühl, dass es mir an den Kragen geht, wenn ich die Hintergründe ignoriere? So oder so, du willst, dass ich verliere...“
***
Der Raumhafen Orbanas war nicht besonders groß. Es fanden gerade mal zehn Schiffe von der Größe der MERCUTIO darauf Platz. Was nicht besonders viel war, die MERCUTIO war ein Kugelraumer mit nicht einmal hundertzwanzig terranischen Metern Durchmesser.
Dennoch war das Warenaufkommen fast genauso groß wie auf Apas. Wenn man die illegalen Geschäfte und Schiebereien hinzurechnete. Die Galactic Guardians geizten leider bei der Veröffentlichung von Jahresbilanzen.
Apas war eine der größeren Blueshauptwelten. Sie lag im Bruttosozialprodukt der Galaxis auf Platz neunzehn, gleich hinter Plophos und Zalit.

Ein Großteil der Waren wurden noch im Orbit entladen und mit einer Armada an Fähren auf die Planetenoberfläche geschafft – oder umgekehrt.

Ebenso war die MERCUTIO. Äußerlich schien sie nichts herzumachen, aber wenn man sich mal an Bord richtig umschaute, konnte man das Fürchten lernen. Janners Schiff war einer der wenigen privaten Raumer, die mit einem Paratrongenerator ausgerüstet waren, und das war noch die harmloseste Spielerei an Bord.
Justins Blick glitt über die mattblaue Wandung der MERCUTIO. Auf diesem alten Seelenverkäufer hatte er schon eine Menge erlebt, gute und schlechte Dinge. Er hatte mit Janners und Dotsus Hilfe so manche Million gemacht. Und auch verloren. Es steckten viele Erinnerungen in diesem Schiff, einige waren dabei, die waren sogar älter als die elf Jahre, die Justin sich selbst zugestand.
Die Polschleuse fuhr auf. Ein Formenergieband bildete sich und stoppte direkt vor Justins Füßen. Willkommen an Bord, hieß das. Ein ehrliches Lächeln stahl sich auf Justins Züge, als er auf die Rampe stieg. Hier fühlte er sich wirklich willkommen.
In der Polschleuse erwartete ihn bereits Dotsu Villard. „Wo ist Janner?“
„Bin ich dir etwa nicht genug, Junge? Muß es denn immer gleich der große Boß sein? Nimmt mich denn hier niemand für voll?“ klagte der kleine Terraner, während die Polschleuse wieder zufuhr.
Justin kicherte leise. Der Stellvertretende Kommandant der MERCUTIO jammerte gerne. Das war ein Hobby von ihm, auf das nur Leute hereinfielen, die ihn gerade erst kennenlernten. Richtig Sorgen um ihn machte sich Justin erst dann, wenn er einmal nicht mehr jammerte.
„Er ist in der Kombüse und macht Pfannkuchen. Mit Ahornsirup. Ich hasse Ahornsirup.“
„Ich mag Ahornsirup“, beschwerte sich der Dienstleister.
„Ja, ja. Ich weiß. Zum Glück gibt es ja auch Erdbeermarmelade auf dem Schiff“, lamentierte Dotsu und watschelte neben Justin zum zentralen Antigravschacht. Von dort kamen sie direkt in die Zentrale.
„Janner ist drüben“, empfing sie Danica Cobra, die oxtornische Ortungsspezialistin mit einem Lächeln. Drüben hieß natürlich in der Messe, wo Janner nach Leibeskräften seine exzellenten Pfannkuchen briet.
Justin lächelte zurück und überlegte sich ernsthaft, ob Oxtorner und Terrys beim Sex nicht doch irgendwie kompatibel waren.

In der Küche erwartete ihn eine kleine Überraschung. Am großen Tisch saßen nicht nur Besatzungsmitglieder der MERCUTIO, neben Kari Lohtar, der olympischen Cheffunkerin hatte ein Arkonide Platz genommen, der Janners Pfannkuchen geradezu herunterschlang. Dabei machte er aber ein Gesicht, als würde man ihn zwingen, pures Gift zu verspeisen.
Ihm gegenüber hatte sich eine Ertruserin auf den Boden gehockt. Sie grinste den Terraner freundlich an, während fünf Pfannkuchen auf einmal in ihrem Rachen verschwanden.
„Das ist ja mal eine nette Überraschung“, meinte Justin und setzte sich an einen freien Platz. Janner schaufelte ihm zwei frischgemachte Pfannkuchen auf den Teller, Dotsu stellte ein Glas Ahornsirup daneben.
„Mikar Feretti kennst du ja schon, nicht?“ sagte Janner statt einer Begrüßung.
Justin nickte. „Wir hatten das Vergnügen, auf Aralon mal zusammenzuarbeiten.“
„Und das ist Toman Friers. Er...“
„Mit ihm habe ich auch schon gearbeitet. Auf Plophos. War eine interessante Sache. Es ging um gefälschte Creditchips.“
„Oh“, machte Janner nur.
Justin bediente sich und leerte fast das halbe Glas auf den beiden Pfannkuchen. Dann rollte er sie ein und zerteilte sie. Die einzelnen Stückchen spießte er mit der Gabel auf und verspeiste sie mit Genuß. „Janner, du bist ein Genie!“
„Das sagst du doch zu allen kochenden Kommandanten. Ich weiß es. Ich habe mich umgehört.“
Die Anwesenden lachten.
„Also, Justin, was liegt heute an?“
„Nun, Dotsu, ich wollte mir das neue Dechiffrierprogramm ansehen, dass du mir mitgebracht hast. Und danach habe ich eine Verabredung mit einem Informanten in der City. Er könnte mir einiges über meinen aktuellen Fall verraten.“
„Worum geht es diesmal? Klaust du wieder geheime Dateien aus der gatasischen Botschaft?“
„Habe ich das etwa?“ rief Justin entrüstet und legte treuherzig beide Hände auf die Brust.
„Hast du. Ich war schließlich dabei“, lachte die Ertruserin. „Also, Justin, wo hängst du dran?“
„Entführung.“
„Die vom zehnten?“ fragte der Arkonide tonlos.
„Vielleicht.“
„Hängt da was hinter?“ meldete sich Mikar wieder zu Wort.
„Wieso, Mikar, brauchst du einen Job?“
„Es gibt schlechtere Arbeitgeber als Justin Time.“
„Ich brauche tatsächlich ein Team. Sechs bis zehn Leute, die Erfahrung mit Kommandoeinsätzen haben. Von Janner bekomme ich die richtig guten SERUNS gestellt. Toman, bist du dabei?“
Der Arkonide sah auf. „Wieviel, Justin?“
„Gegner oder Galax?“
„Beides.“
„Genug.“
Friers seufzte. „Ich mache mit. Hab´ gerade nichts besseres vor.“
„Ich bin auch dabei, Schatzi.“
Justin verschlang den traurigen Rest seiner Pfannkuchen und strahlte über das ganze Gesicht. „Der Tag fängt sehr gut an, finde ich.“
„Hast du schon andere Leute engagiert?“ wollte Toman wissen.
„Ich habe Montracza gesagt, er soll sich mal nach ein paar alten Geschäftspartnern umsehen, aber bisher hat er noch nichts von sich hören lassen. Ich werde ihn gleich mal anrufen.“ Justin wischte sich den Mund ab und stand auf. „Entschuldigt mich, bitte.“
Der terranische Dienstleister verschwand in der Zentrale. Während Janner wieder eine Ladung Pfannkuchen auf die bereitgehaltenen Teller schaufelte, meinte Mikar Feretti: „Wird bestimmt Spaß machen. Ich erinnere mich an den letzten Einsatz mit Justin. Ich war zusammen mit Kendar-Sorgo in diesem abgesicherten Gebäude-“
„Den kenne ich. Topsider, fähiger Bursche!“
„Jedenfalls, wir waren drin, und es wimmelte vor Sicherheitsvorkehrungen, das war beinahe schon TLD-Standart, aber Justin lotste uns durch. Da standen wir nun, und... Na, was sagt das alte Grüngesicht, Justin?“
Mit blassem Gesicht ließ sich der Terraner in seinen Sessel fallen. Seine Hände zitterten leicht. „Hast du Whisky da, Janner?“
Der Kommandant der MERCUTIO sah ihn erstaunt an, nickte dann aber. Schnell holte er aus einem Schrank eine halbvolle Flasche Ferrol Single Malt hervor und goß dem Freund einen Dreifachen ein. Justin ergriff das Glas dankbar und trank es mit dem ersten Schluck halbleer.
„Montracza ist tot.“
„Was?“ entfuhr es Dotsu ungläubig.
„Tot, toter geht es gar nicht.“
„Aber wie?“ fragte der kleine Terraner aufgebracht.
„Woher soll ich das denn wissen?“ blaffte Justin gereizt. Er stand auf und goß den Rest des Whiskys die Kehle hinab. „Ich fliege ins Polizeihauptquartier. Mein Kontakt in der Pathologie wird mehr wissen.“
Mikar erhob sich halb. „Ich komme mit.“
Toman stand ebenfalls auf.
„Nein, Leute, ich fliege allein. Aber danke, dass Ihr mitkommen wollt.“
Justin warf Janner das Glas zu. „Danke für den Whisky. Das Vorjahr war nicht so gut wie dieser hier.“
„Pass bloß auf dich auf, du verrückter Hund.“
„Werde ich.“
Als Justin gegangen war meinte Dotsu: „Wieso habe ich das blöde Gefühl, ich sehe den Bengel zum letzten Mal? Janner, du kannst ihn nicht alleine gehen lassen.“
Der Hochgewachsene Raumfahrer nickte schwer. „Ihr könnt ihm nicht helfen, wenn er es nicht will. Ihr nicht.“
***
„Wo ist er?“, rief Justin, als er die Pathologie betrat. Hineingerannt kam war vielleicht die passendere Umschreibung.
Der alte Ara deutete mit seinen spindeldürren Fingern auf Kühlbox D4. Justin knackte das simple elektronische Schloß in zwei Sekunden und zog die Bahre heraus. Auf Terra oder Arkon, eigentlich auf jeder zivilisierten Welt, bewahrte man die Toten in Stasisfeldern auf, bis die Leiber eingeäschert, raumbestattet oder begraben wurden, wobei letzteres nicht nur moralisch fragwürdig sondern auch verdammt teuer war. Nur auf einem Hinterwäldlerplaneten wie Lepso wurden die sterblichen Überreste noch gekühlt, um sie vor der vorzeitigen Verwesung zu schützen.
Justin sammelte sich einen Moment und riß die weiße Decke herunter.
Das war Montracza. Sein Gesicht war unversehrt. Er hatte die Augen geschlossen, als schliefe er nur. Aber dagegen sprachen die vier handlangen Schnitte in Brust und Bauch. Der Dienstleister kannte sich gut genug im internen Organaufbau eines Überschweren aus, um zu sehen, dass jeder einzelne Schnitt, wenn er denn tief genug ausgeführt worden war nicht sofort zum Tode geführt hatte. Die oberen Schnitte hatten die Lungenflügel aufgeschnitten. Die unteren beiden die Leber zerteilt und die Gedärme durchtrennt. Justin kannte diese Form des Tötens. Er hatte sie mehr als einmal gesehen, seit er es mit den Galactic Guardians zu tun hatte. Auf diese Weise töteten einige besonders fanatische Gangster, die ihre Leben gerne ritualisierten ihre Verräter. Schön langsam und unter großen Schmerzen. Verdammt, die Guardians also. Aber warum? Und wie hatten sie es geschafft, den Polizeichef von Klein-Arkon zu töten? Montracza war ein erfahrener Fuchs gewesen, der Ärger schon auf tausend Meilen riechen konnte. Und: Hatte sein Tod mit Justins Fall zu tun?
Bedächtig griff Justin in seine Jacke und holte zehn violette Jetons hervor. Er legte sie zu der Leiche und schob sie wieder zurück in die Kühlkammer.

„Wo ist es passiert, Onkel Parraz?“
„Sie haben mir bei einer Razzia aufgelauert. War keine hübsche Sache.“
Justin fuhr herum. „Montracza! Verdammt, du lebst.“
Montracza kam durch die gegenüberliegende Wand. Ein Holo, wie Justin erkannte.
Der Überschwere sah erschöpft, aber wesentlich lebendiger als das Ding in der Kühlkammer aus. „Das würde die Schmerzen erklären“, scherzte er trocken.
Justin eilte auf den Polizeichef zu und drückte ihm die Hand. „Ich wußte doch, dass du dich nicht so schnell umbringen läßt.“
„Falsch, Justin. Ich bin tot. Ich liege da drin, in Kühlkammer D4.“
Der Terraner nickte verstehend. „Was war los? Hat es mit meinem Fall zu tun?“
Der Überschwere nickte grimmig. „Ja. Ich hatte eine Razzia im PLOPHOS NIGHT angesetzt. Der Besitzer war bisher immer sehr freundlich zu meinem Rentenfond, deshalb warnte ich ihn vor. Leider machte ich den Fehler, ihn nach einem deiner Geschäftspartner zu fragen. Als ich dann mit meinen Leuten ins NIGHT kam, wurden wir von Bewaffneten empfangen.“
„Es macht aber keinen Sinn, wenn du das NIGHT vorgewarnt hast“, murmelte Justin.
