[[Jared Leto]]  Möge das Spiel beginnen

GeschichteDrama, Romanze / P18
Jared Leto OC (Own Character) Shannon Leto Tomislav "Tomo" Milicevic
04.05.2009
28.09.2016
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Es war ein schwüler Frühsommerabend. Die Fenster in meinem Schlafzimmer standen weit offen, dunkelblaue Gardinen wehten im seichten Wind und verschwanden beinahe völlig im ebenso halbdüsteren Nachthimmel - sie wurden eins mit der Nacht. Genau wie er und ich gerade eins gewesen waren.
Schwer atmend lagen wir nebeneinander auf meinem Bett, nackt, schwitzend, ausgelaugt von der Zügellosigkeit und den Trieben, denen wir gerade nachgegeben hatten. Ebenso erschöpft wie befriedigt lauschten wir dem keuchenden Atem des anderen und fragten uns, wie das gerade nur passieren konnte.
Ich hatte ihn gehasst. Ich hasste ihn immernoch. Er war ein selbstgefälliges Ekel, die schlimmste Person, die ich in meinem ganzen Leben getroffen hatte. Er glaubte, er könne alles und jede haben. Und das Schlimmste daran war, dass ich ihm das gerade bestätigt hatte. Nach dieser Nacht war ich also nur noch ein Häkchen auf seiner endlos langen to-fuck-Liste. Verunsichert neigte ich meinen Kopf zur Seite und sah zu ihm hinüber. Da lag er, in seiner ganzen Pracht und Männlichkeit. Seine Augen waren geschlossen, die Arme hatte er selbstgefällig hinter dem Kopf verschränkt. Woran dachte er? Und vor allem, wie zum Teufel war ich nur in diese absolut inakzeptable Situation geraten?
Wollt ihr es wirklich wissen?
Nun ja, wenn es nicht so wäre, würdet ihr das hier wohl nicht lesen.
Ich muss euch warnen. Was ich zu erzählen habe, ist keinenfalls romantisch, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Ich glaube ich würde mich sogar zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich es eine Hassliebe nennen würde. Denn auch das ist es nur zur Hälfte.
Um das alles erklären zu können, muss ich tatsächlich beim Anfang aller Dinge beginnen. Damit meine ich nicht meine Geburt oder den Urknall, sondern einen gewöhnlichen Montag Morgen in Los Angeles. Der Anfang aller Dinge, die schön und gut genug sind, jeden Morgen erneut in der Stadt der Engel aufzuwachen und gezeigt zu werden - reiche Geschäftsmänner mit ihren dreißig Jahre jüngeren neureichen Ehefrauen, deren Kreditkarten jeden Tag von Neuem glühten und wahrscheinlich schon um Erlösung flehten. Überschlanke Models mit langen Beinen auf viel zu hohen Hacken, die entweder auf dem Weg zu ihrem nächsten Shooting oder ins Fitnessstudio waren. Überhaupt konnte man weit und breit nur hohes "Getier" auf den Straßen stolzieren sehen. Und mitten drin ich - das Landei. Einen Vorteil hatte es. Niemand sah mich. Ich passte nicht in diese Welt. Ich war weder reich noch außergewöhnlich schön. Und Leute wie ich sind nun mal nicht das, was diese Stadt so zum Leuchten bringt. Natürlich waren hier noch Millionen anderer Menschen, die so waren wie ich. Aber sie wurden nicht gesehen, oder wollten nicht gesehen werden. Jeder hatte seine eigene Geschichte.
Es war als lebten alle Schichten nebeneinander her, ohne sich wirklich zu beachten. Es ist schwer zu erklären, aber mir kam es so vor, als würde irgendeine Art Monarchie hier wieder ihr Aufleben finden. Die Reichen warfen ihr Geld zum Fenster heraus, auch gerne mal um schwer arbeitend auszusehen und die Armen sorgten dafür, dass die Reichen noch reicher wurden. Diese Stadt war verdorben - von innen, wie von außen. Nur wollte es keiner sehen. Denn hier konnte mit einer gehörigen Portion Glitzer alles vertuscht werden. Während die einen mit einer rosaroten Brille grinsend durch den Tag trieften, kehrten die anderen hinter ihnen den Dreck zusammen. Was wollte ich eigentlich hier?
Ach ja... richtig.

The Rolling Stone Magazine.
