La Jolla

GeschichteAbenteuer / P12
01.05.2009
27.12.2011
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Es war kalt, fand Angmann. Lausig kalt für Frühjahr. Das konnte Einbildung sein. Oder es konnte daran liegen, daß er bereits die ganze Nacht in diesem Erdloch lag, mit nichts zum Schutz als seiner Felduniform und der großformatigen Thermodecke, die über dem Erdloch ausgebreitet war und zugleich als Schutz vor Infrarotortungen dienen sollte. Das karge Gestrüpp des Neoginsterbusches, welches sie umgab, sorgte für weitere Deckung, obwohl er selbstverständlich noch keine Blätter ausgetrieben hatte.
„Wenn Du pissen musst, sag rechtzeitig Bescheid“, brummte John Hart, der Mann, mit dem sich Angmann diesen bescheidenen Posten mitten im Tiefland teilte. „Nicht das es dringend wird, wenn hier ein paar BattleMechs vorbeimarschieren.“
Robert Angmann wurde rot. „Halt die Klappe, Heartless“, brummte er. „Ich kann aufhalten.“
John Lester Hart grinste ihn an. „Sagt sich so einfach, Junge. Wie lange bist du bei der Miliz? Ein Jahr? Zwei? Und wie viele Einsätze gegen die Rumble Rocketeers hast du schon mitgemacht?“
„Hör mal, Heartless, ich war vielleicht noch nicht oft im Gefecht, und ich wurde auch nicht für ein Stipendium in die Innere Sphäre rausgeschickt, aber ich wurde verdammt gut ausgebildet. Und ich will La Jolla verteidigen. Gegen die Rocketeers, gegen andere Piraten, die Clans, gegen jeden, der uns angreift.“
Hart schmunzelte. „So, so, du willst also unsere schöne Welt verteidigen. Das ist ja schon mal nicht schlecht.“
„Mach dich nicht über mich lustig, Heartless“, brummte Robert. „Ich habe das Stipendium nicht gekriegt, so wie du, aber das hindert mich nicht daran, das beste draus zu machen, ja?“
„Ich hör das nicht so gerne“, erwiderte Hart leise.
„Was nicht gerne?“ „Na, diesen Spitznamen. Heartless – herzlos. Weiß nicht, wer ihn mir verpasst hat, aber ich höre ihn nicht gerne.“
Robert sah von John Hart hinüber zu dem kleinen Farmhaus in dreihundert Meter Entfernung und wieder zurück. „Den haben sie dir verpasst, als du die Scharfschützenausbildung übernommen hast. Erst war es Lester Hard, dann Less Heart und daraus wurde dann eben Heartless. Ich dachte du magst das, weil du so ein tougher Kerl bist und schon so viele Kills hast.“
Hart runzelte die Stirn und suchte die Umgebung mit dem Fernrohr seines Gewehres ab. „Warum sollte ich auf eines von beiden stolz sein? Das ich schon getötet habe, das ich es immer wieder tun muß, das ist doch ein Armutszeugnis für die Menschheit. Nicht einmal hier, hundert Lichtjahre raus in der Peripherie des Lyranischen Commonwealths verschont es mich.“ Er gähnte herzhaft, kramte in seinen Beintaschen und zog eine Dose mit Instantkaffee hervor. Er drückte eine Kapsel am Rand der Dose ein. Der Inhalt wurde automatisch erwärmt.

