Der Normon-Konflikt

GeschichteAbenteuer / P12
15.04.2009
15.04.2009
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Prolog:
„... werde ich meine Frage selbst beantworten. Ja, es ist Zeit. Trennen wir uns von der Urheimat und beginnen wir, für uns selbst zu leben.
Wir wollen nicht alle Brücken in die Vergangenheit abbrechen, oh nein, aber wir wollen auch nicht länger unter den ewigen Kriegen leiden, die Terra geradezu magisch anzuziehen scheint.
Gestern waren es die Meister der Insel, heute ist es die Zeitpolizei. Wer weiß, wer morgen Terra attackiert? Und wer weiß, ob wir wieder so glimpflich davonkommen wie in diesem Jahrhundert?
Ihnen, den Volksvertretern des Planeten Nosmo ist es in die Hände gelegt, die Weichen für eine neue, glückliche Zukunft zu stellen. Stimmen Sie dafür, daß sich unsere Welt von der Urheimat lossagt. Trennen wir uns von diesem ewigen Magneten für Krieg und Aufruhr, beginnen wir unser eigenes Leben, unter eigener Verantwortung, als Nachfahren der Terraner und als freie Nosmoter.
Rufen Sie die Republik Nosmo aus, und uns erwartet eine goldene Zukunft!“

(Ausschnitt aus einer Rede des Vorsitzenden des Ältestenrates Maraut Laney vor der 1. Freien Vollversammlung des Planeten Nosmo, kurz vor der Sezession der Kolonie aus dem Verbund des Solaren Imperiums.)

1.
Als Anica Sobric, Ortungschefin des Schlachtkreuzers MICHAEL FREYT die Zentrale betrat, schien der Tag gut zu beginnen. Die Meldungen über Dolans, die terranische Kolonien angriffen, waren stark zurückgegangen und dem Schiff und seiner Crew schienen ein paar erholsame Tage bevorzustehen, angefüllt von monotonen, widerwärtigen, herrlichen Routinedienst.
Die Zentrale der MICHAEL FREYT war nach den neuesten Erkenntnissen der Wabentechnik gebaut worden. Die Hauptzentrale, in dessen Mitte der Kommandant in seinem erhöhten Sitz thronte, von wo aus er seinen Piloten und den Internkommunikationstechnikern auf die Finger sehen konnte, wurde im Notfall binnen eines Augenblicks vom Rest des Schiffes mit einem zwei Meter starken Schott abgeschnitten. Auch die Hauptfunkzentrale, die Waffenkontrolle und die Ortungszentrale, die direkt an die eigentliche Zentrale angrenzten, konnten in autarke Waben verwandelt werden.
Anica postierte sich hinter dem Oberstleutnant im Kommandantensitz und wartete geduldig, bis der Zweite Offizier Daniel Raderer die kleine interne Besprechung mit dem Skipper beendet hatte und in seine Funkzentrale zurückkehrte.
„Guten Morgen, Sir. Nachrichten aus der Heimat?“
Isaac Sander, Kommandant des Schachtkreuzers der STARDUST-Klasse, nickte leicht. Das sah bei dem hageren Blondschopf etwas komisch aus. Die Haarflut des Skippers wippte dabei regelrecht mit, als hätte sie ein Eigenleben. Die Haare waren gerade so lang wie die Vorschrift es erlaubte, und nicht einen Millimeter kürzer.
„Die Blues verhalten sich ruhig, Captain Sobric. Es scheint, daß sie erst mal abwarten wollen, wie hoch unsere Verluste in den beiden Magellanschen Wolken sein werden, bevor sie einen Angriff auf uns wagen.“
Sander sah auf. Dabei fixierte er Anica Sobric mit seinen stahlgrauen Augen, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich. In der Zentrale gingen sie alle sehr locker miteinander um, selbst der Oberstleutnant akzeptierte sie als gleichwertigen Offizier, obwohl die Regeln für weibliche Offiziere in Kommandopositionen auf Raumschiffen erst kurz nach dem MDI-Krieg von der Flotte aufgeweicht worden waren.
Dennoch hatte sie eine instinktive Scheu vor Sander. Es war, als wolle er... Sex? Nein, das war es nicht. Dieser Blick, alle seine Blicke gingen viel tiefer. Es war, als prüfe er sie mit jedem dieser Blicke bis tief in ihre Seele.
Nicht, daß er ihr mehr abverlangt hätte als seinen anderen Offizieren. Aber er schien jede ihrer Entscheidungen auf die extra genaue Howalgoniumwaage zu legen und einen Kommentar in ein geheimes Notizbuch einzutragen, das er ihr um die Ohren pfeffern würde, wenn die nächste Beförderung anstand.
„Alles in Ordnung mit Ihnen, Captain?“
„Was? Oh, ja, Sir. Ich habe mich nur gefragt, warum Sie mich immer so... ansehen, Sir.“
Sander erhob sich ächzend aus seinem Sitz. Dabei seufzte er Mitleid erregend. Es kam einem fast so vor, als wäre der Oberstleutnant bereits weit über achtzig anstatt knapp unter der vierzig. Müde rieb sich Sander die Schläfen. „So, warum ich Sie immer so ansehe, wollen Sie wissen. Interessant.“
`Jetzt kommt es´, dachte Anika erschrocken. `Jetzt frisst er dich, kaut dich durch und spuckt dich wieder aus. Dumme Pute, was musstest du ihn auch fragen?´
Der Oberstleutnant beendete die Massage mit einem wohligen Seufzer. Er hatte seine Schicht zwar gerade erst begonnen, aber er  machte eigentlich immer den Eindruck, stets zu wenig Schlaf zu bekommen.
„Das ist schnell erklärt, Anica.“
`Jetzt ist es passiert! Er benutzt deinen Vornamen, verdammt. In einer Stunde stehst du in der großen Polschleuse, und er drückt auf den Auslöser für das Außenschott.´
„Wissen Sie, ich war nicht glücklich damit, daß mein neuer Cheforter eine Frau ist. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Frauen. Weibliche Besatzungsmitglieder an Bord von Kriegsschiffen gibt es schon seit der Dritten Macht. Allein in meiner Zentrale arbeiten neun Frauen, beim Funk und in der Ortung. In der Technik ist jeder zweite Mann eine Frau. Äh, Sie verstehen schon, wie ich das meine. Und mein Smutje ist schon seit Jahren eine Frau.“
`Er hasst dich´, dachte Anica verzweifelt. `Sander hat nichts gegen Frauen, nur gegen dich, verdammt!´
„Aber Sie, Captain, sind ein anderer Fall. Sie arbeiten in meiner Führungscrew. Terrania hat Sie mir aufs Auge gedrückt, und glauben Sie mir, ich hasse es, wenn das Flottenkommando mir so etwas antut. Ich suche mir meine Leute gerne selber aus. Ich weiß, es ist Krieg, die Flotte hat schwerste Verluste, die Robotschiffe des Riesenraumers OLD MAN mussten bemannt werden. Es gibt eben nicht genügend qualifiziertes Personal mit genügend Raumerfahrung für alle Schiffe. Deshalb werden die Schiffe der Heimatflotte stark unterbesetzt, wie Sie wissen. Die Navigationscrews reichen gerade mal aus, dass Terras Schiffe, die im Sol-System stationiert sind, nach Wega und zurückfinden. Unqualifiziertes Personal bevölkert die Schiffe, allein getrieben vom Wunsch, nützlich zu sein.
Das ist nichts Schlechtes. Wir hatten eben einfach nicht die Zeit, uns auf dieses Debakel mit der Zeitpolizei vorzubereiten. Und die Menschen bemühen sich wirklich. Leider bevölkern auch die Schiffe der Außenflotte immer mehr unqualifiziertes oder – wie ich in Ihrem Fall dachte, Anica – nicht nach Qualifikation zugeteiltes Personal.
Ich habe nach besten Möglichkeiten versucht, gutes Personal für die FREYT zu bekommen. Und dann kamen Sie, knallten mir Ihren Marschbefehl auf den Tisch und sagten, Sie würden ab sofort meine Ortung leiten.
Sie wissen, dass die Ortung die Seele dieses Schiffes ist. Wir sind hier draußen allein. Hier gibt es keine Abwehrforts, die unser Feuer einweisen, die unsere Gegner für uns aufspüren. Wenn wir gegen Dolans kämpfen, können wir uns nur auf eines verlassen! Auf dieses Schiff und diese Crew. Sie sind ein Ortungsfachmann von einer Fortplattform. Wie konnte ich wissen, wie Sie sich an Bord eines Raumschiffes machen? Für mich war es ein unkalkulierbares Risiko, und glauben Sie, ich habe mich hundertmal beschwert.
Aber, Teufel, Sie haben sich bewährt. Sie sind ein verdammt guter Orter, und ich will zu Fuß nach Andromeda gehen, wenn Sie Ihr Offizierspatent und Ihren Posten in meiner Zentrale nicht verdient hätten.“
Anica Sobric wurde es abwechselnd heiß und kalt. Alles hatte sie erwartet, nur nicht, von diesem alten Eisenbeißer gelobt zu werden.
Sander grinste sie an. „Wenn ich jetzt noch zu Ihnen rüber sehe, dann nur noch aus Gewohnheit. Ich will doch wissen, was mein bester Orter so alles anstellt.“
Anica spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Sie würde doch jetzt nicht anfangen, vor ihrem Kommandanten zu heulen? Na toll, das war ja wunderbar. Gerade hat er sie gelobt, und schon benahm sie sich wie die Frau aus dem Klischee. „Danke, Sir“, brachte sie mit mühsam kontrollierter Stimme hervor.
„Oh, schon gut. Das hatte ich schon lange sagen wollen. Jetzt aber an die Arbeit.“
Anica wandte sich mit einer zackigen Hundertachtziger-Drehung über den linken Hacken um und verließ die Hauptzentrale in Richtung ihres Hoheitsbereiches, die Ortungszentrale.

Langsam ging es wieder. Der Druck in ihrer Kehle ließ immer mehr nach. Als sie durch das große Panzerschott eintrat, hatte sie sich wieder vollkommen im Griff.
„Meldung!“
Sergeant O´Donnelly, einer ihrer Orter sah nicht einmal von seinem Posten auf, als er schnarrte: „Aktiv-Ortung meldet zwei Frachter der Springer bei Tonarel – EX 599, etwa dreihundert Lichtjahre entfernt. Passiv-Ortung meldet keinen Kontakt, Ma´am. Wir befinden uns noch immer am Rand der Oortschen Wolke des Sonnensystems Yalgira – EX 599, keine besonderen Vorkommnisse.“
Captain Anica Sobric nahm Platz. Sie aktivierte ihren Arbeitsplatz und rief das Protokoll der letzten Schicht auf. Nicht, dass sie ihrem besten Ortungsfachmann nicht traute, aber es war Vorschrift bei jedem Schichtwechsel. Und Anica hielt sich sehr eng an die Vorschriften.
„Ich übernehme den Superviserposten.“
„Verstanden, Captain. Ich lege jetzt den Ortungszugriff auf Ihr Pult.“
„Bestätigt. Gehen Sie schlafen, O´Donnelly. Und träumen Sie was Schönes.“
Der große Terraner grinste seine Vorgesetzte frech an, als er sich aus seinem Kontursessel erhob.
Er streckte sich, was bei dem breiten Kreuz des Spezialisten wirkte, als würde man ein Gebirge bewegen.
„War das ein Versuch der sexuellen Belästigung, Captain?“
Anica zog einen Schmollmund. „Entweder das, oder Sie interpretieren zuviel hinein. Ich tippe auf Wunschdenken.“
„Das war aber gemein. Wie soll ich denn jetzt ruhig schlafen, wenn mich diese Frage beschäftigt?“
Anica kicherte leise. Sean O´Donnelly war ihr ältester und bester Freund an Bord. Im Gegensatz zu den anderen hatte sich der Sergeant nicht von der Übervorsichtigkeit des Kommandanten anstecken lassen. Irgendwie hatte zwischen ihnen sofort die Chemie gestimmt.
„Das ist Ihr Problem, Sergeant.“
Sean kam zu ihr herüber. Dabei zog er das linke Bein nach. Trotz der fortgeschrittenen Technik im fünfundzwanzigsten Jahrhundert war die Medizin nicht in der Lage, alle Wunden zu heilen. Dazu gehörte auch die Muskelschwäche im Bein des Sergeants, hervorgerufen durch einen damals unbekannten Virus.
Deshalb hatte Sean vor Jahren schon die Landungstruppen verlassen müssen und war auf diesem Posten als Ortungsfachmann gelandet.
Anica war dankbar dafür. So einen guten Mann bekam sie nirgends wieder.
„Ich werde versuchen zu schlafen. Obwohl es mir schwerfällt.“
Als Sean an Anica vorbeiging, fuhr er mit der Rechten durch ihre Frisur und brachte sie nachhaltig durcheinander.
„Hey!“, beschwerte sie sich.
Der Sergeant ging grinsend weiter.
„Na warte. Das zahle ich dir heim“, knurrte sie böse, während sie versuchte, wieder eine Linie in ihr braunes Haar zu bekommen. Wie gesagt, Sean O´Donnelly war ihr bester Freund an Bord. Sie konnte ihm eben nie böse sein.

Unvermittelt flammte der kleine Monitor in ihrer Arbeitskonsole auf. Sanders Gesicht erschien.
„Sir?“
„Captain, die FREYT verlässt den Orbit um das Yanzir-System in zehn Minuten. Danach machen wir eine Linearraumetappe, die uns direkt nach Normon bringt. Der Flug wird vier Stunden dauern. Ich will, dass Sie Ihre Alpha-Mannschaft in die Kojen schicken, damit sie bei unserer Ankunft ausgeruht ist. Ich erwarte Ärger.“
Anica straffte sich. „Ja, Sir. Dolans?“
Sander sah sie ernst an. „Nein, Captain. Wir werden gegen Terraner antreten.“
Die junge Frau erstarrte. Tonlos erwiderte sie: „Alpha-Crew in die Betten und in vier Stunden auf die Posten rufen. Vorbereitung auf Kampfeinsatz, verstanden, Sir.“
Sander nickte ihr aufmunternd zu, danach erlosch der kleine Schirm wieder.
Es war also wahr. Die ersten Kolonien begannen sich von Terra loszusagen. Würden sie wirklich auf Menschen schießen müssen? Die gleichen, die sie eben noch beschützt hatten?
*
Kurz darauf sah Major Kerran Laghat von einer Besprechung mit den Korvettenkapitänen  der MF-K-04, Leutnant Abtacha und der MF-K-08, Leutnant Oboto auf, als sich der Kommandant des Schlachtschiffs bei ihm meldete.
„Um es kurz zu machen, Kerran, wir fliegen in den Krieg. Die Kolonie Normon hat sich von Terra losgesagt, und wir haben jetzt die Pflicht, ihre Ärsche zurück ins Imperium zu treten. Ich rechne nicht mit ernsthaftem Widerstand. Die Raumflotte der Kolonie dürfte über ein paar bewaffnete Frachter und alte ausrangierte Kreuzer der Solaren Flotte nicht hinausgehen. Das Hauptquartier wird uns noch mit Informationen versorgen. Halten Sie trotzdem die Beibootflotte in Bereitschaft. Ich will kein Risiko eingehen.“
Laghat nickte verstehend. „Ich werde meine Beiboote in Bereitschaft halten. Wünschen Sie, dass wir die Korvetten und Space Jets für Bodenkämpfe ausrüsten?“
„Nein, Major Laghat. Wir werden die Kolonie auf Nosmo nicht direkt attackieren. Ich denke, es wird reichen, wenn wir unsere Stärke demonstrieren.“
„Mit Verlaub, Sir, das ist Wunschdenken. Selbst wenn wir ihre Raumflotte zerstören, woran kein Zweifel besteht, verfügt Nosmo als terranische Kolonie sicher über Abwehrforts. Es würde die Verteidiger zusätzlich demoralisieren, wenn wir diese gezielt ausradieren.“
Sander zeigte nicht, was er von den Plänen seines Beibootkoordinators hielt. Er hob nicht einmal die Stimme. „Keine zivilen Opfer, keinen Bodenangriff. Wiederholen Sie!“
„Alle Beiboote für Raumkampf im Normon-System bereithalten.“
Sander knurrte zufrieden. „Ich erwarte wie immer exzellente Arbeit von Ihnen, Kerran.“
Der kleine Arbeitsmonitor erlosch. Major Laghat starrte noch eine Zeitlang auf den leeren Monitor.
„Arroganter Heimatterraner. So gewinnt man keinen Krieg. Bei mir Zuhause auf Rudyn wären wir anders vorgegangen.“
Die Korvettenkapitäne nickten nur.

2.
Alle lokalen und regionalen TriVidsender von Nosmo übertrugen nur eines: Unabhängigkeit pur. Bilder von der Ersten Freien Versammlung, Interviews mit euphorischen Bürgern, feiernde Menschen auf den Straßen, den planetaren Aktienkurs, der durch die erfolgreiche Sezession in den Himmel über Nosmo City schoss und immer wieder Hochmotivierte junge Menschen, die sich freiwillig zur Armee meldeten, um die Neugewonnene Unabhängigkeit zu verteidigen.
„Kanal vier“, befahl Morgan Bassa leise. Nosmo Network berichtete permanent von der Ersten Versammlung. Die Abgeordneten hatten sich in einen wahren Rausch gesteigert und beschlossen am laufenden Band neue Gesetze und Verordnungen. Es ging um die Neuzubildenden Verteidigungsstreitkräfte, ihre Kasernierung, ihre Anzahl im Frieden und im Verteidigungsfall.
Gemrat Zunico, der neu gewählte Präsident der Neugegründeten Republik Nosmo sprach.
„Für die Raumverteidigung bieten wir die beiden Schweren Kreuzer der TERRA-Klasse ERIC MANOLI und ALBRECHT KLEIN auf. Die Kriegsschiffe sind voll bemannt und einsatzbereit.
Des Weiteren stehen uns fünf hochgerüstete Frachter der SOLAR-Klasse zur Verfügung: Die GODOT, die NEW EDEN, die PARIS, die ACHILLES und die KIRGISISTAN.
Die Frachter haben zwar mit fünfhundert Meter Durchmesser gut dreihundert Meter Durchmesser mehr als die Schweren Kreuzer der TERRA-Serie, aber sie sind diesen waffentechnisch fünf zu eins Komma null acht unterlegen. Alles in allem ist es eine erbärmliche Flotte, die wir da mit unserem Schutz beauftragen.
Deshalb beantrage ich den Schiffsneubau als Chefsache dieser Regierung zu bestimmen.“ Die Abgeordneten jubelten.
„Doch bis diese Schiffe fertig sind, bis wir uns effektiv schützen können, muß diese kleine Schar reichen, die mit unseren tapfersten und Qualifiziertesten Töchtern und Söhnen bemannt sind. Unter einem guten Kommandeur, unter einem sehr guten Kommandeur werden selbst diese schwachen Schiffe, wird selbst dieser kleine Verband zu einer tödlichen Waffe, mit der wir sogar einem Dolan einheizen können!“
Präsident Zunico wurde erneut von lautem Jubel unterbrochen. Erst nachdem der Alterspräsident mehrfach um Ruhe gebeten hatte, wurde es wieder etwas leiser.
„Auf diesem Planeten gibt es nur einen Mann, der dieser Aufgabe gerecht werden kann. Ein erfahrener Veteran der Solaren Flotte, der auf unserer schönen Heimatwelt ein neues Zuhause gefunden hat. Ein Mann, der ebenso wie wir nicht zögern würde, die Freiheit und das Leben unserer Mitbürger mit dem Leben zu verteidigen.
In meiner Eigenschaft als Staatsoberhaupt benenne ich hiermit Morgan Bassa zum Obersten Kommandeur unserer Verteidigungsstreitkräfte. Er wird im Range eines Konteradmirals eingesetzt. Zu seinem Flaggschiff erkläre ich die ALBRECHT KLEIN.“

Der Türsummer seines kleinen Appartements riss Morgan zurück in die Wirklichkeit. „Öffnen“, befahl er der automatischen Tür.
„Sir, Sir, es ist soweit. Man erwartet Sie im Parlament!“, rief Leutnant Ward aufgeregt. Die junge Frau kämpfte mit ihren nervös zuckenden Händen und grinste den alten Mann mit glänzenden Augen an. Ihre Wangen glühten vor Aufregung und Patriotismus.
Sie trug bereits die neue Uniform, die von der Systemverteidigung Normon getragen werden sollte. Eine knallrote zweiteilige Uniform mit Schirmmütze. An der Hüfte baumelte in einem Holster ein Impulsstrahler.
„Nun mal langsam mit den jungen Pferden, Danii. Wir kommen noch früh genug, um Geschichte zu machen.“
„Äh, Pferde, Sir?“, fragte die junge Frau verwirrt. Morgan schmunzelte, während er die letzten Magnetknöpfe seiner Uniform schloss. „Tiere von der Erde, Danii.“
„Oh, Pferde“, meinte sie und nickte verstehend. Sie reichte dem älteren Mann seine Schirmmütze, die bis auf den schwarzen Schirm ebenfalls in rot gehalten war. Auf ihr prangte ein Logo, das aus einer stilisierten Sonne und ihren acht Planeten bestand. Morgans neues Zuhause, das Normon-System.
„Verzeihung, darf ich mal, Sir...“ Mit geübten Kennerblick richtete Leutnant Ward die Uniformjacke her, zog die Aufschläge gerade und wischte imaginären Staub von der Uniform.
Als Morgan seinen Impulsstrahler angelegt hatte, lächelte sie triumphierend. „Jetzt können Sie sich sehen lassen, Sir.“
Morgan besah sich im Spiegel. Bis auf die Farbe hätte es seine alte Uniform der Solaren Flotte sein können. Sogar die zwei Kometen auf der Schulter waren mit der auf seiner alten Uniform identisch.
„Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Sir?“
„Ja, Danii?“
„Sir, wenn es Ärger mit Terra gibt, werden Sie dann...“ Morgan seufzte leise. „Die Urheimat hat zur Zeit so viele Schwierigkeiten zu überwinden, dass wir mit etwas Glück übersehen werden.“
„Und... wenn wir nicht übersehen werden?“
„Dann werden Sie auf Ihre Frage eine Antwort bekommen, Danii.“
Die junge Frau nickte verwirrt. „Ja, Sir.“
Wieder seufzte Morgan. Eigentlich war er zu alt für diesen Mist.

