Catrek-Chroniken: Conrad Waldek

GeschichteAbenteuer / P12
04.05.2009
27.05.2016
5
46.837
6
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
04.05.2009 2.889
 
Das Fürstentum Roem, das kleine, unabhängige Reich, in dem Frieden und Wohlstand herrschte, war etwas besonderes. Obwohl es von neidischen menschlichen Bruderstaaten umgeben war, obwohl es an die Länder der streitsüchtigen Dämonen grenzte, obwohl selbst die Inseln der arroganten Götter an seine Küsten grenzten war dieser Staat noch nie angegriffen oder gar annektiert worden.
Der Grund hierfür lag nicht nur bei der hervorragend ausgebildeten, kleinen aber schlagfertigen Armee. Es war Schloss Catrek, die neutrale Schule, an der die zukünftigen Herrscher von Menschen- Dämonen- und Götterreichen ebenso wie ihre künftigen Berater Seite an Seite lernten, ihre Länder zu führen und die Kriegskunst erlernten. Auf Schloss Catrek, so hieß es, wurden heute bereits die Bündnisse von morgen geschlossen, aber auch schon jetzt entschieden, welche Staaten unter welchem Herrn unversöhnliche Feinde werden würden. Hier wurden sie geschult. Strategie und Taktik stand ebenso auf dem Lehrplan wie die Schwertkunst und Reiten im Kampf. Die Wissenschaften wurden gelehrt, Wirtschaftslehre, Mathematik, Literatur und sogar für eine Handvoll Begabte die Magie in all ihren Farben und Schattierungen.
Die Schüler, egal ob sie in ihrer Heimat Kronprinz oder Bauerskind waren, traten mit sechzehn in die Schule ein und blieben fünf lange Jahre. In dieser Zeit konnte man sich unverbrüchliche Freundschaften aufbauen oder vom Hass zerfressen werden, eine Sache, von der ich gedacht hatte, dass sie mich nie berühren würde.
Mein Name ist Conrad Waldek, und ich bin Zweiter Sohn des Erzkanzlers des Menschenkönigreichs Pars. Meine Aufgabe an dieser Schule war es, ein gut geschulter zukünftiger Minister für meinen zukünftigen König zu werden, und vier lange Jahre hatte ich mich dieser Aufgabe gewidmet. Aber ich hätte nie gedacht, dass mein fünftes, letztes Jahr am schwersten werden würde.
Die Schüler sind in Jahrgängen zusammengefasst, jeder Jahrgang wählt drei Sprecher. Ich bin der erste Sprecher des letzten Jahrgangs, und deshalb bin ich verantwortlich für alle anderen Schüler meiner Altersstufe. Einen Sack Flöhe zu hüten wäre einfacher, aber ich komme damit zurecht, nicht zuletzt dank der Hilfe meiner beiden Mitsprecher, Mirk Farem und Torandil Azet. Man kann sogar sagen, wir seien Freunde, obwohl man mir nachsagt, nicht nur meine Haare wären weiß wie Schnee, auch mein Blick und mein Herz wären eisig kalt. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich mich mit den beiden so gut verstehe. Mirk wird einst Torangar erben, ein mächtiges Königreich im Süden, welches von der Dämonenrasse regiert wird. Ja, Mirk ist ein Dämon, und das erschreckt viele Menschen, die ihn nicht näher kennen. Sie haben Angst vor ihm, obwohl er ihnen nie etwas getan hat. Aber seine Erscheinung, langes schwarzes Haar, tiefschwarze Augen und blassbleiche Haut sind nicht jedermanns Geschmack, obwohl ich zugeben muss, dass sein Lächeln schon so manche Schülerin in Verzückung getrieben hat. Nun, vielleicht ist DAS der wahre Grund, warum die Menschen ihn hassen. Er ist gefährlich – für die Frauen. Torandil hingegen wird angehimmelt. Der große, schlanke Mann mit dem langen braunen Haarzopf und dem femininen Gesicht wird von den menschlichen Schülern sehr verehrt. Hauptsächlich wohl deshalb, weil er ein Gott ist. Seine Karriere in Vylexar, einem Staat auf der Götterinsel Turen, war  vom ersten Tag an vorgezeichnet. Er wird unter seinem zukünftigen König einst Kanzler sein.
Ich komme gut mit den beiden aus, vielleicht sind wir wirklich Freunde. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, fühle ich mich zum lächeln verführt. Immerhin, Vylexar und Torangar sind beides Staaten, die noch nie im Krieg mit Pars gelegen haben. Nein, unseren Ärger hatten wir stets den Menschenkönigreichen zu verdanken. Aber das vergaßen sie schnell, die Menschen, solange es ihnen so einfach gemacht wurde. Torandil als Gott war absolut verehrungswürdig, und Mirk als Dämon das Böse schlechthin.
