Anime Evolution: Spiegel

GeschichteAbenteuer / P12
22.04.2009
13.09.2012
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Prolog:
Taschen packen, Taschen packen. Nervös fummelte der junge Wissenschaftler an der Tragetasche für seinen Laptop herum, und versuchte zugleich seine beiden Reisetaschen möglichst sinnvoll zusammenzustellen.
"Nehmen Sie nichts mit außer Ihren Unterlagen. Senso Island bietet alles, was Sie brauchen", hatte man ihm gesagt. Aber er bezweifelte, dass sie seine Lieblingsmarkenklamotten vor Ort hatten, oder seine Musik-CD's als Backup, falls dem Speicher seines Players etwas passierte. Oder seine Videosammlung. Oder seine bevorzugten Kosmetika. Nein, ein Minimum musste erlaubt sein, immerhin zog er in ein ungewisses neues Leben, in dem es nur eine Konstante geben würde: Endlich durfte er aktiv am Widerstand gegen die Kronosier teilnehmen! Endlich konnte er seinen Teil leisten, um die Welt zu retten! Und das hätte man von einem kleinen Eierkopf mit einem Doktor in Kybernetik doch sicher nie gedacht, oder? Nun, er wusste nicht, ob seine Forschungsergebnisse wirklich so viel nützen würden wie er es erhoffte, aber zumindest würde er sein Bestes geben um Aoi Akuma, den Blauen Teufel, wie Akira Otomo oft hasserfüllt, aber viel öfter ehrfurchtsvoll genannt wurde, nach besten Kräften zu unterstützen. Wenn er auch nicht selbst kämpfen konnte, was nicht zuletzt daran lag, dass sich die EU und damit auch sein österreichisches Heimatland in die Neutralität verabschiedet hatte, obwohl Island noch immer kronosoisch besetzt war. Aber hier und jetzt bot sich für ihn die Möglichkeit, etwas zu ändern, etwas anders zu machen. Besser. Hoffentlich. Dabei würden ihm der österreichische Auslandsgeheimdienst und der Freie japanische Geheimdienst helfen. Die einen, um ihn und seine Forschung unerkannt von den Kronosiern aus der EU rauszuschaffen, und die anderen, um ihn nach Senso Island hinzuschaffen.
Für einen Moment hielt er beim Tasche packen inne, betrachtete den Wust an Mangas, Büchern und Musikdatenträgern, mit denen er die Tasche gefüllt hatte und fragte sich eine bange Sekunde wirklich, ob er das alles brauchen würde. Und er fragte sich, wie Akira wohl so war, persönlich, von Angesicht zu Angesicht. Aber vielleicht würde er den Aoi Akuma, seinen persönlichen Helden, niemals zu sehen kriegen. Immerhin arbeiteten tausende Leute für ihn, und er konnte sich nicht Zeit für jeden einzelnen nehmen. Schade, er hätte den jungen Mann gerne persönlich kennen gelernt. Nicht zuletzt, weil er neugierig auf Akira war.
Laut seinen Daten war er drei Jahre älter als Aoi Akuma, und er hatte einen Doktortitel, Akira nicht. Dafür war dieser mittlerweile zum General der japanischen Exilstreitkräfte ernannt worden, und das schlug seinen Doktor doch um einiges. Himmel, Akira Otomo musste trotz seiner jungen Jahre ein beeindruckender Mensch sein.
"Kommen Sie jetzt, Doktor Beer", sagte Herr Neulinger, sein Kontaktagent. "Wir haben einen Fahrplan einzuhalten, um Sie außer Landes zu kriegen."
"Ich komme!", rief Rüdiger Beer, schloss die Taschen und schulterte sie. Wehe, es gab auf Senso Island nicht wirklich alles.
Mit einem letzten Blick in seine Wohnung verabschiedete er sich. Ob und wann er jemals wieder hierher zurückkehren würde, stand in den Sternen. Vielleicht wollte er das aber auch nie. Nie mehr.
Er löschte das Licht und folgte dem Agenten zum wartenden Geländewagen. Neulinger nahm ihm eine Tasche ab und geleitete ihn zum Wagen, in sein neues Leben.


1.
Manchmal fragte ich mich, ob Napoleon bei seinen Feldzügen ähnliche Probleme wie ich gehabt hatte. Ich meine, in den Historienschinken, die sein Leben nachzuerzählen behaupteten, wurde er immer als selbstsicher, ja geradezu arrogant beschrieben, auf den die hochdekorierten Generäle hörten als wären sie kleine Fahnenjunker. Wenn man die üblichen Übertreibungen wegließ, konnte ich also zumindest davon ausgehen, dass sie zumindest auf ihn gehört hatten. Von Widersprüchen wollte ich gar nicht reden, aber zumindest, da war ich mir sicher, hatte er immer das letzte Wort gehabt.
Was für ein Negativbeispiel war ich dann wohl?
"Kommt überhaupt nicht in Frage!", rief Makoto in Rage.
"Viel zu riskant! Akira, du bist nicht unverwundbar!", sagte Joan in vorwurfsvollem Ton.
"Akira, das kannst du nicht tun", sagte Megumi mit ängstlichem Ton in der Stimme. "Was, wenn auch nur einer nervös wird und auf dich schießt? Was, wenn sie alle auf dich schießen?"
"Ich bin strikt dagegen, dass du so eine Dummheit machst!", sagte Yoshi mit fester Stimme. "Für Dummheiten ist hier immer noch Kei zuständig."
"Hey, das war nicht nett!"
"Tschuldigung, Kei, aber ich muss doch drastisch argumentieren."
"Na okay, wenn du einen rationalen Grund hast."
"Und überhaupt. Was ist wenn sie dich einknasten und foltern?", fragte Yohko mit gelinder Panik in der Stimme. "Was, wenn sie..." Meine kleine Schwester stockte. Sie begann zu husten und zu würgen. Besorgt legte Yoshi ihr eine Hand auf die Schulter.
"Geht schon", ächzte sie. "Sind nur ein paar unliebsame Erinnerungen, die gerade hochgekommen sind. Nein, nicht bei mir. Ich musste es nur hinterher aufräumen." Ihr Blick ging zu mir. "Onii-chan, glaub mir, es gibt Erfahrungen, die willst du nicht machen."
"Akira", ereiferte sich Philip, "du bist der Anführer! Du bist ein General! Du vertrittst die Otomos, den OLYMP, Hawaii, und die Koalition mit den Amerikanern! Hältst du es da wirklich für eine gute Idee, ausgerechnet diesen Plan auszuführen?"
"Und überhaupt!", ereiferte sich Sarah Anderson, die Anführerin der Fushida Hacking Crew, "bist du es nicht mal langsam leid, ständig deinen eigenen Hals zu riskieren? Akira, sag doch auch mal was!"

Ich schlug mit der Faust auf den Tisch. Das Ergebnis, ein lauter, scharfer Knall, ließ die Anwesenden zusammenzucken. Schlagartig kehrte Ruhe ein. Ich sah kurz nach rechts, wo Colonel Hatake saß. Also Tatewaki jetzt, nicht sein Sohn Mamoru. Mit ihm hatte ich den Plan mehrfach durchgesprochen, mit dem wir Japan zu erobern gedachten - als Protektorat von Haus Daness.
Okay, ich gebe zu, ich habe anfangs nicht durchgeblickt, worum es eigentlich ging. Ich ein Arogad, Megumi eine Daness, und so weiter. Es war mir nur in den Sinn gekommen, dass Megumi damit eine wirklich schnucklige Außerirdische war, und ich und Yohko damit zur Hälfte Erdling und zur Hälfte selbst Naguad, und dass die Tatsache, dass wir zu den größten beiden Häusern des Imperiums gehörten, für uns sehr plötlich sehr nützlich geworden war. Denn wenn die Elwenfelt hier eintrafen, um die Territorien ihrer Vasallen, namentlich der Kronosier, für das Reich und speziell für ihr Haus einforderten, würde sich das auf alles beziehen, was die Kronosier beherrschten. Im Moment waren das große Teile Indiens, mehr als die Hälfte von Alaska, Teile von Argentinien, Uruguay und Bolivien, sowie ein paar Küstenterritorien in Afrika, wie Somalia, Kenia und Angola. Island nicht zu vergessen, das vor drei Jahren im Handstreich gefallen war.
In den anderen Bereichen Afrikas und im Rest Europas hatten die Kronosier zwar großflächige Zerstörungen angerichtet, aber nie Fuß fassen können. Vor allem nicht mehr, seit die Akuma-Gumi existierte.
Fakt war, wenn wir Japan eroberten, konnte Megumi es defacto für das naguadsche Imperium und speziell für ihr Haus beanspruchen. Und da Elwenfelt sicher keine Lust hatte, sich mit einer der beiden mächtigsten Familien auf Nag Prime anzulegen, geschweige denn mit beiden, würde dieser Bluff funktionieren. Aus dem gleichen Grund hatte meine Cousine Sakura auch im Auftrag meines Vaters, Eikichi, ihre Truppen in die Desertion geführt und Südchina, Tibet, Shangri-La und Nepal als Protektorat der Arogad proklamiert. Für die Himalaja-Staaten war dies wie ein Akt der Befreiung. Man hatte Sakura die Präsidentenwürde angeboten, und auf höchster Ebene diskutierte man die Vor-, und Nachteile dieses Angebots.
Also: Wir mussten Japan erobern, und das möglichst, bevor die Elwenfelt über der Erde eintrafen. Und um einen Staat zu erobern, der einerseits bereits militärisch okkupiert war und andererseits aus vier Inseln bestand, die sich über mehr als tausend Kilometer von Nord nach Süd zogen, und dabei nicht besonders breit waren, bedurfte es besonderer Strategien oder besonders vieler Truppen. Das Angebot von Jordan Daynes, amerikanischer Präsident im Exil und Gefährte aus der Schlacht um New York, uns dabei mit freien amerikanischen Truppen zu unterstützen, hatte ich rundweg abgelehnt. Jordan hätte aus innenpolitischen Gründen gar nicht anders gekonnt und für seine Hilfe die alten, seit acht Jahren leerstehenden amerikanischen Basen zurückgefordert, die sich auf japanischem Territorium befanden. Also war schon mal nichts mit mehr Truppen. Wir hatten die Hekatoncheiren, die Tiger und die Drachen sowie meine Akuma-Gumi. Bestenfalls konnten wir auf Verstärkung durch das Pantheon hoffen, jener eigentlich loyalen Opposition kronosischer Offiziere, zu denen Megumi und Sakura zuvor gehört hatten, bevor sie offen zu Vater desertiert waren.
Aber manchmal kam es gar nicht auf die Zahl der Krieger an, sondern auf deren Qualität. Als sich Heinrich der Fünfte, König von England, in der Schlacht von Azincourt mit Karl den Vierten, König von Frankreich, angelegt hatte, hatten auf englischer Seite rund sechstausend Mann gestanden, auf französischer Seite das Dreifache. Als Ergebnis stand ein englischer Sieg, rund vierhundert Tote bei ihnen, und an die achttausend bei den Franzosen. Und warum? Weil der englische Langbogen, eine aktuelle Weiterentwicklung seiner Zeit, die Rüstungen der Franzosen hatte durchschlagen können, und weil ein Langbogenschütze drei bis vier Pfeile pro Minute hatte verschießen können. Genauso gut hätten die Franzosen auf breiter Front vor große Maschinengewehre geraten können. Das Ergebnis hätte nicht verheerender ausfallen können als der tödliche Dauerregen aus Pfeilen auf die Franzosen.

Meine Entscheidung war getroffen. Ich sah auf. "Herrschaften! Wir waren uns darüber einig, dass wir alleine mit den uns zur Verfügung stehenden Truppen Japan nicht erobern können. Zudem schließen wir Hilfe von den Dämonen aus, nicht?"
Zustimmendes Gemurmel klang auf.
"Gut. Dann sehe ich keine andere Möglichkeit, als dort anzusetzen wo es wehtut. Und das ist direkt bei Generalgouverneur Hilmer Bont."
Bange Sekunden herrschte Schweigen, dann aber wurden alle Argumente gegen den Plan erneut hervorgebracht.
Wieder schlug ich auf den Tisch. "Herrschaften! Wir führen die Operation Ojii-sama aus, und das ist mein letztes Wort! Mehr noch, hiermit ist es ein Befehl!"
Entsetzte Blicke trafen mich. "Akira, du kannst nicht...", haspelte Megumi.
"Es ist der beste Weg, den wir nehmen können. Die angeblich so freie Presse des Japans unserer Tage soll doch ordentlich was zu tun bekommen, oder? Außerdem sind die Vorbereitungen, die Doitsu trifft, in vollem Gange. Wir werden das durchziehen, und wenn ich es alleine machen muss!"
Yoshis Blick war voller Skepsis. "Und wie lange denkst du, hältst du das durch?"
"So lange, bis ich Japan für Megu-chan erobert habe", erwiderte ich mit fester Stimme.
"Akira, du bist verrückt", warf mir Joan vor.
Azumi Okamoto, die junge Frau, die ich erst in Honolulu aus ihrem Schicksal als Ki-Bestie befreit hatte, verdrehte gespielt die Augen. "Na, das ist doch wohl für niemanden hier eine wirkliche Neuigkeit, oder? Die Frage ist doch, wie hoch ist seine Überlebenschance? Und wir reden hier von Aoi Akuma."
"Dennoch", sagte Joan beharrlich, "er ist auch nur ein Mensch. Und wenn er es aus welchen Gründen auch immer nicht bis zu Primus schafft, dann..." Sie überließ den Rest unserer Phantasie. Und ehrlich gesagt war diese Alternative nicht sehr nett.
Kei räusperte sich vernehmlich. "Wir sollten dabei auch zwei wichtige Dinge nicht vergessen. Neben Hilmer Bont und seinen Leuten sind höchstwahrscheinlich der Vierte Legat Gordon Scott und der Zweite Legat Juichiro Tora in Japan, womöglich sogar in Tokio. Und zumindest bei Scott heißt das, es sind weitere KI-Biester in Wartestellung. Dank Azumi-senpai und Hitomi-senpai wissen wir ja, wozu sie geradezu produziert und anschließend eingesetzt werden."
Hitomi Seto, von Doitsu vor nicht einmal einem Monat in den Straßen von Tokio vom Schicksal befreit, selbst ein KI-Biest zu sein, schüttelte sich bei dieser Erinnerung. "Keine besonders erfreuliche Episode in meinem Leben, das kann ich euch sagen."
"Na, das Schicksal steht Akira wohl nicht bevor", sagte Akane Kurosawa, eine unserer Fairies, bedächtig. "Mittlerweile hat er eine so gute Kontrolle über seine Aura, sodass er sogar eine Aura-Rüstung anlegen kann, wie wir Fairies es im Kampf tun."
Cecilia Wang, ebenfalls eine unserer Fairies, sah entsetzt zu mir herüber. "Ihr wollt euch darauf verlassen, dass ein Anfänger mit seiner Aura so gut umgehen kann wie eine Fairie mit sechs Jahren Kampferfahrung? Akira, nimm wenigstens deine Fairy mit. Hina, sag doch was dazu!"
Hina Yamada, seit fast sechs Jahren meine persönliche Fairy, die mich mit ihrer Aura-Kraft in so gut wie jeder bisherigen Schlacht unterstützt hatte, war meine beste Freundin und meine treueste Gefolgsfrau. Zeitweise waren wir sogar ein Paar gewesen, bis wir eingesehen hatten, das es mit uns nicht klappen würde. Danach hatten wir ab und an noch Sex gehabt, was aus uns mehr als sehr gute Freunde machte. Ich sah es als sehr schlechtes Zeichen, dass sie sich von mir nicht dazu hatte überreden lassen, mit mir und Megumi mal einen flotten Dreier auszuprobieren. Musste ich mir eigentlich Sorgen machen, dass mein Schatz als Ersatzkandidaten ausgerechnet Makoto vorgeschlagen hatte? Wie auch immer, ich schob diese Gedanken beiseite. Jedem hier im Raum war klar, dass Kritik von ihr mehr Gewicht hatte als von jeder anderen Fairy, ja sogar mehr noch als von den anderen vier Teufeln Daisuke, Kei, Philip und Yuri.
Langsam erhob sie sich. Sie sah mir direkt in die Augen, und ich konnte ihren Blick nicht definieren. Erst nach und nach war ich mir sicher, dass sie grinste. Bloß, war das nun gut oder schlecht für mich?
"Also, wenn Ihr mich fragt, klingt das doch ganz nach einer Aktion, die die Akuma-Gumi betreiben würde, um der Welt auf der Nase herumzutanzen. Und wenn wir alle unseren Job tun, dann ist Akira auch nicht gefährdet. Ich jedenfalls werde das nicht zulassen." Ihr Blick wurde hart. Erschreckend hart. Ihre Augen schworen mir, dass sie mich nicht im Stich lassen würde. Und sie beschwörten mich, zumindest nicht mehr als die üblichen Dummheiten zu begehen.
"Dann ist doch alles klar", sagte Ban Shee Ryon, die Anelph-Emigrantin, die hinter mir sitzend an der Wand des Konferenzraums gewartet hatte. "Sobald es uns gelingt, die kronosischen Raumhäfen in Japan zu erobern und die dortigen Schiffe zu sichern, können wir zusammen mit einem Teil der Olymp-Verteidigung und meinen fünf Schiffen, die ich mitgebracht habe, den Mars erobern. Dafür haben wir noch fünf Tage Zeit, weil die Elwenfelt dankenswerterweise an einem Punkt ins Sonnensystem gesprungen sind, auf dem für sie der Mars auf der anderen Seite der Sonne ist. Wir hingegen haben von der Erde aus gerade eine relativ bequeme Nähe. Ich sage, wir brauchen zwei Tage für Japan, dann fliegen wir zwei Tage zum Mars, und haben einen Tag, um vollendete Tatsachen zu schaffen."
"Wir holen uns Japan an einem Tag", sagte ich mit fester Stimme. "Weil dies hier die Akuma-Gumi ist! Die Besten der Besten!"
Siehe da, die Schmeichelei fiel auf fruchtbaren Boden. Zum Teil zumindest. Ich konnte es in ihren Augen sehen.

