Anders als man denkt

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Harry Potter Regulus Arcturus Black Severus Snape
03.05.2009
08.08.2009
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Hi!

Vorab erst mal, weil Viele schon gefragt haben: Aufgrund der Tatsache, dass meine Beta gerade Staatsexeman macht, werden die Updates dieses mal nur fünftägig kommen, sie kommt schlicht nicht hinterher mit der Korrektur *gg*
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Wieder ein Tag ohne Antwort, stellte Remus frustriert fest, als er den Himmel beobachtete, an dem erneut keine einzige Eule erschienen war, keine Weiße und keine Andere. Kein Wort von Harry, wie es ihm ging und was sich gerade abspielte. Er kannte den Jungen, er wusste, der würde nie im Leben nicht antworten, wenn er einen Brief bekam.

Was nur einen Schluss zuließ – er hatte seine Nachrichten allesamt nie bekommen. Sie waren abgefangen worden und es gab nur eine Person, die so etwas tun würde. Die die Macht dazu hatte. Mit wütend geballter Faust betrat er das Haus, in dem er gerade lebte, nicht allein, sondern mit seinem Rudel, von dem auch Niemand wusste, nicht mal Sirius hatte es erfahren. Erst, weil er zu der Zeit, als es entstanden war, in Azkaban gesessen hatte, dann, weil sie nie die Zeit gefunden hatten, wirklich mal zu reden. Immerhin hatte sein bester Freund gewusst, dass er ein Alpha war, ein sonst gut gehütetes Geheimnis.

„Alpha...“

Nach einem kurzen Zögern wandte Remus sich um, eigentlich generell unwillig, mit Irgendwem zu reden. Maria. Eine Frau mittleren Alters aus den höheren Rängen des Rudels. „Was?“, fragte er knapp, nicht unfreundlich, aber auch nicht wirklich einladend.

„Wie lange wollen wir noch bleiben, bevor wir weiter ziehen?“, fragte sie ruhig. Sie kannte sie Sorgen des Anführers, sie wusste, dass in seinen Augen einer der Welpen des Rudels fehlte und das war für einen Werwolf generell nur schwer zu ertragen. Aber diese Entscheidungen mussten getroffen werden. Zwar war Frankreich, wo sei sich im Moment aufhielten, nicht mit England verbunden, aber auch hier wurden sie immer nur schief angesehen und sie konnten nur unter strikten Auflagen überhaupt hier leben.

Lange sah Remus die Frau an, dann schloss er die Augen. „Morgen,“ gab er dann den Befehl zum Packen. „Einer soll los, Zufahrkarten nach Polen besorgen. Da lässt man uns in Ruhe.“ Er wollte nicht, Alles in ihm sträubte sich, Harry so im Stich zu lassen, aber er wusste nicht, was er sonst tun sollte, er konnte die britische Insel nicht mal betreten, da er überall gejagt und gesucht würde, wie früher Sirius. Einfach nach Hogwarts zu stürmen, Harry zu entführen und zu gehen war nicht möglich, nicht mal mit Hilfe einiger Rudelmitglieder. Das würde kläglich in die Hose gehen, das wusste er, denn die Gefahr lag in Hogwarts selbst.

Es war ihm wieder eingefallen, Stück für Stück hatte er die Barrieren in seinem Kopf gebrochen, von dem Zeitpunkt an, als er Sirius wieder begegnet war, nach dessen Flucht aus Azkaban. Das war es gewesen, womit sie sich beschäftigt hatten. Mit alten Erinnerungen, die der Andere erzählt hatte und die er nicht hatte glauben können und wollen, Geschichten über das Verhalten von James, das so anders war, als in seinen eigenen Erinnerungen. Aggressive Ausfälle, die der Andere gehabt hatte, brutale Dinge, die er Snape angetan hatte und die weit über einen Streich hinaus gegangen waren.

Auch er erinnerte sich wieder, vor Allem an einen Vorfall, als der Irre Snape bei lebendigem Leibe einen Arm abgesägt hatte, na ja, zumindest fast, während zwei Andere ihn zu Boden gedrückt hatten. Sie beide hatten dem Verletzten damals geholfen und Potter die Freundschaft gekündigt. Aber irgendwie... hatten sie das beide vergessen. Erst Azkaban hatte diese Erinnerungen in Sirius wieder wach gerufen. Und, wie sie sich verändert hatten.

