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Landgang (s6) - Teil 1: Der Landgang

von Tell
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Het
15.04.2009
28.05.2009
39
35.876
7
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15.04.2009 1.552
 
Das Boot wackelte gewaltig, als sich sein Kiel in den Sand bohrte. Wenig später beugten sich mehrere Köpfe über die Bugreling, um einen genaueren Blick auf die Lage zu werfen. „Was ist los?“, rief Sammy und versuchte, sich nach vorn zu drängeln. „Ich kann nichts sehen. Was ist denn los?“

„Wenn du so brüllst, wird es auch nicht besser“, zischte May und stieß ihm ihren Ellbogen zwischen die Rippen. Sammy taumelte mit einem erstickten Schrei zurück.

„Wir kriegen noch Schlagseite, wenn wir uns alle hier so knubbeln“, unkte Ellie. Auch sie hatte einen eher schlechten Platz erwischt, denn Jack verstellte ihr die ganze Sicht.

Der kleine Bray wählte diesen Augenblick, um in herzhaftes Weinen auszubrechen, und Brady, die auf Trudys Arm saß und Darryls Arm in ihrem Rücken spürte, schloss sich an. Sie hatte offensichtlich das Talent ihrer Mutter für dramatische Auftritte geerbt.

„Das reicht.“ Amber wiegte energisch ihren Sohn, was diesen nur zu lauterem Brüllen animierte, während Jay versuchte, ihr ein wenig Raum zu verschaffen. „Ihr geht jetzt alle wieder ins Innere des Bootes“, befahl Amber. „Slade, Lex, Jay, ihr bleibt. Alle anderen – rein!“

Es kam zum üblichen Aufstand, weil niemand geneigt war, etwas zu verpassen, doch ein paar harsche Worte, und die Meute folgte ihren Anweisungen, wenn auch murrend, und Ellie nahm bereitwillig Bray in Empfang. Jemand musste ja auch Salene von der Lage berichten. Als einzige hatte diese sich bereit erklärt, im Innern bei den Kranken zu bleiben. Ruby erholte sich noch immer von ihrem Unfall, und Ram hatte vor etwa einer Woche entschieden, seekrank zu sein und bestand darauf, hingebungsvoll gepflegt zu werden. Vermutlich war er als einziger glücklich darüber, dass sie angelegt hatten.

Als sich die Tür hinter Darryl schloss, lehnte Ebony an der Außenwand. Kampflustig funkelte sie Amber an. „Wenn du willst, dass ich verschwinde, musst du mich schon tragen“, sagte sie fest.

Amber zuckte mit den Schultern. Sollte sie doch bleiben, wenn sie wollte. Wenigstens konnte man jetzt wieder stehen, ohne fremde Füße in den Hacken und auf den Zehen zu haben. Wortlos wandte Amber sich wieder ihrem eigentlichen Problem zu. „Das sieht mies aus“, brummte sie nach einer Weile und stemmte die Arme in die Seiten. „Wir stecken ziemlich tief drin.“

„Vielleicht können wir es irgendwie freischleppen“, meinte Jay.

„Ja, und vielleicht hilft uns die kleine Meerjungfrau dabei“, entgegnete Lex sarkastisch. „Das sind sicher anderthalb Meter, und wer weiß, wie tief wir im Sand sitzen.“

„Wir stecken also fest“, wiederholte Amber.

„Ach wirklich?“, fragte Ebony trocken. „Und ich dachte schon, es wäre etwas Ernstes.“

„Vielleicht ist es nicht so schlimm, wie es aussieht“, warf Jay ein. Amber hatte bereits Luft geholt, um Ebony eine passende Antwort zu geben, und er konnte darauf verzichten, dass der Streit schon wieder ausbrach. Die vielen Tage auf See, von morgens bis abends auf engem Raum zusammengepfercht, hatten die Stimmung nicht gerade gehoben. Beinahe jederzeit schienen alle Passagiere bereit, einander an die Gurgel zu gehen, und meist war die Drohung, die Streithähne über Bord zu werfen, das einzige, was Blutvergießen verhinderte.

