Der Killer

GeschichteAbenteuer / P16
14.04.2009
14.04.2009
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Es ist Nacht in Terrania. Ich sitze zu einer Uhrzeit, zu der ich nicht einmal träumen würde, wach zu sein in einer Bar, irgendwo in der Hauptstadt. Vor mir steht ein halbleeres Glas Bier. Mein viertes. Was mache ich hier eigentlich, frage ich mich verzweifelt. Was treibt mich nur dazu, hier und jetzt billiges Bier aus den Genfabriken der Venus in mich hineinzuschütten und eine Narkozigarette nach der anderen zu rauchen?
Ich bin TLD-Agent, zur Zeit beurlaubt. Ich komme gerade von einem Undercovereinsatz aus dem Kristallimperium zurück, und meine Vorgesetzten waren mit den Erfolgen meiner Arbeit sehr zufrieden. Mir steht eine Beförderung bevor, vielleicht werde ich Planetarer Koordinator für Agenteneinsätze auf Lepso oder Apas. Mein Leben könnte nicht besser laufen, und dennoch treibt es mich hinaus in die Nacht. Wieso, frage ich mich immer wieder.
Ich beantworte diese Frage selbst damit, daß ich mich immer wieder daran erinnere, daß die Nachtschwärmerei eine Angewohnheit der Person war, die ich auf Ariga dargestellt hatte, aber diese Antwort befriedigt mich nicht.
Ich sehe mich um, es ist nicht viel los in der Kneipe. Eine STARDUST, irgendwas mit achtzig. Was soll´s, das Essen und die Getränke schmecken in den anderen STARDUSTS genauso beschissen.
Einen Tisch weiter sitzt ein Kerl, Terraner. Er trinkt Kaffee. Es ist mittlerweile sein Vierter. Ich grinse über ihn, denn ich halte nicht sehr viel davon, statt auf Äthylalkohol auf Koffein zu sein.
Etwas weiter hinter dem Koffein-Junkie sitzt ein Pärchen. Sie ist Terranerin, der Kleidung nach zu urteilen kommt sie aus Terrania. Sie trägt ein Amulett in Eiform an einer schweren vergoldeten Kette. Damit symbolisiert sie ihre Zuneigung zu den Unsterblichen, die zur Zeit auf Camelot ihr eigenes Süppchen kochen. Der Typ neben ihr ist Arkonide. Ich unterdrücke ein verächtliches Knurren, als der Rotauge ihr seine Zunge weit genug in den Hals schiebt, um ihre Zehennägel von innen abzulecken.
Zu meinem Bedauern gefällt es ihr. Sie seufzt behaglich und ihre Hände wandern über die Schultern des Arkoniden in Bereiche hinab, die ich wegen dem Tisch und der breiten Servosäule nicht erkennen kann. Plötzlich geht ein Ruck durch den Weißhaarigen. Erstaunt reißt er die Augen auf, sie lächelt lüstern. Wieder küssen sie sich, so gierig, daß ich befürchte, einer der beiden könnte dem anderen etwas abbeißen.
Plötzlich springen sie auf und verlassen das Lokal. Es ist mir klar, wo sie hinwollen. Völkerverständigung und Sport miteinander verbinden.
Auch ich stehe auf, denn jetzt weiß ich, was ich im STARDUST wollte. Unbewußt greife ich an mein Schulterholster, in der meine Lieblingswaffe steckt, ein handlicher Impulsblaster, der den lieblichen Namen Sunbeam trägt -Sonnenstrahl.
Es ist nicht schwer, den beiden zu folgen. So schnell, wie es ihre Gier aufeinander zuläßt hasten die beiden ins ZALIT INN, einem Raumfahrerhotel mit weichen Betten und wenigen Fragen. Sie checken ein und verschwinden im Antigravschacht, der sie auf ihr Zimmer bringt.
Einen kurzen, lichten Moment frage ich mich, was ich hier eigentlich tue, doch dann sehe ich dieses verdammte Rotauge im Schacht verschwinden. Er grinst und sein Speichel vermischt sich mit seinen Tränen. Ich bezweifelte es, daß sie es für das Vorspiel noch ins angemietete Zimmer schaffen.
Ich verlasse den Vorraum des Hotels wieder und schelte mich einen Idioten. Normalerweise benehmen sich nur Anfänger so auffällig wie ich. Außerhalb der vom Gesetz vorgeschriebenen Überwachungsanlagen des Hotels halte ich an und sehe zurück. Jetzt muß es schnell gehen. Ich greife an den Howalgoniumring an meinem linken Ohr und aktiviere ein Zerrfeld, daß mein wahres Gesicht verbirgt. Dazu senke ich den Kopf. Die Leute auf der Straße, ob nun Menschen oder Außerirdische sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich mit diesem Terraner mit dem gesenkten Blick und der billigen Kunstlederjacke zu befassen. Schnell finde ich, was ich suche. Ein Zugang zu den Untergrundstraßen Terranias, na bitte. Von hier ist es mir ein Leichtes, wieder näher an das Hotel zu kommen. Ich breche in den erstbesten syntronischen Knotenrechner ein und habe Glück. Dieser hier verarbeitet die Daten aus den Überwachungssystemen des ZALIT INN. Und es ist für mich keine Schwierigkeit, die Daten zu manipulieren. Es dauert nur ein paar Sekunden, und sämtliche Bilddaten des Hotels sind mit einem Virus infiziert, der sie in nutzlosen Schrott verwandeln wird. Es würde zwar ein paar Stunden dauern, aber ich weiß, daß niemand auf die Idee kommen wird, die Bilder könnten manipuliert worden sein. Oh, diese Amateure von den Stadtcops suchen lieber nach Endlosschleifen und ähnlichen kleinen Gimmicks, wie sie kleine Gangster benutzen. Ich aber bin ein Elite-Agent des TLD.