Warum sollten sie mich ausgerechnet hier nehmen? Eine von den, wenn nicht sogar DIE berühmteste Musikzeitschrift auf der ganzen Welt. Und es war meine letzte Chance es in LA zu schaffen. Erfürchtig spähte ich an dem riesigen Wolkenkratzer hinauf, um einen Blick auf die Spitze zu erhaschen. Sein langer Schatten lag wie eine düstere Vorahnung über mir. Eine Vorahnung, die ich die etlichen Male zuvor bereits gehabt hatte und jedes Mal war sie eingetroffen. Obwohl ich mir das Wetter im Sonnenstaat ein wenig anders vorgstellt hatte, war es eiskalt. Die Sonne verhöhnte mit ihrer Anwesenheit alle frierenden, in dicke Jacken gepackten Bewohner mit den wenigen tatsächlich warmen Strahlen, die sie abgab.
Die Blechlawine aus Autos hinter mir honkte wild durcheinander und auch wenn ich wusste, dass diese Aufmerksamkeit nicht an mich gerichtet war, kam es mir doch so vor, als würden die ohrenbetäubenden Hupgeräusche mich dazu drängen, das größte Gebäude dieses Viertels endlich zu betreten und es nicht nur mit offenem Mund anzustarren.
Die letzte Chance.
Ich musste es schaffen. Ich musste meiner Familie beweisen, dass es richtig war den Sprung aus Branford/Connecticut in die Stadt der Engel zu wagen.
Ich schluckte und nahm all meinen Mut zusammen. Ein letztes Mal zupfte ich meinen dunkelroten Blazer zurecht, schulterte meine übergroße Tasche und stieß eine der Schwingtüren nach innen auf. Langsam, beinahe schleichend betrat ich die mit roten Teppich ausgelegte Eingangshalle, in der sich vereinzelt einige Junggebliebene und noch tatsächlich junge Leute tummelten. Um jeden der Hälse baumelte eine in Plastik geschweißte ID-Karte. Ich ging so elegant, wie es mir auf den verhassten Heels möglich war, hinüber zu einem der vier Informationsschalter, an dem eine ebenso junge Dame saß, die gelangweilt auf ein Blatt Papier mit bunt markierten Zahlenkombinationen saß.
"Entschuldigen Sie. Ich suche Mr. Reynolds. Wissen Sie, wo ich ihn finden kann?", fragte ich freundlich und beäugte die junge Dame aufmerksam. Genau wie alle anderen, entsprach sie überhaupt nicht dem Clichée, das ich in so einem Riesenschuppen wie dieser Redaktion erwartet hätte. Ihr Haar war kurz und bonbonrosa. Als sie aufblickte stachen mir ihre großen, schwarz umrandeten, grünen Augen entgegen, die still nichts als Langeweile hinaus zu schreien schienen. Und dennoch lächelte sie freundlich und spielte weiter mit dem Kugelschreiber in ihrer Hand, während sie mir antwortete.
"Haben sie'n Termin?"
Sie schenkte mir ein kleines Lächeln und hob erwartungsvoll beide Augenbrauen.
"Oh emm, ja. Um neun Uhr.", antwortete ich ebenso lächelnd und schulterte noch einmal meine schwere Tasche, die immer und immer wieder an dem glatten Stoff meines Blazers herunter rutschte. Ihre abgekauten Fingernägel wanderten flink auf den Tasten ihrer Computertastatur umher, ganz im Gegensatz zu ihrem Denkprozess wie ich vermutete.
"Miss Holly Mitchell?", fragte sie schließlich und hob ihren Kopf wieder träge nach oben, um mich ansehen zu können.
"Ja, das bin ich.", antwortete ich, doch sie sah mich schon nicht mehr an. Ihre Augen waren auf etwas oder jemanden hinter mir gerichtet, von dem sie ihren Blick nicht abwenden konnte. Ihr kleines, verspieltes Lächeln verformte sich binnen Zehntelsekunden zu einem schüchternen, schiefen Grinsen. Stirnrunzelnd drehte ich mich um und-
"Woah!", rief ich erschrocken aus und schrak zurück, denn als ich um mich blickte, sah ich auf einmal nur noch... schwarz, und das auch noch ganz nah hinter mir. Schon mal was von Diskretion gehört?
Als sich meine Augen und auch mein Gehirn von dem kurzen Schreck erholt hatten und beide wieder bereit waren Informationen aufzunehmen, wanderten meine Augen zum einzig nicht von schwarz umhüllten Teil des Körpers dieser Person - zu seinem Gesicht.
