Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Gedankenspiel unter Linden

von Riniell
Kurzbeschreibung
OneshotFantasy / P12 / Gen
Emerelle Tiranu Yulivee
12.04.2009
12.04.2009
1
4.459
 
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
16 Reviews
 
 
 
12.04.2009 4.459
 
Disclaimer: Alle genannten Personen und Orte sowie den Rechten daran gehören Bernhard Hennen bzw. dem Heyne Verlag. Ich verdiene mit dieser Story kein Geld, sondern habe sie nur geschrieben, weil ich Spaß daran habe.

Summary: Yulivee liegt unter den zwei Linden am See der Noroelle und lässt ihre Gedanken über Vergangenes schweifen.

Kursiv geschriebene Textstellen sind Flashbacks\ Rückblenden in die Vergangenheit. Normal geschriebenes ereignet sich etwa zwei Jahrzehnte nach dem Sieg gegen den Devanthar bzw. dessen Kirche.

---------------------------------------



Gedankenspiel unter Linden



Der schwere Geruch von Heu und Wiesenblumen stieg ihr in die Nase und benebelte sie. Unter geschlossenen Lidern sah sie die Schatten, die über ihr Gesicht tanzten. Zwei Lärchen wetteiferten singend im Blätterdach über ihr.

Langsam öffnete sie ihre dunklen Augen und sah über den bunt schimmernden See vor sich – Noroelles See. Die Edelsteine, die sie vor so vielen Jahrhunderten auf den Grund des Sees gelegt hatte glitzerten immer noch und sie konnte die Macht, die ihnen innewohnten, noch klar und deutlich vernehmen. In der letzten Zeit war sie immer öfter hier hergekommen, um die Ruhe und Ausgeglichenheit aufzunehmen, die dieser Ort verbreitete.

Albenmark hatte sich nicht überall so schnell erholt, wie dieser Ort hier. Denn obwohl die Völker sich wieder erholt hatten und allmählich wieder zu ihrer gewohnten Lebensweise zurückkehren konnten, gab es doch viele Wunden, die lange brauchten, um geschlossen zu werden oder gar nie verheilen werden.



Emerelle schritt über das riesige Achterdeck. Sie trug ein schlichtes grünes Kleid, das ihre edelblassen Schultern frei ließ und ihren schlanken Körper betonte. Auf ihrer Stirn glitzerte ein schmaler silberner Reif. Ihre langen Haare hingen ihr lose und zurückgekämmt über den Rücken.

Yulivee ging hinter ihr und konnte nicht in ihr Gesicht sehen, aber die gestraften Schultern und der sichere, fast schwebende Gang über das Deck verrieten ihr, dass ihre Entscheidung feststand und sie sie nicht noch einmal überdenken wird.

Heute war das, sich alle achtundzwanzig Jahre wiederholende, Fest der Lichter in Vahan Calyd. Jeder der sich etwas aus diesem Fest machte, war erschienen. Elfen, Kentauren, Kobolde, Feen, und nun auch Menschen, Trolle und Zwerge. Alle waren gekommen, um zu sehen, wie die Königin heute zum letzten Mal die Schwanenkrone in den Händen hielt.

Die Hafenstadt war in den letzten Wochen, wie immer in dieser Zeit, wieder erblüht. Die sonst weitgehend leer stehende Stadt wurde wieder von denen, die ihre Häuser hier stehen hatten, bezogen. Die prächtige Burg mit ihren zwei gewaltigen Türmen war geschmückt worden. Nichts erinnerte mehr daran, dass die Stadt vor genau achtundzwanzig Jahren noch in Schutt und Asche lag. Und nun standen die Völker Albenmarks am Hafen und verfolgten gespannt, was sich auf der königlichen Galeere abspielte. Einiges würde in dieser Nacht anders ablaufen als sie es gewohnt waren.

Als Emerelle an dem Podest ankam, auf dem der Thron stand, nahm Yulivee ihren Platz links hinter der Königin ein, Obilee stand rechts von ihr. Der Blick der Magierin glitt zu den zwei langen Tafeln, an denen die Elfenfürsten Albenmarks saßen, sie alle wussten was für eine Rolle sie spielen würde. Auch die Königin der Menschen und der König der Zwerge hatten einen Platz am Ende der Tafel erhalten, ja sogar der Führer der Trolle hatte Platz gefunden.