Ich kehre auf die Straße zurück und ziehe den Kopf wieder tief zwischen die Schultern. Über meinen Kopf rast ein Polizeigleiter mit Warnsignal und Blaulicht hinweg. Er hat Kurs auf den nahen Handelsraumhafen. Einen Moment muß ich mein Entsetzen bekämpfen, ich denke, der Gleiter jagt mich. Und dieses Entsetzen läßt mich kurz zweifeln. Aber der Haß, der in mir kocht, ist stärker, weit stärker als jede Vernunft.
Ich betrete das ZALIT INN und gehe am Nachtschalter vorbei. Der Portier, ein Mensch, beachtet mich nicht einmal. Wozu auch, ein Normalsterblicher würde es niemals in eines der Zimmer schaffen, wenn er es nicht selbst gemietet hat.
Der Antigrav trägt mich bis in den achten Stock. Laut der Bilddaten aus dem Knotenrechner ist es Zimmer achthundertvier, direkt neben dem Antigravschacht. Wieder zögere ich kurz, wieder kriechen Zweifel an die Oberfläche meines Bewußtseins, aber Schmerz, der Schmerz verdrängt es und läßt meinen Zorn übermächtig werden.
Aus einer Beintasche meiner Hose hole ich etwas D-Paste hervor und schmiere sie auf das Druckschloß. Als Katalysator wähle ich einen Thermalzünder, der die D-Paste zur Molekularzersetzung anregen wird. Dadurch werden keine verwertbaren Spuren zurückbleiben. Ich brauche nicht einmal zurücktreten, als das Schloß in einem grünen Nebel verschwindet...
Durch die frische Lücke höre ich das Pärchen. Beide schreien sich die Kehlen wund. Es scheint bei ihnen mächtig zur Sache zu gehen, aber nicht mehr lange!
Ich ziehe meine Waffe, trete die Tür auf und stürze ins Zimmer! Licht flammt automatisch auf, als ich vor dem Bett ankomme!
Die beiden lassen voneinander ab, sie sieht mich erschrocken an und greift nach der Decke, um ihren nackten Körper zu bedecken. Das Gesicht des Arkoniden verzerrt sich vor Zorn. „Ich bin Diplomat der arkonidischen Botschaft und genieße den Schutz der terranischen Regierung!" brüllt er mir entgegen.
Als ob ihm das was nutzen würde! Ich ziele nicht einmal, als ich den Sensor der Sunbeam betätige. Der erste Energieimpuls fährt ihm mitten durch den Kopf und verdampft sein Großhirn. Blut oder Wasser treten nicht aus, die Hitze des Energiestrahls hat die unverletzten Gehirnregionen versiegelt.
Ich sehe Ungläubigkeit in den Augen des Arkoniden. Er hatte sich wirklich darauf verlassen, daß ihn sein Diplomatenstatus vor mir schützt. Aus seiner Kehle kommt ein leises Gurgeln. Aber ich weiß, er ist schon tot, lange bevor sein Körper der Länge nach vom Bett auf den harten Boden fällt.
Die Terranerin beginnt zu schreien! Ihr Blick hüpft vom blanken Hintern des Toten, der noch auf dem Bett ruht zu mir und wieder zurück. Nacktes Grauen und Todesangst verzerrt ihr Gesicht.
„Geh!“ fahre ich sie schroff an und winke sie auf den Gang. Sie springt auf und rast, nur mit der Bettdecke bekleidet aus dem Zimmer.
Als ich allein mit dem Toten bin, nehme ich mir etwas Zeit, ihn zu betrachten. Ja, er ist tot, so tot wie ein Arkonide sein sollte. Ich sollte zufrieden sein, aber ich fühle nur Leere in mir. Eine betäubende, schmerzfreie Leere, die mich umhüllt, mich einlullt, mich besänftigt.
Aber ich will nicht sanft sein, ich will töten! Der Zorn kocht wieder auf, ich umklammere den Griff meines Blasters und schon löst sich der erste Schuß! Er fährt der Leiche durch den Rücken. „Adliger Bastard!“ höre ich mich brüllen. Wieder feuert mein Blaster, und es fühlt sich gut an. Wieder, wieder, wieder...
Das leise Knistern des Teppichs, der unter der Hitze zu schmelzen beginnt, reißt mich zurück in die Wirklichkeit. Ich werfe einen letzten Blick auf den übel zugerichteten Leichnam und verlasse das Zimmer. Der Antigrav bringt mich auf das Dach des ZALIT INN. Ich breche einen der privaten Gleiter auf, desaktiviere die syntronische Steuerung und verlasse den Bezirk. Anschließend programmiere ich die Notfallpositronik auf einen Kurs, der den Gleiter in das Sperrgebiet am Flottenhafen tragen wird. Ich bin mir ziemlich sicher, daß die Flottenheinis nicht lange fackeln werden und die leere Mühle vom Himmel putzen. Das erspart es mir, mich selbst um die Entsorgung zu kümmern. Als der Gleiter auf der Thora Road eine Hochstraße überfliegt springe ich ab.
Ich sehe dem Gleiter nach solange ich ihn erkennen kann. Eine Erkenntnis frißt sich in meine Gedanken: Ich habe getötet! Doch dieser Gedanke erschreckt mich nicht. Denn da ist ein anderer Gedanke, der mich aufwühlt, während ich die schwarze Kunstlederjacke schließe und den Fußgängerweg der Hochstraße hinunterschlendere: Ich werde es wieder tun!