3.
Die FREYT verließ den Linearraum außerhalb des Normon-Systems. Sander ließ das System eine halbe Stunde mit der passiven Überlichtortung durchleuchten. Erst als er sich sicher war, dass die Reaktionäre ihnen keine Falle gestellt hatten, ja daß sie nicht einmal davon wussten, daß Terra ein Schlachtschiff ausgesandt hatte, befahl er eine Linearetappe bis auf die Höhe des sechsten Planeten.
„Funkraum, ich will eine Verbindung zur terranischen Administration auf Nosmo.“
Ein paar Sekunden später wechselte der große Panoramaschirm der Zentrale von einer schematischen Darstellung des Systems auf das Logo des Solaren Imperiums.
„Die Verbindung zur Administration steht, Sir.“
Sander knurrte zufrieden. Er entriegelte den Helm seines leichten Raumanzuges und klappte das semitransparente Material nach hinten auf den Rücken, wo er einen schmalen Streifen bildete.
„Auf den Hauptschirm.“
Das Logo erlosch. An seine Stelle trat das Gesicht eines Mannes, den Sander nicht kannte. Laut den Dossiers, die ihnen vom Flottenhauptquartier zur Verfügung gestellt worden waren, konnte Sanders Gegenüber niemals der Administrator des Imperiums auf Nosmo sein – außer, er hatte auf die Schnelle zweihundert Pfund abgenommen.
„Ich bin Oberstleutnant Isaac Sander, Kommandant der MICHAEL FREYT, STARDUST-Klasse, Neunte Außenflotte, Patrouillengeschwader. Sie sind nicht der terranische Administrator. Wer also sind Sie?“
Der Unbekannte nickte freundlich. „Ich bin Gemrat Zunico, Oberhaupt der Neugegründeten Republik Nosmo. Der Administrator war so freundlich, die Büros der Administration meiner Regierung zur Verfügung zu stellen. Er braucht sie ja jetzt nicht mehr.“
„Der Administrator lebt noch?“, erkundigte sich Sander vorsichtig.
Zunico strahlte ihn gewinnend an und entblößte dabei eine Doppelreihe schneeweißer Zähne. „Aber natürlich. Administrator Vermont Jannsen ist Gast unserer Regierung, bis wir ihm die Heimreise nach Terra ermöglichen können. Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches, Herr Oberstleutnant?“
„Ihre kleine Rebellion...“ – „Staatengründung!“ „...ist illegal und widerspricht der Verfassung des Solaren Imperiums. Die MICHAEL FREYT ist ermächtigt, zur Wiederherstellung der Ordnung auf Nosmo eine Polizeiaktion durchzuführen. Ich stelle Ihnen ein Ultimatum von einer Stunde, den Administrator wieder einzusetzen und alle militärischen und paramilitärischen Einheiten unter Ihrem Kommando aus der Hauptstadt zurückzuziehen.“
„Nennen Sie es ruhig Polizeiaktion, ich nenne es einen Akt brutaler Gewalt. Gehorchen Sie ruhig den Befehlen Ihres allmächtigen Imperators Perry Rhodan und versuchen Sie, uns zurück ins Imperium zu zwingen. Wir werden dagegen halten. Uns stehen nur wenige Schiffe zur Verfügung, aber was uns an Ausrüstung fehlt, machen unsere Soldaten mit dem festen Willen wett, der Republik Nosmo die gerade Neugewonnene Souveränität zu bewahren.
Wir werden uns nicht ergeben! Wir werden frei sein von der Urheimat, von diesem ewigen Quell an Aufruhr, der Not und der Pein. Nosmo wird siegen, so oder so und wir...“
Sander schüttelte verzweifelt den Kopf. „Stellen Sie mich bitte zu jemandem durch, mit dem ich reden kann“, fuhr er dem Präsidenten ins Wort.
Zunico schien einen Moment überrascht. Er fing sich aber schnell und lächelte gewinnend. „Aber gewiss doch, Oberstleutnant Sander.“

Das Bild des Politikers erlosch. An seine Stelle trat ein Mann in einer roten Uniform, die stark an den üblichen Schnitt der Solaren Flotte angelehnt war. Zwei Kometen auf seiner Schulter wiesen ihn als Konteradmiral aus, wenn Nosmo nicht nur den Schnitt der Uniform übernommen hatte.
„Planetare Verteidigung, Konteradmiral Morgan Bassa. Guten Morgen, Herr Oberstleutnant.“
„Guten Morgen, Sir. Sie sind Flottenoffizier?“
„Solare Flotte, Vierte Außenflotte, im Ruhestand und für das Kommando über die Systemverteidigung Nosmo reaktiviert.“
„Gut, Sir. Dann kennen Sie sicherlich die Kampfstärke eines Schlachtschiffes der STARDUST-Klasse. Soweit ich weiß, verfügen Sie über zwei alte TERRA-Kreuzer und ein paar umgerüstete Frachter. Damit können Sie es unmöglich mit uns aufnehmen.“
Sanders Gesprächpartner schüttelte den Kopf. „Darum geht es doch gar nicht. Da sind nackte Zahlen.“
„Nackte Zahlen? Tatsachen!“
„Sie vergessen den Enthusiasmus dieser Leute. Sie haben sich ihre Unabhängigkeit geschaffen, und jetzt wollen sie sie verteidigen, sogar gegen ein übermächtiges Kriegsschiff der Solaren Flotte.“
„Drängen Sie mich nicht in die Rolle des Aggressors. Sie wissen so gut wie ich, dass jede terranische Kolonie nach dreißig Jahren die Autarkie erhält. Nosmo fällt unter diese Regelung, regiert sich seit zwanzig Jahren selbst und untersteht Terra vor allem außenpolitisch plus den üblichen Steuern. Reicht ihnen das nicht?“
Morgan Bassa runzelte die Stirn. „Hören Sie, Isaac, ich verstehe Sie durchaus. Aber die Menschen auf Nosmo tun das nicht. Um es auf den Punkt zu bringen, die Menschen haben Angst vor Terra. Nicht vor der Solaren Flotte, nicht vor Rhodan, sondern vor dem Ärger, den Terra immer wieder anzieht. In diesem Raumsektor wurden sieben Kolonien von Dolans der Zeitpolizei ausgelöscht, nur weil Terraner sie gegründet hatten. Dasselbe hätte auch mit meiner neuen Heimat passieren können.“
„Aber die Gefahr durch die Retortenwesen wurde doch weitestgehend eliminiert.“
Der Admiral schüttelte den Kopf. „Einmal sind es die Bestien oder Ulebs mit der Zeitpolizei, ein andermal die MDI und ihre tefrodischen Hilfstruppen und morgen werden es andere Invasoren sein. Und vielleicht werden wir dann so nebenbei ausgelöscht werden, nur weil wir zur Urheimat gehören.“
„Verdammt, Morgan, Sie glauben diesen Quatsch doch nicht selbst?“, rief Sander in Rage.
„Es geht nicht darum, was ich glaube. Ich bin nur Soldat und führe meine Befehle aus.“
„Wie ich.“
„Ich weiß. Ihr Befehl lautet, diese abtrünnige Kolonie zu maßregeln. Mein Befehl lautet, die Neugegründete Republik Nosmo zu verteidigen.“
„Morgan, seien Sie kein Narr. Sie können diese Schlacht nicht gewinnen. Verdammt, ich habe ein Schiff der STARDUST-Klasse!“
„Ich habe meine Befehle!“
„Wie können Sie nur so stur sein? Ist Ihnen das Leben Ihrer Leute egal?“, flehte Sander.
„Ich würde bestimmt nicht kämpfen, wenn ich nicht eine Chance sehen würde, dass ich den Kampf gewinnen kann“, erwiderte der Admiral.
Der Oberstleutnant sank in sich zusammen. Er hatte getan, was er konnte. „Also gut. Ich schlage vor, dass wir auf der Höhe der achten Planetenbahn kämpfen. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ein Fehlgelenkter Torpedo oder ein Schlechtgezielter Waffenstrahl auf Nosmo Verwüstungen anrichten würde.“
Morgan Bassa salutierte vor dem Oberstleutnant. „Ich nehme den Vorschlag an und danke Ihnen für die Rücksichtnahme. Ich werde meinen Verband in einer Stunde in das Kampfgebiet schaffen. Ich wünsche Ihnen viel Glück.“
Energisch schüttelte Sander den Kopf. „Sie werden alles Glück das Sie kriegen können selber brauchen, Morgan. FREYT Ende.“
Die Verbindung erlosch.

„Von Ortung. Startende Raumschiffe auf Nosmo. Ich wiederhole, startende Raumschiffe auf Nosmo.“
„Hier spricht der Kommandant!“, gellte Sanders Stimme durch das Schiff. „Ich befehle Gefechtsbereitschaft. Alle Mann auf Station. Verschlusszustand des Schiffes in fünf Minuten. Die Kampfanzüge sind ab sofort versiegelt zu tragen. Die Beibootflotte schleust aus und bildet eine Sicherungsphalanx um das Schiff. Möge uns vergeben werden.“
„Von Koordinator Beibootflotte. Korvette MF-K- 07 kann nicht starten. Es gibt Probleme mit den Hangartoren.“
„Ändern Sie die Phalanx entsprechend, Major Laghat“, befahl Sander.
„Von Chef Waffenkontrolle. Haben wir Feuer Frei für Transformkanonen?“
„Hier Kommandant.“ Sander atmete tief ein und wieder aus. `Ich muß auch an meine Leute denken´, fuhr es ihm durch den Kopf. „Erlaubnis für mittelschwere Kaliber erteilt. Keine schweren oder überschweren Kaliber. Wir wollen das gravitatorische Gefüge des Normon-Systems nicht zu sehr stören.“
„Von Chef Landungstruppen: Bereitschaft?“
„Hier Kommandant. Bereitschaft für die Landungstruppen. Bleiben Sie in den ausgewiesenen Schutzräumen, bis gegenteilige Befehle gegeben werden, Captain Schmitt. Vielleicht bekommen wir Gelegenheit, ein paar Schiffe der Rebellen zu entern, anstatt sie zerstören zu müssen.“
Einen Moment noch lauschte Sander auf den internen Funk, aber keine weitere Anfrage traf bei ihm ein. Seine Mannschaft war ein eingespieltes Team, das sich schon oft genug bewährt hatte.
Der Oberstleutnant griff in seinen Nacken und zog den Helm nach vorne. Das schmale Band entfaltete sich dabei und legte sich als Helm um seinen Kopf. Es schmatzte leise, als Sander den Helm versiegelte.

Hatte es soweit kommen müssen? Waren sie tatsächlich gezwungen, auf Terraner zu schießen? Verriet er damit nicht alles, wofür die Solare Flotte stand, wofür Perry Rhodan stand?
Sein Verstand schrie nein, sein Herz rief ja. Er wusste, dass dieser Einsatz im Rahmen der Gesetze des Solaren Imperiums stattfand, aber er fühlte sich hilflos wie eine willenlose Marionette an den Fäden der Admiralität, wie ein unmündiges Kind, das tun musste, was ihm gesagt wurde.
Doch das stimmte so nicht, und Sander wusste das. Es gab seit Jahren einen Paragraphen, der es Offizieren gestattete, gegen Entscheidungen des Flottenhauptquartiers oder der Schiffsführung zu rebellieren.
Aber die Galaxis brannte. Der Altgediente Offizier wusste plötzlich, dass es nicht Unmenschlichkeit war, die ihn zu dieser Polizeiaktion zwang. Auch wenn es zynisch klang, aber das Normon-System spielte im Moment eine unwichtige Rolle in der galaktischen Politik.
Man hatte noch bemerkt, dass die Kolonie rebellierte, und man hatte ihn damit beauftragt, die Rebellion zu beenden. Anschließend hatte man den Fall auf den großen Stapel mit den unerledigten Problemen gelegt, in der Hoffnung, dass Oberstleutnant Isaac Sander mit der MICHAEL FREYT schon das Richtige tun würde.
Sander war ein Mensch mit Verstand, fähig, eigene Entscheidungen zu treffen und die Befehle Terranias kritisch zu analysieren, sie zur Not auch abzulehnen. Aber nicht in diesem Fall.
Also akzeptierte er seine Verantwortung und schwor sich selbst, die Verluste und den materiellen Schaden auf beiden Seiten so niedrig wie irgend möglich zu halten.
In diesem Punkt waren er und Morgan Bassa sich sehr ähnlich. Sie waren Soldaten. Sie führten Befehle aus.

4.
Die FREYT hatte sieben Korvetten und zwanzig Space Jets ausgeschleust, die in sechshunderttausend Kilometer Entfernung auf der Höhe des Ringwulstes einen weiten Bogen um das Schiff beschrieben. Ihre Geschwindigkeit betrug etwas unter einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit. Das ermöglichte es den terranischen Schiffen, trotz ihrer Masse riskante Manöver durchzuführen.
Die Nosmotische Flotte traf pünktlich nach Ablauf einer Stunde ein. Sie ging ohne Kommentar zum Angriff über.

Captain Anica Sobric besah sich die Analyse des ersten Schusswechsels. Die Thermo- und Desintegratorsalven waren lichtschnell, würden also bis zur Position des Beibootriegels zwei und noch einmal zwei bis zur FREYT brauchen. Da war genug Zeit, um den Waffenstrahlen mit Hilfe der positronischen Rechner auszuweichen. Bei Entfernungen von über einer Million Kilometer war es für die lediglich achthundert Meter durchmessende FREYT ein Kinderspiel, deren vernichtenden Energie durch einen kurzen Stoß eines beliebigen Korrekturantriebs auszuweichen. Die gewaltigen Entfernungen in einem Raumkampf machten selbst ein riesiges, aber manövrierfähiges Ziel wie den STARDUST-Kreuzer schwierig zu treffen.
Ihre Aufgabe als Orterin war es nicht, den von der Positronik in ihr Display Hineingerechneten Waffenstrahlen zuzusehen. Sie hatte nach weiteren Gegnern Ausschau zu halten, auf Raumminen zu achten und im Angriff des Feindes Muster zu erkennen.

Der erste Angriff war lächerlich, ohne irgendein Konzept. Es schien, als hätten die Bordgunner der kleinen nosmotischen Flotte im Eifer des Gefechts alle erreichbaren Sensoren der Feuerorgel gedrückt.
Zudem waren die Angreifer noch über acht Millionen Kilometer entfernt, was bedeutete, dass die FREYT und ihre Beiboote fast eine halbe Minute Zeit hatten, um auf den Beschuss zu reagieren. Sie rief sich eine Analyse der Kursvektoren auf ihren Arbeitsschirm. Es sah so aus, als wollte Admiral Bassa seine Einheiten frontal gegen die FREYT führen, aber Anica bemerkte, dass die Kursvektoren der umgebauten Frachtschiffe sie über oder unter den Bogen hinweg führen würde. Sie pfiff anerkennend.
Eigentlich hatte sie ja die typischen Anfängerfehler von den Nosmotern erwartet. Dass sie ihre Schiffe genau auf der gedachten Ebene der Planetenbahnen des Normon-Systems hielten, also zweidimensional dachten. Und vielleicht dass sie dafür sorgten, dass die oberen Polkuppeln ihrer Schiffe in die gleiche Richtung zeigten, obwohl dies im Raum herzlich unnötig war und den Raumflug nicht beeinflusste.
Auf ihrem Arbeitsschirm erschienen neue Daten. Die lichtschnellen Transponderdaten kamen herein. Jedes Schiff sandte einen permanenten Funkimpuls aus, der es eindeutig identifizierte. Im militärischen Bereich wurde es IFF genannt – Identifikation Freund/Feind. Es erleichterte im Schlachtgetümmel, die eigenen Einheiten vom Gegner zu unterscheiden. Die IFFs des Gegners beinhalteten auch die Namen der Schiffe, die Positronik fügte sie automatisch in das Orterbild ein.
„Von Ortung: TERRA-Kreuzer ERIC MANOLI und ALBRECHT KLEIN halten direkten Kurs aus Sperrriegel.
Frachter der SOLAR-Klasse werden den Sperrriegel über- und unterfliegen. Empfehle Vorsicht.“
„Hier Kommandant: Achten Sie auf Torpedos, Minen und Beiboote mit Suizidauftrag.“
Das war typisch für den Skipper: Hoffe das Beste und erwarte das Schlimmste.
Aber wenn Anica ehrlich war, traute sie es den Nosmotern durchaus zu, sich heldenhaft für ihre Heimat zu opfern.

Ein Ruck ging durch das Schiff. Die FREYT hatte sich in Drehung versetzt, um nacheinander alle mittelschweren und schweren Waffen abfeuern zu können. Dabei mussten die Andruckabsorber kurzfristig versagt haben. Zum Glück hatten die Sekundäraggregate im Bereich der Kommandozentrale rechtzeitig reagiert und die Überlastung kompensiert.
Auf ihrem Schirm erschienen Rasterfelder. Die FREYT hatte mit den Transformkanonen gefeuert. Diese Waffen, die dem Prinzip der legendären Fiktivtransmitter ähnelten und feste Materie überlichtschnell durch den Hyperraum ans Ziel beförderten arbeiteten ohne Rückschlag.
Die Positronik zeichnete den Kurs der Feindschiffe ein. Anscheinend hatten sie keine Lust, in die atomare Hölle einer vollen Breitseite der FREYT zu geraten und begannen auszuweichen.
Die Explosionen lagen etwa zwei Millionen Kilometer vor den Korvetten, zu weit, um den eigenen Schiffen gefährlich zu werden, aber noch zu nahe, um den Gegner schon ernsthaft zu gefährden: Sander spielte nur mit den Muskeln, um die Nosmoter zu beeindrucken und zur Vernunft zu bringen.