Ihr Fokus richtete sich auf die Fürsten von Langollion. Tiranu lächelte ihr zu. Auch Morwenna sah zu ihr. Wenn doch das alles schon vorbei wäre!

Nervös nestelte sie an ihrem Kleid herum, sie würde sich wohl nie daran gewöhnen, solche Kleider zu tragen. Und überhaupt warum stand sie hier, weshalb hatte sie sich nur dazu überreden lassen? Dann schoss ihr der Moment vor wenigen Monden durch den Kopf, nachdem Emerelle ihr ihre Entscheidung mitgeteilt hatte. Yulivee war entsetzt gewesen. Es war ihr einfach unmöglich erschienen, mit diesem Entschluss leben zu können. Zwar wusste sie, dass die Völker sie als Nachfolgerin der Elfenkönigin sahen, hatte aber nie wirklich erwartet, dass Emerelle ihren Thron wirklich freiwilig abdanken würde.

Es war ein Streit zwischen ihnen entbrannt, von dem Yulivee irgendwann genug hatte und aus dem Thronsaal gestürmt war. Als sie noch einmal den Raum betrat, um sich zu entschuldigen, sah sie Emerelle, die mit zusammengesunkener Gestalt auf ihren Thron saß. Eine einzelne Träne floss über ihre Wange. Am nächsten Tag hatte sie die Königin aufgesucht, um ihr mitzuteilen, dass sie ihre Entscheidung akzeptieren würde, wenn die Fürsten nichts einzuwenden hätten.

Emerelle erhob ihre Stimme, die mittels einem Wort der Macht überall in der Stadt zu hören war: „Ein langer Mondzyklus ist seit dem letztem Fest der Lichter verstrichen. Jahre, in denen wir große Verluste hinnehmen mussten, aber auch große Siege errungen haben. Wir haben den größten Feind, den Albenmark je hatte, bezwungen, mussten aber auch viele unserer Freunde und Verbündeten opfern.

Wenn ich aber heute in eure Gesichter sehe, sehe ich Hoffnung und Zuversicht. Ich sehe, dass Albenmark sich erholen wird und Wunden sich schließen werden. Dieser Krieg hat unsere Völker zusammengeschweißt und uns zu neuen Verbündeten geschmiedet.

Aber ich muss eingestehen, dass dieser Krieg auch mich verändert hat. Seit vielen Jahrtausenden schon regiere ich über dieses Land. Ich habe in Zeiten des Krieges und der Zwietracht zwischen unseren Völkern mein Bestes gegeben, um unsere Welt zu sichern. Ich setzte alles daran, dass es zwischen den Albenkindern und den Menschen kein Zerwürfnis geben würde und nun sind meine Kräfte aufgebraucht. Ich sehne mich nach meinem Schicksal und dem Mondlicht.“, Emerelle machte eine Pause, um tief durchzuatmen. Es viel ihr schwer das Leben, das sie so lange lebte, aufzugeben.

Heute Nacht werde nicht ich zur Königin gewählt werden, denn mein Schicksal ist es, ein Nachfolger zu ernennen...“ Alle Augen waren auf sie gerichtet. Die Fürsten starrten sie zum Teil schockiert an, aber andere, die bereits geahnt hatten, was sich heute ereignen würde, sahen sie mit ausdruckslosen Gesichtern an. Auch Gishild und Wengalf sahen erstaunt zu ihr auf.

Yulivee konnte die Spannung auf dem Achterdeck förmlich spüren, denn obwohl alle wussten wen Emerelle ernennen würde, hieß das noch lange nicht, dass die Fürsten mit dieser Entscheidung einverstanden wären. Was dann passieren würde, stand in den Sternen.

Ich habe meine Wahl gut überdacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass Yulivee die Erzmagierin, für meine Nachfolge am geeignetsten ist...Yulivee tritt vor!“

Yulivee stellte sich neben die Königin, welche nun wieder in die Runde sah: „Wenn jemand gegen meine Wahl ist, soll er nun sprechen und einen anderen Kronerben vorschlagen oder bis zum nächsten Lichterfest schweigen.“



Und sie hatten geschwiegen. Yulivee hatte ihren Eid geschworen,  die Schwanenkrone wurde auf ihren Kopf gesetzt.
In dieser Nacht, kurz nachdem sie ihre Nachfolgerin gekrönt hatte, war Emerelle ins Mondlicht gegangen.