Und damit begann mein Dilemma. Einerseits wurde ich gefürchtet, weil ich mich so gut mit dem zukünftigen König von Torangar verstehe, andererseits gehasst, weil ich ihn mit Torandil zusammengebracht habe.
Vor allem der Sprecher des vierten Jahrgangs, der stets adrette, aber schrecklich arrogante Menschenprinz Jisathan machte mir das zum Vorwurf. Natürlich wusste ich längst, das ich ihm mit meiner Freundschaft zum Gott ein Dorn im Auge war, denn er wollte  sich mit Torandils Schönheit schmücken. Jisathan und seine beiden Sprecher stammen aus Agenfelt, einem Nachbarstaat von Pars, mit dem wir in der Vergangenheit viele Konflikte ausgetragen haben. Der feminine, überhebliche Jisathan ließ auch selten eine Gelegenheit aus, mir die wenigen militärischen Erfolge seiner Nation unter die Nase zu reiben. Ich bin sicher, wären Kämpfe unter den Schülern nicht verboten gewesen, er hätte mich attackiert. Aber auch so rechnete ich jederzeit mit einem Angriff auf mich. Grund mich zu hassen hatte er wahrlich genug. Und mit seinen beiden Sprechern, die ihm bedingungslos folgten, auch willige Komplizen. Aber selbst das betrachtete ich nur als geringes Ärgernis. Das wahre Problem war ein anderes. Einen Kopf kleiner als ich, mit blondem, kurz geschorenem Haar, großen blauen Augen und einer Figur, die Männer in den Wahnsinn treiben konnte. Dazu kam ein messerscharfer Verstand, eine scharfe Zunge und der Titel als bester Schülerin des fünften Jahrgangs. Zudem war sie göttlicher Abstammung – und offensichtlich war Selestin Northim in mich verliebt.  

In einem Punkt habe ich gelogen. Es war nicht so, als würden mich alle Menschen hassen. Im Gegenteil, es gab viele menschliche Schüler, die mir ihr Vertrauen schenkten oder meinen Rat suchten. Natürlich waren etliche dabei, die mich als das schwache Glied in der Kette ansahen und versuchten, über mich Torandil oder Mirk kennen zu lernen. Aber viele wollten auch von dem Wissen profitieren, welches ich mir in beinahe fünf Jahren auf Schloss Catrek erworben hatte. Immerhin galt ich als einer der Besten. In den Pausen wurden wir drei oft genug umlagert, und mussten uns zusätzlich zum eigenen Studium noch mit banalen oder manchmal sehr ernsten Themen auseinander setzen.
Wie zaubert man einen Feuerball? Was muss ich beachten, wenn ich mein Pferd ohne Zügel lenke? Ist die Welt wirklich eine Kugel und wie wird ihr Durchmesser berechnet? Hat Torandil schon eine Freundin? Was würde Mirk mit mir machen, wenn er mich im Duell besiegt und ich entwaffnet vor ihm stehe? Trinken Dämonen wirklich Blut, und würde er dann meines trinken? Warum geht Torandil nie zu einer Verabredung?
„Ähemm!“ Das laute Räuspern ließ die Gespräche – oder vielmehr die in den Raum geworfenen Fragen verstummen. Im Lehrsaal für Wirtschaft wurde es still, die zahlreich vertretenen Schüler der unteren Jahrgänge drängten hastig beiseite. Da war sie also. Selestin Northim, die beste Schülerin des Jahrgangs. Und seit fast fünf Jahren die Klette, die an mir hing. Ihr böser Blick trieb die Schüler noch weiter auseinander, aber als sie mich ansah, wechselte sie zu einem Lächeln, welches Steine geschmolzen hätte. Aber ich fiel darauf nicht herein. Ich hatte gesehen, was diese Frau mit einem einfachen magischen Spruch wie dem Feuerball anrichten konnte.
„Ich nehme an, du hast dir wieder nichts zum Mittag mitgebracht, Conrad. Deshalb habe ich etwas mehr gemacht“, sagte sie immer noch lächelnd. Etwas mehr, das war ein Picknickkorb, der garantiert bis zum Rand gefüllt war. Weit mehr als sie und ich essen konnten.
