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Vom Suchen und Finden

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P6 / Gen
09.05.2009
09.05.2009
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3.947
 
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Okay, Schneekönigin klingt ein wenig albern… Aber ich hoffe, dass mir meine Jugendsünden verziehen werden.
Ich habe diese Story vor (glaub ich) anderthalb Jahren für meine kleinen Cousinen zu Weihnachten geschrieben und zwar auf einen Din-A7-Notizblock, von dessen Cover ich inspiriert wurde (sic). Da das Ganze schon eine Weile her ist, kann ich es nicht mit Garantie sagen, doch ich glaube, dass zumindest der Name „Die Sechs Richtigen“ schon auf dem Notizblock stand, ebenso wie die Zeichnungen der sechs Hauptcharaktere, deren Namen (je eine Krasis aus den sie darstellenden Tieren) eventuell auch. Sicher bin ich mir nicht. Aber die Story selbst ist mit Sicherheit von mir.
Ach ja, da das ganze auf den Notizblock passen musste, ist die Geschichte auch nicht sonderlich lang. Ich hoffe, sie gefällt trotzdem irgendjemandem irgendwo da draußen in den endlosen Weiten des Internets.

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Die Sechs Richtigen – Eine Geschichte vom Suchen und Finden



In einem fernen Land, lange vor unserer Zeit, von dem man heute nur noch seinen Namen – Amica – kennt, lebten einst sechs Freunde. Sie waren echte, wahre Freunde, weshalb man sie allerorts als die „Sechs Richtigen“ gerne willkommen hieß. Vieles der alten Sagen ist inzwischen in Vergessenheit geraten, aber immerhin die Namen unserer Helden sind uns überliefert.
Da wäre zunächst Schwiger. Er war eine treue Seele und stellte sich einer Gefahr stets mutig entgegen. Hippopard, der, seit er denken konnte, nur Hippie genannt wurde, liebte Blumen. Außerdem konnte er sehr schnell rennen – ungewöhnlich schnell, wenn man seine Leibesfülle bedachte. Zelefant, der Fante genannt wurde, war sehr gutmütig und der musikalischste der sechs Freunde. Bälmatiner hatte immer einen Witz auf Lager. Schwespe war das einzige Mädchen und hatte eine philosophische Ader. Sie war immer ein wenig verträumt. Nummer sechs, Luk, war der draufgängerischste und wohl beizeiten auch etwas leichtsinnig.
Das also war die Vorstellung unserer Helden. Außer ihren Charaktereigenschaften sind aus Amica nur noch ihre Abenteuer bekannt. Und eines davon will ich euch jetzt erzählen.

Die Sechs Richtigen waren schon seit einigen Tagen sehr aufgeregt und das hatte auch seinen guten Grund: Die Schneekönigin hatte sie nämlich alle zu ihrem Geburtstagsfest auf ihr Schloss, das vollständig aus klarem, strahlend blauem Eis bestand, eingeladen. Die Einladung zum 24. Dezember kam am Nikolaustag hereingeschneit und war sofort zum einzigen Gesprächsthema geworden. Doch nachdem sich die erste Freude gelegt hatte, machte sich helle Aufregung unter den Sechsen breit: Was sollten sie der Königin zu ihrem Geburtstag bloß schenken? Es musste schon etwas ganz Außergewöhnliches sein, darin waren sich alle einig.