„Richtig. Aber wenn jemand etwas gegen dich hat, wenn er wirklich was gegen dich hat, könnte das reichen, um auch deine Verbündeten ausschalten zu wollen. Sie haben uns kalt erwischt, die Hälfte meiner Leute war schon tot, bevor ich überhaupt bemerkte, was los war. Sie trennten mich von den anderen und überwältigten mich. In einem Nebenzimmer führten sie den Leberschnitt und den durch den rechten Lungenflügel aus, bevor meine Jungs sich bis zu mir durchgekämpft hatten. Danach verließen wir das NIGHT auf den schnellsten Weg. Onkel Parraz war so freundlich, mir das Leben zu retten und den Dummi für mich zu präparieren. Ich wusste, dass er mir eines Tages nützen würde. Den Rest kannst du dir denken.“
„Ich verstehe. Die Guardians hatten dich einmal im Visir. Kann sein, dass sie es noch einmal versuchen.“
„Kann sein? Das ist eine Tatsache. Deshalb habe ich entschlossen, aus meinem Beinahetod einen richtigen zu machen.“
„Und was jetzt? Wo soll es hingehen?“
„Ich habe auf Olymp ein paar Konten mit Schwarzgeld. Alles in allem etwa neun Millionen Galax. Dann habe ich auf Epsal kürzlich ein Anwesen aus der Prä Monos-Zeit gekauft. Ich denke, ich werde dort für einige Zeit untertauchen.“
„Ich verstehe. Viel Glück, Montracza.“
„Justin, warte. Hör mir zu. Es geht einfach nicht, dass man so mir nichts dir nichts einen Bereichschef des Wohlfahrtdienstes in Orbana tötet. Es wirbelt selbst auf dieser Welt zuviel Staub auf. Derjenige, der meinen Tod befohlen hat, muß mächtig sein, mächtig genug, um die örtlichen Guardians dazu zu zwingen, die Verluste hinzunehmen, die sie jetzt haben werden. Nachdem einer ihrer Chefs getötet worden ist, werden die Polizisten in Orbana für ein paar Monate sehr hart durchgreifen, um sich den Respekt wiederzuholen, den sie durch den Mord verloren haben. Denn nur, wenn die Guardians sie respektieren, können sie einigermaßen normal leben.“
„Ich weiß.“
Montracza ergriff den Terraner am Arm, als dieser gehen wollte. „Justin! Sei nicht dumm! Da steckt irgend jemand mit einer Menge Galax hinter. Wenn er mich so ohne weiteres töten läßt, dann bist du auch nicht mehr als eine Fingerübung für ihn. Wenn ich du wäre, würde ich im STAR bleiben, bis meine Fähre kommt.“
„Aber Montracza. Du machst Dir doch nicht etwa Sorgen um mich?“
„Doch, verdammt. Ich dachte eigentlich, wir sitzen mal in hundert Jahren zusammen, trinken einen schönen selbstgebrannten Vurguzz und plaudern über alte Zeiten. Aber wenn du jetzt nicht verschwindest...“
„Ich habe bereits zuviel in die Sache investiert“, wehrte Justin ab.
Zögernd ließ der Überschwere den Arm des Teraners los. „Okay. Ich kann dir nicht mehr helfen, du Verrückter. Aber vielleicht hilft es dir, wenn ich dir sage, dass Yanzir Valgar und Kevis Fatanel in der Stadt sind.“
Justin sah zurück. Der Tentra-Blue und der Plophoser würden ihm eine große Hilfe sein.
„Du kannst sie auf dem üblichen Weg kontaktieren. Viel Glück, du Wahnsinniger.“
„Dir auch. Halte dir schon mal einen Termin in hundert Jahren frei. Ich bringe den Vurguzz mit.“
Er schüttelte dem Überschweren erneut die Hand und nickte dem Ara zu bevor er ging. „Die Jetons bei deiner Leiche sind für dich. Sollte eigentlich für dein Begräbnis sein. Nimm es als Grundstock für einen neuen Weinkeller.“
„Eines muß man dem Jungen lassen“, brummte Montracza, als Justin den Keller verlassen hatte. „Wenn er sagt, er gibt Dir zehntausend Galax, wenn du etwas für ihn tust, dann macht er es auch.“
„Ich mache mir Sorgen um Justin“, murrte Parraz leise. „Er ist einfach zu gutmütig für diesen Job.“
***
Es gab da ein paar Sachen, die haßte Justin wirklich. Spaghetti von Drorah gehörten dazu, auch dieser billige Vurguzz, den man in der BASIS eingeschenkt bekam. Und ach ja, in die Abstrahlmündung eines feuerbereiten Thermoblasters sehen zu müssen war auch eine dieser Sachen. Direkt vor ihm parkte ein Limousinenschweber mit abgedunkelten Fenstern. Eines dieser Fenster stand offen. Aus ihm ragte der Blasterlauf hervor. Das Ding zeigte genau auf seinen Kopf. Die Seitentür glitt auf. „Steig ein, Justin Time.“ zischte eine leise Stimme.
„Oh, wie schön, Ihr könnt ja reimen“, meinte Justin, als er einstieg. Für diesen dämlichen Spruch bekam er das Griffstück des Blasters in den Magen gerammt.
Der Terraner krümmte sich unter Schmerzen zusammen. „Bastard.“
Dafür bekam er den nächsten Hieb gegen die rechte Schläfe.
„Nicht zuviel. Wenn er zu sehr lädiert ist, macht der Cujo nur wieder Terz“, mahnte eine zirpende Stimme von vorne. Der Typ mit der Waffe brummelte etwas unverständliches und trieb den Kolben ein drittes Mal in Justin hinein.
„He, ich habe doch gar nichts gesagt“, beschwerte sich der Terraner.
„Das war ein Vorschuß“, brummte sein Gegenüber.
Nur langsam gaben die schmerzenden Muskeln nach und Justin konnte sich wieder aufrichten. Dabei besah er sich den Gleiter genauer. Der Innenraum war abgedunkelt. Er konnte von seinem Peiniger nicht mehr als einen Schatten erkennen. Der Umriß ließ Justin aber vermuten, es mit einem Normalsterblichen zu tun zu haben, einem Arkoniden vielleicht. Der Innenraum war schmucklos, die Sitze mit schneeweißem Kunstleder überzogen. Extras wie Visiphon oder TriVid gab es nicht oder war in den Polstern versenkt. Schade, einen Schluck aus der Bar hätte er jetzt gut gebrauchen können.
Natürlich hätte Justin jetzt die Anfängernummer abziehen können:
Wohin bringt Ihr mich oder Ich habe mächtige Freunde oder Das ist Freiheitsberaubung oder Ihr werdet nicht ungestraft davonkommen oder Wer ist Euer Auftraggeber bis hin zu Ich habe Geld.
Aber irgendwie war Justin nicht scharf darauf, noch ein paar schmerzhafte Schläge einzustecken. Der Gorilla vor ihm hatte nicht gerade die beste Laune und seine Rippen waren dem Dienstleister heilig. Also hielt er die Klappe und versuchte, den anderen nicht zu provozieren.
Die Tür wurde aufgerissen. Draußen stand ein Blue, vielleicht der Fahrer. Er hielt einen handlichen Desintegrator auf Justin gerichtet. „Wir sind da. Steig aus, Terry“, zwitscherte er.
Justin hatte nicht bemerkt, dass die Limousine gestoppt hatte. Er vermerkte das auf seiner internen Liste als: Keine Ahnung, wo ich bin. Wenn die Absorber der Limo so gut waren, konnte er ebenso gut im Zalit Quarter wie noch in Klein-Arkon sein.
Gehorsam stieg er aus. Im Moment konnte er gar nichts tun. Der Gleiter stand in einem geräumigen Hangar. Justin merkte sich die Positionen der Tore und ihrer Bedienungselemente für den Notfall, falls es ihm gelang zu verschwinden und es schnell gehen mußte. Die beiden Typen – der andere war ein Springer, wie Justin jetzt erkannte – trieben ihn auf eines der Tore zu. Dahinter lag ein Antigravschacht. Der Blue sprang zuerst hinein und wurde vom schwachen Antigravitationsfeld nach oben getragen. Ohne zu zögern sprang Justin hinterher, denn die Transportmedien dieses Beförderungsmittels pflegten keine ethnischen Unterschiede beim Transport ihrer Benutzer zu machen.
Hinter ihm stieg der Springer in den Schacht. Oben am Schachtende drückte ein sanftes Prallfeld den Terraner durch den Ausgang. Äußerst sanft kam Justin auf die Füße. Der Blue erwartete ihn bereits und wunk ihn mit den Strahler weiter, damit sein Kamerad den Schacht ebenfalls verlassen konnte. „Weiter. Weiter.“
Sie führten ihn durch einen schmalen Korridor. Alle fünf Meter zweigte eine Tür ab. Das Ganze machte auf Justin den Eindruck eines Archives oder eines Magazins. Der Korridor endete schließlich vor einer Tür. Sie öffnete sich vor den dreien und der Blue winkte ihn durch.
Der Raum war in Finsternis gehüllt. Lediglich an der gegenüberliegenden Wand war ein schwacher Lichtschein. Vor diesem Schein war der Umriß eines Sessels zu sehen, in dem jemand saß. Ein Lemurerabkömmling wahrscheinlich, denn die Silhouette eines Blues war eben doch zu typisch, als dass er sie nicht erkannt hätte.
Vor dem Terraner bildete sich ein Sessel aus Formenergie. „Setz dich, Junge“, sagte der Unbekannte.
Justin nahm Platz. Direkt hinter ihm postierten sich der Springer und der Blue.
„Sicher fragst du dich, weshalb du hier bist. Sicher fragst du dich, wo du bist. Und garantiert fragst du dich, wer ich bin.“
„Monos?“ witzelte Justin.
Sein Gegenüber lachte laut. Es klang etwas verzerrt. Also, schlussfolgerte der Terraner, wurde die Stimme des Unbekannten mit syntronischer Technik entfremdet. Justin hielt es für möglich, dass er den Fremden kannte. Doch ein Gutes hatte diese Erkenntnis. Niemand machte sich die Mühe, seine Stimme zu verstellen, wenn es unnötig war. Sie hatten nicht vor, ihn zu töten, das fand Justin sehr beruhigend.
„Nein“, meinte der Unbekannte leise, „so harmlos bin ich nicht.“
Justin verzog die Miene. Er hatte ja schon einige Großkotze und Aufschneider erlebt, aber dieser schien in seiner persönlichen Top Ten der Superangeber unbedingt auf Platz eins kommen zu wollen.
„Was willst du?“ schnarrte Justin. Es klang scharf. „Ich werde doch nicht direkt vor einem Polizeirevier entführt, um mir deine Prahlereien anhören zu müssen.“
Wieder lachte der Unbekannte. „Da hast du Recht. Du hast Montracza besucht, nicht wahr? Ist dir aufgefallen, wie er gestorben ist?“
Der Terraner lachte gehässig. „Kommt jetzt die Stelle, wo du mir damit drohst, dass ich ebenfalls so sterben werde, wenn ich nicht tue, was du sagst?“
„In der Tat, so hatte ich mir das gedacht. Du verdirbst mir wirklich den Spaß, Justin Time.“
„Also, du drohst mir. Aber warum? Warum wird der Polizeichef von Klein-Arkon getötet, warum ich entführt? Was soll ich lassen und wer verbietet es mir?“
„Laß die Finger von der Adrian-Entführung, kleiner Mann von Terra. Die Sache ist viel größer, als du ahnst. Sehr viel größer, als du bewältigen kannst. Steig ins nächste Schiff nach Terra und laß dich hier die nächsten zehn Jahre nicht mehr blicken.“
Sie wollten ihn tatsächlich nur einschüchtern. Das hatten die Unbekannten recht eindrucksvoll begonnen, indem sie seinen ältesten Vertragspartner auf Lepso liquidiert hatten – oder es zumindest glaubten.
Justin stand auf. Sofort legte der Springer seine Rechte auf die Schulter des Terraners, um ihn wieder in den Sessel zu drücken, doch Justin glitt unter der Hand hervor.
„He!“ gellte der Ruf des Blues in seinen Ohren, als er drei schnelle Schritte auf den Schreibtisch zumachte.
„Wenn Justin Time einen Auftrag annimmt, dann führt er ihn auch aus. Du wirst mich schon töten müssen, um mich daran zu hindern.“
Der Unbekannte am Schreibtisch war gut zwei Köpfe größer als der Terraner, und wenn er es genau betrachtete, war sein Kreuz auch um etliches breiter.
Der Fremde stand auf. „Danke, das ist sehr nett von dir. Deine Sturköpfigkeit erlaubt es mir jetzt, dich zu liquidieren.“ Der Fremde kam um den Schreibtisch herum. Dabei wurde sein Gesicht von den hinter dem Sessel montierten Scheinwerfern teils aus der Finsternis gerissen. Justin kannte den Kerl da nicht, aber eines war klar, jetzt, wo er das Gesicht dieses Galactic Guardian gesehen hatte, würden sie ihn nicht mehr am Leben lassen.
„Time is up, Justin Time“, lachte der Fremde.
Justin hätte den Ertrag von vier Aufträgen verwettet, dass der Fremde ein Ertruser war. `Sie wollen dich nicht töten, ja?´ dachte Justin ernüchtert. `Aber du hast den kleinen Fauxpas wieder geradegebogen.´
Ertruser waren bekannt für ihre Schnelligkeit und für ihre übermenschliche Kraft. Einen Ertruser zu töten war schwer, ohne die richtige Ausrüstung beinahe unmöglich. Bisher hatte Justin es auch noch nie probiert, geschweige denn versuchen müssen. Aber dieser hier machte ernst. Justin griff in die Innentasche seiner Jacke, zog das kleine Etui mit den Kapseln heraus. Er aktivierte eine von den Gelben und preßte sein Gesicht in die linke Armbeuge, während seine Rechte die Kapsel hielt. Kurz darauf wurde er fast von einem gleißend hellen Licht geblendet, der Blue brüllte vor Schmerz, dass seine Stimme in den Ultraschallbereich abdriftete und der Springer sagte gar nichts.
Das laute Fluchen schien vom Ertruser zu stammen. Lautstark genug für einen Umweltangepaßten war es jedenfalls.