"Und wie", fragte Sarah Anderson mit einem tiefen Seufzer, "willst du unsere militärische Unterlegenheit ausgleichen?"
"Ich denke, das wird euch unser Neuzugang erklären", sagte ich in fröhlicher Stimmung. "Doktor Beer, Sie können jetzt eintreten."
Die Tür öffnete sich, und ein mittelgroßer untersetzter Brillenträger trat ein. "Gu-guten Tag. Es ist mir eine große Ehre, eine sehr große Ehre, heute hier sein zu dürfen, und vor Ihnen zu sprechen. N-nie hätte ich es mir träumen lassen, tatsächlich einmal hier zu sein, und mit Ihnen allen gemeinsam für die Welt zu kämpfen. Nun, nicht, dass ich kämpfen kann. Aber ich arbeite hart dafür, damit Sie es können."
Teils misstrauische, teils neugierige Blicke trafen den Mann.
"Doktor Beer kommt aus Österreich. Österreich ist offiziell neutral, weshalb der japanische Geheimdienst einige Tricks auffahren musste, um ihn von den Europäern und viel wichtiger den Kronosiern unbemerkt außer Landes schaffen zu können. Doktor Beer ist Kybernetiker. Und er ist ein großer Fan von Mangas und Anime, vor allem solchen, die Science Fiction-Elemente beinhalten. So wie Macross oder Gundam."
Der bis eben noch schüchtern wirkende junge Mann nickte nun enthusiastisch und wirkte geradezu aufgekratzt. "Mein Hobby ist, Ideen und Ansätze aufzunehmen, die ich dort finde, und ihre praktikable Umsetzung in der Wirklichkeit zu untersuchen. Ich arbeite unter anderem an einer Gauss-Kanone, die faustgroße Titanstahlgeschosse nahe an die Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, um damit aus einem Mecha eine Gefahr für nahezu jede Schiffsklasse zu machen. Und ich habe nachgewiesen, dass die Menschheit, das Geld vorausgesetzt, von der Technik her in der Lage ist, einen Macross-Superträger zu basteln."
Sarah bekam glänzende Augen. "Mimimimimit Transformfähigkeiten?"
Beinahe beleidigt erwiderte Doktor Beer: "Natürlich mit Transformfähigkeiten. Nur die Macross-Kanone will noch nicht so recht. Entweder zerstört ihr Rückstoß das Schiff, oder, wenn ich rückstoßfreie Energie nehmen, gehen sämtliche Energiemeiler nach dem ersten Schuss durch und zerstören den Träger. Aber ich arbeite dran."
"Akira, das ist doch unpraktikabel!", sagte Yoshi einen Tick zu laut. "Wir brauchen keinen Superträger, auch wenn das Ding cool wäre. Was wir brauchen, ist ein zusätzlicher Trumpf gegen die Kronosier, und das jetzt und das sofort."
Ich grinste schief. "Doktor Beer?"
"I-ich arbeite auch daran, Daishi Echnatrons in autonome Drohnen zu verwandeln. Dadurch verzichten wir zwar auf den Piloten und seine Reflexe, aber zumindest über kurze Distanzen könnte er ferngesteuert werden, ohne dass es zu einem Abzug der Reaktionszeiten kommt. Dadurch könnte man einen Echnatron wie ein Gunboat aufrüsten. Mehr noch, weil der Platz für den Piloten wegfällt, und die Bedürfnisse ihn zu versorgen, kann man ihn hochrüsten. Und ich habe gerade einige Ideen am Köcheln, um den Daishi Echnatron Akuma, wie ich ihn nenne, wirklich gemeingefährlich zu machen."
"Sagen Sie mal, Doktor", kam es skeptisch von Kei, "schlafen Sie auch mal bei all der Arbeit?"
"Ich habe Schlafstörungen. Mehr als drei, vier Stunden kann ich nicht. Aber ich bin es gewohnt. Napoleon hat mal gesagt: Soldaten brauchen fünf Stunden Schlaf, Kinder acht und Narren zwölf. Ich denke, ich liege da mit meinen drei bis vier Stunden doch ganz gut. Außerdem macht es mir ja auch Spaß."
Ich räusperte mich leise. "Doktor Beer ist auf Aura-Behandlung anfällig. Also werden wir ihm ab und an durch einen unserer Dämonenkönige eine Heilbehandlung zukommen lassen. Das ist also geklärt."
Daisuke hob die Rechte, als wäre er in der Schule. "Daisuke, bitte."
"Also, ich sehe schon, der gute Doktor wird in Zukunft eine große Bereicherung für uns werden. Aber wie, Doktor Beer, können Sie uns in unserer derzeitigen Situation helfen?"
Ich grinste. Genau auf diese Frage hatte ich gewartet. "Bitte, Herr Doktor, die Bühne gehört Ihnen."
Der junge Wissenschaftler, der bereits mit einundzwanzig seine Doktorarbeit mit Summa cum laude bewertet bekommen hatte und deshalb als Genie, ja, als österreichischer Nationalschatz galt, stellte die Tasche mit seinem Laptop schwungvoll auf dem Tisch ab. Bedächtig zog er den Reißverschluss auf und zog den Computer hervor. "Ich verspreche, was jetzt kommt wird nicht lange dauern. Entscheiden Sie danach, ob es der Akuma-Gumi nützt oder nicht."
So begann er mit der Präsentation, die schon mich zu einhundert Prozent überzeugt hatte. Also, nach meiner Meinung stand einer Eroberung Japans nichts mehr im Wege. Zufrieden verschränkte ich die Arme hinter dem Kopf und lehnte mich zurück, während der Doktor sein Referat begann. Mein Teil der Arbeit, der übrigens schwer genug werden würde, kam noch früh genug.
***
Eine Stunde später, nachdem die neuen Hekatoncheiren dem Plan zugestimmt hatten, natürlich nicht, ohne Nachbesserungen anzumerken, die tatsächlich teilweise sinnvoll waren, ging ich durch den Supercomputer. Natürlich nicht die alte Einrichtung. Die hatte im Zuge der Umbaumaßnahmen einem hypermodernen Set weichen müssen, der Platz für fünfzig Freiwillige bot. Die Meisten dieser Freiwilligen waren schon einmal in kronosische Supercomputer integriert gewesen und hatten die Fähigkeit, mit der virtuellen Computerumgebung zu kooperieren. Wir nannten sie Escaped. Die große Masse jener, die aus Supercomputern befreit worden waren, waren regelrechte Sklaven gewesen und würden auch in diesem Rechner reine Recheneinheiten sein, das war etwas, was wir nicht wollten. Dadurch, das unsere Escaped eben interagieren konnten, waren sie vergleichbaren Supercomputern haushoch überlegen. Viele von ihnen verfügten zudem über einen beträchtlichen Teil der Daten, die sie für die Kronosier verarbeitete hatten, bewusst oder unbewusst, und somit waren unsere Escaped für sie eine ausgesprochene Gefahr. Die Escaped arbeiteten in fortlaufenden Zehnstunden-Schichten zu zwanzig Mann, in denen sich die erste und die letzte Stunde mit der vorherigen Schicht und der folgenden Schicht überlappten. Dadurch hatten wir keinen Ausfall in der Rechenleistung. Und zehn Tanks standen permanent für Notfälle und dergleichen bereit.
Gerne hätte auch ich diese Arbeit auf mich genommen, immerhin war auch ich ein Escaped. Mehr noch, ich war wahrscheinlich der einzige Escaped, der jemals aus eigener Kraft aus einem Tank ausgebrochen war. Es war der Fehler der Kronosier gewesen, mich zu unterschätzen. Ein tödlicher Fehler. Und der Beginn des ersten Massenausbruchs aus einem kronosischen Supercomputer.
Ja, goldene Erinnerungen... Damals war der erste Grundstein für die Legende des Aoi Akuma gesetzt worden, die Geschichte vom Blauen Teufel Akira Otomo. Aber ich war heute nicht hier, um in Erinnerungen zu schwelgen.

Es war gerade Schichtwechsel. Die neue Schicht bestieg die Pods, und eine Stunde später würde die alte Schicht aus ihren klettern. Mit sicherem Blick bemerkte ich, dass die Techniker dieser Schicht einundzwanzig Pods vorbereiteten. Das konnte vieles bedeuten, aber wahrscheinlich "tauchte" einer der Superviser mit ein in die virtuelle Welt, um aus erster Hand etwas zu erledigen, von virtueller Wartungsarbeit bis hin zu komplexen Rechenoperationen, die auf diese Weise schneller gingen als wenn man eine Tastatur benutzte.
Wir hatten mal aus Jux und Dollerei die Nachkommastellen von Phi bis auf die Größenordnung eines Googolplex berechnet. Eine nette intellektuelle Leistung und ein Erkenntnissprung für die Mathematik. Für eine Kampfgruppe ein eher unvorteilhafter Spleen. Aber das war einer der Gründe, warum unser Supercomputer der Beste und der Bekannteste war. Auf virtueller Ebene hatten wir uns schon oft mit ausländischen Systemen duelliert, manchmal auch einzeln gegen acht und mehr gestanden, aber wir hatten immer gewonnen. Und das verdeutlichte unsere Überlegenheit wohl am Besten. Aber selbst mit der Fushida Hacking Crew als Verbündete würde es dieser Supercomputer leider niemals mit allen Supercomputern der Kronosier aufnehmen können, geschweige denn mit der Hälfte; unser Erfolg stand und fiel mit unserer Hit'n run-Taktik, die den Kronosiern zu wenig Zeit ließ, um uns einzukreisen und weitere Supercomputer auf uns zu hetzen. Bisher hatte die Taktik funktioniert.
Wie auch immer, der Einsatz des Supervisers zum Schichtbeginn hing garantiert mit der Mission zusammen, die wir aufziehen würden, um Japan zu erobern. Und wir würden es erobern. Die Operation Ojii-sama würde ein Erfolg werden. Und die schnellste militärische Eroberung eines Landes, die die Welt jemals gesehen hatte.