Doch dann gingen die Meinungen auch schon auseinander. „Wir stricken ihr alle zusammen einen schönen Schal“, meinte Bälmatiner, „damit sie sich in ihrem Schloss nicht erkältet.“ „Du kannst einer Königin doch keinen Schal stricken. Sie ist etwas viel Besseres gewohnt“, widersprach Luk sofort. „Ich bin für einen großen Krug Kakao.“ „Kakao?! Die Schneekönigin hat es doch nicht nötig Kakao zu trinken. Außerdem passt das nicht zu ihr. Wir schenken ihr einfach ein paar Früchte, die wir aus unserem Garten holen“, schlug Schwiger vor. Doch Schwespe entgegnete: „Königinnen schenkt man keine Früchte. Wenn schon was zu essen, dann zumindest Pralinen. Aber ich weiß nicht, woher wir die bekommen sollten. Bringen wir ihr doch einfach ein paar Blumen mit. Darüber freut sich jeder.“ „Blumen?!“, rief Fante. „Blumen bekommt man überall her. Das ist nichts Besonderes. Wie wär’s, wenn wir ihr einen hellen Hut häkeln? Dann wird sie überall gleich gesehen.“ „Die Königin wird sowieso immer gleich gesehen. Da braucht sie keinen hellen Hut“, meinte Hippie. „Wieso singen wir ihr nicht einfach ein Geburtstagsständchen?“ „Ein Geburtstagsständchen?“, wiederholte Bälmatiner. „Was soll sie denn damit anfangen?“
Doch bevor Hippie antworten konnte, hörten sie ein Rauschen und schauten zum Fenster ihres Wohnzimmers, woher das Geräusch gekommen war. Dort saß Kräh, die Elster, die ihre ganze Unterhaltung mit angehört hatte.
„Wieso schenkt ihr der Königin nicht einen Ring? Über Schmuck freut sich jeder“, krächzte die Elster. „Einen Ring?“, fragten alle. Die Idee war nicht einmal so schlecht. „Nun ja“, überlegte Luk. „Für die Schneekönigin muss es schon etwas Besonderes sein. Ein besonders edler, teurer Ring.“

Schließlich waren sie alle einverstanden und die Sechs Richtigen kratzten all ihre Ersparnisse zusammen. Zwei Tage später, als alle genügend Zeit hatten, machten sie sich auf den Weg zum besten Juwelier in ganz Amica.
Sein Laden war sehr eindrucksvoll. Der Name, „Le meilleur d’or“, war in goldenen Lettern darüber angebracht. Aus allen sechs riesigen Schaufenstern funkelten sie Diamanten und silbrige Geschmeide an. Die ganze Pracht blendete sie und jeder blieb mit aufgerissenen Augen vor je einem der Schaufenster stehen.
„Schaut mal hier“, ertönte da plötzlich Schwespes begeisterter Ruf. Sie deutete auf einen filigranen, silberfarbenen Ring mit einem einzelnen Stein, der in allen Regenbogenfarben funkelte. Doch er lag in der Auslage des Nachbargeschäfts. Darauf machte Fante sie auch gleich aufmerksam: „Den können wir der Königin nicht schenken. Sie dir den Laden doch an!“ Schwespe wusste sofort, was er meinte. Die Fassade dieses Juweliers war recht schlicht. Keine Goldlettern. Nur ein einziges Schaufenster. „Die Schneekönigin hat etwas Besseres verdient“, sagte er noch, bevor sie alle den Laden betraten.
Drinnen begrüßte sie sogleich ein grimmig dreinblickender, ältlicher Mann in sterilem schwarzem Anzug mit einem misstrauischen Blick. Und dabei waren sie doch Kunden! Echte, zahlende Kunden! Warum sah er sie dann so unfreundlich an? „Was wollt ihr hier“, blaffte er sie an. „Wir wollen einen Ring kaufen. Als Geschenk. Für jemand ganz Besonderen“, antwortete Luk. „Pah, kaufen!“, stieß der Juwelier hervor. „Gebt es doch zu, ihr wollt mich ausrauben. Oder ihr seid Spione von diesem Schmuckhändler von nebenan. Versucht nicht, mich reinzulegen. Ich kenne alle Tricks.“
„Warum sind Sie denn bloß so unfreundlich zu uns?“, ertönte da auf einmal Schwespes Stimme von der Tür her. „Wir haben Ihnen doch gar nichts getan. Und wir brauchen wirklich sehr, sehr dringend ein Geburtstagsgeschenk für die Königin.“
In den Augen des Mannes glitzerte es. „Für die Königin? Soso. Könnt ihr euch das denn überhaupt leisten?“ Statt einer Antwort zog Fante ihren schweren Beutel mit den vielen Goldmünzen, Silbertalern und kleineren Münzen hervor. Zugegeben, Gold und Silber waren vielleicht doch nicht so stark vertreten wie der weniger wertvolle Teil ihres Schatzes.