Im Büro des Direktors. Dumbledore. Sie waren bei diesem gewesen, um zu erzählen, was der Andere getan hatte, doch dann waren sie raus gegangen, in dem festen Glauben, dass Snape ein Unrecht begangen habe und James das Opfer war. Das war nur eines der Dinge, die ihm wieder gekommen waren.

Er erinnerte sich, als er für ein Jahr als Lehrer in Hogwarts gewesen war und festgestellt hatte, dass Harry nicht gesund zu sein schien und dass er wohl misshandelt worden war, er hatte Blut gerochen und war bei Dumbledore gewesen, um zu fragen, warum der Harry zu seinen Verwandten schickte, wenn die ihm so was antaten, aber dann, als er raus gekommen war, hatte er nichts mehr gewusst und weiter nur zugesehen. Aber das war ihm erst wieder eingefallen, als Sirius gestorben war und seitdem wurde auch er gejagt, zweifellos, um Harry jeden Erwachsenen zu nehmen, dem er trauen konnte.

Und da war noch etwas, jetzt war es ihm wieder eingefallen, zu spät, um es zu ändern. James war unfruchtbar gewesen, durch einen Unfall und durch etwas, das Sirius kurz nach all den Überfällen auf Snape mit dem Anderen getan hatte. Wie aber war der Mann dann an ein Kind gekommen, dass sein genaues Ebenbild zu sein schien? Es war Sirius egal gewesen, wessen Kind Harry war, er hatte den Jungen wie einen Sohn geliebt, das war das Einzige gewesen, was für ihn gezählt hatte. Was für Remus an der Sache interessant war, war ganz allein der Fakt, dass es da draußen vielleicht eine Familie gab, die ihr Kind vermisste und die Alles für Harry tun würde, der schon so viel durchgemacht hatte. Oder, dass er Harry zumindest zu sich holen konnte, wo es ihm gut gehen würde. Auch in Polen gab es magische Schulen, auf die der Junge gehen konnte.

Er wollte nur, dass der Grünäugige endlich aus der Schusslinie kommen würde, er war keine verdammte Waffe! Er war ein Kind, dass es nicht verdient hatte, in einem Krieg zu sterben, bei dem Remus schon lang nicht mehr klar war, wer eigentlich gut und wer böse war. Ihm musste etwas einfallen, um dem Jungen einen Portschlüssel zukommen zu lassen, durch einen Boten vielleicht…

„Morgen,“ wiederholte Marie, nickte dann. Das war eine gute Entscheidung. In Polen würden sie sicher sein. Sie hatten einen guten Alpha, der sich wirklich um Alle kümmerte. Nur zu gern hätte sie ihm mit der anderen Sache geholfen, aber sie wusste auch einfach nicht, wie. Es war schwer, überhaupt noch nach England zu kommen und dann deren Held raus zu schmuggeln? Wie sollte das auch gehen?! „Vielleicht kommt heut noch eine Antwort,“ bot Marie einen kleinen Trost an. „Der Tag hat noch ein paar Stunden und die Nacht ist auch noch da.“

Remus lächelte nur etwas. Er hoffte nicht mehr auf eine Antwort, er konnte nur hoffen, dass Snape ihnen verzeihen und Harry im Auge behalten würde, dass wenigstens ein Erwachsener bei ihm war.






Es war inzwischen Abend geworden. Severus setzte sich ans Bett des Jungen, strich mit einem kühlen Lappen über dessen glühend heiße Stirn, tupfte über die aufgesprungenen Lippen. Harry hatte sich nicht geregt, er lag immer noch da wie ein Toter, bleich und mitgenommen. Aber er war stabil, der Puls schlug gleichmäßig, wenn auch nicht sehr stark, er atmete einigermaßen ruhig, vorhin hatte er sich damit viel schwerer getan, vermutlich, weil seine Lunge angegriffen gewesen war. Es ging dem Jungen nicht gut, gar nicht. Auch, wenn er gerade im Moment nicht in akuter Gefahr war und Severus wusste nur zu gut, dass er eigentlich nicht die Person war, die hier sitzen sollte. Das war Blacks Platz oder doch zumindest der von Lupin, der als verschwunden galt.