„Ein Picknick zum Mittag? Klingt gut“, ließ sich Torandil vernehmen. Er erhob sich. „Hast du was dagegen, wenn Mirk und ich uns anschließen?“
„Ihr zwei kriegt nichts!“, rief sie in Torandils Richtung und warf ihm einen bösen Blick zu, stark genug, um ihn drei Schritte zurück zu treiben. Doch als sie mich wieder ansah, lächelte sie erneut. „Können wir dann, Conrad?“
Seufzend erhob ich mich. Ihr selbstgemachtes Essen schmeckte immerhin hervorragend.

Unter einer alten Eiche fanden wir ein schattiges Plätzchen mit Blick auf die Reitanlage. Gerade schirrten die Bediensteten einigen Hengsten die Gefechtsrüstung um. Das erste Jahr würde nachher hier trainieren, und die schweren Panzer waren dazu gedacht, die Pferde vor ihren Reitern zu beschützen. Ein Gedanke, der mich schmunzeln ließ.
„Hier, etwas Tee, Conrad. Lang ruhig ordentlich zu. Ich glaube, ich habe ein wenig viel gemacht.“
„Danke.“ Immer wenn sie mich so anlächelte, machte mich das misstrauisch. Ich war mir nicht klar darüber, was dieses Mädchen, was diese Göttin von mir wollte. Es musste mit meiner Tätigkeit als Jahrgangssprecher zu tun haben, doch bisher hatte sie nicht versucht, aus unserer Bekanntschaft einen Vorteil zu ziehen.
Ich sah das Unheil schon von weitem. Jisathan kam, begleitet von den anderen beiden Sprechern und einem beachtlichen Gefolge aus Menschenschülern in unsere Richtung. Alles in allem waren es wohl zwanzig Leute, die entweder versuchten, ein wenig von seinem zweifelhaften Glanz zu erhaschen oder ihm glänzen zu helfen versuchten. Als der verwöhnte, und zugegeben gut aussehende Prinz aus Agenfelt mich erkannte, blieb er stehen. Missbilligend runzelte er die Stirn. „Conrad Waldek. Es ist schon schlimm genug, dass einer wie du auf Schloss Catrek lernen darf. Aber musst du dich unbedingt jedem Gott aufdrängen, den du siehst?“
Neben mir begann Selestin wütend zu knurren. Ich gebot ihr mit einen Handbewegung Einhalt. „Hast du nicht ein Bauerndorf abzuschlachten oder ein kleines hilfloses Land, in das du einfallen musst?“
„Ach, wie vulgär. Aber etwas anderes war von dir ja nicht zu erwarten, oder? Ein Bauer bleibt ein Bauer, egal wie sehr er sich hoch dient. Kein Vergleich zu einem Mann von wahrem Königsblut.“
„Von Königsblut sehe ich hier nichts. Außer, du glaubst, dass dein affektiertes Gehabe dich zum König qualifiziert.“ Ich schnaubte abfällig. „Mit dir als Herrscher über Agenfelt werden wir jedenfalls in Pars eine ruhige Zeit haben.“
Wut verzerrte sein Gesicht. Auffordernd sah er einen seiner Begleiter an. Sekunden darauf flog ein Wurfdolch auf mich zu. Er wurde eine Handbreit vor meinem Gesicht gestoppt. Selestin hatte ihn rechtzeitig am Griff zu fassen gekriegt.
„Ups, da ist einem meiner Leute wohl die Hand ausgerutscht. Nicht, dass es ein Verlust gewesen wäre, wenn der Dolch getroffen hätte.“
Die Haare der Göttin wurden plötzlich nach oben geweht, als würde ein starker Wind nach ihnen fassen. Eine glutrote Aura hüllte sie ein und rund um ihre linke, freie Hand tanzten Flammen, die sich schnell zu einem lodernden Ball vereinigen. „Aus meinen Augen, Mensch, bevor mir die Hand ausrutscht!“
„Da siehst du was du angerichtet hast. Du hast einen Gott dressiert“, warf mir Jisathan vor.
„SOFORT!“, blaffte Selestin.
Der Abzug der Gruppe um den Prinzen von Agenfelt erfolgte ein wenig zu hastig, fand ich.
Die Aura verschwand um die Göttin. Als sie mich wieder ansah, lächelte sie schon. „Dieser Kerl ist so ein Idiot, Conrad.“
„Danke, das du den Dolch gefangen hast, Selestin. Auch wenn es nicht nötig war. Ich hätte ihn selbst abwehren können.“
„Auch... Wenn es nicht nötig war?“ Sie sah mich auf eine Weise an, die ich an ihr nie zuvor gesehen hatte. Dann lief sie fort.