„Nicht so schlimm?“ Lex schob Jay beiseite und reckte den Oberkörper so weit über die Reling, dass er beinahe den Halt zu verlieren drohte. „Was genau verstehst du unter ‚nicht so schlimm‘?“

Jay schüttelte seufzend den Kopf. Es wäre leichter, auf eine Horde Ratten aufzupassen als auf die Mallrats in ihrer jetzigen Situation. „Wir sind relativ nah an der Insel“, antwortete er schließlich sachlich und deutete auf den Strand, der tatsächlich nur einige hundert Meter weiter aus dem Meer kroch. „Wenn wir Glück haben, ist das Wasser hier nicht mehr sehr tief, und wir können hinüber laufen.“

„Laufen?“ Ebony hob die Brauen. „Du willst da rüber laufen, Jay?“ Sie schnaubte abfällig. „Dann viel Glück, aber ohne mich.“

„Es sieht immer noch recht weit aus“, gab auch Amber zu bedenken.

Jay zuckte mit den Schultern. „Möglich. Aber was ist die Alternative? Hier zu sitzen und auf eine Springflut zu warten? Das könnte Tage, vielleicht Wochen dauern.“

Ebony und Amber wechselten rasche Blicke. Jede Stunde, die sie hier gemeinsam verbringen mussten, war eigentlich schon zu viel, und außerdem gingen ihre Vorräte zur Neige. Sie hatten nicht besonders viel Zeit gehabt, ihren Proviant zu planen. „Was meinst du, Slade?“ Ebony wandte sich an ihren Freund, der bisher geschwiegen hatte.

„Ich ...“, begann er, wurde aber von Lex rüde unterbrochen.

„Das ist Wahnsinn“, stieß dieser verächtlich hervor. „Das ist viel zu weit, um zu laufen oder zu schwimmen, und wer weiß, ob es hier Haie gibt, oder ob wir nicht nach fünfzig Schritten im Schlick versinken. Und selbst wenn wir es bis zum Strand schaffen – wie sollen wir Wasser und Proviant wieder an Bord bringen, falls wir überhaupt etwas finden? Es auf dem Kopf balancieren?“

„Hast du etwa Angst, Lexi?“ Ebony lächelte süffisant.

„Angst? Nach all der Zeit an Bord zusammen mit dir? Wohl kaum.“ Lex entblößte die Zähne.

„Wie auch immer.“ Slade schob sich zwischen Lex und Ebony und hob die Stimme, nun nicht mehr bereit, sich unterbrechen zu lassen. „Wie auch immer wir uns entscheiden, wir sollten es schnell tun. Sonst entscheidet unser Publikum noch, wieder in der ersten Reihe stehen zu wollen.“ Slade deutete mit dem Daumen zur Tür. Mehrere platt gedrückte Nasen verschwanden schuldbewusst.

„Wir sollten abstimmen“, murmelte Amber. „Wir haben immer abgestimmt.“

„Wir sind nicht mehr in der Mall“, entgegnete Lex. „Und außerdem sind wir ja wohl diejenigen, die den Mist dann ausbaden müssen, oder? Ich werde jedenfalls nicht meine Haut riskieren, nur weil denen da drinnen der Plan gefällt.“

„Du bist also dafür, abzuwarten, ja?“ Slade musterte ihn nachdenklich.

Lex schob sein Gesicht bis auf wenige Zentimeter an das von Slade, wobei er nur ganz dezent auf den Fußspitzen balancieren musste. „Das steht ja wohl fest“, knurrte er. „Das bisschen Warten wird uns schon nicht umbringen, und..“

„Le-hex? Was ist hier draußen los?“

Lex gefroren die Worte auf den Lippen, und Slade griff grinsend nach Lex‘ Oberarmen, um seinen Sturz nach hinten zu verhindern.