Justin öffnete die Augen, die sich nur langsam wieder an die Dunkelheit gewöhnten. Er nahm eine rote Kapsel aus dem Etui und legte sie auf den Schreibtisch. Der Umweltangepaßte brüllte noch immer. Er würde nicht einmal einen Meter von der Kapsel entfernt sein. Justin trat zurück, bis er gegen eine Wand lief. War es eine Außenwand oder trennte sie nur von einem anderen Raum? Egal. Eine blaue Kapsel. Er heftete sie an die Wand. Beinahe sofort entstand eine meterhohe grüne Kugel, die das Wandmaterial in Plasma zerstrahlte. Noch bevor sich der ätzende Dampf der aufgebrochenen Moleküle verzogen hatte, warf sich Justin durch die Öffnung und versuchte, so weit weg wie möglich zu kommen. Hinter ihm erscholl ein leises Zischen, gefolgt von einem Schrei, der so unmenschlich war, dass der Terraner vor Entsetzen stehenblieb. Wer schreien konnte, hatte überlebt. Dieser verdammte Ertruser war aber auch zäh. In das Brüllen mischte sich das Geräusch von Stiefeln. Die Verstärkung kam heranmarschiert. Justin legte noch eine von den blauen Kapseln aus und schmolz sich durch die nächste Wand. Dabei wurde auch ein Teil des Fußbodens aufgelöst, gerade soviel, dass er hindurchspringen konnte, ohne die Ränder berühren zu müssen. Die meisten Lemurerabkömmlinge dachten gerne nur auf zweidimensionalen Ebenen. Justin war bereit, den Lohn für seinen jetzigen Auftrag zu verwetten, dass mindestens die Hälfte seiner Verfolger ihn immer noch auf der oberen Etage vermutete.
Der Aufprall war hart, obwohl sich der Terraner abrollte. Er hatte sich den linken Knöchel verstaucht, im schlimmsten Fall angebrochen. Aber es reichte, um fortzuhumpeln. Die blauen Kapseln waren nun alle. Justin erinnerte sich, die anderen sieben hatte er auf Plophos verbraucht und vergessen, sie wieder nachzufüllen. Mit der roten Kapsel den Weg freizusprengen war etwa so sinnvoll wie mit einer Transformkanone auf Swoons zu schießen.
Wo war er jetzt überhaupt? Das Ganze sah nach einem Magazin aus. Keine Fenster, nur schwache Beleuchtung. Eine Tür, die wahrscheinlich auf den Gang hinausführte. Sie war nicht gesichert. Justin drückte auf das kleine Wärmeschloß. Problemlos glitt sie auf und ließ ihn passieren. Was nun? Mit etwas Glück hatten sie ihn noch nicht entdeckt. Mit etwas mehr Glück schaffte es Justin, das Gebäude lebend zu verlassen.
Der Terraner stürzte den Gang hinunter zum Antigravschacht. Der schien der einzige Weg nach unten zu sein. Justin holte seine Sonnenbrille und eine Mikrosonde hervor und ließ die Sonde in den Gang fallen. Tatsächlich, ganz unten stand ein Unither Wache. Sah nicht besonders stark aus, den konnte er schaffen. Justin stürzte sich kopfüber in den Schacht. So trug ihn das Antigravfeld hinab. Das war zwar unbequem, wurde für den Unither aber zu einer bösen Überraschung – wenn dem Terraner wieder die sieben Punkte im Rücken eines Unithers einfielen, die man schlagen mußte um ihn auszuschalten oder zu töten. Manchmal war das TLD-Training doch ganz nützlich.
Als dann sein Kopf den oberen Rand des Ausstieges erreichte, ging es ganz schnell. Ein gut gezielter Schlag auf die Höhe des fünften Wirbels, und der Unither stürzte aufgrund des Nervenschocks bewußtlos zu Boden.
Justin glitt aus dem Schacht, blieb aber am Boden. Mit der Zoomfunktion seiner Brille suchte er die Tiefgarage nach potentiellen Gegnern ab, während er die Waffe des Bewußtlosen an sich nahm. Dann nahm er eine der roten Kapseln, aktivierte sie und warf sie in das Antigravfeld. Sie würde auf der Höhe des obersten Stockwerks detonieren. Viele Gleiter waren nicht abgestellt, die Limousine, mit der er hergebracht worden war und ein paar Sportschweber. Weitere Wachen entdeckte er nicht.
Was jetzt? Hatte er die Zeit, einen der Gleiter zu knacken? Oder sollte er zu Fuß fliehen?
Plötzlich barst das Tor vor ihm und ein schneller Sportgleiter raste durch den Trümmerregen herein. Die blonde Fahrerin zielte mit einem mittelschweren Desintegrator durch das Beifahrerfenster und gab ein paar gezielte Schüsse in den Hintergrund der Halle ab.
`Also doch Wachen!´ durchfuhr es Justin.
Cassiopeia Mercury stieß die Beifahrertür auf und brüllte: „Worauf wartest du noch, Justin Time?“
Der Terraner sprang auf und schlug einen Haken, um Cassie ein freies Schußfeld auf den Antigravschacht zu gewähren. Mit einem gewagten Satz sprang er auf den Beifahrersitz und raunte: „Wird aber auch Zeit.“
Verdutzt sah sie ihn an, während sie auf einen Überschweren schoß, der sich gerade aus dem Antigravschacht schwang. „Wie?“
In diesem Moment explodierte Justins rote Kapsel. Die Energie der Explosion kam sogar den Schacht herab und umtoste einen Terraner, der gerade mit einem schweren Impulsblaster auf sie zielte. Er hatte nicht einmal Zeit zu schreien.
„Los! Los! Los!“ brüllte der Dienstleister.
Cassie aktivierte den Gleiterantrieb und schoß aus dem Hangar heraus.

„Ein Glück, dass ich noch in Klein-Arkon bin. Sonst hättest du mich nicht so schnell gefunden.“
„Wie?“ fragte Cassie verwirrt.
„Ach, komm schon, du hast mich doch die letzten Tage per Satellitennetz verfolgen lassen. Du wußtest immer, wo ich war. Und du hast mitbekommen, dass ich entführt wurde. Wenn du mich so schnell hast retten können, muß ich noch in Klein-Arkon sein. Da, die Corada-Avenue.“
Cassie bob scharf auf die Corada ein. Justin wurde gegen die Kabinenwand gepreßt. Sie nahm sofort die nächste Abfahrt die Zehn Herzen für Arkon runter und bog von dort auf die Hochstraße ein, die sie zum STAR OF ARKON brachte.
„Okay, ich war´s. Ich habe das Satellitensystem auf dich angesetzt. Na und? Du wärst jetzt tot, wenn ich es nicht getan hätte!“
„Ich weiß“, erwiderte Justin ruhig.
Cassie beschleunigte auf das Höchstlimit und überließ den Gleiter dem Verkehrsleitsyntron. „Du hast gewußt, dass ich komme? Du hast dich auf mich verlassen?“
Justin nickte.
„Und was jetzt, Justin Time?“
„Nachdem du mich gerettet hast, just in Time, bin ich dir wohl einen Gefallen schuldig. Wenn ich Tasmin Adrian befreie darfst du dabeisein. Ich schicke dich dem Einsatzteams mit und du erntest den Ruhm in deiner Abteilung. Komm schon, Cassie, ein besseres Angebot bekommst du von mir nicht.“
„Tasmin Adrian wird nach ihrer Befreiung in meine Obhut überstellt?“
„Wir werden sie zusammen nach Terra bringen. Immerhin hängte eine Menge Geld davon ab, dass ich sie selbst heil nach Hause bringe.“
„Einverstanden. Und, hast du schon eine Ahnung, wo man sie gefangenhält?“
„Habe ich“, sagte der Dienstleister und nickte bestätigend.
„Und wo, wenn ich fragen darf?“
„An einem Ort, an dem ich schon von Anfang an hätte suchen sollen...“
***
Zwischenspiel III
Man konnte von den Galactic Guardians sagen, was man wollte, sie besaßen eine hervorragende Infrastruktur. Dazu gehörten auch einige gut bestückte illegale Medozentren, die so gut ausgerüstet waren, dass man versucht war, sich in die Betriebskrankenkasse der Guardians einzukaufen. In Orbana gab es zwei größere und ein kleines, spezialisiertes, Guardians-Medocenter. Dort verstanden sich die illegal arbeitenden Ara-Mediker vor allem auf Brandwunden. Doch ihre Arbeit umfaßte nicht nur deren Beseitigung. Einige der Arkonabkömmlinge mit den kegelförmigen Köpfen verstanden sich auch auf deren äußerst schmerzvolle Verursachung.
Im Moment aber kümmerten sich die drei Ärzte um die Beseitigung von Brandwunden.
Sie hatten elf Patienten eingewiesen bekommen, vier waren mittlerweile verstorben, obwohl die Ärzte alles getan hatten, um ihnen noch das Leben zu retten. Denn wer sich den Guardians verschrieben hatte, der legte nicht nur seine Tatkraft in die Hände dieser Verbrecherorganisation, sondern auch seine Gesundheit. Um jeden wurde verbissen gekämpft, niemand wurde aufgrund einer Kosten-Nutzenrechnung aufgegeben. Ein Umstand, der den normalen Galactic Guardian für seine Führer vereinnahmte.
Einer der Patienten der Aras war Ertruser. Seine Haut war komplett verbrannt worden, sein Gesicht hatte es weggefegt, den Sichelkamm verbrannt. Die wenigen Metallgegenstände, die er bei sich getragen hatte, waren nun tief ins Fleisch gebrannt. Die Ärzte hatten ihm den rechten Arm abnehmen müssen, außerdem über vier Zentner nekrotisches Muskelgewebe über Bauch und Brust. Die Finger der anderen Hand waren auf ein Viertel geschrumpft, seine Augen geplatzt und verdampft. Er bot einen mitleiderregenden Anblick, wie er so hilflos im Plasmatank lag, nur von der nährstoffreichen Lösung und einem Dutzend Schläuchen am Leben gehalten.
Ein schlanker Arkonide betrat den Behandlungsraum. Die Ärzte erschraken, als sie den Eintretenden erkannten und legten vorsichtshalber die Hände auf ihre Gesichter, um dem Arkoniden ihre Demut zu versichern.
Der Fremde mit den tiefroten Augen trat nahe an den Tank heran. „Wird Adrean es überleben?“
„Er hat sehr viel Glück gehabt, Erhabener“, sagte der ranghöchste Arzt hastig. „Die Explosion hätte ihn mit Sicherheit getötet, wenn er nur einen halben Meter näher am Expansionsherd der Thermitgranate gestanden hätte. Mirgür und Kallade, die den Terraner Justin Time in Adreans Büro gebracht haben, standen dreimal so weit entfernt. Wir mußten Mirgür das vordere Drittel seines Tellerkopf abnehmen. Kallade hat den Feuersturm nicht überlebt.“
„Danke, aber das Schicksal der beiden interessiert mich im Moment nicht. Kann ich mit Adrean sprechen?“
„Oh, sicher, sicher, Erhabener. Wenn Ihr es wünscht, etablieren wir eine syntronische Vernetzung mit seinem Neuralsystem“, sagte der Ara zuvorkommend.
„Ich wünsche es. Ist er bei Bewußtsein oder muß er dafür geweckt werden?“
„Er ist bei Bewußtsein, Erhabener. Aber er steht im Moment unter starken Schmerzmitteln.“
„Ich verstehe“, sagte der Arkonide und grinste blaß. „Reduziere die Dosis des Schmerzmittels auf einen Wert, der es mit ermöglicht, mit ihm ein sinnvolles Gespräch zu führen.“
„Er wird dadurch große Schmerzen haben, Erhabener“, wagte es der Ara einzuwenden.
Der Arkonide starrte ihn durchdringend an und dem Arzt wurde bewußt, dass in diesem Moment über sein Leben entschieden wurde. Hastig schlug er die Hände wieder in der Geste der Demut vor sein Gesicht.
„Ich werde mich kurzfassen“, knurrte der Arkonide schließlich.
Das war ein Zugeständnis an den Einwand des Aras, erkannte dieser und verbeugte sich so tief er konnte. Sich immer noch verbeugend schlich er rückwärts bis zur Schaltkonsole des Plasmatanks. „Jawohl, Zhdopandi. Jawohl.“
Nachdem der Ara ein paar Schaltungen an den Sensoren des Tanks vorgenommen hatte, etablierte sich vor dem Arkoniden ein Akustikfeld. Das erste, was er vernahm, war ein langgezogenes Stöhnen.
Fragend sah er zum Ara herüber, der bedeutete ihm mit einer Geste, dass Adrean ihn nun verstehen konnte.
„Adrean, hier ist der BereichsChef Lepso!“
„Erhabener! Ich kann alles erklären! Ich...“
„Schweig und hör mir zu. Du hast dich grob fahrlässig verhalten. Dein Auftrag lautete, Tasmin Adrian wiederzufinden, nachdem Henrik Bunner sie verloren hatte. Aber was machst du? Spielst mit diesem Terraner herum. Erst dieser Attentatsversuch vor dem HIGHLIGHT. Was hast du dir dabei bloß gedacht? Der Mord hätte uns nur den TLD auf den Hals gehetzt.
Dann der Mord am Polizeichef von Klein-Arkon. Mußt du wirklich den gesamten Wohlfahrtsdienst Orbanas bloßstellen, nur um diesen Dienstleister einzuschüchtern?“
„Erhabener“, wagte es der Ertruser, dem Arkoniden ins Wort zu fallen, „Justin Time war auf der Suche nach Tasmin Adrian, ebenso wie wir. Was, wenn er uns zuvorgekommen wäre? Noch einmal hätten wir sie nicht von Terra entführen können. Justin ist in diesem Fall unser direkter Konkurrent, und die logische Schlußfolgerung ist doch, ihn auszuschalten.“
„Ich gebe dir recht, das ist die logische Schlußfolgerung. Aber du hast die Sache maßlos übertrieben, Adrean. Du hättest versuchen können, den Terraner zu bestechen. Oder du hättest unsere Leute in der Stadtverwaltung auffordern können, Justin auszuweisen. Irgendeinen Vorwand hätten die schon gefunden. Aber nein, du mußtest ja unbedingt den großen Cujo markieren. Montracza stand auf unserer Lohnliste, das weißt du. Und das Schlimmste ist, du hast Justin Time nicht nur entführt und in dein Hauptquartier bringen lassen, du hast ihn auch noch entkommen lassen.
