Anime Evolution III: Past

GeschichteAbenteuer / P16
14.04.2009
14.04.2009
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1.
Das war es also. Ich war einen Tag auf dieser Welt, nicht einmal zwanzig Stunden im Turm der Arogad, dem Stammsitz der Familie meiner Mutter und meiner Großmutter, und schon war ich regelrecht begraben unter einem Dutzend Leiber.
„Lasst ihn nicht wieder hochkommen!“ „Wir haben ihn! Drückt ihn runter!“ „Ich habe seine Füße!“ „Gib auf, Aris! Gib auf!“
Das Gewicht der Leiber drückte mich auf den weichen Boden herab. Schwer spürte ich es auf mir lasten. Ich atmete stoßweise, bis zu diesem Moment hatte ich mich sehr bemüht, mich nicht zu Boden ringen lassen. Doch nun war es passiert. Ich spürte meine Kraft aus mir weichen. Sie hatten gewonnen.
Nein, nein, noch nicht, noch lange nicht! Wütend stemmte ich mich hoch, konnte die Rechte fest auf den Boden aufsetzen!
„Er bewegt sich! Lasst euch nicht abwerfen!“
Mit einem urwütigen Schrei stemmte ich mich in die Höhe, bekam ein Knie unter meinen Körper. Dann sprang ich auf und warf die anderen von mir.
„Raaaaah!“
„Autsch! Du liegst auf meiner Hand, Lem.“ „Und du liegst auf meinen Beinen, Joran.“
Triumphierend sah ich mich um. „Na? Gebt Ihr auf oder wollt Ihr es noch mal versuchen?“
Leises Stöhnen und ächzen antwortete mir.
„Nee, lass mal, Aris. Du bist zu stark für uns.“
Ich lachte und ging vor Rian in die Hocke. Die kleine Zwölfjährige war so etwas wie die Anführerin der kleinen Kinderbande, mit der ich herumgetollt hatte. Dabei tätschelte ich ihren Kopf. „Ihr habt mich tatsächlich zu Boden gerissen. Respekt.“
Rian lächelte über das Lob. Und auch die anderen waren plötzlich sehr aufgeregt.

„Akira. Es wird Zeit“, erklang Mutters Stimme in der Turnhalle.
„Oooch, muß Aris wirklich schon gehen? Haben wir nicht noch fünf Minuten?“, meckerte Soraris, ein Neffe von mir.
„Oren hat nach ihm verlangt. Ihr wisst, dass man ihn besser nicht warten lassen sollte.“
Die Kinder murrten ärgerlich.
Mutters Hologramm entstand neben mir. „Willst du vorher schnell duschen?“
Ich nickte. Wenn ich Oren unter die Augen trat, sollte ich besser einen guten Eindruck machen. Oren war der Vorsitzende des Familienrates, Oberhaupt der Arogad und außerdem direkter Erbe der Linie. Nebenbei war er zweitausend terranische Jahre alt und ich hatte mir sagen lassen, dass das nicht gerade dazu beigetragen hatte, seine Geduld zu vergrößern.
Ich winkte in die Runde. „Ich muß jetzt leider. Spielt ihr schön, ja?“
„Aris, wann kommst du wieder?“
Resignierend schüttelte ich den Kopf. Die Kleinen hatten einen wahren Narren an mir gefressen. Das konnte man allein daran sehen, dass sie ständig meinen Naguad-Namen benutzten anstatt mich Akira zu nennen. In ihren Augen war ich kein Viertelblut, sondern ein vollwertiges Mitglied des Hauses. Schlimmer noch, sie verehrten mich als Helden.
Auch wenn es keine direkte Datenverbindung zum Kanto-System gab, mit dem überlichtschnell Informationen übermittelt werden konnten, gab es doch einen permanenten Frachtschiffverkehr zwischen den Systemen. Ein ausgeklügeltes Prinzip erlaubte so eine Nachrichtenübertragung, die mit Hilfe springender Schiffe geschah. Für die geringen Möglichkeiten eine der effizientesten Lösungen, die ich mir vorstellen konnte.
Das bedeutete, die Kinder, Heranwachsenden und Erwachsenen waren relativ früh über die Vorgänge im Kanto-System informiert worden. Und nachdem erste Bilder von mir übertragen worden waren, hatten sie nur eins und eins zusammenzählen müssen.
Nebenbei gab es eine Menge Aufzeichnungen meiner Kämpfe. Vor allem meine Beinahe-Schlacht mit der Fünften Banges-Division, eigentlich einer Arogad-Hauseinheit, genoss hier kultische Verehrung. Ein einzelner Pilot gegen fünfhundert Gegner, das war Stoff, aus dem Legenden bestanden.
„Sobald ich kann“, sagte ich ernst. Ich wusste nicht, wann dieses sobald  eintreten würde, denn nachdem Haus Arogad mich und Joan Reilley am Raumhafen in Empfang genommen hatten, hatte das Haus dafür bürgen müssen, mich und Joan im Gewahrsam zu behalten, bis mein Prozess begann. Nein, bis meine Anhörung begann. Und diese Anhörung würde entscheiden, ob sie mich erschießen würden oder nicht.
Es tat mir Leid, den Kids nichts Besseres erzählen zu können. Aber in die Zukunft sehen gehörte nicht zu meinen Fähigkeiten.
„Macht es gut, ja?“ Die Kinder winkten und schickten mir Abschiedsgrüße hinterher.

Ich verschwand in der Umkleidekabine und nahm eine kurze – sehr kurze – Dusche. Danach ließ ich mich von einem Turbogebläse trocknen, bevor ich in eine brandneue weiße Uniform der UEMF schlüpfte. Es war die Sonntagsvariante. Und wieder waren an der linken Brust sämtliche Orden angebracht, die mir jemals verliehen worden waren. Nur auf der rechten Brust prangte nicht Akira Otomo auf der Namensleiste. Dort stand nun Aris Arogad.
Die weiße Schirmmütze mit dem goldenen Emblem der UEMF verstaute ich in der linken Armbeuge.
Mutter, beziehungsweise ihr Hologramm empfing mich vor der Umkleidekabine.
Missmutig sah ich sie an. „Willst du mir weismachen, du kannst nicht in die Umkleidekabine sehen? Oder sogar unter die Dusche?“
Für einen Moment wirkte sie verlegen. „Nun, es war ein langer Tag für dich und Joan-chan. Natürlich kann ich in die Duschen sehen, das gehört im Turm zu meinen Pflichten. Aber ich wollte dich nicht mit noch mehr Stress belasten. Immerhin bist du jetzt ein erwachsener Mann. Und Männer sind ja so leicht beleidigt.“
„Mom“, mahnte ich.
Das Hologramm bewegte sich neben mir, während ich auf den nächsten Fahrstuhl zuging. Dabei bewegte das Hologramm die Beine, um mir die Illusion zu vermitteln, sie würde tatsächlich neben mir sein. Ich registrierte es irritiert. Beinahe mehr irritiert als ihre Anwesenheit an diesem Ort. Und den Widerspruch in ihrer Existenz. Es war nicht jedermanns Sache, Jahrelang zu glauben, die eigene Mutter sei tot, nur um festzustellen, dass man rein technisch recht hatte. Nur nicht bis ins Detail.
Der Fahrstuhl würde uns zur nächsten Hauptebene bringen, in der wir in einen Expresslift steigen konnten, der gleich Dutzende Etagen überbrückte. Ein einfaches und effektives System, um im riesigen Turm voran zu kommen.
Unser Ziel lag ganz oben, in der Spitze, im Raum des Rates.
Als wir nebeneinander im Fahrstuhl standen, umgeben von etwa einem halben Dutzend anderen Arogad und einem Logodoboro-Gast – leicht zu erkennen, weil die genetische Reprogrammierung der Logodoboro-Familie tiefschwarzes Haar bei seidigweißer Haut propagierte – machte ich mir meine eigenen Gedanken.
Man hatte uns freundlich empfangen, mir und Joan Wohnungen im oberen Drittel des Turms zugewiesen. Na ja, Wohnungen, es waren halbe Schlösser. Nie hatte ich solchen Komfort, so viel Platz erlebt. Drei Mitglieder der Familie Arogad, aus den Unterhäusern Litov und Wonn standen abwechselnd bereit, um mir zur Seite zu stehen. Daran hatte ich mich noch immer nicht gewöhnt… Aber ich war auch erst einen Tag hier.
„Was?“ Irritiert sah ich auf.
„Schon gut, Akira. Ich habe dich nur gefragt, ob du träumst“, sagte Mutter sanft.
Der Fahrstuhl hielt, wir kamen in eine große Halle. Genauer gesagt, in die Empfangshalle des Rates. Die letzten hundert Etagen wurden vom Familienrat, den engsten Mitarbeitern und einigen Angehörigen eingenommen. Hier wurden Entscheidungen von kosmischer Tragweite getroffen. Hier wurde ein ganzer Planet verwaltet, namentlich Planet Arogad, der vierte des Systems. Und begehrte Urlaubswelt, hatte ich mir sagen lassen.
Hierher kamen all die Naguad, Fremdweltler und Mitglieder anderer Familien, um mit den Arogad zu verhandeln. Im Moment war wirklich viel zu tun, die Halle brodelte geradezu. Die Kräfte an den Schaltern hatten alle Hände voll zu tun und die Wachen, die überall in Bereitschaft standen und die drei Expresslifte zur Spitze verteidigten, wirkten überspannt und nervös.
Mit Mutter voran schritt ich auf einen der Expresslifte zu. Die Wachen dort nickten und winkten mich durch. Es hatte seine Vorteile, mit dem Geist des Hauses unterwegs zu sein.