„MANOLI und KLEIN sind vom Ortungsbereich verschwunden!“, gellte es in ihren Ohren. Anica drehte sich in ihrem Sitz, soweit es der Sechspunktgurt, der sie sicherte, zuließ und sah zu Sergeant O´Donnelly herüber. „Was?“
„Jetzt habe ich sie auf den Halbraumspürer. Sie sind im Linearraum!“
Anica reagierte sofort. Sie schlug auf den großen roten Schalter mitten auf ihrem Arbeitspult, von dem ihr Ausbilder immer gesagt hatte, den dürfe man niemals berühren, auch im Notfall nicht.
Sofort setzte das entnervende Kreischen der Bordsirenen ein.
„Hier Kommandant. Was ist los bei Ihnen, Captain?“
„Beide TERRA-Kreuzer machen eine Linear-Etappe, Sir!“ Es folgte ein Fluch, den Anica noch nicht kannte. „Sagen Sie Bescheid, wenn die KLEIN und die MANOLI wieder in den Einsteinraum zurückkehren und ob sie vor oder hinter dem Schiff sind.
Hier Kommandant. Der Gegner hat den Deckschatten unserer Transformbombensalve genutzt, um eine Linearraumetappe durchzuführen. Ziel ist es zweifellos, die kampfstarken TERRA-Kreuzer nahe an die FREYT zu bringen und uns mit einer vollen Salve aus nächster Nähe zu überraschen. Feuerleitstand: ausschließlich mit lichtschnellen Waffen auf TERRA-Kreuzer feuern. Wir wollen uns nicht selbst gefährden. An Maschinenraum: HÜ-Schirmaggegate auf hundertzwanzig Prozent bringen.“
„Von Pilot: Ausweichmanöver?“
„Negativ. Wahrscheinlich kalkuliert Admiral Bassa das mit ein.“
„Also“, scheuchte Anica ihre Leute auf, „ich will eine Prognose, wo die TERRA-Kreuzer den Linearraum voraussichtlich verlassen werden. Außerdem will ich permanent über den Kurs der Frachter informiert werden.“
„Aktivität bei den Frachtschiffen. KIRGISISTAN und NEW EDEN schleusen kleine Objekte aus“, meldete Leutnant Niko Takagi leise an den Captain weiter.
„Torpedos?“
„Negativ. Es sind Jagdflieger. Jetzt auch Aktivitäten auf der PARIS und der ACHILLES.“
„Von Ortung. Frachter schleusen Jagdflieger aus. Ziel sind wahrscheinlich unsere Korvetten.“
„Hier Kommandant: Das ist brillant. Solange sie eng bei unseren Korvetten bleiben, können wir mit unseren Transformkanonen nicht klären, ohne unsere eigenen Einheiten zu gefährden. Das kann aber noch nicht alles gewesen sein. Ich bin sicher, da kommt noch was. Wo bleiben die TERRA- Kreuzer?“
„Sie haben eine dreiviertel Lichtminute hinter uns den Linearraum verlassen und beginnen zu verzögern. Eine Finte, Sir.“
„Bassa will uns die Korvetten wegnehmen. Da spiele ich aber nicht mit. An Koordinator Beiboote: Major Laghat, ziehen Sie die Phalanx unserer Beiboote ein Drittel näher an die FREYT heran.“
„Sir! Meine Leute werden mit den paar Jets schon fertig. Sie brauchen nur etwas Zeit“, meldete der Beibootkoordinator.
„Negativ. Führen Sie meinen Befehl aus!“
„Aye, Sir.“
Mittlerweile hatten die ALBRECHT KLEIN und die ERIC MANOLI gestoppt und gingen auf Gegenkurs, der FREYT hinterher. Die Korvetten zogen sich zurück und lösten sich dabei von den permanent angreifenden Jagdmaschinen. Die Space Jets gaben den größeren Beibooten dabei Feuerschutz.
„Von Ortung: Verluste der Nosmoter belaufen sich auf elf Jagdmaschinen. Die TERRA-Kreuzer kommen beständig näher. Empfehle Sperrriegel.“
„Hier Kommandant! An Feuerleitkontrolle: Sperrriegel gegen verfolgende TERRA-Kreuzer schießen.“
Auf Anicas Arbeitsschirm entstanden wieder die Raster, welche die explodierenden Transformbomben darstellten. Die Messergebnisse der überlichtschnellen Ortung zeigten, dass die nosmotischen Kreuzer ihren Kurs entsprechend korrigierten, um nicht mitten durch die glühende  Hölle zu fliegen.
Der neue Kursvektor würde sie immer noch durch die Randzone des gefährlichen Bereichs tragen, ein hohes Risiko für die TERRA-Kreuzer, Hochenergie-Überladungsschirm hin oder her.
„Captain“, meldete sich Leutnant Takagi noch mal, „der einzige Frachter, der keine Jagdmaschinen ausgeschleust hat, ist die GODOT. Der Frachter kreuzt jetzt auf der Höhe unserer Kursbahn.“
„Verstanden. Sie könnten Minen legen. Ist jemand von uns im gefährdeten Sektor?“
„Die MF-K-02 wird in elf Sekunden auf die GODOT treffen.“
„Von Ortung: Die GODOT legt höchstwahrscheinlich gerade Raumminen aus. Ich empfehle, die MF-K-02 sofort den Kurs ändern zu lassen.“
„Hier Kommandant: MF-K-02, ändern Sie sofort den Kurs und gehen Sie die GODOT von der Seite an. An Waffenkontrolle: Deckungsfeuer mit den überschweren Desintegratorgeschützen geben.“
„Von MF-K-02: Sir, wir orten in unserem Kurs nichts. Wir...“
Auf Anicas Schirm wurden rund um die Korvette 02 Explosionen angezeigt. Die Korvette wurde geschüttelt und umher getrieben, bis sie das Minenfeld wieder verließ.
„Von Ortung: GODOT ändert Kurs und beschleunigt Richtung MF-K-02.“
„Von MICHAEL FREYT-Korvette 02: Sind schwer beschädigt. Vakuumeinbrüche in vier Sektoren. Waffenkontrolle versagt, Triebwerksleistung auf sieben Prozent gesunken. Schutzschirmleistung auf dreißig Prozent gefallen. Wir sind im Arsch!“
„Hier Kommandant: MF-K-02, stellen Sie sofort alle Kampfhandlungen ein und verlassen Sie das Kampfgebiet. Deklarieren Sie sich den Nosmotern gegenüber als kampfunfähig.“
„Von Koordinator Beibootflotte: Ich kann die Korvetten 08 und 04 in zwei Minuten dort haben.“
„Bis dahin ist die 02 vernichtet. Die 02 scheidet aus dem Kampf aus. Verstanden?“
„Ja, Sir. Deklarieren uns als kampfunfähig.“
„Captain, die GODOT dreht wieder ab und nimmt Kurs auf die MF-K-04“, meldete O´Donnelly leise.
„Von Ortung“, meldete Anica mit einem erleichterten Aufatmen. „GODOT dreht auf Korvette 04 ab.“
„Von Koordinator Beibootflotte. Ich kann die 02 in einer halben Stunde wieder fit haben.“
„Negativ. Die 02 bleibt draußen.“
„Aber Sir, wir verzichten auf einen taktischen Vorteil, wenn wir auf die Feuerkraft der 02 verzichten!“, blaffte Major Laghat.
„Sie bleibt draußen. Das ist ein direkter Befehl, Major Laghat.“
„Aber Sir, das könnte uns den entscheidenden Vorteil verschaffen, den wir...“
„Verdammt, Kerran, rede ich undeutlich, oder was? Die 02 wird nur solange geschont, wie sie sich nicht muckt. Und wenn sie es trotzdem tut, kann ich es Admiral Bassa nicht einmal verdenken, wenn er mein Beiboot zum Teufel schickt! Haben Sie das jetzt endlich gefressen?“, rief der Oberstleutnant barsch.
„Ja, Sir!“, kam es wütend zurück.

Eine von Anicas Orterinnen, Fähnrich Barton, legte dem Captain eine Analyse auf den Schirm. Demnach war die NEW EDEN mittlerweile viermal von den schweren lichtschnellen Waffen der FREYT gestreift oder getroffen worden.
„Die fällt aus, Captain, oder sie geht vor die Hunde“, prophezeite die junge Frau mit leiser Stimme.
„Von Funkzentrale. Die NEW EDEN bittet darum, das Kampfgebiet verlassen zu dürfen.“
„Hier Kommandant. Stimmen Sie zu, Major. Wir wollen Gleiches mit Gleichem vergelten. Aber, Captain Sobric, haben Sie trotzdem ein Auge auf den Kahn, ja?“
„Verstanden, Sir.“ Das hätte sie sowieso gemacht.
„Von Koordinator Beibootflotte: Korvette 07 kann jetzt gestartet werden.“
„Schicken Sie sie raus, Kerran. Nach dem Ausfall der 02 können wir sie sehr gut gebrauchen.“
Plötzlich flackerte die Beleuchtung. Anicas Arbeitsmonitor flackerte ebenfalls und erlosch schließlich.
Ein tiefes Brummen drang aus der Tiefe des Schiffes zu ihr durch, trotz der isolierenden Wirkung des leichten Raumanzugs. `Oh Gott, wir sind getroffen´, schoss es ihr durch den Kopf. Wieder erscholl das Brummen, die künstliche Schwerkraft versagte für ein paar Sekunden und Anica wurde gegen ihre Gurte gepresst. Zu dem Brummen gesellte sich ein lautes Kreischen, dazu begannen die Alarmsirenen im Takt des Vakuumalarms zu heulen.
Vakuumeinbruch. Obwohl, das war nicht korrekt formuliert. Ein Vakuum konnte nicht in eine Atmosphäre einbrechen. Es konnte höchstens die Atmosphäre aus dem Schiff saugen und somit das Vakuum auch an Bord der FREYT etablieren. Wieder brummte das Schiff. Ein weiterer heftiger Ruck stieß Anica wieder zurück in den Sessel.

„Hier Kommandant. Die MF-K-07 wurde beim Ausschleusen von einer vollen Breitseite der ERIC MANOLI getroffen, bevor wir den Kreuzer vernichten konnten. Als die 07 explodierte, hat sie einen Teil unseres Ringwulstes amputiert. Zurzeit erleidet die FREYT Sekundärexplosionen der Zubringeraggegate für den Ringwulst. Bleiben Sie auf Ihren Plätzen und tun Sie Ihre Pflicht. Die Explosionen werden gleich vorbei...“
Die Stimme des Kommandanten ging in einem infernalen Krachen unter. Gleichzeitig wurde Anica wieder zwischen Sitz und Gurt umhergewirbelt. Kam das Donnern über den internen Funk oder hörte sie ihn wirklich? Einer der Stränge ihres Gurtes gab nach. Anica wurde nach vorne gerissen und schlug mit dem Helm hart auf ihre Arbeitskonsole auf. Dann war Dunkelheit...

5.
„Captain?“, hallte es in Anicas Ohren, als sie erwachte. Wo war sie? Was war geschehen? Ach ja, die Schlacht.
Die Schlacht! War sie vorbei? Wer hatte gewonnen? Was war passiert?
„Captain Sobric?“
„Sean, bist du das?“
Sie hörte, wie ihr bester Orter erleichtert aufatmete. „Dem Himmel sei Dank. Ich dachte schon, dich hätte es auch erwischt.“
„Wie, mich auch?“
„Die Zentrale meldet sich nicht mehr. Es scheint, dass eine von den Sekundärexplosionen, von denen der Skipper gesprochen hat verdammt nahe bei uns gewesen sein muß!“
„Von Ortung: Erbitte Lage.“
„Zwecklos, habe ich schon versucht. Die Positronik hat aber bereits Medoroboter in Marsch gesetzt.“
„Oberstleutnant Sander!“, rief sie. „Sir!“ Sie erhielt keine Antwort.
„Die Innere Zelle, in der sich die Zentrale befindet, ist eine autarke Einheit mit eigenen Energieversorgern“, hörte sie O´Donellys Stimme. „Wenn die Fusionskraftwerke nicht gebraucht werden, unterstützen sie die Aggregate im Triebwerkswulst. Es ist möglich, dass es bei der Explosion der Sekundäraggregate auch zu Rückkopplungen bei den Zentralenahen Aggregaten gekommen ist.“
„Verdammt! Meldet Euch! Irgendwer!“, rief Captain Sobric.
„Was ist denn los, Captain? Ist die Schlacht vorbei?“
Anica wand sich in ihrem Sitz, bis sie zu Fähnrich Janice Barton herübersehen konnte. Sie wurde sich ihrer Verantwortung bewusst und schaltete automatisch in ihre Rolle als Vorgesetzte. „Bleiben Sie angeschnallt, Fähnrich. Die Lage ist gleich wieder unter Kontrolle. Sorgen Sie dafür, dass ich in zehn Sekunden einen kompletten Lagebericht bekomme.“
„Jawohl, Ma´am.“
„Und was machen wir jetzt?“, fragte O´Donnelly leise.
„Was funktioniert noch, Sean?“
„Die Leitungen zur Positronik. Schon vergessen?“
„Also gut. Öffne mir eine Leitung zur Positronik.“ „Kommt sofort“, bestätigte der Ortungsfachman und machte sich an die Arbeit.
„Ma´am, Fähnrich Barton hier. Die ALBRECHT KLEIN entfernt sich mit Höchstwerten, die KIRGISISTAN rührt sich nicht mehr und die anderen beiden Frachter umgehen uns seitlich.“
„Tja, ohne ihren zweiten TERRA-Kreuzer haben sie wohl die Schnauze voll“, kommentierte sie. „Ich werde der Positronik jetzt befehlen, die Steuerung in den Maschinenraum zu verlegen. Sean, ich brauche eine Kommunikation da runter. Wenn wir ihnen nicht sagen können, in welche Richtung sie uns fliegen müssen, sieht es übel aus.“
„Na, sie können ja einen Kopf aus der nächsten Luke stecken und nachsehen“, scherzte der Sergeant, wurde aber schnell wieder ernst. „Die Notverbindung funktioniert noch. Ich öffne einen Kanal zum Maschinenraum. Du kannst jetzt sprechen, Boss.“
„Captain Sobric an Maschinenraum. Hört mich da unten jemand?“
„Hier ist Fennigan, Captain. Nett, was von Ihnen zu hören. Wir haben schon das Schlimmste befürchtet, als uns plötzlich die Steuerung runtertransferiert wurde.“
„Nett, Sie zu hören, Sergeant. Eine der Sekundärexplosionen hat die Zentrale erwischt. Ich weiß nicht, wie schwer. Dort drüben rührt sich jedenfalls niemand mehr, aber Medos sind unterwegs. Bringen Sie die FREYT erst mal raus aus dem System, aber langsam. Halten Sie die Andruckabsorber stabil und bitte, bitte, Sarge, verbinden Sie mich irgendwie mit den sekundären Funksystemen im oberen Polsektor. Die reichen zwar nicht weit, aber es wird reichen, um mit Bassa zu sprechen.“
„Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal. Aber okay, Lady, weil Sie es sind.“
„Danke, Fennigan. Sie sind ein Schatz.“

„Kann ich mich jetzt abschnallen, Captain?“, fragte Barton nach.
„Nicht, bevor wir das Kampfgebiet verlassen haben. Uns kann jederzeit ein verirrter Waffenstrahl treffen, die Andruckabsorber können ein paar Gravos durchlassen, und so weiter.“
„Ja, aber der Oberstleutnant!“, beharrte die junge Frau.
„Um den und die Zentralecrew kümmern sich die Medos.“
„Fennigan hier. Ich habe Ihnen eine Audioverbindung geschaltet. Konteradmiral Bassa wird Sie empfangen.“
„Danke. Captain Sobric von Bord der MICHAEL FREYT an Konteradmiral Bassa!“
„Hier Bassa. Was ist geschehen?“
Einen Augenblick dachte Anica darüber nach, was sie Bassa erzählen sollte. Durfte sie ihre Karten überhaupt auf den Tisch legen? Und tat sie das nicht bereits damit, dass sich ein Captain meldete, während der Skipper des Schiffes schwieg? Sie dachte daran, wie die MF-K-02 behandelt worden war und dass die Nosmoter einen Kreuzer verloren hatte, und entschied sich für offene Karten. Auch wenn es riskant war.

„Wir haben hier einigen Ärger an Bord. In der Zentrale ist etwas explodiert und wir wissen noch nicht, wie hoch die Schäden sind. Aber Sie scheinen auch einiges abbekommen zu haben, nicht?“
„Das kann man wohl sagen.“ Bassa machte eine kurze Pause, wie um nachzudenken, was er als nächstes sagen wollte. „Die MANOLI ist vernichtet und KIRGISISTAN und NEW EDEN haben schwerste Treffer erlitten.“
„Es scheint so, wir könnten beide eine Pause vertragen. Ich schlage acht Stunden Kampfpause vor. Das hilft Ihnen, Ihre Leute aus den Wracks zu retten.“
„Und Sie können die Zentrale aufräumen. Ich bin einverstanden. Geben Sie mir Ihr Wort, dass Sie sich an die Kampfpause halten werden, Captain?“
„Verdammt, dass Sie das erst fragen müssen. Acht Stunden, mein Wort als Offizier drauf“, brummte Anica.
„Warum fragen Sie mich denn nicht nach meinem Wort, Captain Sobric?“
„Muss ich das?“, konterte Anica amüsiert.
„Touché. Acht Stunden. Ach, und Captain?“, hakte Bassa nach.
„Konteradmiral?“
„Bitte informieren Sie mich, wie es um den Oberstleutnant steht. Er ist noch einer vom alten Schlag, verstehen Sie?“
„Ich verstehe und respektiere das, Sir. Ich verspreche, ich werde Sie informieren, wenn ich Näheres weiß. FREYT Ende!“

Die Verbindung zur KLEIN wurde unterbrochen. Anica starrte eine Zeitlang auf ihren leeren Schirm, dann auf das verschlossene Schott zur Zentrale, welches ihnen das Leben gerettet hatte. Vor ihr flackerte plötzlich ein Licht, eine Sekunde später flammte ihr Arbeitsschirm wieder auf, wie ein Licht der Hoffnung.
„Ich habe es wieder hingekriegt, Captain“, meinte Leutnant Takagi trocken.
„Es ist ein Anfang“, erwiderte sie.

6.
Erschüttert stand Anica Sobric in den Resten dessen, was einmal die stolze Zentrale der FREYT gewesen war. Alle Terminals waren explodiert, die meisten Raumfahrer während der Explosion gestorben. Der Panoramaschirm war implodiert. An seiner Stelle klaffte nur noch ein rußiges Loch.
Noch immer wuselten Medoroboter durch die Zentrale und bargen die Toten. Anica hielt es für ein Wunder, dass überhaupt jemand in diesem Inferno überlebt hatte. Als neben ihr ein geschwärzter Raumanzug mit geborstener Sichtscheibe abtransportiert wurde, musste sie sich abwenden, um nicht verrückt zu werden.
Die Explosion hatte die Funkzentrale vollkommen ausradiert, dort hatte es keine Überlebenden gegeben.
Auch die Hauptzentrale war in Mitleidenschaft gezogen worden, die interne Kommunikation und die Schiffskontrollen existierten nicht mehr. Hier in der Zentrale hatten es immerhin sieben von dreißig Soldaten geschafft, am Leben zu bleiben. Wenn man das Leben nennen konnte.
Die Waffenkontrolle war ordentlich durchgeschüttelt worden, aber es gab sie immerhin noch.
Sergeant Fennigan trat an sie heran und räusperte sich leise.
„Ja?“
„Wir haben die Ursache gefunden, Ma´am. Es war eine Rückkopplung vom Triebwerkswulst. Die Maschinenhalle direkt über der Funkzentrale ist hochgegangen und hat den Funkraum geröstet. Ein Teil der Energie hat sich dann durch die Belüftungsschächte bis zur Zentrale vorgearbeitet. Ein defektes Relais hat verhindert, dass die Panzersperren herabgelassen wurden.“
„Ich weiß. O´Donnelly hat so etwas schon vermutet. Und es gab in der Funkzentrale keine Überlebenden?“
Fennigan verdrehte die Augen. „Captain, es gibt GAR NICHTS MEHR in der Funkbude! Die Temperaturen da drin haben alles verdampft! Keine Menschen mehr, keine Technik, nichts. Es hätte nicht viel gefehlt, und hier würde es genauso aussehen. Sie haben verdammtes Glück gehabt, dass es nicht die Ortung erwischt hat.“
Anica nickte zögernd. „Ich weiß. Wie schnell haben Sie die Zentrale wieder fit? Ich brauche neue Anschlüsse für die interne Kommunikation, Direktverbindungen zur Ortung und zur Waffenkontrolle, eine provisorische Funkbude und provisorische Arbeitsplätze für die Brückencrew und den Piloten.“
„Vierzig Stunden, Ma´am.“
„Wir haben aber nur noch sieben. Machen Sie das Beste draus, Sarge“, erwiderte Anica.
„Das war mein Ernst. Wir brauchen allein zehn Stunden, um die Brände in der zerstörten Maschinenhalle zu löschen. Solange wir das nicht geschafft haben, ist der interne Funk nachhaltig gestört, selbst wenn wir ihn über die Positronik laufen lassen.“
„So, Sie bekommen also keine drahtlose Übertragung hin. Dann verlegen Sie Kabel.“
„Was?“, rief Fennigan überrascht.
„Ach, kommen Sie, Sarge, ich habe doch nicht von Ihnen verlangt, den Betriebsstrom einer Transformkanone durch ein Kabel zu schicken. Alles was ich will, sind ein paar Kommunikationsleitungen ins Schiff.“
„Nein, nein, so war das nicht gemeint, Captain. Das ist eine klasse Idee. In vier Stunden haben Sie Ihre Verbindungen. Eine Stunde später laufen hier die Notterminals.“
„Na, das sind doch mal gute Neuigkeiten. Ach, Fennigan, sorgen Sie auch dafür, dass wir einen neuen Satz Pneumosessel bekommen. Krallen Sie die Dinger fest in den Boden. Die FREYT zieht bald wieder in den Krieg.“
Der alte Sergeant nickte müde. „Die FREYT packt das schon. Sie ist ein großartiger alter Pott. Ist zwar jetzt `n bisschen lädiert, seit ihr elf Prozent vom Ringwulst fehlen, aber eine Schönheit war sie ja noch nie. Ich gebe Ihnen in einer Stunde Bescheid, wie es um den Rest des Schiffes steht.“
Anica Sobric nickte nur.