Langsam erhob ich mich und sammelte die Reste des Picknicks  auf. Ich wurde wirklich nicht schlau aus dieser Göttin.
„Conrad“, erklang die Stimme von Mirk hinter mir, „manchmal bist du ein riesiger Idiot.“
„Zum Glück bist du aber unser Idiot“, fügte Torandil hinzu. Beide standen unter einem nahen Baum und sahen mich kopfschüttelnd an.
„Wie lange steht ihr schon da?“
„Lang genug. Du hättest ihr nachlaufen sollen, Dummkopf“, tadelte Mirk.
„Und warum sollte ich so etwas dummes tun?“, entgegnete ich.
Die beiden wechselten einen überraschten Blick und sagten zusammen: „Idiot.“

Als der Abend dämmerte und der Unterricht ein Ende fand, steckte in der Tür zu meinem Zimmer eine Pergamentrolle. Ich entsiegelte sie und las mit Entsetzen, dass dieser Narr Jisathan Selestin verschleppt hatte. Ohne groß nachzudenken machte ich mich auf den Weg zum alten Warenhaus, in dem er sich mit mir treffen wollte. Verdammt, Selestin! Ich hatte sie für klüger gehalten.
Als ich in das weit geöffnete alte Warenhaus schritt, klang die Stimme des Prinzen auf. „Bist du allein gekommen?“
„Natürlich bin ich allein hier. Wo ist Selestin?“
Als Antwort lachte der Prinz. „Ich wusste, du würdest nicht widerstehen können, wenn es um ihr Leben geht.“ Ein bösartiges Funkeln ging über seine Augen. „Packt ihn!“
Aus allen Richtungen stürzten nun seine Gefolgsleute herbei. Ich wehrte mich nicht. Hart landete ich mit meinem Gesicht auf dem staubigen Boden.
„Und, mein kleiner Bauer, was schenken wir dir jetzt?“, säuselte der Prinz von Agenfelt von oben herab. „Ein paar schöne Narben für dein hübsches Gesicht vielleicht? Trennen wir ein paar Finger ab?“
„Selestin ist nicht hier?“
„Ich habe keine Hand an sie gelegt.“
„Dann ist es egal. Aber tue es schnell, bevor ich mich befreien kann.“
„Interessant, Bauersjunge.“ Langsam trat Jisathan näher und zog einen langen Dolch aus seinem Gewand. „Selbst aus dieser Position bist du noch arrogant und selbstüberzeugt. Woher nimmst du nur diese Sicherheit?“
„Vielleicht von seinen Freunden!“, klang vom Eingang her die Stimme von Mirk auf. Ich versuchte den Kopf zu wenden, konnte aber nicht viel erkennen. Nur kurz erahnte ich drei Gestalten in der offenen Tür. Mirk, Torandil und... Selestin?
„Mich zu benutzen, um Conrad herzulocken“, sagte Selestin mit mühsam unterdrückter Wut in der Stimme. In ihrer Hand hielt sie das Pergament, das mich her gelockt hatte.„Das ist unverzeihlich, Jisathan!“ Übergangslos wurde der Innenraum des Lagers grell von ihrer Flammenaura erleuchtet. Angstvoll drückten sich die Menschen aneinander.

Sekunden darauf half mir Mirk beim aufstehen, und Torandil klopfte mir den Staub von der Kleidung. Selestin stand wütend vor dem geschlagenen Prinzen und starrte böse auf ihn hinab. „Passiert das noch mal, halte ich mich nicht zurück, verstanden?“
„Verstanden“, antwortete der Prinz, während er verrenkt und Ruß bedeckt auf dem Boden lag.
„Das nennt sie zurückhalten?“, fragte Mirk mit gerunzelter Stirn.
„Danke, Selestin, aber...“, begann ich, wurde jedoch von ihr unterbrochen.
„Aber du hättest keine Hilfe gebraucht?“
Als ich darauf nicht antwortete, warf sie sich herum und lief davon.
„Idiot!“, kommentierten Torandil und Mirk unisono.
„Ich wünschte, ihr würdet aufhören, das dauernd zu sagen.“


„Na toll, du Idiot!“, brüllte mir jemand ins Ohr.
Ich schreckte hoch. So unsanft geweckt wurde ich eher selten. Verwirrt sah ich mich um und erkannte Mirk und Torandil, die neben meinem Bett standen. „Was?“
„Du hast es geschafft. Selestin verlässt die Schule“, brummte Mirk böse.