„Und?“, fragte Helen mich leise. „Wie geht es Yohko?“
„Das hast du mich gestern schon gefragt. Beinahe als erstes, schon vergessen?“
„Wie könnte ich jemals wieder etwas vergessen?“, hauchte sie ernst und senkte den Blick.
„Sorry. Ich habe nicht dran gedacht.“
Sie sah auf, lächelte mich an. „Schon gut, Akira. Es ist halt nur so, dass ich mich auch nach acht Jahren noch nicht dran gewöhnt habe, so zu existieren. Aber das ist immer noch besser als im Koma dahin zu driften.“
„Es geht ihr gut. Sie ist seit drei Jahren mit Yoshi Futabe zusammen.“
Das Hologramm runzelte die Stirn. „Yoshi Futabe? Der kleine blonde Futabe, der immer zum spielen rüber kam? Geht es ihm gut? Oder hat Eikichi schon versucht ihn umzubringen?“
Ich prustete lachend als ich das hörte. „Oh, ein- zweimal hat Eikichi es versucht. Aber eher halbherzig. Ich glaube, er ist mit Yoshi ganz zufrieden. Aber ich finde ja auch, dass sie gut zusammen passen, die zwei.“
„Hast du ihn denn leben lassen?“, fragte Mutter mich schmunzelnd.
Beteuernd hob ich die Hände. „Er ist mein bester Freund, der mir bis in die Hölle folgen würde. Ihm das Leben meiner Schwester anzuvertrauen ist mir sehr leicht gefallen.“
„So. Wann heiraten die beiden?“
„Mom, meinst du nicht, dass das noch etwas Zeit hat?“
„Findest du? Wenn man wie ich in einem Biotank liegt, künstlich am Leben gehalten und geistig vernetzt mit dem Hauscomputer, dann erscheint einem jede Sekunde, die man atmend, fühlend und schmeckend verbringen kann, als kurz und wertvoll. Wenn die beiden ihre Liebe vollführen sollen, dann…“
„Äh, Mom, sie tun es schon.“
„Tun was?“
„Die… Liebe vollführen. Seit ungefähr drei Jahren…“
Irrte ich mich oder wurde Mutters Hologramm rot. „Äh… Du meinst… Meine kleine Yohko? Mit Yoshi? Ohne verheiratet zu sein?“
Ich nickte knapp.
Verlegen legte sie eine Hand an die Stirn. „E-entschuldige, Akira, aber ich stamme aus den Zwanzigern. Wir waren damals schon ziemlich liberal, aber ich bin irgendwie immer konservativ gewesen. Um es mal auf den Punkt zu bringen, war dein Vater der Erste, mit dem ich…“
„Schon gut, so genau will ich es gar nicht wissen.“
„Was bist du denn plötzlich so peinlich berührt, Akira? Hätten Eikichi und ich nicht…“
„Schon klar, dann würde es mich gar nicht geben.“
Sie lachte leise. „Du klingst aber auch nicht sehr liberal, junger Mann.“
Ich zuckte die Schultern. „Wenn du meinst.“
Verlegen sah sie mich an. „Akira, sag mal, hast du schon… Ich meine, hast du…“
Ich spürte, wie ich rot wurde. Die Erinnerungen überfielen mich, Erinnerungen an den Sex mit Joan, an die vielen Nächte, die ich mit Megumi geteilt hatte, mein persönliches Paradoxon. Und mittlerweile ein Riesenproblem für mich.
„Ja, Mom, habe ich. Und ich werde es sicherlich irgendwann bitter büßen müssen.“
„Büßen? Wieso?“
„Das erkläre ich ein andernmal.“
Die auf gleitenden Fahrstuhltüren enthoben mich einer Antwort. Ich sah in eine riesige Etage hinein – und ich meine riesig.
Die transparente Decke wölbte sich in vielleicht zwanzig Metern über mir, und rund um die Außenwände waren Emporen aufgebaut, auf die man bequeme Sitzgelegenheiten aufgestellt hatte. Im Innenraum gab es Dutzende Nischen, in denen Konferenztische standen, davor und dazwischen, jeweils mit wirklich bequem viel Abstand, gab es weitere Sitzgelegenheiten, in dessen Tischen Kommunikationsgeräte steckten.
Ich trat hinaus, Mutter neben mir. Der Fahrstuhl befand sich im Zentrum, neben ihm zum Fünfeck angeordnet endeten vier weitere Schächte hier. Regionallifte, die nur in den obersten Etagen verkehrten.
Bei dreihundert Metern im Rund verloren sich die Konferenztische, die Erholungsmöglichkeiten und die kleineren Büros vollkommen, ebenso wie die anwesenden Naguad. Es waren wohl fast einhundert, aber sie verschwanden bei diesen Dimensionen vollkommen.
„Komm“, meinte Mutter und führte mich zu einem fast durchsichtigen Treppenaufgang. Eine vier Mann starke Ehrenwache in der Uniform der Arogad-Familie stand dort parat.
Die transparente Treppe führte über zehn Meter in die Höhe. Dort, im Zentrum der Kuppel, schimmerte ein allerletztes Stockwerk, dreißig Meter im Rund, vollkommen transparent und großzügig möbliert.
Mom nickte den Wachen zu. Die vier Männer nahmen Haltung an und salutierten ehrerbietig.
Halb erwartete ich, dass sie mich aufhalten würden, durchsuchen oder irgendwelche Ausweise verlangten. Aber die vier Männer, von denen einer mich an meinen Kumpel Marus Jor erinnerte, ließen auch mich anstandslos und mit einem Salut – den ich klassisch terranisch erwiderte – passieren.
Am Ende der Treppe kamen wir in einen Vorraum, in dem eine junge Frau saß. Erstaunt registrierte ich, dass sie Fioran-Blut haben musste. Die helle Haut und die grünen Augen gepaart mit den hellblonden Haaren sprachen da Bände.
„Helen Arogad. Danke, dass Sie Aris Arogad so schnell vorbei gebracht haben.“
Mom seufzte. „Übersetzt heißt das bleib doch bitte draußen, oder?“
Die Empfangsdame legte verlegen eine Hand in den Nacken. „Tut mir Leid. Meister Oren will ihn alleine sprechen. Ich würde dir gerne in der Zwischenzeit etwas anbieten. Starkstrom vielleicht?“
„Ich sollte dich mal unter Starkstrom setzen, Varel Guizo“, tadelte Mom mit eiskaltem Grinsen.
Ich räusperte mich vernehmlich, als es in den Augen der Fioran zu glimmen begann. Bevor dies zu einem längeren Schlagabtausch wurde, suchte ich besser mein Heil in der Flucht. „Wenn mich die Damen entschuldigen würden… Ich scheine einen Termin bei Meister Oren zu haben.“
Ich verbeugte mich leicht und ging dann auf die Tür des gigantischen Büros zu. Na ja, ging, es war mehr ein marschieren, weil ich dem vollkommen transparenten Boden nicht traute und mit dem Mut der Verzweiflung voran schritt.
Bevor ich die Tür erreichte, wandte ich mich um und meinte: „Mann, an so einem Arbeitsplatz sollten Frauen besser keine Röcke tragen, was?“
„Wieso nicht?“, fragte die Fioran irritiert. „Wenn jemand gucken will, dann lass ihn doch.“
„Äh, ja…“
Mit geröteten Wangen betrat ich das Büro. Und tauchte ein in eine andere Welt. Der Raum, die Atmosphäre, sogar das Glimmen der ersten Abendsterne, alles schien sich unterzuordnen. Alles schien sich respektvoll zu verneigen. Vor dem Mann, der am südlichsten Rand seines Büros stand und hinaus sah, auf die Sonne Nag, die gerade auf dem letzten Zehntel ihrer Bahn  um Prime war.
„Transparenter Stahl, ungefähr zwei Meter stark. Zusätzlich verstärkt durch ein eingelassenes Sensornetzwerk, um Manipulationen und Beschädigungen aufzuspüren. In den letzten dreihundert Jahren wurde es einundneunzig Mal versucht, bis auf diese Etage zu kommen. Nur ein einziges Mal hat es einer geschafft. Bis in dieses Büro noch keiner.“
Der Mann wandte sich um, musterte mich streng. Oren Arogad war fast zwei Meter groß, breitschultrig und wie ich mir hatte sagen lassen, Admiral im Ruhestand.
Der große Mann sah mich aus seinen wässrig blauen Augen an. Seine Haare waren grau, aber er hatte noch einen vollen Schopf. Von seinen zweitausend Jahren konnte man locker tausendneunhundert abziehen, fand ich.
Unwillkürlich nahm ich Haltung an. „Sir. Akira Aris Otomo-Arogad. Ich melde mich wie gewünscht.“
Herrisch wischte der alte Mann mit der Rechten durch die Luft. „Das müssen wir abstellen, Aris. Du bist ein Arogad, kein Otomo.“
„Bei allem Respekt, Sir, aber ich bin was ich bin, und nicht das, was Sie wollen, dass ich bin.“
Sein strenger Blick wurde zwingend, versuchte mich niederzuringen. „Trotz verschafft dir hier keine Freunde, Aris. Du hast noch einen weiten Weg, bevor du dich als vollwertiges Mitglied des Hauses Arogad betrachten kannst. Und du solltest es dir dabei nicht mit dem mächtigsten Mann des Hauses verscherzen.“
Ich spürte die Bedrohung, die von Oren Arogad ausging, als wäre es eine sichtbare Flutwelle, die alleine mich zum Ziel hatte und über mir zusammen schlug.
„Mit Verlaub, Sir, aber Sie gehen davon aus, dass ich ein Arogad werden will. Das ist falsch. Alles was ich will ist, hier so schnell wie möglich zu verschwinden und nach Lorania oder der Erde zurückzukehren.“
„Du willst was?“ Ungläubig sah der Naguad mich an. „Du willst auf diese Provinzwelten zurück? Wenn du Prime haben kannst? Wenn du Arogad haben kannst? Was bist du doch naiv.“
Wut brodelte in mir. „Und wennschon. Die Heimat ist da, wo das Herz ist. Und Naguad Prime hat mein Herz nicht gerade erobert. SIR!“ Das letzte Wort hatte ich laut und bitter gezischt.
„Ich kann mich nicht erinnern, dir diese Wahl gelassen zu haben, Aris“, zischte der Alte zurück. Langsam kam er auf mich zu. „Und du scheinst auch nicht im klaren zu sein, dass auf dich eine Anhörung wartet, die über dein Leben entscheidet.“
„Wollen Sie mich bestechen, Sir?“, fragte ich geradeheraus.
Oren blieb stehen, fixierte mich erneut. „Hat dir Helen nichts gesagt?“
„Was? Das sie nach dem Autounfall im Koma lag und keine Chance hatte, jemals daraus zu erwachen? Das Aris Taral sie nach Naguad Prime zurück brachte, um ihr wenigstens diese Form von Leben zu geben? Ja, das hat sie.“
„Nein, das meinte ich nicht, Aris. Hat sie dir nicht gesagt, wer du bist?“
Abfällig schnaufte ich. „Ich bin ein halber Mensch. Mein Vater ist Eikichi Otomo. Die andere Hälfte setzt sich aus Eris Arogad-Erbgut und Michaels Fioran-Erbgut zusammen. Sagt das nicht genug darüber aus wer ich bin?“
„Verdammt, Aris, du bist mein Großenkel!“
Für einen Moment glaubte ich, man würde mir den Boden unter den Beinen wegziehen. Tatsächlich landete ich hart und schmerzvoll auf meinem Hintern. Der transparente Boden war definitiv da – und hart. „Was?“
„Helen ist meine Enkelin. Und du bist ihr erstes Kind. Du bist mein direkter Nachfahre, Aris. Damit bist du Anwärter auf einen Platz im Rat der Arogad, vielmehr Anwärter auf das Amt des Vorsitzenden. Oder um es mal in deiner primitiven menschlichen Ausdrucksweise auszusprechen: Du sitzt auf einem Schleudersitz, der dich auf meinen Job katapultieren kann, Aris Arogad!“
„Heilige Scheiße.“ Ich fühlte wie mir schwindlig wurde. Ich hatte den Turm gesehen, die Stadt drum herum. Den Empfang am Raumhafen. Die… Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
„Du bist mein Erbe, Aris, solange Helen in diesem Tank bleiben muß. Und es sieht nicht so aus, als würde sich das in den nächsten tausend Jahren ändern.“
Er setzte sich an seinen Schreibtisch, drehte sich zur Seite und musterte die Sterne.
„Ehrlich gesagt möchte ich, dass jemand aus meiner direkten Linie diesen Posten übernimmt, für eine gewisse Zeit oder die nächsten tausend Jahre. Eri ist nicht da, Helen in einem Tank gefangen. Bleiben nur noch du und deine Schwester Jarah.
Ich weiß nicht, ob du oder Jarah das Haus so gut führen könnten wie ich es getan habe. Und ich weiß, dass es sehr fähige Leute im Rat gibt, die diesen Job wirklich gut können und auch dazu bereit sind. Aber ich will nicht der Erste in der Erblinie der Hauptfamilie sein, der das Amt nicht an einen direkten Nachfahren weitergibt. Seit dem Vorallan-Massaker waren es immer direkte Arogad auf diesem Posten.“
Ich rappelte mich wieder hoch, kam auf die Beine. „Moment, noch mal zum mitschreiben. Du bist mein Urgroßvater? Und du willst, dass ich diesen Schuppen hier leite?“
Oren schmunzelte. Es war das erste Mal, dass ich solch eine Regung bei ihm sah. „Den Schuppen, die ihn umgebende Stadt, den Nachbarplaneten, die Kolonien und die Operationen des Hauses Arogad in fünf Systemen, die Wirtschaftskraft und die Militärmacht. Kurz gesagt: Das mächtigste Haus des Imperiums. Den größten Unterstützer für Militär und den Rat. Den besten Schutz gegen die Iovar und den Core.“
Oren erhob sich wieder, kam um den Schreibtisch herum. „Das ist das, was Oren Arogad von Aris Arogad erwartet. Und Aris Arogad wird das auch erfüllen, darauf kannst du dich verlassen.“
Er ging auf mich zu, bis er direkt vor mir stand. Dort wich die grimmige Miene aus seinem Gesicht. Der alte Mann sah mir in die Augen, während er eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel wischte. Spontan riss er mich an sich und drückte mich fest.
„Und jetzt spricht einmal Oren Arogad, dein Urgroßvater. Willkommen Zuhause, Aris. Wie lange habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Ich hätte längst eine Expedition ausgerüstet und nach dir suchen lassen, nach dir und Jarah, aber Helen meinte, ihr würdet schon von alleine kommen.“
Er hielt mich ein Stück von sich. „Lass dich ansehen. Du bist so groß. Und deine Aura ist so ausdrucksstark. Du bist auch ein AO-Meister, habe ich Recht? Und, laufen dir die Frauen nach? Bei einem Burschen wie dir. Oder ist dieses Sternchen deine Freundin? Ein nettes Mädchen, wirklich. Ich habe heute Morgen mit ihr gesprochen und…“
„Moment. Du hast mit Joan vor mir gesprochen?“
Verlegen sah der Mann, der mir vor einer knappen Minute noch als herrischer, unnahbarer alter Mann erschienen war, zur Seite. „I-ich musste üben. Ich hatte Angst, dir in die Augen zu sehen. Verzeih einem alten Mann, dem die Aufregung zu schaffen macht.“

„Meister Oren, sie ist jetzt hier“, erklang die Stimme der Vorzimmerdame im Raum und beendete für meinen Uropa den peinlichen Moment.
„Ist gut, Guizo. Du kannst sie und Helen nun einlassen. Wir hätten gerne Zuma, und dazu leichtes Gebäck. Wir haben uns viel zu erzählen.“
„Ja, Meister Oren.“
Die Tür glitt auf, und Mutter kam zusammen mit Joan Reilley herein.
Oren deutete auf eine bequeme Sitzecke, direkt an der Südwand des Büros. „Kommt, Mädchen, nehmt Platz. Es gibt einiges, was ich Aris und Joan erzählen muß. Damit er versteht, wie wichtig es ist, dass er meinen Platz einnimmt.“
„Gibt es dazu wieder Zuma, Onkel Oren?“, fragte Joan mit leuchtenden Augen.
„Natürlich, mein Schatz“, erwiderte der Anführer der Arogad schmunzelnd. „Ich habe doch gemerkt, wie gut dir der Tee schmeckt.“
Mit leuchtenden Augen sah sie zum fast zwei Meter großen Mann auf. „Oooh, Onkel Oren, du bist so gut zu mir.“
Uropa hüstelte verlegen, als Joan zur Sitzgruppe ging. „Wickelt sie alle so leicht um den Finger?“
„Die meisten“, erwiderte ich schmunzelnd. Wobei ich nicht eine Sekunde daran zweifelte, dass ihre leuchtenden Augen tatsächlich aus ihren Gefühlen entsprungen waren.

2.
Es war das Jahr Dreitausendeinhundertsieben nach Kolonisierung. Oder auch 3107 nK genannt. Die neun großen Familien gab es schon, sie stellten zu gleichen Teilen den Rat, wenngleich die Fraktion der Familienlosen und Söldner immer größer wurde. Es würde nicht mehr lange dauern, und diese Naguad würden ebenso ihren Sitz im Rat verlangen, wie es die großen Familien so selbstverständlich taten.
Dieser Gedanke gefiel Oren Arogad irgendwie. Auch wenn dies weniger Macht für seine Familie bedeutete, so würde die Bindung der Familienlosen an das Imperium enger werden. Und damit würde ihre Bereitschaft, ihr aller Leben zu verteidigen, größer werden.
Schweigend sah Oren das tiefe Loch hinab. Die Strahlenwerte waren künstlich reduziert worden, sodass sich ein ungeschützter Mensch dem Rand nähern konnte, ohne den Tod zu riskieren. Aber länger als zehn Minuten durfte auch ein Oren Arogad hier nicht stehen, wenn er sich nicht einer langen Heilungsprozedur unterziehen wollte.
Der Krater hatte eine Tiefe von zweihundert Metern. Aber eine Weite von anderthalb Kilometern. Hier waren fast einhundert Naguad gestorben, vielleicht etwas mehr, wenn es in der Kleinstadt Besuch gegeben hatte.
Oren runzelte die Stirn. Ohne die mächtigen Schirmfelder des Fioran-Turms und ohne das beherzte Eingreifen der Neunten Flotte wären diese Dinger in der Hauptstadt eingeschlagen. Dann hätte es ein paar Millionen Tote gegeben.
Dennoch schmerzte ihn dieser Anblick. Tote Naguad waren tote Naguad. Von diesen hier blieb nicht einmal genügend übrig, um sie zu begraben.
Unwirsch wandte er sich wieder ab.