Der Erste Offizier war tot. Man hatte seine Leiche im Pilotensitz gefunden. Der Zwote war in der Funkzentrale gewesen, als die Explosion erfolgte. Leichen gab es keine, aber Anica war nicht so närrisch, sich an eine trügerische Hoffnung zu klammern. Der Skipper hatte überlebt, allerdings schwer verwundet.
Die Kettenreaktion hatte vier Prozent des Schiffsinneren verwüstet. Das hatte noch einmal neun Besatzungsmitgliedern das Leben gekostet, weitere elf verletzt. Dazu kamen noch die Verluste auf der MF-K-02 und der Totalverlust der MF-K-07.
Dem gegenüber standen der Abschuss der ERIC MANOLI und der Abzug der KIRGISISTAN und der NEW EDEN. Die Nosmoter hatten zudem noch dreiundvierzig ihrer Raumjäger verloren. Es stand außer Frage, dass die FREYT selbst in diesem angeschlagenen Zustand mit dem Rest der Nosmotischen Flotte fertig werden würde. Immerhin waren auch noch sechs Korvetten und die Space Jets funktionsfähig.

„Ah, Captain Sobric. Schöne Bescherung, was?“, erklang hinter ihr eine tiefe Männerstimme. Anica wandte sich um und blickte in das braungebrannte Gesicht von Kerran Laghat, der im Range eines Majors die Beibootflotte der FREYT kommandierte. Der Offizier trug noch immer den leichten Raumanzug, hatte aber den Helm nach hinten auf den Rücken gefaltet. Er grinste sie an, als wolle er für eine neue Antibartcreme oder Zahnweiß – Arkonidenweiß werben.
„Major Laghat. Dann hat die MF-K-01 also schon eingeschleust. Das ist gut. Machen Sie Ihre Korvetten einschließlich der 02 wieder kampfbereit. Der Waffenstillstand läuft in sieben Stunden und achtzehn Minuten wieder aus. Dann sollten Ihre Schiffe wieder im All sein.“
Damit war für Anica alles gesagt und sie wandte sich zum Gehen, aber der Major hielt sie am Arm zurück.
„Moment, Captain. Ich bin nicht hier, um Befehle einzuholen. Ich werde das Kommando über die MICHAEL FREYT übernehmen.“
„Wie nett. Hören Sie, ich habe keine Zeit für diese Spielchen. Sie haben Ihren Job und ich habe meinen. Und ehrlich gesagt habe ich hier noch sehr viel zu tun!“
„Aber sie verkennen die Lage, Captain. Sehen Sie, die gesamte Führung ist ausgefallen. Der Kommandant liegt im Lazarett, der Erste und der Zwote sind gefallen.“ Laghat hob entschuldigend die Schultern. „Ich bin der ranghöchste Offizier an Bord, also habe ich jetzt die traurige Pflicht, das Kommando zu übernehmen.“
„Moment! Ich gehöre ebenfalls zur Führungscrew. In der Rangfolge bin ich jetzt dran“, beschwerte sich Anica beim Major.
Kerran Laghat lächelte wieder gewinnend. Für sie sah es eher ölig aus. „Damit hätten Sie ja Recht, normalerweise. Aber ich bin sicher, als diese Rangfolge für den Notfall aufgestellt wurde, haben die Verantwortlichen nicht damit gerechnet, dass es mal eine Frau sein würde, die das Kommando über ein Raumschiff übernehmen muß. Stimmen Sie mir da nicht zu? Ach, kommen Sie, Anica. Ich darf doch Anica sagen, ja? Sie sind einfach nicht geschaffen für so einen Posten. Sehen Sie, der Stress, die große Verantwortung, all die Leben, für die Sie geradestehen müssen, das ist doch nichts für eine Frau.
Ich habe mein Offizierspatent schon etwas länger als Sie und fühle mich dieser Aufgabe gewachsen. Ich werde die Operation sicher durchziehen und Sie anschließend in meinem Bericht lobend erwähnen, Anica. Na, was sagen Sie?“
Wütend presste die junge Frau die Lippen aufeinander. „Wissen Sie, was, Herr Major? Sie sollten sich hinter mich stellen und auf die Knie sinken. Dann kommen Sie leichter an meinen Hintern ran!“
Verwirrt fragte Laghat: „Wie soll ich das denn jetzt verstehen?“ Ein Funken Erkennen glomm in seinen Augen. „Ach so, Sie...Ich... Also, darüber ließe sich durchaus...“
„Hören Sie, Herr Major, ich habe drei Jahre an der Flottenakademie von Terrania studiert und mit Auszeichnung bestanden. Danach hatte ich vier Jahre Gelegenheit, auf der Plutostation Erfahrung zu sammeln. Anschließend habe ich zwei Jahre auf einem Wachfort im Sol-System als Chef der Ortung gedient. Dazu kommen noch unzählige Kurse, Fortbildungen, Auszeichnungen und Belobigungen. Und dann diene ich schon seit einem Jahr an Bord der FREYT und habe das Schiff schon mehr als einmal während diversen Schichten kommandiert. Selbst in Ihren Augen müsste das mich dazu qualifizieren, die FREYT zu führen.
Also lecken Sie mich am Arsch, Herr Major und verschwinden Sie aus meiner Zentrale!“
Laghat starrte sie aus großen Augen an. „Also, ich, also...“
Weiter kam er nicht, denn die anwesenden Soldaten aus der Ortung und vom Aufräumtrupp applaudierten dem Captain. Einige pfiffen sogar anerkennend.
Anica sah zur Seite und verbarg ihr Grinsen hinter der Rechten, während der Major einen hochroten Kopf bekam. Er räusperte sich und verließ würdevoll die Zentrale.

„Dem hast du es aber gegeben, Boss“, meinte O´Donnelly grinsend und klopfte seiner Vorgesetzten auf die Schulter.
„Er hat es ja auch verdient.“ Anica warf den Applaudierenden einen scharfen Blick zu. „Und was ist mit euch? Zurück an die Arbeit. In sechs Stunden will ich eine neue Zentrale haben!“
O´Donnelly salutierte spielerisch. „Aye, Captain. Mit dir lege ich mich lieber nicht an.“
„Witzbold“, erwiderte sie und unterdrückte ein Grinsen.

7.
Um Isaac Sander war absolute Finsternis. Nicht die Art von Finsternis, wenn er während der Schlafphase in seiner Kabine lag und die Fehler sortierte, die er und seine Offiziere gemacht hatten, nicht die Art von Dunkelheit, die einen umgab, wenn man sich draußen aufhielt, jenseits der schützenden Bordwand der FREYT, vom Vakuum des Alls nur durch einen dünnen Raumanzug getrennt. Es war eine andere Finsternis, so allumfassend, so ergreifend, dass der hagere Oberstleutnant für einen Moment dachte, er wäre tot.
Dafür sprach, dass er seinen Körper nicht mehr fühlte. War dies die Ewigkeit? Ein schwarzer, leerer Raum, ohne Anfang, ohne Ende, nur angefüllt mit ihm, verloren in einer Sphäre ohne Maß und Ordnung?
„Er ist wieder wach“, hörte Sander eine müde Männerstimme sagen. Eine andere, noch müdere Stimme sagte: „Gut, Meyer, ich übernehme jetzt. Machen Sie erst mal Pause.“
Eine merkwürdige Ewigkeit, in der nur Stimmen existieren, dachte Sander amüsiert. Er war also noch nicht tot. Nicht ganz, zumindest.
„Isaac, hörst du mich? Ich bin es, Robert Crane.“
`Der Bordarzt, natürlich. Ich liege im Lazarett´, dämmerte es ihm.
„Hör zu, Isaac, ich habe dich in einen Regenerationstank gesteckt. Du hast da ein paar ziemlich üble Verbrennungen, dein Raumanzug hat sich an  neunzehn Prozent deines Körpers in die Haut gebrannt. Deine Sehnerven wurden geschädigt und können während deiner Regenerationsphase im Tank keine Daten an dein Gehirn schicken.“
„Ich bin also blind.“ Erschrocken stellte Sander fest, dass er das gesagt hatte.
„Ich habe dich an die Positronik gekoppelt. Sie synthetisiert eine Stimme für dich. Du kannst dich also zumindest mit mir unterhalten.“
„Wie geht es dem Schiff? Wie hoch sind unsere Verluste? Wie ist die Lage?“
„Langsam, langsam“, mahnte der Bordarzt. „Im Moment geht es nur um dich. Du bist schwer verwundet, und für ein paar Minuten sah es so aus, als würdest du nicht wieder aufwachen. Du hast verdammt viel Glück gehabt, dass dich die Explosion nicht gebraten hat.“
„Was ist passiert?“ Es schien Sander so, als müsse sich der Arzt erst einen Ruck geben, um ihm die Wahrheit zu sagen. Aber schließlich berichtete er dem Kommandanten schonungslos alles, was sich in der letzten Stunde zugetragen hatte.
„Verdammt. So ein dummer Fehler. Wie viele werden es schaffen?“
„Von denen, die noch leben, wohl alle.“
„Das sind gute Nachrichten. Ich...“
„Isaac“, unterbrach der Arzt ihn, „hier ist jemand, der mit dir sprechen will. Major Laghat.“
„Ja, Herr Major? Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht aufstehe, um Ihnen die Hand zu geben, aber im Moment bin ich etwas gehandicapt. Was kann ich für Sie tun?“, fragte er mit einer Prise Galgenhumor.
Der Rudyngeborene lachte höflich über den Witz des Vorgesetzten. Eine ungwöhnliche Erfahrung, wenn man dazu gezwungen war, in absoluter Dunkelheit zu vegetieren.
„Sir, ich weiß, der Zeitpunkt ist etwas unpassend, aber ich möchte mich über einen anderen Offizier beschweren. Captain Sobric hat die Vorschriften missachtet und meine Person tödlich beleidigt. An Bord eines Raumschiffs der Rudyn-Heimatflotte müsste ich sie jetzt fordern.“
„Moment, Kerran, fangen wir ganz vorne an. Was ist passiert?“
„Nun, nachdem ich mit der MF-K-01 eingeschleust hatte, erfuhr ich von der schweren Explosion in der Zentrale. Sie können sich meine Erschütterung sicherlich vorstellen, als man mir sagte, dass der Erste Offizier Ted Corben und der Zweite Offizier Daniel Raderer während der Katastrophe gefallen waren und Sie mit schwersten Verletzungen im Lazarett liegen. Also ging ich sofort in die Zentrale, um Captain Sobric zu unterstützen, wo ich konnte. Ich wollte sogar das Kommando übernehmen, um sie zu entlasten. Nicht, dass sie unter dem Stress zusammenbricht. Außerdem bin ich ja als Major der Ranghöhere von uns zwei, nicht? Aber was macht diese undankbare Person? Sie verweigert mir das Kommando über die FREYT und hat auch noch die Frechheit, mich zu beleidigen!“
„So? Was hat Captain Sobric denn gesagt?“
„Nun... Sie meinte, ich könne sie..., nun, am Arsch lecken.“
Der Bordarzt begann zu kichern.
Beinahe glaubte Sander zu sehen, wie Kerran Laghat das Blut in die Wangen schoss.
„Das hat sie also gesagt? Nun, das tut mir leid. Ich werde dafür sorgen, dass sie sich bei Ihnen entschuldigt.“
„Und das Kommando über die FREYT?“ hörte der Oberstleutnant Laghat hoffnungsvoll fragen.
„Nun, Kerran, in etwas weniger als sieben Stunden läuft der Waffenstillstand aus. In dieser Zeit müssen wir alle unser Bestes geben, um das Schiff wieder flott zu kriegen. Im Moment nützen Sie der FREYT am meisten, wenn Sie Ihre Korvetten auf Vordermann bringen. Captain Sobric hingegen hat schon einschlägige Erfahrungen über das Führen des Schiffes in Kampfsituationen. Sie kennt sich da oben einfach besser aus, Kerran. Wir haben verdammt wenig Zeit, und wir müssen es schaffen!“
„So. Das soll ich Ihnen glauben? Sie kennt sich einfach besser aus da oben? Wissen Sie, was ich glaube? Sie übertragen mir die Verantwortung über die FREYT nur aus einem Grund nicht. Weil ich auf einer Kolonie geboren bin und nicht auf Terra!“, rief der Rudyner aufgebracht.
„Kerran, das ist nicht wahr. Kerran, hören Sie, wenn Sie ruhig drüber nachdenken, dann werden Sie schon erkennen, dass ich Recht habe.“
„Er ist weg, Isaac. Und er sah ziemlich wütend aus“, sagte der Arzt leise.
„Das verstehe ich. Kerran wollte schon länger sein eigenes Kommando haben. Dies war eine exzellente Chance. Er muß verbittert sein. Ich hoffe nur, er erkennt, dass ich nur zum Wohl des Schiffes entschieden habe.
Ach, Bob, kannst du bitte Captain Sobric Bescheid geben, dass ich sie sprechen möchte, sobald ihre Zeit das erlaubt?“
„Ich werde einen Melder schicken“, versprach der Arzt.
*
Eine Stunde später meldete sich Anica Sobric bei ihrem Kommandanten. „Sir, es sieht ganz gut aus. Die Nosmoter haben die MANOLI verloren, die NEW EDEN und die KIRGISISTAN sind ausgefallen. Dazu kommen noch hohe Verluste bei ihren Jagdfliegern und…“
„Deswegen habe ich Sie nicht rufen lassen, Anica. Da weiß ich schon alles.“
„Warum bin ich dann hier?“, fragte die Orterin argwöhnisch.
Komisch, ohne sein Augenlicht konnte Sander geradezu fühlen, in welcher Stimme sich seine Gesprächspartnerin befand. Ihr Argwohn lag so deutlich vor ihm, als hätte er ihr hektisch gerötetes Gesicht gesehen.
„Anica, habe Sie Major Laghat wirklich gesagt, er soll Sie am Arsch lecken?“
„Sir, das war so. Ich…“
„Haben Sie das gesagt oder nicht?“, fragte er hart.
„Ja, verdammt. Ich habe es gesagt. Der Major wollte ja unbedingt das Kommando über die FREYT übernehmen. Ich fand, dass das Risiko für die FREYT zu groß ist, nur um sein Ego zu befriedigen. Was wollen Sie jetzt machen? Mich maßregeln?“
„Ich übergebe Ihnen hiermit offiziell das Kommando über die FREYT. Ich befördere Sie vorläufig auf den Rang eines Majors. Dann kann Ihnen Laghat nicht mehr so viele Sorgen bereiten.“
„Danke, Herr Oberstleutnant.  Wie komme ich denn zu dieser Ehre?“, rief sie vollkommen überrascht.
Wieder glaubte Isaac, ihre aufgerissenen Augen und neue Röte auf ihren Wangen geradezu sehen zu können.
Er grinste. Er erlaubte sich einfach die Illusion, dass sich seine Gesichtsmuskeln zu einem Grinsen zusammenzogen. Er spürte sie ja nicht.
„Anica, Sie sollten anfangen, sich selbst mehr zu vertrauen. Das, was Sie Laghat gesagt haben, ist durchaus richtig. Sie sind die Frau, die im Dreischichtdienst auf der Brücke war. Sie haben die ganzen Lehrgänge und Praktika gemacht. Sie sind der Offizier aus meiner Führungscrew. Damit sind Sie der Mensch, dem ich das Schicksal der FREYT in die Hände legen möchte. Klingt das pathetisch? Es ist aber mein Ernst. Ich bin ganz froh darüber, dass Major Laghat nicht das Kommando übernommen hat.“
„Weil er von Rudyn kommt, Sir?“, fragte sie leise.
„Nein, weil er ein Hitzkopf ist. Er hätte es fertig gebracht und die Kolonie auf Nosmo direkt angegriffen. Und er wäre damit sogar noch im Recht gewesen.“
„Ich verstehe. Sir, ich werde mein Bestes tun, damit die Verluste beider Seiten so niedrig wie möglich bleiben.“
„Ich weiß. Deshalb haben ja auch Sie das Kommando über das Schiff, und nicht Major Laghat. Kümmern Sie sich jetzt um die FREYT, Major. Treten Sie weg.“

Als Major Sobric gegangen war, fragte der Oberstleutnant: „Bob, bist du noch da?“
„Ich bin hier. Was kann ich für dich tun, alter Junge?“
„Ich möchte mich gerne mit jemandem unterhalten. Körperlos in einem Regenerationstank zu liegen ist nämlich nicht so toll, wie man immer sagt“, kommentierte der Oberstleutnant zynisch. Er konnte den Bordarzt leise lachen hören.
„Schlechte Witze. Das ist ein Zeichen der Genesung, bei dir zumindest, Isaac.“