Rasch tauchte er den Lappen erneut in das kalte Wasser, wrang ihn aus und legte ihn zurück auf Harrys Stirn, nachdem er diesem einen Nährtrank eingeflösst hatte. Dann richtete er die Decke, auch wenn es nicht nötig war, setzte sich wieder an den Schreibtisch und begann, zwei Briefe zu schreiben. Einen an seine eigene Frau, mit der Einladung, mit ihrer Tochter hierher zu kommen. Er hatte seine Familie gern um sich und die drei Monate im Sommer waren ihm eigentlich alles Andere als genug. Nun, wo er die Gelegenheit hatte, würde er sie nutzen. Er erklärte seiner Frau auch gleich, wie die Situation hier aussah, damit sie bescheid wusste. Sie hatte mal wieder Recht behalten. Sie hatte ihm von Anfang an gesagt, dass Harry nicht wie sein Vater sei, dass er nur Vorurteile hatte. Offensichtlich war dem wohl so gewesen und er war einfach nur mit Blindheit geschlagen gewesen.

Das war wohl auch der Grund, warum er sich jetzt um den Jungen kümmerte. Es war einfach nur sein schlechtes Gewissen. Zu einem großen Teil. Und Mitleid. Das Wissen, dass das Niemand verdient hatte.

Aus dem Grund setzte er das zweite Schreiben auf. Das an Lupin. Der Werwolf hatte ihm früher geholfen und er war sich sogar ziemlich sicher, dass der sich wieder erinnern konnte, zumindest aber zu ahnen begann, was sich abspielte. Er wusste, dass der Alte die Post des Jungen abfing und dass die meisten Sachen von Lupin gewesen waren, über diesen Sommer hinweg. Er wusste, dass Lucius den Anderen suchen ließ, aber vermutlich waren einige erklärende Worte sinnvoller, als eine Truppe Schläger, die ihn einfangen sollten. Er deutete Harrys Zustand allerdings nur an, er konnte es nicht über sich bringen, zu schreiben, wie ernst es wirklich um den Jungen stand. Es war, als würde es Alles schlimmer machen, wenn man es aussprach oder niederschrieb. Solange man das nicht tat, würde nichts passieren. Natürlich war das Dummheit, aber trotzdem...

Langsam faltete er den Brief, schloss ihn und versiegelte ihn, dann rief er eine Hauselfe, gab ihr beide Schriftstücke und den Befehl, sie sofort abzuschicken. Sein Blick fiel auf den Karton mit der Eule, die er untersucht hatte. Das Tier musste vor seinem Tod schrecklich gelitten haben, nicht anders, als ihr Herr, der Unterschied war nur, dass für Letzteren zumindest noch ein Funken Hoffnung bestand. Was er mit dem Kadaver jetzt machen sollte, wusste er nicht. Ihn beerdigen vermutlich. Er musste mal mit Lucius darüber reden. Im Moment blieb ihm keine große Wahl, als simpel und einfach abzuwarten und zu hoffen, dass Lupin den Brief bekam und kommen würde. Sollte Potter aufwachen, wäre es sicher gesünder für diesen, den Werwolf statt ihn, oder gar Lucius, Tom oder sonst wen zu sehen.

„Sev...“

Der Tränkemeister sah auf. Na toll, wenn man vom Teufel sprach. „Tom, was gibt es?“, fragte er ruhig.

„Sind die Berichte über seinen körperlichen Zustand fertig?“

„Wozu?“, fragte der Tränkemeister, holte den kleinen Stapel Papier aber hervor.

„Ich will ihn lesen;“ gab Tom zurück, trat dann ans Bett und sah auf den Jungen. Wieder stieg dieses seltsame Gefühl auf, als müsse er etwas über Potter wissen, dass ich ihm einfach entzog.

„Hier,“ erklärte Severus, gab dem Anderen die Blätter. „Und warum vergräbst du dich da jetzt so rein?“

„Ich weiß es nicht, ich habe mir den gesamten Tag den Kopf zerbrochen. Etwas ist da, dass ich nicht fassen kann, es geht um Potter, es betrifft ihn, aber ich weiß einfach nicht, was es ist. Etwas, das auch mich betrifft...“

Überrascht hob Severus die Augenbraue, er beobachtete, wie sein Vorgesetzter eine Hand ausstreckte, eine Weile schwebte sie über der Wange des Jungen, dann aber zog Tom seine Hand zurück. „Wie geht es ihm?“

„Er ist im Moment stabil, mehr kann ich nicht sagen. Ob er durchkommt oder nicht, liegt auch durchaus an ihm. Aber wenn er stirbt, dann wenigstens nicht mehr unter grausigen Schmerzen.“

„Lucius sucht schon nach Lupin,“ versprach Tom. Erneut musste er den Drang bekämpfen, sich selbst zu dem Jungen zu setzen und ihn in die Arme zu nehmen. Das musste wohl ein Beschützerreflex sein, den jedes verletzte Kind in einem Erwachsenen auslöste. „Regulus kommt heut auch hierher,“ sprach er, mehr zu sich selbst, als zu dem Tränkemeister.