Oh ja, es war ein Mann. Der Typ Mann, der glaubte nichts könne ihn entstellen. Er hatte längeres, dunkelbraunes Haar, das ihm aber nicht bis zu den Schultern reichte. Es umrahmte ein perfekt geformtes Gesicht, dessen Kinn und Wangen ein stoppeliger Dreitagebart zierte. Doch all das machte mich keineswegs sprachlos.
Seine Augen waren es, die mir den Atem in den Lungen gefrieren ließ. Sie waren stahlblau und sie waren auch das Erste, das einem auffiel, wenn man ihn ansah. Die stechend strahlende Farbe zog jegliche Aufmerksamkeit auf sich und verursachten bei ihren Beobachtern eine unweigerliche Nervosität. Die eng anliegenden Röhrenhosen und das nicht weniger perfekt sitzende, ärmellose Shirt brachte zudem wohl jede normal tickende Frau zum Sabbern.
"Ich suche einen...", er zog nebenbei ein Stück Papier aus seiner Gesäßtasche und blickte kurz darauf, "... Edward Reynolds."
Nebenher kaute er auch noch lässig auf einem Kaugummi herum und hob dann erwartungsvoll und arrogant gelangweilt die Augen.
Erst als er sein Anliegen ausgesprochen hatte, schien ich seiner Aufmerksamkeit würdig, denn er ließ einen flüchtigen Blick an meinem Körper hinauf wandern und musterte mich.
"Natürlich Mr. Leto."
Leto... Leto...
Wo hatte ich diesen Namen schon mal gehört?
"Sie werden bereits erwartet. Achter Stock. Sein Büro finden sie direkt am Ende des Ganges. Sie können es nicht verfehlen."
Wie bitte?
Ich drehte mich wieder der verträumt grinsenden Sekretärin zu und fragte verwirrt:
"Entschuldigen Sie. Aber ICH habe doch jetzt einen Termin bei Mr. Reynolds!", sagte ich immernoch freundlich und fest davon überzeugt, dass das Ganze nur ein Missverständnis war. Vielleicht gab es ja auch zwei Mr. Reynolds in diesem Laden hier. Ich blickte nervös auf meine Armbanduhr. Es war bereits zwei Minuten nach neun. Zuspätkommen macht nie einen guten ersten Eindruck, egal ob ich selbst daran Schuld war, oder diese arrogante Schnösel, der glaubte ich hätte die Zeit mit Löffeln gefressen. Wer auch immer er war, Manieren schien er nicht zu haben. Er hätte auch einfach warten können, bis er dran war. Stattdessen musste er sich natürlich in dieses Gespräch drängen.
Wie gesagt,
Schnösel!
"Sie haben doch sicher noch ein wenig Zeit Miss Mitchell. Ihr Vorstellungsgespräch wird sich dann um ungefähr eine Stunde verschieben."
Mir klappte förmlich die Kinnlade runter.
"Was?", rief ich empört aus und es war mir auch ganz recht, dass einige der Umstehenden ihre Köpfe zu mir herüber reckten und sich anscheinend fragten, was mit mir los war.
Die Sekretärin jedoch hatte meinen Ausruf der Empörung wohl in den Sphären, in den sie gerade schwebte, gar nicht war genommen.
"Gehen Sie ruhig hinauf Mr. Leto. Ich regele das hier schon."
Aha. Hatte ich mich gerade irgendwie undeutlich ausgedrückt? Ich sah noch einmal ungläubig zurück zu dem jungen Mann, der nun die Hände in den Hosentaschen verstaut hatte.
Mit einem gleichgültigen Nicken wandte er sich von uns ab und machte sich auf den Weg in Richtung der Fahrstühle. Völlig perplex wandte ich mich wieder der Sekretärin zu, die "Mr. Leto" immernoch verträumt auf den Hinter sah.
"Tja sorry Süße. Da hast du wohl Pech gehabt.", hörte ich es plötzlich höhnisch hinter mir rufen. Schneller, als es menschliche Augen hätten wahrnehmen können, drehte ich mich wieder um. Meine Haare flogen um mein Gesicht und als ich aus ein paar Metern Entfernung nur noch seinen Rücken und die in der Luft schwebenden Hand sah, die mit Zeige- und Mittelfinger ein Peacezeichen formten, rannte ich auf ihn zu und riss ihn von den Füßen zu Boden, wo ich ihm voller Genugtuung die Augen auskratzte...