8.
Als Major Kerran Laghat sein Büro an Bord der Korvette 01 betrat, schrak Leutnant Abtacha aus seinem Sitz auf. „Sir! Ich hatte Sie nicht so schnell zurückerwartet. Holen Sie noch ein paar Sachen aus Ihrem Schreibtisch?“
„Vergessen Sie es“, knurrte Laghat wütend. „Captain Sobric ist der Meinung, dass sie das Kommando nicht herzugeben braucht.“
„Aber Sie sind doch der Ranghöhere. Wieso hat sie nicht…“
„Diesen Punkt akzeptiert? Sie wissen doch, wie die Frauen sind. Wenn sie erst mal etwas haben was sie sich wünschen, dann geben sie es nicht mehr her. Abtacha, unter diesen Umständen ist die Beförderung zum Beibootkoordinator natürlich hinfällig geworden. Gehen Sie zurück auf Ihre 04 und bereiten Sie die Korvette für einen erneuten Kampfeinsatz vor. Und schicken Sie mir die Staffelkommandeure der Space Jets vorbei. Wir haben einiges zu besprechen.“
„Ja, Sir. Äh, sind Sie nicht sauer?“
Kerran kam um den Schreibtisch herum und stützte sich schwer mit beiden Armen auf der Tischplatte ab. Mit düsterer Miene sah er den Leutnant an. „Natürlich bin ich sauer, Leutnant. Und wie sauer. Aber ich bin auch Soldat und Befehlsempfänger auf diesem Schiff. Und der Befehl lautet: Beibootflotte klarmachen für erneutes Gefecht. Und ich werde den Teufel tun und Sobric einen Grund geben, mir diese Aufgabe auch noch wegzunehmen. Sind Sie denn immer noch hier, Abtacha?“
Fluchtartig verließ der Leutnant den Raum, nicht ohne noch ein schnelles `Bin schon weg, Sir´ zu murmeln.
Ein flüchtiges Grinsen stahl sich auf die Lippen des Rudyngeborenen. Das waren seine Leute. Erstklassige Befehlsempfänger hatte er aus ihnen gemacht. Was hätte er nur leisten können, wenn er ein Schlachtschiff kommandiert hätte?
Müde sank Laghat in seinen Sessel und legte die Beine auf den Schreibtisch. Er schloss für einen Moment die Augen und träumte davon, wie er sein eigenes Schiff verließ und von Perry Rhodan persönlich wegen herausragender Tapferkeit den Goldenen Sonnenorden verliehen bekam.
*
Zehn Lichtminuten entfernt marschierte ein nervöser Konteradmiral in der Zentrale der ALBRECHT KLEIN auf und ab. Neben ihm ging Leutnant Ward, stets bemüht, mit dem Vorgesetzten Schritt zu halten. Währenddessen informierte sie Morgan Bassa über die Lage.
„Die MANOLI ist ein Totalverlust. Wir konnten von der zweihundertköpfigen Crew noch dreißig Überlebende bergen. Die KIRGISISTAN ist beinahe schrottreif. Wir werden es nie schaffen, sie in den verbleibenden sechs Stunden des Waffenstillstandes zu reparieren. Wenigstens halten sich die Verluste mit sieben Toten und zweiundvierzig Verletzten hier in Grenzen.
Von den neunundachtzig Ausgeschleusten Jägern kamen dreiundvierzig nicht zurück, wir konnten aber bisher neunzehn Piloten wieder einsammeln. Sie können jederzeit die freien Maschinen auf der GODOT bemannen.“
„Wie sieht es auf der NEW EDEN aus?“
„Den Umständen entsprechend. Sie hat die Hälfte ihrer Waffen verloren und kommt nur noch auf zwei Drittel ihrer Triebwerksleistung, aber es gab keine Toten, nur vierzehn Verletzte. Sie wird fristgerecht fertig zusammengeflickt sein“, meldete die junge Frau aus dem Gedächtnis.
„Und wie sieht es mit den Minen und den Torpedos aus?“
„Wir haben ein Drittel aller Minen verbraucht, Sir. Die Torpedos wurden auf Ihren Befehl noch nicht angerührt. Das wird bestimmt eine tolle Überraschung für die FREYT, was?“
„Das hoffe ich doch. Aber verdammt, es reicht nicht! Wenn wir nur die MANOLI nicht verloren hätten. Wir hätten Sander nach und nach die Korvetten abgenommen, die Space Jets vernichtet und dann den Kreuzer solange mit Feuer eingedeckt, bis er hätte einsehen müssen, dass er nicht gewinnen kann.
Aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Danii, ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Wir haben nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder locke ich die FREYT und ihre Beiboote in den Feuerbereich der Wachforts auf Nosmo, oder ich kapituliere.“
„Aber Sir, wenn wir so nahe an unserem Heimatplaneten kämpfen, steigt die Gefahr, dass es Zuhause Verwüstungen geben wird auf über neunzig Prozent!“
„Wollen Sie lieber kapitulieren?“, blaffte Bassa gereizt. Die junge Frau erstarrte. „Nein, Sir.“
Der alte Offizier nahm seine Wanderung wieder auf. „Vielleicht ist es aber besser so. Die FREYT hat nur eine Korvette verloren, die andere wird sicherlich für die zweite Runde gerade fit gemacht. Dieser Kahn hat noch genügend Feuerkraft, um uns allesamt zu vernichten. Und selbst wenn wir das Wunder vollbringen und das Schiff zerstören, wird Terra ein weiteres Schiff schicken. Vielleicht sogar eine ganze Flotte.
Nicht heute, nicht morgen, vielleicht erst in ein paar Wochen. Aber dann fängt das ganze Spielchen wieder von vorne an, nur dass wir dann sehr viel weniger Schiffe zur Verteidigung haben werden.“
„Aber Sir, Sie vergessen, daß Terra in den letzten Tagen erst eine riesige Flotte der Dolans abwehren musste. Ich habe gehört, daß die Flotte stark dezimiert wurde. Das Imperium ist nur deshalb noch nicht auseinander gebrochen, weil diese neuen Verbündeten, die Horloter“ – „Haluter, Danii!“ – „Genau die, also, diese Haluter haben der Erde ihre gesamte Flotte zur Verfügung gestellt, damit sie die Dolans abwehren konnten. Und jetzt befindet sich diese Flotte im Sol-System und verhindert, daß die Flotten der Akonen, der Arkoniden und der Springer das Solare Imperium einfach in Stücke reißen. Die brauchen auch mit den Halutern jedes Schiff Zuhause, Sir. Vielleicht reicht es einfach, wenn wir ein Patt mit der FREYT erreichen. Das könnte für uns ein halbes Jahr Aufschub bedeuten, eventuell ein ganzes. Das reicht, um noch ein paar alte Kreuzer auf dem Freien Markt aufzukaufen und hochzurüsten. Es könnte klappen, Sir.“

Morgan blieb wieder stehen und besah sich seine Adjudantin von oben bis unten. „Sagen Sie, Danii, wollen Sie nicht meinen Job machen? Für diese Analyse hätte die Positronik doppelt so lange gebraucht. Das ist wirklich eine Möglichkeit. Ich will zwei Stunden vor dem Ende des Waffenstillstands eine Konferenzschaltung mit den anderen Schiffen der Flotte. Die GODOT hat noch viele Minen an Bord, und die Torpedos wollte ich schon immer mal in Aktion sehen. Ich bin gespannt, wie gut das neue nosmotische Zielsuchsystem wirklich ist.“

Ein leiser Signalton unterbrach den alten Soldaten. Der Koordinator der Funkzentrale forderte seine Aufmerksamkeit ein.
„Konteradmiral Bassa, wir empfangen eine Nachricht auf dem Frequenzband der Solaren Flotte“, meldete er.
„Das wird die FREYT sein.“
„Negativ, Sir. Die Abstrahlleistung der Nachricht übertrifft die der FREYT um das hundertfache. Der Positronik nach handelt es sich eindeutig um die Hyperfunkanlage auf Luna, dem Trabanten Terras.“
„Neue Befehle für die FREYT?“ meinte Leutnant Ward verwirrt.
„Die Nachricht ist nicht verschlüsselt. Sie ist offen und an alle Empfänger gerichtet.“
„Na, stellen Sie durch“, ermunterte Morgan den Funkchef.
Der Panoramaschirm der ALBRECHT KLEIN wechselte vom Bild einer Außenkamera zum Logo des Solaren Imperiums. Kurz darauf erschien Rhodans Gesicht. Rhodan! In Morgan Bassas Brust stritten sich zwiespältige Gefühle, in der die Begeisterung nur langsam die Oberhand gewann.
Dies war der Unsterbliche, die einmalige Legende, der Mann, der als erster Mensch den Erdmond betreten hatte. Der Mann, der aus dem Wrack eines abgestürzten Arkonidenraumschiffs das Solare Imperium erschaffen hatte. Der Mann, der für all die Gefahren stand, durch die Terra ging, seit man die interstellare Raumfahrt beherrschte, aber auch für deren Beseitigung. Morgan fühlte einen unglaublichen Respekt für diesen Mann, auch wenn er nicht so genau sagen konnte, weshalb.

Rhodan räusperte sich kurz und sah direkt in die Kamera.
Neben ihm japste Leutnant Ward erschrocken auf. Auch sie schien das Gefühl zu haben, von den Augen des Unsterblichen seziert zu werden.
„Vor einer Woche noch hat das Solare Imperium und mit ihm die gesamte Menschheit um ihr Überleben gekämpft. Dieser Kampf ist zu Ende. Unser Gegner, die Ulebs und ihre Helfer, die Zeitpolizei sind besiegt. Aber der Preis für diesen Sieg war hoch. Unsere Verluste an Menschen und Material waren unannehmbar hoch.
Doch der größte Verlust in diesem Krieg ist das Vertrauen in unsere Heimat, in das Solare Imperium, das viele Kolonialwelten nach den ungezählten Angriffen der Zeitpolizei nicht mehr haben.
Ich kann den Menschen auf diesem Kolonien nur versprechen, daß wir uns wieder aufrappeln werden, daß wir erst ruhen werden, bis das Imperium wieder so ist wie vor den Angriffen, aber viele werden zu Recht sagen, daß dies nur Schlagwörter sind, Phrasen ohne Inhalt.
Erst waren es die Posbis, die das gesamte Imperium bedroht hatten, dann die Blues, später die MDI. Diesmal war es die Zeitpolizei. Ich kann nicht versprechen, daß Morgen oder Übermorgen nicht schon der nächste Gegner vor Terras Toren stehen wird. Ich kann nur versprechen, daß wir wie immer alles versuchen werden, Sie, die Bürger des Solaren Imperiums zu schützen.
Vielen ist das nicht genug, schon ist die Rede von Sezession. Die Abtrennung vom Solaren Imperium verspricht eine trügerische Sicherheit, aber auch einen Bruch geltenden Rechts.
Ich kann aber die Solare Flotte, die Sie alle gestern noch beschützt hat, heute nicht aussenden, um Sie wieder in den Verband des Solaren Imperiums zu treiben. Aber Sie müssen verstehen, daß ich die Flotte nun ebenso wenig einsetzen kann, um Ihnen zu helfen.
Die Kolonien, die den Verbund des Imperiums verlassen, sind von nun an allein auf sich gestellt. Das Solare Imperium wird sich in ihre internen Belange nicht mehr einmischen. Ein entsprechender Gesetzesentwurf liegt dem Solaren Parlament in der SOLAR HALL vor und wird heute noch ratifiziert.
Aber bestehende Verträge müssen eingehalten, terranische Firmen dürfen nicht enteignet werden, die Interessen des Solaren Imperiums müssen gewahrt bleiben.
Das ist alles, was Terra für Sie tun kann. Jetzt müssen Sie selbst entscheiden. Tun Sie das Richtige für ihre Heimat.
Perry Rhodan auf Terra, am 17.10.2437.“
Rhodan verschwand. An seine Stelle trat wieder das Logo des Imperiums.

Rund um den Konteradmiral herrschte eine ehrfürchtige Stille. Niemand wagte es, etwas zu sagen, geschweige denn ein Geräusch zu verursachen. Die Augen der Anwesenden richteten sich auf den Mann, von dem man sich Antworten erhoffte.
Leutnant Danii Ward murmelte verwirrt: „Sir? Was bedeutet das, Sir?“
„Das bedeutet“, begann Morgan Bassa bedeutungsschwer, „daß der Krieg vorbei ist. Wir haben gewonnen!“
Erst war es nur der Erste Pilot, der sich von seinem Platz erhob und leise applaudierte, dann fiel der Cheffunker ein, die Leute in der Ortung applaudierten, einige pfiffen begeistert. Die Erkenntnis kroch nur langsam in das Bewusstsein der Nosmotischen Raumsoldaten, und je mehr sie erkannten, was gerade passiert war, was für Folgen es für sie hatte, desto mehr fielen sie in einen Freudentaumel. Morgan Bassa musste sich die Ohren zuhalten, als rings um ihn der Jubel losbrandete. Sie hatten Erfolg gehabt. Die Abtrennung vom Solaren Imperium war gelungen.
In den Freudentaumel meldete sich erneut der Cheffunker der ALBRECHT KLEIN. In ihrer Freude ignorierte die Zentralecrew das Signal des Cheffunkers; Morgan Bassa pfiff auf den Fingern. Das schrille Geräusch ließ die Besatzung der Zentrale verstummen. Zufrieden nickte der Konteradmiral dem Oberleutnant zu.
„Konteradmiral, ich empfange einen Ruf von der MICHAEL FREYT!“
„Auf den Panoramaschirm.“
Sofort erschien auf dem Hauptschirm eine Darstellung der Zentrale der FREYT. Sie war eine einzige Baustelle. Hatten sie den terranischen Riesen doch stärker erwischt, als er gedacht hatte? Hätten sie vielleicht doch eine echte Chance gegen das Schlachtschiff gehabt? Der alte Soldat wischte den Gedanken beiseite. Es war müßig, darüber nachzudenken. Seine Ziele waren erreicht. Und die MICHAEL FREYT existierte noch. Was wollte er mehr?
In der Mitte der Aufnahme stand eine Frau in der Uniform des Solaren Imperiums. Auf ihren Schultern prangten die Abzeichen eines Captain. Sie lächelte.
Morgan salutierte vor ihr und sagte: „Captain Sobric, nehme ich an.“
„Major, mittlerweile. Konteradmiral Bassa, ich bin erfreut, Sie unter diesen Umständen kennen zu lernen. Ich hatte ja eigentlich damit gerechnet, Ihre Kapitulation anzunehmen“, erwiderte sie mit einem warmen Lächeln.
`Du wirst nie erfahren, wie nahe du an der Wahrheit bist´, dachte er grimmig.
„Ich denke, da hätten die ALBRECHT KLEIN und die anderen Schiffe der Flotte noch ein Wörtchen mitzureden gehabt.“
„Gewiss.“ Sie lachte leise.
Morgan fiel höflich ein.
„Sie haben es auch empfangen, nicht wahr? Unser Kampf ist beendet. Sie haben gewonnen.“
Energisch schüttelte der Flottenveteran den Kopf. „Wenn es hier einen Gewinner gibt, dann die Bewohner Nosmos. Und das auch nur, weil Ihr Kommandant nicht den Befehl gegeben hat, meine Heimatwelt direkt anzugreifen. Richten Sie Oberstleutnant Sander meinen tief empfundenen Dank dafür aus. Meinen Dank, und den aller Nosmoter.“
„Klingt das nicht etwas aufgebauscht?“, lachte Major Sobric nervös.
„Nein, nur ehrlich. Brauchen Sie Hilfe bei den Reparaturen? Wir haben genug Kapazitäten frei.“
„Danke für das Angebot, aber wir werden die Schäden mit unseren Bordmitteln beheben können. Danach lauten unsere Befehle, das Kreit-System anzufliegen, um dort umfassende Reparaturen durchführen zu lassen. Sie sind uns also bald los, Sir.“
Major Sobric salutierte. Auch Morgan salutierte wieder. Zu seiner stillen Freude sah er, dass auch die meisten Anwesenden dem Gegner durch den militärischen Salut Respekt erwiesen.
Danach wechselte der Bildschirm auf eine Falschfarbenansicht des Normon-Systems.

„Noch ein Signal, Sir!“, meldete sich der Funker erneut. „Es kommt direkt aus Nosmo City.“
„Auf den Panoramaschirm.“
Das Bild zeigte den Großen Platz vor dem Parlamentsgebäude. Ganz vorne vor der Kamera stand Präsident Gemrat Zunico, hinter ihm war der Platz angefüllt mit jubelnden und feiernden Menschen. Während der Präsident sprach, wurde er fünfmal geküsst – auch von Frauen.
„Konteradmiral Bassa, hören Sie mich? Ganz Nosmo liegt im Freudentaumel. Wir haben es geschafft! Sie haben es geschafft! Bringen Sie Ihre Flotte zurück in den Orbit, und unsere Welt bereitet Ihnen und Ihren Leuten einen Empfang, wie ihn der Planet noch nicht gesehen hat.“
Aufgeregtes Gemurmel erfüllte die Zentrale. Die Soldaten freuten sich. Verdammt, sie hatten sich diese Freude auch verdient.
„Die Aufräumarbeiten sind fast erledigt, Herr Präsident. Wir kommen. In drei Stunden kann Nosmo City die Parkorbitlichter der gesamten Flotte sehen.“
Auf dem Platz wurde gejubelt und Norman machte sich klar, daß alles, was er gerade sagte und tat weltweit verbreitet wurde.
„Kommen Sie schnell“, konnte Zunico noch sagen, da erlosch die Verbindung wieder.

„Ob wir das einmal in den Geschichtsbüchern finden werden, Sir?“, fragte Leutnant Ward leise.
„Besser nicht“, entschied Morgan grinsend. „Wir fliegen heim, sobald die Rettungs- und Bergungsoperationen beendet sind.“

9.
Überall im Schiff wurde gearbeitet, um die Schäden der Schlacht zu beseitigen. Außenteams begannen sogar schon damit, die wichtigsten Kupplungen draußen am zerstörten Ringwulst freizuschneiden, was die eigentlichen Reparaturen im Kreit-System beschleunigen würde.
Die Zentrale war beinahe wiederhergestellt, der Funk arbeitete wieder, aber nur, weil man das Notfallsystem an der Polkuppel vollkommen ausgeschlachtet hatte.
Die FREYT verfügte auch wieder über volle Waffenkontrolle. Theoretisch hätte die derzeitige Kommandantin jederzeit den Abflug nach Kreit befehlen können.
Im Sonnensystem der riesenhaften Umweltangepassten von Ertrus konnte man die FREYT schnell und effektiv wieder zusammenschustern.
Tatsächlich waren die meisten Reparaturtrupps nur noch dabei Flöhe zu jagen, wie es im Technikerjargon hieß.
Während Major Sobric zwei Drittel der Crew in die Betten befohlen hatte, versuchte der Rest der Mannschaft, die kleinen Schäden zu beheben. Tote Leiter, zerstörte Datenleitungen, verklemmte Schotts, Kleinigkeiten eben, die sich in der Summe aber zu einer Gefahr für das Schiff summieren konnten.
Der Großbrand in der Maschinenhalle über der Zentrale war mittlerweile fest im Griff der Feuerlöschroboter. Es würde zwar noch Tage dauern, bis der Terkonitstahl auf ein für ungeschützte Menschen erträgliches Maß abgekühlt war, aber es bedeutete auch eine Sorge weniger für das Schiff.