"Akira? Was treibt dich zu uns?", klang Joan Reilleys Stimme hinter mir auf.
Ich drehte mich zu ihr um und lächelte sie an. "Muss ich einen Grund haben, um meinen ganz persönlichen Underground-Rockstar zu besuchen?"
Sie schürzte ihre vollen Lippen zu einem spöttischen Lächeln. Sie trug den Komfortanzug, den unsere Diver zu tragen pflegten, wenn sie in den Überlebenstank stiegen, um sich mit dem Supercomputer zu vernetzen. Hatte ich also Recht gehabt. Joan würde mit der Schicht rein gehen, um eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Wahrscheinlich musste sie noch etwas für ihren Auftritt präparieren.
"Du brauchst keinen Grund, das weißt du. Aber ich wette, du hast einen."
Bei diesen Worten musste ich selbst lächeln. "Du kennst mich viel zu gut, mein Engel."
"Ich kenne dich gut genug, ja." Sie griente mich burschikos an, bevor sie mir mit ihrer rechten Faust gegen die Schulter klopfte. "Und, was kann ich für dich tun, mein Großer?"
"Doitsu ist da draußen", sagte ich mit leiser Stimme.
"Definiere bitte Doitsu, und da draußen."
Für einen Moment war ich verblüfft. Dann aber musste ich lachen. "Doitsu Ataka, Anführer einer Yakuza-Bande namens Ataka-Gumi. Einer unserer Verbündeten. Du hast doch sicher schon von ihm gehört. Groß, schwarze Haare, Brillenträger, gut aussehend, schlank und ständig mit einem Schwert bewaffnet. Hat einen leichten Hang zum Sarkasmus, und sabotiert die Kronosier, wo er nur kann."
"Ach, der Doitsu. Sag das doch gleich." Sie lachte. "Ich mag es, wenn er seine Brille die Nase raufschiebt, und dieser Reflex über seine Gläser geht."
"Genau der", bestätigte ich. "Er ist in Tokio und bereitet seinen Teil bei der Eroberung Japans vor." Ich räusperte mich. "Exakt gesagt bereitet er meine Ankunft vor."
Joan musterte mich mit spöttisch geschürzten Lippen. "Apropos Ankunft. Ich habe gar nicht gewusst, dass du so ein Showman bist. Ein guter Sänger bist du auch - willst du es nicht mal im Showbiz probieren?"
"Guter Sänger? Ich? Wenn ich beim Karaoke versacke, verlassen die anderen Gäste den Laden, weil sie denken, es ist Fliegeralarm."
Joan legte eine Hand vor den Mund und kicherte. "Nach all den Jahren glaubst du das also immer noch? Vielleicht haben wir Zeit, um das auszuprobieren. Nach der ganzen Geschichte. Senso Island hat nämlich im Zuge der Umbaumaßnahmen auch eine Karaoke-Bar bekommen."
Das wusste ich. Und ich hatte einen weiten Bogen um das Ding eingeschlagen, wann immer ich die gleiche Ebene hatte passieren müssen. "Vielleicht. Aber Japan zu erobern dauert seine Zeit, und danach den Mars... Dann müssen wir uns auch noch um Haus Elwenfelt kümmern. Das kostet alles Zeit." Zeit, in der Joan hoffentlich ihre Idee bereits wieder vergessen hatte, wenn wir auf Senso Island zurück waren.
"Und wennschon. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich mache mir eine Notiz in meinem elektronischen Notizbuch, und dann machen wir eine richtig schöne große Karaoke-Party mit dir als Stargast."
Mist. Wer hatte gleich nochmal den ganzen technischen Kram auf Senso Island eingeführt? Ach ja, das war ich gewesen. Doppel-Mist.
"Meinetwegen", murmelte ich, mich halb aus der Affäre rettend. "Du gehst also mit auf den Dive?"
"Ja, auch ich muss noch ein paar Vorbereitungen für meinen Auftritt treffen, und damit auch für deinen. Die Escaped und die Fushida Hacking Crew werden dich und die Hekatoncheiren die ganze Zeit auf diesem Trip begleiten und ihr Bestes tun, um dich und die Akuma-Gumi zu unterstützen. Vor allem die Raumhäfen werden knifflig, aber... Es kommt eben drauf an, wie viel Zeit uns die kronosische Verteidigung lassen wird. Wir haben einige der bekannteren Supercomputer infiltriert, und sie werden von unserer Attacke nichts mitbekommen. Aber es gibt genug Anlagen dieser Art auf der Erde. Alleine in Japan soll es achtzig geben, mit einer durchschnittlichen Kapazität von einhundert Personen, die permanent in Biotanks liegen. Einzeln sind sie alle keine Gegner für uns, aber zusammen..." Sie seufzte. "Auch ein Grund für meinen Dive. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht was dagegen tun könnten, dass Torah auch nur zwei Supercomputer koordinieren kann."
Torah, der Erfinder der Supercomputer. Eine Person, die mit der Dämonenwelt einen Privatkrieg ausgefochten hatte - auf dem Rücken der Truppen der Kronosier. "Ich mag den Kerl nicht."
"Wenige Leute mögen den Kerl, Akira. Aber so steht es eben in der Stellenbeschreibung für einen Legaten. Von vielen gefürchtet, von wenigen gemocht." Sie seufzte. "Und dann ist da auch noch Coryn Odin, Legat Nummer eins. Eine unbekannte Größe in unserer Kalkulation. Selbst nach all den Jahren noch. Nicht einmal Daisuke und Yohko, die auf dem Mars die Gift erhalten haben, können Details über ihn erzählen."
"Eines steht fest, ein angenehmer Zeitgenosse ist er nicht. Obwohl man sagt, er habe die meisten Legaten der ersten Stunde gegen erträglichere Kandidaten ausgetauscht", sagte ich nachdenklich.
"Ja, um Menschen wie Megumi in seinen Dienst holen zu können. Zumindest scheint er schlau zu sein. Aber wir werden uns um ihn kümmern, wenn wir den Mars erobern."
Ich lachte rauh. "Bei dir scheint das schon festzustehen. Ich meine, dass wir siegen."
Sie lächelte mich an. "Natürlich steht es schon fest. Wir haben Blue Devil, die anderen nicht."
Ehrlich gesagt machte mich das offene Lob verlegen. Sehr verlegen. "Hast du nicht noch vor einer halben Stunde vor dem unverantwortlichen Risiko gewarnt, das ich eingehen werde?"
"Ach, das." Joan winkte ab. "Reine Gewohnheit, weil ich dich manchmal immer noch für einen normalen Menschen halte."
"So?" Ich zog eine Augenbraue hoch. "Wenn ich kein normaler Mensch bin, was bin ich dann?"
Joan lächelte verschmitzt. "Die größte Hoffnung der Menschheit, und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt."
Auch das noch, Heldenverehrung von Joan Reilley, der Frau, die es mit ihrer Untergrundmusik geschafft hatte, mehr Menschen gegen die Kronosier zu mobilisieren als ich es je gekonnt hätte. Vielleicht ein Grund, dass Europa Reparationen für die Bombardierungen seiner Städte und damit die Akzeptanz eines formellen Friedensvertrags abgelehnt hatte.
"Danke", sagte ich trocken. "Ladet nur alle eure unmöglichen Hoffnungen und Erwartungen bei mir ab."
"Als wenn ich dafür auf deine Erlaubnis warten würde."
Wir sahen uns an, und zugleich begannen wir zu lachen.

"Also", fragte sie mich, "was treibt dich in den Computer? Mit in den Dive willst du sicher nicht."
"Ich wollte zu Sarah. Und damit auch zu Doktor Beer."
"Im Planungsraum. Sie diskutieren Details von unserem Teil des Plans. Sarah hat einige gute Ideen, die sie mit dem lieben Doktor besprechen will. Der Mann hat viele verrückte Ideen. Und einige sehr brauchbare."
"Danke. Viel Glück bei deinem Dive. Leg dich mit nichts an, was stärker ist als du, und komm sicher zurück."
"Keine Sorge, das werde ich. Habe ja schließlich noch ein Date in diesem schnuckligen italienischen Restaurant auf der Sohlenebene mit Mako-chan."
Ich stutzte. "Mit meinem Cousin? Habe ich da was nicht mitbekommen?"
"Wieso nicht mit deinem Cousin?" Sie klopfte mir gönnerhaft auf meine breite Brust. "Beschwer dich nicht. Du bist doch gut versorgt, oder?" Mit einem Lächeln verabschiedete sie sich und schritt auf ihren Tank zu.
Nun, gut versorgt war ich wohl. Bestmöglich. Ich meine, es ging hier schließlich um Megumi. Aber irgendwie... Irgendwie, wenn ich auf Joan Reilleys Hintern schaute, der vom engen Anzug vorteilhaft betont wurde, dann hatte ich da schon das Gefühl, etwas wirklich Tolles zu verpassen. Ob Megumi auch mit Joan als Nummer zwei...?
Ich riss mich von diesem Gedanken los und ging weiter.

Im Planungsraum, direkt am großen Hologrammtisch, fand ich Sarah und Doktor Beer. Die beiden saßen am Tisch, und betrachtete mehrere Hologramme, die taktische Aufstellungen und topographische Karten von Japans Hauptinsel Honshu zeigten. Dazu diskutierten sie vehement. Daisuke, der neben ihnen stand, unterbrach sie immer wieder, um sie einerseits ein wenig zu erden, und andererseits wichtige militärische Fakten einzufügen.
"Geht's voran?", fragte ich nach einiger Zeit fröhlich, um auf mich aufmerksam zu machen.
"Aoi Akuma!", rief Doktor Beer erfreut. Er erhob sich, kam um den Tisch herum und schüttelte mir die Hand. "Also, ich muss ehrlich sagen, dass ich mich bedanken muss. Ich dachte, das Höchste, was ich hier erleben kann, das ist, Blue Devil auch nur zu sehen. Aber die Position, in der ich arbeite, also wirklich jetzt, ich habe das Gefühl, mit den besten Leuten der Welt zusammenzuarbeiten. So etwas hätte ich als kleiner Kybernetiker nie zu träumen gewagt."
Es berührte mich, dass der Doktor so zufrieden war, und das die Arbeit auf der Basis für ihn eine solche Genugtuung war. "Sie müssen sich nicht bedanken. Wir wollen immerhin etwas von Ihnen."
"Auch, auch", sagte er und winkte ab. "Aber die großartige Arbeit, die ich erst hier zu leisten vermag, und das im Verbund mit Sarah und Daisuke, ist grandios. In Österreich wäre mir das nie gelungen. Nie. Ich hätte bestimmt nicht auf solche Möglichkeiten wie hier zurückgreifen können. Jeder Versuch, jeder Test, wäre zuerst einmal eine Konstruktionsphase gewesen. Hier aber gibt es eine holographische Simulation, die die theoretischen Ergebnisse bereits abliefert. Bevor ich einen Prototyp baue, weiß ich schon, ob er so funktionieren wird, wie ich es mir erhoffe. Dies ist das Paradies, General, das Paradies."
"Und?", fragte ich betont gelassen. "Schaffen Sie es?"
"Aber natürlich! Die erste Generation ist bereits in Arbeit, und wird zum Angriff auf Japan fertig sein. Wir tüfteln hier lediglich an der zweiten Generation, die noch effektiver sein wird. Noch stärker, noch sicherer, noch leichter zu bedienen. Dreijährige könnten damit umgehen, wenn sie genügend Aura hätten."
Ich betrachtete nachdenklich das oberste Hologramm, das an ein dickes lateinisches L erinnerte. Die absolute Hoffnung Japans. "Und wir werden die erste Generation auf den Schlachtfeldern einsetzen?"
"Wir produzieren zwanzigtausend Stück. Strategisch verteilt werden sie für die Kronosier eine böse Überraschung sein. Wir setzen sie in Ballungsgebieten wie Tokio ein. Und sollte der Konflikt andauern, können wir in sechsunddreißig Stunden mit fünfzigtausend Stück der Generation zwei arbeiten. Die könnten dann auch auf den Schlachtfeldern eingesetzt werden."
Ich sah zu Sarah herüber.
Die Chefin der Fushida Hacking Crew sah mich ernst an. "Ich habe bereits einige uns unterstützende Gruppen informiert. Sie werden die Gerüchte weiter verbreiten. Wir können es schaffen, und das ohne große Verluste. Weder bei ihnen, noch bei uns. Selbst wenn es fürchterlich schief geht, werden wir zumindest immer noch siegen."
Mein Blick wanderte zu Daisuke. Der junge Mann, der die kronosische Gift erhalten hatte, wich meinem Blick aus. "Ich bin immer noch der Meinung, dass wir, statt diese Spielereien zu produzieren, nur weil uns der alte Hatake automatische Fabriken spendiert hat, uns darauf hätten konzentrieren sollen, Fairies für die Hekatoncheiren zu finden."
"Und wie lange, meinst du, hätten wir die ausbilden können?", fragte Sarah sarkastisch.
Daisuke räusperte sich vielsagend und warf ihr einen spöttischen Blick zu.
"Okay, ich habe Aura-Kräfte. Okay, ich kann eine Aura-Rüstung erschaffen. Okay, das hat drei Tage gedauert. Und wahrscheinlich geht es schneller, wenn man gezielt nach Mädchen sucht, die Aura-Affinität haben. Aber das ist doch eher die Ausnahme als die Regel. Denke ich."
"Wie auch immer", sagte ich, dem Konflikt, oder was auch immer zwischen den beiden stand, den Wind aus den Segeln nehmend, "ich kann mich darauf verlassen, dass Ihr euren Teil tun werdet?"
"Die Fushida Hacking Crew wird heute das größte Ding ihres Lebens drehen. Und wenn es nur heißt, dich aus der Scheiße wieder raus zu holen, Akira", sagte Sarah mit fester Stimme.
"Und die Akuma-Gumi wird ihren Chef nicht im Stich lassen. Wenn du freiwillig in den Vorhof der Hölle trittst, mach ein wenig Platz, weil wir dir folgen werden", sagte Daisuke nicht weniger ernst.
"Eine wunderbare Truppe, nicht?", sagte Doktor Beer begeistert. "Mein ganzes Leben habe ich davon geträumt, mit solchen Menschen zu arbeiten. Solche Bande zu finden. Ich dachte, das wäre nur einer meiner unrealistischen, überzogenen Träume. Und jetzt lebe ich diesen Traum. Ich..." Für einen Moment stockte der Kybernetiker. Als er wieder aufsah, lag eine gewisse Trauer in seinem Blick. "Der Traum endet doch nicht abrupt, oder?"
"Keine Sorge, Doc, Sie werden gebraucht. Das Universum ist groß, bunt, und überwiegend feindlich. Wahrscheinlich werden wir Ihre Macross-Festung aus Selbstschutzgründen bauen müssen", erwiderte ich amüsiert.
Dies ließ den jungen Mann lächeln. "Verlassen Sie sich darauf, dass ich mich wie noch nie ins Zeug für Sie legen werde, General."
"Sagen Sie Akira, wie alle meine Freunde." Ich klopfte dem Mann anerkennend auf die Schulter. "Herrschaften, wir sehen uns im Einsatz."
Sarah und Daisuke murmelten Bestätigungen, als ich mich umwandte und wieder ging.
"Freund? Hat er mich gerade Freund genannt? Ist er immer so? So... So... Herzlich? Umwerfend? Vereinnahmend? Inspirierend?"
"Ist er", sagten Sarah und Daisuke unisono.
Ich kämpfte mit meiner Verlegenheit. War mein ganz normales alltägliches Verhalten so vereinnahmend? Und, was daran wichtig war, musste ich es ändern? Nun, jedenfalls nicht, bevor der Mars uns gehörte. Definitiv nicht.
Erst als ich den Besprechungsraum verlassen hatte, fiel mir ein wichtiges Detail wieder ein, das ich gerade gehört hatte: Sarah hatte Aura-Fähigkeiten, womöglich in einer Stärke, die sie zur Fairy qualifizierten? Ich machte mir eine gedankliche Notiz, tatsächlich gezielt nach Frauen zu suchen, die Aura-Affinität besaßen und Fairies werden konnten. Wenn das Universum feindlich war - und daran hatte ich keinen Zweifel - würden wir jede Fairy brauchen können, die wir finden konnten, und die bereit war, mit uns zu kämpfen.