Beim Anblick des Metalls funkelten die Augen des Juweliers richtig. Fast abwesend streckte er seine rechte Hand danach aus und brachte unter seinen mit goldfarbenen Knöpfen zusammengehaltenen Manschetten eine bleiche Hand zum Vorschein. Hippie fragte sich, ob diese Hand wohl jemals die Sonne zu sehen bekommen haben mochte.
Der Mann nahm eine der Münzen heraus und prüfte sie wie einen Brillantring auf ihre Echtheit. Er beugte sich tief darüber und fingerte daran herum. Er versuchte sie durchzubrechen, scheiterte jedoch. Luk glaubte, der Juwelier würde die Münzen noch mittels eines Bisses darauf prüfen wollen, doch diese Maßnahme blieb aus.
Diese langwierige Prozedur wiederholte der alte Mann nun mit allen ihren Münzen. Dabei blieb der gespannte und misstrauische Gesichtsausdruck stets an ihm haften. Erst als er die letzte Münze wieder auf den Tisch vor sich gelegt hatte, wandelten sich seine Gesichtszüge und er sah sie mit einem Lächeln an, das ihnen einen Schauer über den Rücken jagen ließ. Seine Mundwinkel zogen sich zwar nach oben, doch der Rest seines Gesichts, insbesondere seine Augen, blieb unverändert. Er sah aus wie ein Wolf im Schafspelz.
„Was wünschen Sie, bitte?“, fragte er höflich und obwohl seine Stimme auf einmal glockenhell war, wirkte sie auf die Sechs Richtigen noch immer genauso kühl wie alles andere im Laden. „Ähm… wir suchen… einen Ring“, stammelte Luk, noch immer überrascht von der plötzlichen Gemütswandlung seines Gegenübers. „Es soll ein Geschenk sein“, half Hippie weiter. „Für jemand ganz Besonderen.“ „Soso, jemand ganz Besonderes“, wiederholte der Juwelier, „wie wäre es denn… hiermit?“ Und mit einer eleganten Geste zog er ein kleines Schmuckkästchen hervor, das er langsam öffnete.
Die Sechs Richtigen kniffen ihre Augen zusammen. Sie waren geblendet. Der Ring vor ihnen funkelte so sehr, dass es sich gar nicht beschreiben lässt. Sie waren sich sicher, dass er selbst in finsterer Nacht so sehr blinken würde, dass man kein Auge von ihm nehmen wollte.
„Den nehmen wir“, entschied Luk sofort und ohne sich noch einmal nach der Meinung seiner Freunde erkundigt zu haben. Es war doch klar, dass sie diesen Ring für perfekt halten würden! Doch bevor irgendjemand noch Einspruch erheben konnte, nannte der Juwelier schon den Preis. Und es kam, wie es kommen musste: er übertraf die Barschaft unserer Helden um ein Vielfaches.