„Bericht!“, schnarrte er.
Luka Maric, sein Adjutant im Range eines Commanders nickte und trat neben ihn. „Die Neunte Flotte konnte die Raider der Iovar abdrängen, dreißig von ihnen zerstören.
Die restlichen achthundertsiebenundneunzig sind bereits auf der Flucht, aber die Zweite, die Zehnte und die Neunzehnte Flotte befinden sich auf Abfangkurs. Zudem wird die Siebte Flotte zurückerwartet. Voraussichtlich wird sie an einer Position das System erreichen, welche ihr erlaubt, ebenfalls Jagd auf die Raider zu machen.“
„Unsere Verluste?“ „Wir haben neunzehn Schiffe verloren, vor allem Fregatten und Zerstörer. Leider ist auch die KUMA in der Verlustliste. Sie hat sich in die Atomwaffen der Raider geworfen. Hätte sie das nicht getan, wären hier zwanzig Raketen eingeschlagen und nicht drei. Dann hätte auch der Schirm des Fioran-Turms nicht viel genützt.“
Oren dachte nach. „Bitte Logg Fioran um einen Termin. Ich will mehr über ihre Schirmtechnik erfahren. Und wenn wir sie teuer bezahlen müssen, ich denke, wir sollten sie Imperiumsweit einsetzen.“
„Notiert, Admiral. Beteiligen wir uns auf der Jagd nach den Raidern?“
„Was ist mit der Raumstation?“
„Die Orbitalplattform  AROGAD I hat nur wenige Schäden erlitten. Ich dachte, ich hätte das bereits erwähnt.“
„Nein, hast du nicht“, erwiderte Oren ernst. „Was ist mit den anderen Planeten? Was ist mit den Umformern auf Arogad?“
„Der zweite Stoßkeil zielte wie wir wissen, auf den vierten Planeten Arogad, der dritte auf Daness. Die Abwehrriegel über beiden Welten hielten, die angreifenden Truppen waren nicht stark genug. Wir nehmen an, dass sie nur detachiert wurden, um weitere Truppen von Prime abzuziehen oder die dortigen Flotten zu binden.“
„Was sie ja auch geschafft haben. Das Ergebnis ist dieser Krater.“ Unschlüssig drehte sich Oren Arogad im gehen noch einmal um und betrachtete die hässliche Narbe inmitten der Landschaft. Neunzehn Schiffe, ein kleiner Ort, war das ein annehmbarer Preis für den abgeschlagenen Angriff?
„Wie geht es Jonn?“
„Ihr Sohn ist wohlauf. Sein Schiff, die BENST, wurde schwer beschädigt, erreicht das Dock aber aus eigener Kraft. Die Analytiker bestätigen Jonn ausdrücklich Tapferkeit und Wagemut.“
„Was übersetzt heißt, der Halunke ist wieder mal vorgeprescht, ohne auf die Sicherheit seines Schiffes oder eine stabile Formation zu achten.“
„Ja, so könnte man es auch sehen. Aber in diesem Fall war es ein Befehl von Admiral Conno Racus aus dem Haus Elwenfelt. Die Attacke des Kreuzers brachte die Raider-Linien in Unordnung und half so maßgeblich, den Raid auf Daness abzuwehren.“ Der junge Mann räusperte sich. „Mitne Daness hat sich bereits nachdrücklich bei Admiral Racus und bei Captain Jonn Arogad bedankt. Außerdem hat er bereits großzügige Unterstützung für die Hinterbliebenen der Toten versprochen.“

Sie erreichten den wartenden Gleiter. Zwanzig Wachsoldaten umstanden ihn in offener Phalanx und trugen ihre Gewehre entsichert. Iovar waren nicht dafür bekannt, dass sie sich lebend fangen ließen. Aber das sie bis zur letzten Sekunde kämpften und notfalls so viele Gegner wie möglich mit sich in den Tod rissen. Es hatte genügend Schiffe der Raider erwischt, um vermuten zu lassen, dass sich ein paar hatten auf diese Welt retten können. Grund genug, um die Sicherheit für den Admiral und Angehöriger des Rates der Arogad-Familie maßgeblich zu erhöhen. Egal wie gering die Wahrscheinlichkeit war, dass einer der Raider-Piloten ausgerechnet hier auftauchen würde.
„Haben wir Gefangene?“, fragte Oren, einer Eingebung folgend.
„Drei hirnlose Drohnen, die wir daran hindern konnten, sich selbst zu töten. Dazu dreiundvierzig Leichen. Einen echten Iovar haben wir bisher nicht erwischt.“
Oren runzelte die Stirn, als er in den wartenden Gleiter einstieg. Zwei Schwebepanzer erhoben sich rechts und links von dem gepanzerten Wagen und nahmen ihn zwischen sich. Die Infanterie zog sich geordnet zurück und bestieg einen Mannschaftstransporter.
Als Luka Maric als Letzter einstieg, setzte sich die Kolonne in Bewegung.

Die Fahrt in die Hauptstadt war kurz, viel zu kurz. Es bereitete dem Arogad erhebliches Magengrimmen, dass nur ein paar lausige Landmeilen gefehlt hatten, um das Zentrum des Imperiums zu treffen.
Der Angriff hatte sie wieder einmal überrascht. Ebenso wie die Vehemenz, mit der er geführt worden war.
Die Ziele dieses Angriffs waren zweifellos die orbitalen Plattformen und die Bevölkerungszentren gewesen. Die Iovar hatten sie da treffen wollen, wo es wehtat. Und es wäre ihnen auch gelungen, zumindest erhebliche Verwüstungen anzurichten, wenn nicht ein ziviler Frachter einige Stunden vor den Raidern ins System gesprungen wäre, um von der sich sammelnden Streitmacht zu berichten.
Der nächste Schritt würde es sein, nach Logar ins Nachbarsystem zu springen und der dortigen Garnison beim aufräumen zu helfen, falls es sie noch gab. Die Iovar neigten nicht gerade dazu, Zeugen oder lästige Hindernisse zurück zu lassen.
Oren detachierte in Gedanken dafür fünf Flotten. Drei Flotten, die er per Kurier zu Beginn der Angriffe in Heimatsystem beordert hatte, zwei der Flotten, die gerade erst das Kerngebiet um die Welten erreichte. Die vier Flotten, welche versuchten, die Iovar-Raider zu stellen, würden nach dieser Schlacht erst einmal die eigenen Wunden lecken müssen. Ein Raider-Schiff war technologisch überlegen, und im Verbund waren die nervigen Zecken brandgefährlich.
Nur diesem Frachter, nur einem einzigen beherzten Kapitän und seiner mutigen Crew verdankten sie das Wissen um die Bedrohung, und einen Vorteil von einigen Stunden, um die Flotten im System auf Verteidigungsposition zu bekommen und in den Orbit der Planeten zu ziehen.
Oren Arogad gedachte, den Kapitän und die Mannschaft der JOFUR ausdrücklich zu belobigen, falls der schwere Frachter noch existierte. Das wusste Oren leider im Moment nicht. Zu turbulent waren die letzten Tage gewesen.

Sie erreichten die Stadt, fuhren in die Straßen der Koromando-Stadt ein. Darauf folgten mehrere Viertel Familienloser, die sich nie verpflichtet hatten und es voraussichtlich auch nie tun würden. Warum von Naguad zweiter Klasse zu Naguad Dritter Klasse in einer Familie absteigen?
Oren verstand diese Einstellung. Aber er sah auch das Problem, dass die Zahl der Familienlosen immer größer wurde.
Die heutige, hastig einberufene Sitzung des Rates würde zu weit mehr führen, als den abgeschlagenen Angriff der Iovar zu besprechen.
Der Tagungssaal des Rates war ein flacher Bunker im exakten Schnittpunkt der neun Türme der neun Familien. Genauer gesagt ein unterirdischer Gebäudekomplex in achthundert Metern Tiefe. Der angeblich sicherste Ort auf diesem Planeten.
Die kleine Kolonne stoppte vor dem Bunker, die Panzer und der Infanterietransporter glitten auf Ruheflächen zu einer der zahlreichen Kasernen. Die Mannschaften würden hier eine warme Mahlzeit, eine Mütze Schlaf und eine Dusche bekommen, während für Oren und seinen Adjutanten noch lange kein Feierabend sein würde.

Der Schweber fuhr ein, erreichte einen Fahrstuhl, der das Fahrzeug in die Tiefe brachte.
Auch hier hatten die Ausmaße gigantische Dimensionen, sodass sie den Schweber weiterhin benötigten.
Nach diversen Sicherheitschecks ließ man sie ein in eine gigantische Kaverne, die dreimal so stark verstärkt worden war, wie die Statiker es empfohlen hatten, um einem Angriff mit der schwersten Bombe der Raider zu überstehen.
Eine künstliche Sonne hing an der Decke, weite Parklandschaften erschufen zusammen mit einem holgraphischen Himmel die Illusion, nicht achthundert Meter in der Tiefe des Erdmantels zu sein. Die kleine Stadt im Herzen beherbergte weitere Truppen, Verwaltungsgebäude und das Ratshaus.
Vor diesem Gebäude hielt der Schweber an. Oren Arogad und Luka Maric verließen den Schweber, gingen die letzten dreihundert Meter zu Fuß. Die Presse erwartete sie schon, insbesondere natürlich Admiral Arogad, der maßgeblich die Abwehr der Raider geplant und ausgeführt hatte.
Dutzende Rufe und Fragen erklangen, die Oren aber abtat. „Kein Kommentar. Warten Sie die offizielle Presseerklärung ab.“