2.
Eine Stunde später saß ich in einem amerikanischen Stealth-Bomber, der ursprünglich von den Kronosiern gestohlen worden und auf der Titanen-Station stationiert gewesen war. Dort hatten die Handlanger der Elwenfelt ihn hochgerüstet und so gut gemacht, wie es ihre Technik zugelassen hatte. Ich hatte berechtigte Hoffnungen, mit diesem Baby gefahrlos in den japanischen Luftraum eindringen zu können. Der Bomber selbst würde auf Stunden unentdeckt bleiben, wenn er beim ersten Anflug nicht erfasst wurde. Das war essentiell für den großen Plan.
Makoto flog den Bomber. Er war der einzige Spitzenpilot der Akuma-Gumi, der nicht für einen Mecha gebraucht wurde.
"Wir kommen jetzt in den Erfassungsbereich des Radars der Nationalverteidigung", meldete er über die interne Kommunikation. "Danach sind es noch zwanzig Minuten bis zum Tokioter Stadtteil Minato. Hm, sieht gut aus. Eintreffendes aktives Radar, aber der Anti-Ortungsschutz hält. Onkel Eikichi hat fähige Techniker."
"Gut zu wissen", erwiderte ich. Ein letztes Mal checkte ich meine Ausrüstung. Schwarzer Ledermantel - da. Schwarze Jeans - vorhanden. Schwarze Turnschuhe - check. Schwarzes Shirt - okay. Schwarze Handschuhe - yepp. Katana - check. Beretta und zwei Ersatzmagazine - sehr gut. Schwarze Sonnenbrille - yo. Schwarzer Fallschirm - da. Von meiner Seite aus war alles bereit. Alles, was ich noch brauchte, war ein Anflugkorridor auf den Tokio Tower im Stadtteil Minato. Dann konnte die Party beginnen. In zwanzig Minuten.
"Bist du nervös?", fragte Makoto über Bordfunk.
"Geht so. Ich mache das ja zum ersten Mal, aber ich habe es im Griff. Und du?"
Mein Cousin lachte laut auf. "Ich mache mir fast in die Hose. Erzähl das bloß nicht Joan, hast du gehört?"
"Ich haue doch meinen großen Bruder nicht in die Pfanne", sagte ich im Brustton der Überzeugung. Ausnahmsweise meinte ich es auch.
"So? Das macht mich irgendwie misstrauisch", erwiderte er.
"Wieso das denn?"
"Nun, kannst du mir erklären, warum ich in letzter Zeit so viele Kaffees mit Zimtgeschmack hatte?"
"Absolut nicht", erwiderte ich. "Aber wenn es dir hilft, ich kann bis Weihnachten ein Zimtembargo über Senso Island verhängen."
"Das wird nichts nützen. Ich bin mir sicher, mein heimlicher Wohltäter, der mich an die Freuden des Zimts heranführen will, wird bereits einen anständigen Vorrat haben."
Ich grinste schief. Wie gut mein Cousin mich doch kannte...
"Immer noch keine aktive Ortung. Verfahre nach Plan."
"Okay." Unwillkürlich wurde ich doch aufgeregt.
***
Doitsu Ataka war zufrieden. Über seine Mittelsmänner, durch das Einlösen von Ehrenschulden, mit einer Menge Geld, und weil er sich in die Schuld einiger sehr bedeutender Männer begeben hatte - was sich später eventuell noch sehr negativ für die Ataka-Gumi auswirken konnte - hatte die Ataka-Gumi ihr Ziel erreicht. Auf der westlichen Seite des Tokio Towers, fast schon zwischen den gewaltigen Füßen des Stahlriesen, beinahe in der Foot Town genannten unteren Sektion auf Bodenlevel, stand eine Bühne. Eine gigantische Bühne. Dutzende Fernsehsender hatten ihre Kameras darauf gerichtet, etliche sendeten Live. Mittlerweile spielte schon der fünfte große Künstler Japans unentgeltlich für das "Große Konzert der freien Menschen Japans für Fortschritt und Freiheit in Japan und in der Welt" auf, und begeisterte damit eine halbe Million Menschen vor der Bühne, sowie weitere sechzig Millionen landesweit und in Korea.
Natürlich hatte er, als er dieses Mammutevent an einem einzigen Tag aus dem Boden gestampft hatte, nicht selbst auftreten können. Und auch jetzt war er als Anführer der Ataka-Gumi, die sich offen gegen die Kronosier gestellt hatte, im höchsten Maße gefährdet. Eine falsche Person, die ihn sah und erkannte, und sein Leben würde sich drastisch ändern. Wie das eben so war, wenn man Einzelhaft, Prügel und Folter erfahren musste.
Aber er hatte es geschafft, hatte die Bühne hochziehen lassen, hatte nationale bekannte und beliebte Künstler in ausreichender Zahl bekommen, hatte Sicherheit und Notrettungsdienst inszeniert, hatte diese halbe Million Menschen nach Minato gelockt, und die Bühne für das Hauptevent bereitet. Er war nicht stolz auf sich. Er war einfach nur geschafft, denn diese Leistung war eine Mammutaufgabe gewesen, einem Herkules würdig. Aber er hatte es nicht gewagt, die Dimensionen geringer anzusetzen, alleine wegen der Fernsehsender. Ein Dutzend Sender, so hatten sie sich geeinigt, waren das Minimum. Und wenn die Fushida Hacking Crew eine gute Arbeit machte, würden sie das Sprachrohr für die Eroberung Japans werden.
"Waka-sama."
Doitsu wandte sich zu dem Neuankömmling um. Er beobachtete die Szenerie aus dem ersten Stock eines voll verglasten Bürohauses vor dem Tokio Tower, das seiner Familie um mehrere Umwege gehörte; bisher hatten die Häscher der Kronosier diese Verbindungen nicht aufgedeckt. Und heute würden sie ihm mehr nützen als jemals zuvor. "Was gibt es, Chiba?"
Der große glatzköpfige Yakuza neigte höflich das Haupt. "Es ist soweit, Waka-sama."
Doitsu verzog seine Miene zu einem breiten Grinsen. "Sobald Noburo-kun fertig ist, aktiviert das Hologramm."
"Verstanden."
"Sind wir hier noch sicher?", hakte er nach.
"Meine Informanten berichten von keinen Aktivitäten der Polizei oder der kronosischen Truppen. Eventuell unterschätzen sie uns."
"Ja, das wäre nett", erwiderte Doitsu. "Wir bleiben hier."
Ursprünglich hatte der Plan vorgesehen, alle halbe Stunde den Ort zu wechseln, sobald das Konzert begonnen hatte. Aber das war jetzt nicht mehr notwendig. Wenn die nächsten fünf Minuten nicht die Entscheidung brachten, dann würden sie ohnehin verloren sein.
"Wie du wünschst, Waka-sama."
Doitsu nickte zufrieden.

Eine Minute später war der populäre Pop-Sänger Hanzo Noburo mit seiner Zugabe fertig und verließ die Bühne. Seine Fans riefen nach einer weiteren. Der laute Hall ihres Encore kam bis zur Ataka-Gumi. Aber ab hier würde das Programm nicht mehr nach dem offiziellen Plan verlaufen. Und mit etwas Glück nie mehr.
Der heimlich installierte große Holoprojektor aktivierte sich und zeigte einen glitzernden Bogen goldener Sterne.
Der Off-Sprecher, bisher ein kronosischer Büttel des Kulturministeriums, wurde von der Leitung genommen. Stattdessen erklang die Stimme von Takashi Mizuhara, dem inoffiziellen Sprecher und Chefdiplomaten der Hekatoncheiren: "Ladies und Gentlemen, bitte begrüßen Sie mit mir jetzt und hier den meistgespielten Airplay-Star der Welt, live und direkt von der geheimnisvollen Insel Senso Island, exklusiv für Sie und nur heute: JOAN REILLEY!"
Für einem Moment herrschte ein spürbare Stille, die lauter war, als es jedwelcher Lärm hätte sein können. Beinahe glaubte Doitsu das Entsetzen der Menschen auf dem Platz schmecken zu können.
Dann aber entstand aus dem Glitter der Sterne eine junge Frau - in Originalgröße, wohlgemerkt - und damit auch auf dem großen Monitor über der Bühne. Blond, schlank, hübsch, knapp bekleidet, keine Frage, Joan Reilley - und mit ihr erschienen die legendären Mitglieder ihrer Band per Hologramm.
"Guten Abend, Japan! Guten Abend, Minato!", rief sie in ihr Mikro, und diesmal erhob sich zarter, zaghafter Jubel für sie.
"Der erste Song heute Abend ist: Anger is a bad mood!"
Das Ereignis, das darauf folgte, überraschte Doitsu so sehr, das er glaubte, ihm müsse das Blut in den Adern gefrieren. Es war zu plötzlich, zu erstaunlich, zu phantastisch. Jubel. Lauter, kräftiger, lang anhaltender Jubel, der sich noch steigerte, als die ersten Takte von Joan Reilleys neuestem Welthit angespielt wurden. Noch während sie die erste Strophe sang, sang das Publikum begeistert mit, und ergänzte die Textpassagen mit populären Sätzen, die schon Fans aus aller Welt bei diesem Joan Reilley-Superkracher hinzugedichtet und gesungen hatten. Aus Sicht der Kronosier Anarchie pur. Und das Publikum, das sich gerade um Kopf und Kragen sang? Dem war es egal.
Die Fushida Hacking Crew und der Supercomputer von Senso Island sorgten dafür, das die anwesenden Fernsehsender ihre Übertragung nur noch beenden konnten, indem sie ihre Kameras vor Ort zerstörten oder ihnen den Strom kappten, denn rund um die Kameraspots waren die feiernden Menschen konzentriert, was einen Abtransport schwierig gestaltet hätte. Aber nur wenige Kameras schwenkten weg. Die meisten hielten auf Joan Reilleys Hologramm und brachten sie in Millionen Wohnzimmer landesweit. Und wer wusste schon, wie viele Menschen weltweit jetzt ihren Auftritt verfolgten.

"Es geht los", sagte Doitsu zufrieden. Er verschränkte die Hände ineinander, drückte sie nach außen und vernahm das Knacken der Gelenke. Dann griff er nach seinem Katana. "Jetzt."
Als die letzten Takte des Liedes ausklangen, schwebte ein schwarzer Fallschirm vom Himmel. Findige Leute fingen ihn mit Scheinwerfern ein und folgten seiner spiralförmigen Route, die den Benutzer schließlich über die Bühne brachte. Dort, etwa in zehn Metern Höhe, schnitt sich die Gestalt aus den Gurten heraus und fiel die Strecke bis zum Boden der Bühne.
"Meine Damen und Herren!", rief Joan Reilley enthusiastisch, "ein herzliches Willkommen bitte für den einzigartigen, phantastischen, unbezwingbaren und genialen Mecha-Krieger Blue Devil, der Geissel der Kronosier und dem Retter der Welt: Akira Otomo!"
Die Gestalt, die der Länge nach aufgeschlagen zu sein schien, richtete sich nun auf, und ließ einen großen, athletischen Mann mit schwarzer Sonnenbrille erkennen. Er erhob sich zur vollen Größe, rückte sein Headset zurecht, und machte eine Geste, mit der er alles umfassen zu wollen schien.
"Hallo, Tokio! Bereit, erobert zu werden?"
Selbst dem Dümmsten unter den Kronosiern würde bald aufgehen, dass Akira Otomo tatsächlich auf dieser Bühne stand... Und dass seine Worte keinesfalls ein Scherz waren - sondern bitterer Ernst.
"Ataka-gumi, wir verfolgen nun Teil fünf des Plans", sagte Doitsu. Die Yakuza brachen in hektische Aktivität aus, um ihren Teil bei der Eroberung Japans zu leisten. Und das war nicht wenig. Doitsu ertappte sich beim Gedanken, alle Mühen seiner Gruppe bei Akira auf Heller und Pfennig einzufordern. Aber der Herr der Akuma-Gumi würde dies schon von sich aus tun; so gut kannte Doitsu den alten Freund immerhin.
Während Security-Leute und Polizisten die Bühne stürmten, verließen auch seine Leute das Bürogebäude. Der Kampf um Japan begann jetzt.