Als sie das dem Juwelier mitteilten, schlich sich ein hämisches Grinsen auf das Gesicht des alten Mannes. „Soso“, meinte er zynisch, „die gnädigen Damen und Herren können sich also keinen Ring leisten? Was suchen die gnädigen Damen und Herren dann hier? Dieses Geschäft ist nur für zahlende Kunden! Bettler müssen nach nebenan!“ Betreten sahen die Sechs Richtigen zu Boden. Schließlich fasste sich Fante ein Herz: „Hätten…hätten Sie vielleicht noch einen anderen Ring? Einen, der nicht so teuer ist?“
Wieder dieses hämische Grinsen. „Nun ja“, antwortete der Juwelier dann zögernd, indem er jedes Wort unverantwortlich in die Länge zog, „da gäbe es vielleicht doch noch eine Möglichkeit…Der hier ist der billigste, den ich habe.“
Er zog ein altes, schäbiges Holzkästchen hervor. Als er es aufklappen wollte, klemmte es; das Holz hatte sich schon verzogen. Schließlich sprang es mit einem lauten Klappern auf und ein Ring purzelte heraus. Bälmatiner bückte sich und hob ihn auf. Es war ein plumper, stellenweise schon leicht angelaufener Messingring. Die sechs Freunde fanden ihn abgrundtief hässlich. Doch keiner wagte es, das den anderen zu sagen. Vor allem nicht in Gegenwart des Verkäufers.
„Und wie viel soll der kosten?“, fragte Luk nun wieder langsam, als ob er wollte, dass ihm irgendeiner seiner Freunde widersprach. Doch sie widersprachen nicht. Der Juwelier nannte ihnen einen horrenden Preis, den sie gerade noch so aufbringen konnten. Dann nahmen sie den Ring und das Kästchen, verließen den Laden, gingen an dem des anderen vorbei und machten sich auf den Weg nach Hause. Doch vorher warfen sie noch einen letzten Blick auf den wunderbar feinen Ring in der Auslage des einfachen Schmuckhändlers.

In den folgenden Tagen hüteten sie ihren Schatz wie besessen. Er war ihr Kleinod, ihr Augapfel.
Auf dem Nachhauseweg hatten sie nicht viel gesprochen. Alle waren irgendwie bedrückt gewesen. Doch je mehr Zeit verging, desto höher lobten sie ihren Ring. Damit konnten sie sich wirklich sehen lassen! Damit mussten sie sich vor der Königin nicht verstecken. Es war ein Ring, ein echter Ring, vom teuersten Juwelier des Landes.
Aus Angst, der Ring könnte ihnen des Nachts gestohlen werden, stellten sie Wachen auf. Damit lösten sie sich immer ab. Doch auch diejenigen, die gerade keinen Wachdienst hatten, machten kaum ein Auge zu aus Sorge, ihr kostbarer Schatz könnte ihnen abhanden kommen. Mit jeder Nacht weniger Schlaf wurden sie ein bisschen gereizter. Bis dann eines Tages die Katastrophe über sie hereinbrach.

Hippie hatte in der vergangenen Nacht Wachdienst gehabt. Doch als Schwespe morgens als Erste das Wohnzimmer betrat, fand sie Hippie dort in sitzender Haltung schlafend auf dem Sofa vor. Und das Holzkästchen, das er wohl einst in seiner Hand gehalten hatte, war verschwunden!