In fünfzehn Jahren würde das nächste Fest der Lichter stattfinden. Und die Königin würde wiedergewählt werden.

Yulivee schüttelte den Kopf, bis dahin war noch viel Zeit. Sie dachte lieber an andere Dinge. Dinge wie ihren Mann oder ihre Tochter.

„Mama, Mama sie nur!“, hörte sie eine wohl bekannte Kinderstimme aus der Ferne rufen. Yulivee sah auf und konnte den schwarzen Haarschopf ihrer jungen Tochter ausmachen. Diese kam, mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf sie zu gerannt. Ihre Hände hielt sie zusammengefaltet vor ihrer Brust.


Die Schmerzen wollten einfach nicht wieder ziehen. Die Pausen zwischen den Schmerzwellen waren für sie nun kaum noch zu vernehmen, geschweige denn eine Erleichterung.

Morwennas Stimme erreichte ihr Unterbewusstsein: „Es ist soweit...“
Das merke ich auch!“, fuhr Yulivee sie an. Viele hatten ihr berichtet, dass eine Geburt mit grässlichen Schmerzen verbunden war, aber nichts hätte sie hierauf vorbereiten können. Es fühlte sich an als ob sich ein glühendes Hufeisen den Weg durch ihren Unterleib bahnen würde.

Die Heilerin ignorierte ihre barschen Worte und fuhr fort: „Press so stark du kannst, und versuche flach zu atmen, so wird es leichter!“

Yulivee tat wie ihr gehießen und merkte, wie der Kopf des Kindes durch die enge Öffnung ihrer Leibesmitte glitt.


Sie stützte sich auf die Unterarme, um etwas erkennen zu können, wurde allerdings von einer neuen Schmerzenswelle in die Kissen gedrückt. Sie schrie verzweifelt auf. Nie wieder würde sie ein Kind empfangen. Nie wieder!

Sehr gut, das Schlimmste ist überwunden, versuche dein Becken nicht zu sehr zu verkrampfen, gleich ist es geschafft!“

Kaum waren diese Worte gesprochen, fühlte die Königin plötzlich eine Leere in ihrem Leib, als ob dort irgendetwas fehlte. War es überstanden? Sie fühlte sich schwach und ausgemergelt. Die Schmerzen versiegten nur allmählich, als ob Wasser in einen ausgetrockneten Lehmboden sickerte.


Ihre Lider wurden schwer, sie wollte jetzt nicht schlafen, sie wollte doch ihr Kind sehen! Ferne Geräusche drangen ihr an die Ohren, doch kein Kind schrie. Schrien Babys nach der Geburt nicht? Da! Ein lautes Quäken, ganz fern. Es lebte! Sie hatte es geschafft, sie hatte einem Kind das Leben geschenkt. Ihrem Kind! Eine Welle, die nicht mehr aus Schmerz sondern Glück und Stolz bestand, drohte sie zu überwältigen.

Es ist ein Mädchen! Du hast eine Tochter, meine Königin!“, jauchzte eine der Hebammen neben ihr. Yulivee vermochte die Stimme nicht zuzuordnen. Erst musste sie ihre Gedanken ordnen. Eine Tochter! Vor ihrem inneren Auge sah sie ein Mädchen auf einer Blumenwiese toben und musste lächeln.

Sie hob nun endlich ihre Lider und konnte nur verschwommen sehen. Als sie ein paar mal blinzelte, konnte sie die Zimmerdecke deutlich über ihr erkennen. Sie spürte, wie ihr jemand über ihre Wange strich und drehte ihren Kopf. Sie sah ihren Mann, der neben dem Bett kniete. Sein langes schwarzes Haar fiel ihm über die Schultern, seine dunklen Augen waren besorgt auf sie gerichtet.

Tiranu...“, sie bekam in diesem Moment nicht mehr Worte über die Lippen, zu überwältigt war sie von diesem Sturzbach von Gefühlen. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das ihr Herz schneller schlagen ließ.