Seit zwei Stunden wimmelt es dort von Ordnungskräften. Die sind natürlich nicht gut auf uns zu sprechen, weil wir den Status Quo mit ihnen gebrochen haben. Wir haben gerade Material im Wert von einigen Milliarden Galax verloren. Zum Glück gelang es uns noch, deinen Syntron zu vernichten. Wenn ihnen diese Daten in die Hände gefallen wären, hätten wir ein Drittel unserer Geschäftseinnahmen auf Lepso verloren. In dem Fall hätte ich dich an deinen Verbrennungen verecken lassen, Adrean.“
„Heißt das, ich bekomme eine zweite Chance?“
Der Arkonide lachte gehässig. „Ich gebe die Befehlsgewalt in die Hände von Henrik Bunner. Er wird sich um die Angelegenheit mit Tasmin Adrian kümmern. Und zwar nur um Tasmin Adrian. Ich selbst werde einige Zeit nicht auf Lepso sein. Wenn wir Tasmin durch deine Fehler verlieren, ist unser Sleeper-Projekt sehr gefährdet. Unsere Partner im Kristallimperium werden darüber nicht sehr erfreut sein. Also kümmere ich mich selbst darum. Wenn ich wiederkomme, will ich, dass Frieden zwischen uns und dem Wohlfahrtsdienst herrscht. Schaffst du das nicht, werden dir unsere Ärzte beweisen, dass sie Brandwunden nicht nur heilen können. Verstanden?“
„Ja, Erhabener“, sagte der Ertruser matt.
„Gut. Enttäusche mich nicht noch einmal.“ Der Arkonide verließ den Raum wieder, sehr zur Erleichterung der Aras. Sofort wurde die Betäubungsdosis für den Ertruser wieder hochgefahren, um den Heilungsprozess zu beschleunigen. Ein kalter Schauer rann dem Ranghöchsten über den Rücken, als er daran dachte, dass er vielleicht bald gezwungen sein würde, den Körper zu entstellen, den er gerade erst geheilt hatte.
Auf dem Gang vor dem Krankenzimmer erwartete der Oxtorner Henrik Bunner den Arkoniden. „Erhabener?“
„Adrean hat ein paar schlimme Fehler begangen. Vielleicht habe ich das auch, als ich ihm erlaubt habe, die Angelegenheit zu regeln. Er hat sich zu sehr auf diesen Justin Time konzentriert.“
„Verständlich. Time hat eine beeindruckende Karriere hinter sich.“
„Ich werde heute aufbrechen, um das Sleeper-Projekt persönlich zu überwachen. Kümmere du dich bitte wieder um Tasmin Adrian. Mach aber nicht den gleichen Fehler wie Adrean und spiel mit diesem Terraner herum.“
Der Oxtorner mit dem für sein Volk untypischen weißen Haupthaar grinste wölfisch. „Nicht doch, Erhabener. Ich habe nicht vor, Justin Time zu behindern. Jedenfalls nicht, bevor er nicht Tasmin Adrian für mich gefunden hat.“
***
Lepso, 15.04 .1282
Raumhafen von Orbana
Das Team war beisammen. Sechs waren es insgesamt, alle hatten sie Erfahrung im Umgang mit HighTech-SERUNs und kämpften nicht das erste Mal. Justin kannte sie alle persönlich, den einen mehr, den anderen weniger, mit allen hatte er mindestens einmal zusammengearbeitet. Einer wurde steckbrieflich im Hoheitsgebiet der LFT gesucht, einer stand auf der Abschußliste der Galactic Guardians, ein anderer hatte sich bei den Akonen unbeliebt gemacht... Allesamt keine unbeschriebenen Blätter, aber allen war eines gemeinsam. Irgendwann waren sie von ihren Dienstherren einmal tüchtig verarscht worden, seitdem arbeiteten sie auf eigene Rechnung. Bis auf die hübsche und brandgefährliche Cassie Mercury natürlich, die immer noch glaubte, der TLD wäre die heilige Kuh des Universums, unfehlbar und reinweiß wie die Weste eines Haluters.
Justins Blick blieb auf der Person ganz rechts ruhen, die sich in ihren Formenergiesessel lümmelte und nicht eine Sekunde aufmerksam zu sein schien.
„Am besten beginne ich damit, die einzelnen Mitglieder des Einsatzkommandos vorzustellen! Yanzir Valgar, Tentra-Blue. Erfahrung: Zwanzig Jahre Einsatzoffizier der WAHRHEIT VON GATAS, dem ehemaligen Flaggschiff der gatasischen Regierung. Er hat sich einen Namen als Spezialist für risikoreiche Einsätze gemacht und leider bei einem dieser, ah, Unternehmen ein Komplott der Tentra-Blues gegen Gatas aufgedeckt. Seitdem ist er, nun, heimatlos und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs wie diesem durch!“
Justin nickte der Person neben dem Blue zu. „Mikar Feretti, unschwer als Ertruserin zu erkennen. Erfahrung: vierzig Jahre lang Hanse-Spezialist. Ihr Fehler ist, dass man ihr einen politischen Mord für die LFT nachweisen konnte. Deswegen wurde sie vom HQ entlassen und aus dem Hoheitsgebiet der LFT verbannt. Ich denke, es ist überflüssig zu erklären, dass der Mord von höchsten Regierungskreisen angeordnet worden war!
Toman Friers, Arkonide. Erfahrung: Fünf Jahre Dienst in einem Einsatzkommando des Geheimdienstes des Kristall-Imperiums. Hat einmal einen Befehl nicht ausgeführt und wurde dafür verknastet. Die IPRASA hat ihn befreit, aber diese Organisation war kein rechter Ersatz für seine ehemalige Loyalität dem Imperium gegenüber. Seitdem ist auch er ein Gelegenheits...nun, Arbeiter trifft es wohl.“
Ein lautes Grummeln erinnerte Justin an Nummer vier. „Latrayczer, Überschwerer. Erfahrung: elf Jahre Undercover für den Geheimdienst Paricza. Man hatte versucht, ihn als Agenten in die Galactic Guardians einzuschleusen. Dort hat er vier Jahre gehockt und ein paar äußerst wichtige Details erfahren, bevor ihn sein eigener Vorgesetzter verraten hat. Er kam nur knapp mit dem Leben davon.
Kevis Fatanel, Plophoser. Erfahrung: Wirtschaftsspionage im Akon-System. Drei Jahre lang haben sie ihn nicht erwischt. Dann ließ ihn sein Auftraggeber fallen. Seitdem trifft man ihn im Akon-System nicht mehr an!“
„Sehr witzig, Justin“, erwiderte Kevis gehässig.
Justin winkte ab und deutete auf den letzten Anwesenden.
„Cassie Mercury, Terranerin. Sie ist eine TLD-Agentin im aktiven Dienst, und ich bin leider gezwungen, sie an diesem Einsatz teilhaben zu lassen, damit der TLD uns gewähren läßt. Erfahrung: zehn Jahre Einsatz-Kommando des TLD. Vier Auszeichnungen!“
War die blonde Agentin zuvor noch mißtrauisch beäugt worden so mischte sich jetzt immer mehr Interesse darunter. Justin jedenfalls erkannte seine Okrills am Niesen und wußte genau, dass sich dieser Haufen schon irgendwie zusammenraufen würde.
„Beginnen wir. Ich habe lange darüber nachgedacht, wo sich Tasmin Adrian, unser Suchziel befinden könnte, bis mir die Erleuchtung kam. Sie befindet sich an einem Ort, wo man sie jederzeit fortschaffen kann, der aber dennoch unauffällig genug ist, dass man ein paar Tage gefahrlos hinter sich bringt, ohne groß aufzufallen.“
„Der Raumhafen“, meinte Mikar Feretti grinsend.
Justin lächelte der Ertruserin zu. „Genau. Der Raumhafen. Der Rest war ein Kinderspiel. Es liegen derzeit nur sieben Schiffe außer der MERCUTIO hier unten und davon drei seit dem Zehnten, dem Tag der Entführung. Ich mußte mich also nur in die Sensorenlogs des Hafens hacken, um herauszufinden, wo Tasmin Adrian gefangengehalten wird. Die Methode war einfach. Jedes gelandete Schiff faßt beinahe automatisch frisches Wasser und recycleten Sauerstoff und läßt sich, soweit Anschlüsse vorhanden sind, vom Raumhafen mit Energie und Wasser versorgen. Alles, was ich jetzt noch zu tun hatte, war, den Wasserverbrauch jedes einzelnen Schiffes zu anlysieren. Statistisch gesehen verbraucht ein Blue pro Tag genau null komma acht Liter Wasser, ein Ertruser siebzig und ein Terraner zwanzig. Anhand der Mannschafts- und Passagierlisten errechnete ich den Soll für jedes Schiff und verglich ihm mit dem tatsächlichen Verbrauch. Wenn man gewisse Toleranzen wie Surats, die sich nie waschen und eine Mannschaft, die kollektiven Badetag hat abrechnet kommt man zu der Erkenntins, dass sich auf einem Schiff mehr Terraner befinden als der Kapitän angegeben hat. Dieses Schiff ist die Springerwalze MARIVA III.
Nachdem ich wußte, wo sich Tasmin befand, war es eine Sache von Stunden, mehr über das Schiff herauszufinden und die Besatzung einzuschätzen.
Die MARIVA III wird in genau zwei Stunden und zehn Minuten terranischer Standartzeit starten. An Bord befinden sich laut meinen Quellen vierzig gut ausgebildete Infanteristen, allerdings ohne Einsatzerfahrung. Vorsicht, sie verfügen über SERUNs mit Paratron-Schirmen. Es sind Hanse-Originale, also spekuliert nicht darauf, dass ihnen im Gefecht die Energieerzeuger zusammenbrechen. Das Schiff selbst sollte uns keine Probleme bereiten. Es ist stark unterbewaffnet und hat eine reguläre Besatzung von sechzig Mann. Jeder von uns sollte sich in der vierhundert Meter langen Springer-Walze problemlos zurechtfinden. Die MARIVA III wurde vor einem Jahr auf Olymp baulich verändert, meine Quellen auf der Freihandelswelt nehmen an, dass innerhalb des Schiffes zusätzliche Gänge und geheime Räume angelegt wurden. Einer dieser Räume ist unser Ziel. Ich werde vorgehen und den Raum auskundschaften. Sobald ich ihn gefunden habe, setzt Ihr nach und holt das Ziel raus aus dem Schiff!“
Cassie hob eine Hand. Die anderen lachten verhalten, selbst die beiden Umweltangepaßten kicherten nur leise anstatt einen Geräuschorkan zu entfachen, der einem Normalterraner das Trommelfell hätte platzen lassen.
„Du brauchst dich nicht zu melden, Cassie. Wenn du etwas sagen willst, dann sprich einfach!“
Das Blut schoß der TLD-Agentin in die Wangen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, verstummte wieder und sagte dann schließlich: „Ich habe eine Frage, Justin. Ist es nicht unklug, wenn du vorgehst? Deine Akte beim TLD sagt nämlich gar nichts über deine Qualitäten als Nahkämpfer aus.“
Kevis Fatanel begann nun loszuprusten. Er schlug sich auf die Schenkel und schien sich bestens zu vergnügen. „Hat dir denn die Oma im Turm nichts über Justins Spezialität verraten?“ brachte er stockend hervor und wischte sich mit der Rechten Tränen aus den Augenwinkeln.
„Seine Spezialität? Was? Ich dachte, er koordiniert den Einsatz und bleibt...!“
Toman Friers gestatte sich ein burschikoses Grinsen, was bei dem steifnackigen Rotauge als Zeichen äußerster Erheiterung gelten mußte. „Justin wird ganz vorne mit dabei sein - wie immer“, sagte er, und beinahe schien es so, als hätte ihm diese Feststellung etwas bedeutet.
„Komm, Kleines, ich kläre dich auf“, bot Mikar Feretti an. Sie strich sich über ihren golden gefärbten Sichelkamm und deutete mit der anderen Hand auf den Terraner. „Justin wird in der Tat vorneweg gehen. Aber etwas anders, als du glaubst, Schatz. Er ist ein Syntron-Tänzer!“
„Syntron-was?“
Die Ertruserin zuckte die Achseln. „Nun, er schließt sich an einen Syntron an und erkundet das Zielgebiet dann mittels seiner Gedanken!“
„Ah, ich verstehe. So etwas wie Virtuel Reality!“
„Nicht ganz“, meldete sich der Terraner zu Wort. „Mehr wie Simusense!“
Die TLD-Agentin verbarg ihr Entsetzen so gut sie konnte, aber Justin las in ihrem Gesicht wie in einem aufgeschlagenen Buch. Sie hatte den Mund vor Schreck etwas geöffnet, ihre Augen hatten sich unmerklich geweitet. Simusense galt eben immer noch als Schimpfwort und hatte einen schlimmeren Ruf als eine arkonidische Geschlechtskrankheit. „Simusense? Du bist süchtig?“
Wieder lachten die Anwesenden.
„Sagen wir mal, ich bin in der Lage, meinen Verstand in den Syntron einzuklinken und damit den Syntron der MARIVA III anzuzapfen. Dann werde ich mit Hilfe deren Syntron - über interne Diagnosesensoren und die Komm-Leitungen - das Schiff erkunden. Wenn ich mich geschickt anstelle, kann ich die Sensoren auch so schalten, dass Ihr nicht erfaßt werdet. Das gibt uns ein Aktionsfenster von elf Minuten. Gelingt es mir nicht, bedeutet das, dass Ihr acht oder neun Minuten habt. Wir beginnen eine halbe Stunde vor dem Start. Ich werde schon etwas früher hineingehen. Wir werden drei Zweier-Teams bilden. Mercury und Feretti, Latrayczer und Fenata, Friers und Valgar. Syntron, das Holo!“
Damit waren sie zur Besprechung übergegangen. Justin konnte es nur recht sein.