„Hippie!“ rief Schwespe und er schreckte sofort aus dem Schlaf hoch. „Wo ist der Ring?“ Entsetzt starrte Hippie auf seine leeren Hände. Doch ihm blieb keine Zeit zu einer Antwort – er hätte ohnehin keine gefunden –, denn schon kamen die restlichen Vier ins Wohnzimmer gerannt. „Wo ist der Ring, Hippie?“, wiederholte Fante Schwespes Frage. „Hast du ihn etwa verschluckt?“, versuchte es Bälmatiner mit einem Scherz, doch weder ihm noch seinen Freunden war jetzt zum Lachen zumute. „Er muss doch irgendwo sein. Er kann ja nicht so einfach vom Erdboden verschwinden“, versuchte Schwiger ihnen allen Mut zu machen. „Ist dir eigentlich klar, was du angerichtet hast?“, fuhr Luk seinen unglücklichen Freund an. „Wenn der Ring weg ist, dann können wir uns nie wieder bei der Schneekönigin sehen lassen!“
Hippie war eingeschüchtert in sich zusammengesunken. Er war nur noch ein Häufchen Elend. Schwespe, obwohl recht sauer auf Hippie, mochte ihm das wohl ansehen und versuchte daher, die erhitzten Gemüter wieder etwas zu beruhigen: „Schwiger hat Recht. Der Ring muss irgendwo sein. Wir müssen ihn bloß an der richtigen Stelle suchen. Wer suchet, der findet.“
Gerade wollten sie das gesamte Wohnzimmer auseinander nehmen, als Luk plötzlich innehielt. „Wartet mal!“, hieß er sie an. „Wo soll der Ring denn hingekommen sein? Hippie hat sich doch die ganze Zeit nicht bewegt.“ „Aber er ist nun mal weg“, meinte Bälmatiner. Er wusste nicht, worauf Luk hinauswollte. „Erinnert ihr euch noch, wer uns überhaupt auf die Idee mit dem Ring gebracht hat? Richtig, die Elster. Und was lieben Elstern über alles? Funkelnde, glitzernde Dinge. Und wofür sind Elstern bekannt? Genau, dafür, dass sie diese Dinge stehlen. Gestern Mittag war die Elster hier. Und heute Morgen steht das Fenster offen. Na?“
Schweigend sahen die anderen sich an, während Luk mit herausfordernder Miene auf eine Antwort wartete. Sie konnten es sich kaum vorstellen. Kräh, ihre Freundin Kräh, sollte ihnen ihren Ring gestohlen haben? Kaum zu glauben! Dennoch – Luks Theorie war nicht ganz von der Hand zu weisen.

Also machten sie sich auf, um nach Kräh zu suchen und sie zur Rede zu stellen. Es dauerte zwar eine Weile, aber schließlich hatten die Freunde sie gefunden. Sie saß auf einem alten, großen Kirschbaum, der schon längst alle Blätter verloren hatte. „Oho, die Sechs Richtigen!“, krächzte der Vogel. „Was verschafft mir denn die Ehre?“
Plötzlich waren die sechs Freund unsicher. Den ganzen Weg über hatten sie keinen Zweifel daran gehegt, dass Kräh tatsächlich die Diebin war. Sie hatten sich schon ausgemalt, welche Anschuldigungen sie ihr an den Kopf werfen würden. Aber jetzt, da sie sie so ruhig dasitzen sahen…
„Was ist?“, krähte die Beschuldigte. „Ihr starrt mich ja an, als ob ich ein Geist wäre!“ Betreten sahen sie zu Boden, bis Luk endlich, wenn auch zögernd, das Wort ergriff: „Nun, es ist so…wir wollten dich etwas fragen, Kräh.“ Kräh hob interessiert den Teil ihres Gesichts, bei dem bei einem Menschen die Augenbrauen wären und Luk fuhr nun etwas mutiger fort: „Ja, du weißt doch, dass wir für die Schneekönigin einen Ring gekauft haben. Einen sehr schönen, teuren Ring.“ „Na, ‚schön’ würde ich das Teil nicht gerade nennen“, warf Kräh dazwischen, doch Luk ging nicht darauf ein. „Jedenfalls ist der Ring weg“, brachte er nun den Kern seiner Sache zum Ausdruck. „Was sagst du da?“ Kräh schien ehrlich überrascht und sogar bestürzt. „Nun tu doch nicht so!“, mischte sich jetzt Fante ein und Luk fuhr fort: „Wir wissen ganz genau, dass du den Ring hast!“