3.
Für einen Moment war Hilmer Bont, Generalgouverneur von Japan, vor Schreck wie erstarrt. Dann aber entfaltete er seine volle Aktivität. Ein Knopfdruck verband ihn mit seinem Vorzimmer. "Honoka, verbinden Sie mich sofort mit Legat Scott! Ich will auch eine Verbindung zum Polizeipräfekten von Tokio und zu General Masahito!"
"Legat Scott ist auf Leitung drei, Sir."
Das verblüffte den Gouverneur für einen kurzen Augenblick. "Sofort reinstellen!"
Vor dem Schreibtisch Bonts entstand ein Hologramm. Es bildete unverkennbar Gordon Scott ab, vierter Legat der kronosischen Befreiungsbewegung. "Ich nehme an, sie wollten mich ohnehin gerade anrufen, Hilmer", sagte er.
"Davon können Sie ausgehen! Schauen Sie gerade fern, und zufällig die Live-Übertragung aus Minato?"
"Sie meinen dieses unglaublich schnell organisierte Live-Konzert mit einer halben Million Zuschauern vor Ort, auf dem die Rebellin Joan Reilley über eine Hologrammverbindung gerade aufgetreten ist, und auf dem gerade Akira Otomo auf der Bühne aufgetaucht ist?"
"Ja, genau das! Sie müssen..."
"Ich habe", unterbrach Scott den Mann barsch, "bereits alles getan, was ich tun muss! Ich stehe mit zweihundert Mann meiner besten Leute sowie acht KI-Biestern bereit, um Akira Otomo festzunehmen. Er kann uns nicht entkommen."
Verblüfft sah Bont das Hologramm an. "Sie haben... Das geahnt?"
"Ach, ich bitte Sie, Hilmer. Nur ein Mensch hat die Macht und den Einfluss, aus dem Nichts heraus mitten in Tokio so eine Sache aufzuziehen, selbst wenn er tausend Helfer hat. Das ist Eikichi Otomo. Und wenn Otomo seine Finger im Spiel hat, dann kann es nur darum gehen, etwas für die Akuma-Gumi zu tun. Zudem habe ich bereits heute Nachmittag herausgefunden, dass die Firma, dei das Konzert ausrichtet und die Sicherheitsbemühungen koordiniert, über mehrere Umwege und undurchsichtige Mehrheitsbeteiligungen der Ataka-Gumi gehört. Und was das bedeutet, muss ich Ihnen nicht erst erklären, oder? Die Ataka-Gumi hat offen rebelliert, deshalb gehört sie ausgelöscht." Scott grinste über das ganze Gesicht. "Sobald meine Leute Atakas Männer identifiziert haben, schlagen wir zu und löschen seine Gruppe aus. Und als Bonus werden wir Akira Otomo vor den Augen von einer halben Million Menschen töten."
"D-das dürfen Sie nicht", haspelte Bont. "Ich meine, wenn Sie ihn töten, dann machen Sie ihn zum Märtyrer! Und das wäre das Letzte, was die kronosische Sache gebrauchen kann! Verstümmeln Sie ihn meinetwegen, aber wir brauchen ihn lebend. Nicht zuletzt als Druckmittel gegen Eikichi Otomo."
Die Miene von Scott verdüsterte sich. "Sie wagen es, einem Legaten Anweisungen zu geben?"
Bonts Augen verkleinerten sich zu Schlitzen. "Ich hoffe, Sie vergessen Ihren Platz nicht, Gordon! ICH bin Generalgouverneur von Japan, und ICH habe hier den Oberbefehl! Erteilen Sie meinetwegen auf dem Mars die Befehle, aber in diesem Land gebe ich für die kronosische Sache die Befehle!"
Die beiden Männer taxierten sich mit eindringlichen, wütenden Blicken.
"Gut", sagte Scott schließlich. "Sie sitzen im Moment am längeren Hebel. Aber ich gebe zu Protokoll, dass ich der Meinung bin, Akira Otomo gehört so schnell es geht getötet, bevor er für unsere Sache erneut zum Stolperstein wird."
"Ist registriert. Nehmen Sie Otomo gefangen, und er macht uns weiterhin Ärger, übernehme ich die volle Verantwortung für seine Taten."
Amüsiert schnaubte Scott aus. "Hm. Akzeptiert. Und nun lehnen Sie sich in Ihrem Sessel zurück, entspannen Sie sich, und genießen Sie die große Show, mit der wir Akira Otomo verhaften."
Das Hologramm erlosch wieder, und Bont lehnte sich in seinem Sessel zurück. "Ich bin lange nicht so sicher wie Sie, Gordon. Noch lange nicht."
"Sir? Der Polizeipräfekt auf der eins und General Masahito auf der fünf."
"Stellen Sie beide durch, Honoka. Ich habe so das Gefühl, dass sie heute noch Arbeit bekommen werden." Er unterdrückte ein dünnes Schmunzeln. "Verdammt viel Arbeit."
***
Der in blaues Licht getauchte Frachtraum öffnete die Bodenluke, durch die ich abspringen würde. Die Mannschaft des Bombers, ein halbes Dutzend bestausgesuchter Soldaten der Drachen-Division, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, während sie bereits die Fracht herbei schafften, die aus acht Kilometern Höhe auf Tokio abgeworfen werden würde. Nun galt es also.
Ich trat an das Viereck vor mir heran, das mir achttausend Meter freien Fall versprach. Zum Glück gehörte Fallschirmspringen zu jenen Sachen, welche die Akuma-Gumi trainiert hatten. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass wir mal aus unseren Mechas rausgeschossen wurden.
Ich atmete tief durch, sah nach unten auf die glitzernden Lichter der Millionenmetropole Tokio, die vor sieben Jahren noch meine Heimat gewesen war, und wartete auf das Go.
"Drei... Zwei... Eins... Sprung!"
Ich ließ mich nach vorne kippen, stürzte in die Finsternis herab. Glitt in den freien Fall. Ich wirbelte einmal um die Querachse, schlug einen Salto, dann fand ich die Orientierung wieder. Ich stabilisierte meinen Sturz, richtete mich aus, nahm die übliche Absprunghaltung ein, auf dem Bauch liegend, Arme und Beine gespreizt. Kurz orientierte ich mich, fand den angestrahlten Tokio Tower unter mir, der langsam, aber stetig größer wurde. Bunte Scheinwerfer, die gleißende Spots in den Himmel und auf den Boden zeichneten, bedeuteten mir, das ich mich auf der Nordseite des Towers befand. Die Bühne war im Westen. Ich legte die Arme und Beine an, neigte meinen Körper, und glitt durch die Nacht mehr in Richtung Westen, bevor ich meinen Fall erneut stabilisierte.
Ungefähr über der Bühne hielt ich für den restlichen Sturz meine Position. Ein Blick auf den Höhenmesser verriet mir, dass ich bereits dreitausendeinhundert Meter gefallen war. Tja, bei acht Metern pro Sekunde auch kein Wunder. Etwas weniger, wenn ich absichtlich durch die Absprunghaltung bremste. Den Schirm würde ich erst in vierhundert Metern Höhe ziehen, eventuell weniger. Nur für den Fall, dass mich ein übereifriger Kronosier bei meinem Sturz entdeckte. Ich wollte nicht unbedingt eine leichte Zielscheibe für einen Daishi werden, denn die Typen hielten sich garantiert nicht an die Genfer Konvention. Viertausend Meter. Dumpf hörte ich die ersten Bässe. Ich glaubte sogar, die Melodie von Joans neuestem Hit identifizieren zu können. Fünftausend Meter. Ich erkannte immer mehr Details am Boden. Die Lichter des Tokio Tower begannen, nach und nach aus einem großen Brei einzelne Quellen zu bilden. Kurz checkte ich meinen körperlichen Zustand, aber bis auf den Umstand, das mein Gesicht kalt wurde, musste ich bisher keine Einschränkung hinnehmen. Alle Glieder funktionierten so, wie sie es sollten. Sehr gut.
Sechstausend Meter. Kurz berührte ich die kleine Tasche an meinem Gürtel. Sie würde eventuell entscheidend bei unserem Vorhaben sein. Wenn es mir gelang, den Inhalt zu verteilen. Wenn es mir gelang, jemanden zu finden, der den Inhalt haben wollte.
Siebentausend Meter. Siebentausendeinhundert. Siebentausendzweihundert. Siebentausenddreihundert. Siebentausendvierhundert. Ich langte nach der Reißleine und vergewisserte mich, das der Notfallfallschirm perfekt auf meinem Becken saß. Siebentausendfünfhundert. Siebentausendsechshundert. Ich riss an der Reißleine. Sofort schoss der Hauptfallschirm aus der kleinen Tasche auf meinem Rücken, entfaltete sich mit einem Ruck, und entriss mich der Schwerelosigkeit des Falls. Die Gurte folgten dem Schirm, und mein Körper folgte den Gurten. Hart wurde ich nach oben gerissen. Mist. Immer die gleiche Scheiße beim Absprung.
Kurz schüttelte ich den Kopf, um klar zu werden, langte in die Innentasche meines Mantels, und zog die Sonnenbrille hervor. Mit einer lässigen Bewegung setzte ich sie auf. Dann entfernte ich die Plombe von meinem Katana, die ich vorsichtshalber angebracht hatte, damit das Schwert mir nicht durch Unachtsamkeit aus der Scheide fallen konnte.
Ich korrigierte den Kurs meines Fallschirms, trudelte wieder über die Bühne. Korkenzieherartig senkte ich mich auf sie herab. Mittlerweile konnte ich einzelne Personen unter mir erkennen. Sehr gut. Bis hier lief alles nach Plan.
Der erste Scheinwerfer entriss mich dem Dunkel. Auch das gehörte noch zum Plan. Hoffentlich ging der Rest auch so glatt.
Als ich etwa zehn Meter von der Bühne entfernt war, benutzte ich meine Aura-Kraft, um das Gurtwerk aufzulösen; der Fallschirm, von meinem Gewicht befreit, zog steil nach oben und verschwand in der Finsternis. Ich hingegen fiel haltlos in die Tiefe, und krachte auf allen Vieren auf die Bühne.

Die letzten Takte von Anger is a bad mood klangen aus.
"Meine Damen und Herren!", rief Joan Reilley. Es klang ein wenig angriffslustig, fand ich.  "Ein herzliches Willkommen bitte für den einzigartigen, phantastischen, unbezwingbaren und genialen Mecha-Krieger Blue Devil, der Geissel der Kronosier und dem Retter der Welt: Akira Otomo!"
Ein klein wenig fühlte ich mich bei dieser Lobpreisung wie ein Hochstapler. Andererseits wusste ich, dass die Show stand oder fiel, je nachdem wie ich mich verkaufte. Und Joan hatte vor, mich sehr gut zu verkaufen. Ich richtete mich auf, rückte mein Headset zurecht, hörte über den Knopf in meinem Ohr die kleine Rückkopplung, die mir verriet, das ich auf den Lautsprecher aufgeschaltet worden war, und streckte die Arme aus. Zeit, mich ebenfalls gut zu verkaufen. "Hallo, Tokio!", rief ich. "Bereit, erobert zu werden?"
Was dann kam, hatte ich nicht erwarten können. Nicht diesen umfassenden, donnernden begeisterten Jubel, der den Kronosiern wahrscheinlich das Pipi in die Augen trieb. Wenn ich noch Zweifel gehabt hatte, ob sich Japan überhaupt erobern lassen würde, so sah ich mich nun eines Besseren belehrt. Oh ja, das kronosische Protektorat war längst nicht so gezähmt, wie die Kronosier es gerne gehabt hätten. Das ließ mich grinsen. Breit grinsen.
Von links und rechts stürzten Security und reguläre Polizisten auf die Bühne. Etwa drei Meter von mir verharrten sie, wahrscheinlich, weil ihnen einfiel, mit wem sie es hier zu tun hatten.
Ich zog die Sonnenbrille ein kleines Stück die Nase runter und sah zu den Wachleuten rechts von mir. "Wollt Ihr Stress machen?"
Der Vorderste stutzte, als er mir in die Augen sah. "Niemand will Ihnen etwas tun, Sir. Bitte, kommen Sie einfach von der Bühne runter und sträuben Sie sich nicht gegen die Verhaftung. Ich verspreche Ihnen, dass Sie gut behandelt werden." Seine Stimme erklang über die Lautsprecher. Sehr gut. Die Hacking Crew hatte an alles gedacht, sogar an ein Richtmikrophon.
"Natürlich werde ich fair behandelt werden, denn noch heute Nacht werde ich in Japan das Sagen haben. Also sehen Sie zu, mit wem Sie es sich gerade verscherzen wollen."
Erneut klang Jubel auf. In einigen Ecken der Menschenmenge bildeten sich spontane Akira-Fangesänge. Ehrlich, das beeindruckte mich. Und es erklärte mir, warum Joan Reilley so gerne auf der Bühne stand. Das war cool. Unbeschreiblich. Beliebt zu sein war Klasse.

Ich griff in die Tasche an meiner rechten Hüfte. Das ließ die Wachleute und Polizisten zu beiden Seiten einen Schritt zurückweichen. Ich zog einen der Gegenstände aus der Tasche und hielt ihn hoch. Neben mir klickte es, als ein Polizist den Hahn seiner Dienstwaffe spannte. Gut, eventuell war sie nicht durchgeladen, dann bluffte er nur. Ich würde es bald wissen.
Mit Daumen und Zeigefinger hielt ich den L-förmigen Gegenstand so, dass er deutlich zu sehen war. "Dies ist eine Z-Gun!", rief ich mit lauter Stimme. "Die Akuma-Gumi hat sie entwickelt und gebaut, um hier und heute Japan zu erobern! Und das werden wir heute Nacht tun!"
Wieder wurde gejubelt. In der Ferne sah ich aber die Positionslichter aufsteigener Daishis. Viel Zeit für Erklärungen würde ich nicht mehr haben. "Habt Ihr schon mal etwas von KI-Biestern gehört, die die Straßen Tokios unsicher machen? Riesigen Monstren mit tödlichen Klauen, gesteuert von Mordlust und puren Instinkten? Nun, mit dieser Waffe könnt Ihr sie aufhalten!"
Das löste erstauntes Raunen aus. Tatsächlich war hinter vorgehaltener Hand immer öfter von diesem Phänomen und der Gefahr, die es darstellte diskutiert worden.
"Die Z-Gun", erklärte ich weiter, "wird gespeist von der Aura-Kraft ihres Trägers! Ein gesunder Mensch kann bis zu drei Schüsse abgeben, bevor seine Aura verbraucht ist. Jeder Treffer stoppt ein KI-Biest! Und nicht nur das, jeder Treffer betäubt einen Menschen oder blockiert einen Daishi für wertvolle fünf Minuten! Die Akuma-Gumi hat zwanzigtausend davon hergestellt, und wird sie über Tokio und allen anderen großen Städten des Landes abwerfen, damit all jene, die willens sind, mit uns gegen die Besatzung durch die Kronosier kämpfen wollen!"
Wieder wurde laut gejubelt. Heisere Stimmen riefen nach mir, damit ich ihnen eine Z-Gun zuwarf.
"Aber ich will ehrlich mit euch sein: Ich werde euch heute Nacht nicht befreien!"
Ein lautes, enttäuschtes Raunen ging durch die Menge.
"In diesem Moment fliegen Außerirdische in unser Sonnensystem ein, die Herren der Kronosier! Sie kommen, um all das zu beanspruchen, was den Kronosiern gehört, und so auch Japan!"
Die Rufe, die hierauf folgten, waren geprägt von Unglaube, Entsetzen und Enttäuschung.
"Und um Japan zu retten, um es vor ihnen sicher zu machen, werde ich Japan für eine einzige Person erobern und ihr noch heute Nacht als Protektorat zu Füßen zu legen! Natürlich mit allen Freiheiten und Rechten, die vor der Invasion durch die Kronosier gegolten haben!"
"Wer ist diese Person? Eikichi Otomo? Mit Eikichi Otomo könnte ich leben!", sagte der Polizeioffizier von vorhin, der immer noch auf der Bühne stand, mich aber nun in einer neutralen Körperhaltung ansah.
Diese Frage machte mich etwas verlegen. Ich hatte eigentlich noch ein wenig Werbung machen wollen, bevor ich den Namen verriet. Das Ganze so schmackhaft wie möglich, eben.
"Es ist nicht mein Vater, Eikichi Otomo", sagte ich leiser. Für einen Moment musste ich hart schlucken. Wie würden sie es aufnehmen? Würden sie verstehen, dass die Regentschaft Megumis nur pro Forma war und ihrem Schutz diente? Dass der Kaiser in seinem repräsentativen Amt von uns ebenso wenig eingeschränkt werden würde wie durch die Kronosier oder die vorherige reguläre japanische Regierung?
"Es ist Megumi Uno!", sagte ich trotzig und laut.
Stille breitete sich aus. Das wertete ich als schlechtes Zeichen. Als verdammt schlechtes Zeichen.
Beschwichtigend bewegte ich beide Hände. "Hört mal, Leute, es ist..."
"Ist das wirklich wahr?", rief jemand direkt vor mir, aus den Reihen des Publikums. "Megu-chan wird unsere Regentin, wenn du heute siegst, Akira?"
"Megumi wird eure Regentin! Ob es euch..." Gefällt oder nicht hatte ich sagen wollen, aber meine Worte gingen unter in einem Orkan, der sogar die Wiedergabe der Lautsprecher übertönte. Das, was auf dem Platz geschah, das was von einer halben Million Menschen da fabriziert wurde, war mit Jubel nicht mehr zu übersetzen. Es war... Das lauteste Volksfest, das ich jemals miterlebt hatte. Es war ein Donnern, das Japan in seinen Grundfesten erschütterte, das wirkte, als könne es alleine die Vorherrschaft der Kronosier fortwischen. Ich war beeindruckt. Anscheinend hatte ich die Beliebtheit meines Schatzes in Tokio wieder einmal kräftig unterschätzt. Auf jeden Fall war es mehr Menschen möglich, sie zu lieben und zu verehren, als es ihnen bei mir möglich war.