Vor ihnen entstand ein Holo der Springer-Walze. „Der Schiffstyp ist bekannt. Syntron, Umbauten markieren! Wie Ihr seht, hat man vor allem die Laderäume umstrukturiert. Sie sind nun wesentlich kleiner!“
„Ungewöhnlich für einen Händler“, murmelte Cassie.
„Außer, er will Fracht befördern, die unbedingt mit Terkonitstahlwänden getrennt werden muß“, kommentierte Toman ebenso leise.
Latrayczer legte beide Hände zusammen und meinte: „Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, habe ich diese Aufteilung an Bord eines Walzenraumschiffes schon mal gesehen. Wenn man hier den gleichen Effekt erreichen wollte, dürfte ein Hangar in etwa reichen, um eine Space Jet unterzubringen und zu warten. Es sieht so aus, als hätte sich jemand Mühe gegeben, aus dem Händler einen Träger zu machen!“
„Was schätzt du wieviele Jets er aufnehmen kann?“
Der Überschwere sah zu Kevis Fatanel herüber. „Zwanzig, höchstens fünfundzwanzig!“
„Zwanzig ist wahrscheinlicher“, meldete sich Yanzir zu Wort. „Vielleicht hat er noch Shifts an Bord. Die brauchen auch Platz für die Wartung!“
„Hm. Was ist, wenn sie die Jets an Bord haben? Ich habe es nicht gerne, wenn man meinen SERUN jagt. Mit einer Space Jet, meine ich“, meinte der Plophoser mit Unbehagen in der Stimme.
„Ich werde das checken. Aber keine Bange, ich habe die Hafenmeisterei bestochen. Die MARIVA III wird zum vorbestimmten Zeitpunkt starten, ob sie will oder nicht. Und jedes Beiboot, dass sie verläßt, wird im Fadenkreuz der Schweren Impulsblaster der Hafenverteidigung gehalten. Greifen sie einen von uns an, blasen die Blaster sie aus der Atmosphäre“, erwiderte Justin.
„Was ist, wenn das Bestechungsgeld der MARIVA III höher war?“
Justin machte eine gleichgültige Geste. „Ich bezweifle, dass man etwas über mich erzählt hat. Also kann ich gefahrlos rübertanzen und nachsehen, ob sie uns erwarten. Aber zurück zum Thema. Syntron, einfärben! Die Stellen, die der Syntron gerade markiert, sind bei den Umbauten entstandene Hohlräume. Darauf konzentrieren wir unseren Angriff. Das erste Team geht über Schleuse Arkon 4 an Bord. Team zwo steigt über Chronner 8 ein, der obersten Heckschleuse. Drei kommt über die Ladeschleuse Baálol 6 rein. Wenn ihr drin seid, werde ich euch zu den Orten lotsen, an denen sich Tasmin Adrian befinden könnte. Vermeidet Gefechte mit den Infanteristen. Setzt Holo-Täuscher ein, werft ein paar Anti-Sensorminen und benutzt nach Möglichkeit den Paratron nicht. Die Infanteristen sind zwar Amateure, aber jeder Anfänger lernt schon am ersten Tag auf der Akademie, wie man einem Kampfanzug folgt, dessen Paratron eine Spur ionisierter Atome hinter sich herzieht. Sobald wir sie haben, geht es auf direktem Weg wieder raus. Ach ja, jedes Team nimmt einen Extra-SERUN mit. Wir wollen unseren Gast ja lebend herausschaffen. Sobald Ihr wieder Plastikbeton unter den Stiefeln habt, geht Ihr mit Höchstgeschwindigkeit in den Deckschatten der MERCUTIO. Wenn der letzte drin ist, wird Janner den HÜ-Schirm ausfahren, vielleicht auch schon früher. Ab diesem Moment sind wir unangreifbar und die Mission ist erledigt.
Ach ja, wir haben noch nicht über den Sold gesprochen. Ich schätze, mit zwanzigtausend ist jeder zufrieden. Dazu kommt noch eine Erfolgsprämie von dreißigtausend pro Nase. Sollten einer oder mehrere von euch fallen, geht die Entlohnung an die Hinterbliebenen. Ihr kennt das ja. Noch Fragen? Ja, Latrayczer?“
„Sag mal, Justin, kannst du Janner nicht dazu überreden, dass er noch ein paar Pfannkuchen macht? Die waren verdammt gut!“
„Ich will sehen, was ich tun kann!“ versprach Justin lächelnd. Noch hundertzehn Minuten, bis es losging...
***
Zwischenspiel vier
Cassie Mercury wähnte sich unbeobachtet, als sie sich in ihrer Kabine über den PikoSyn ihres SERUN in die interne Kommunkikation der MERCUTIO einhackte. Dort etablierte sie über eine Standleitung, welche den Raumhafen und das Handelsschiff verband eine Verbindung zur terranischen Botschaft. Den Hauptsyntron benutzte sie als Relais, um direkt mit der Erde zu sprechen. Genauer gesagt mit einer bestimmten Person im Hauptquartier des Terranischen Liga-Dienstes.
Kerji Takano, Subdirektor zwei und ihr direkter Vorgesetzter nahm die Verbindung sofort an. Vor der terranischen Agentin etablierte sich ein Holobild. „Takano hier. Was gibt es, STRIKER?“
Cassie leckte sich über ihre Lippen, die sich plötzlich dazu entschlossen hatten spröde genug zu werden, um jederzeit zu reißen. „Justin Time hat höchstwahrscheinlich Tasmin Adrian gefunden.“
„Das ist eine gute Nachricht“, sagte Takano ohne zu zögern. „Du solltest aber nicht versuchen, Justin Time seine Beute zu entreißen. Versuche, dich mit ihm zu arrangieren, okay, STRIKER?“
„Äh“, machte Cassie verlegen und versuchte zu lächeln. „Das habe ich schon. Im Moment befinde ich mich an Bord der MERCUTIO, einem terranischen Handelsschiff, das Justin als Ausgangsbasis für eine illegale Attacke auf die MARIVA III benutzt, einem Springer-Schiff. Ich werde bei diesem Vorstoß dabeisein.“
Kerji Takano starrte sie mit offenem Mund an und sprang auf. Das Holo machte diese Bewegung mit und unbewußt sprang auch Cassie auf die Beine.
„Du wirst was? Cassie, das ist eine höchst illegale Operation! Das kann das Ende deiner TLD-Karriere bedeuten! Außerdem kannst du diplomatische Verwicklungen verursachen, die der gesamten LFT schaden würden! Cassie, wach auf! Ein Fehler, und es werden ein paar hundert Köpfe rollen!“
„Aber die Galactic Guardians stecken mit drin! Justin hat mir erzählt, dass eine ihrer Scheinfirmen Kontakte zu George Damin hat – geschäftliche Kontakte!“ begehrte sie auf.
Kerji dachte einen Moment lang nach und setzte sich wieder. Hologramm und Cassie folgten ihm.
„Ich gebe zu, eine Sonderkommission der terranischen Polizei ermittelt in dieser Richtung gegen George Damin. Justins Behauptung ist nicht aus der Luft gegriffen.
Also gut, STRIKER, nimm an dem Einsatz teil.“
„Ach, so plötzlich?“ rutschte es der terranischen Agentin raus.
Subdirektor zwei nickte. „Ja, so plötzlich. Vielleicht haben wir hier die Gelegenheit, etwas über die Geldwäsche der Guardians zu lernen, eventuell gelingt uns auch ein schmerzhafter Schlag gegen sie. Das ist das Risiko eines Fehlschlages wert. Außerdem macht Justin Time selten Fehler. Selbst wenn Tasmin Adrian nicht an Bord ist, wird er soweit es geht eure Spuren verwischen.
Aber ich werde lieber auf Nummer sicher gehen. Du hast dich eben rückwirkend für eine Woche für Urlaub angemeldet. Was du in deiner Freizeit tust, ist uns egal. Viel Erfolg, STRIKER!“
Das Holo erlosch. Cassie zog die Beine an den Leib und dachte nach. Sie hatte nun eine inoffizielle Erlaubnis für die Aktion, das bedeutete, wenn sie es versauten würde man sie dafür nicht disziplinarisch maßregeln. Aber sollte sie gefangengenommen werden, würde der TLD sie schon aus Gründen des Selbstschutz fallen lassen wie einen heißen Raytan-Schnaps.
Nun konnte Cassie nichts mehr tun, um die Aktion gelingen zu lassen, außer ihr Bestes zu geben. Alles lag jetzt daran, wie gut Justin Time vorausgeplant hatte und wie gut er sie sechs führen würde. Aber ehrlich gesagt hatte Cassie Vertrauen in den terranischen Dienstleister. Hoffentlich hielt das an.
***
„Du bist Davil Fataro!“
Ich schüttele den Kopf, bedeute dem Psychologen so, dass er unrecht hat. „Die Beweise sprechen dagegen. Ich kann mich an Davils Leben erinnern, aber ich bin es nicht. Die Erinnerung hat Lücken, große Lücken, und manche Momente wirken steril, wie von einer Holo-Kamera aufgenommen.“
Verzweifelt schüttelt der Arzt den Kopf. „Aber der DNS-Test! Die Zellkernschwingungsanalyse! Selbst die Analyse der Verletzungen, die Davil Fataro als Kind hinter sich gebracht hat. All das stimmt mit deiner Physis überein.“
„Aber man hat mein Gesicht nach dem Unfall aufwendig restaurieren müssen. Ich wäre in meinem SERUN beinahe gebraten worden. Ich könnte vorher vollkommen anders ausgesehen haben.“
„Nun, das ist so nicht richtig, Davil. Ich weiß nicht, wie gut du dich in der Pathologie auskennst. Es gibt dort ein holographisches Verfahren, mit dessen Hilfe man nur anhand des Schädels das alte Aussehen simulieren kann. Deine Schädelform stimmt mit den gespeicherten Hologrammen überein.“
„Das ist aber doch nicht alles. Auch mein Schädelknochen wurde teilweise zertrümmert. Es ist durchaus möglich, dass mein Schädelknochen dem Davils vorher lediglich ähnlich gewesen ist.“
„Hm. Laß uns ein Experiment machen. Wer sollte ein Interesse daran haben, Davil Fataro zu ersetzen, einen TLD-Agenten von vielen, gerade ausreichend qualifiziert, mit mäßigen Aufstiegschancen?“
„Die Galactic Guardians, die Arkoniden, das Forum Raglund, die Liste ist endlos. Gerade die Arkoniden hätten die Mittel, mich so zu präparieren, dass selbst NATHAN getäuscht wird. Und was sie erreichen wollen? Nun, Davil Fataro hatte vielleicht keine besonderen Aufstiegschancen, aber vielleicht ich. Vorhin habe ich ein paar alte Simulationsaufgaben gemacht, die zu den Aufnahmeprüfungen des TLD gehören. Ich habe im Schnitt sieben Prozent besser abgeschnitten als Davil. Wer weiß, wie weit ich gekommen wäre?“
„Bald glaube ich es auch. Es ist eine geniale Idee, um einen Agenten in den TLD einzuschleusen und ihn bei passender Gelegenheit wieder zu wecken. Da bleibt aber noch eine Frage. Warum versuchst du dann zu beweisen, dass du nicht Davil Fataro bist?“
„Ich habe die gleichen Erinnerungen wie Davil in mir. Eine andere gibt es nicht. Davil liebt seine Familie und er liebt die LFT. Er ist vielleicht nicht herausragend, aber er ist loyal. Als ihm... Als ich mir an Bord des Walzenschiffes selbst begegnet bin, da habe ich Verdacht geschöpft. Dieser Verdacht hat sich bestätigt. Ich bin nicht Davil, aber seine Persönlichkeit ist alles, was ich habe. Und diese Persönlichkeit schreit in mir, dass ich Terra und die Familie nicht gefährden darf. Ich kann nicht Davil Fataro bleiben, solange die Möglichkeit besteht, dass ich Recht habe. Ich will kein Verräter werden, nicht an Davil, nicht an der Familie. Deshalb muß ich darauf bestehen, dass ich aus dem TLD-Dienst entlassen werde."
„Das ist ein typischer Fall von Verfolgungswahn, Davil.“
„Das mag sein. Aber würdest du an meiner Stelle anders handeln können? Ich werde mich von Davil trennen. Für ihn und für mich...“
***
„Es ist soweit, Justin.“
Der junge Terraner fuhr aus seinem Schlaf hoch. Er mußte eingenickt sein. „Danke, Cassie. Ich komme. Du solltest dich in deine Startposition begeben.“
„Das werde ich, Justin. Ich wollte dich nur etwas fragen: Warum läßt du mich an diesem Einsatz teilnehmen? Und komm mir nicht wieder damit, du mußt, damit der LFT dich gewähren läßt. Das glaubt dir doch sowieso niemand.“
„So, du willst wissen, warum du in diesem Einsatzteam bist? Das ist schnell erklärt. Von allen sechs Einsatzagenten bist du die Vertrauenswürdigste. Ich habe schon viele Enttäuschungen und Rückschläge erlebt, seit ich im Dienstleistungsmetier bin, deshalb bist du meine Absicherung, weil es dir nicht um Geld geht.“
Cassie lächelte den Dienstleister an. „Das hast du nett gesagt, Justin.“
„Dir geht es um deine TLD-Karriere.“
Das Lächeln erstarb. „So, das denkst du also von mir, was?“ Cassie drehte sich auf dem Absatz um und stampfte davon. „Idiot!“ hörte Justin sie brummeln, bevor sie die Zentrale verließ.
Justin seufzte. „TLD-Agenten. Wieso halten sie sich für soviel besser als ihre Kollegen von Raglund oder Arkon? Und warum ist es mit deren Agenten ebenso?“ Wieder seufzte Justin. Sein Job war hart und verwirrend, aber jemand mußte ihn ja machen.