Einige Augenblicke lang herrschte Stille. Die Anschuldigung war nun ausgesprochen und hing etwas hilflos in der Luft. Doch sie war nicht mehr ungeschehen zu machen. Gespannt starrten die Sechs Richtigen auf Kräh. Diese wiederum blickte wortlos einem nach dem anderen fest in die Augen. Schließlich – es schienen Stunden vergangen zu sein – meinte sie leise: „Ihr glaubt es also wirklich? Ihr behauptet allen Ernstes, ich hätte euch bestohlen? Ihr seid doch meine Freunde!“
Die Sechs Richtigen wussten nicht, was sie tun sollten. Kräh klang ehrlich verletzt. „Nun ja“, begann Schwiger und fühlte sich dabei sehr unbehaglich, „du bist nun mal die Einzige, die für die Tat in Betracht kommt.“ „Ach so, vermutlich, weil ich kein Alibi habe“, meinte sie zynisch und dann brach es aus ihr heraus: „Sagt mal, was soll das denn? Ich fühle mich, als säße ich von allen verlassen und ohne Verteidiger auf der Anklagebank! Was soll dieses ganze Gerede von ‚Tat’ und ‚in Betracht kommen’? Ich würde euch doch niemals bestehlen oder belügen! Habt ihr denn kein Vertrauen zu mir?“
„Hör mal“, versuchte Fante sie zu beschwichtigen, „es ist einfach die einzige Möglichkeit, die wir sehen. Lass uns doch einfach in dein Nest schauen, dann können wir sehen, ob sich der Ring darin befindet oder nicht.“
Er machte Anstalten, sich dem Baum zu nähern, doch Kräh wies ihn barsch zurück. „Mein Nest ist auf einem anderen Baum. Oder siehst du hier irgendwo eines?“ „Und wo ist dein Nest?“, wollte nun Luk wissen. Doch Kräh blitzte ihn nur finster aus ihren kleinen schwarzen Augen an. „Das verrate ich euch nicht!“, krächzte sie wütend. Dann flog sie davon.
Bedrückt machten sich die Sechs Richtigen auf den Heimweg. Als sie wieder in ihrem Wohnzimmer waren, überlegten sie, was nun zu tun sei. „Wir sollten doch einmal das Wohnzimmer und unser restliches Haus durchsuchen“, meinte Hippie plötzlich. „Wozu denn das?“, fragte Luk verständnislos und beinahe verächtlich. „Wir wissen doch schon, dass Kräh den Ring hat.“ „Wirklich?“, fragte Schwespe dazwischen. „Sie hat es nicht zugegeben. Ich bin auch dafür, dass wir zunächst mal hier suchen, bevor wir irgendetwas anderes unternehmen.“
Schließlich waren auch die anderen derselben Meinung und sie stellten ihr Haus auf den Kopf. Sie suchten in den Schubladen, unter den Teppichen, in den Schränken, in den Blumentöpfen – kurz: an allen möglichen und unmöglichen Orten. Doch sie fanden nichts – sieht man mal von Schwigers linker grüner Socke ab, die er schon seit drei Wochen vermisste.
Sie wollten die Suche schon aufgeben, als Hippie plötzlich einen triumphierenden Schrei ausstieß. „Hast du ihn gefunden?“, wurde er sogleich von allen bestürmt. Glücklich und unendlich erleichtert hielt er seinen Freunden das alte Holzkästchen hin. „Es steckte im Spalt von unserem Sofa, zwischen der Sitzfläche und der Armlehne. Es muss da hinein gerutscht sein, als ich…naja…eingeschlafen bin“, erklärte er überschwänglich. Er war so unendlich froh darüber, den Ring wiedergefunden und seinen Fehler wiedergutgemacht zu haben.
Doch nach der ersten Freude legte sich ein dunkler Schatten über die Gemüter der sechs Freunde. „Wisst ihr, was das heißt?“, brachte Schwiger die Ursache ihres Unwohlseins mit einer rhetorischen Frage zum Ausdruck. „Wir haben Kräh zu Unrecht verdächtigt. Sie hatte gar nichts mit dem Verschwinden zu tun. Sie ist unschuldig.“ „Du hast Recht“, stimmte Hippie ihm zu. „Wir müssen sofort zu ihr und uns bei ihr entschuldigen.“
Doch sie fanden Kräh nicht. Ihre Freundin schien wie vom Erdboden verschluckt. Obwohl sie die nächsten Tage fast nur noch nach ihr suchten, konnten sie sie nicht finden. Sie hatten nun zwar den Ring wieder gefunden, doch ihre Freundin hatten sie verloren.