Überrascht hob Severus eine Augenbraue. Er wusste, dass Blacks Bruder noch am Leben war und dass der sogar mit Tom gebunden war und das die Beiden sich liebten, aber auch, dass der Mann Probleme hatte und nur selten und ungern sein kleines Haus in Spanien verließ. Es hatte etwas mit dem Kind zu Tun, das bei einem Angriff gestorben war. Severus bewunderte Tom, dass der das so gut verkraftet hatte, aber Regulus hatte es vollkommen geschafft. Der Mann war kaum noch ein Schatten seiner selbst und die Nachricht vom Tod des älteren Bruders hatte sicher auch nicht sonderlich gut getan.

„Das überrascht mich.“

„Mich auch,“ gab Tom zurück. „Aber ich bin froh, dass er vor hat, sich nicht mehr so viel zu verschanzen. Vielleicht wird es endlich besser.“ Er liebte Regulus über Alles und er hasste es, den Mann leiden zu sehen, der nicht aufhören konnte, um ihr totes Kind zu trauern. Den kleinen Jungen, den sie vor so langer Zeit begraben mussten, weil man ihm im Laufe eines Überfalls den Schädel eingeschlagen hatte. Seit damals war sein Mann nicht mehr er selbst gewesen und auch er hatte gelitten, schrecklich. Aber er hatte weiter gemacht, etwas, dass Regulus nie geschafft hatte.
„Hoffen wir, dass er dieses Mal bleibt,“ nickte Severus, wandte sich dann wieder dem Schreibtisch zu. „Harrys Eule sollte begraben werden. Irgendwo, wo er sie besuchen kann. Einen schönen, kleinen Platz mit einem Stein vielleicht.“

„Ich werde es organisieren lassen. Wie hat er das Vieh genannt?“

„Hedwig,“ antwortete der Tränkemeister, er beobachtete, wie Tom den Karton an sich nahm um dann ging.




„Alpha!“, rief auf ein Mal Jemand hinter ihm aufgeregt. Sie standen am Bahnhof, warteten auf den Zug der in einigen Minuten einfahren sollte. Remus wandte sich um, sah seinen Beta auf sich zuhalten. „Leon?“, fragte er ruhig.

„Eine Eule, gerade kam eine Eule! Hier! Das.. ist an dich!“

Ruhig nahm Remus den Brief und hob eine Augenbraue, als er das Sigel erkannte. Ein verschlungenes S in einigen seltenen Kräutern. Snape? Was wollte Snape von ihm? Es gab wohl nur eine Möglichkeit, das heraus zu finden. Er setzte sich auf eine der Bänke und brach dass Wachssigel, holte den beschriebenen Bogen heraus und sah auf das vertraute Schriftbild. Die steilen, klaren Buchstaben.

Kurz überflog Remus den Inhalt, er merkte erst, dass er schwankte, als Jemand ihn an der Schulter rüttelte und er war froh, schon zu sitzen, Marie. Sie sah ihn an, schien ihm etwas sagen zu wollen, doch er sah nur, wie ihre Lippen sich bewegten. Erst, als er sich selbst zwang, tiefer durchzuatmen, hörte er sie, wie sie fragte, ob es ihm gut gehe.

„Marie, sag Leon er soll die Führung übernehmen,“ befahl er knapp, warf den Umschlag in eine Mülltonne und erhob sich.

„Wohin...?!“

„Reist von Polen nach einer kurzen Pause weiter bis Bulgarien!“, sprach Remus seine Befehle aus. „Sucht das Haus der Malfoys, da werde ich sein, dann sehen wir weiter! Ich muss los!“, ohne weitere Fragen zu beantworten, rannte er einfach los, herunter vom Bahnhof, durch die Stadt, ohne Verstand, bis er erst mal stehen blieb und sich umsah. Harry! Sein kleiner Welpe war verletzt! Schwer, wenn er den Andeutungen trauen wollte und er kannte Snape gut genug, um sicher gehen zu können, dass der darüber keine Witze machen würde. Er las den Brief ein weiteres Mal und war erleichtert, als er Apparierdaten fand, die er schlicht überlesen hatte. Er schloss die Augen, die Daten fest vor Augen.