Unter seiner rechten Schläfe pochte das rote Glühen des aktivierten NeuroChips. Der Zentralsyntron der MERCUTIO registrierte Justins Bereitschaft und etablierte eine Verbindung zwischen der Ratio des Terraners und seinem Kernspeicher.
Justin atmete noch eimal tief durch und schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete, stand er auf den kalten Stahlplast des Raumhafens. Er spürte den leichten Fallwind, der von der MERCUTIO zu ihm herüberwehte, er sah das Gleißen der Datenimpulse, die innerhalb des syntronischen Netzwerks über das Landefeld huschten, er hörte das Wispern von Milliarden Informationsfragmenten. Nur um seine Fähigkeiten zu testen, griff Justin in einen der Datemströme und zog wahllos ein Fragment heraus. Vor seinen Augen verwandelte sich der Lichtimpuls in eine aufgehende Knospe. Gleichzeitig wisperte in seinem Kopf eine Stimme, die lauter war als das allgegenwärtige Raunen. Der Dienstleister mußte grinsen. Er hatte eine Anfrage des arkonidischen Frachtschiffes CORBAAL nach guten Kneipen an das Informationsnetz erwischt. Justin formulierte eine Empfehlung für das MONACO und schickte sie, als offizielle Antwort getarnt an das Arkonidenschiff zurück.
Der gesamte Eingriff hatte nicht einmal drei Sekunden gedauert. Sein neues syntronisches Dechiffrierprogramm arbeitete perfekt mit ihm zusammen.
Justin stieß sich vom Boden des Raumhafens ab und glitt in Richtung des Springerfrachters ab. Es dauerte nur einen Augenblick und er schwebte vor der Außenhülle. „Ich bin jetzt vor der Hülle“, murmelte er. „Soweit ich das erkenne, arbeitet die Passivortung. Aktive Suchimpulse registriere ich nicht.“
Wieviel ein Schiff oder ein syntronisch vernetztes Gebäude doch über sich freiwillig verriet, wenn man zuhören und verstehen konnte.
Justin befand sich nicht wirklich vor der Außenhülle der MARIVA III, weder geistig noch körperlich. Diese Art der Interfunktion mit einem syntronischen Netz war äußerst gefährlich und konnte schnell zu Wahnsinn oder Tod führen. Seine Methode war anders, ungefährlicher und wesentlich genauer. Die Verbindung mit dem Syntron der MERCUTIO versetzte ihn in eine Konstruktrealität, die ein genaues Abbild der Wirklichkeit war, nur eben mit dem Unterschied, das er diese Realität beeinflussen konnte, wie immer er es wollte. Die Passivortung der MERCUTIO lieferte dem Dienstleiter wichtige Daten über die MARIVA III, die er nur noch interpretieren mußte, und das neue Dechiffrierprogramm, frisch aus den Programmierräumen des TLD erlaubte ihm, die meisten Sicherungen zu umgehen, so wie er es gerade mit der Anfrage des Arkoniden getan hatte. Das wirkte auch bei der MARIVA. Mit etwas Glück konnte er sich in den Syntron des Springers einklinken und bekam über die internen Sensoren einen perfekten Einblick ins Schiffsinnere geliefert.
Zudem besaß Justin die Daten des Umbaus und hatte somit den Vorteil, auf jeden Fall über eine Nachbildung der MARIVA zu verfügen.
Justin leckte sich nervös über die Lippen. Jetzt kam der schwierige Part. Er mußte sich in die internen Sensoren der Springerwalze einklinken.
Es reichte ja schon, wenn er in die Unterprogramme reinkam. Das hätte bedeutet zu wissen, wo der Syntron der MARIVA einen erhöhten Sauerstoffverbrauch registrierte. Oder wo er für eine vorbeikommende Person die Lichtquellen hochfuhr, falls der in einem autarken System steckte – einem SERUN oder einem TRUV, beispielsweise.
Seine Konstruktrealität hatte noch einen Vorteil. Der Syntron der MERCUTIO stieß schnell neben den Sperren auch auf Polizeiprogramme, die alle gesicherten Dateien gegen Hacker wie ihn sichern sollten. Wäre Justin wie ein Web-Diver des arkonidischen Geheimdienstes mit seinem Geist in die syntronische Vernetzung eingetaucht hätten ihn die Polizeiprogramme verletzen, ja sogar töten können.
So aber brauchte er seinen Zugriff nur als Routinecheck der Kommunikation des Raumhafensyntrons mit der angedockten MARIVA zu tarnen um an die internen Sensoren zu kommen. Da sich der Dienstleister auch nicht für geheime Dateien oder für die aktuelle Schiffsbilanz interessierte, brauchte er auch keine schlafenden Hunde zu wecken.
Einen Moment später war Justin drin. Er hatte Zugriff auf die optischen und akustischen Sensoren der MARIVA III. Justin durchdrang die Hülle seiner MARIVA III und beobachtete, wie der Syntron der MERCUTIO die gestohlenen optischen Beobachtungen in sein Programm integrierte.
„Also dann, die geheimen Räume.“
Per Gedankenbefehl bewegte sich die Simulation, bis der erste geheime Raum direkt vor ihm war. Komisch, er hatte eine Tür. Justin steckte den Kopf durch das simulierte Schott und zuckte zurück.
„Verdammt, von wegen geheimer Raum. Ist zwar ein stiller Ort, aber da passiert nichts geheimnisvolles.“
„Was ist denn in Hohlraum eins, Justin?“ hörte er die neugierige Stimme von Cassie über die Kom-Verbindung.
„Ein Stilles Örtchen.“
„Das hast du schon gesagt. Aber was ist in diesem stillen Örtchen?“
„Eine Toilette, verdammt. Und da thront gerade ein zwei Meter großer Springer und geht wichtigen Geschäften nach. Ich bin froh, dass ich keinen Zugriff auf das Geruchssensornetz der MARIVA habe.“
„Sehr witzig, Justin. Such weiter.“
„Okay, Raum Nummer zwei.“ Noch vier Minuten, bevor das Einsatzteam eintraf. Zeit, das Sicherheitssystem zu präparieren. Über den Umweg durch den Raumhafensyntron sandte Justin ein kodiertes Datenpaket an die MARIVA. Jetzt genügte ein kurzer direkter Befehl über seinen eigenen Syntron, um den Inhalt freizugeben, ein paar besonders miese Syntronviren, die das gesamte Sicherheitsnetz ausschalten würden, für etwa elf Minuten. Hoffentlich.
Auf den zweiten Hohlraum hatten die internen Sensoren keinen Zugriff. Justin checkte die Versorgungsleitungen und fand heraus, dass der Raum sowohl an die Luftversorgung als auch an die Energieleitungen der Walze angekoppelt war. Er setzte Nummer zwo ganz oben auf die Liste.
Weiter ging es zu Nummer drei. Nur Energieanschluß, keine Lüftung. Eher ein Lagerraum.
Nummer vier war eine herbe Überraschung. Im acht Quadratmeter großen Raum hockten gefechtbereite Infanteristen mit Desintegratorgewehren. Die sieben Soldaten hatten ihre Visire hochgefahren und unterhielten sich lachend. Einer kaute sorglos Kaugummi.
„Zwei ist vielleicht unser Ziel. In vier wimmelt es von gefechtbereiten Gegnern.“
„Erkläre gefechtsbereit“, erklang Toman Friers Stimme. „Stehen sie mit der Waffe im Anschlag bereit und lauern nur darauf, dass wir ihnen in die Arme laufen?“
„Nein, sie wirken entspannt. Sie unterhalten sich und lachen.“
„Kannst du hören, was sie sagen?“
„Nein, Toman. Ich habe keinen Zugriff auf akustische Sensoren. Hier gibt es wohl keine. Aber ich kann den Syntron anweisen, dass er ihre Worte von den Lippen ablesen soll.“
Ein uralter Trick, der selbst – oder gerade – in diesen hochtechnisierten Jahren wunderbar funktionierte. Bei all den Antischallprojektoren, schallabsorbierenden Prallschirmen und syntronisch koordinierten Zerhackern vergaß man viel zu schnell die Optik. Mit einem guten Syntron konnte man sogar einem Blue von den Lippen lesen. „Hm. Sie sind anscheinend froh darüber, dass sie von diesem Drecksball endlich fortkommen. Anscheinend waren sie die letzten drei Wochen in der MARIVA III eingesperrt, bis auf das Rettungsteam.
Jetzt reden sie über Tasmin Adrian. Sie wollen sie in Sicherheit bringen...
Wir gehen weiter vor wie geplant. Ich gehe jetzt in die Zentrale.“
„Was ist mit den geheimen Räumen, Justin?“
„Vergiß die geheimen Räume, Cassie.“
Kurz darauf sah er die Zentrale der MARIVA III vor sich, so gut, wie sein Dechiffrierprogramm es den internen Sensoren des Handelsschiffes entnehmen konnte. Direkt hinter dem erhöhten Sitz des Kapitäns, einem Vetter des Sippenpatriarchen saß eine junge Terranerin in einer schmucklosen grünen Raumfahrerkombination in einem bequemen Formenergiesessel, nippte an einem Glas mit einer tiefschwarzen Flüssigkeit und unterhielt sich angeregt mit einer rothaarigen Akonin, die ihr gegenüber saß. Die Akonin trug ebenfalls einen SERUN. Neben ihr lag ein feuerbereiter Desintegrator. Ansonsten waren nur noch vier Springer im Raum. Justin ließ ein Hologramm von Tasmin Adrian entstehen und verglich es mit der Frau in der lindgrünen Kombi. Schwarze Haare, leicht geschlitzte graublaue Augen, hohe Stirn, ausgeprägte Wangenknochen. Volle Lippen und ein spitzes, kleines Kinn.
„Verdammt, wer rechnet denn damit?“ schalt sich Justin. Hätte er ein simples Suchprogramm mit dem Steckbrief der jungen Terranerin geladen und es über die internen Sensoren auf die Suche geschickt, es wäre nach ein paar Sekunden fündig gewesen. Ach was, Millisekunden, und Justin hätte sich die ganze Sucherei ersparen können. Aber nein, er hatte sie ja in einem der Hohlräume erwartet und mußte sie unbedingt persönlich suchen.
Die Terranerin war eindeutig Tasmin Adrian. Es schien ihr gut zu gehen. Ja, sie schien richtig zufrieden zu sein. Was war hier los, bei Monos?
Sofort klinkte sich Justin in die Akustiksensoren ein, doch alles was er zu hören bekam war unverständliches Rauschen. Also ließ er seinen Syntron wieder Lippen lesen.
Die Akonin sagte: „Gleich ist es vorbei. Sobald wir erst im freien Raum sind, haben wir es geschafft.“
Tasmin Adrian antwortete: „Ich bin froh über jedes Lichtjahr, dass ich zwischen mich und die Guardians bringen kann, Jess.“
Justin schluckte ein paarmal heftig. Er hatte das Gefühl, vor eine harte Wand gelaufen zu sein, vor eine verdammt harte Wand. Was war hier los? Ergab denn nichts hier mehr einen Sinn?
Zu allem Überfluß endete das Gespräch der beiden Frauen abrupt. Die Akonin griff zu ihrem Desintegrator.
„Was ist los, Toragh?“ fragte sie den Kapitän.
Der Springer wurde blaß. „Wir zeichnen Eindringlinge. Sie komme durch die Wartungsschächte des Raumhafens heran und versuchen über Schleuse Ariga 9 einzudringen.“
„Wie viele sind es?“ fragte die Akonin. Ihre Miene verzerrte ich zu einer Grimasse aus Wut und Entschlossenheit.
„Das kann ich nicht sagen. Wenn es aber die Galactic Guardians sind, werden es nicht zuwenig sein.“
„Okay. Wir werden bald starten. Kümmere du dich um dein Schiff, Toragh, ich mache den Rest.“ Mit diesen Worten versiegelte die Frau mit den brandroten Haaren ihren Schutzanzug. Das Visir war mattiert, Lippen lesen nicht mehr möglich.
„Hier Justin Time. Wir haben ein Problem.“
„Was für ein Problem, Terry?“ hörte er den Plophoser Fatanel fragen.
„Die internen Sensoren der MARIVA III verzeichnen Eindringlinge an Schleuse Arkon 9. Da wir über Arkon 4 eindringen wollten und die TLD-Spezialisten frühestens in drei, vier Stunden auf Lepso eintreffen werden haben wir ja nicht viel Auswahl.“
„Galactic Guardians“, knurrte Cassie Mercury böse.
„Ich will mitkommen. Verdammt, Jess, ich kann auch mit einem Blaster umgehen“, rief in diesem Moment Tasmin Adrian und zog Justins Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen in der Zentrale.
Das Visir der Akonin fuhr auf. Damit konnte der Syntron der MERCUTIO wieder von ihren Lippen lesen. Justin dankte dem Sinn für Dramatik, den die Akonin demonstrierte.
„Du bist zu wichtig, um dein Leben zu riskieren. Mit dir steht und fällt der Widerstand auf Caprice gegen die Guardians und ihre Droge. Bleibe hier in der Zentrale. Ich werde fünf Mann zu deinem Schutz abstellen.
Kapitän, Sie starten sofort, wenn die Startfreigabe kommt.“ Das Visir fuhr wieder zu. Abrupt wandte sich die Akonin ab und verließ die Zentrale.
„Verdammt, das war keine Entführung! Es war eine Rettungsaktion!“
„Wovon redest du, Justin?“
„Überleg doch mal, Janner: Die Entführung von Tasmin Adrian am hellichten Tag mitten in Orbana. Was hat sie auf Lepso gemacht? Und rate mal, wie dieser Oxtorner da hineinpaßt!“
„Du hast erzählt, dass George Damin sein Geschäftsvermögen durch Geschäfte mit den Guardians erworben hat. Da steckt eine Menge Geld drin. Es ist also nicht schwer zu glauben, dass man Papi einen Aufpasser an die Seite gestellt hat, damit er nicht gegen den Willen seiner Geschäftsfreunde handelt“, vermutete Janner.
„Henrik Bunner!“ rief Cassie überrascht.