Die schwer beschädigte Korvette war ebenfalls repariert worden, soweit dies mit den Bordmitteln möglich gewesen war. Die anderen sechzig Meter durchmessenden Beiboote der FREYT befanden sich im besten Zustand. Auch Major Laghat hatte das Gros seiner Leute in die Betten geschickt. Er selbst saß noch mit den Kommandanten der anderen Korvetten und den Staffelführern der Space Jets beisammen und gedachte der gefallenen Besatzung der MF-K-07 bei einem Brandy.
„Auf die, die es hinter sich haben“, prostete er seinen Kameraden zu. Sie tranken aus, einer der Offiziere schenkte nach. „Das war es dann wohl. Die Nosmoter haben gewonnen und wir dürfen den Schwanz einkneifen und nach Hause trotten.“
„Immerhin leben wir noch“, warf Leutnant Abtacha ein. „Zumindest die meisten von uns.“
„Das ist wahr. Aber wir hätten es den Nosmotern trotzdem gezeigt.“
„Wir haben es ihnen gezeigt. Dieser Konteradmiral war nur so knapp von einer militärischen Katastrophe entfernt“, meinte Leutnant Brown von der Alphastaffel und deutete mit Daumen und Zeigefinger eine winzige Lücke.
„Noch knapper!“, lachte Leutnant Oboto und drückte die Finger des Kameraden ganz zusammen.
„Auf das Kriegsglück und seine Launen“, murmelte jemand. Die Offiziere prosteten einander zu und tranken.
„Major Laghat? Sir? Warum diese trübe Miene? In zwei Tagen sind wir über Ertrus und eine Woche später wieder auf Terra.“
„Das ist es ja gerade“, murrte er. „Ich hätte die FREYT kommandieren können. Verdammt, ich hätte es gemusst. Wenigstens jetzt, wo wir einen Flottenstützpunkt anfliegen, könnte ich doch das Kommando übernehmen.“
Kerran Laghat stand auf. Trauer und Zorn lag in seinem Blick. „Wissen Sie, wie sich das in meiner Akte machen wird, meine Herren? Ein Captain wurde mir vorgezogen. Eine Frau, verdammt. Was meinen Sie, wie das für die Beförderungskommission aussehen wird? Glauben Sie, die geben einem Mann ein eigenes Schiff, der sich von einer Frau hat ausstechen lassen?“ Frustriert stürzte Laghat den Inhalt seines Glases die Kehle hinab.
Seine Offiziere schwiegen betreten.
„Aber wir haben doch Gleichberechtigung und so...“
Oboto lachte hässlich. „Schon mal einen weiblichen Kommandanten gesehen? Die im Flottenhauptquartier sind doch konservativ bis ins Mark. Die wischen dem Major doch schon aus Prinzip eins aus, weil er es nicht gegen die Sobric geschafft. T´schuldigung, Sir.“
„Nein, ist schon gut. Sie haben ja recht. Soll ich Ihnen mal sagen, was auf mich wartet, meine Herren? Ein verdammter Schreibtischjob. Und wenn ich Glück habe, drückt mir Perry Rhodan oder Julian Tifflor zu meinem dreißigjährigen Flottenjubiläum ein Ticket für eine Kreuzfahrt in die Hand.“
„Wissen Sie, was Sie tun sollten, Sir?“, meinte Leutnant Abtacha und trank sein Glas ebenfalls leer. „Sie sollten in die Kommandozentrale gehen und Major Sobric mal richtig die Meinung sagen. Ich finde, das haben Sie sich verdient.“
Die anderen murmelten zustimmend. „Ach nein. Dafür ist es jetzt zu spät.“
„Ach, kommen Sie, Sir. Wollen Sie das auf sich sitzen lassen? Zeigen Sie es der Sobric.“
„Ja, ja, ist schon gut. Kommen Sie mit, meine Herren?“
„Aber selbstverständlich, Sir. Das wollen wir um keinen Preis der Galaxis verpassen.“
„Danke, Oboto. Leutnant Abtacha, hier ist die Keycard für den Waffenschrank der 01. Teilen Sie ein paar Impulsblaster und Nadler aus. Wir wollen der jungen Dame mal einen ordentlichen Schrecken einjagen.“
Grinsend stand der junge Mann auf, ergriff die Karte und verließ den Raum.
„Und hier ist der Plan. Fähnrich Walker, holen Sie Ihre Besatzung aus den Federn und bewaffnen Sie sie. Sie gehen in den Maschinenraum. Das wird der Sobric echt Angst einjagen, wenn sich da unten nur noch meine Leute melden. Leutnant Abtacha, Sie besetzen die Waffenkammer. Wir wollen doch nicht, daß jemand nervös wird und sich eine scharfe Waffe greift.“
„Was ist mit der Positronik, Sir? Was, wenn der Zentralrechner glaubt, daß wir meutern wollen und die Kampfroboter auf uns hetzt?“
„Benutzen Sie dieses Wort nicht in meiner Gegenwart, Brown!“, blaffte Laghat gereizt.
Der andere versteinerte. „Natürlich nicht, Sir. Es war nur ein Gedanke.“
„Gut! Was nun Ihre Frage angeht, wir werden die Kampfroboter der Korvetten benutzen. Sollte jemand oder die Positronik ein paar Mark XII in den Magazinen aktivieren, werden unsere Marks das Schlimmste verhindern, bis der Rückrufbefehl kommt.
Lorentos, Sie wecken Ihre Crew ebenfalls und rüsten sie aus. Sie kommen mit mir und den anderen Offizieren in die Kommandozentrale. Herrschaften, das wird ein Spaß, sage ich Ihnen!“

10.
Als Major Laghat eine halbe Stunde später die Zentrale der MICHAEL FREYT betrat, war die Sache schon gelaufen. Abtacha stand mit seinen Leuten in der Maschinenhalle, die Crew der 03 unter Fähnrich Walker hatte die Waffenkammer erreicht und zwanzig Mark XII – Kampfroboter aus Korvettenbeständen standen vor den Magazinen ihrer stählernen Kollegen von der FREYT.
Das würde ein Auftritt werden. Während sie im zentralen Antigravschacht nach oben, Richtung Zentrale schwebten, lächelte Kerran Laghat noch einmal gewinnend in die Runde. Die Offiziere trugen alle die handlichen kleinen Nadler mit Desintegratormodus. Die Unteroffiziere und einfachen Mannschaften trugen Holster für die schweren Impulsblaster um die Hüften.
Laghat schwang sich als erster aus dem Antigravschacht. Hinter ihm folgten sieben Offiziere und zweiunddreißig Soldaten. Das Sicherheitsschott der Zentrale war nicht verriegelt. Auch hier war mittlerweile Ruhe eingekehrt, nachdem der technische Bereich so gut wie wiederhergestellt war. Es waren nur noch elf, zwölf Techniker an der Arbeit, und – wie hatte es anders sein können – Major Sobric. Diese Streberin wollte natürlich vor Ort sein, in der Zentrale. In seiner Zentrale, verdammt! In seinem Sessel!
Mühsam bekämpfte Kerran seinen Zorn und bemühte sich, nicht zu schlecht von der Sobric zu denken. Schließlich wollte er sie nicht umbringen. Nur erschrecken. In Panik versetzen. Dieser Frau zeigen, wo ihre Grenzen lagen. Ihr eine nachhaltige Lektion für seine Demütigung erteilen.

„Bereit, meine Herren?“, fragte er, nachdem er sich wieder im Griff hatte.
Zustimmendes Gemurmel erscholl.
„Dann los.“
Kerran Laghat betrat die Zentrale als Erster. Seine Leute verteilten sich sofort im ganzen Raum. Anica Sobric sah ihn aus müden Augen an. Sie hatte in den letzten Stunden wahrscheinlich nicht eine Minute ausgeruht, und auch jetzt ging sie unzählige Meldungen durch, anstatt sich wie der Rest der Crew hinzulegen. Beinahe hätte er Achtung vor diesem jungen weiblichen Offizier empfinden können. Das Wohl des Schiffes lag ihr sehr am Herzen, wie es schien. Aber jetzt waren sie nun mal hier, da konnten sie den Scherz auch durchziehen.
„Major Laghat?“, fragte sie überrascht, als sie die Soldaten des Chefs der Beibootflotte bemerkte. „Was verschafft mir die Ehre?“
„Es ist jetzt genau zwei Uhr Morgens Terrania Standart, Major Sobric. Die richtige Zeit für eine kleine Pause.“
„Pause? Wie meinen Sie das?“, fragte sie argwöhnisch. Ihre Augen weiteten sich leicht, als sie die Impulsblaster und Nadler in den Händen seiner Leute sah. „Was wollen Sie hier oben, Major Laghat?“
„Ich will mich beschweren. Wissen Sie, ich habe es schweren Herzens eingesehen, dass Sie das Kommando für die Schlacht um das Normon-System bekommen haben und nicht ich. Aber stellen Sie sich vor, ich habe auch Lehrgänge gemacht und Belobigungen bekommen. Ich habe einen ganzen Stapel von Zertifikaten aller Art.
Ich bin qualifiziert, dieses verdammte Schiff zu führen. Und sei es nur, diesen Kahn nach Ertrus im Kreit-System zu schippern. Und von da nach Sol. Aber nicht einmal das wollten Sie mir ja gönnen. Wissen Sie eigentlich, dass Sie meine militärische Karriere quasi zerstört haben? Ich stehe vor Ihnen als gebrochener Mann!“
Anica Sobric erhob sich aus dem Kommandantensessel und hob eine Augenbraue. „Als gebrochener Mann mit einem Überfallkommando. Was soll dieser Quatsch, daß ich Ihre Karriere zerstört habe? Ich bin nicht schuld daran, daß ich die Nächste in der Befehlskette bin, und ich bin auch nicht schuld daran, daß Sie ein Frauenhasser sind.“
„Ah!“, machte Laghat und griff sich ans Herz. Der Rudyner drehte sich einmal um seine Achse und grinste seinen Leuten zu. „Jetzt haben Sie mich aber getroffen, Major Sobric. Ich und ein Frauenhasser? Aber nicht doch. Wäre ich ein Frauenhasser, dann wäre ich kurz nach dem ersten Gefecht in diese Zentrale marschiert und hätte Sie erschossen.“
Kerran ging an Anica Sobric vorbei und ließ sich in ihren Sessel fallen. „Fühlt sich gut an. Fühlt sich sogar sehr gut an.“
Anica warf einen unruhigen Blick auf die anderen Offiziere und auf die Techniker. „Kommen Sie zum Punkt, Major. Ich habe noch sehr viel zu tun.“
„Aber, aber, Frau Major. Das ist eine Lektion, die Sie schnellstens lernen sollten. Der Schiffsbetrieb bricht nicht sofort zusammen, wenn Sie mal fünf Minuten nicht in der Zentrale sind. Ich gratuliere übrigens zur Beförderung, auch wenn sie nur vorläufig ist. Um mich ruhig zu stellen.“
Anica ballte die Hände zu Fäusten. Hinter ihr spielte einer der Offiziere mit der Sicherung seines Nadlers. Sichern – entsichern – sichern – entsichern. Sie zwang sich, die Fäuste wieder zu öffnen.
„Sagen Sie endlich, was Sie hier wollen, Herr Major, oder verschwinden Sie aus meiner Zentrale.“
„Aber, aber, Sie haben doch nicht etwa Angst? Keine Scheu, mein Kleines, Onkel Kerran tut Ihnen nichts. Es ist so, Sie haben mich vorhin vor Ihren Leuten beleidigt. Es ist doch nur recht und billig, wenn Sie sich dafür bei mir vor meinen Leuten entschuldigen.“

Plötzlich schlugen die Sirenen an. Eindringlingsalarm. Anica fuhr herum. Einer der Offiziere, er hieß Brown, riss einen Techniker vom provisorischen Schaltpult für Interne Kommunikation weg. Ein Druck auf den richtigen Sensor, und das Heulen verstummte.
Laghat gähnte demonstrativ. „Zwecklos. Ich habe meine Leute postiert. Vor den Kampfrobotermagazinen, vor der Waffenkammer. Es wird Zeit für Ihre Entschuldigung, FRAU MAJOR!“
„Von Maschinenraum, Fähnrich Walker, Sir.“
Laghats Grinsen verbreiterte sich noch ein wenig mehr. „Ach, vergaß ich zu erwähnen, dass ich auch im Maschinenraum meine Jungs habe? Sprechen Sie, Fähnrich.“
Am anderen Ende der Leitung war ein trockenes Schlucken zu hören, untermalt von nervösem Gemurmel.
„Sir, wie soll ich das erklären? Es gab Ärger im Maschinenraum. Wir haben die Situation aber im Griff.“
Laghats Grinsen verschwand. „Definieren Sie Ärger, Fähnrich.“
„Wir haben hier zwei Tote und einen Schwerverletzten, Sir.“
„Sie haben was?“, brüllte Laghat.
Anica trat an die Kommunikationsanlage des Kommandantensessels heran. „Hier ist Major Sobric. Wie zum Tai´Ark Tussan konnte das passieren?“
„Major Sobric? Es war nicht unsere Schuld. Wir haben doch nur den Maschinenraum besetzt. Dann haben uns die Techniker mit Laserschweißern angegriffen. Ma´am, wir mussten uns doch wehren.“
„Hier ist Major Laghat wieder. Wer sind die Toten?“ „Techniker Erster Klasse Susan Irtysch und Techniker Dritter Klasse Leon Corrand. Cheftechniker Fennigan wurde verletzt, Sir. Ein Medo ist unterwegs.“
Das Gesicht des Rudyngeborenen wurde aschfahl. Für fünf Sekunden wurde es totenstill in der Zentrale des Schlachtschiffes. Fünf lange Sekunden, die sich zu einer Ewigkeit dehnten.
Schließlich brach es aus Major Sobric hervor: „Was planen Sie jetzt, Kerran?“
Laghat stand auf und räusperte sich. Er sah sich im Kreis seiner Leute um. Einige schienen verstört, einige wussten anscheinend, was nun kommen würde und entsicherten bereits ihre Waffen. Einer betete stumm zu seinem Gott.
Kerran Laghat seufzte leise und zog seinen Nadler aus dem Halfter. Er entsicherte die kleine Waffe und richtete die Mündung mit dem Abstrahlfeld auf Major Sobrics Kopf.
„Es tut mir leid, aber wir können jetzt nicht mehr zurück. Nicht, nachdem es Tote gegeben hat. Ich enthebe Sie Ihres Amtes und übernehme das Kommando über die MICHAEL FREYT. Leutnant Brown, arrestieren Sie Major Sobric und ihre Leute in der Messe der Zentrale. Sorgen Sie dafür, daß auch die Zentralebesatzung, die gerade in den Betten liegt, in die Messe gebracht wird. Danach lassen Sie die restlichen Besatzungen in den Korvetten wecken. Ab sofort dürfen sich von der regulären Crew nur die Reparaturteams innerhalb des Schiffes frei bewegen. Sie stellen die Wachmannschaften für sie zusammen, Leutnant Oboto.
Die restliche Besatzung der FREYT bekommt bis auf Weiteres Arrest auf ihren Decks. Sperren Sie die Energie für die Antigravschächte und sorgen Sie dafür, daß die Notaufgänge bewacht werden. Deaktivieren Sie alle Kampfroboter, auch die der Korvetten. Zwei Tote sind bereits zwei Tote zuviel. Major Sobric. Es tut mir leid, daß es soweit kommen musste.“
„Glauben Sie mir, auch mir tut es leid“, erwiderte Anica.
„Bringen Sie den Major weg. Ich brauche sofort eine Verbindung zu Leutnant Abtacha an der Waffenkammer.“

11.
Die Lage an Bord der MICHAEL FREYT verwirrte sich für ein paar Minuten, als Major Laghat die Crew per Interne Kommunikation über die veränderte Lage informierte. Die Landungssoldaten, die beim Eindringlingsalarm sofort zu den Magazinen geeilt waren, schienen im ersten Moment froh, daß nicht die Nosmoter den Alarm ausgelöst hatten. Als sie jedoch verstanden, daß die Korvettenbesatzungen meuterten war ihr Entsetzen größer als es eine Legion Dolans hätte verursachen können.
Die einzelnen Sektionen der FREYT waren weitestgehend autark. Die Zentralebesatzung hatte eigene Quartiere und eigene Messen, die Techniker hatten ihre Bereiche, die Beibootbesatzungen hatten ebenfalls ihre Quartiere. An Bord eines achthundert Meter durchmessenden Schiffes war es für ein paar hundert einen Meter achtzig große Flöhe nicht weiter schwer, sich aus dem Weg zu gehen. Genauso gut konnte man sich aber auch begegnen. Es gab gemeinsame Freizeiträume, Trainingshallen, Bars und ein paar kleine Schwimmbäder, die sehr unregelmäßig von allen Gruppen an Bord benutzt wurden. Man kannte sich untereinander. Nicht jeder jeden, aber die Sektionen bildeten keine eigenbrötlerischen Kolonien. Deshalb war es so schwer zu verstehen, wie Menschen, wie Kameraden und Freunde, die gestern noch mit ihnen gekämpft hatten heute plötzlich eine Meuterei anzettelten. Genauso gut hätte Solarmarschall Julian Tifflor bei den Parlamentswahlen gegen Perry Rhodan um das Amt des Großadministrators antreten können, das war ebenso unwahrscheinlich. Es dauerte sehr lange, bis die Soldaten an Bord der FREYT begriffen, was passiert war. Und es dauerte noch einmal solange, bis sie verstanden, warum es passiert war.
Am Schluss beschäftigte sie alle eine Frage: Was würde jetzt geschehen?