Es dauerte eine Weile, doch dann hatte Remus wieder Boden unter den Füßen. Er sah auf. Vor ihm befand sich ein riesiges, schmiedeeisernes Tor, das ihn von dem Kiesweg trennte, der zu dem riesigen Haus führte. Ja, ein typisches Malfoyanwesen, um es freundlich auszudrücken. Groß und stilvoll. Vielleicht hätte er ein Auge dafür gehabt, wüsste er nicht, dass da sein Kleiner drin war. Er klingelte Sturm und doch kam es ihm ewig vor, bis endlich eine Hauselfe auftauchte und ihn fragte, was er wolle und wer er sie, danach verschwand sie, kam aber kurze Zeit später wieder, dieses Mal öffnete sie dass Tor.

Remus folgte dem kleinen Wesen durch mehrere Gänge, in dem riesigen Gemäuer, ohne auf Leute zu achten, die überrascht stehen blieben und ihn ansahen, als die Elfe bei einer Tür inne hielt, riss er diese einfach ungeduldig auf, sah, wie Snape zusammenzuckte und dann aufsah. Er schien eingenickt zu sein, an einem Sessel beim Bett, der Mann blickte ihn sekundenlang irritiert an, dann holte er Luft.

„Warum bin ich nur nicht überrascht, dass du des Klopfens nicht fähig bist, Lupin?“, fragte Severus müde. Er hatte die letzten Nächte nicht geschlafen, seit er hier angekommen war, vor drei Tagen. Er hatte sich zu viele Sorgen gemacht, weil Harrys Kreislauf so schwach war und der Junge sich noch immer nicht regte.

„Harry, wo ist...? Merlin, was ist passiert?!“, entsetzt sah Remus auf das schneeweiße Gesicht, den Körper, der da lag, wie tot.

Severus rieb sich die Stirn. „Als ich ihn gefunden habe, war er in einem weit schlechteren Zustand,“ gab er nur zurück, nahm das Tuch von der Stirn und tauchte es erneut in das kalte Wasser, er wollte Harrys Gesicht abtupfen, doch der Werwolf nahm ihm das Tuch ab, machte es selbst. „Ich habe keine Ahnung, was sich abgespielt hat, aber einige Schüler, Dumbledore und seine Verwandten scheinen damit zu Tun zu haben. Der Junge ist bewusstlos, seit er hier ist, sein Kreislauf ist sehr schwach, aber einigermaßen stabil, seine körperlichen Wunden heilen langsam.“ Zu langsam wollte er noch hinzufügen, doch das brachte er nicht über sich, er wollte dem Werwolf und sich selbst die Hoffnung nicht nehmen, dass der Junge es auch dieses Mal schaffen würde.

Remus nahm dem Tränkemeister den Lappen ab, strich sanft über das eingefallene, fiebrige Gesicht. Er war schockiert. Wo war der lachende, fröhliche Junge geblieben, den er kennen gelernt hatte? Der immer Andere getröstet hatte? Er hörte dem Anderen zu, was der ihm über Harry sagte, aber eigentlich wusste er, dass das auch nur eine Art Schönrederei war. Sein feines Gehör nahm den schwachen Puls wahr, er sah, wie lang es dauerte, bis die Brust sich nach dem Senken wieder hob, als würde der Körper vergessen, dass er Sauerstoff brauchte. „Danke,“ sprach er auf ein Mal. „Dass.. du dich gekümmert hast.“

Severus zuckte nur mit den Schultern. „Ich mag ja ein schleimiges Monster sein, aber ich schlage nicht auf Kranken herum oder lasse sie einfach mal eben so verbluten.“

„Seine.. Narbe, was ist mit seiner Narbe? Und seinem Gesicht? Er riecht wie Harry, aber... er sieht anders aus!“, stellte Remus auf ein Mal fest, während er den Lappen wieder auf der Stirn platzierte.

