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Dunkelknutschen

von ARCAI
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor / P12 / MaleSlash
24.04.2009
24.04.2009
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1.025
 
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Dass sein Cousin sehr oft blödsinnige Ideen hatte, daran hatte sich Lorenz mit der Zeit gewöhnt; auch, dass er selbst Vinnie ständig dabei helfen sollte, diese umzusetzen, störte ihn nicht mehr allzu sehr.
Aber der neuste Vorschlag ließ Lorenz wirklich am Verstand seines Cousins zweifeln, denn der wollte tatsächlich mit ihm als Unterstützung seine Kusstechnik perfektionieren.
„Vinnie, wie kommst du auf sowas Dummes?“ Mehr als schockiert starrte Lorenz den Verursacher des ungewöhnlichen Plans an. „Ich bin doch kein Gegenstand, dem man die Zunge in den Hals stecken kann, wenn man gerade Lust darauf hat.“ Musste er sich Sorgen um seinen Ruf machen?
„So meine ich das doch gar nicht“, redete Vinnie sofort auf ihn ein, „aber du bist eigentlich mein bester Kumpel, dir kann ich vertrauen. Mit wem sollte ich denn sonst üben? Mit meinen Schwestern bestimmt nicht. Komm, vielleicht kannst du ja dabei auch etwas lernen; Ela würde sich freuen.“ Er strahlte Lorenz mit seinem typischen Vinnielächeln an, packte ihn ohne zu fragen am Handgelenk und schleifte ihn in Richtung seines Zuhauses.
„Hey, Vinnie, lass mich los“, beschwerte sich Lorenz, als sein Cousin ihn gewöhnt fröhlich durch die Innenstadt von Bamberg zerrte. „Ich hab noch nicht zugesagt. Stell dir vor, meine Eltern und dein Vater finden das heraus, die bekommen die Krise. Oder Pip und Ela, die denken dann sicher, wir hätten was miteinander, was willst du ihnen erzählen? Dass alles nur eine kleine Übungsstunde gewesen war? Das klingt mehr als bescheuert.“ Vinnie hatte schon überzeugendere Ausreden erfunden.
„Lorenz, reg dich ab. Wie sollen Pip und Ela das erfahren, wenn wir nicht direkt vor ihnen rummachen? Und der einzige, der wahrscheinlich Terror machen würde, ist dein Vater. Wir dürfen uns einfach nicht erwischen lassen, okay?“
Resigniert seufzte Lorenz, wirkliche Argumente fielen ihm momentan nicht ein und selbst wenn, Vinnie zog seine Einfälle immer durch, egal wie viele Gründe dagegen sprachen. Seinen Optimismus konnte man fast als krankhaft bezeichnen.
Kaum im Haus von Vinnie – oder eher seinem Vater – angekommen, wurden Vinnie und Lorenz von Suse daran erinnert, dass sie sich in einer halben Stunde zur gemeinsamen Probe treffen wollten und ausnahmsweise mal pünktlich kommen sollten, damit sie endlich irgendwelche Fortschritte machten.
„Ja ja, wir denken dran“, meinte Vinnie schnell – Lorenz verwettete seinen PC, dass er nicht mal richtig zugehört hatte – und schubste seinen Cousin in sein Zimmer, verriegelte die Tür und grinste ihn breit an. Das machte Lorenz Angst.
Zögernd setzte er sich auf das Bett; er war schon ziemlich lange nicht mehr hier gewesen, aber zu so einem Anlass wiederzukommen, hatte er nicht erwartet. Obwohl man bei Vinnie mit allem rechnen musste, sonst stand man dumm da.
„Bist du bereit?“ Hyperaktiv wie immer warf sich Vinnie zu seinem Cousin auf das Bett und wollte diesen zu sich ziehen, aber dieser wich unentschlossen und leicht überfordert zurück.
„Mann, ich kann das nicht, willst du nicht lieber mit jemand anderem 'üben'? Mäx würde bestimmt zusagen.“
„Ganz sicher nicht, außerdem bist du jetzt da und Mäx nicht. Ich kann ja den Rollladen zumachen, du stellst dir vor, ich wäre Ela und alles ist gut.“ Aufgeregt hibbelte Vinnie auf und ab, bis Lorenz nichts anderes übrig blieb als zuzustimmen – immerhin wollte er nicht durch Vinnies dauerhafte Unruhe in den Wahnsinn getrieben werden.
„Wieso nicht gleich so?“ Erfreut sprang das wandelnde Chaos auf, verdunkelte den Raum und suchte sich seinen Platz neben Lorenz. „Und denk dran, ich bin Ela.“
„Klar, Vinnie, ich werde den Unterschied auch gar nicht merken.“ Wenig begeistet wartete Lorenz, was wohl als nächstes passierte und wurde nicht enttäuscht: sein Gegenüber legte ihm einen Arm um die Schulter, zog ihn an sich und küsste ihn fast scheu auf den Mund. Zwar versuchte Lorenz angestrengt sich einzureden, Ela säße vor ihm, nur leider merkte man bei dieser, dass sie Oberweite hatte – obwohl es nicht besonders viel war – und bei Vinnie gab es in diesem Bereich gar nichts. Anders wäre es etwas unheimlich, außer Vinnie hatte ihm jahrelang irgendetwas verheimlicht, was er eigentlich wissen sollte.
Mit der Zeit wurde der Kuss intensiver; durch den Mangel an Licht und die darauf folgende Sensibilisierung des Tastsinns spürte Lorenz das doppelt so stark wie unter normalen Umständen. Er krallte seine Finger in das Shirt seines Cousins, drückte sich noch ein Stück an ihn und genoss die neue Erfahrung, die er mit Ela bis jetzt noch nicht erlebt hatte, aber das würde er bei Gelegenheit nachholen. Wenn es sich mit Vinnie so toll anfühlte, wäre es mit Ela nicht anders. Hoffte er zumindest, sonst musste er sich mal gründlich Gedanken über sein Gefühlsleben machen.
Wie eigentlich immer blieb Vinnie in der Offensive: er drückte Lorenz rückwärts in die Kissen, setzte sich auf sein Becken und strich ihm mit dem Zeigefinger der rechten Hand über die Wange, während seine andere Hand Lorenz rechtes Hanglegenk umklammerte. Gut, dass er seinen Cousin zum Üben hatte, bei Pip hätte er sich das sicher nicht sofort getraut.
Und das bedeutete schon etwas, denn er war nicht umsonst Vincent Martin, die Aufdringlichkeit in Person.