Morwenna kam, mit einem Stoffbündel in ihrem Arm, zu ihnen, auch sie musste lächeln, als sie Tiranu sah. „Habe ich dir nicht gesagt du sollst vor der Tür warten?“, sagte sie an ihren Bruder gewandt, schüttelte dann aber feixend den Kopf. Yulivee rappelte sich nun auf, um endlich ihre Tochter im Arm halten zu können.

Als die Fürstin ihr das Bündel in die Arme gab, vermochte Yulivee ihre Tränen nicht länger zurückzuhalten. Sie sah nun endlich ihre Tochter, die sie ein Jahr lang in ihrem Leib getragen hatte. Sie war so winzig, so zerbrechlich, dass Yulivee den Drang widerstehen musste, sie fest an sich zu pressen, um sie nicht zu erdrücken.

Auf dem hellen Köpfchen zeichnete sich dunkler Flaum ab, winzige spitze Öhrchen stachen darunter hervor. Sie hatte große helle Augen, die neugierig auf sie gerichtet waren. Durch die leicht geöffneten, schmalen Lippen konnte die Königin den warmen Atem der Kleinen auf ihrer Haut spüren. Der winzige Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Yulivee nahm eine der kleinen Händchen und konnte kaum fassen, dass das, was sie dort in den Armen hielt, so lange in ihr gelebt hatte und tatsächlich von Tiranu und ihr abstammte.

Sie ist wunderschön“, hörte sie Tiranu sagen, der sich auf die Bettkante gesetzt hatte und ihrer gemeinsamen Tochter über die Wange streichelte. Das Lächeln in dem Gesicht des Elfen ließ Yulivees Herz vor Stolz überschwellen.



Als ihre Tochter vor ihr zu stehen kam, war sie völlig außer Atem, was sie aber nicht daran hinderte, sofort nachdem anhielt loszuplappern.

„Sie nur was ich gefunden habe! Sie war auf der Wiese da drüben und hat an Blumen gerochen“ Yulivee musste sich anstrengen, um mitzukommen, ihre Worte überschlugen sich fast.

„Was hast du in deinen Händen, Nessa?“, fragte sie, als ihre Tochter ihr die zu einer Kugel geformten Hände unter die Nase hielt.


„Ich habe eine Blütenfee gefangen! Sieh nur!“ Nessa öffnete ihre kleinen Hände und heraus flog ein rotgoldener Schmetterling, den Yulivee auch erst für eine Fee hielt, dann aber in schallendes Gelächter ausbrach.

Ihre Tochter sah mit strahlendem Lächeln und großen Augen dem schönen Tier hinterher.
„Warum kann ich nicht fliegen, Mami?“, fragte die Kleine mit neugierigen Blick.

Yulivee holte tief Luft, stand auf und nahm ihre Tochter unter den Armen hoch. Sie kicherte fröhlich, während sie von ihrer Mutter im Kreis gewirbelt wurde. „Aber du kannst doch fliegen meine Fee“, sagte sie, nachdem sie das Kind auf ihre Hüfte gesetzt hatte. Lächelnd stupste sie mit ihrem Finger an ihre Nase, worauf Nessa fröhlich quiekte. Dann bekam sie große Augen und deutete aufgeregt zum See. Die Magierin folgte mit ihrem Blick dem kleinen Finger und sah zwei Libellen über die Wasseroberfläche schwirren.

Nessa machte sich los und sprang vergnügt zu dem flachen Ufer. Dort machte sie ein paar Schritte ins Wasser ehe sie von ihrer Mutter aufgehalten wurde.

Yulivee nahm ihre Hand in ihre und genoss das kalte Nass, das um ihre nackten Füße spielte, begleitet von einem sachten Kribbeln. Die Steine am Grund waren warm und glatt, es war angenehm, darauf zu stehen. Nessa sah zu ihr auf und Yulivee bemerkte einmal mehr, wie ähnlich sie ihrem Vater sah.


Sie starrte auf die massive Eichentür vor sich und musste schlucken. Sie hatte nicht viel Zeit und wartete nun schon seit einigen Minuten vor dieser verdammten Tür.