Als Major Laghat seine Offiziere zur Lagebesprechung einlud, war die Situation an Bord unter Kontrolle. Der Maschinenraum und die Waffenkammern waren fest in ihrer Hand, die Zentrale von seinen Leuten besetzt. `Dafür, dass wir eigentlich keine Meuterei vorgehabt haben´, dachte Kerran Laghat in einem Anflug von Zynismus, `hat sie aber vortrefflich geklappt´.
Leutnant Oboto berichtete über die Reparaturarbeiten an der FREYT. „Der Brand in der Inneren Zelle ist jetzt gelöscht. Er stellt keine Gefahr mehr für das Schiff dar. Die Anzahl der Reparaturcrew wurde verdoppelt, um die Arbeiten an den technischen Systemen zügig fortzusetzen. Ich habe Dreierteams bilden lassen, die je von einem unserer Leute begleitet werden. Ich schätze, daß wir in drei oder vier Stunden die gröbsten Fehler ausgemerzt haben. In acht ist das Schiff startbereit.“
Kerran Laghat strich sich nachdenklich übers Kinn. Er spürte bereits die ersten Stoppel. Von der Ruhe, einfach etwas Antibartcreme auftragen zu können, war er weit entfernt.
„Acht Stunden also“, murmelte er.
„Sir? Das Schiff ist fest in unserer Hand. Was machen wir jetzt?“
Laghat sah dem Offizier in die Augen. Dort flackerte zwischen Entschlossenheit und Trotz ein kleiner Funken Verzweifelung. Er konnte den Mann verstehen. Sie alle hatten riesige Probleme. Und von ihm erwarteten sie, daß er sie löste.
Laghat stand auf und marschierte im kleinen Besprechungsraum auf und ab. „Das ist eine gute Frage. Die FREYT gehört uns, aber was machen wir jetzt mit ihr?“
Fähnrich Stanglmair von der MF-K-03 meldete sich zaghaft. „Vielleicht können wir uns mit den Korvetten absetzen, Sir?"
„Das ist immerhin ein Gedanke“, knurrte Kerran Laghat grimmig. „Weitere Vorschläge?“
Leutnant Abtacha stand auf. „Ich denke, wir sind uns alle darüber klar, daß wir nicht mehr nach Terra zurückkehren können. Auf Meuterei stehen zwanzig Jahre, die Verjährungsfrist beträgt ebenfalls zwanzig Jahre. Ich glaube, es dürfte uns etwas schwer fallen, dem Flottenhauptquartier auf Terra zu erklären, daß das Ganze nur ein Scherz sein sollte. Also, uns bleibt nur, das Solare Imperium zu verlassen. Wieso bieten wir den Nosmotern nicht die FREYT im Austausch für Asyl an?“
„Nachdem wir gerade erst gegen sie gekämpft haben? Glauben Sie wirklich, die Nosmoter gehen darauf ein?“ rief Leutnant Oboto und lachte hässlich.
„Also, ich finde, die Idee hat Potential“, meldete sich Leutnant Brown zu Wort. „Die FREYT ist selbst in ihrem angeschlagenen Zustand ein sehr kampfstarkes Schiff. Sie wäre für das Normon-System eine gewaltige Verstärkung. Ich persönlich möchte lieber in einer terranischen Kolonie leben als bei den Akonen oder den Blues.“
„Die Idee ist wirklich gut“, sagte jetzt Major Laghat und beendete seine rastlose Wanderung. „Aber Nosmo kommt nicht in Frage. Nicht, weil wir ihnen die ERIC MANOLI weggeschossen haben, sondern weil dieser Konteradmiral Bassa anscheinend sehr um ein gutes Verhältnis zu Terra bemüht ist. Verständlich. Die Nosmotische Regierung würde uns wahrscheinlich an Terra ausliefern.
Aber es gibt viele Fische im Teich. Zeitgleich mit Nosmo sind siebzehn weitere ehemalige Kolonien aus dem Verband des Solaren Imperiums ausgeschert. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht eine davon ein leicht lädiertes Kriegsschiff der STARDUST-Klasse mit Handkuss nehmen würde.“
„Schwebt Ihnen eine bestimmte Welt vor, Sir?“
„In der Tat, Leutnant Abtacha. Wie ich erfahren habe, hat sich auch meine Heimat, Rudyn im Ephelegon-System ebenfalls von Terra losgesagt. Rudyn verfügt bereits über eine eigene kleine Flotte und würde die FREYT als zusätzliche Verstärkung sicher gerne annehmen. Außerdem werden gute Offiziere immer gebraucht. Sie, ich, wir alle hätten nicht nur ein Auskommen, nein, wir hätten in der Flotte meiner Heimatwelt auch noch hervorragende Karrieremöglichkeiten. Das wäre übrigens das erste Mal, daß meine Abstammung einen Vorteil bedeutet, meine Herren.“
Die Anwesenden lachten höflich.
„Also Rudyn“, brummte Leutnant Abtacha. „Und was geschieht mit den anderen?“
„Wir werden sie auf einer terraähnlichen, unbewohnten Welt aussetzen. Wenn wir ihnen Ausrüstung und Proviant mitgeben, sollten sie gut genug leben können, bis ein Raumschiff sie abholt.“
„Bei allem Respekt, Sir, aber ich persönlich würde mich sehr viel wohler fühlen, wenn wir unsere Kameraden auf einer bewohnten Welt aussetzen könnten“, warf Leutnant Brown ein.
„Ich bin ebenfalls der Ansicht, daß wir dieses Risiko für unsere ehemaligen Kameraden eingehen sollten, Sir.“
„Und Sie, meine Herrschaften, sind Sie ebenfalls der Meinung? Also gut, Leutnant Abtacha, Leutnant Brown, wir setzen sie auf einer bewohnten Welt aus. Die Besprechung ist beendet, meine Herren. Informieren Sie Ihre Leute über die Ergebnisse. Anschließend bereiten Sie Ihr Aufgabengebiet auf den Abflug vor. In acht Stunden verlassen wir das Normon-System Richtung Rudyn.“
*
„Probiere es jetzt mal, Kleiner!“, rief Sergeant O´Donnelly Leutnant Takagi zu. Der junge Offizier hantierte am Bedienungspult des HÜ-Schirmgenerators, an dem der Unteroffizier hing und aktivierte ein Testprogramm.
Von der anderen Seite des Schirmfeldgenerators meldete Fähnrich Barton: „Der stille Verbraucher ist weg, Sarge. Sie haben es hingekriegt. Damit ist der Generator wieder auf hundert Prozent.“
„Gute Arbeit“, sagte Niko Takagi leise. Er schielte zu dem Soldaten hinüber, der sie bewachte. „Worüber ich mich normalerweise sehr freuen würde.“
Der Soldat nahm den schweren Impulsblaster aus der Armbeuge und knurrte böse.
„Ist ja schon gut!“, rief O´Donnelly und hangelte sich an der Maschine herab. „Niemand macht Ihnen Ihren Heißgeliebten Major Laghat madig. Und ehrlich gesagt freue ich mich schon auf den Kurzurlaub, den der Major uns verpassen will. Wo werden wir denn ausgesetzt? Sphinx? Lepso? Apas?“
Wieder knurrte der Soldat böse, nahm den Blaster aber zurück in die Armbeuge. Im Bund seiner Uniformhose steckte noch ein handlicher Nadler.
Sean O´Donnelly grinste unverschämt. Er warf Leutnant Takagi einen schnellen Blick zu, der nickte unmerklich. Von links kam Fähnrich Janice Barton um den Aggregatblock. Sean befand sich noch in gut drei Meter Höhe, als er abrutschte und zu Boden fiel. Er brüllte vor Schreck. Als er auf dem Hallenboden aufschlug, knickten die Beine unter ihm weg und er stürzte schwer zu Boden. Er umklammerte sein Bein mit der Muskelschwäche und wimmerte leise.
„Verdammt, Sarge, was sollte das?“, brüllte Takagi. „Wieso ziehen Sie so einen idiotischen Stunt ab? Ich habe Ihnen gleich gesagt, daß Sie sich auf dem Maschinenblock anschnallen sollen. Aber haben Sie auf mich gehört? Haben Sie? Nein, Sean O´Donnelly wusste es mal wieder besser. Das haben Sie jetzt davon!“
„Brüllen Sie nicht so!“, beschwerte sich Barton und trat zwischen sie. „Es hat den Sarge schlimm erwischt, und Sie machen die Situation nicht besser, wenn Sie ihn anbrüllen, Sie gefühlloser, arroganter Idiot!“
„So! O´Donnelly springt aus drei Meter Höhe auf Terkonitstahl, aber ich bin der Idiot! Na toll. Läuft da was zwischen Ihnen beiden, Fähnrich? Haben Sie schon herausgefunden, wie weit seine Muskelschwäche geht?“
Janice Bartons Miene verzerrte sich. Ihre Rechte zuckte vor und traf den Leutnant auf der linken Wange. Es klatschte laut.
Auf Takagis Wange zeichnete sich der Umriss ihrer Hand ab. In seinen Augen blitzte der Zorn, als er ihre Handgelenke ergriff und sie brutal herumzerrte. „Das haben Sie nicht umsonst gemacht!“
Erschrocken kreischte Janice auf, als Takagi sie losließ und sie zu Boden fiel.
Sofort war der Leutnant heran und holte zum Schlag aus, als der Posten herbeigelaufen kam und mit der Abstrahlmündung des Impulsblasters drohte. „Das reicht jetzt, Leutnant. Lassen Sie den Scheiß, oder ich verpasse Ihnen eine!“
Takagi ließ die Arme wieder sinken. Gleichzeitig nahm der Posten die Waffe wieder runter.
Plötzlich schnellte sich O´Donnelly von seinem Platz auf den Posten, schlug den Lauf der Waffe zur Seite und riss ihn zu Boden. Sofort war Takagi heran und verpasste dem überraschten Soldaten einen saftigen Kinnhaken.
„Das wäre geschafft!“, keuchte er atemlos.
Fähnrich Barton kam ebenfalls herbeigestürzt und nahm die Waffen der Wache an sich. „Das Magazin ist voll. Nehmen Sie den Impulsblaster, Sergeant, und ein paar Magazine. Sir, ich denke, Sie sollten den Nadler nehmen.“
Leutnant Takagi griff nach der schlanken Desintegratorwaffe, rieb sich mit der Linken die schmerzende Wange und sah den Fähnrich vorwurfsvoll an. „Mussten Sie so hart zuschlagen? Ich glaube, meine Weisheitszähne haben sich gelockert.“
Janice Barton drückte dem verdutzten Offizier einen Kuss auf die lädierte Wange und meinte nur: „Es musste ja echt wirken, damit der Posten drauf reinfiel, nicht wahr?“
„Verdammt echt“, brummelte der Leutnant, schon halb versöhnt. „Also, Sarge, was jetzt? Sie sind der Mann mit der Kampferfahrung.“
„Ich schlage vor, wir rekrutieren noch ein paar Leute aus den Reparaturkommandos. Dann versorgen wir uns mit Waffen.“
„Die Waffenkammer wird sicher noch immer streng bewacht, Sarge“, gab Fähnrich Barton zu bedenken.
O´Donnelly grinste sie an. „Die der FREYT, ja. Aber was ist mit den Waffenkammern an Bord der Korvetten?“
„Guter Plan. O´Donnelly, Sie gehen alleine. Fähnrich, Sie kommen mit mir. Wir brauchen mindestens zwanzig Mann. Anschließend treffen wir uns im Hangar der MF-K-06. Die Mannschaft dieser Korvette wurde erst später eingesetzt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie mit Waffen aus der FREYT versorgt wurde und nicht mit den bordeigenen Waffen. Anschließend bilden wir zwei Kommandos. Eines befreit den Major und stürmt die Zentrale. Das andere erobert den Maschinenraum zurück und versucht, unsere Leute auf den Mannschaftsdecks zu befreien.“
„Das ist auch ein guter Plan und eine verdammt gute Analyse“, lobte der Sergeant.
„Also los. Wir treffen uns im Korvettenhangar.“
*
Sie waren fünfundzwanzig Leute in der Messe, vier Frauen und einundzwanzig Männer. Alle gehörten zur Stammbesatzung der Zentrale. Der Rest war entweder den Reparaturtrupps zugeteilt worden oder hatte es nicht mehr rechtzeitig aus den Mannschaftsdecks heraus geschafft, bevor diese blockiert worden waren.
Vor der einzigen Tür der Messe stand Leutnant Oboto, in der Hand einen Impulsblaster mit Narkosemodus.
Anica Sobric nahm zufrieden zur Kenntnis, daß der Narkosemodus aktiviert war, nicht der tödliche Thermostrahler. Ihre Untergebenen hatten sich mit der Situation abgefunden. Einige schliefen, andere aßen etwas oder unterhielten sich leise. Anica saß allein an einem Tisch, genau dem Leutnant gegenüber. Sie starrte ihn an, einfach so. Oboto sah weg. Als er wieder in ihre Richtung sah, starrte sie immer noch.
„Was?“, rief er gequält. „Was wollen Sie?“
Anica zuckte die Achseln. „Ach, nichts. Ich versuche nur zu verstehen, was Sie gerade machen. Warum Sie es machen.“
„Das müssten doch gerade Sie verstehen können!“, blaffte der Offizier gereizt.
„Erklären Sie es mir.“ Anica stand auf, kam um den Tisch herum und lehnte sich gegen die Tischkante. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah den Korvettenkommandanten auffordernd an. „Erklären Sie mir, warum Sie für Ihren Major Laghat gegen das Solare Imperium rebellieren. Nein, das ist schlecht formuliert. Erklären Sie mir, wieso Sie ihm blind folgen.“
Oboto verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. „Weil ich ein gerechter Mann bin. Kerran Laghat ist ein verdammt guter Offizier, und ich finde es verdammt mies, daß er diskriminiert wird, nur weil er nicht auf Terra geboren wurde.“
„Aber Sie wurden auf Terra geboren, oder? Sie haben doch sicher Familie auf Terra. Die meisten haben Familie auf Terra.“
„Ich wurde im Bundesstaat Kongo geboren. Meine Familie lebt im Bundesstaat Kongo, und ich weiß verdammt noch mal, daß ich sie jetzt für eine lange Zeit nicht wieder sehen kann. Aber ich kann nicht anders. Sehen Sie mich an. Was fällt Ihnen an mir auf?“
„Hm, Sie sind sehr groß, fast zwei Meter. Und Sie haben blaue Augen.“
„Dass ich eine schwarze Haut habe, ist für Sie nicht wichtig?“
„Wieso sollte es? Was für ein Unterschied macht es, ob Sie eine weiße Haut wie ein Arkonide oder eine grüne wie ein Siganese oder eine schwarze wie ein Paddler haben? Ändert das den Menschen, der in ihr steckt?“
„Wissen Sie, das ist eine gute Einstellung. Das war nicht immer so. Vor gar nicht mal vierhundert Jahren hätte ich noch von vorneherein als minderwertiger Mensch gegolten, nur wegen meiner negroiden Vorfahren. Damals herrschte noch so etwas, was man Rassendiskriminierung nannte.“
„Man wertet jemand anderen ab und erfährt dadurch eine Aufwertung. Ich weiß. Hören Sie, ich habe auch in Geschichte aufgepasst. Das trifft doch heute nicht mehr auf Sie zu, Leutnant.“
„Heute nicht mehr, da haben Sie recht. Aber was ist mit Ihnen? Durch wie viele Höllen mussten Sie gehen, bis das Flottenhauptquartier Ihnen einen leitenden Posten an Bord eines Raumschiffes genehmigt hat? Wie viele Frauen kennen Sie in einer ähnlichen Position? Sie werden doch diskriminiert, weil Sie eine Frau sind. Ist es denn so schwer zu glauben, daß Laghat diskriminiert wird, weil er nicht auf Terra geboren wurde? Ist es so unwahrscheinlich, daß da jemand im Flottenhauptquartier in Terrania sitzt und dafür sorgt, daß Terraner, die nicht auf Terra geboren sind niemals ein eigenes Kommando erhalten, damit sie - ich weiß nicht, ihr Schiff nicht entführen können?“
„Was Ihr Herr Major ja gerade macht, oder?“, warf Anica trocken ein.
Wütend presste Oboto die Lippen aufeinander.  
„Ich habe doch Recht, oder?“, fügte Anica hinzu.
„Kerran hat uns immer gut behandelt. Er ist ein guter Offizier. Ich schulde ihm viel.“
„Aber schulden Sie ihm auch so viel, daß Sie aus der Flotte desertieren? Überlegen Sie bitte mal, wem Ihre Loyalität gelten sollte. Einem Mann, dessen Scherze zwei guten Leuten das Leben gekostet haben, oder denen, die immer noch die Erde und das Solare Imperium beschützen wollen, anstatt ihm den Rücken zuzudrehen? Und was wird Ihre Familie dazu sagen?“
„Das war nicht fair!“, blaffte der Leutnant wütend.
„Die Wahrheit tut meistens weh! Wachen Sie auf, Leutnant. Die Traumstunde ist vorbei. Kerran Laghat war ein guter Offizier. Jetzt ist er ein Deserteur. Und wenn Sie so dumm sind, ihm bei seiner Flucht zu helfen, haben Sie es auch nicht besser verdient, als ebenfalls ein Deserteur zu sein.“
Oboto griff sich an die Stirn und schluchzte leise. „Ich habe zwei Brüder. Emile wollte heiraten, wenn die Sache mit den Dolans vorbei ist. Und Jaques ist in der SolAb. Sie werden nicht verstehen, warum ich das hier mache.“
„Es heißt, als diese riesige Dolan-Flotte die Erde angegriffen hat, sei das Kongobecken ziemlich schwer verwüstet worden. Ich bin sicher, es wird ein hartes Stück Arbeit, das Land wieder in Ordnung zu bringen. Aber eine gute Arbeit ist besser als eine Meuterei.“
Oboto sah auf. „Sie bieten mir einen Deal an?“
„Dem Oberstleutnant zuliebe kann ich nicht zulassen, daß Laghat die FREYT stielt. Helfen Sie mir, Leutnant. Sie werden mit Sicherheit aus der Flotte entlassen, aber ich kann dafür sorgen, daß Sie nicht mit einer Haftstrafe belegt werden. Sagen wir einfach, Sie haben einen Fehler gemacht. Wichtig ist jetzt, daß Sie nicht wie Major Laghat einen zweiten Fehler machen.“
Oboto griff nach dem Nadler in seinem Gürtel und checkte die Ladung. Er richtete die Waffe auf Major Sobric. Schließlich schüttelte er den Kopf und warf ihr die Waffe zu. „Sie haben einen Plan?“
„Noch nicht. Wir warten.“
„Was? Erst reden Sie solange auf mich ein, bis ich meine Meinung ändere, und jetzt wollen Sie warten? Worauf?“
„Das werden Sie schon sehen, Leutnant Oboto.“

Die Sirenen schlugen an. Das Heulintervall bedeutete Eindringlingsalarm. Anica Sobric grunzte zufrieden. „Darauf. Gehen wir auf den Gang.“
Als Oboto die Tür öffnete, drückte ihm jemand das Abstrahlfeld eines Desintegrators unter die Nase. Er stolperte rückwärts in den Raum zurück. Ihm folgten Sergeant O´Donnelly und neun weitere bis an die Zähne bewaffnete Soldaten.
„Das hat aber lange gedauert, Sean. Ich hatte früher mit dir gerechnet. Nimm die Waffe runter. Oboto ist auf unserer Seite.“
Sean sah den Leutnant ernst an. „Die Wahrheit tut weh, was?“, fragte er verständnisvoll.
Überrascht erwiderte Oboto: „Wem sagen Sie das?“
„Also gut“, sagte Major Sobric, während die übrigen Waffen von O´Donnelys Einsatztruppe verteilt wurden, „wir stürmen die Zentrale. Das Überraschungsmoment können wir wohl getrost vergessen. Also machen Sie sich keine Hoffnungen. Wenn Sie die Chance haben, schießen Sie. Und treffen Sie. Wir werden versuchen, in den Funkraum zu gelangen und einen Notruf an die Flotte abzusetzen. Mit etwas Glück können wir die Zentrale oder die Funkbude halten, bis Verstärkung eintrifft. Ich und O´Donnelly gehen an der Spitze. Oboto, schaffen Sie das?“
Der Leutnant sah sie entschlossen an. „Diesmal gibt es kein zurück, oder?“
„Nein, diesmal nicht. Mir nach.“
*
„Was ist passiert?“, brüllte Major Laghat, als der Alarm aufgellte.
„Sir, der Maschinenraum wurde angegriffen. Wir haben da unten drei Tote“, meldete Leutnant Abtacha. „Außerdem hat jemand die Wachen an den Antigravschächten zu den Mannschaftsdecks attackiert. Sie konnten zurückgeschlagen werden. Wir haben einen Mann verloren, die anderen drei.“
„Was wird hier gespielt, zum Teufel? Sind zwei Tote denn noch nicht genug? Ist der Maschinenraum noch in unserer Hand?“
„Nein, Sir. Ich schicke gleich ein Team runter“, sagte der Leutnant.
„Warten Sie, Abtacha. Aktivieren Sie ein paar Mark XII und schicken Sie die mit zum Maschinenraum!“
„Sir, wir müssen die Kampfroboter erst reaktivieren. Das kann Stunden dauern. Außerdem, ist ihr Einsatz nicht etwas drastisch?“
„Wir hatten Tote. Die hatten Tote. Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, das hier ist kein Spiel. Jetzt ist es ein Krieg, und es geht um unseren Hals. Wenn wir die sekundäre Antriebskontrolle nicht in unserer Gewalt haben, sind wir geliefert.“
„Deckung!“, rief jemand.
Laghat fuhr in Richtung Hauptschott herum und sah, wie die Wache von zwei Thermoblitzen durchbohrt wurde. Der Mann zuckte kurz und fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Laghat riss seine Dienstwaffe aus dem Holster und ging hinter dem Kommandantensitz in Deckung. Da waren die ersten Angreifer auch schon heran. Der riesenhafte Sergeant aus der Ortung lief vorneweg, warf sich hinter eine Konsole und feuerte aus seiner Deckung auf die Verteidiger. Neben ihm warf sich Leutnant Oboto zu Boden und feuerte ebenfalls auf seine ehemaligen Kameraden.
„Oboto!“, knurrte der Major wütend und legte auf den Verräter an. Doch er konnte nicht abdrücken. Der Junge tat irgendwie ja nur seine Pflicht, und diese Erkenntnis schmerzte. Kerran Laghat riss die Waffe herum und feuerte stattdessen auf einen jungen Korporal, der wie ein Idiot brüllend mitten in die Zentrale stürmte und dabei wild um sich schoss. Ihn trafen über zwanzig Waffenimpulse zugleich.
`Das waren fast alle unsere Waffen in der Zentrale´, wurde Laghat schlagartig bewusst. Diese Zeit der Unaufmerksamkeit hatten Sobrics Leute genutzt, um in die Funkzentrale zu kommen. Major Sobric hockte im Schottrahmen und gab aus ihrer Position Feuerschutz. Oboto lief herüber und sprang mit einem Hechtsprung in Sicherheit. O´Donnelly folgte ihm. Dabei sah er kurz zur Leiche des jungen Korporals herüber. Des jungen toten Korporals.
Ein paar Sekunden später verschwand Anica Sobric als letzte im angrenzenden Raum. Das schwere Schutzschott schwang zu und sperrte sie ein – und ihn aus.