Nachdem sie das Ratshaus betreten hatten und die Türen hinter ihnen zufielen, entspannte sich Oren sichtlich. Und erstarrte, als er bemerkte, dass in den Gängen zum eigentlichen Ratssaal mehrere hundert Naguad standen und sie beide anstarrten. Nein, korrigierte er sich. Sie starrten ihn an, Oren Arogad.
„Hm“, kommentierte der Admiral und setzte sich in Bewegung.
Er passierte die ersten Naguad, die wie in einem Spalier aufgereiht schienen. Als er mit Luka elf, zwölf Meter weit gekommen war, hörte er hinter sich leises Klatschen. Das Geräusch wurde lauter, schneller, schien wie ein Lauffeuer nach vorne zu schnellen und umhüllte die beiden Naguad. Während Oren mit seinem Adjutanten weiter voran ging, explodierte die Stimmung, es wurde gejubelt und begeistert gepfiffen.
Als die beiden den Saal erreichten, erwartete sie dort ebenfalls Applaus. Die Abgeordneten, Mitarbeiter und Ratsmitglieder hatten sich erhoben und klatschten.
Verlegen steuerte der Admiral seinen Platz am Tisch des Rates an. Er ließ sich dort nieder, aber der Applaus wollte nicht enden. Also erhob er sich und salutierte streng und exakt.
Erst dann verebbte das Geräusch nach und nach.
***
„Was wollen Sie uns da weismachen, Admiral? Dass sich die Familienlosen mehr angestrengt hätten, wenn sie in einem Familienverband wären? Einen Sitz im Rat hätten?“ Korris Elwenfelt atmete hastig ein und aus. Der Spezialist für Demographie schüttelte mehrfach den Kopf.
„Tatsache ist, dass da oben im Orbit nicht ein Familienloser gestorben ist. Tatsache ist auch, dass die Kolonien, die keiner Familie angehören, keine Hilfe geschickt haben. Denn wer garantiert ihnen, dass wir ihnen in einem ähnlichen Fall zu Hilfe kommen, wenn ihre Schiffe bei der Verteidigung der Heimat zerstört werden? Wer garantiert es?“
„Unsere Gesetze und dieser Rat.“
„Was sind diese Gesetze und dieser Rat wert? Ich frage das laut und ernsthaft. Was sind sie wert?“
„Bei meiner Ehre, Oren Arogad, ich sterbe um mein Wort zu halten!“, blaffte Korris Elwenfelt. Zustimmendes Gemurmel der anwesenden Flottenoffiziere erklang.
„Und wer glaubt Ihnen das? Ich, weil ich Sie kenne, Korris. Aber ein Familienloser vielleicht? Glauben Sie das wirklich? Für die sind wir doch nur eine elitäre Gruppe, ein geschlossener Verein, der sie als minderwertige Naguad betrachtet. Und sie haben ja auch Recht, so zu denken. Gibt es einen einzigen Familienlosen, der eines unserer Schiffe kommandiert? Und ich meine unsere Schiffe, nicht die von den Kolonien. Gibt es einen höheren familienlosen Bodenkampf-Offizier als Colonel? Meines Wissens nach nicht.“
Wütend stierte Korris den Bekannten, ja, Freund an. Dann sah er blicklos zu Boden. „Ich verstehe Ihren Standpunkt, Oren. Aber was wollen wir dagegen tun?“
„Als Erstes sollten wir eine offizielle Belobigung für die JOFUR aussprechen. Ohne die Warnung durch diesen zivilen Frachter wären die Verwüstungen weit schlimmer ausgefallen. Viel schlimmer. Falls der Frachter es geschafft hat.“
Ein leises Raunen ging durch den Saal.
„Dann sollten wir dafür sorgen, dass sich die Familienlosen organisieren. Wir brauchen Ansprechpartner, mit denen wir verhandeln können. Die uns sagen, was die breite Masse will. Erst dann macht es Sinn, ihnen mehr Beteiligung an der Regierung zu zusprechen.
Und dann sollten, nein, müssen, eindringlich sämtliche Beschränkungen für Familienlose bei Beförderungen innerhalb der Flotte und der Feldtruppen aufgehoben werden!“
Wieder ging ein erschrockenes Raunen durch den Saal.
„Sie sind radikal!“, rief ein Vertreter des Hauses Daness.
„Radikal ist mein dritter Vorname“, konterte Oren. „Mein zweiter ist Realist!“
„Stellen wir diese Frage doch bitte etwas zurück, meine Damen und Herren“, ermahnte Gero Arogad die Anwesenden. Der Vorsitzende des Rates war alt genug, um den ersten Vergeltungsangriff der Iovar mit eigenen Augen gesehen zu haben. Vielleicht hatte er das sogar. „Ein anderes Thema interessiert im Moment wesentlich mehr. Die Warnung durch die JOFUR war maßgeblich daran beteiligt, dass wir vergleichsweise geringe Verluste erlitten haben. Wenn ich Sie an andere Raids erinnern darf, normalerweise verursachen wir mehr Schaden bei den Raidern als sie bei uns, was uns hilft, eine gewisse Überlegenheit zu bewahren. Aber in diesem Fall waren unsere Verluste verschwindend gering. Können wir diesen Zustand nicht beibehalten? Die Angriffe so teuer machen, dass sie es irgendwann einmal lassen?“
„Sinnlos“, widersprach Mitne Daness, Oberhaupt des Hauses Daness. „Wir haben das bereits durchgerechnet. Wir bräuchten dafür eine ganze Flotte an Schiffen, die permanent an den Rändern der Systeme zum Sprung bereit ist. Alleine die Personalkosten würden ausreichen, einen zehnten Turm zu bauen. Von den Schiffen, die wir binden, ganz zu schweigen. Vergessen Sie nicht, alles was kleiner als eine Fregatte ist, kann nicht springen.“
„Nun, ich dachte nicht an Militärschiffe. Und ich dachte auch nicht an ein Stakett, welches die Warnung von System zu System transportiert. Wem gehört die JOFUR, wissen wir das?“
Ein Adjutant trat leise an den alten Mann heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
„So, so. Die JOFUR ist Privatbesitz. Ein Familienloser kommandiert sie. Kapitän ist ein gewisser Arsla Mande. Wir sollten ihn vor den Rat zitieren, damit er uns ein paar Antworten geben kann. Denn das Schiff hat es durch die Wirren des Angriffs sicher nach Daness geschafft.“
„Was für Antworten erwarten Sie von dem Familienlosen, Meister Arogad?“
„Nun, zum Beispiel, warum er sich so untypisch für einen Familienlosen verhalten hat, zum Beispiel.“
Oren Arogad nickte dazu. „Und ich denke, er kann uns noch viel mehr sagen.“
***
Eine Stunde später betrat ein schlanker, kleiner Mann den Raum. Seine Statur und seine Bewegungen, die plump und ungeschickt wirkten, deuteten auf jemanden hin, der viel Zeit im freien Raum verbrachte, bei reduzierter künstlicher Schwerkraft. Für viele Schiffe gehörte halbierte Schwerkraft zur Energiepolitik.
„Sie stehen dem Rat der Naguad Rede und Antwort, Kapitän Mande. Sind Sie sich dessen bewusst?“
Die Augen des Mannes leuchteten vor Ehrfurcht. „Auch wenn ich keiner Familie angehöre, so bin ich mir des Ernstes und auch der Ehre bewusst, Meister Arogad.“
Oren runzelte die Stirn. Das hatte er nicht erwartet.
„Nun, zuerst wollen wir Sie belobigen, Kapitän Mande. Sie haben ein paar Millionen Leben gerettet. Wir werden diesen heroischen Akt beizeiten entsprechend zelebrieren. Und das ganze Imperium soll erfahren, dass es einen neuen Helden und eine neue tapfere Crew hat.“
„Meister, das ist zuviel der Ehre. Ich habe nur meine Pflicht als Raumfahrer und Naguad getan.“
Ein leises Raunen ging durch den Rat. Korris Elwenfelt beugte sich zu Oren herüber. „Solche Familienlose gibt es also auch, was?“
„Nun, manche wollen dienen, mit ihrem ganzen Herzen. Es zeigt ihnen nur keiner, wie. Und meistens wollen sie allen Naguad dienen, nicht nur einer Familie. Sollen wir dieses Potential wirklich verschwenden?“
„Hm“, machte der Rat nachdenklich.
„Berichten Sie, Kapitän Mande. Was ist geschehen?“
„Nun, wir waren gerade auf dem Sprung, wollten das Logar-System Richtung Prime verlassen, als uns ein Notruf erreichte. Die Garnison auf Logar IV, Borrok, wurde von den Raider-Schiffen überraschend angegriffen. Kurz bevor wir in das Wurmloch eintraten, erreichte uns ein umfassendes Datenpaket, welches der Stützpunktkommandeur eigentlich zu einem Kurierschiff senden wollte. Dies war zu diesem Zeitpunkt aber bereits zerstört. Also sahen wir es als unsere Pflicht an, stattdessen, das Datenpaket weiter zu reichen, auch wenn es zu dem Zeitpunkt, an dem wir es empfingen, bereits etliche Stunden alt war.
In unserem Sonnensystem angekommen haben wir die Daten sofort weiter geschickt. Zuerst wurden sie nicht akzeptiert, ja, man warf uns sogar Störung des militärischen Ablaufs vor – etwas in der Art, bis hin zu Sabotage. Nur das Siegel der Logar-Garnison im Datenpaket ließ sie das Militär letztendlich akzeptieren.
In den folgenden Vorbereitungen und der eigentlichen Schlacht schalteten wir alle relevanten Energieverbraucher ab und ließen uns treiben. Der Gedanke, dass die Iovar sich vielleicht bei uns bedanken würden, weil wir das Heimatsystem gewarnt hatten, gefiel mir überhaupt nicht. Auf diese Weise erreichten wir relativ unbeschadet Daness und heute Morgen, kurz nach der Abwehrschlacht, Prime.“
Der zivile Kapitän sah in die Runde. „Dies ist unsere Geschichte. Dies ist, wie wir unseren bescheidenen Anteil an der Schlacht beigetragen haben.“
Gero Arogad nickte dem Kapitän zu.
Der verbeugte sich leicht und nahm auf dem ihm angebotenen Sitz Platz, auch wenn es ihm sichtlich nicht behagte, ebenfalls im Rat zu sitzen.
„Was wir hier erlebt haben“, begann der Vorsitzende des Hauses Arogad, „ist ein Musterbeispiel für Opferbereitschaft, Mut und Verantwortung. Kapitän Mande, verbringen Sie Ihr Schiff auf die AROGAD I. Die Familie Arogad wird Ihr Schiff kostenlos auf den neuesten technischen Stand bringen. Das ist das Mindeste, was wir großen Familien für Sie tun können.“
Verlegen sah der Kapitän zur Seite.
„Arsla Mande“, sagte Oren deshalb mit lauter Stimme, „haben Sie immer noch nicht verstanden, was Sie für uns getan haben? Unser größtes Problem war bisher die Kommunikation zwischen den Systemen. Eine Lösung mit Kurierbooten macht die Kommunikation langsam, und sollten wir wirklich einmal den glücklichen Zufall haben, dass ein Kurierboot mitten in einen Raid-Aufmarsch gerät, kann es unglücklich zerstört werden, wie wir erlebt haben. Sie, Arsla Mande, haben uns zwei wertvolle Werkzeuge in die Hand gegeben. Das erste ist ein effektives Frühwarnsystem, mit dem wir hoffentlich jeden weiteren Raid so teuer und blutig machen können, dass die Iovar irgendwann keine Kraft mehr haben, um uns anzugreifen. Das zweite Werkzeug ist eine enorm verbesserte Kommunikation zu unseren Kolonien.“
Verwirrt sah der Kapitän der JOFUR auf. „Admiral?“
Oren Arogad ließ sich nicht beirren. „Hiermit empfehle ich dem Rat, ein Gesetz zu beschließen, dass alle zivilen und militärischen Schiffe, die ein System verlassen verpflichtet, ein Datenpaket kurz vor dem Sprung zu empfangen und mitzuführen, um es im Zielsystem direkt an die Behörden weiter zu leiten.
Dadurch, schätze ich mal, wird die Kommunikationsgeschwindigkeit vervierfacht.
Nebenbei bekommen wir auf diese Art unser Frühwarnsystem.
Es kommt jetzt also nur noch darauf an, ein funktionierendes System zu schaffen, damit die Hauptquartiere in den Systemen diese Datenpakete permanent zu springenden Schiffen senden, solche von ankommenden Schiffen empfangen und auswerten sowie ein elektronisches Siegel, welches das Datenpaket als authentisch identifiziert, um Missbrauch vorzubeugen. Ich empfehle, das Erweiterte Kommunikationsgesetz so schnell wie möglich zu beschließen.“

Stille antwortete dem Admiral.
Nur langsam hob Meister Daness die Hand. „Bei unserer derzeitigen Fluktuation an Frachtschiffen, die wesentlich höher als die der Militärschiffe ist, gebe ich Ihnen Recht, Admiral. Die JOFUR hat uns da vielleicht nicht nur ein Frühwarnsystem in die Hand gegeben, sondern auch eine Möglichkeit, den Datenaustausch und damit die Stabilität des Imperiums entscheidend zu verbessern.“
„Dann ist es beschlossen. Wir lassen das Ministerium für Kolonisation ein System ausarbeiten, welche Gesetzesänderungen, welche Installationen und welches Fachpersonal benötigt werden. Zeitrahmen bis zur Vorstellung sind maximal zwei Wochen. Zeit bis zum Inkrafttreten des Verfahrens veranschlage ich mit zwei Jahren.“
„Meister Arogad, ist das nicht etwas zu hastig? Wollen wir Stückwerk oder ein vernünftiges System haben?“
„Meister Grandanar, ich verstehe Ihre Sorge. Auch ich will ein effizientes System, welches dem Imperium zur Verfügung steht, und keinen Flickenteppich. Aber ich sehe hier die klare Notwendigkeit, zumindest anzufangen. Verbessern können wir es immer noch.“
Jorg Grandanar runzelte die Stirn, nickte dann aber. „Jemand aus dem Rat sollte der Kommission vorstehen, damit unsere Vorstellungen und Wünsche bestmöglich umgesetzt werden, und wir so wenig wie nötig an der Planung verändern müssen. Immerhin werden Ressourcen verplant und Fachleute ausgebildet werden, je weniger wir mit diesen Faktoren jonglieren, desto besser für den Rat, für die interstellare Kommunikation, für das Imperium. Und damit für jeden einzelnen Naguad.“
„Gut.“ Der alte Arogad sah in die Runde. „Gibt es weitere Stimmen zu diesem Thema? Nein? Dann erwarte ich Sie alle wieder, um in zwei Wochen bei der Vorstellung des Konzepts dabei zu sein. Die Sitzung ist geschlossen.“

Oren erhob sich von seinem Platz und ging zum Skipper der JOFUR herüber. „Auf ein Wort, Kapitän Mande.“
Der kleinere Raumfahrer erhob sich hastig, als der Admiral zu ihm trat. Auch wenn diese Welt bereits vor über dreitausend Jahren besiedelt worden war, gab es noch immer alte Verhaltensmaßregeln und Bande, die noch immer griffen. So wie es in Oren leise wisperte, den Familienlosen nicht zu freundlich zu behandeln und sich selbst als Elite zu verstehen, so schien Arsla Mande nur zu bereit, ihn als Elite zu behandeln.
„Admiral Arogad, welche Ehre, ich…“
„Schweigen Sie und hören Sie zu. Ich weiß nicht, ob es eine Belohnung oder eine Beleidigung für Sie ist, aber ich will Sie zu mir holen, Arsla Mande. Sie und Ihre Crew.“
Für einen Moment leuchteten die Augen des Mannes auf. Dann aber sah er ein wenig traurig zu Boden. „Es tut mir Leid, Admiral, aber ich und meine Leute sind einfach nicht zum Söldner geschaffen. Als freie Raumfahrer haben wir zwar niemandem die Treue geschworen, aber uns haftet auch nicht der ruchvolle Nachruf an, für Geld alles zu tun. Nicht dass Haus Arogad seine Söldner nicht immer vorbildhaft behandelt und sie dem Haus immer treu ergeben sind, für mich und die Crew der JOFUR ist das nichts.“
„Sie haben mich missverstanden, Arsla. Ich will Sie nicht als Söldner für die Familie Arogad anwerben. Was ich will ist, Sie in die Arogad aufzunehmen. Falls Sie sich mit dem Gedanken anfreunden können.“
„Was? A-aber ich bin Familienloser in der neunten Generation! Einige aus meiner Crew noch länger. Wie käme eine Familie dazu, uns aufzunehmen? Ich meine, ich…“
Gero Arogad trat hinzu und legte eine Hand auf die Schulter seines Großneffen Oren. „Du meinst es gut, mein Junge, das weiß ich. Aber du darfst nicht so mit der Tür ins Haus fallen. Arsla Mande, alle Naguad, ob Teile eines Clans oder Familienlose stammen alle von den neunzehn Schiffen des Exodus. Wir haben alle die gleiche Vergangenheit und wir haben auch alle die gleiche Genetik. Das vergangene Schicksal und ein paar engstirnige Räte haben sie geformt, aufgeteilt in neun große Familien und in jene ohne Familie. Ich weiß nicht, ob die Familien nach diesem Tag und nach den Erkenntnissen, die wir heute gewonnen haben, noch viel Wert haben werden, aber für die Arogad kann es nur gut sein, wenn wir fähige Leute in unsere Reihen holen.“
Arsla Mande lächelte dünn. „Danke für das Angebot, Meister Arogad, aber auch das wäre auch eine Form von Söldnertum. Ich wäre ein Arogad Zweiter Klasse.“
„Nur wenn Sie sich zu einem machen lassen, Arsla Mande“, erwiderte der alte Naguad ernst.
„Das bin ich doch alleine durch die genetische Schranke und…“
„Nein. Das Adoptionsverfahren ist ausgereift und vor dem Angriff vom Rat verifiziert worden.“
„Das…Adoptionsverfahren? Ich hielt es für ein Gerücht. Mit Hilfe von Retroviren bestimmte genetische Merkmale eines Hauses in den genetischen Code des Empfängers zu kopieren klang immer so illusorisch.“
„Dennoch ist es wahr. Wir sind in der Lage, Ihnen und Ihren Leuten einen Teil der Arogad-Gene aufzuprägen, was Sie eindeutig zu Kindern unseres Hauses macht. Aber ohne auf die genetische Vielfalt zu verzichten, welche Sie mitbringen“, sagte Oren Arogad freundlich. „Ich gebe Ihnen eine Woche Bedenkzeit, dann erwarte ich Ihre Antwort.“
Als er die sprachlose Miene des tapferen Frachtschiffers sah, fragte er leise: „Oder doch besser zwei Wochen?“
„Ich muß meine Crew informieren!“, brachte Kapitän Mande hervor und verbeugte sich hastig vor den beiden Arogads, nur um sich umzudrehen und mehr zu laufen als zu gehen, um den Saal zu verlassen.
„Er weiß selbst noch gar nicht, wie tapfer er war. Wie tapfer seine Crew war. Wie viel das Imperium ihnen verdankt“, murmelte Gero amüsiert. „Und vor allem sieht er nicht das, was wir beide sehen. Sein Potential ist enorm. Auch ohne die kosmetische Makulatur, die wir ihm anbieten, würde er in der Familie Arogad schnell herausragen.“
Oren schmunzelte. „Es ist doch eigentlich ein schlechter Witz, wenn du mich fragst, Onkel. Neunundneunzig Komma neun Prozent der Gene sind bei allen Naguad identisch. Am restlichen Zehntel nehmen wir bestenfalls an einem Tausendstel Variationen vor, an der Augenfarbe, der Haarfarbe, korrigieren ein paar synaptische Verbindungen, einige organische Resistenzen gegen große Krankheiten… Im Prinzip bleiben sie doch so wie sie vorher waren. Sie verändern sich kaum.“
„Aber es ist dieses kaum, dass den Unterschied ausmacht. Es ist dieses kaum, das in Zukunft Bürgerkriege verhindert. Und es ist dieses kaum, dass die Familien vielleicht noch ein paar Jahrhunderte existieren lässt, bevor sie unnötig werden. Wenn jeder Familienlose einem Clan beitreten kann, genetisch ein Teil der Familie werden kann, dann wird dies einiges vom Stigma der Familienlosen entfernen.“
Oren Arogad nickte dazu. Er legte seinem Onkel eine Hand auf die Schulter. „Wir werden sehen, in welche Richtung sich die Adoption entwickelt. Ich muß jetzt gehen. Auf mich wartet die Nachbearbeitung der Schlacht.“
„In Ordnung. Nimm deine Pflicht wahr.“
Wieder nickte der Admiral, dann verließ er ebenfalls den Ratssaal. Sein Adjutant war sofort wieder an seiner Seite.