Bald müsste sie zu Emerelle, sie wollte ihr die letzten Anweisungen geben, für den Zauber, der Albenmark für immer von der Menschenwelt trennen würde.

Vor wenigen Stunden hatten sich die Könige aller Völker zusammengefunden und über das Schicksal ihrer Welten beratschlagt. Morgen würden die Ritter der Tjuredkirche einen Ansturm auf Albenmark wagen, bei dem sie jedes Geschöpf, das in diesen Gefilden lebte, vernichten wollten. Die letzte Möglichkeit, die blieb, war die Welt der Menschen von der der Albenkinder zu trennen. Dazu mussten die Königin und sie selbst einen Zauber weben, der die anderen Welten von Albenmark trennte, wie ein Geschwür aus einem Körper. Würde der Zauber nicht glücken wäre Albenmark verloren. Währenddessen mussten die Truppen der Albenkinder die Streitmacht Tjureds aufhalten. Selbst Nuramon und Farodin, ihre langjährig verschollenen Freunde aus alten Zeiten, waren wie Legenden wieder auferstanden, um für ihre Welt zu kämpfen.

Tiranu war vor einiger Zeit in Kämpfen gegen Tjuredritter schwer verwundet worden und konnte in der allesentscheidenden Schlacht nicht kämpfen. Und nun stand sie vor seinem Krankenzimmer und wagte nicht anzuklopfen, geschweige denn einzutreten.

Sie hatte versucht gegen dieses Gefühl anzukämpfen, das sie jedes mal befiel, wenn er in ihrer Nähe war. Anfangs war es nur ein schwaches Glimmen gewesen, das ihr Herz zusammenzog wann immer er in ihre Augen sah. Dann hatte sie sich nicht einmal selbst davon abhalten können, an ihn zu denken.

Tief im Inneren wusste sie, dass Tiranu nicht der Elf war, für den ihn alle hielten. Er war kalt und berechnend, aber das war das, was die Welt aus ihm gemacht hatte. Er hatte eine Mauer um sich errichtet, die er von niemanden überwinden ließ. Er sehnte sich danach, endlich die Anerkennung zu erlangen, die ihm zustand und nicht alle seine Taten auf das Leben seiner Mutter zurückgestellt wurden.



In den letzten Jahren, war ihr aufgefallen, dass Tiranu sie öfter anstarrte, immer wenn sie sich von ihm beobachtet fühlte und sich zu ihm wandte, sah er nicht weg, sondern direkt in ihre Augen. Sie fühlte sich dann so komplett nackt, als ob er direkt in ihre Seele blicken konnte.

Immer wenn er zum Krieg auszog verfolgte sie gebannt die Nachrichten die kamen, um zu wissen, ob er noch am Leben war.

Er hatte ihr Leben verändert. Andere bezeichneten sie gerne als sprunghaft, überschwänglich und wild, aber er war wie Anker in ihrem Leben geworden, zu dem ihre Gedanken immer wieder zurückkehrten.

Nachdem alle Albenkinder von der Königin der Menschen aus der anderen Welt verdammt wurden, hatte Emerelle alle Kommandanten ihrer Truppen nach Vahan Calyd gerufen. Während den Besprechungen hatte Tiranu Yulivee des Hochverrats bezichtigt, da sie nicht ihre Magie einsetzten wollte, um die Feinde zu töten. Kurz darauf war Yulivee Ollowain um den Hals gefallen, nachdem er Emerelle gesagt hatte, sie solle sich bei Gishild für die vielen Opfer entschuldigen. Er hatte sich damit öffentlich gegen die Königin gestellt, und sie hatte ihm – überschwänglich wie sie war – gesagt, dass sie ihn dafür lieben würde.

Sie hatte sich damit auch ein wenig an dem Fürsten Langollions rächen wollen, hatte es aber sofort wieder bereut, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah.

Ihre Hoffnung, Tiranus Herz nicht doch noch irgendwie erweichen zu können, waren damit zunichte. Seine Worte hatten ihr Inneres verletzt und sie war gleich nach der Besprechung in ihr Zimmer geflohen, wo sie auf die Bucht vor ihrem Fenster sah und stumm weinte.