„Ich verstehe dich nicht. Weil wir immer wieder von den Rocketeers angegriffen wurden, hat der Planetare Rat vor zehn Jahren angefangen, Stipendien zu vergeben. Jedes Jahr finanziert er fünfzig Soldaten der Miliz die Reise nach Outreach, damit sie sich dort in Milizen oder Söldnereinheiten verdingen können. Mit der Erfahrung, die sie dort sammeln, kommen sie nach einigen Jahren zurück und verstärken mit ihrem Wissen die Miliz.“
„Von den fünfzig Leuten sterben im Lauf der Jahre knapp die Hälfte. Einige bleiben gleich für immer in ihrer neuen Einheit, andere sind langfristige Verträge eingegangen und stehen uns nicht zur Verfügung. Und die, die wiederkommen, sollen dann die Miliz mit ihrer Erfahrung verstärken, vielleicht auch mit Waffen, mit etwas Glück haben sie gelernt einen BattleMech zu führen oder noch besser, sie haben einen erbeutet und dürfen ihn nun führen.“
„Ja, das wäre es doch“, sinnierte der junge Milizionär. „Drei Jahre in der Inneren Sphäre dienen und dann mit einer eigenen BattleMech-Kompanie zurückkehren.“
John Hart holte kurz aus und schlug dem anderen knapp aber hart auf den Hinterkopf. „Hirngespinste. Weißt du nicht, was alles dahinter steckt, einen BattleMech zu führen?
Ein Mech ist der König des Schlachtfeldes. Er wiegt zwischen zwanzig und hundert Tonnen und ist tödlicher bewaffnet als jeder Kampfpanzer gleichen Gewichtes.
Aber da beginnen bereits seine Probleme. Denn ein Mech ist nicht unverwundbar. Vor allem im Kampf gegen andere Mechs wird ein BattleMech immer wieder beschädigt. Er wir ständig repariert, und glaub mir, nicht selten müssen die Techniker Kompromisse eingehen, um so einen Giganten am laufen zu halten.
Wenn du also eine MechKompanie hier raus bringen würdest, dann bräuchtest du ein Rudel Techs, Nachschub an Munition und Ersatzteilen und ein paar Millionen C-Noten, alleine um die Techs hier zu halten.“
„Aber die Rocketeers haben doch auch Mechs. Mindestens eine ganze Kompanie, mit der sie immer wieder über uns herfallen.“
Hart winkte ab. „Alte Maschinen, die produziert wurden, als der Sternenbund gerade die Peripherie erobert hatte.“
„Ja, aber diese alten Maschinen nehmen es locker mit unserer Infanterie und den Panzern auf. Warum sitzen die also in Bahrein im warmen und die Miliz ist hier draußen und friert sich den Arsch ab?“
„Sie besetzen die Hauptstadt nur, weil wir es so wollen. Diese Arroganz wird sie in den Abgrund reißen.“
„Ach, ja. Deswegen ist unser Dreierteam also hier draußen. Von hier aus wollen wir den MechKriegern in Bahrein in den Arsch treten. Na, da bin ich aber mal gespannt.“

Mittlerweile hatte sich der Kaffee erwärmt. John Hart riß die Dose auf, nahm einen vorsichtigen Schluck und stellte ihn neben sich in das Erdloch. „Schmieröl wäre flüssiger“, kommentierte er.
„Brauchst es ja nicht zu trinken“, maulte Robert. Hatte der Kerl eigentlich an alles und jedem etwas auszusetzen? Seit er sieben Jahre nach Beginn seines Stipendiums aus der Inneren Sphäre wiedergekehrt war, mit nichts weiter als ein paar Zeugnissen und seiner Uniform benahm er sich manchmal, als wäre er ein halber Gott. Und alle anderen waren nur unwissende Sterbliche. Als hätte er den Krieg mit Löffeln gefressen.
„Warum bist du eigentlich erst so spät zurückgekommen?“, fragte Robert beiläufig und dachte dazu Warum bist du Arsch überhaupt wiedergekommen?
„Langzeitkontrakt“, erwiderte der einsilbig. Er stieß Robert in die Seite und deutete auf den Kaffee. Dort bildeten sich immer wieder kleine Wellen, die von der Mitte nach außen stieben. Und das recht schnell.
„Was? Ein Erdbeben?“
„Ein Mech. Ein verdammt schneller Mech. Ich schätze, so etwa zwanzig bis dreißig Tonnen.“
„Hm, da gibt es einige. Floh, Hummel, Wespe, Hornisse, Heuschreck, Kommando, Zecke...“
„Und die Piraten haben in dieser Klasse welche Mechs?“
Idiot. Warum führte er sich plötzlich als Schulmeister auf? „Sie haben zwei Hornissen, einen Heuschreck und einen Commando“, zählte Robert auf. Ja, er hatte seine Hausaufgaben gemacht. Er wußte Bescheid.
„Ist wohl der Heuschreck“, meinte John Hart plötzlich. „So schnell wie das Ding ist... Scheint, als kommt es in unsere Richtung.“
Eiskalter Schrecken fuhr Robert durch die Glieder. Dafür war er ausgebildet worden. Dennoch... Sie drei gegen einen BattleMech, das konnte nicht gut gehen. Ein gängiges Sprichwort sagte, daß nur ein anderer Mech einen Mech aufhalten konnte. Und Robert sah hier nirgendwo einen BattleMech in den Farben der Miliz. Abgesehen davon hatte die Miliz auch nur drei Leichte Maschinen, zwei Mercurius und eine Valkyrie.
„Ruhig, Kleiner“, kommentierte John leise. „Genau deswegen sind wir doch hier, oder?“