3.
Nach zwei Wochen waren die Nachwirkungen der Schlacht noch immer nicht behoben, aber das Konzept für das Erweiterte Kommunikationsgesetz wurde vorgestellt und von einer breiten Mehrheit angenommen. Selbst die Vertreter der neun stellaren Kolonien stimmten dafür, da die verbesserte Kommunikation allen zugute kam.
In den Medien wurde die Schlacht bereits als Meilenstein bezeichnet, als größten Sieg der rebellierenden Naguad gegen ihre alten Herren, die Iovar. Manche Berichte setzten sich kritisch mit dem Thema auseinander, warnten davor, dass die Konflikte nicht immer so glimpflich ablaufen würden, das Glück nicht erneut so eindeutig auf ihrer Seite sein konnte, andere wiederum prophezeiten bereits das Ende des Iovar-Konglomerats und die endgültige Etablierung des Naguad-Imperiums als eigenständiges Reich, vor allem nachdem vier Flotten der Naguad den Raidern auf dem Flug zum Sprung noch weitere, erhebliche Verluste zugefügt hatten.
Oren selbst stand irgendwo zwischen diesen Standpunkten. Insgesamt hatten die Raider über zweihundert Schiffe verloren, weitere einhundertzwanzig hatten mehr oder weniger schwer beschädigt den Sprung gewagt. Man konnte dies ohne Zweifel als den schwersten Aderlass bezeichnen, den die Iovar jemals bei einem Vergeltungsangriff auf ihre untreuen Kinder erlitten hatten.
Normalerweise gab es zwischen den Raids ein oder zwei Jahre Pause, in der die Flotte ihrer Gegner sich neu aufbaute. Die Verluste bei den schnellen Angriffen mit Überraschungsfaktor hatten selten mehr als zehn Prozent Verluste eingebracht und auch in den Naguad-Flotten meistens nur geringe Verluste erzielt. Die Angriffe waren meistens gegen die Symbole der Familien gerichtet gewesen, die Eckpfeiler des Imperiums, oder militärische Einrichtungen der Flotte. Selten nahmen sich die Iovar genügend Zeit, um richtigen Schaden anzurichten. Verwirrung zu säen und Material zu vernichten, dazu die schmerzhafte Erkenntnis wie leicht ihnen diese Angriffe fielen, hatten ihnen jedes Mal gereicht.
Nur der heftige Widerstand bei dem letzten Angriff erklärte, warum die Iovar diesmal so weit gegangen waren, die Hauptstadt ausgerechnet mit atomaren Waffen zu attackieren.
Was nach erheblichen Verlusten auch beinahe funktioniert hätte, wenn sich ein tapferes Schiff nicht dazwischen geworfen hätte.
Oren rieb sich die müden Augen. Miera Bilas war eine gute Freundin von ihm gewesen. Ohne ihr Opfer, ohne ihre KUMA im Kurs der meisten atomaren Raketen, wäre das Herz des Imperiums ausgelöscht worden. Und damit vielleicht sogar das Imperium selbst.
Das machte es aber nicht leichter, mit ihrem Verlust umzugehen.
Verdammt, Naguad sollten tausend Jahre und länger leben. Wieso gab es so etwas wie die Konflikte mit dem Mutterreich, die junge Naguad in ihren ersten hundert Jahren zwangen, ihre Leben zu riskieren und so früh zu sterben?

„Admiral Arogad“, meldete sich Luka Maric zu Wort.
Oren betätigte einen Sensor auf seinem Schreibtisch. „Sprich.“
„Admiral, wir haben eine Meldung aus Gonderva erhalten. Demnach durchquert ein Iovar-Schiff ihren Raum. Es ist ein Schlachtkreuzer der Mordet-Klasse, soweit wir sagen können modernste Technik. Kein Begleitschutz. Der Kurs ist klar: Naguad Prime.“
„Ein Selbstmordkommando?“, murmelte Oren ernst und freute sich gleichzeitig, dass das Erweiterte Kommunikationsgesetz bereits erste Früchte trug.
„Kaum. Außer, Selbstmordkommandos fliegen seit neuestem unter Parlamentärsflagge.“
„Parla… Unterhändler?“
„So sieht es aus. Ihre Befehle, Admiral?“
„Sorgen Sie für eine angemessene Eskorte, Commander. Ich will, dass mindestens eine Flotte dieses Schiff begleitet, wenn es in unser System kommt.“
„Heißt das, wir gewähren freies Geleit?“
„Ja, verdammt, wir gewähren freies Geleit.“
„Verstanden, Admiral.“
Die Verbindung erlosch. Oren Arogad lehnte sich zurück und rieb sich die schmerzenden Schläfen. Es würde mindestens drei Wochen dauern, bevor der Iovar-Kreuzer über Prime stand. Drei Wochen, in denen ihm die Zeit unter den Nägeln brennen würde.
***
Ein Parlamentär der Iovar – das war nicht mehr vorgekommen, seit die Heimatwelt das Naguad-System entdeckt und massive Vergeltung für den Verrat angekündigt hatte, den die Naguad auf den neunzehn Fluchtschiffen begangen hatten.
Nun, für die einen war es Verrat. Für die anderen eine Notwendigkeit. Aber um über diese Frage zu streiten würden sie mehr als genug Zeit haben, sobald der Parlamentär eingetroffen war.
Der riesige Schlachtkreuzer war mit deaktivierten Waffen bis in den Orbit um Prime geflogen und hielt nun in tausend Kilometern Höhe eine stabile Position über der Hauptstadt ein. Die gesamte Erste Flotte umgab das Schiff, teils als Ehrenformation, teils als Schutz. Auch die Waffen der Naguad-Schiffe waren deaktiviert und konnten nur vom Schiffskapitän freigegeben werden. Zu lange dauerte schon der Konflikt, zu viele Raumfahrer hatten Freunde und Familie im Kampf verloren, als dass nicht irgendein Bordschütze auf Rache aus war und die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Naguad in eine Feuerhölle verwandelte.
Eine Fähre hatte das Mutterschiff verlassen, genauer gesagt ein Frachtpendler, groß genug um eine Kompanie Panzer aufzunehmen. Die Fähre funkte den offiziellen Diplomatencode, sodass ihr auf dem größten Raumhafen ein Landefeuer zugewiesen wurde.
Oren selbst und einige Mitglieder des Rates warteten am Rande des Landeplatzes auf den Auftritt des Diplomaten.

Die gigantische Fähre setzte auf, ohne das die mächtigen Düsen Feuer spuckten oder ein wahrnehmbarer Ruck durch das Schiff ging. Antigravitation beherrschten die Iovar noch immer weit besser als ihre ehemaligen Fronarbeiter, stellte Oren ein wenig neidisch fest.
Dann öffnete sich das Hauptportal der Fähre, und ein Gigant trat daraus hervor.
Genauer gesagt eine riesige Rüstung, über zwölf Meter hoch, mit einer Handfeuerwaffe im Arm, mächtigen Schulterschilden und zwei tiefrot glühenden Augen im weit ausladenden, Helmbewährten Schädel. Der Gigant stapfte die Rampe hinab, setzte seinen Fuß auf den Boden des Raumhafens. Seine Armwaffe war die ganze Zeit auf den Boden gerichtet. Ihm folgte ein zweiter dieser Giganten, ein dritter. Es wurden insgesamt sechs, die in drei Zweierreihen vor der Fähre Aufstellung nahmen.
Dann rissen alle sechs ihre Waffen gen Himmel, und Oren Arogad befürchtete schon, dass ein übernervöser Geschützoffizier die Hafenbatterien freigab, um die sechs Maschinen mit schwerem Feuer einzudecken.
Oben auf der Rampe erschien eine schlanke, groß gewachsene Gestalt, begleitet von zwanzig teils uniformierten, teils zivil gekleideten Leuten, Männern wie Frauen.
Sie selbst trug das militärische Cape der Iovar-Admiralität, ein purpurner, bodenlanger Umhang, an dessen Kragen die Abzeichen eines Vize-Admirals befestigt waren.
Dazu trug die Frau einen engen Hosenanzug, der nicht wirklich viel mit einer Uniform zu tun hatte, aber ihren Körperbau gut zur Geltung brachte. Es dauerte einen Augenblick, bis Oren erstens den Blick von ihrer Oberweite nehmen konnte und zweitens erkannte, dass dieser Hosenanzug eine Art Schutzbekleidung darstellte. Sein geschulter Blick erkannte ein Drucksystem sowie Anschlussmöglichkeiten am Kragen, eventuell für einen Helm.
Dennoch, die Bekleidung war in mehr als einer Hinsicht vorteilhaft.
Die Frau verzog die vollen Lippen zu einem Schmunzeln, warf ihr schulterlanges, braunes Haar mit einer Kopfbewegung nach hinten und setzte sich in Bewegung. Ihr Gefolge… Nun, folgte ihr.