„Genau. Henrik Bunner. Das erklärt auch, warum er mich beinahe umgebracht hätte. Tasmin Adrian wurde entführt, und zwar von Terra, verdammt. George Damin hat bei einem der Gemeinschaftsprojekte mit den Guardians wohl nicht so mitgespielt, wie die Herren sich das erhofft haben. Vielleicht ist Tasmin auch nur zu neugierig geworden. Sie sollte wohl das Druckmittel gegen Damin sein. Dieser Bastard hat mir die Wahrheit erzählt. Er hat mir bloß nicht verraten, dass er selbst der Guardian war, der Tasmin entführt hat.“
„Aber wie passen dann diese anderen Entführer da rein? Und wieso hat Damin dann dich engagiert?“
„Ich weiß es nicht, Cass. Ich war wohl nur eine Möglichkeit, Tasmin Adrian zu finden und heim nach Terra zu bringen. Sie aus den Klauen der Entführer zu reißen, die sie den Klauen der Guardians entrissen haben.“
„Und was machen wir jetzt, Justin? Der Einsatz beginnt in einer Minute. Wir sind alle bereits in Position“, meldete Toman Friers leise.
„Mein Auftrag lautet, Tasmin zurück nach Terra zu schaffen. Es sieht so aus, als hätten die Guardians was dagegen. Geht ins Schiff und fallt ihnen in den Rücken. Ich werde feststellen, wo sie sich befinden und wieviele es sind. Und, Janner, achte ein bißchen auf deinen Rosthaufen. Vielleicht wollen sich ein paar Guardians auch um den alten Justin Time kümmern.“
„Als du gemeldet hast, dass die Guardies drüben in die MARIVA eindringen, habe ich sofort einen engen HÜ-Schirm um die MERCUTIO gelegt und die Verbindungsleitungen zum Hafen gekappt. Außerdem habe ich die Starterlaubnis vorverlegen lassen. Wir starten zeitgeich mit derm Springer.“
„Gute alte Paranoia“, kommentierte Justin erleichtert.
Für einen Moment verschwomm das Hologramm des Schiffes zu einem einzigen Farbbrei. Dies war der Moment, in dem der Kapitän des Springers die Standleitungen zum Raumhafen und damit Justins direkten Zugriff auf die Schiffssensoren kappte. Der Syntron steuerte dagegen und bereitete dem Terraner die Daten so auf, wie sie zuletzt gewesen waren.
Das Bild der Zentrale stabilisierte sich wieder. Die Besatzungsmitglieder und Tasmin Adrian waren auf ihren letzten Positionen festgefroren. Justin hätte ihre weiteren Bewegungen hochrechnen lassen können, aber es nützte ihm nun nichts mehr. Stattdessen entschied er sich, alles auf ein Blatt zu setzen. Die Herzdame war schon immer seine Lieblingskarte gewesen. „Syntron! Ich brauche eine Direktverbindung zur MARIVA III.“
Vor Justin erschien ein Rahmen. Eine Sekunde später erschien in diesem Rahmen das Gesicht einer übelgelaunten Springerin. „Was immer du willst, mach´s kurz“, blaffte sie gereizt.
Der Dienstleister lächelte. „Ich muß sofort mit Tasmin Adrian sprechen!“
„Welche Tasmin Adrian? Hier gibt es keine Terranerin an Bord“, erwiderte die Frau mit der Laune eines angeschossenen Kjörksauriers.
„Habe ich etwas von Terranern gesagt? Ich weiß, dass Tasmin an Bord ist, ich weiß auch, dass gerade ein paar Galactic Guardians in euren Seelenverkäufer eindringen. Ich kann euch helfen, aber dazu muß ich mit Tasmin sprechen!“
Im Gesicht der Springerin stritten zwiespältige Gefühle. Schließlich aber siegte die Angst vor den Galactic Guardians. Ihr Bild verschwand und machte dem von Tasmin Adrian Platz – seinem Suchziel!
„Mein Name ist Justin Time“, stellte sich Justin hastig vor. „Ich bin nach Lepso gekommen, um dich im Auftrag deines Vaters zu retten!“
Tasmin verzog ihren schmalen Mund zu einem geringschätzenden Lächeln. „Wegen meinem Vater bin ich ja erst in diese Lage geraten. Und, tut mir sehr leid für dich, aber ich bin bereits gerettet.“
„Nicht, wenn die Guardians Erfolg haben“, konterte Justin.
Tasmins Lächeln gefror. „Also gut. Was willst du, Justin?“
„Ich habe ein Einsatzteam von sechs kampferfahrenen Spezialisten in SERUNS, dass vor ein paar Sekunden durch drei Schleusen in die MARIVA III eingedrungen ist. Ursprünglich hatten sie den Auftrag, dich aus der Hand deiner Entführer zu befreien. Ich habe diese Anweisung geändert. Sie werden versuchen, deinen Leuten bei der Abwehr der Guardians zu helfen. Alles, was du machen mußt, ist, deiner akonischen Freundin zu sagen, dass sie auf ihrer Seite sind.“
„Warum sollte ich das glauben?“ fragte sie reserviert.
Justin begann zu schwitzen. „Erstens, weil du jede Hilfe gebrauchen kannst, die du kriegst. Und zweitens ist meine Provision zu den Cantaro, wenn die Guardians dich wieder gefangennehmen.
Ich will es mal so formulieren: Wenn es diese Springerrostlaube aus diesem Sonnensystem raus schafft, ist das sehr dienlich für meinen Auftrag.“
Justin setzte seinen allerbesten Vertrau mir ruhig, auch wenn du nicht weißt, warum – Blick auf und betete inständig zu allen bekannten und unbekannten Sternengöttern, dass Tasmin auf seine hübschen grünen Augen reinfallen würde.
„Also gut“, sagte die junge Terranerin schließlich und zog dabei ein Gesicht, als hätte Justin ihr gerade Fesselsex angeboten. „Du hast ein Raumschiff?“
Justin nickte. „Die MERCUTIO, auf dem Stellplatz nebenan. Wir starten zugleich.“
„Der Deal steht. Hilf mir, aus dem Sonnensystem zu entkommen. Dann reden wir!“
„Gut. Und jetzt sag deiner Freundin, dass meine Leute ebenfalls im Schiff sind und ihren Leuten helfen werden. Wir setzen SERUNS mit Paratrontechnologie ein, genau wie sie.“
„Paratrontechnologie? Du wirst mir einiges erklären müssen, Justin Time.“
Die Verbindung brach zusammen. „Syntron! Ich brauche Zugriff auf die Ortungssyteme der sechs SERUNS im Einsatz. Dazu möglichst aktuelle Schätzungen, wo sich die Guardians befinden. Mach das Modell der MARIVA III transparent und verkleinere es um zwei Drittel.“ Vor Justins Augen wurde die Simulation des Springerschiffs transparent. Gleichzeitig schrumpfte es in sich zusammen. Somit hatte Justin einen besseren Überblick über das Modell. In der Ferne leuchteten sechs rote Punkte. Das waren seine drei Teams. Ab und an glomm auch mal ein grüner auf, ein potentieller Guardian. Blau waren die Verbündeten, aber von denen war weit und breit nichts zu sehen.
„Wenn ich doch noch Zugriff auf die Internen Sensoren des Schiffes hätte“, meckerte Justin und schickte einen Fluch hinterher, der von Toman Friers mit einem erschrockenen Na, na kommentiert wurde.
Plötzlich wimmelte es an einer Stelle nur so von blauen Punkten. Ein Gedankenbefehl trug Justin heran. Mittschiff, Frachträume. Gut die Hälfte der Punkte verharrte, während die andere Hälfte auf irrwitzigen Kursen vorwärtsströmte. Sichern und laufen nannte man das. Ein Teil der eigenen Gruppe gab Feuerschutz, der andere suchte eine neue Deckung auf. War das geschehen, wechselten die Protagonisten die Rollen.
„Justin hier. Ich befinde mich in Frachtraum vier auf Deck drei. Backbord, um genau zu sein. Es scheint so, als würden hier ein paar Infanteristen gegen Guardians vorgehen. Ich werde euch einen Pfad markieren, der euch in den Rücken der Guardians bringt. Ihr könnt ihn über das holografische Display eurer Pikosyns anfordern. Geht die Guards hart an und versucht vor allem, diese verdammte Schleuse Arkon 9 zu nehmen! Laytraczer, du und Fenata seid am nächsten dran. Ich will, dass Ihr euch vortastet und die anderen einweist.“
„Tu du deinen Job, und wir machen unseren ebenso gut, Justin“, grollte der Überschwere.
Von den avisierten elf Minuten Minimum für den gesamten Einsatz waren nun schon zehn verstrichen. Der Starttermin rückte unaufhaltsam näher. An Bord der MARIVA wurde schwer gekämpft, er selbst hatte seine Karten aufdecken müssen und die Galactic Guardians klopften gerade an und forderten ihre Beute zurück. Schlimmer konnte es nur noch kommen, wenn in diesem Augenblick Kampfschiffe des historischen Robotregenten über Lepso aufgetaucht wären.
„Sie haben Kampfrobo- Aaaaah!“ gellte es über die Sprechverbindung.
„Verdammt, sie haben Kevis erwischt! Sein Schirm ist geplatzt wie eine Seifenblase. Idiot, wieso hast du nur den HÜ-Schirm aktiviert, wenn du einen Paratron hast?“, schimpfte Laytraczer. „Beeilt euch. Ein Teil der Guardians beginnt sich für mich zu interessieren.“
„Noch bin ich nicht ganz tot, Laytraczer“, meldete sich der Plophoser mit schwacher Stimme über die Sprechverbindung. „Aber ich bin verdammt nah dran, Holt mich hier weg!“
„Wir sind schon unterwegs. Halte den Kopf unten!“, hörte Justin Toman Friers rufen.
Wieder veränderte sich die Konstruktrealität um Justin. Da er jetzt über die Sensordaten des Pikosyns in Laytraczers SERUN verfügte, hatte er nun wieder mehr Daten zur Verfügung. Die Roboter, die von den Galactic Guardians eingesetzt wurden, waren Justin unbekannt. Sie machten auf ihn allerdings den Eindruck als wären sie uralt. Der allerletzte Schrott, frisch von Paricza. Die Guardians waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus allen bekannten Völkern der Milchstraße, genau wie ihre Robbies.
Doch im Kreuzfeuer von Justins Leuten und der Verteidiger der MARIVA III schrumpfte diese Vielfalt schnell zusammen.
„Wir starten, Justin!“, rief Janner. „Die Teams kommen auch ohne dich klar. Komm raus!“
Als Justin aus der Konstruktrealität erwachte, befand sich die MERCUTIO bereits in einer Höhe von vier Kilometern. Der Sturm, den das Schiff bei diesem Gewaltstart erzeugte, wurde nur zum Teil vom energetischen Startgerüst des Raumhafens aufgefangen. Der Rest tobte sich als Orkan über Orbana und das unberührte Umland aus.
Justin warf sich in den nächstbesten freien Sessel und schnallte sich an. „Ortung?“, brüllte er.
„Siebzehn Frachter im Orbit über dem Raumhafen. Die MARIVA III hat bereits eine Höhe von sechzig Kilometern erreicht und beschleunigt weiter“, meldete Danica Cobra, die oxtornische Ortungsspezialistin.
„Die Burschen haben sich bestimmt gegen diese Möglichkeit abgesichert“, knurrte Janner von seinem Platz aus, während sich sein Raumschiff langsam am Springer vorbei schob. „Dotsu, mach die Waffen klar.
Khari, die MARIVA soll sich dicht hinter uns halten, damit wir sie decken können.“
„Aye, Skipper“, bestätigte die Olympierin.
„Hundertsiebzig Kilometer“, meldete der Syntron. „Hundertachtzig Kilometer.“
„Zwei der Frachter nehmen Kurs auf uns! Sie eröffnen das Feuer aus konventionellen Desintegratoren. Der Beschuß gilt der MARIVA III.“
„Feuer frei für alle konventionellen Waffen. Und haltet die Transformkanone bereit!“, brüllte Janner, gerade als der Syntron Zweihundert Kilometer sagte.
Justin rutschte beinahe das Herz in die Hose. „Verdammt, du hast eine Transformkanone?“
Janner grinste flüchtig zu ihm herüber. „Nur eine mit geringer Kapazität. Ich habe sie aus einem Leichten Holk, den wir zufällig im Raum treibend entdeckt haben. Die Abstrahlleistung liegt lediglich bei vierhundert Megatonnen.“
„Genug, um auf Lepso eine Delle zu schlagen, die auf der anderen Seite des Planeten eine Beule verursacht“, kommentierte der Dienstleister trocken.
„Wir lassen uns zurückfallen, um der MARIVA III mehr Deckung zu geben. Wie geht es unserem Einsatzteam drüben?“
„Sie kämpfen die Guardians langsam nieder. Nur noch vereinzelt Widerstand. Es sieht so aus, als würden sie gut mit den Verteidigern der MARIVA zusammenarbeiten!“
„Treffer beim Springer. Wir decken nun das Schußfeld zu vierzig Prozent ab. He, wir haben den vorderen Kahn erwischt!“, rief Dotsu aufgeregt.
Auf dem Hauptschirm der MERCUTIO war zu sehen, wie der vordere Frachter seinen Schirm verlor. Gleichzeitig schlugen die Waffenstrahlen des terranischen Raumschiffes in seinen Bug ein und verursachten eine schwere Explosion. Sekundärexplosionen zerfetzten die Außenhülle an einem Dutzend Stellen. Das Schiff begann zu taumeln. Justin schluckte trocken. Nun würde die Schwerkraft von Lepso nach dem Frachter greifen, ihn gierig herabzerren auf seine Oberfläche. Wenn das Schiff nicht schon in der Atmosphäre verglühte, so würde es zumindest auseinanderbrechen und ein paar gewaltige Krater in den Planeten schlagen, wenn nicht die Raumhafendirektion mit einem Energiefeld für eine sichere Landung sorgte, wenn nicht eines der anderen Schiffe mit einem Traktorfeld nach dem abstürzenden Schiff griff. Wenn der Kapitän genug Geld besaß, um diese Dienstleistung zu bezahlen, jemand dumm genug war, es umsonst zu tun oder wenn jemand das Schicksal dieses Schiffes am Herzen lag. Justin hielt es für möglich, dass man den Springer einfach abstürzen ließ, solange er keine bewohnten Gebiete gefährdete.