Gel stand in der Tür, von dem Reden der anderen in ihrem Schönheitsschlaf geweckt, und sah sich um wie eine Patentante, die uneingeladen das Zimmer ihres Neffen inspizierte. „Hast du vergessen, dass du mir noch helfen wolltest, die Kabine umzuräumen? Ich brauche langsam ein wenig Privatsphäre, und Sammy kann die Kisten nicht alleine tragen. Also was treibst du da?“

Lex blickte sehnsüchtig hinüber zum stillen Strand und dachte an die endlosen Stunden der vergangenen Tage. Mehrfach hatte er sich nur mit viel Willenskraft davon abhalten können, entweder sein Trommelfell mit einer Nadel zu durchstechen oder aber Gel zu einem überraschenden Salzwasserbad zu verhelfen. Die Frau konnte reden ohne Atem zu holen, und wenn er sie anschrie, endlich still zu sein, fing sie an zu heulen und zu zetern, was auch nicht besser war. Außerdem gaben ihm alle anderen dann die Schuld an der Misere, und dieses verdammte Boot war viel zu klein, um dann irgendwo noch etwas Ruhe zu finden. So weit schien die Insel gar nicht entfernt zu sein..

Lex leckte sich über die Lippen und sah Slade finster an. „Worauf warten wir noch?“, fragte er. „Wir reisen wohl nur mit leichtem Gepäck.“ Und ehe ihn die anderen davon abhalten konnten, setzte Lex über die Reling und landete mit lautem Platschen im Wasser. Sofort beugten sich wieder die Köpfe über die Reling. Lex tauchte prustend auf und strich sich das nasse Haar aus der Stirn. „Man kann tatsächlich stehen“, rief er hinauf. „Also kommt ihr nun, oder muss ich alleine gehen?“

Amber, Jay, Slade und Ebony tauschten vergnügte Blicke, während Gel mit einem entsetzten „Was tust du denn da?“ neben ihnen erschien und Lex damit begann, halb schwimmend, halb hüpfend, aber zu allem entschlossen gen Land zu marschieren.

„Er hätte sich wenigstens noch die Zeit nehmen können, seine Schuhe auszuziehen“, grinste Slade. Dann begann er, an den eigenen Stiefeln zu zerren. Amber, Ebony und Jay taten es ihm gleich, während Gel Lex nachrief, dass er sich schämen sollte, gemeiner Schuft, der er sei, sie einfach im Stich zu lassen, wenn sie ihn so dringend brauchte. Jay griff noch nach einem Beutel, in den sie schon vor Tagen vorsorglich ein paar Utensilien für einen eventuellen Landgang gepackt hatten, und schnallte ihn sich auf den Rücken. Slade hockte bereits auf der Reling und half Ebony hinüber. Gel brummte etwas über die Unzuverlässigkeit der Männer.

Wenn sie Lex noch einholen wollten, mussten sie sich beeilen; er hatte bereits den halben Weg hinter sich gebracht. „Gel, sag Salene, dass sie die Verantwortung trägt, bis wir wieder da sind“, sagte Amber, ehe sie direkt hinter Jay das Boot verließ.

„Ja, wo geht ihr denn hin? Und wann kommt ihr wieder?“ Gel blickte ihnen verwirrt nach. Gerade eben hatten doch alle noch an Deck geplaudert, und nun gingen sie baden? Gel verstand die Welt nicht mehr.

„Spätestens bei Sonnenuntergang“, rief Amber zurück.

Sonnenuntergang – Gel fiel ein, dass sie einen Nagellack hatte, der so hieß. Es musste Stunden her sein, seit sie sich das letzte Mal um ihre Nägel gekümmert hatte. Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre Hände, ehe sie sich besorgt umdrehte – und gegen Jack und Ellie stieß, die es im Innern nicht mehr ausgehalten hatten.

„Was haben sie denn vor?“, fragten beide wie aus einem Mund.

„Och, die machen nur einen Badeausflug, glaube ich“, erwiderte Gel und trippelte an ihnen vorbei in die Innenkabine.
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