Oren räusperte sich vernehmlich und richtete sich gerade auf. Dies würde eine diplomatische Zusammenkunft werden, in der es Protokolle gab, die sie ziemlich gängeln würden.
Die Frau schritt näher. Die gigantischen Maschinen wandten ihre Köpfe und Leiber hinter ihr her, stumme, mächtige Wächter mit glühenden, bedrohlichen Augen.
Oren salutierte, als die Frau mit ihrem Gefolge nur noch fünf Meter entfernt war. Ob sie den grünen Teppich, auf dem sie schritt, zu würdigen wusste? Grün wie der Friede, eine Geste, über die im Rat lange gestritten worden war.
„Willkommen auf Naguad Prime, Botschafter der Iovar. Ich sichere Ihnen hiermit im Namen des Rates und im Namen des Volkes freies Geleit und Gesprächsbereitschaft zu.“
Die Frau erwiderte den Salut nicht, aber sie neigte den Kopf leicht, um die Begrüßung zu erwidern. „Mein Name ist Aris Ohana Lencis. Ich bin Vize-Admiral der Iovar-Heimatflotte, für die Dauer der Mission außer Dienst gestellt. Ich bedanke mich im Namen des Kaisers für die freundliche Aufnahme auf Naguad Prime. Ich…“
Weiter kam sie nicht, denn Commander Maric, sein Adjutant, lief plötzlich los, schneller als ein Naguad dies eigentlich können durfte, zog im Sprint seine Waffe und stürzte auf Aris Lencis zu.
Oren hob eine Hand, wollte etwas rufen, aber es dauerte nicht einmal eine Sekunde, bis Luka die Strecke überwunden hatte. Er wirbelte herum, die Linke griff Lencis in die Hüfte und drückte sie hinter sich, während die Rechte eine Serie von Schüssen abgab.
Hinter ihnen, auf dem Dach eines Terminals fiel ein getroffener Soldat kopfüber in die Tiefe.
Ein anderer setzte mit einer Scharfschützenwaffe an, deutlich erkannte Oren ein illegales Neutronengewehr. Oren wollte eine Warnung brüllen, aber es war zu spät dafür. Auf dem Dach hetzten Wachleute und Soldaten heran, um den Schützen zu stoppen, lieferten sich bereits Feuergefechte mit zwei weiteren Verrätern, da schoss der Mann, den Oren zu Recht als Attentäter einstufte.
Die Warnung kam zu spät. Jeder der sich im Radius von einem Meter vom Schuss entfernt befand würde sterben, das eigentlich getroffene Ziel zu Wasserdampf vaporisiert werden.
Deshalb war das Neutronengewehr ja auch illegal.
Oren konnte den Waffenstrahl nicht sehen; dafür aber, wie um Luka plötzlich eine Aura aufleuchtete, die mehrere Sekunden flackerte, bevor sie wieder verschwand.
Der Arogad blinzelte mehrfach, um die Flecken der Lichtexplosion zu vertreiben, bevor er wieder zu den Iovar herüber sah. Luka und Aris Lencis standen noch immer dort, unbeschadet. Aber nun waren auch die Iovar aus der Begleitung des Admirals hervor getreten und sicherten die Diplomatin mit ihren Leibern. Luka Maric nahmen sie dabei wie selbstverständlich in die Phalanx auf.
Die sechs gigantischen Rüstungen verteilten sich um die Admirälin und ihr Gefolge. Nun waren die Waffen nicht gen Boden oder Himmel gerichtet. Außerdem hatten sich auf den Oberkörpern bisher verborgene Segmente geöffnet, hinter denen die Sprengköpfe von Raketen zu sehen waren.
Als mehrere Sekunden danach kein weiterer Angriff erfolgte, traf Oren eine Entscheidung. Er lief zu der Iovar-Gruppe herüber, drängte sich durch die Phalanx der Beschützer, an Luka vorbei und angelte nach der Hand der Diplomatin. Als er ihre sanfte Hand in seinem harten Griff spürte, zog er nachdrücklich. Sie folgte ihm wie selbstverständlich, ebenso das Gefolge, während Luka ebenso selbstverständlich die Rückendeckung übernahm, bis die Gruppe Schutz im Terminal gefunden hatte.
„Das war nicht geplant“, sagte Oren ernst und ohne nach dem kurzen Spring außer Atem zu sein. „Ein Attentäter hätte niemals so nahe an das Flugfeld kommen dürfen. Ganz davon abgesehen, dass niemand auf Sie und Ihre Leute schießen sollte, Admiral Lencis.“
Die Frau sah ihn erstaunt an, winkte aber ab. „Dank Ihres AO-Meisters ist ja alles gut ausgegangen. Es war eine sehr gute Idee, ihn mitzunehmen. Ich und mein Gefolge verdanken ihm unsere Leben.“
„Ja, es… War eine gute Idee.“ Er musterte Luka Maric mit einem neutralen Blick, was diesen betreten zu Boden sehen ließ. AO, was war das?
„Wie dem auch sei, ich entschuldige mich im Namen des Rates für diesen Angriff auf Ihr Leben. Wir werden jetzt entgegen des Protokolls nicht direkt in die Ratskammer fahren. Stattdessen brechen wir zum Turm Fioran auf. Er hat die stärksten Abwehrschirme und die am besten ausgebildeten Abwehr-Agenten. Dort sollten wir alle sicher sein, bis das Attentat aufgeklärt ist und die Hintermänner gefangen sind. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“
„Wenn Sie dafür meine Hand loslassen wollen, Admiral Arogad“, tadelte die Frau.
Erstaunt sah Oren, dass er noch immer die Hand der Iovar fest umschlossen hielt. Nur widerstrebend ließ er sie fahren. Es hatte sich gut angefühlt. Etwas zu gut.
„Wie dem auch sei. Folgen Sie mir nun, bitte.“
Luka Maric kam wie immer an Orens Seite. Der Admiral musterte seinen Adjutanten mit ärgerlichem Blick. „AO-Meister? Du wirst mir einiges erklären müssen, Luka.“
Verlegen sah er beiseite.
***
„Ich habe alles soweit es ging mit Marcela Fioran geregelt“, berichtete Luka Maric seinem Vorgesetzten und Freund, während er ihn in die Zimmerflucht begleitete, die auf unbestimmte Zeit sein Zuhause sein würde. „Marcela ist für die Sicherheit im Turm verantwortlich, jetzt wo Keene seine abgeschossenen Beine regeneriert.“
Luka deutete auf die schwarz uniformierten Wachen, die in unregelmäßigen Abständen im Gang verteilt waren. „Sie hat die Attentäter freigegeben. Über eine Kompanie nur für diese Etage. Die Schilde des Turms wurden aktiviert und die Personenkontrollen wurden verschärft.
Des Weiteren hat sie großzügige Appartements für die Iovar des Begleitkommandos freigegeben. Ich habe dafür gesorgt, dass du das Appartement neben Admiral Aris Lencis bekommst.“
Hinter den beiden schloss sich die Tür. Oren nahm die Schirmmütze ab und warf sie auf den Tisch einer bequemen Couchecke. Seufzend ließ er sich ins weiche Polster fallen. „Diese Giganten, wie nennen die Iovar sie?“
„Banges. Es sind semimobile Kampfrüstungen mit einem Mann Besatzung. Sie sind raumtauglich, flugtauglich – wenngleich die Aerodynamik wirklich beschissen ist, entschuldige bitte – und schwer bewaffnet. Gesteuert werden sie über ein Interface durch eine Künstliche Intelligenz, die direkt mit dem Gehirn des Piloten verbunden ist. Was die Banges während des Attentats gezeigt haben ist nicht einmal ein Hundertstel ihres Könnens. Ich habe nach Absprache mit Marcela den sechs Banges-Piloten gestattet, sich der Wachtruppe um den Turm Fioran anzuschließen. Ich sage dir, du hast noch nie so viele staunende Gesichter gesehen, Oren.“
„Ich habe selbst schon genug gestaunt. Vor allem am Raumhafen. Verdammt, Luka, du bist seit dreißig Jahren mein Adjutant. Aber seit wann kannst du einen Schuss aus einem Neutronengewehr aufhalten? Seit wann?“
Luka Maric trat an die Schrankbar heran, suchte aus den ungeöffneten Flaschen die Beste heraus, nahm zwei Gläser und füllte sie großzügig. „Das muß man dem alten Logg Fioran wirklich lassen. Seine Gäste kriegen nur den guten Stoff.“
Mit beiden Gläsern in der Hand und die Flasche unter dem Arm aufgerichtet festgeklemmt, kam er ebenfalls zur Couch, setzte Gläser und Flasche ab und nahm ebenfalls Platz.
„Weißt du, Oren, du hast ja überhaupt keine Ahnung.“
„Ahnung von was?“
„Habe ich schon erzählt, dass das Appartement von Aris und dir mit einer Sicherheitstür verbunden ist, die ich entriegeln ließ? Wenn sie also etwas Inoffizielles vor den Gesprächen sagen will, mach einfach die Tür auf.“
„Weich mir nicht aus, Luka.“
Der Adjutant seufzte schwer. „Oren, weißt du überhaupt, wer wir damals waren? Was wir damals waren, auf Iotan?“
Der Arogad erschauderte, als der Name der alten Hauptwelt fiel.
„Du erwartest jetzt sicher wieder die alte rührselige Geschichte von den unterdrückten Arbeitern oder den Sklaven, die sich erhoben haben und geflohen sind. Leider ist diese Geschichte erst eintausend Jahre alt. Wir brauchten nur fünf Generationen, um die Wahrheit zu unterdrücken und zu vergessen. Es stimmt, wir sind geflohen. Beziehungsweise unsere Vorfahren. Aber sie waren keine Arbeitssklaven. Sie waren nur… Anders.“
„Anders?“ Oren griff nach seinem Glas und nippte daran. Lacmisch, ein ziemlich guter Jahrgang.
„Sie sind AO-Nutzer. Wir sind es nicht. Das heißt, wir waren es nicht. AO ist eine Kraft in unserem Körper, neben Blut und Lymphe, die uns permanent durchspült. Sie… Nein, das führt zu weit und erklärt zuwenig.
Jedenfalls bedeutet das AO zu beherrschen über eine gute Gesundheit zu verfügen. Oder um es auf den Punkt zu bringen, es gibt auch eine gute Waffe ab.
Wir, die Naguad, waren damals eine sehr arrogante Rasse, die auf Iotan einen eigenen Kontinent hatte. Wir waren führend in der Technik, führend in den Wissenschaften und führend in der Militärtechnologie. Wir fühlten uns unangreifbar und wollten die Welt erobern.
Der andere Kontinent unserer Heimatwelt, der weitaus Größere, zu dem Zeitpunkt in drei Nationen gespalten, erschien uns ein leichter Gegner. Wir irrten uns. Konflikte auf diesem Kontinent wurden schon lange nicht mehr mit Kriegsgerät geführt. Stattdessen fochten AO-Meister die Kämpfe aus. Dies ließ sie uns schwach erscheinen. Bis sie auf unseren Eroberungsvorstoß damit reagierten, dass sie uns eroberten.
Was danach geschah kann ich dir nicht sagen, aber wir lebten Jahrhunderte unter ihrer Regentschaft und verfolgten als Menschen zweiter Klasse mit, wie die Iotan-Rassen das Weltall eroberten. Unsere Vorfahren fassten einen Entschluss – und einen kühnen Plan. Wir schufen uns Möglichkeiten, eigene AO-Meister auszubilden, hielten diese aber zurück, im Verborgenen. So machen wir es noch immer, Oren.
Und als die Zeit reif war, eroberte eine auserlesene Schar Naguad neunzehn Kriegsschiffe der Iotan-Rassen und Dutzende Frachtschiffe. Mit Ausrüstung für ein Jahrzehnt und zehn Millionen Naguad an Bord verließen wir das System. Wir wurden verfolgt, bekämpft und waren gezwungen, uns zu wehren. Einige taten mehr als das und verwüsteten weite Teile von Iotan mit den Waffen, die wir erobert hatten.
Einhundertsiebzig Lichtjahre entfernt ließen wir uns nieder und lebten zweitausend Jahre in relativer Ruhe und einigermaßen im Frieden. Dann fanden uns die Iotan-Völker, die sich nun Iovar nannten, wieder. Dies war der Beginn der permanenten Angriffe. Ein Racheakt für zwei Gräuel, die wir ihnen antaten.
Wir… Wir haben es nie geschafft, einen Dialog mit den Iovar zu beginnen. Nicht bei dem Hass, mit den sie uns begegneten, nicht bei der Zerstrittenheit der Häuser, von denen einige einen ewigen Krieg guthießen. Anscheinend tun das einige heute noch, wie du am Attentat gesehen hast.“
„Weiter“, bat Oren.
„Ich will nicht zu weit ausführen, denn Dinge wie Dämonenwelt, AO-Schild und AO-verstärkte Waffen werden dir ohne lange Erklärungen nichts sagen. Nur soviel. Unsere eigenen AO-Meister gab es weiterhin, sie bildeten damals und bilden auch heute noch Leute aus. Da AO in unserer Gesellschaft aber eher mit Angst begegnet wurde, taten sie dies im geheimen, vom Rat gefördert, aber im Mantel der Dunkelheit. Okay, das ist eine pathetische Formulierung. Über die Jahre vergaßen die Naguad den negativen Klang, den AO hatte. Aber dennoch blieben sie im Verborgenen, weil wir den Nutzen erkannten, der sich daraus ergab. Sie gründeten einen Orden, der sich einfach und alleine nur dem Schutz der Naguad verschrieben hatte. Ja, ich gehöre diesem Orden ebenfalls an. Und damit du es genau weißt, ich arbeite nicht mit dir, weil es mein Auftrag ist. Meine Aufträge erledige ich während meines Urlaubs. Dein Adjutant bin ich aus freien Stücken geworden.“
„Sag mal“, begann Oren gedehnt, „darfst du mir das alles denn überhaupt erzählen?“
„Eigentlich nicht, aber die kleine Handvoll Zeugen kriegen wir schon in den Griff und du hast nichts davon, wenn das AO in die Medien kommt. Lass uns weiter im Verborgenen tätig sein, und wir sind öfters solche Überraschungen wie heute.“
„Verstehe.“ Oren Arogad sagte es, aber er war nicht ganz sicher, wie viel Wahrheit dahinter steckte. Er erhob sich, trat ans Aussichtsfenster, welches auf einen der Innenhöfe führte. „Sind wir die Bösen in diesem Spiel? Haben die Iovar alles Recht der Welt, uns anzugreifen?“
„Was ist deine Meinung, Oren Arogad?“
„Dass wir Frieden machen sollten. Wir sind mittlerweile achthundert Millionen Naguad, verteilt auf elf Welten und sieben Systeme. Wir haben nichts mehr mit unseren Vorfahren gemeinsam, die von Iotan flohen. Und auch die Iovar haben absolut nichts davon, uns weiterhin über einhundertsiebzig Lichtjahre hinweg anzugreifen.“
„Das ist vielleicht der Grund für die Anreise von Admiral Lencis. Vielleicht bringt sie uns Frieden.“ Nachdenklich nippte der junge Mann an seinem Getränk. „Vielleicht war sie es heute wert, gerettet zu werden.“
„Ja, vielleicht.“
Oren riss sich aus seiner Starre, trank das Glas hastig in mehreren Zügen leer und stellte es wieder auf den Couchtisch. „Die Tür, ja?“
„Die Tür. Soll ich mitkommen?“
„Ich gehe sie etwas fragen. Ich erwarte keinen Kampf und auch nicht, dass du einen Stab deiner Leute zusammenstellen musst.“
Luka Maric seufzte halb beleidigt, halb erleichtert. „Das harte Leben der Adjutanten, der verkannten Helden des Imperiums.“
„Du kriegst deinen Orden schon noch, Junge“, schmunzelte Oren Arogad und öffnete die Verbindungstür.