Der korrekte Kommentar wäre eigentlich ein Gegner weniger. Doch der Frachter war kein Gegner, nicht für die MERCUTIO.
„Der andere Frachter zieht sich zurück. Es scheint so, als wolle er nicht das Schicksal seines Kollegen teilen.“
„Wir beschleunigen wieder. Versucht, die MARIVA III einzuholen.“ Janner sah zu Justin herüber. „Sieht so aus, als müßten wir den Preis für meine Hilfeleistung neu verhandeln. Ein Raumgefecht war jedenfalls nicht im Preis inbegriffen.“
„Ha!“, konterte Justin. „Du hast mir die MERCUTIO für eine Woche geliehen. Und wenn wir gegen das Kristallimperium kämpfen müßten, es ist inbegriffen.“ Justin lächelte verschmitzt. „Allerdings könnten wir über einen Bonus verhandeln.“
Dotsu sah zu den beiden herüber. „Bonus? Das klingt gut. Übrigens, wir haben die Gravitation Lepsos verlassen. Wir werden zusammen mit dem Springer in einer halben Stunde in den Hyperraum gehen. Wir werden nicht verfolgt.“
„Hoffentlich nicht“, knurrte Janner, löste seinen Gurt und stand auf. „Willst du gleich übersetzen, Justin?“
„Was? Oh, ich habe es nicht eilig. Gebt der MARIVA Bescheid, dass ich an Bord komme, wenn wir genug Distanz zwischen uns und Lepso gebracht haben. Kommt Ihr beide mit?“
Janner schüttelte den Kopf. „Es ist besser, wenn einer von uns an Bord bleibt. Dotsu geht mit rüber.“
„Ha!“, brummte der kleinwüchsige Terraner. „Das ist es also? Ich bin entbehrlich, was? Nicht so wie du, o großer Kommandant der MERCUTIO. Um einen alten Mann wie mich ist es nicht so schade wie um dich, was?“
Janner Crux grinste frech. „Das auch. Aber ehrlich gesagt lasse ich dich mit Justin rüber gehen, weil du mir sonst noch tagelang in den Ohren liegen würdest.
Ich darf nie was Gefährliches machen. Du schnappst dir die ganzen Sahnestücke und ich sterbe hier vor Langeweile“, äffte er seinen Ersten Offizier nach.
Dotsu starrte seinen Freund mit offenem Mund an, sagte aber kein einziges Wort.
„Donnerwetter“, staunte Justin. „Dotsu ist sprachlos. Das ist in etwa ebenso wahrscheinlich wie einem KLOTZ aus Tarkan zu begegnen.“
Der Dienstleister klopfte dem kleinen Terraner freundlich auf die Schulter. Als er die Zentrale verließ sagte er: „Du solltest die Ruhe genießen, Janner. So schnell kriegst du Dotsu nicht mehr zum Schweigen.“
Das weckte den Ersten Offizier der MERCUTIO aus seiner Starre. Noch durch die geschlossene Schleuse der Zentrale hörte Justin ihn in einigen seltenen Springerdialekten fluchen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
***
Tasmin Adrian begrüßte den Dienstleister mit Handschlag, als er die Zentrale der MARIVA III betrat. Die Akonin war nicht so freundlich. Sie beschränkte sich auf ein kurzes Nicken und einen vernichtenden Blick, der Justin ohne weiteres zu Asche hätte verbrennen können, hätte man die Energie dieses Blickes in molekularbindungsauflösende Strahlung konvertiert.
Auch Dotsu wurde von Tasmin mit Handschlag begrüßt. Das schien dem kleinen Terraner aber herzlich wenig zu bedeuten. Und sein eisiger Blick hätte den der Akonin einfrieren können, wäre die Möglichkeit gewesen, seine Energie derart umzuwandeln, dass er die Möglichkeit besaß, sämtliche Bewegungsabläufe bis hin zur atomaren Ebene zu unterbinden.
„Bitte nehmt Platz“, sagte die Terranerin schließlich und deutete auf eine Formenergie-Sitzecke im Hintergrund der Zentrale. Dort erwarteten sie bereits fünf Mitglieder seines Einsatzteams. Links saß Cassie Mercury, daneben Mikar Feretti. Toman Friers beanspruchte die Mitte für sich. Laytraczer und Yanzir Valgar deckten die rechte Flanke. Justin ließ sich zwischen den beiden Frauen nieder, Dotsu zog es vor, am rechten Rand der Sitzgruppe stehenzubleiben und tödliche Blicke mit der Akonin auszutauschen. Tasmin Adrian nahm in einem bequemen Sessel direkt vor ihnen Platz.
„Wenn Ihr etwas trinken wollt, sagt es. Der Servo bringt es euch.“ Tasmin Adrian lächelte wieder.
Justin erwiderte das Lächeln ebenso puppenhaft. „Danke, wir werden davon Gebrauch machen. Wo ist Kevis Fatanel?“
Tasmins Lächeln erstarb. „Also gut, kommen wir gleich zur Sache. Dein sechster Mann befindet sich auf der Krankenstation. Er wurde bei den Gefechten schwer verwundet, obwohl sein SERUN vieles abgefangen hat. Er wird ein Bein verlieren, aber das scheint nichts Neues für ihn zu sein. Der Schiffsarzt meinte, seine rechte Hand wäre nachgezüchtet worden.“
„Er hat einen gefährlichen Job“, kommentierte Toman Friers tonlos und bestellte sich ein Glas Wasser.
„Das hat er in der Tat. Ich muß mich bei dir und deinen Leuten bedanken, Justin Time. Eure Hilfe hat die Guardians überrascht und meinen Verbündeten einen hohen Blutzoll erspart. Wir haben nur ein paar Leichtverwundete. Sieben Guardians sind tot, acht haben sich ergeben. Ihre Kampfroboter wurden zerstört. Unter ihnen ist sogar ein alter Freund: Henrik Bunner. Vielleicht hätten sie es bis zur Zentrale geschafft.“ Tasmin sah dem terranischen Dienstleister direkt in die Augen. „Vielleicht aber auch nicht.“
„Was willst du damit sagen?“, fragte Justin amüsiert. Er hatte bereits eine recht genaue Vorstellung davon, wie dieses Gespräch ausgehen würde und er zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass es bei Tasmin Adrian ebenso war. Außerdem amüsierte ihn die Tatsache, dass sich der Oxtorner zu weit vorgewagt hatte. Würde Tasmin sich auch übernehmen?
„Nun, ich bin euch natürlich dankbar, aber ich verdanke euch nicht mein Leben.“
„Das soll bedeuten?“
„Du wirst deinen Auftrag leider nicht erfüllen können, Justin Time. Noch kann ich nicht nach Terra zurückkehren. Ich werde anderswo gebraucht.“
„Ach, auf Caprice?“
Die Terranerin erschrak, als dieser Name fiel. Sie hatte sich sehr gut im Griff und verzog nicht eine Miene, aber die plötzliche Rötung ihrer Wangen sagte Justin genug.
„Vielleicht“, antwortete sie diplomatisch.
Der Terraner streckte sich. „Das ist kein Problem für uns. Der Auftrag meiner Leute ist erledigt. Und ich werde für jeden einzelnen Tag bezahlt, den ich brauche, um dich sicher nach Terra zu bringen. Allerdings - “ Justin sah ihr in die Augen „- wäre es mir recht, wenn ich meinen Profit absichern könnte. Es wäre vielleicht besser, wenn ich dich begleite. Ich bin sicher, dein Vater würde zustimmen, dass das ebenso zu meinen Pflichten gehört, um dich sicher heimzubringen!“
Die Terranerin mit den schwarzen Haaren lehnte sich nachdenklich zurück. Irgendwie schien ihr dieser Gedanke zu gefallen, wenn sie ihn nicht schon vor diesem Gespräch ins Auge gefaßt hatte. Sie warf ihrer Begleiterin, der Akonin Jess einen fragenden Blick zu. Diese fixierte Justin und seine Leute mit abschätzender Miene. Schließlich nickte sie. „Also gut, Justin Time, du darfst mich begleiten.“
Neben ihm wollte die TLD-Agentin Cassie Mercury auffahren, aber Justin ergriff sie an der Schulter und drückte sie zurück ins Polster. „Ich und meine Partnerin Cassie.“
„Einverstanden.“
„Was die MERCUTIO angeht“, meldete sich Dotsu Villard zu Wort, „hat Justin sie noch für drei Tage angemietet. So lange werden wir ihn begleiten, falls er die Miete nicht verlängert. Gegen ein kleines Aufgeld sind wir auch gerne bereit, der MARIVA III Ärger wie über Lepso vom Leib zu halten.“
„Was wäre, wenn ich die MERCUTIO selbst anmiete?“ meinte Tasmin gedehnt und verschränkte ihre Hände nachdenklich vor ihrem Gesicht.
Der kleine Mann schüttelte den Kopf. „Janner Crux und seine Crew sind kein Söldner. Wir sind Händler. Und wenn Janner sein Schiff vermietet, dann nicht an jede dahergelaufene Milliardärstochter. Justin ist ein alter Handelspartner und Freund. Er genießt bei Janner gewisse, nun, Privilegien.“
Vergeblich suchte Justin nach einem Zeichen, dass Dotsus rauhe Worte die Terranerin verletzt hatten. Fehlanzeige. Stattdessen sagte sie: „Du kannst die Kosten für die MERCUTIO als Spesen absetzen. Ich werde auf Terra mit meinem Vater reden.“
Der Dienstleister nickte. Das war ein Teil seiner Abrechnung, den er auch nicht beschönigen würde. Überhaupt, er bekam schon jetzt viel zu wenig für seinen Auftrag. Zwei Mordversuche, ein Raumgefecht, Galactic Guardians, eine Entführung, dazu eine TLD-Agentin im Nacken. Er beschloß, in seiner Abrechnung garantiert nichts zu beschönigen.
„Kommen wir zu uns“, mischte sich der Arkonide Toman Friers ein. „Wir haben gerade einen Auftrag erfolgreich beendet. Uns steht es nun frei, wieder unsere eigenen Wege zu gehen. Allerdings habe ich in den nächsten Wochen keine Aufträge angenommen. Ich stünde theoretisch zur Verfügung.“
Auch die anderen drei Söldner erklärten, verfügbar zu sein.
Tasmin sah zu ihrer akonischen Freundin hoch.
Jess nickte ohne zu zögern. „Gute Leute. Wenn sie loyal bleiben.“
„Justin Time, ich bitte dich darum, dein Einsatzteam erneut anzuwerben. Auch diese Kosten bekommst du ersetzt. Selbstverständlich gilt die Anwerbung für Kevis Fatanel erst, wenn er wieder kampfbereit ist. Im Gegenzug übernehmen wir die medizinische Versorgung sowie Kost und Logis.“
„Akzeptiert. Was erwartet uns genau?“
„Was? Gegner oder Galax, Justin Time?“
„Beides.“
„Mehr als genug, Justin Time. Mehr als genug...“
***
Ich gehe wieder durch Terrania, rastlos, ruhelos. Es ist merkwürdig, kein Leben mehr zu haben. Es ist merkwürdig, dass es da immer noch die Familie Fataro gibt, die mich aufnimmt und erträgt.
Ich bin nicht Davil Fataro, habe ihn vielleicht persönlich getötet, aber obwohl sie das wissen, behandeln sie mich freundlich, fast zuvorkommend. Das tut umso mehr weh, weil ich um den Schmerz weiß, den ich ihnen gebracht habe.
Das Schlimme an meiner Situation ist, dass ich die Orientierung verloren habe. Davils ganzes Leben waren der TLD und die Familie gewesen. Beides habe ich nun verloren, und damit werde ich nicht fertig. Was soll ich jetzt tun? Was kann ich denn tun?
Eigentlich nichts, nur hoffen, dass mich die terranische Verwaltung nicht als feindlichen Agenten oder illegalen Einwanderer ausweist.
Plötzlich ist da Janner Crux vor mir. Ich kenne ihn schon seit Jahren, nein; Davil kennt ihn. Er mustert mich von Kopf bis Fuß und murmelt schließlich: „Perfekt kopiert. Ich könnte schwören, dass du der einzige, echte Davil Fataro bist.“
Seine Anwesenheit erinnert mich an das, was ich nie besessen habe und Davil verlor, deshalb reagiere ich bissiger, als Crux es verdient. „Was willst du? Mich langweilen?“
Der Hüne lacht leise. „Nein, ich will dir etwas Action anbieten. Du bist vielleicht nicht Davil, okay, aber du beherrscht doch die TLD- Ausbildung, oder? Gut. Ich brauche da jemanden auf Olymp, der deine Erfahrung hat, aber nicht zum TLD gehört. Verstehe mich nicht falsch, ich kann Dutzende ehemalige Agenten für diesen Job kriegen. Aber du siehst so aus, als könntest du eine Aufgabe gebrauchen, gerade rechtzeitig, bevor du in Selbstmitleid versinkst.“
„Auf Olymp?“ frage ich. Verwundert bemerke ich, dass ich wirklich interessiert bin. Olymp kenne ich ziemlich gut. Es würde bestimmt Spaß machen, diesmal als Privatmann die Handelswelt unsicher zu machen.
„Olymp, Trade City, eine Geldübergabe für einen Datenkristall mit arkonidischen Geheimdienstinformationen. Wie wäre es?“
Ich denke noch einen Moment darüber nach, dann nicke ich. „Ich denke, ich mache mit. Danke, Janner, du kommst wirklich just in Time...“
Ende
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