Nach einiger Zeit hörte man ein rhythmisches Stampfen, das immer lauter wurde. Robert wand sich unter der Plane und suchte den Süden ab. Tatsächlich. Zwischen den Bäumen jagte ein Mech schnell näher. Die Form war avionid, also vogelartig. Dann diese Ausläufer an den Seiten, die an Stummelflügel erinnerten. Das waren Maschinengewehre. Der mittelschwere Laser, der unter dem Rumpf befestigt war, ließ keinen Zweifel mehr daran, was da auf sie zugestürmt kann. „Es ist wirklich der Heuschreck. Und er hat es sehr eilig.“
John lächelte dünn. „Kein Wunder.“
Der Mech war schnell heran. Vor dem einzelnen Farmhaus reduzierte er seine Geschwindigkeit, bis er stand. Der Heuschreck war nur ein leichter Mech. Die meisten seiner Vettern hätten mit ihm locker den Boden aufgewischt. Dennoch war der Pilot des Mechs tausendmal besser bewaffnet als die kleine Miliztruppe. Die Maschine drehte sich einmal auf dem linken Bein um sich selbst.
„Ruhig“, meinte Hart, als er dem Jüngeren die Hand auf die Schulter legte. „Die Plane verbirgt uns vor ihm.“
Robert begann zu zittern. Wenn das nicht stimmte, brauchte der Heuschreck nicht einmal mit dem Laser zu feuern. Es reichte, wenn er den Busch einfach platt trat.

Der Mech wandte sich wieder dem Haus zu. Die Lautsprecher aktivierten sich knackend. Eine raue Stimme rief: „Ich habe deinen Schatten auf meinem Infrarot, Schätzchen. Komm freiwillig raus, sonst reiße ich die Bude ein, um dich zu holen.“
Einige Zeit geschah nichts. Also feuerte der Mechpilot eine Salve mit dem MG durch das Haus. Glas splitterte, Balken zersprangen.
Da öffnete sich eine Tür und eine hübsche Frau erschien. Ängstlich sah sie zu der riesigen Maschine hoch. „Es... es ist niemand Zuhause. Meine Eltern sind in der Stadt und...“
„Das weiß ich doch, Schätzchen. Deshalb bin ich ja hier. Weißt du, was das für ein Ding ist, in dem ich sitze?“
„E-ein BattleMech.“
„Und weißt du auch, was dieser BattleMech mit dem Haus deiner Eltern oder sogar mit dir machen kann?“
Die junge Frau zitterte vor Angst. Langsam nickte sie.
„Und das wollen wir doch nicht, Kleines“, höhnte der Pirat.
Wieder nickte sie.
„Okay, ich werde dich leben lassen. Zieh dich aus.“
Ihr Kopf ruckte hoch. „Was?“

Robert sprang auf. „Was?“
John griff hart zu und zog ihn wieder herunter. „Bleib liegen, du Idiot“, zischte er. „Der Kerl hat jetzt zwar andere Sorgen, aber wenn du die Plane wegreißt und er zufällig auf die Infrarotortung sieht, erwischt er uns noch.“
„Aber er will... Meinst du, er begnügt sich mit anschauen? Dieser Bastard will sie. Er wird sie vergewaltigen, siehst du das nicht? Du bist wirklich Heartless. Du schmieriger Bastard. Und für dich hat diese Welt Geld investiert.“
Ein harter Stoß traf ihn im Magen. „Klappe. Und sieh zu.“