in meinen Gedanken.

Tatsächlich gaffte ich ihm aber nur wütend hinterher, denn ich wusste nicht, was ich auf so viel Arroganz und Frechheit entgegnen sollte, was das Ganze noch getoppt hätte.
Nun bin ich für mein Temperament sehr berühmt. Ich habe nicht sehr viel Geduld. Ich hasse es zu warten! Erst recht wenn irgendein sogenannter Mr. Leto ankam und glaubte, er sei etwas Besseres als ich.
Typisch L.A.!
"Was soll das bitte?", warf ich der jungen Dame hinter ihrem Tisch zu, die gerade wieder begann stupide auf ihrer Tastatur herum zu hämmern. Sie sah nur verwirrt zu mir auf, als hätte sie gerade erst Notiz von mir genommen.
"Wissen Sie denn nicht, wer das war?", flüsterte sie mir mit vorgehaltener Hand zu. Sie grinste nicht mehr, sondern sah ziemlich genervt aus.
'Wenn du jetzt auch noch mit den Augen rollst, kriegst du aber was zu hören.'
"Nein! Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer dieser unglaublich nette Mann war!", man bemerke den Sarkasmus, bei dem ich mir keine Mühe gab ihn zu verstecken. Zähneknirschend stützte ich meine Ellbogen auf die erhöhte Tischleiste auf, hinter der das Mädchen saß und griente sie gespielt fröhlich an.
"Aber bitte erleuchten Sie mich doch!", sagte ich übertrieben enthusiastisch und schnappte mir einen der Kugelschreiber aus der Halterung, die neben mir auf dem Informationstisch stand. Wie ein Mikrofon hielt ich es ihr direkt unter die Nase und setzte einen wissbegierigen Blick auf, der sogar ihren großen, mich für verrückt erklärenden Augen standhielt, ohne dass ich laut losprusten musste. Ich stützte lächelnd mein Kinn auf meiner Hand auf, sodass ich schon halb auf der erhöhten Tischleiste vor ihr lag. Ich hatte das dringende Bedürfnis ihr diesen praktischerweise spitzen Stift in eines ihrer viel zu großen Nasenlöcher zu schieben. Doch noch bevor ich meinen Verstand in dieser Sache überhaupt einschalten konnte, nahm sie ihn mir mit zwei Fingern aus der Hand (den Kugelschreiber, nicht den Verstand) und legte ihn ruhig zu den vielen anderen, die fein säuberlich, in einer Reihe geordnet neben ihrer Schreibtischunterlage platziert waren.
"Miss, entweder Sie warten bis Mr. Reynolds bereit ist sie zu empfangen oder ich muss Sie bitten zu gehen.", sagte sie gesetzt und schob noch ein Zahnpastalächeln hinterher. Zähneknirschend stieß ich mich von ihrem Tisch ab und verschränkte die Arme über der Brust.
"Ja natürlich. Ich warte."
Zufrieden faltete die junge Frau ihre Hände über ihrer Schreibtischablage zusammen und nickte nur einmal kurz mit dem Kopf hinüber zu einer sehr bequem aussehenden, brauenen Ledersitzecke, die unübertrieben mitten im grün stand. Ich zählte mindestens vierzehn Grünflanzen, die in allen möglichen Größen, Formen und Farben die Sicht auf alles andere in der Eingangshalle verdeckten. Nur die Füße einer anderen vermutlich wartenden Person waren durch einen kleinen Spalt zu sehen, den die großen Blätter frei ließen. Ein letztes Mal blickte ich anschuldigend zurück zu der jungen Empfangsdame, die ihr Verhalten aber bereits wieder ihrem Aussehen angepasst hatte, denn sie kaute nervös auf der Hinterseite eines Stiftes herum und war vertieft in ihr eigenes Gemurmel.

Nun war es natürlich nicht eine Stunde, sondern geschlagene drei einhalb, während denen ich vor Langeweile beinahe eingeschlafen wäre. Und das wäre mit Sicherheit auch geschehen, hätte mich die kleine, zu ewiger Dummheit verdammte Sekretärin nicht um ziemlich genau halb eins zu sich herangewunken.