Als sie sich nach mehren Stunden in ihr Bett gequält hatte, war bereits tiefste Nacht. Sie war in einen unruhigen Wachtraum gefallen. Als ihr etwas Weiches über die Wange strich, das definitiv nicht zu ihrem grausigen Traum gehörte und sie aufschrecken ließ, sah sie in zwei fast schwarze Augen.
Tiranu hatte sich über sie gebeugt und starrte sie durchdringend an.

Keinen Herzschlag später hatte sie seine Lippen auf ihren gespürt. Sie hatte sich nicht dagegen gewehrt, konnte es nicht. Zwischen beiden war ein Sturm entbrannt, mit solcher Heftigkeit, dass Yulivee fast den Verstand in seinen Armen verloren hätte. Wie ausgehungert waren sie in den Armen des anderen gelegen und hatten sich geliebt. Stundenlang hatten sie sich einfach nur berührt, geküsst und geliebt, niemand hatte ein Wort gesprochen. Erst in den frühen Morgenstunden war sie erschöpft in seinen Armen eingeschlafen. Als sie am frühen Mittag erwachte, war er spurlos verschwunden gewesen.Wie sie später erfuhr, war er aus Vahan Calyd aufgebrochen.

Sie hatte gedacht, dass diese Nacht die Begierde nach ihm löschen würde, aber es wurde nur schlimmer. Von da an verging fast keine Minute, in der ihre Gedanken nicht voller Sorge und Unsicherheit bei ihm waren.

Sie wusste nicht was Tiranu für sie empfand. War es für ihn nur eine einzige Liebesnacht gewesen? Würde er sie nun weiterhin wie ein Kind behandeln? Sie wusste es nicht. Sie kannte noch nicht einmal ihre eigenen Gefühle für ihn. In den Tagen ihrer Kindheit hatte sie oftmals in Büchern über die Liebe gelesen, auch als sie älter wurde, hatte sie Paare gesehen, die sich verliebt in die Augen sahen. Sie selbst hatte sich nie in jemanden verliebt. Aber dieses Gefühl, was sie nun für Tiranu empfand, war so viel stärker, als dass es jemals Worte ausdrücken könnten.



Sie schloss die Augen und hob ihre Hand, um anzuklopfen. In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und Tiranu stand ihr gegenüber. Er war nur in dunkle Hosen gekleidet. Sein Arm war verbunden und in eine Schlinge gelegt, die um seinen Hals lag. Seine Brust war auch in einen strammen Verband gelegt. Die kohlrabenschwarzen Haare fielen ihm wild über die Schultern. Er schien überrascht, sie zu sehen. Yulivee nahm den Arm herunter, ihr wurde heiß und ihr Herz schlug ob seines Anblicks schneller.

Eine unangenehme Stille machte sich zwischen ihnen breit, in der sich beide nur anstarrten.
Die Magierin schluckte den Klos, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte, hinunter und flüsterte: „Wie ich sehe geht es dir besser...Ich wollte mit dir reden.“ Auch das schien ihn zu überraschen, er fing sich aber gleich wieder und trat ein Stück zur Seite, damit sie eintreten konnte. Das Zimmer war klein, es gab nur ein Fenster, in dessen einströmendem Licht Staubkörner tanzten. Die Laken auf der Bettstatt waren zerwühlt. Bis auf ein kleine Kommode daneben, war das Zimmer leer.

Müsstest du nicht bei Emerelle sein?“, fragte er mit verwunderter Stimme. Auf einmal fühlte sie sich furchtbar klein und dämlich. Warum war sie nur hierher gekommen? Sie konnte nicht antworten. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Warum vermochte allein Tiranus Nähe, sie derart aus dem Konzept zu bringen?

Der Fürst stand so dicht hinter ihr, dass sie seinen heißen Atem an ihrem Ohr fühlten konnte, während er sprach. „Weshalb bist du hier?“ Ihr Herz fing an, noch schneller zu klopfen. Unbarmherzig pochte es gegen ihre Rippen und Yulivee muste sich selbst in einem Anflug von Sarkasmus fagen, auf wessen Seite es denn nun stand. Sie versuchte sich zu fangen, indem sie tief durchatmete.