„Du sollst dich ausziehen, Kleine. Nichts auf der Welt ist umsonst. Und wenn du leben willst und das Haus stehen bleiben soll, dann will ich mit dir etwas Spaß haben. Los, zuerst die Bluse.“
Mit zitternden Fingern öffnete sie die Knöpfe und zog das Kleidungsstück aus. Sie ließ es zu Boden fallen.
„Jetzt der Rock.“ Die Stimme des Piraten wurde zunehmend heiserer vor Lust und Vorfreude.
Die junge Frau öffnete einen Knopf und einen Reißverschluss. Sie ließ den Stoff einfach zu Boden fallen.
„Den BH. Mach schon, mach schon.“
Gehorsam entledigte sie sich auch dieses Kleidungsstückes. Sie kreuzte die Arme vor der nackten Brust und sah angstvoll zu der Maschine hoch.
Dort tat sich etwas. Ein Teil des Cockpits wurde entsiegelt. Der Pilot erschien mit gierigem Grinsen über dem Rand und warf eine Strickleiter herab.
Er kletterte sie so hastig herunter, daß er beinahe gestürzt wäre.
Als der Pirat sicher auf dem Boden stand, sah er die junge Frau mit unverholener Gier an. In der Hand hielt er eine Pistole.
Plötzlich blühte auf seiner Brust eine rote Blume auf, kurz darauf erscholl ein lauter Knall.
Fassungslos griff sich der Pirat an die Wunde. Er betrachtete seine blutverschmierten Hände – seine Hände, sein Blut – und sackte in die Knie. „Du... Schlampe“, raunte er und fiel vorne über.

John Hart grinste und streichelte sein Gewehr. Aus dem Lauf stieg in der kalten Luft heller Rauch. „Was hat man dir beigebracht, Junge? Einen Mech kann man nur mit einem anderen Mech stoppen, richtig?
Ich bringe dir jetzt auch was bei. Ein Mech ist nichts ohne seinen Piloten. Und Piloten sind auch nur Menschen.“
Kurz sicherte Hart zu allen Seiten und stand dann auf. Er griff zu einem Bündel Kleidung neben sich. Während er das Scharfschützengewehr schulterte, brach er durch den Neoginsterbusch und ging langsam auf das kleine Haus zu.
Die junge Frau starrte ihn böse an. „Verdammt, Sarge, beeil dich mit meinen Klamotten. Es ist saukalt.“
Hart kam heran und warf ihr das Kleiderbündel entgegen. „Saubere Vorstellung, Corporal Schmitt. Jetzt haben wir einen Feindpiloten ausgeschaltet und einen Mech erbeutet.“
Nun kam auch Robert Angmann näher, in den Händen die eilig zusammengeraffte Plane.
„Was soll ich sagen? Ich bin ein Naturtalent. Hättest du ihn nicht mit dem Sniper erwischt, hätte ich ihm das Genick gebrochen.
Eine Lektion für Sie, Private. Kenne deinen Feind, und du überstehst jeden Kampf.“
„Ja, Ma´am“, brummte Robert. Konnte sie sich nicht mit dem anziehen beeilen? Er war auch nur ein Mann. „Das war ja ganz nett, aber es ist noch kein Sieg über die Rumble Rocketeers.“
„Aber es ist ein Anfang. Es ist ein Anfang. Und so leicht kommen wir nie wieder an einen Mech ran“, kommentierte Corporal Anica Schmitt.
„Okay, Kleiner“, sagte Hart. „Nimm dein Funkgerät und ruf den MechTransporter. In zwanzig Minuten muß die Mühle abtransportiert sein.
Es ist ein verdammt guter Anfang, oder?“
Die beiden Milizionäre nickten zustimmend.
„Vielleicht“, murmelte Robert bei sich, „Vielleicht hat er den Krieg doch mit Löffeln gefressen.“