Rechts von mir huschte ein Schemen heran. Er sprang über die Wachleute und Polizisten hinweg und stürzte da zu Boden, wo ich vor wenigen Augenblicken noch gestanden hatte. Seine messerscharfen Krallen bohrten sich in den Stahl des Bodenbelags. Ein KI-Biest von drei Metern Größe. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon sechs Meter entfernt, schwebte geradezu nach hinten auf die Bühne, weg vom KI-Biest. Ich hob die Z-Gun, visierte das KI-Biest an, das sich bereits wieder befreit hatte und auf mich zusprang - und feuerte. Der Blast bediente sich bei meiner Aura, entließ einen gleißenden Strahl, der die Wachleute blendete, und schlug in das Biest ein.
Die Bestie reagierte merkwürdig, wie immer, wenn ein KI-Biest zerstört wurde. Sein Fleisch, seine Haut, schlugen Blasen, lösten sich in großen Flocken voneinander, zerstieben wie Laub in einem starken Windstoß, und ließen nichts zurück als den nackten Körper einer halb bewusstlosen jungen Frau. Ich fing sie auf, bevor sie zu Boden stürzen konnte. "Whoa. Nicht so stürmisch. Ich bin in festen Händen", scherzte ich und sank mit der jungen Frau in die Knie. Es verwunderte mich ein wenig, dass ich sie nicht kannte. Bisher waren alle KI-Biester, die ich besiegt hatte, um Schüler der Fushida-Schule gebildet worden. Sie hustete, spie einen Schwall Schleim aus, und sah mich aus großen, ungläubigen Augen an. "Es... ist vorbei?", brachte sie mühevoll hervor.
"Du bist frei vom KI-Biest."
"Danke... Blue... Lightning."
Eigentlich hieß es Blue Devil, aber ich korrigierte die Frau nicht. Jemand legte eine Jacke über ihre bloßen Schultern. Es war der Polizist. "Sanitäter sind auf dem Weg", sagte er. Fordernd hielt er die Hand auf. Ich legte ihm die Z-Gun hinein. Er musterte die Waffe kurz, die nur einen Abzug hatte. "Was passiert, wenn man dreimal geschossen hat, und die Aura ist alle? Nur so Interesshalber."
"Man schläft ein", sagte ich schmunzelnd. Ich überließ die junge Frau einem weiteren Polizisten und erhob mich wieder. Dabei ignorierte ich die Tatsache, dass ich mit den Schleimresten des vernichteten KI-Biests regelrecht eingesaut war.

"Noch jemand eine Z-Gun?", fragte ich.
Von links stürzte ein weiteres KI-Biest heran. Der Polizist zielte, schoss, und erreichte das gleiche Ergebnis wie ich. Nur diesmal war ein Mann der Kern. Einer der Wachleute bewahrte ihn vorm Sturz und fing ihn auf.
"Funktioniert", kommentierte der Polizist trocken. "Funktioniert richtig gut."
Dies gab den Aussschlag. Tausende Hände reckten sich mir entgegen, um die Z-Gun zu bekommen. Ich öffnete die Tasche, und nahm die Exemplare heraus, die ich bei mir trug. "Denkt daran, wenn die Aura am Ende ist, schlaft Ihr ein! Geht zu zweit, zu dritt oder zu viert, damit die Waffe benutzt wird!" Einige drückte ich den Wachleuten um mich herum in die Hände, andere warf ich in die Menge.
Fehler. Ein Wachmann legte auf mich an, schoss - und traf.
Als das grelle Licht verschwunden war, trug ich meine Aura-Rüstung. Die blaue Uniform mit dem weißen, wallenden Umhang. "ICH bin selbstverständlich immun, genauso wie unsere Mechas. Ts, ts, ts." Ich richtete die rechte Handfläche auf den Mann, konzentrierte meine Aura, und entließ sie auf einen Schlag. Der Mann wurde erfasst, getroffen und meterweit über die Bühne davon gewirbelt. Bewusstlos blieb er liegen. "Und ich brauche die Z-Gun nicht selbst. Haltet Ihr mich für einen Anfänger, oder für Akira Otomo?"
Erneut jubelte die Menge.
"Akira! Wir wollen die Z-Gun!", riefen viele Menschen.
Ich hob die Rechte, deutete in den Himmel. "Ihr wollt die Z-Gun! Ihr kriegt die Z-Gun!" Dutzende Scheinwerfer richteten sich auf den Himmel, und entrissen Dutzende, hunderte, nein, tausende kleine Fallschirme der Dunkelheit, an deren unteren Enden jeweils eine Z-Gun hing. So begann die Revolution.

Schlussendlich waren die Daishi da, schwebten über dem Platz. Sie hielten einen Sicherheitsabstand, unschlüssig, was sie tun sollten. Vielleicht fürchteten sie auch einen Kampf über den Köpfen der riesigen Menschenmenge. Eine schlechtere Presse konnten sie nicht kriegen, wenn sie aus dieser Position das Feuer eröffneten. Das schienen auch ihre Befehlshaber zu denken, denn sie zogen die Maschinen auf die Fluchtwegschneisen, wo sie, falls sie abstürzten, zumindest keine hunderte Menschen zerquetschen würden. Darauf schienen viele in der Menge nur gewartet zu haben. Drei Daishis wurden von Z-Guns getroffen. Sie stürzten aus wenigen Metern Höhe zu Boden, und blieben bewegungslos liegen. Dies war die Stunde der Ataka-Gumi. Doitsus Yakuza und ihre Verbündeten erklommen behende die Mechas, brachen die Cockpitversiegelungen auf und zogen die bewusstlosen Piloten hervor. Die ausgebildeten, vorbereiteten Krieger als den Gruppen nahmen ihre Plätze ein. Sie ersetzten die IFF-Transponder, die sie als unsere Maschinen auswiesen, während ihre Kollegen mit Sprühfarbe auf die Brustpartie ein mannsgroßes M für Megumi sprühten. Es war abzusehen, wann die Kronosier die Samthandschuhe ausziehen würden. Aber sie hatten hierbei die schlechteren Karten, denn die Z-Gun hatte eine verdammt hohe Reichweite.
"Wollen wir es Zuende bringen, Aoi Akuma?", erklang hinter mir eine ruhige, beinahe amüsierte Stimme. "Nur wir beide, mit unseren Klingenwaffen? Ohne Aura, ohne Z-Gun? Krieger gegen Krieger?"
Ich wandte mich der Stimme zu. "Legat Gordon Scott. Wie interessant." Ich sah die Klinge in seiner Hand. "Wollen Sie damit fechten?"
Er hob den Reitsäbel an, den er in der Hand hielt. Es war eine mir unbekannte Arbeit mit feiner, dünner Klinge, einem Parier, das aus zwei parallel gesetzten Scheiben bestand, und einem Goldbügel am Griff, der zugleich die Hand vor Treffern schützte und verhindern half, dass der Benutzer die Waffe verlor. "Es ist die Waffe eines meiner Urahnen. Er diente bei den Dragoon Guards des Königs, die gegen Napoleon gekämpft haben. Sie wurde im berühmten Solingen geschmiedet, und ich habe sie gut gepflegt. Sie ist heute so gefährlich wie am ersten Tag, an dem sie aus der Scheide gezogen worden ist. Ich bin bestens mit ihr vertraut."
"Das Katana ist dieser Waffe überlegen. Ich werde Ihren Degen mit einem Schlag in Stücke hacken", erwiderte ich.
"Wenn Sie es treffen, Aoi Akuma. Eine Klinge ist immer nur so gut wie der, der sie führt. Also, wie ist es?"
Ich winkte die Polizisten zurück, die ihre Z-Guns auf den Legaten angelegt hatten. Mit einer kurzen Willensanstrengung verschwand meine Aura-Rüstung wieder. Ich warf meine letzte Z-Gun einem meiner neuen Verbündeten zu und zog das Katana, das Yoshi mir bei der Rettung Sarahs auf der Pazifikinsel gegeben hatte, aus der Scheide. "Nun gut. Wir werden sehen, wer gewinnt." Ich konnte nicht wissen, dass Legat Gordon Scott den Sieger bereits vorab bestimmt hatte. Wir traten aufeinander zu, und mittlerweile sah uns nicht nur ganz Japan zu, die Einschaltquoten lagen bei weltweit einer Milliarde Haushalten. Aber war ich nicht ohnehin hier, um mich gegen das Schicksal zu stemmen?
***
"Hergehört, Hekatoncheiren!", rief Megumi, während ihre Maschine an der Spitze des Bataillons in den japanischen Luftraum eindrang, die Material-, und Truppentransporter von Tiger-, und Drachen-Divisionen beschützend. "Dies ist zwar eine Invasion, aber eine äußerst heikle! Wir schießen nur, wenn wir beschossen werden! Primäres Ziel ist es, den Narita Space Port und das Hokkaido Space Center in unsere Hand zu kriegen und die dortigen Schiffe zu erobern! Sekundäre Ziele sind die Sicherung des kaiserlichen Palasts und die Identifikation unserer Verbündeten und der Deserteure, die sich uns anschließen werden!"
"Du erwartest ernsthaft Zulauf, Megumi?", klang Yohkos spöttische Stimme auf.
"Nun, ich hoffe es zumindest, Yohko-chan." Und wie sie es hoffte.
"Achtung, Schatz", sagte Amber, ihr Bordcomputer, "aufsteigende Daishis von der Basis an der Ostküste, schnell näher kommend. Dreißig, hauptsächlich Briareos und Gilgamesch. Sie rufen uns."
"Öffne einen Kanal. Hier spricht Colonel Megumi Uno! So suspekt es klingt, aber ich und meine Hekatoncheiren würden einen Kampf gerne vermeiden. Bitte ziehen Sie sich wieder in Ihre Basis zurück und warten Sie weitere Anweisungen ab."
"Colonel Rikata hier, Ma'am. Das mit dem Kampf ist aber schade, denn ich und meine Leute sind gerade ganz wild auf einen Kampf. Wo sollen wir uns denn einreihen?"
"Bitte, was?", fragte Megumi verdutzt.
"Um der Rebellion beizutreten, um Japan zu befreien, und so. Wo sollen wir uns anschließen?"
"Sie sehen mich leicht verwirrt...", gestand die junge Frau.
Ihr Widerpart seufzte. "Sie haben wirklich keine Ahnung, was Sie mit Ihrem mutigen Beispiel in unser aller Leben angerichtet haben, oder, Ma'am? Seit Sie die Vernichtung eines tokioter Stadtteils unter Einsatz Ihres Lebens verhindert haben, haben Sie etliche von uns zu Tode beschämt. Es brodelt schon seit Jahren in uns, und viele von uns Mecha-Piloten unterhalten Kontakte zu subversiven Elementen, wie sie offiziell heißen. Zum Beispiel der Fushida Hacking Crew. Mit ihrer Hilfe wollten wir uns selbst zu einem landesweiten Aufstand organisieren, aber Sie sind uns zuvor gekommen. Und dadurch, dass Ihre Z-Gun KI-Biester und Mechas ausschalten kann, haben wir endlich die Vorteile, die wir brauchen, um Japan zurückzuerobern, ohne ein Massaker anzurichten. Ich gebe zu, Sie als Galionsfigur zu wählen war dabei der klügste Schachzug überhaupt. Wir respektieren Aoi Akuma, wir fürchten und wir mögen ihn, aber Sie, Ma'am, Sie lieben wir." Er hüstelte verlegen. "Auf einer metaphorischen Ebene."
"Danke", erwiderte Megumi, unsicher, was sie darauf sagen sollte. "Sagen Sie, wie groß ist denn diese Bewegung, von der Sie sprechen?"
"Ich kann nur für die Bewegung sprechen, der ich selbst angehöre, aber ich habe Gerüchte gehört, dass es weitere Gruppen wie uns gibt, die einander nur noch nicht gefunden haben. Wir selbst unterhalten rund zweitausend..."
"Zweitausend Mann unter Waffen? Das ist eine Riesenmenge! Wenn uns all diese Soldaten unterstützen, dann..."
"Nein, Ma'am, nicht zweitausend Mann. Zweitausend Daishi-Piloten! Sie haben ja keine Ahnung, wie sehr wir uns wünschen, das Joch der Kronosier endlich abzuschütteln, und Ihnen, General Ino und Aoi Akuma nacheifern zu können. Japan will diese Invasion. WIR wollen diese Invasion!"
Megumi schwieg beeindruckt. Und schlagartig verstand sie, warum Ban Shee Ryon und die Otomo-Eltern so überzeugt davon gewesen waren, dass es klappen würde. Alles was sie gebraucht hatten, waren eine Galionsfigur - sie, als positive Identifikationsperson - und einen Auslöser, einen Anlass. Beides war gegeben, und nun hatte es das ausgelöst, was sie sich erhofft hatten.
"Reihen Sie sich an unserer linken Flanke ein. Wir schießen nur, wenn wir selbst beschossen werden. Unsere Primärziele sind die Raumhäfen Narita und Hokkaido. Danach sichern wir den kaiserlichen Palast."
"Jawohl, Ma'am. Und... Danke, Ma'am. Es ist uns allen eine Ehre, unter Ihnen und Blue Lightning zu kämpfen", erwiderte Colonel Rikata.
"Es heißt Blue Devil."
"Ich glaube, nicht mehr seit heute Abend, Ma'am. Ab sofort ist Akira Otomo Blue Lightning."
Er behielt Recht.