Schließlich war der 24. Dezember gekommen, der Tag des Geburtstagsfestes. In gedrückter Stimmung machten sich die Sechs Richtigen auf den Weg zum Eispalast der Schneekönigin. Normalerweise wären sie mit purer Vorfreude erfüllt gewesen. Doch es machte ihnen zu schaffen, dass sie Kräh noch immer nicht hatten finden können.
Bevor sie aufgebrochen waren, hatten sie den Ring noch ein letztes Mal poliert – es musste so etwa zum dreiundsiebzigsten Mal gewesen sein. Deshalb waren sie nun auch ziemlich spät dran. Doch immerhin glänzte der Ring nun wie ein echter Ring aus Gold.
Als sie sich dem Schloss näherten, hörten sie schon von Weitem Musik. Eine wohlklingende Melodie nahm ihre Herzen voll und ganz ein und wärmte sie von innen heraus. Als sie das Schloss betraten, war ihnen auch überhaupt nicht kalt, obwohl doch alles aus Eis bestand.
Die Atmosphäre hier war einfach gigantisch. Der Eispalast strahlte zwar keine Kälte, aber doch Würde und Erhabenheit aus. Die Musik war bei ihrem Eintritt angeschwollen und erreichte nun ihren Höhepunkt. Alle Gäste – es mussten an die hundert sein – starrten wie gebannt auf den Chor, dessen Mitglieder allesamt Vögel waren. Sollte –
Mit einem wohlklingenden Akkord beendete der Chor sein Konzert und alle klatschten; die Schneekönigin, die – in reines Weiß gehüllt – ganz vorne gesessen hatte, stand sogar auf. Auch die Sechs Richtigen klatschten begeistert. Und auf einmal entdeckte Bälmatiner sie.
„Kräh!“, rief er und einige Augenblicke später hatten seine Freunde sie ebenfalls erspäht. Doch auch die Sechs Richtigen waren nun bemerkt worden. Die Gäste hatten Bälmatiners Ruf gehört und drehten sich zu ihnen um.
„Die Sechs Richtigen! Meine lieben Freunde!“, begrüßte sie die Schneekönigin mit sanfter Stimme und kam auf sie zu. Mit offenen Mündern starrten die sechs Freunde sie an. Die Schneekönigin war wunderschön; sie schien von innen heraus zu strahlen, ja, beinahe zu leuchten! Ihr langes, silberglänzendes Haar wallte sanft über ihre Schultern und ihren Rücken. Sie bewegte sich mit einer Anmut, die allen sechsen traumhaft vorkam.
Hippie stupste von hinten Luk an, der das Kästchen in seiner Tatze hielt. Dieser besann sich und streckte es vor. Er räusperte sich. „Hier ist unser Geschenk. Es ist vielleicht nicht ganz so edel…“ Er brach ab und sein Blick wanderte auf die Tische, die an der Seite aufgestellt worden waren und auf denen sich die anderen Geschenke für die Königin befanden.
Die Milchkübel, die dort standen, hatten mit Sicherheit die Kühe mitgebracht. Der fließende Seidenschal war bestimmt von den Seidenspinnerraupen und die Hüte zweifellos von den Schafen. Die Blütenkränze kamen von den Blumenkindern. Auf einmal bemerkten sie auch den feinen, filigranen Ring, der auf einem Ehrenplatz in der Mitte des mittleren Tisches platziert war. Schwespe war sich sicher, dass dieser Ring von dem ärmeren Schmuckhändler das Geschenk des Schneekönigs an seine Frau war.