„Verluste?“, rief der Major.
„Leutnant Abtacha ist verletzt und Nehmert ist gefallen.“
„Verdammt! Ich brauche sofort eine Verbindung zu den Magazinen. Wir brauchen die Kampfroboter. Und geben Sie den Befehl durch, daß ab sofort Kampfanzüge ausgegeben werden!“
„Ein Hyperfunkspruch wird abgestrahlt. Geringe Sendeleistung, Sir!“
„Sperren Sie dem Funkraum sofort die Energie!“, blaffte der Major.
„Tut mir leid, Sir. Im Moment sorgen transportable Generatoren für Energie im Funkraum. Die Hauptenergie ist doch explodiert.“
„Dann werden wir ihn eben erobern müssen. Abtacha, gehen Sie auf die Krankenstation. Irgendjemand besorgt mir jetzt einen Kampfanzug, ein paar Kampfroboter und ein paar Aspirinpflaster, und zwar in der Reihenfolge.“

12.
Im Maschinenleitstand hatten sich die befreiten Techniker und das kleine Einsatzkommando verbarrikadiert. Neunmal hatten die Meuterer nun angegriffen, neunmal hatten sie den Gegner zurückgeschlagen. Wie viel Zeit mochte seither vergangen sein? Laut Leutnant Takagis Armbandchronometer drei Stunden und ein bisschen. Laut seinem Gefühl eine halbe Ewigkeit.
Neben Niko Takagi hockte Fähnrich Barton. Sie wechselte das Magazin ihres Strahlers. Als sie versuchte, ihren verletzten rechten Arm dafür zu benutzen, fluchte sie unbeherrscht.
„Tut weh, was?“, meinte der Leutnant mitfühlend und nahm ihr den Blaster aus der Hand.
Sie war beim Sturm auf die Antigravschächte des Mannschaftsdecks angeschossen worden und hatte sich geweigert, den Lazarettbereich aufzusuchen.
Die Wunde blutete nicht, der Treffer hatte aber ein paar Sehnen durchgetrennt und ein viel zu großes Loch in ihren Bizeps gebrannt.
Takagi lud ihre Waffe fertig und gab sie dann zurück.
„Sie sind tapfer.“
„Danke, Sir.“
„Und dumm“, schränkte er seine eigenen Worte ein.
„Das weiß ich selbst. Aber einer muß ja auf Sie aufpassen, nicht? Außerdem brauchen Sie hier jede Hand, die eine Waffe halten kann. Bei den letzten vier Angriffen trugen die Meuterer Kampfanzüge, beim nächsten Angriff werden sie vielleicht bereits die Kampfroboter der Korvetten einsetzen“, erwiderte Barton.
„Ich weiß, Fähnrich. Deshalb sollten Sie so schnell es geht hier verschwinden.“
„Gerade deshalb sollte ich nicht verschwinden.“
„Bevor Sie mich wieder schlagen“, murmelte Takagi leise.
Barton stöhnte gequält. „Bringen Sie mich nicht zum Lachen. Das tut weh.“
„Sorry.“
Takagi erhob sich aus seiner Deckung und rief: „Braucht noch jemand Munition?“
Zehn Meter links von ihm hatten sich zwei Techniker verschanzt. Der Maschinenblock, der ihnen als Deckung diente, hatte ein gutes Dutzend Thermoschüsse abgefangen und glühte auf der gegenüberliegenden Seite in dunklem Rot. Beide schüttelten den Kopf.
Weiter Rechts hatten sich ein halbes Dutzend auf der Galerie verschanzt. „Wir haben noch, Leutnant.“
Als das Hauptschott wieder auf glitt, ging Takagi schnell zurück in Deckung. „Sie kommen.“
Es war zuerst nur ein leises Vibrieren, ein regelmäßiger Ton wie das Marschieren von Stiefeln, doch es kam näher und wurde lauter. Es wuchs sich zu einem Stampfen aus, das bald durch den ganzen Saal hallte.
„Kampfroboter!“, hauchte Barton erschrocken. In ihren Augen glomm Todesangst.
Takagi legte seine Rechte auf ihre Schulter. „Das wird schon. Versprochen.“
„Lügner“, tadelte sie und unterdrückte die Tränen, die aus ihren Augen schießen wollten. Sie legte den Kopf auf seine Hand. „Wenn es das jetzt gewesen ist, Sir...“ „Niko.“
„Niko, wenn es das jetzt war, solltest du wissen, daß-“
„Ja, ich weiß.“ Der Leutnant zog seine Hand zurück und umklammerte den Griff seines Impulsblasters.
Als er über die Deckung lugte, erstarrte er vor Schreck. Fünf der zweieinhalb Meter großen vierarmigen Kreaturen kamen, in ihre HÜ-Schirme gehüllt, in den Maschinenraum gestampft. Die unteren Arme, in die Schwere Desintegratoren eingebaut waren, fuhren suchend umher. In der Halle wimmelte es von energetischen Impulsen, die Roboter hatten es also sehr schwer, ihre Ziele zu orten. Sie mussten ihre Gegner mit Hilfe der optischen Systeme ausmachen, und darin lag vielleicht die einzige Chance der Verteidiger.
Hinter den Metallmonstern kamen die Meuterer in grünen Kampfanzügen herein. Auch sie hatten sich in HÜ-Schirme gehüllt.
„Leutnant Takagi, Sie haben keine Chance mehr. Geben Sie auf, bevor es ein Blutbad gibt!“
„Sie meinen schlimmer als das, was Sie schon angerichtet haben?“, spottete er.
„Das ist mein Ernst. Geben Sie auf oder tragen Sie die Konsequenzen. Sie haben zehn Sekunden.“
Gerade wollte Takagi seine Waffe abfeuern, um dem Meuterer zu zeigen, was er von seinen zehn Sekunden hielt, als jemand einen furchtbaren Schrei ausstieß. Für einen Moment dachte der Leutnant, daß einer seiner Leute unvorsichtig geworden war und die Roboter ihn erwischt hatten. Aber die Metallriesen zielten nicht auf ihn oder sein Team. Sie hatten sich in der Hüfte gedreht und sahen zurück.
Im Schott sah man, wie sich drei Meuterer in grünen Kampfanzügen rückwärts gehend zurückzogen. Einer wurde getroffen: Sein Schirm flackerte und erlosch. Waffenimpulse trafen ihn und er fiel zu Boden.
„Verstärkung!“, brüllte Takagi begeistert. „Wie sieht es jetzt aus? Wer sollte besser aufgeben, um ein Blutbad zu verhindern?“
Die Meuterer waren verwirrt. Sie igelten sich zwischen den Robotern ein und sicherten nach allen Seiten. Plötzlich erschienen Soldaten im Hauptschott. Zwischen ihnen gingen Kampfroboter der Mark IX-Serie, einer älteren terranischen Baureihe.
„Rote Kampfanzüge. Verdammt, das sind nicht unsere Leute!“, erkannte Leutnant Takagi. Jetzt wurde die Sache richtig interessant.
*
In der Zentrale ging es ebenfalls heiß her. Die Soldaten unter Major Laghat hatten zwar nicht die Funkzentrale stürmen können, aber es war ihnen gelungen, das Schott zu blockieren. Zwei Kampfroboter standen im Rahmen und bestrichen alles mit ihren Waffenstrahlen, was es wagte, sich zu zeigen. Seit die Kampfroboter eingesetzt wurden, hatten die Verteidiger zwei Leute verloren.
Plötzlich glühten die Schirme der Kampfmaschinen auf. Sie drehten sich um und feuerten nach hinten, aber da bekamen ihre Hochenergie-Überladungsschirme bereits Risse. Als die erste Maschine explodierte, zog Anica schnell den Kopf ein. Eine zweite Explosion kündete vom Schicksal des anderen Roboters. Die Trümmer schlugen wie Schrapnell in die Anlagen der Funkzentrale ein.
„Mist. Gerade hatten wir alles wieder aufgebaut. Sean, wer attackiert die Meuterer da? Kannst du was erkennen?“
Der Sergeant sah zu ihr herüber. „Drüben wimmelt es von roten Kampfanzügen. Erst dachte ich ja, es wäre Takagi.“
„Aber woher sollte er rote Kampfanzüge haben? Jetzt bin ich aber gespannt!“

Aus der eigentlichen Zentrale hallten hektische Kommandos zu ihnen herüber. Fallenlassen war das häufigste Wort. Einer wollte wohl nicht fallenlassen, die fremden Soldaten fackelten nicht lange und schossen. Danach war niemand mehr so dumm, der hastigen Anordnung nicht zu folgen.
„Jetzt bin ich auch gespannt“, murmelte Leutnant Oboto.
„Herhören, Leute. Ich weiß nicht, was die Fremden vorhaben. Haltet Eure Waffen bereit und verlasst die Deckung nicht.“

Ein Soldat in einem roten Kampfanzug trat in den Eingang zur Funkzentrale. Auf seiner Brust prangten zwei aufgemalte Kometen. „Major Sobric? Leben Sie noch?“
Anica erhob sich aus ihrer Deckung. „Ob ich noch lebe, weiß ich nicht so recht. Konteradmiral Bassa, nehme ich an.“
Bassa griff an den Verschluss seines Helmes und entriegelte ihn. Er kippte ihn nach hinten, wo der Helm sich selbstständig zu einem schmalen Streifen zusammenfaltete. „Es freut mich, daß Ihnen nichts passiert ist. Sie hatten da ein paar Probleme. Ich habe mir erlaubt, sie für Sie zu lösen.“
„Danke, Admiral Bassa“, hauchte sie und stürzte zu Boden.
*
Als Anica Sobric wieder erwachte, befand sie sich im Lazarett. Neben ihrem Bett saß Sean O´Donnelly und döste. Im Nachbarbett links lag Fähnrich Barton. Ihr rechter Arm war bandagiert. Heilplasma hatte den Verband getränkt.
„Was ist passiert?“, hauchte Anica.
„Oh, Sie sind wieder wach.“ Fähnrich Barton betätigte ein Sensorfeld hinter ihrem Bett. Sofort kam ein Arzt herein. „Wie fühlen Sie sich, Major Sobric?“
„Etwas zerschlagen. Was ist passiert?“
„Sie sind vor Erschöpfung zusammengebrochen. Das ist jetzt zwanzig Stunden her.“ Der Arzt klebte ihr ein Injektionspflaster in den Nacken.
Sofort fühlte sie sich besser. Grinsend deutete sie auf den Sergeant. „Wie lange sitzt er da schon?“
Der Arzt lachte. Sean O´Donnelly schrak bei diesem Geräusch hoch und blinzelte schlaftrunken in die Runde. „Seit Sie hier eingeliefert wurden, Ma´am. Ich bringe Ihnen gleich eine Uniform. Solarmarschall Tifflor erwartet Sie in der Zentralemesse, sobald Sie wach sind.“
„Wer?“
„Solarmarschall Tifflor. Der Kommandeur der Solaren Flotte. Sie werden doch schon mal von ihm gehört haben“, scherzte der Arzt.
„Tifflor ist an Bord? Seit wann?“
„Er kam vor einer Stunde mit seinem Flaggschiff, der THORA IV an. Konteradmiral Bassa befindet sich übrigens ebenfalls an Bord.“
„Okay, ich werde zu ihm gehen, sobald ich mich umgezogen habe. Kommen Sie mit, Fähnrich?“
Erschrocken sah Janice Barton ihre Vorgesetzte an. „Zu Tiff? Ich weiß nicht so recht, Ma´am.“
„Ach, der Solarmarschall wird schon nicht beißen“, ermunterte sie ihre Untergebene.
„Okay. Ich werde mich gleich umziehen.“
Anica klopfte dem schlaftrunkenen Sergeant auf die Schulter. „Kommst Du auch mit?“
„Langsam. Ich bin gerade erst aufgewacht, und schon soll ich zu meinem zweithöchsten Vorgesetzten. Klar komme ich mit. Ich werde kurz duschen und mir eine frische Uniform holen.“
„Sean?“
Der Sergeant sah ihr in die Augen. „Ja?“
„Danke, daß du auf mich aufgepasst hast.“
O´Donnelly schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Jederzeit wieder, Anica.“
*
In der Zentralemesse waren alle versammelt. Anica salutierte stramm, als sie herein trat. Julian Tifflor erwiderte ihren Gruß korrekt. Auch Konteradmiral Bassa salutierte.
Als er die Hand wieder abnahm, lächelte der Solarmarschall warm. Irgendwie machte ihn das für Anica sofort sympathisch. „Setzen Sie sich, Major Sobric. Zwischen Leutnant Takagi und Leutnant Ward ist noch ein Platz frei.“
Sie nickte ihrem Untergebenen und der nosmotischen Soldatin zu und nahm Platz. Ihr direkt gegenüber saß Oberstleutnant Sander in einem Antigravstuhl. Seine Augen waren noch etwas trübe und sein Körper unter dicken Bandagen verborgen, aber es reichte schon wieder zu einem Lächeln. Neben dem Oberstleutnant saß der Chefarzt, dem die Sorge um seinen waghalsigen Patienten ins Gesicht geschrieben stand. Hauptmann Schmitt von den Landungstruppen, Fähnrich Barton, Leutnant Oboto und die Sergeants Fennigan und O´Donnelly vervollständigten die Runde.
„Wie ich eben schon erzählt habe“, begann Morgan Bassa, „haben wir den Hyperfunkspruch der MICHAEL FREYT aufgefangen und an Terrania weitergeleitet. Die Sendeleistung war einfach zu gering, damit wären Sie gerade mal bis nach Siga gekommen. Solarmarschall Tifflor hat sich dann persönlich um diese Angelegenheit gekümmert. Er hat uns gebeten, die FREYT zurückzuerobern und auch die Codes zur Verfügung gestellt, mit der wir die Schotts des Schiffes öffnen konnten, ohne Alarm auszulösen oder von den automatischen Waffen beschossen zu werden. Den Rest kennen Sie ja. Wir haben erst den Maschinenraum erobert und dann die Zentrale. Die restlichen Meuterer haben sich danach schnell ergeben.“
„Zum Ausgleich habe ich der Nosmotischen Republik versprochen, das Terra so schnell wie möglich eine Vertretung auf Nosmo einrichtet, was den jungen Staat etabliert. Präsident Zunico war zwar nicht besonders erfreut darüber, daß ich ausgerechnet den alten Administrator Vermont Jannsen für den Posten des Botschafters vorgeschlagen habe, aber man kriegt eben nicht immer, was man haben will.“ Julian Tifflor lächelte verschmitzt.

Irgendwie kam es Anica vor, als hätte der Solarmarschall damit einen Streich ausgeheckt und freute sich jetzt geradezu jungenhaft über seinen Erfolg.
Übergangslos wurde Tifflor wieder ernst.
„Ich habe die Meuterer an Bord der THORA IV bringen lassen. Wir werden Major Laghat und seinen Leuten auf Terra den Prozess machen.“
Oberstleutnant Sander räusperte sich. Es klang blechern. „Wir hatten durch die Meuterei siebenundzwanzig Tote, vierzehn bei den Korvettenbesatzungen, dreizehn bei uns. Keine Bilanz, auf die wir stolz sein sollten.“
„Bestimmt nicht“, stimmte der Solarmarschall zu. „Aber so traurig dieses Gemetzel auch war, wir sollten daraus lernen. Ich persönlich werde mich dafür einsetzen, daß die Meuterer mit Nachsicht behandelt werden.“
Oboto meldete sich zaghaft zu Wort. „Heißt das vielleicht, daß ich in der Flotte bleiben kann, Sir?“
„Wenn ich ehrlich bin, haben Sie meinen Respekt, Leutnant. Es ist ungeheuer leicht, einen Fehler zu begehen. Es ist aber sehr schwer, diesen Fehler auch einzugestehen und ihn wieder gut zumachen. Ich werde Sie, mit der Erlaubnis Ihres Kommandierenden Offiziers auf ein anderes Schiff versetzen, wo Ihnen Ihr Verhalten nicht als Makel ausgelegt wird und Sie Ihre Karriere fortsetzen können. Ich dachte da an die THORA IV.“
Sander meinte nur: „Leutnant Oboto hat sich sehr tapfer verhalten. Warum sollte ich ihn dafür bestrafen? Ich stimme der Versetzung zu, Sir.“
„Dann wäre die Sache ja geklärt. Die THORA wird die FREYT in Schlepp nehmen und nach Ertrus bringen. Nach einem Besuch der orbitalen Werft müsste es das Schiff allein nach Hause schaffen.“

„Eine Frage noch, Sir. Warum wollen Sie Major Laghat und seine Leute mit Milde behandeln?“, fragte Anica.
Tifflor verschränkte die Hände vor seinem Gesicht und sah Major Sobric nachdenklich an. „Wissen Sie, Anica, wenn man sich das Geschehen hier auf der FREYT so ansieht, kommt man zu der Erkenntnis, daß es ein dummer Fehler und ein paar unglückliche Zufälle waren, die hundertvier Imperiumssoldaten davon überzeugten, unbedingt desertieren zu müssen. Sehen Sie, wenn wir diese Menschen jetzt mit der vollen Härte des Flottengesetzes bestrafen, dann wird eine andere Mannschaft bei einem ähnlichen Fehler vielleicht genauso reagieren. Und dann wird es vielleicht noch mehr Tote geben. Aber wenn wir den Soldaten jetzt entgegen kommen, können wir vielleicht weitere solche Tragödien verhindern. Letztendlich ist niemand vor Fehlern gefeit, Sie nicht, ich nicht, der Großadministrator nicht. Und nur, wer Fehler verzeiht, kann dies auch von anderen erwarten, Major.“
„Ich verstehe, Sir.“

Julian Tifflor erhob sich und ging zu Oberstleutnant Sander. „Vielleicht erinnern Sie sich noch, vor vierzehn Jahren haben wir beide über Ihre Diplomarbeit zur drahtlosen Hochenergieübertragung in der Flottenakademie Terrania diskutiert. Damals wusste ich schon, daß Sie mal ein guter Offizier werden. Was halten Sie davon, wenn Sie mir Ihr Schiff zeigen und wir uns über die neusten Theorien in der Supraleitertechnik unterhalten?“
„Gerne, Sir. Die Bontainer-Variante oder das Waringer´sche Thesenblatt?“
„Ich werde Sie besser begleiten“, meinte der Bordarzt Bob Crane leise. „Nicht, daß sich Isaac in dieser Phase der Regeneration übernimmt.“
„Wenn Sie nichts dagegen haben, schließe ich mich Ihnen an.“ lachte Konteradmiral Bassa amüsiert. „Als ich das Schiff gestürmt habe, blieb mir nicht so recht die Zeit, mich genau umzusehen.“
Morgan Bassa stand auf und gesellte sich zum Solarmarschall. Neben ihnen schwebte Sanders Antigravstuhl. Der Doktor bediente die Kontrollen.
Bevor Bassa aber den anderen auf den Gang hinaus folgte, drehte er sich noch einmal um und nickte Anica Sobric anerkennend zu.
Captain Schmitt schloss sich wortlos an.

Fähnrich Barton erhob sich nun ebenfalls. „Entschuldigen Sie, Ma´am, aber ich muß mit Leutnant Takagi noch den Dienstplan für die Ortung durchgehen.“
Niko Takagi fragte verwirrt: „Der Dienstplan?“
„Ja, der Dienstplan, Niko!“
„Oh, der Dienstplan. T´schuldigung, Major Sobric.“
„Tja“, meinte Sergeant O´Donnely, „Jetzt sind nur noch wie fünf übrig. Wie wäre es mit Kaffee?“
„Wie wäre es mit Nosmotischem Vurguzz?“ fragte Leutnant Ward mit einem treuherzigen Augenaufschlag.
„Ich glaube, wir werden gute Freunde, Leutnant“, sagte Leutnant Oboto grinsend.

Epilog:
„Nachrichten.
Auf der terranischen Kolonie Plophos, Eugal-System, weiten sich die Sezessionsunruhen aus. Obmann Mory Abro-Rhodan meinte dazu in einem Interview: Wir leben in einer Demokratie, in der immer noch die Mehrheit der Stimmen entscheidet, welchen Weg diese Welt gehen wird, nicht die lautesten Stimmen.

Auf Rudyn, Ephelegon-System, der Hauptwelt der Zentralgalaktischen Republik wurde heute Morgen gegen sieben Uhr Nosmo City-Zeit der Leichnam von Lordadmiral Kerran Laghat in seinem Büro im Flottenhauptquartier Rudyn entdeckt. Der Hochdekorierte Offizier verstarb durch eine selbst zugefügte Kopfwunde mit seiner Dienstwaffe. Bekannt wurde Laghat vor allem durch die Meuterei auf der MICHAEL FREYT. Nach seiner Gefangennahme verbüßte der damalige Major Laghat eine zehnjährige Freiheitsstrafe und schied unehrenhaft aus der Flotte aus. Anschließend war er maßgeblich daran beteiligt, auf seinem Heimatplaneten Rudyn eine Raumflotte aufzubauen.
Freunde des Verstorbenen vermuten als Grund für den Freitod die Tatsache, daß die Flottenadmiralität der Zentralgalaktischen Republik dem Veteran der Dolan-Kriege stets ein eigenes Kommando verweigert hat.

Nosmo, Nosmo City.
In den frühen Morgenstunden wurde der Leichnam von Admiral Morgan Bassa am Ehrenmal der Gefallenen des Unabhängigkeitskrieges zu Grabe getragen. Der Hochdekorierte Veteran verstarb nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von hundertsiebzig Jahren.
Zu seiner Beisetzung kamen unter anderem Solarmarschall Julian Tifflor, Vizeadmiral a. D. Isaac Sander und Kommodore Anica Sobric, Kommandantin des Ultraschlachtschiffes MICHAEL FREYT II.
Sowohl der Solarmarschall als auch Admiral Sander und Kommodore Sobric betrauerten den Verlust dieses hervorragenden Offiziers und wundervollen Menschen, mit dem sie sich im Unabhängigkeitskrieg hatten messen können. Vor allem Admiral Sander beschrieb Morgan Bassa als einen der letzten Offiziere vom alten Schlag.
Die Terkonitplatte, die Admiral Bassas Grab verschließt, zieren nun seine letzten Worte: Bis hierhin ging es gut.

Nach dem Staatsakt suchte das Ultraschlachtschiff MICHAEL FREYT zusammen mit der Vierten Nosmotischen Heimatflotte die Umlaufbahn des achten Planeten auf und führte dort eine kleine Gedenkzeremonie für die Gefallenen des Unabhängigkeitskrieges und die Opfer der Meuterei auf der alten MICHAEL FREYT durch.
Konteradmiral Danii Ward wertete dies als weiteres Zeichen der hervorragenden Beziehungen zwischen Nosmo und der terranischen Urheimat.“

ENDE
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