„Die Narbe war kein Ergebnis eines Fluches, sondern der Anker einiger sehr hässlicher Zauber unter denen er stand,“ erklärte Severus. „Offensichtlich war einer dabei, der sein Aussehen verändert hat.“

Remus studierte das Gesicht eine Weile, strich einfach nur über die eingefallenen Wangen, dann nahm er eine von dessen Händen in seine, streichelte sie sanft. „Er sieht nicht mehr aus, wie James,“ stellte er mehr für sich, als für Snape fest. „Ich wusste es!“

„Wovon bitte redest du, Wolf?“, fragte Severus ungehalten. Was ging nun schon wieder in dem Sturschädel vor. Und was wollte der gewusst haben?!

„Das... Harry ist nicht das Kind von James. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, seit ich mich wieder daran erinnern kann, wie Potter an ein Kind gekommen sein kann, dass aussieht, wie er!“
„Vermutlich auf dem üblichen Weg,“ entgegnete Severus spitz. „Die Bienchen und die Blümchen...!“

„Als James und seine Rotte dich gefangen hat und dir den Arm absägen wollte, hat Sirius ihm seine Eier abgehext – unwiederbringlich. Wir waren sogar beim Direktor, um ihn anzuzeigen, aber der hat uns.. vergessen lassen,“ erklärte Remus, den Blick noch immer auf dass Gesicht seines Welpen gerichtet.

„Wie?“, fragte Severus verdattert. Er konnte es nicht fassen. Ausgerechnet Black und Lupin hatten versucht, ihm zu Gerechtigkeit zu verhelfen und sie hatten Potter verstümmelt?! Dann erst gelangten einige andere Dinge an sein Hirn: Lupin erinnerte sich wieder und Potter konnte kein Potter sein. „Nicht sein Vater?“, hakte er erneut nach.

„Nein,“ gab Remus leise zurück, strich über die kühle Hand, versuchte, sie etwas zu wärmen. „Ganz sicher nicht. Er kann es nicht sein. Sieh ihn dir an. Sieht er auch nur im Geringsten aus wie Potter oder Evans? Da ist keine Ähnlichkeit mehr... und vielleicht hat er noch Eltern, die da draußen nur auf ihn warten. Die ihn lieben...“

Severus starrte auf seinen Patienten, dann auf Lupin, bevor er abrupt aufstand und begann, auf und ab zu laufen, wie immer, wenn er verzweifelt nachdenken musste. „Black!“

„Was? Black? Sirius? Was ist mit Sirius?”, fragte Remus und sah verwundert zu Severus. „Was meinst du?“

„Potter! Er sieht aus, wie Black, verdammt noch mal! Black sah doch fast genauso aus! Beide Brüder, wenn ich so darüber nachdenke!“

„Das ist Unsinn, Sirius hatte keine Kinder, er saß dreizehn Jahre in Azkaban und vorher hatte er auch keine Beziehungen!“

„Ich habe nicht von dem älteren Black, sondern von dem Jüngeren geredet!“

„Regulus ist in seinem letzten Schuljahr gestorben!“

„Unsinn!“

„Bitte, was?!“

„Sein Tod war gestellt, Regulus lebt und ist auf dem Weg hierher, er ist verheiratet und er hatte mal ein Kind, einen kleinen Jungen, der umgebracht worden ist.“

„Bitte... was?!“

„Lupin, nicht alles ist so gegangen, wie alle immer dachten. Es gab Leute, die haben schnell begriffen, was gespielt worden ist! Und die haben gehandelt! Wir haben alle zusammen geholfen, um Reg die Flucht aus Hogwarts zu ermöglichen und an seiner Stelle haben wir einen Golem geschaffen, der von Dumbledore umgebracht worden ist!“ Konnte das sein? Konnte das wirklich sein? Dass das hier der Sohn von Black Junior und... Tom war? Der Sohn des dunklen Lords? Ein magisches Kind durch und durch? Merlin, das würde so viel erklären! Warum es nicht besser wurde, warum die Tränke so gut wie wirkungslos waren! Weil Pott... Harry das magische Wesen von einem seiner Elternteile geerbt hatte! Er brauchte Klarheit, auf der Stelle! Hastig rief er einen Hauself, bat diesen um einen Vaterschaftstest, sah dann wieder zu Lupin.