„Auch ihr habt ein Geschenk für mich!“, holte eine sanfte Stimme sie alle wieder in die Gegenwart zurück. „Ich weiß nicht, warum alle Leute denken, sie müssten mir immerzu etwas schenken. Ich freu mich doch schon so darüber, dass ihr überhaupt kommt und ihr mir eure Zeit schenkt.“ Etwas verwirrt und mit nicht allzu geringer Kraftanstrengung öffnete Luk das Kästchen. „Oh! Ein Ring!“, rief die Königin und es klang eher überrascht als erfreut. Nun sahen auch die Sechs Richtigen, dass dieser Ring viel zu groß für die zarten Hände der Königin war. Ihre Majestät blickte die sechs Freunde an, als wollte sie ihr Innerstes ergründen und sagte: „Der war wohl ziemlich teuer.“ „Naja“, meinte Luk, „es ist nichts Besonderes…“
„Doch“, widersprach Schwespe da auf einmal. „Dieser Ring ist etwas sehr Besonderes.“ „Er hat eine große Bedeutung für uns“, meinte auch Hippie, bevor Schwespe den Faden wieder aufnahm: „Wir kauften diesen Ring bei einem Juwelier, der uns sehr unfreundlich behandelte, da er alle Wesen nach ihrem Geld bewertete. Da der Ring uns viel gekostet hatte, gaben wir sehr gut auf ihn Acht und vernachlässigten dabei alles andere. Als er dann auf einmal verschwunden war, waren wir nicht mehr recht bei Sinnen und verdächtigten sogar unsere Freundin Kräh, dass sie ihn gestohlen hatte.“
„Doch dann fand ich den Ring wieder“, übernahm Hippie das Wort, „und es tat uns allen schrecklich leid, dass wir Kräh so ungerechterweise verdächtigt hatten. Wir wollten uns entschuldigen und suchten sie überall, doch wir fanden sie nicht. Für den Ring hatten wir einen hohen Preis gezahlt – unsere Freundin Kräh, die Elster.“
„Darum wollen wir dir den Ring schenken, oh Königin“, setzte Fante zum Ende der Rede an. „Als Zeichen und Erinnerung dafür, dass bei einem Geschenk nicht sein materieller Wert zählt und noch nicht einmal so sehr sein Aussehen, sondern dass man den wahren Wert einer Sache mit dem bloßen Auge meist gar nicht erkennen kann. Er liegt im Verborgenen, im Innern.“

Die Königin und alle ihre Gäste waren tief bewegt. „Ich danke euch“, meinte sie schließlich. „Ich werde den Ring in Ehren halten. Am besten hänge ich ihn mir an einer Kette um den Hals, damit ich mich immer wieder an eure Worte erinnere. Und...was ist mit Kräh?“ Sie blickte zum Podium, von wo der Vogelchor der Rede gelauscht hatte.
„Das wissen wir nicht“, sagte Luk. „Wir haben sie sehr verletzt“, musste Fante eingestehen. „Wir haben uns wie Idioten verhalten, nicht wie Freunde“, meinte auch Bälmatiner und Schwiger führte den Gedanken weiter: „Denn Freunde sollten sich vertrauen.“ „Wir können nur hoffen, dass Kräh uns trotz allem verzeiht“, schloss Hippie und alle starrten gespannt zu Kräh hinüber.
Diese kam sogleich zu ihnen herübergeflattert. „Natürlich verzeihe ich euch!“, krächzte sie. „Vergeben und vergessen!“ „Nein“, meinte Schwespe. „Wir werden das nie vergessen, denn wir wollen aus unserem Fehler lernen. Wir werden dir nie wieder misstrauen, Kräh.“
Und Krähs schwarze Funkelperlenaugen glitzerten schöner und rührender als jeglicher Ring es jemals hätte tun können.

~Ende~
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