4.
"Shiroi Akuma an alle Akumas", klang Daisukes Stimme im Sprechfunk der anderen drei Mechas ihrer Einsatzgruppe auf, "ich habe gesicherte Informationen darüber, das Akira sicher angekommen ist und sich prompt mit der ganzen Stadt angelegt hat."
Gelächter der anderen drei Mitglieder der Akuma-Gumi antwortete ihm. "War ja auch nicht anders zu erwarten gewesen, oder?", rief Ami Shirai, Philips Fairy, fröhlich über Funk.
"Genau! Wird also höchste Zeit, das wir uns selbst mal Ärger suchen", rief Yuri gut gelaunt. "Oder um es formeller auszudrücken: White Devil, Red Devil mit Pilot und Fairy ist heiß auf ein wenig Action."
"Ich hoffe, du meinst militärische Action, denn deine Fairy interessiert sich in letzter Zeit auffallend  für einen gewissen Geheimdienstoffizier", erwiderte Daisuke scherzhaft.
"M-mit mir und Mamoru ist nichts! Bestimmt nicht!", fiel Akane Kurosawa hastig ein.
"So? Dann sollten wir euch beide nach unserer Rückkehr in einen Raum einsperren und abwarten was passiert", klang Cecilia Wangs Stimme, der Fairy von Kei, auf. "Kann ja keiner mehr mit ansehen, was für schmachtende Blicke Ihr euch zuwerft, wenn Ihr glaubt, keiner sieht euch!"
"I-ich sagte doch schon, zwischen uns ist nichts!", erwiderte sie, diesmal vehementer. Leiser fügte sie hinzu: "Wer will auch mit einer Psychopathin zusammensein?"
Stille folgte auf ihre Worte.
"Hm", kam es von Kei. "Da das mehr oder weniger auf alle Frauen zutrifft, zumindest vom Stand eines Mannes aus gesehen, sicherlich die halbe Menschheit, namentlich wir Männer. Ihr Frauen seid uns ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln und tut sprunghaft Dinge, die wir nicht nachvollziehen können."
"Das kann ich jetzt nicht nachvollziehen", murrte Akane. "Tatsache ist, dass ich depressiv war, oder? Und das kann jederzeit wiederkommen."
"Klar kann es jederzeit wiederkommen. Und ich kriege jederzeit ein Date, wenn ich es will", knurrte Kei sarkastisch. "Wir haben mit der neuen Besatzung Senso Islands einige sehr gute Ärzte bekommen. Auch Gefechtspsychologen. Wenn dir deine Depressionen so zu schaffen machen, dann konsultiere einen. Es kann dir nur besser gehen."
"Und mich als Spinnerin outen? Na danke."
"Hey, du hast gesagt, dass du Depressionen hattest, die jederzeit wiederkommen können", konterte Kei.
"Aber das war doch unter uns. Innerhalb der Familie", erwiderte sie. "Das kann man nicht vergleichen."
"Wenn du ein Date willst, Kei, warum hast du mich nicht einfach gefragt?", klang dazwischen Amis Stimme auf. "Ich bleiche mir auch die Haare zweimal, damit sie blond werden."
"Abgemacht! Und wehe, du bist nicht wirklich blond, Ami-chan."
"Versprochen, White Devil."
"So einfach kommt man also an ein Date, eh?", fragte Philip amüsiert. "Das bedeutet, Akane, deine Depressionen können jederzeit wiederkehren. Ein empirischer Beweis. Also solltest du einen Spezialisten aufsuchen. Jemand, der dich unterstützt, damit du dich wieder sicher genug für ein normales Leben fühlen kannst. Sicher genug für einen Freund. Denn ich fürchte, jetzt wo die bezaubernde Megumi Uno Akira in ihren Krallen hat, lohnt es sich nicht, auf ihn zu warten."
"A-akira hat damit nichts zu tun! Er ist sowieso nur so eine Art Bruder für mich", sagte Akane hastig. "Und Megumi ist ein wirklich tolles Mädchen. Ich bin nicht eifersüchtig."
"Hat ja auch keiner behauptet. Aber Kei hat ein Date", sagte Philip fröhlich, "und du hast bald genügend Mut, um dir einen Freund anzulachen. Ich denke, die Mission war jetzt schon ein Riesenerfolg."
Wieder lachten die Mitglieder der Akuma-Gumi.
"Gut, gut, Ihr hattet euren Spaß", klang Daisukes mahnende Stimme auf. "Konzentriert euch jetzt wieder auf die Mission. Wir erreichen jede Sekunde den Radarbereich Hokkaidos." Er räusperte sich. "Alles in Ordnung bei dir, Bara Akuma? Ich frage nur, weil es normalerweise nicht üblich ist, dass der Pilot seine eigene Fairy ist, und einen Gunner zusätzlich an Bord hat."
"Keine Sorge, uns geht es gut", klang Yohkos Stimme auf. "Ich kutschiere Yoshi auch nur solange herum, bis er sicher genug ist, um einen Eagle zu steuern und seine Waffen abzufeuern, und seine Aura-Fähigkeiten sicher zu lenken. Ich hoffe, du weißt das zu schätzen, Schatz. Dafür habe ich darauf verzichtet, meine Kottos in die Schlacht zu führen."
"Ich weiß es zu schätzen, Engelchen, wie alles, was du für mich tust."
"Das kannst du mir nachher noch mal im Detail erklären, sobald der Hokkaido Space Port uns gehört."
"Und genau wegen dieser Herumflirterei bin ich dagegen, dass Pilot und Fairy privat Paare sind", murrte Yuri. "Da bricht der pure Neid aus."
Wieder wurde gelacht.
"Funkdisziplin ab jetzt", mahnte Daisuke, der die Kabbeleien hatte laufen lassen. Es löste die Spannung vor einem Gefecht, und ein ruhiger Pilot war ein guter Pilot. "Fairies Aura vorbereiten, nur für den Fall, dass sich die Hafenverteidigung Hokkaido nicht schon alleine bei der Nachricht ergibt, dass die Akuma-Gumi auf dem Weg zu ihnen ist."
"Hoffentlich nicht", sagte Philip. "Schätze, das ist eine gute Gelegenheit, um endlich mal zu klären, wer nach Akira hier die Nummer zwei im Cockpit ist."
"Ich bin dabei", schnappte Kei.
"Ich auch", sagte Philip.
"Ebenso", kam es von Yohko.
"Kindsköpfe", kommentierte Daisuke. "Der zweitbeste Pilot der Akuma-Gumi wird bestimmt nicht dann festgestellt, wenn Akira uns mal nicht anführt. Außerdem bin ich das schon, also macht euch keine Hoffnung."
"Was du wirst beweisen müssen", rief Kei unternehmungslustig.
"Eintreffende Radarsignale. Sie wissen, dass wir kommen", sagte Daisuke, statt direkt zu antworten. Er sah auf den Fairy-Sitz, wo sich Hina Yamada angeschnallt hatte. "Bereit?"
"Keine Sorge. Ich bin immer bereit. Immerhin bin ich Akiras Fairy."
Daisuke lachte leise. Er war der einzige Pilot der Akuma-Gumi, der eigentlich nur in Ausnahmen eine Fairy an Bord nahm. Nun hatte er die Fairy vom Boss zur Unterstützung, und das bedeutete in mehrerlei Hinsicht eine Herausforderung.
"Raketenbeschuss", meldete die K.I. seines Hawks.
"Registriert, Alter. Kommen schnell rein von Nordnordwest, vermutlich abgeschossen von einer Küstenbatterie. Zwanzig Stück, also eine Salve." Er beschloss, alles dafür zu tun, damit Hina auf ihre Kosten kam. Immerhin war sie ja wirklich die Fairy vom Boss. Und die war mittlere Wunder gewöhnt. "Kümmere mich um die Raketen." Die Aura seiner Fairy spannte sich über den Hawk, und er verließ die Formation, um sich um die Raketen zu kümmern. Ihr Teil des Kampfes hatte begonnen.
***
Hilmer Bont atmete stoßweise ein und wieder aus, während er wieder in sein Büro zurückkehrte. Er hatte Angst, und das nicht zu knapp. Nur mit viel Glück war es ihm und seinen Leuten gelungen, rechtzeitig die Tore der Residenz zu schließen, bevor ein aufgebrachter Mob, ausgerüstet mit den Z-Guns, das Gebäude hatte stürmen können. Aber schon war klar, dass sich die loyalen Soldaten nicht lange würden halten können. Jeder Aufständische hatte zwar nur drei Schuss mit der Z-Gun, einige nur zwei, einige sogar vier, aber bei jeder Waffe hatten sich zwanzig oder mehr Sympathisanten versammelt, die die Waffe mit Freude übernehmen würden. Selbst Fernbeschuss schied aus, weil die Z-Gun weit genug reichte, um einen Daishi in den Straßenschluchten vom Himmel zu holen, oder die Elektronik einer abgeschossenen Rakete zu frittieren. Dämlicherweise deaktivierten sich dabei die Sprengköpfe, sodass die einzigen Verwundeten draußen vor dem Tor jene waren, die von den herabstürzenden Raketen gestreift oder von zertrümmertem Asphalt getroffen worden waren. Die vier Daishis, die zur Entlastung der Residenz hatten angreifen wollen, lagen am Boden, und waren längst die Beute der Aufständischen geworden. Der einzige Vorteil bei der Geschichte war die Z-Gun selbst, die nicht direkt tötete. Aber Bont malte es sich recht lebhaft aus, was die aufgebrachte Menge da draußen mit seinem betäubten Körper machen würde, wenn sie erst einmal eingedrungen und ihn gezettet hatte. Verdammt.

Als er in sein Büro eintrat, erwartete ihn der recht vertraute Anblick einer Glock 14L, dessen Mündung auf ihn gerichtet war. Am anderen Ende der Waffe befand sich ausgerechnet seine Sekretärin. "Treten Sie ein, Mister Bont. Wir haben zu reden. Ach, und machen Sie die Tür hinter sich zu. Es wäre bedauerlich, wenn ich schießen müsste, bevor wir miteinander gesprochen haben."
"Meine Leute...", begann er, aber in diesem Moment bemerkte er, wie die Tür zum Vorzimmer von den beiden Wachleuten geschlossen wurde.
Gehorsam schloss er auch seine Bürotür.
"Sie wollen sicherlich viele Fragen stellen", sagte die Frau mittleren Alters freundlich. "Vor allem das Wie, das Warum, das Wer, und so weiter. Ich habe dafür noch ungefähr acht Minuten." Sie manipulierte, während sie sprach, den im Schreibtisch eingebauten 3D-Monitor, der es dem Generalgouverneur ermöglichte, in Direktkontakt mit allen offiziellen Stellen Japans zu treten. Fragend sah er sie an.
"Das? Oh, es war von vorne herein geplant, das wir Ihr Büro nutzen würden, um den Aufstand zu forcieren. Es war ein sehr großer Fehler von Ihnen und Ihren Ministern, nach Otomos Desertation nicht jeden einzelnen Mitarbeiter auf näheren Kontakt mit dem Direktor des Weltraumfahrstuhls abzuklopfen." Sie lächelte freundlich. "Ich bin seine Chefagentin in Japan. Sozusagen die Nummer eins im Feld."
"Wie lange schon?", fragte Bont stockend.
"Meine Güte, wie lange? Von Anfang an, Mister Bont. Sie haben mich quasi schon als Rebellin eingestellt."
"Aber... Sie haben all die Jahre alle meine Anweisungen ohne zu zögern ausgeführt, haben selbst die Protokolle der Säuberungen und Folterungen... Ich meine..."
Die Miene der Frau verdüsterte sich. "Ja, das habe ich. Es war meine Pflicht, Ihnen vorzugaukeln, dass ich Ihr loyales Heimchen bin. Ich habe in all den Jahren nicht eine einzige Information aus Ihrem Büro weiter gegeben, damit ich nicht enttarnt werden kann. Aber ich habe alles vorbereitet, um am Tag X Ihr Büro und die Möglichkeiten der Residenz zu übernehmen und den Aufstand der Streitkräfte von hier aus zu koordinieren."
"Den Aufstand der Streitkräfte? Aber..."
"Himmel, Mister Bont, Sie haben uns acht Jahre Zeit gegeben, um uns vorzubereiten! Acht Jahre, in denen wir unsere Netzwerke aufgebaut haben, Kontakte schufen, Vorbereitungen trafen. Eikichi Otomo und seine Firma haben das Gros geleistet, zumindest als sie noch als loyale Vertreter des Systems galten. Als er offen desertierte, waren die Vorbereitungen längst abgeschlossen. Wir haben nur noch auf den richtigen Tag gewartet. Wären die Elwenfelt nicht früher als erwartet gekommen, hätten wir alle unsere Vorbereitungen abschließen können, und die vier Briareos da draußen hätten es nie bis zur Residenz geschafft, geschweige denn dass sie hätten aufsteigen können. Aber Sie müssen zugeben, die Z-Gun ist ein unglaublich vielseitiges Gimmick, das den Blutzoll auf beiden Seiten erheblich reduzieren wird. Ursprünglich hätten wir die Menschen da draußen, die jetzt zu Ihnen hinein wollen, mit regulären Waffen ausgerüstet."
"Ja, das wäre erheblich blutiger geworden. Einen Wehrlosen kann man leichter abschlachten, mit weit weniger Blut", ätzte der Generalgouverneur.
"Hm? Oh, haben Sie keine Sorge. Wir haben nicht vor, die Kronosier und ihre loyalen Soldaten abzuschlachten. Natürlich wird es hier und da Übergriffe geben, aber unsere Leute sind da draußen, um das Kommando zu übernehmen und den Volkszorn zu dirigieren." Sie sah auf den 3D-Monitor auf ihrem Schreibtisch. "Interessant. Haneda ist gerade gefallen."
"Der Haneda-Flughafen?"
"Nein, die Anlage unter dem Flughafen. Das Haneda-Geheimgefängnis. Der Ort, an dem Gordon Scott seine KI-Biester erschafft. Wir konnten knapp achtzig Menschen befreien, neun davon waren bereits in Biester verwandelt worden. Ich sagte schon, diese kleinen, feinen Waffen sind sehr hilfreich."
"Was erwarten Sie von mir, Honoka?"
Sie sah auf. Direkt in seine Augen. "Japan erwarte ich, Herr Generalgouverneur."
"Japan?"
"Oh. Es ist den Hekatoncheiren gelungen, die Drachen-Division bis zum kaiserlichen Palast zu eskortieren. Er wird bald in unserer Hand sein, und der Kaiser befreit werden. Ein großer Tag für Japan, finden Sie nicht? Oder vielmehr eine große Nacht. Der Höhepunkt ist die Übergabe der Regierungsgewalt an Colonel Megumi Uno, den Sie vornehmen werden, Mister Bont."
"So? Werde ich das? Warum nehmen Sie sich nicht einfach, was Sie haben wollen?", fragte der Kronosier.
"Hm. Weil auch Sie acht Jahre Zeit hatten. Acht Jahre, in denen Sie Strukturen geschaffen haben, Verbindungen, Vernetzungen, Erziehungen und dergleichen. Sie hatten eine solide Basis als Unterstützer, vor allem aus dem befreiten Korea, die jetzt das Rückgrat der Verwaltung bilden. Ich halte es für eine ganz dumme Idee, die Revolution auf ihren Rücken auszutragen, und Eikichi stimmt mir dem zu. Wir brauchen keine Guillotine, wir brauchen eine gemeinsame Zukunft."
"Ich frage noch einmal: Warum nehmen Sie sich nicht einfach, was Sie haben wollen?"
"Es würde zuviel zerstören. Wir haben in den letzten acht Jahren den Status Japans entscheidend verändert. Vom eroberten und gedemütigten Land, besetzt von Psychos uns menschlichen Wracks wurden wir wieder zu einer Gesellschaft, die beinahe schon die Pressefreiheit erreicht hatte. Das erste Jahr war schlimm. Ich aus erster Hand weiß..." Sie stockte. "Aber es wurde besser, und wir wuchsen zusammen. Das wollen wir nicht aufgeben. Im Gegenteil, wir wollen so viele positive Aspekte dieser Zeit behalten. Und das gelingt uns nicht, wenn wir die Schlüsselfigurender kronosischen Herrschaft umbringen. Und glauben Sie mir, es fällt mir schwer genug." Sie legte die Waffe beiseite, stützte sich auf dem Schreibtisch ab und sah ihn ernst an. "Was sagt Ihnen der Name Akane Kurosawa?"
"Rebellin, Aura-Beherrscherin, eine sogenannte Fairy der Akuma-Gumi. Sie haben sie aus dem gleichen Gefängnis befreit, in dem der Cousin Akira Otomos interniert war, Makoto Ino."
"Richtig. Und in diesem Gefängnis wurde sie psychisch terrorisiert, physisch gefoltert und im Allgemeinen ausgehungert und misshandelt. Wahrscheinlich auch vergewaltigt, obwohl dazu keine Aussage von ihr vorliegt, geschweige denn das übliche Videomaterial aus dem Folterknast. Sie hat das Schlimmste erlebt, was Ihr Kronosier Japan angetan habt. Das Allerschlimmste."
"Ich denke, sie hatte ihre Rache. Als Fairy hat sie geholfen, Dutzende, hunderte unserer Leute zu töten", erwiderte Bont mit festem Blick.
Honoka lachte auf. "Wussten Sie, dass mein Nachname gar nicht Hazegawa ist? Mein richtiger Familienname ist Kurosawa. Honoka Kurosawa. Es hat uns einige Mühen gekostet, meine wahre Identität zu verschleiern, aber mit Eikichis Hilfe und dem Supercomputer der Akuma-Gumi ist es uns gelungen."
"Kurosawa? Sie sind..."
"Ja. Ich bin ihre Mutter. Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es mir gefallen ist, fast jeden Tag hierher zu kommen, und kein Blutbad unter Ihren Leuten anzurichten für das, was sie meiner Tochter angetan haben." Sie ballte die Hände zu Fäusten und zerknüllte dabei Papier, das auf dem Schreibtisch lag. "Aber ich habe gelernt zu differenzieren, nachdem ihre Foltermeister getötet worden waren. Ich habe gelernt, das nicht jeder Kronosier, nicht jeder seiner Helfer, automatisch ein menschliches Schwein ist. Die ersten Säuberungen Ihrer Reihen von diesen Psychopathen waren für mich eine unglaubliche Erleichterung, eine Befriedigung sondergleichen. Eine Handlung, bei der Sie übrigens die volle Unterstützung Eikichis und des Freien Japanischen Geheimdiensts hatten."
Das erklärte wahrscheinlich die erstaunlich gute Faktenlage und das überreichlich vorhandene Beweismaterial, das ihnen damals zur Verfügung gestanden hatte, als sie in der Führung und im Legat befürchtet hatten, diese speziellen Kronosier würden mit ihrem asozialen Verhalten Japan in einen blutigen Aufstand stürzen. "Und was nun?"
"Ich habe gelernt, mit meinem Hass zu leben. Und falls es Sie beruhigt, Mister Bont, Sie persönlich hasse ich überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich bedaure Sie für das, was Sie manchmal haben tun müssen, wenn Coryn Odin es befohlen hatte. Ich mache Sie nicht verantwortlich für das Schicksal meiner Tochter. Beileibe nicht. Nein, das ist falsch formuliert. Natürlich sind Sie verantwortlich. Aber Sie tragen keine Schuld. Ja, das ist besser."
"Danke. Was soll ich jetzt Ihrer Meinung nach tun?"
Honoka Kurosawa sah ihn ernst an. "Ihre acht Minuten sind um, Mister Bont. Deshalb werde ich es Ihnen klipp und klar sagen: Retten Sie Leben. Die Ihrer Getreuen, und die unserer Leute. Wissen Sie, wir haben Militär, Polizei und Geheimdienst so weit unterwandert, wie es uns nur möglich war. Das konnte nur gelingen, indem wir unsere berühmte japanische Stoigkeit bis zum Kotzen ausgereizt haben. Wie die vierzig Ronin haben wir uns selbst verleugnet, um dann, am Tag X, wieder zu sein, was wir versucht haben zu verbergen, und zu tun, was wir die ganze Zeit hatten tun wollen. Im Moment herrscht in allen drei Institutionen helle Aufruhr. Man sortiert sich, sucht Leute mit gemeinsamen Interessen, überprüft die eigenen Möglichkeiten. Und dann wird es zu einem Kampf kommen, der von ihnen ausgeführt wird. Die einen um zu retten, was noch zu retten ist, die anderen, um ihren wohlverdienten Sieg zu erringen. Dabei werden viele sterben, und etliche Zivilisten werden getötet werden. Von den vielen Schäden, die angerichtet werden, einmal ganz abgesehen. Das können wir verhindern. Sie können es verhindern. Bedenken Sie, die kronosische Sache ist ohnehin tot, seit Ihre Herren, die Elwenfelt, ins System gesprungen sind."
"Und? Wie rette ich all die Leben? Soll ich mich symbolhaft selbst umbringen? Seppuki, wie Ihr Japaner das nennt?"
"Seppuku, niht Seppuki. Im Gegenteil, Mister Bont. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie leben. Sie und Ihre Leute. Wir können die Verwaltung nicht von heute auf morgen austauschen und haben das auch gar nicht vor. Und wir können nicht so grausam sein wie die Kronosier des ersten Jahrs der Besetzung, und jeden töten, der sich uns nicht unterwirft. Treten Sie zurück, Mister Bont, beenden Sie jeden Ansatz von Kämpfen, bevor sie überhand nehmen können. Rufen Sie alle Truppen in die Kasernen zurück, und übergeben Sie Japan."
"Das ist also Ihr Plan. Die kampflose Übergabe." Resignierend starrte er auf die Glock auf dem Schreibtisch.
Honoka Kurosawa strahlte. "Ja. Ist ein guter Plan, nicht? Also, was werden Sie jetzt tun, Herr Generalgouverneur?"
"Ich schätze, es wird Zeit, wieder einmal zu kämpfen, Honoka."