„Warum.. hat er Sirius in dem Glauben gelassen, tot zu sein!? Hat er gewusst, wie viele Schuldgefühle er hatte? Was er sich vorgeworfen hat? Vor Allem während und nach seiner Zeit in Azkaban?!“

Severus schüttelte genervt den Kopf: „Es ging nicht! Der Alte hatte euch doch immer unter Kontrolle! Hätte Regulus es Black gesagt, hätte es auch Dumbledore erfahren! Das wäre Selbstmord gewesen!“

„Und woher sollte er ein Kind gehabt haben? Er hatte keine Beziehung!“

„Keine, von der ihr gewusst hättet,“ korrigierte Severus nur kühl. „Glaub mir, das Kind damals ist nicht aus dünner Luft gefallen!“

„Wer?“, fragte Remus schließlich leise, wobei er das erste Mal wirklich verstand, warum Sirius so an dem Kind gehangen hatte. Er als Halbdämon hatte einen ausgeprägten Familiensinn. Vielleicht mochte er es auf die angebliche Freundschaft zu Potter geschoben haben, aber vielleicht hatte er auch einfach nur tief in sich gemerkt, dass er wirklich der Onkel des Jungen war.

Dass er das Kind seines Bruders gehalten hatte. Remus selbst kannte Regulus kaum, er hatte ihn aus der Schulzeit als einen eher ruhigen Jungen in Erinnerung, der viel gelesen hatte und irgendwie verträumt gewesen war, so, wie Harry es war, wenn man ihn denn ließ. Sonst war der Jüngere der Blackbrüder nie sonderlich ins Auge gefallen, er hatte nicht Quiddich gespielt oder sich sonst hervor getan. Doch mit wem hatte der Andere das Kind gezeugt? Wer war Harrys Mutter? Nein, wohl eher Harrys zweiter Vater, Sirius hatte mal erwähnt, dass sein Bruder auf Kerle stand und ein Träger war, einer der Dämonen, die Kinder gebären konnten, auch, wenn sie eigentlich Männer waren.

„Das... würdest du mir nicht glauben, Lupin, so wenig, wie den Rest der Geschichte, darum..“

„Snape, ich würde im Moment fast Alles glauben! Merlin, ich weiß, wie mit meinem Kopf gespielt wurde und es hat Sirius und mich verdammt viel gekostet! Ich werde gejagt, wie ein Todesser und ich habe gelernt, dass eine Freundschaft, auf die ich viel gebaut habe, nichts als eine Illusion von einem alten, kranken Mann war!“

„Alter, kranker Mann? Besser eine späte Einsicht, als gar keine,“ stellte der Tränkemeister fest, dann trat er zum Fenster, sah hinaus in den herbstlichen Park, wo gerade zwei Hauselfen dabei waren, die Blätter von den Bäumen zusammen zu fegen. „Ich werde trotzdem nichts sagen, bis ich es schwarz auf weiß vor mir habe,“ gab er dann zu wissen. „Ich will keine Behauptungen aufstellen oder irgendwelche falschen Hoffnungen erwecken,“ erklärte er sich, nahm der Elfe den Trank ab, den die ihm brachte. „Kannst du bei dem Jungen bleiben?“, fragte er dann ruhig. „Ich würde den Test vorbereiten und dann gern selbst ein paar Stunden schlafen, ich sitze hier seit Tagen.“

„Natürlich,“ kam es sofort von Remus. „Muss ich etwas beachten?“

„Es gibt alle vier Stunden einen Signalton, dann muss Harry einen der Nährtränke bekommen, für den Verbandswechsel bin ich dann wieder da. Sonst sollte er einfach nicht allein gelassen werden – das sollte in diesem Zustand Niemand,“ fügte er leise an, während er sich zum Bett kniete und Remus die kühle Hand abnahm. Einen kleinen Zauber später perlte ein einzelner Tropfen Blut in die Phiole mit der Flüssigkeit, die er dann schüttelte. „Bis später,“ sprach er noch, nickte dem Werwolf knapp zu und verschwand nach nebenan, ließ sich da, immer noch mit den Roben am Tag der Flucht bekleidet, ins Bett fallen und war am Schlafen, noch eher sein Kopf die Kissen berührt hatte.

Remus hingegen saß nur am Rande des Bettes, hielt die knochige Hand in Seiner und fragte sich, ob er nicht vielleicht doch einen Sturm auf die Schule hätte wagen sollen. Niemand hatte das hier verdient, man musste nicht mal zwischen den Zeilen lesen können, um zu sehen, wie schwer der Junge verletzt war und das selbst Snape dessen Tod nicht ausschloss. Er selbst konnte hören, wie schleppend Harrys Puls ging.