"Mr. Reynolds ist nun bereit Sie zu empfangen Miss Mitchell. Nehmen Sie einfach den Aufzug dort drüben bis in den achten Stock. Das Zimmer am Ende des Ganges ist sein Büro...", begann sie mehr oder weniger gelangweilt zu sagen, als ich wieder vor ihrem Tisch stand. Mehr wollte ich allerdings schon gar nicht mehr hören. Also machte ich mich sogleich auf den Weg in die Richtung der Fahrstühle, auf die sie wahrscheinlich immernoch zeigte und Dinge sagte, die ich ohnehin nicht mehr hörte... und hören wollte.
Mit einem tiefen Atemzug drückte ich den großen, silbernen Knopf neben den Fahrstuhltüren und schulterte noch einmal meine große, schwarze Ledertasche, die mir schon wieder herunterrutschen wollte. Das war heut offensichtlich mal wieder nicht mein Tag und ich war absolut schlecht gelaunt. Aber der Tag war ja noch lang...
'Okay Holly. Ruhig bleiben. Ruhig und souverän. Diesmal schaffst du's.'
Nervös tippelte ich mit dem Fuß auf dem weichen Teppich herum, während ich den kleinen, goldenen Pfeil über den massiven Türen beobachtete, wie er in seinem Halbkreis in Richtung null wanderte. In ungleichmäßigen Abständen durchwirgten die klingelnden Geräusche der anderen Aufzüge den Tumult, dem ich nun den Rücken zugewandt hatte. Erst ein paar Sekunden später öffneten sich auch die Türen meines Fahrstuhls. Die plötzliche Bewegung vor meinen Augen ließ das Adrenalin erneut eruptiv durch meine Adern pumpen. Als sich der kleine Raum vor mir auftat, war ich zunächst dankbar dem Lärm hinter mir für einen Moment entfliehen zu können. Als ich jedoch die Person erblickte, die mit dem Rücken zu mir in seiner Mitte stand und sich noch selbstverliebt in dem Spiegel auf der gegenüberliegenden Seite betrachtete, wurde mir übel von der Wut, die in Erinnerung an das vorhin Geschehene in mir aufstieg.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis er bemerkte, dass er nicht mehr unbeobachtet war. In Wirklichkeit sah er gar nicht so selbstverliebt aus. Er starrte einfach nur emotionslos sein Spiegelbild an, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, und schien tief in Gedanken versunken. Eigentlich war ich gerade sehr froh darüber gewesen nicht mehr an "Mr. Leto" denken zu müssen, um wenigsten mein Aggressionslevel ein wenig zu senken. Er hatte mich anscheinend noch nicht bemerkt. Also was tun? Auf den nächsten warten? Nein. Dazu war ich erstens viel zu stolz und zweitens würde er sicher hier aussteigen, wenn er von oben kam... hoffentlich.
Immernoch unentschlossen runzelte ich die Stirn, trat aber schließlich doch zögerlich in die enge Fahrstuhlkabine hinein - den Blick immer fixiert auf das Spiegelbild, das sein Original noch immer wie gebannt anstarrte.
Woran mochte er wohl denken?
So sehr wollte ich es aber auch nicht wissen, dass ich eine unnötige Fahrstuhlfahrt mit diesem... diesem...
Ich seufzte. Wieso interessierte es mich überhaupt, wer er war, was er tat oder wie arrogant er war?
Ich räusperte mich. Die Augen seines Spiegelbilds zuckten zu mir herüber und fixierten mich. Er drehte sich nicht um.
Die Türen des Fahrstuhls begannen erneut sich zu schließen. Rasch drückte ich auf den richtigen Knopf und mit einem Ruck öffneten sie sich wieder vollständig.
"Wollen Sie nicht hier aussteigen?", zwang ich mich schließlich zu sagen und lehnte mich mit dem Rücken neben die Knopfarmatur. Er starrte mich nur weiter an. Was wollte er damit bezwecken? Ich hatte kein Problem damit, Menschen in die Augen zu sehen. Erst recht nicht wenn ihr Aussehen und ihre Haltung ihre eindeutig unmoralischen Absichten preisgaben.
"Ich denke ich begleite dich noch ein Stück.", entgegnete er schließlich, als die Türen erneut begannen sich zu schließen. Das Einzige, dass sich bis dahin bewegt hatte, waren seine Augen gewesen. Der Rest stand unverändert lässig vor dem übergroßen Spiegel. Zähneknirschend drehte ich mich wieder den Türen zu und drückte auf den goldenen Knopf mit der schwarzen Acht. Prompt setzte sich der Fahrstuhl auch in Bewegung und beförderte uns langsam nach oben.