„Sagt mal, was sollte das?“, regte sich Suse lautstark auf und funkelte ihren Bruder und ihnen Cousin böse an. „Ich hab euch doch extra gesagt, dass Probe ist, aber ihr seid trotzdem über eine Stunde zu spät gekommen.“
„Ihr hättet auch ohne uns anfangen können“, warf Vinnie ein, wurde allerdings gleich von Maxine unterbrochen: „Ja klar, damit du uns nachher nervst, weshalb wir ohne dich, den großen meister Vinnie, begonnen haben. Sehr witzig.“
„Ist ja gut, tut uns leid“, mischte sich Lorenz schnell ein, bevor die Sache möglicherweise eskalierte, „fangen wir jetzt an, sonst können wir gleich wieder nach Hause gehen.“ Und dann wäre das Geschrei erst recht groß, darauf verzichtete er gerne.
„Wo ward ihr beide denn?“, flüsterte Ela ihm in einer kurzen Pause zwischen zwei Musikstücken zu. „Ich hab mir echt Sorgen gemacht, weil ihr beide nicht gekommen seid.“
„Ach, es war nichts“, druckste Lorenz ein wenig verlegen herum, „Vinnie hatte wieder eine von seinen tollen Ideen – du kennst sie ja – dafür hat er mich kurz benötigt.“
Sie brauchte wirklich nicht zu wissen, was er fast zwei Stunden lang mit seinem Cousin in einem düsteren kleinen Raum unternommen hatte.
 
 
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