5.
Die ersten fünf Minuten hatten Scott und ich uns belauert. Es war ein offenes Geheimnis, das ich kein Fechter war. Und das bisschen Training, das mit Doitsu verpasst hatte, machte mich nicht gerade zum Meisterschwertkämpfer. Aber ich verstand, dass ich mit dem Katana eine Hiebwaffe hatte, und Scott seinen Degen als Stichwaffe einsetzen konnte. Die Stichwaffe galt der Hiebwaffe als überlegen, weil sie leichter war und viel pointierter geführt werden konnte. Weniger Kraft, weniger Aufwand, weniger Bewegungen, ich sah relativ klar, wo der entscheidende Unterschied war.  Deshalb hatte ich es nicht gewagt, den ersten Angriff zu führen.
Das Ironische daran war, dass unser gegenseitiges Belauern vom Publikum nicht als langweilig empfunden worden war. Im Gegenteil, die fünfhunderttausend Zuschauer verfolgten jedes Zucken, jeden Atemzug, jeden Windhauch, der durch unsere Haare ging, als wären sie Kampfsequenzen im Finale der Sumo-Runde. In Amerika wären wir wahrscheinlich schon ausgebuht worden, und man hätte uns eventuell Feiglinge genannt. Hier in Japan jedoch interpretierte man unser Abwarten als Grad unserer Meisterschaft, als Beweis unseres Können. Ich erinnerte mich flüchtig an den Kamp zweier Kendo-Meister, die sich nur gegenüber gestanden hatten, die Spitzen ihrer Shinais aufeinandergedrückt. Keiner hatte auch nur den Bruchteil einer Eröffnung angeboten, und der Schiedsrichter hatte den Kampf schließlich als Unentschieden gewertet.
Als wir dann doch, ironischerweise gleichzeitig, zum Angriff übergingen, jubelte die Menschenmenge. Ich versuchte ihn anzugehen, seinen Säbel zu treffen. Scott zog ihn zurück, wohlweislich, denn ein Treffer hätte seine Waffe beschädigen können. Stattdessen ging er mit seiner Klinge Heft an Heft, und wir drückten beinahe die Griffe gegeneinander, während wir verbissen miteinander rangen.
Wieder zugleich sprangen wir nach hinten fort, um Raum zu haben für den nächsten Angriff. Dachte ich zumindest, aber von Scott war es nur eine Finte gewesen, die sofort in eine Angriffsbewegung überging. Bevor ich zwinkern konnte, sauste seine Waffe auf mich zu. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit, mein Katana hochzubringen, schaffte nur das Minimum an Ausweichen. Als Ergebnis fuhr seine Klinge nicht in mein Herz, sondern nur in meinen linken Oberarm. Nach dem Treffer zog er sich blitzschnell auf eine sichere Distanz zurück und beobachtete mich.
Der Stich schmerzte, und ich fühlte, das der Arm nicht mehr so belastbar war wie noch Sekunden zuvor. Dennoch widerstand ich der Versuchung, mich mit meiner Aura zu heilen. Das war dumm, aber das wusste ich selbst am Besten. Stattdessen beschloss ich, den Nachteil zu meinem Vorteil zu nutzen. Ich ächzte leise, als ich die Linke vom Griff meines Katanas löste. Wie leblos hing der Arm herab.
"Ach, sieh einer an. Sieht Aoi Akuma eventuell gerade, wie dumm er gehandelt hat, als er sich auf einen Schwertkampf eingelassen hat?", fragte Scott. In seiner Stimme klang kein Spott, nur wütende Resignation.
"Egal", stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, "ich stehe zu meinen Fehlern. Immer."
Wut überzog sein Gesicht. Erneut zuckte sein Säbel vor, zielte wieder auf mein Herz. Er war schnell wie eine Natter, glaubte sich im Vorteil, und damit hatte ich ihn in der Falle. Flink trat ich vor, empfing seine Klinge, ließ sie unter meinem linken Arm durchgleiten. Der erwachte wieder zum Leben, fixierte die Klinge, so gut ich es vermochte. Zugleich riss ich mit Rechts mein Katana hoch, schlug von unten knapp unter dem Griff auf die Waffe. Die Wucht des Schlages und die Qualität meines Stahls waren so hervorragend, dass der leichtere Säbel abgeschlagen wurde. Im gleichen Atemzug, in dem ich seine Waffe zerschlagen hatte, riss ich den linken Arm hoch; die Säbelklinge fiel klappernd zu Boden. Für einen Sekundenbruchteil starrte Scott auf den zerschlagenen Säbel, dann sah er auf, und erkannte, das ich mit beiden Händen einen Schlag von oben, einen Karatake, ausführen würde. Als ich die Klinge, geführt von der Kraft beider meiner Arme, auf ihn herabsausen ließ, war da keine Angst in seinem Gesicht, nur eine gewisse Resignation und ein wenig ruhige Ergebenheit in sein Schicksal. Ich begann zu schreien. Meine Wut, meinen Schmerz, meine Entbehrungen und Kämpfe der letzten acht Jahre, all das summierte sich in diesem Augenblick, in diesem Schlag. Ich legte alle negativen Emotionen hinein.

Legat Gordon Scott blinzelte einen Moment, als er die Klinge meines Schwertes musterte, die nur ein paar Millimeter über seiner Stirn schwebte. Ihm musste klar sein, dass ich ihn getötet hätte, hätte ich die Waffe durchgezogen.
Langsam zog ich die Waffe zurück und steckte sie wieder in ihre Scheide.
Scott ließ den nun unnütz gewordenen Griff seines Kavalleriesäbels zu Boden fallen. "Du hättest mich töten können, Aoi Akuma."
"Natürlich hätte ich das", erwiderte ich ruhig, während ich meine Schwertwunde mit meiner Aura zu heilen begann. Oh, ich dankte Hina für diesen genialen Trick. "Aber warum hätte ich das tun sollen? Es hat schon seinen Grund, warum wir die Z-Gun erbaut und verteilt haben. Eine Waffe, mit der die Japaner sehr genau sagen können, welche Regierung und welche Truppen ihnen gefällt - aber ohne jemanden zu töten. Sollte ich dann damit anfangen? Wenn du darauf bestehst, können wir gerne noch einmal gegeneinander antreten, Gordon Scott."
"Ich denke, ich schiebe meinen Tod noch ein wenig auf. Es scheint in nächster Zeit interessant zu werden", erwiderte der Legat.
Ich nickte dem Polizisten zu, der mich fast von Anfang an unterstützt hatte. Er nahm Scott mit einem seiner Leute in die Mitte. Von weiteren Gefolgsleuten Scotts fehlte noch jede Spur. Andererseits lagen hunderte Bewusstlose rund um die Bühne verstreut. Wahrscheinlich würde mir das Geschehen hinterher, wenn es mir jemand erzählte, doch recht logisch vorkommen. Nun, wohl doch eher vielleicht.

"Akira", klang die Stimme meines Cousins über den Knopf in meinem Ohr auf. Er musste gerade über Kyoto sein, um weitere Z-Guns abzuwerfen.
"Ich höre, großer Bruder."
"Schau auf deine Leinwand", erwiderte er mit angespannter Stimme.
Ich sah hoch, auf die große Leinwand über der Bühne, die mich abbildete, zehnmal größer als ich war. Dann wechselte das Bild und zeigte Hilmer Bont. "Hiermit", begann der schlanke Holländer, der die Gift erhalten hatte, während er gefasst in die Kamera blickte, "trete ich mitsamt der Regierung des Generalgouvernats Japan von meinem Amt zurück. Ich fordere zugleich alle kronosischen Truppen auf, sämtliche Kampfhandlungen einzustellen und in ihre Kasernen zurückzukehren. Die Polizei übernimmt ab sofort als paramilitärische Einheit die komplette Kontrolle über Japan und wird Zuwiderhandlungen wie kriegerische Akte ahnden. Alle kronosischen Truppen, die nicht in den Defense Forces Japans aufgehen wollen, werden zu einem späteren Zeitpunkt mit Personal und Material repatriiert werden." Er räusperte sich, und so etwas wie ein Lächeln umspielte seine Lippen. "Bis freie Wahlen stattfinden können, übergebe ich sämtliche Regierungsgeschäfte Colonel Megumi Uno und ihrem Stab."
Der Rest seiner Worte ging erneut im Jubel der Menschen unter.
"Nett", kommentierte Scott über den Lärm hinweg. "Aber das ist nicht das Ende der Kämpfe. Etliche Einheiten, die nicht von Z-Guns kalt gestellt werden können, werden kämpfen, dass weißt du, Blue Lightning."
"Ja", erwiderte ich mit gefasster Stimme. "Aber es ist verdammt noch Mal ein Anfang. Und die Akuma-Gumi wird verdammt noch mal was draus machen!"
Ich wandte mich um, sah den Tokio Tower hinauf. "Primus!"
Knapp unter der Spitze des Towers geriet das Metall in Bewegung. Erschrockenes Raunen ging durch die Menge, als sich das Gewirr als Hawk-Mecha entpuppte. Die riesige Maschine sprang in die Tiefe und landete mit lohenden Flammendüsen vor mir auf der Bühne. "Bereit zum Einsatz, Sir", vermeldete die K.I. mit einem gewissen Ton an Frohsinn in der Stimme.
"Na, dann lass uns doch mal nachschauen, wer ausgerechnet heute Streit sucht", erwiderte ich und erklomm das Cockpit der Maschine, des ersten Hawks, der der Menschheit zur Verfügung gestanden hatte.
Sicher, es war noch nicht vorbei. Und jeder verdammte Soldat, der mit dieser Entwicklung nicht einverstanden war, würde Schreckliches anrichten können. Außerdem waren weder die Raumhäfen noch die Kampfschiffe, die auf ihnen stationiert waren, in unserer Hand. Aber es war ein viel versprechender Anfang. Es würde Kämpfe geben, viele, harte Kämpfe. Doch dank der Z-Gun würden sie zumindest nicht in den Städten stattfinden.
"Blue Devil bereit...", begann ich, doch ich stockte. "Nein. Blue Lightning bereit zum Start und auf der Suche nach Arbeit."
Ich startete mit Primus durch, und unter dem Jubel von fünfhunderttausend Menschen steuerte ich den Hawk in den Nachthimmel über Minato. Vom Tag, den wir zur Eroberung Japans veranschlagt hatten, waren schon zwei Stunden verbraucht. Wir würden die restliche Zeit zu nutzen wissen.
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