„Admiral Lencis. Darf ich eintreten?“ Oren wartete die Antwort nicht ab und schloss die Verbindungstür hinter sich. Das Appartement war ebenso aufgebaut wie seines und besaß ebenfalls eine großzügige Fensterfront in den Innenhof. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier Attentäter lauerten, war wesentlich geringer als bei einem Fenster, das an die Außenwand grenzte.
Alles andere würden die Attentäter von Haus Fioran regeln. Nun, sie waren nicht wirklich Attentäter. Sie trainierten die Attentatsprozeduren nur bis zum umfallen, entwickelten neue Methoden und im gleichen Atemzug Gegenmaßnahmen. Sie waren die besttrainierten Abwehrtruppen, die eines der Häuser haben konnte. Leider machte sie das eben auch zu sehr effizienten Attentätern und Oren Arogad zweifelte nicht daran, dass sie auch in dieser Funktion zum Einsatz kamen. Nicht umsonst sagte man in der Bevölkerung zu einem plötzlichen Todesfall Fioran-Tod.
Deshalb machte sich Oren auch keine Gedanken, als er die junge Frau am Fenster stehen sah.
Sie hatte ihren Umhang abgelegt und sah hinaus in den Innenhof, der zu dieser Uhrzeit vor Leben nur so brodelte. Auf der Sohle des Hofs, der sich gut einen Kilometer über dem Boden befand, war ein Schwimmbad installiert, dass gut frequentiert war.
„Admiral?“
„Gehen Sie, Oren Arogad.“
„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht stören, Aris Lencis. Ich wollte Sie nur etwas fragen, bevor wir den offiziellen Part wieder aufnehmen und der Rat zusammentritt.“
„Fragen Sie, Oren Arogad“, antwortete sie mit leiser Stimme. Es klang aber so als würde ein „dann aber raus“ mitschwingen.
„Nun, es stört mich schon eine gewisse Zeit, deshalb bin ich neugierig. Aris ist bei uns ein Jungenname, und so frage ich mich…“
Die Schultern der Frau bebten. Oren zuckte zusammen. Erst das Attentat gleich nach der Landung, dann seine harsche Behandlung, mit der er sie hinter sich hergeschleift hatte und schließlich die Zwangseinquartierung im Fioran-Turm. Hatte er sie zu allem Überfluss nun auch noch beleidigt?
„Admiral, ich bitte um…“, begann er, wurde aber vom lauten Lachen der Frau unterbrochen. Sie legte eine Hand an die Stirn und lachte minutenlang aus vollem Herzen.
Atemlos sagte sie: „Ich hatte erwartet, dass Sie etwas über meine Mission fragen, wegen dem Attentat oder den Banges. Aber nein, Sie fragen nach meinem Namen. Oren Arogad, Sie sind wunderbar.“
Der Admiral runzelte die Stirn. „Wenn ich Sie beleidigt habe, Aris Lencis, dann…“
Sie wandte sich um. Ihre Wangen waren fleckig, ein Beweis, dass sie vor kurzem geweint hatte. Aber im Moment strahlte sie über das ganze Gesicht. „Nein, das haben Sie nicht, Oren Arogad. Im Gegenteil. So herzhaft lachen zu können war genau das, was ich brauchte.“
Sie wandte sich vom Fenster ab und setzte sich auf die Couchecke. Bis auf die Farbe war sie mit der in seinem Raum identisch. Also musste auch die Bar identisch sein, fand Oren und bediente sich. Mit zwei Gläsern Irquim, einem leichten, süßen Frauengetränk ging er zum Tisch. Ungefragt stellte er der Iovar das Getränk vor den Platz und setzte sich.
Aris Lencis griff danach und nahm einen langen Schluck. „Wissen Sie, Oren Arogad, ich habe mein Testament gemacht, bevor ich hierher kam. Ehrlich gesagt habe ich nicht einmal damit gerechnet, es bis in den Orbit von Prime zu schaffen, geschweige denn auf die Oberfläche. Ich war nicht wirklich bereit zu sterben, aber ich habe jede Sekunde damit gerechnet, dass es passiert. Als ich dann mit der Neutronenwaffe beschossen wurde, da…“
Sie nahm noch einen Schluck und leerte das Glas in einem Zug. „Haben wir auch was Stärkeres, Oren Arogad?“
„Oren. Sagen Sie einfach Oren. Erinnern Sie mich bitte nicht dauernd daran, wer ich bin.“
Das Ratsmitglied erhob sich und hatte die Wahl zwischen dem schweren Lacmisch-Wein und Lacschar-Schnaps. Er entschied sich für den Wein. Dann kehrte er zurück und goss ihr ein.
„Danke.“
„Sie haben damit gerechnet, noch vor unserem Orbit abgeschossen zu werden? Für wen halten Sie uns?“, tadelte Oren leise.
Aris Lencis warf ihm einen schiefen Blick zu. „Für ein Volk, das seit dreitausend Jahren mit uns verfeindet ist und seit eintausend Jahren permanent angegriffen wird und dabei sehr schwere Verluste hinnehmen musste.“
„Wenn man es so sieht…“
„Was ich sagen will, Oren Arogad – Oren! Was ich sagen will ist, dass ich meinen Tod einkalkuliert hatte. Es erschien mir so richtig zu sein, als die fast unbesiegbare Neutronenwaffe auf uns schoss. Dass Ihr AO-Meister eingriff, lange bevor die AO-Meister meiner Leibwache eingreifen konnten, bemerkte ich erst, als ich im Terminal stand und Sie meine Hand hielten.
Und erst jetzt habe ich gemerkt, was überhaupt passiert ist. Ich habe gerade erst gemerkt, dass ich noch am Leben bin.“ Sie nahm einen kräftigen Schluck vom Wein und keuchte erschrocken auf. „Himmel! Was ist das denn?“
„Es gibt dieses Getränk auch als Branntwein.“
„Was? Das geht noch stärker? Dann setze ich das auf die Liste der Erfahrungen, die ich niemals machen will. Gleich nach auf dieser Mission zu sterben.“
Oren schmunzelte. „Ich werde mein Bestes geben, damit Sie diesen Vorsatz einhalten können, Admiral.“
„Aris. Nennen Sie mich Aris.“
„Gut. Aris.“

Nachdenklich drehte Oren sein Glas in der Hand, nahm ab und an einen Schluck. „Wenn man uns hier so sehen könnte, würde niemand denken, dass wir eigentlich zwei Todfeinde sind, die sich eher an die Kehle gehen sollten als gemeinsam etwas zu trinken.“
„Wollen Sie mir an die Kehle gehen, Oren? Jetzt wäre eine sehr gute Gelegenheit. Ich empfehle die Druckpunkte auf der linken Halsschlagader. Wenn Ihnen erwürgen lieber ist, können Sie entweder meinen Kehlkopf zertrümmern oder eindrücken, bis ich keine Luft mehr kriege.“ Aris reckte den Hals, damit er die beschriebenen Stellen besser sehen konnte.
Oren Arogad winkte ab. „Keine Lust, Sie zu töten, Aris. Abgesehen davon habe ich schon zuviel Mühe in Sie investiert, um Ihnen jetzt Ihren schönen Hals umzudrehen.“
„Danke.“
„Danke wofür, Aris?“
„Danke für den schönen Hals, Oren. Ich fasse das als Kompliment auf. Ebenso, dass Sie mich gerade nicht töten wollen.“
„Ich werde Sie auch in zehn Minuten noch nicht töten wollen, Aris.“
„Oh“, erwiderte sie, „wie großzügig.“ Sie spielte mit dem Rand ihres Glases, bewegte den rechten Zeigefinger gegen den Uhrzeigersinn darauf. „Sie haben Recht. Selbst wenn man unsere Konversation belauschen könnte, würde niemand glauben, dass wir eine Iovar und ein Naguad sind. Man könnte uns eher für alte Freunde halten, die miteinander scherzen, Oren.“
„Was uns wieder zum Thema bringt, Aris. Ihr Name.“
„Ach, das.“ Die schlanke Frau winkte ab. „Streiten Sie mit meinem Vater darüber, Kalma Lencis. Er war ja unbedingt der festen Auffassung, sein zweites Kind müsste auch ein Sohn werden, darum ließ er den Namen vor der Geburt festlegen. Da er sich aber nicht ganz sicher war, wählte er einen Namen, den bei uns auch Frauen tragen.“
Aris atmete heftig aus. „Wissen Sie, was es in unserer Kultur bedeutet, als Frau Aris zu heißen? Frauen die diesen Namen bekommen gelten automatisch als Hitzköpfe, Raufbolde und halbe Jungen. Es erscheint unmöglich, sie in Kleider oder andere typische Frauensachen zu stecken. Sie verbringen lieber ihre Zeit in einem Rudel Ballspielender Jungs als mit ihren Haustieren und Puppen. Und es versucht auch niemand sie zu bändigen, denn einige unserer besten und temperamentvollsten Kriegerinnen trugen diesen Namen. Kein Wunder also, dass man nie versuchte, mich typische Mädchendinge machen zu lassen. Als wäre es von vorne herein aussichtslos.“ Sie seufzte gedankenverloren. „Okay, ich gebe es ja zu. Ich HABE lieber mit den Jungs Ball gespielt als mit meinen Puppen. Ja, ich hatte Puppen. Ab und zu fand ich es herrlich, sie anzuziehen, zu kämmen und zu frisieren. Aber meistens war ich im Matsch zuhause und auf meiner Stirn stand dick und fett geschrieben: Bitte an die nächste Kadettenakademie oder eine Sportschule schicken. Ist dann halt die Kadettenakademie geworden.“
„Das war jetzt etwas mehr, als ich wissen wollte“, schmunzelte Oren. „Und wie sieht Ihre Kultur Männer mit dem Namen Aris?“
„Hm. Sie erwarten jetzt vielleicht, dass Männer mit diesem Namen als weibisch gelten oder so was. Nein, eigentlich nicht. Sie gelten als flexibel, selbstsicher, geborene Anführer mit wachem Verstand und sicherem Auge. Leg dich nicht mit einem Aris an, das ist eines unserer Mottos. Der Name wird selten vergeben, weil leider auch die Messlatte für diese Menschen entsprechend hoch gehängt wird. Von einem Aris wird immer mehr erwartet als von anderen Iovar.“ Sie senkte den Blick. „Und oft genug sterben sie daran. Einer meiner Vettern hieß Aris. Er starb vor einhundertsieben Jahren bei einem Angriff auf diese Welt, als er den Rückzug seiner Schiffe deckte. Es heißt, er hatte einen tollen Abgang und hinterließ einen phantastischen Krater. Außerdem nahm er noch ein paar Feinde mit sich.“
„Einhundertsieben Jahre? Hm. Das könnte das Vollahran-Massaker gewesen sein. Eine weit unterlegene Raider-Einheit hat das Doppelte an Schiffen und Naguad vernichtet, bevor ein Viertel der ursprünglichen Truppen entkommen konnte. Bei dem Angriff hat es meinen Großonkel erwischt, der damals unser Haus leitete. Seitdem hat mein Zweig der Familie das Amt inne. Auch bei uns ist dieser Angriff legendär, wenngleich unter etwas anderen Beweggründen. Wir verehren ihn weniger, erkennen aber die Brillanz und das Genie der Strategie.“
„Das haben Sie schön über einen Feind gesagt, der achttausend eigene Soldaten in den Tod geführt hat.“
„Vergessen wir nicht die knapp vierzigtausend Toten und Verletzten, die es auf unserer Seite gegeben hat, einschließlich von siebenundzwanzig Kampfschiffen.“
„Können wir das Thema wechseln? Im Moment ist mir der Tod von Aris doch etwas zu nahe an der Gegenwart.“
„Wie Sie wünschen, Aris. Entschuldigung, das war jetzt nicht spöttisch gemeint.“
Die Iovar schmunzelte. „Schon in Ordnung. Das ist der Fluch der Namen. Geht es Ihnen mit Oren genauso?“
„Eigentlich nicht. Oren ist ein Allerweltsnamen ohne besondere Bedeutung. Er geht auf die Schneiderkunst zurück und bezeichnet einen Lehrling oder Gesellen am Anfang seiner Karriere – zum Glück in einem Dialekt, den heute niemand mehr spricht.“
„Ich frage mich gerade, was besser ist: Ein Name, den jeder tragen könnte, oder ein Name, der von vorne herein mit unmöglichen Erwartungen verbunden ist.“
„Keine Ahnung. Ich bin mit Oren jedenfalls sehr zufrieden.“
Oren trank einen Schluck aus seinem Glas. „Aris hat bei uns übrigens auch eine Bedeutung. Sie lautet Beschützer, Garde oder Wache. Aris ist der, der über andere wacht.“
„Das kommt in etwa hin. Die Definition muß noch auf Iotan-Zeiten zurückreichen.“
Die beiden sahen sich über den Rand ihrer Gläser hinweg an. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit einem Naguad so eine zwangslose Konversation halten könnte. Vor allem nicht bei dem Grund, der mich hierher führt.“