Als ich aus Langeweile vor mich hin blickte, bemerkte ich, dass auch die Türen der Fahrstuhlkabine verspiegelt waren. Als ich mein Spiegelbild betrachtete, fiel es mir schwer, mich nicht vor mir selbst zu erschrecken. Eine abgewrackte, müde wirkende Person blickte zurück und bemühte sich um ein kleines Lächeln. Unglücklicherweise brachte es nur wenig Besserung. Die tiefen Augenringe unter meinen trüben, grünen Augen wurden dadurch auch nicht kleiner.
"Und du willst hier arbeiten?", hörte ich es hinter mir fragen, wobei er das Wort "du" spöttisch betonte und danach eine kurze Pause ließ.
Ich machte mir nicht die Mühe mich umzudrehen. In dem Spiegel vor mir konnte ich sehen, dass er sich nun umgedreht und mir zugewandt hatte und meinem Abbild aufmerksam in die Augen sah. Ich hatte nicht vor auch nur das kleinste Gespräch mit ihm anzufangen. Meine Überzeugung, er wäre es nicht wert, war unumstößlich. Ich begann an meinen langen, braunen Locken zu zupfen und sie zu ordnen, damit wenigstens mein Haar nicht so aussah, als hätte es letzte Nacht seine eigene Party gefeiert.
"Meinst du wirklich, dass du hier reinpasst?"
Im Spiegel beobachtete ich, wie sein Blick an mir auf und ab wanderte und er mich mit gehobener Augenbraue musterte. War das etwa Skepsis?
Ich antwortete wieder nicht. Ich war schon im dritten Stock. Beinahe die Hälfte war schon geschafft. Gleich war ich ihn los.
"Also als Model würden die dich hier sicher nehmen, mit dem Körperbau."
Mir lief ein Schauer über den Rücken. Mir war bewusst, dass das wahrscheinlich seine Art war jemandem ein Kompliment zu machen.
"Was ist das Substantiv für widerlich, Mr. Leto?", fragte ich laut heraus und sah gelangweilt in den Spiegel vor mich, wo die Lippen seines Ebenbilds ein selbstgefälliges Grinsen formten, das ich seit den wenigen Momenten, in denen ich ihn erlebt hatte, schon von ihm gewohnt war. Auch seine Hände schienen mittlerweile in seinen Hosentaschen festgewachsen zu sein.
"So kämpferisch?", sagte er mit einer verführerischen Schlafzimmerstimme, die wohl jedes Mädchen umgehauen hätte. Im Spiegel sah ich, wie er sich mir näherte, quälend langsam setzte er einen Fuß vor den anderen und durchquerte dennoch binnen weniger Sekunden den wenigen Platz, der uns in der engen Aufzugkabine trennte. Immernoch machte ich keine Anstalten mich umzudrehen. Ich musste zugeben, seine Oberarme, die nicht von Stoff bedeckt waren wie der Rest seines Körpers, hätten mir durchaus gefallen können.

Können.

"Ich freu mich darauf mit Ihnen zu arbeiten... Miss Mitchell.", seine Lippen waren ganz nah an meinem Ohr, ich konnte seinen warmen Atem spüren. Jedes einzelne Wort hauchte er mir mit seiner tiefen Stimme so verführerisch wie möglich entgegen. Bis auf eine zarte Gänsehaut, die sich wie ein lückenloser Film über meine Haut legte, blieb ich vollkommen unbeeindruckt. Aber immerhin diese Gänsehaut war ganz deutlich zu sehen.
Was glaubte dieser Typ eigentlich, wer er war? Ich hätte mich am liebsten umgedreht und ihm eine gescheuert. Und wenn sich nicht gerade die Türen des Aufzuges vor mir geöffnet hätten, hätte ich das Ganze auch nicht länger ohne zumindest höhere verbale Gewalt toleriert. Augenrollend trat ich mit einem Schritt aus dem Fahrstuhl hinaus.
"Wenn Sie von mir erwarten, dass ich jetzt ohnmächtig werde, können Sie lange warten.", sagte ich gelangweilt, ohne zurück zu blicken und bog gleich nach links in den Gang ein, an dessen Ende sich Mr. Reynolds Büro befinden sollte. Zufrieden mit meiner Schlagfertigkeit ließ ich die immernoch offen stehenden Aufzugtüren hinter mir und lauschte mit Genugtuung dem Klingeln, als sie sich wieder schlossen.
Das war unsere erste Begegnung.
...das erste Mal, dass ich Jared Leto begegnete.

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