„Was? Wieso? Und was habe ich damit zu tun?“
„Das ist doch vollkommen egal! Wenn du nicht gleich umgezogen bist, ist sie für immer fort“, sagte Torandil, tauschte ein Nicken mit dem Dämon aus. Gemeinsam stürzten sie sich auf mich.
Minuten darauf wurde ich, halb gezogen, halb gestoßen, in Richtung Innenhof gebracht.
Dort wartete bereits eine Kutsche auf Selestin. Ein groß gewachsener Ritter mit verwegenem Gesicht hielt ihr bereits die Tür auf.
„Selestin!“
Sie wandte sich um. „Conrad? Was machst... Ach so. Die beiden haben dich geholt.“ Sie sah traurig zu Boden.
„Du gehst?“, fragte ich. „Das Jahr ist noch nicht vorbei.“
Der Ritter sagte an ihrer Stelle: „Es gibt nichts mehr, was Lady Northim hier noch hält. Sie wird in ihr Heimatland zurückkehren.“
Erschrocken sah ich die beiden an und rang nach Worten.
„Eines interessiert mich noch“, sagte die junge Göttin stattdessen. „Warum bist du Jisathan in die Falle gegangen? Warum hast du versucht mich zu retten?“
Hilflos hob ich die Arme. „Der Dolch. Deine Hilfe.“
Enttäuscht sah sie auf. Ein schüchternes Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Ach. Ich verstehe.“
„Selestin!“, rief ich und hielt sie damit davon ab, in die Kutsche zu steigen. „Mich interessiert auch etwas. Was versprichst Du dir davon, in meiner Nähe zu sein?“
„Was ich mir davon verspreche? Ich liebe dich, du Idiot!“, rief sie wütend.
„Wo ist da dein Vorteil?“
„Was für ein Vorteil?“ Beinahe sanft sah sie mich an. „Liebe wird gegeben, Conrad, ohne etwas zu verlangen, ohne etwas zu erwarten. Ohne Vorteile und ohne Wünsche. Das macht sie so rein und erstrebenswert.“
Als sie die helfende Hand des Ritters nahm, der ihr in die Kutsche half, fügte sie hinzu: „Es wundert mich nicht, dass du das nicht verstehst, Conrad.“

Die Kutsche fuhr an. Bis zu Roems größten Seehafen würde sie nur wenige Stunden unterwegs sein. Und von dort würde sie ein Schiff schnell nach Hause bringen. Fort aus dem Fürstentum, fort von Schloss Catrek, fort... Von mir?
„Du bist ein Idiot. Warum hast du überhaupt Zeit mit ihr verbracht, wenn du sie jetzt fahren lässt?“, tadelte Mirk.
„Es ist meine Pflicht, dass ich an dieser Schule ein erstklassiger...“
„Man muss die Pflicht auch mal ruhen lassen können! Sie fährt fort und kommt nicht wieder! Kapierst du das?“, rief der Dämonenprinz wütend.
„Kommt nicht wieder...“, wiederholte ich und Entsetzen huschte über mein Gesicht. „Kommt nicht wieder!“
Ich lief los, eilte der Kutsche hinterher. Zum Glück war sie nicht besonders schnell, ich ergriff den hinteren Rahmen, bevor sie den Schlosshof verlassen hatte. Dann stoppte ich das Gefährt mit einem harten Ruck. Die Pferde wieherten zu Tode erschrocken auf. Der Ritter und Selestin sahen ebenfalls erschrocken heraus. „Hast du gerade die Kutsche mit bloßen Händen angehalten, Conrad?“
„Ich sagte doch, ich hätte deine Hilfe nicht gebraucht“, versetzte ich.
Wütend sah sie mich an. „Und um mir das zu sagen stoppst du mich?“
„Aber ich habe auch danke gesagt. Selestin, ich bin dankbar dafür, dass du mich retten wolltest. Ich bin dankbar dafür, dass du bei mir bist. Und ich würde mich freuen, wenn du nicht fährst.“
Die Tür der Kutsche wurde aufgestoßen. Die junge Göttin sprang heraus und stürzte in meine Arme. „Du liebst mich ja doch! Warum hast du das nie zugegeben?“
„Ich wusste es nicht. Du bist leider die einzige Frau, die ich liebe. Ich hatte keine Vergleichsm...“ Der Rest meiner Worte blieb ungesagt. Selestin verschloss meine Lippen mit einem Kuss.
„Idiot“, kommentierte Mirk hinter mir. Beinahe konnte ich ihn grinsen sehen.
„Ja, aber sogar er kann mal etwas richtig machen“, erwiderte Torandil.
Review schreiben