Wieder musterten sich die beiden lange Zeit. Oren trank sein Glas leer, wischte sich über den Mund und sah ihr in die Augen. „In Ordnung. Ich habe verstanden. Ich frage Sie, Aris: Welcher Grund hat Sie hierher geführt?“
„Ich will eine Geisel nehmen. Dafür lasse ich Ihnen die Pläne für die Banges hier.“
„Ein Geisel?“
„Eine Geisel“, bestätigte die Frau. „Am besten ein Ratsmitglied. Erscheint Ihnen das ein zu hoher Preis für die Möglichkeit, eigene Banges zu bauen?“
„Es juckt mir in den Fingern, nach den Hintergründen zu fragen.“
„Warum tun Sie es nicht, Oren?“
Der Arogad schmunzelte. „Weil ich wissen will, ob Sie es bis zur Ratssitzung aushalten, dieses Wissen für sich zu behalten.“
„Sie tun ja gerade so, als würde ich darauf brennen, Ihnen dieses Wissen anzuvertrauen.“
„Ist es etwa nicht so? Alleine schon aus dem Grund, dass ein zweites Attentat Erfolg haben könnte, drängt alles in Ihnen danach, sich mir mitzuteilen. Deswegen und weil…“
„Weil?“, hakte sie nach und zog eine Augenbraue hoch.
„Schon gut“, erwiderte Oren und schenkte sich nach.
„Weil?“, forderte sie mit Nachdruck.
Der Arogad zuckte die Achseln. „Weil Sie mich anscheinend mögen, Aris.“
„In Ihren geheimen Wünschen, Oren.“
„Oh, meine geheimen Wünsche Sie betreffend sehen anders aus, Aris.“
„Oren Arogad, flirten Sie etwa mit mir? Ich bin zweihundert Ihrer Jahre alt.“
„Und ich bin zweihundertzehn Jahre alt. Was meinen Sie, wie ich sonst Admiral sein könnte? Und ja, ich flirte mit Ihnen. Ich mag Sie nämlich auch.“
„Machen Sie eigentlich allen überirdisch schönen feindlichen Frauen, in die Sie sich auf den ersten Blick verlieben unsittliche Anträge?“
„Nein, Sie sind die erste. Und die unsittlichen Anträge kommen erst später, Aris.“
Aris Lencis sah in ihr Glas und lachte prustend. „Oren Arogad, Sie sind ein merkwürdiger Mann. Aber Sie haben Recht, ich mag Sie. Aber bilden Sie sich darauf nicht mehr ein als…“
„Als?“, hakte der Admiral nach.
„Als ohnehin schon.“ Sie leerte ihr Glas und erhob sich. „Guten Abend, Admiral Oren Arogad.“
„Das ist ein Rauswurf, richtig?“ Oren erhob sich ebenfalls.
„Was erwarten Sie von mir? Vor einem Tag war ich bereit, beim Anflug auf Ihre Heimatwelt zu sterben. Vor vier Stunden hat mich Ihr AO-Meister davor bewahrt als diffundierende Wasserdampfwolke zu enden. Vor einer Stunde wäre ich unter dem Druck beinahe zusammengebrochen. Ich habe nun wirklich besseres zu tun, als ausgerechnet mit einem hochrangigen Vertreter des Rates meiner Todfeinde in ewige Liebe zu fallen.“
„Müssen Sie immer gleich in Extreme verfallen, Aris?“
„Nur, wenn die Extreme da sind.“ Wortlos schob sie den Arogad vor sich her, öffnete die Verbindungstür und drückte ihn in sein Appartement. Dann schloss sie die Tür wieder. Es klickte vernehmlich, als sie verriegelt wurde.
„Oren?“
„Ich bin noch da, Aris.“
„Können Sie einen Boten kommen lassen, der den Schlüssel für diese Tür abholt? Es ist mir nicht sicher genug.“
„Aris, ich versichere Ihnen, dass ich meinen Schlüssel nicht benutzen werde.“
„Ich rede von meinem Schlüssel.“
„Autsch. Müssen Sie alles derart übertreiben, Aris?“
„Müssen Sie so sein, wie Sie sind, Oren?“
Der Arogad sah schmunzelnd zu Boden. „Ich lasse einen Boten kommen, Aris.“
„Danke. Guten Abend, Oren.“
„Gute Nacht, Aris.“

Langsam und zögernd zog er den Schlüssel von seiner Seite der Tür ab. Er wandte sich um warf ihn seinem Adjutanten zu, der ihn aus großen, sehr großen Augen ansah.
„Wenn dein Mund noch länger offen steht, mein lieber Luka, kommen noch Vazil-Fliegen und bauen da drin ein Nest. Hier, nimm den Schlüssel an dich und gib ihn Marcela. Ich habe sonst Verwendung für ihn.“
Langsam und nachdrücklich klappte der Adjutant den Mund wieder zu. „Was bei allen neun Türmen hast du da drin getrieben, Oren?“
Der Arogad trat an den Tisch und schenkte sich sein altes Glas voll. „Würdest du mir glauben, dass ich mich Hals über Kopf verliebt habe? Und dass ich dir den Kopf abreiße wenn du versuchst, dich als ihren Retter zu profilieren?“
„Was? Was bitte? Oren, kannst du das wiederholen? Es klang gerade so für mich, als würdest du mich als Konkurrenten in der Gunst einer feindlichen Admirälin in diplomatischer Mission sehen!“
„Genau das.“
Luka Maric schlug sich eine Hand vor den Kopf. „Himmel, Sterne und bei meinem Großvater. Oren Arogad, du treibst mich in den Wahnsinn.“
„Das heißt natürlich nicht, dass ich dich nicht immer noch liebe, Luka. Du bist wie ein kleiner Bruder für mich und…“
„Bitte, bitte, Oren Arogad, immer nur ein Schock pro Stunde.“ Er erhob sich. „Ich gehe zu Marcela und lasse sie einen Boten zu Admiral Lencis schicken. Soll ich sicherheitshalber die Balkontüren verriegeln lassen, damit du dich nicht von Fenster zu Fenster hangelst?“
„Wäre vielleicht besser.“
„Oren, du bist über zweihundert Jahre alt. Aber im Moment wirkst du auf mich wie ein verliebter vierzigjähriger Halbstarker!“ Grinsend ließ Luka Maric die Schultern sinken. „Streich den letzten Satz wieder. Das sollte mich wirklich nicht wundern. Ist immerhin das erste Mal, seit wir uns kennen, oder?“
Luka ging zur Tür. „Bevor ich dein Appartement verlasse, soll ich ein paar Attentäter in diesem Zimmer platzieren, damit du weder über den Gang noch über die Fensterfront zu deinem Schatz zu kommen versuchst?“
Oren brummte unverständlich zur Antwort.
„War das ein ja?“
„Nun geh endlich. Und komm gefälligst schnell wieder, bevor ich bis zur Decke schwebe.“
„Bevor dich deine Gefühle vollkommen überwältigen und ich dir laut ins Ohr schreie, dass sie der Feind ist: Was wäre so schlimm dran, wenn du dem Gefühl nachgibst?“
„Du bist eine Gefahr für die Allgemeinheit, Luka Maric, weißt du das?“
„Das hat meine Mutter auch immer zu mir gesagt. Ich brauche fünf Minuten. Schenk dir noch ein Glas ein und warte bis es alle ist, bevor du Dummheiten machst, ja?“
„Nun geh endlich!“

Luka verschwand und Oren schenkte sich wie gewünscht sein Glas wieder voll. Er ging zur Verbindungstür. „Aris?“
„Ich bin noch hier, Oren.“
„Dann hast du alles gehört.“
„Ja. Das Leben kann ironisch sein, oder?“
„Ist es das nicht immer?“
Sie antwortete nicht darauf. Oren lehnte sich gegen die Tür und ließ sich daran herabsinken.
„Was wäre schlecht daran? Da hat er vielleicht recht.“
„Wer? Dein kleiner Bruder? So weit habe ich noch gar nicht gedacht, Oren Arogad. Außerdem… Ich bleibe nicht lange. Darf nicht lange bleiben. Es… Es tut mir Leid.“
„Ja. Vergessen wir das Thema.“
„Okay.“
„Okay.“
„Oren?“
„Ich bin hier.“
„Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch.“
„Soll ich die Tür aufmachen?“
„Zwecklos. Im Moment habe ich nicht mal genügend Kraft um aufzustehen. Ich zittere am ganzen Leib. Du darfst mir nicht solche Sachen sagen, Aris.“
„Was? Du auch? An den Schlüssel wäre ich ja noch gekommen, nur die Tür hätte ich nicht aufgekriegt.“
Oren Arogad lachte leise. Dann trank er einen Schluck aus seinem Glas. „Wie ist das nur passiert?“
„Du hast mir auf den ersten Blick gefallen. Und als du nach meiner Hand gegriffen hast, als du mich hinter dir her gezogen hast… Weißt du, von einer Aris erwartet man so viel Selbstständigkeit. In dem Moment habe ich mich einfach fallengelassen. Habe mich führen lassen. Ich bin vollkommen gefallen. Und du?“
„Es ist dieser Hosenanzug. Ich konnte eine geschlagene Minute nicht atmen. Du warst auf den ersten Blick so süß… Und dann deine Stimme… Als ich dazu auch noch gemerkt habe, dass du Grips in deinem hübschen Kopf hast und als dieser Attentäter auf dich gefeuert hat, da hat es so laut klick gemacht, dass ich fast taub geworden wäre.“
Oren schlug mit der geballten Faust auf den Boden. „Himmel, was braucht Luka nur so lange?“
Sie antwortete nicht darauf.
„Aris?“
„Der Bote ist an der Tür. Ich lasse ihn eintreten.“
Oren Arogad klopfte leise mit seinem Hinterkopf gegen die Verbindungstür. „Chance vertan.“
„Ja“, hauchte sie zur Antwort.

5.
„Der letzte Angriff“, sagte Aris Lencis ernst und mit weit tragender Stimme, „wurde nicht von uns Iovar geführt. Übrigens auch der Angriff davor. Und der Angriff davor. Es ist schwierig zu erklären, aber wir haben einen Riesenfehler gemacht. Und Sie sind nun die Leidtragenden.“
Diese Eröffnung ließ die Versammlung erschrocken aufkeuchen. Die Räte starrten die Admirälin an wie einen Geist.
„Aber es waren Ihre Schiffe, Raider-Schiffe!“
„Richtig, Meister Daness. Unsere Technologie, um genau zu sein. Es fällt mir schwer das zuzugeben, aber unter uns Iovar gibt es mehrere Fraktionen. Eine dieser Fraktionen… Hat einen etwas ungewöhnlichen Plan erarbeitet, um die Angriffe auf die Naguad effizienter zu machen. Sie haben… Mobile Cores entwickelt. Eine hyperkomplexe Künstliche Intelligenz, gefüttert mit allen Grunddaten unserer Technologie, unserer Wissenschaften und ausgestattet mit automatischen Minifabriken. Dazu kommen Genproben. Trifft ein solcher Core auf Ressourcen, ist er in der Lage, sich selbst zu reproduzieren. Um es auf den Punkt zu bringen, diese Fraktion hat sieben Cores abgeschossen. In den letzten achthundert Jahren haben diese Cores eigene Welten besiedelt, die sie ihrem Programm gemäß ausbeuten. Weiter dem Programm gemäß entwickeln sie eine eigene Industrie und eigene Werften. Aus den Genproben züchten sie mobile Drohnen für den Einsatz auf den Schiffen, die ihre Werften ausspeien. Ein Großteil der letzten Raids gehen auf diese sieben Cores zurück. Nicht alle, zugegeben. Aber die meisten. Wir kamen ihnen eher zufällig auf die Spur, entdeckten ihre Existenz und ihre Verbindung zu dieser… Iovar-Fraktion. Und mussten feststellen, dass ihre K.I.s noch einen Auftrag haben, neben den Raids gegen die verhassten und verräterischen Naguad.“
Aris Lencis sah in die Runde. „Bitte nehmen Sie meine letzte Bemerkung nicht persönlich. Die Cores bilden eine Art autonome Gesellschaft im Niemandsland zwischen unseren beiden Reichen. Und nur eines ist sicher: Die Naguad sind für sie ebensolche Feinde wie wir Iovar – bis auf die Fraktion, die sie erschaffen hat. Wir befinden uns im Krieg mit ihnen.“
Wieder wurde erschrocken geraunt.
„Wir schätzen diese Gefahr recht hoch ein. Hoch genug, um einen Vize-Admiral mit einem unserer neuesten Kampfschiffe auf eine Selbstmordmission mitten ins Kerngebiet eines Imperiums zu schicken, mit dem wir bis aufs Blut verfeindet sind. Wir haben einfach nicht die Zeit, um uns weiterhin mit den Raids zu befassen. Stattdessen bieten wir den Naguad an, sich mit uns zu verbünden oder zumindest einen Waffenstillstand mit uns zu schließen. Sagen wir für die nächsten hundert Jahre. Bis wir die Bedrohung durch die Cores eingedämmt oder beseitigt haben. Als Gegenleistung bietet Ihnen meine Regierung die Pläne für die Banges an. Sie sind sowohl im Weltall, in der Luft, an Land als auch unter Wasser sehr effizient und beweglich. Mit diesen mobilen Waffenplattformen konnten wir den Cores bereits empfindliche Schläge versetzen. Aber die KIs der Cores sind auf einem sehr hohen Stand. Sie entwickeln zweifellos eigene Banges für den Kampf gegen uns. Noch ein Grund, warum die Naguad den Waffenstillstand annehmen sollten. Beim nächsten Raid setzen die Cores vielleicht schon diese Banges ein. Und sie abzuwehren ist schwer, wenn die Naguad das Waffensystem nicht kennen.“
„Wenn wir den Waffenstillstand für einhundert Jahre annehmen und die Pläne für die Banges akzeptieren, was fordern die Iovar als Sicherheit, Admiral Lencis?“
„Nun, Meister Arogad. Wir fordern eine Geisel aus dem Rat. Wir garantieren für die Sicherheit dieser Person, solange der Waffenstillstand eingehalten wird.“
„Das ist doch verrückt! Wer würde von uns freiwillig einhundert Jahre im Feindesland verbringen? Wer geht auf einen Planeten, auf dem ihm das Leben schon schwer gemacht werden wird, nur weil er ein Naguad ist?“
Oren Arogad erhob sich. „Ich werde es tun. Wenn der Rat entscheidet, das Angebot der Iovar anzunehmen!“
„Oren…“, murmelte Aris Lencis erschrocken.
„Sind Sie sich da sicher, Oren Arogad?“, fragte Meister Elwenfelt nach. „Wenn es nach mir ginge, würde ich diese Iovar lieber wie einen geprügelten Mavir vom Planeten und in Schimpf und Schande nach Hause jagen! Ich traue diesem Volk nicht einen einzigen Schritt weit.“
Oren sah zu Aris herüber, die sich gerade setzen musste, weil ihre Beine zu sehr zitterten. „Ich bin mir absolut sicher.“
„Wir beraten darüber“, mischte sich Logg Fioran ein.
Aber Oren hörte ihn kaum. Er sah Aris in die Augen und versank darin…