Nach einer Weile streifte er sich Schuhe und Jacke ab, setzte sich so auf dass Bett, dass er sich ans Kopfende lehnen konnte und zog den Jüngeren zu sich, so, dass der in seinem Schoß lag, deckte ihn wieder richtig zu. „Ich bin da, Harry. Du bist nicht allein, hörst du? Ich bin da und ich achte ab jetzt auf dich, du bist sicher und wir bekommen dich wieder auf die Beine, wenn du etwas mithilfst, hm? Und vielleicht.. Harry, vielleicht leben deine Eltern noch und sind gar nicht tot! Da draußen wartet jemand auf dich. Und ich will auch nicht, dass du gehst...“





„Nun?“, fragte Albus ungehalten, sah auf seine Leute. Poppy, Minerva, Seamus, Dean, Lavender, die Patil-Zwillinge, Ginny, Cho und einige Andere. Auch Binns und der blutige Baron schwebten im Raum.

„Wir... konnten ihn nicht finden,“ knirschte Dean zerschlagen. „Aber wir schwören, wir haben ihn nur etwas verprügelt und in den Putzschrank geworfen! Zusammen mit dem toten Vogel! Mehr nicht!“

„Und wie konnte er aus der Schule entkommen? Warum haben die verdammten Gemälde nicht Alarm geschlagen? Oder einer der Geister?! Nun?!“

Der Baron zuckte mit den Schultern. „Wir haben nicht gesehen, wie Irgendwer das Gelände verlassen oder betreten hätte und schon gar kein Verletzter,“ gab er zurück. Er hatte seinen Respekt vor dem Direktor schon lange verloren. Der Mann, der Kinder zu Tötungsmaschinen abrichtete. Nein, mit solchen wollt er nichts zu Tun haben, doch er musste sich fügen. Als Direktor hatte der Alte hier fast uneingeschränkte Macht, bis der Erbe kam und seinen Platz forderte, aber ob das je geschehen würde? Die meisten Gemälde und er hielten es nur noch für eine Legende, so wie die Wiederkehr Merlins.

Albus musterte die Andere mit Funken regnenden Augen. Er war so angepisst, das konnte sich niemand vorstellen. Denn was er bisher verheimlicht hatte – nicht nur die Potter-Memme war verschwunden, sondern auch Snape, das Weichei. Ja, er wünschte sich James zurück, der so rücksichtslos jeden Befehl von ihm ausgeführt hatte, ohne Fragen, ohne Widerrede, der losgezogen war und getötet hatte, wenn er das gewollt hatte. Sein Sohn war eine Lusche und ein elender Versager! Ihn am Leben zu lassen, war ein Fehler gewesen! Aber zu der Zeit war es ihm wie eine gute Idee erschienen, weil er der Meinung gewesen war, dass Potter den Platz seines Vaters einnehmen konnte, da er diesen nun einmal opfern musste, um seine Pläne ins Rollen zu bringen.

Und nun hatte er den Salat! Ein Mal, wenn man sich auf Andere verließ! Und Dean und Seamus mussten es gleich immer so übertreiben! Er wusste, dass sie Potter nicht nur ein Bisschen verletzt hatten, sondern vermutlich so schwer, dass der von selbst Nirgends hingekommen wäre. Was nur einen sehr, sehr unangenehmen Schluss zuließ: Snape hatte ihn weggebracht. Zu Tom. Und wer wusste, ob die nicht einen Weg fanden, das gegen ihn zu nutzen. Vielleicht wurde es Zeit, zu handeln.

Er könnte einen Golem erschaffen, ihn als den Bengel ausgeben und behaupten, Potter sei tot, umgebracht von Todessern, bei einem Hogsmeadewochenende und dann würde es sicher auch ein Leichtes sein, Granger und Weasley endlich unter seine Kontrolle zu bekommen, etwas, dass aus einem ihm unerfindlichen Grund bis heut nicht hatte klappen wollen, im Gegensatz zu Ginny. Nun, die war nur eine dumme, kleine Pute, die sich für wichtig hielt. Nützlich, manchmal, aber mehr auch nicht. Viel bedrohlicher fand er, dass er keinen Tränkemeister mehr hatte.

Lösungen mussten her – schnell. „Verschwindet! Alle miteinander!“, donnerte er. „Eine Strafe für euer Versagen wird es noch geben, ich werde mir etwas ausdenken und dann gnade euch Merlin!“