Sie wandte sich zu ihm um und fragte: „Warum bist du in jener Nacht in mein Gemach gekommen und hast mich im Schlaf gestreichelt?“ Angriff war die beste Verteidigung. Oder?

Er sah sie an mit einem versteinertem Gesicht, aus dem sie keinerlei Gefühlsregung erkennen konnte. Sie war nie sonderlich gut darin gewesen, ihre Gefühle hinter einer Maske zu verstecken. Aber Tiranu war wohl Meister darin. Warum spielte er mit ihr? Machte ihm es den Spaß, sie so leiden zu sehen? Hatten die anderen Recht behalten, mit dem, was sie über ihn sagten?


Yulivee war als ob ihr Herz brach... mal wieder. Sie senkte den Blick, nicht länger fähig in sein schönes Gesicht zu sehen, um dort am Ende möglicherweise nur Spott und Hohn zu erkennen.
Tränen sammelten sich in ihren Augen, während sie auf die Bodendielen schaute. Sie wollte nicht weinen, nicht jetzt, nicht vor ihm!

Gerade als sie sich entschieden hatte zu gehen, legte er seine Hand unter ihr Kinn, und zwang sie damit aufzusehen. Sein harter Gesichtsausdruck war gewichen, er wirkte auf sie nun unsicher und sie konnte etwas in seinen Augen erkennen, dass sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Weißt du das denn nicht?“
Seine Hand wanderte von ihrem Kinn zu ihrem Nacken, dort zog er Yulivee mit sanften Druck zu sich in einen Kuss, der ihr bewies, dass Tiranu nicht nur mit ihr spielte.



Eine sanfte Böe strich über die Wasseroberfläche, woraufhin sich diese sanft kräuselte. Die blaugrün schimmernden Libellen schwirrten davon.

Yulivee musste an die vergangen Jahre denken. Es hatte lange gedauert bis Tiranu an ihrer Seite akzeptiert wurde. Aber als sie mit Nessalia schwanger geworden war, hatten die meisten ihre Einwände gegen ihre Verbindung fallen gelassen. Galt ein Kind unter Elfen doch als großer Liebesbeweis. Sie hatten kurz vor ihrer Ernennung zur Königin geheiratet und zogen nun schon seit einigen Jahren eine wundervolle Tochter heran.
Sie waren zwar selten einer Meinung, was oft in einem Streit endete, aber sie vertrugen sich meistens schnell wieder und waren glücklich damit, glücklich miteinander. Ganz ohne Neckereien ging es dann aber doch nicht.

Sie hatte sich immer davor gekraust, eines Tages eine Ehe zu führen, die nach einer Weile zertrocknen würde, bis man sich einander nichts mehr zu sagen hatte und man sich nur noch langweilte. Mit Tiranu war diese Furcht aber unbegründet. Er wusste immer etwas, dass sie zum Aus-der-Haut-fahren brachte. Andersrum war es ähnlich.

Selbst mit der kühlen Morwenna, Tiranus Schwester, hatte sie sich angefreundet. Wenn Tiranu nach Langollion reiste, begleite Yulivee ihn, so oft es ihre Pflichten erlaubten. Sie unternahm dann mit der Fürstin lange Reisen auf der Insel oder spazierte mit ihr und Nessa in den Schlossgärten, während Tiranu sich um seine Arbeit als Fürst kümmerte, die sonst seine Schwester übernahm. Beide hatten ihr viel über Alathaia offenbart, so erfuhr sie, dass sie keineswegs eine schlechte Mutter gewesen war, wie Yulivee angenommen hatte.   Beide hatten ihre Mutter geliebt, wie es nur möglich war. Dennoch würde sie ihr nie verzeihen, was sie ihren Kindern antat.

Einmal hatten die Geschwister sie sogar in einen geheimen Teil des uralten Schlosses geführt, der noch unter dem Keller lag und man nur durch eine gut versteckte Falltür erreichen konnte. Dort lag das Zimmer, in dem Alathaia über die dunkle Magie geforscht hatte und auch Schüler sowie ihre Kinder in dieser Art der Magie unterrichtet hatte.

Ein hohes Bücherregal, das sich über die ganze Wandbreite erstreckte, stand in diesem riesigen Raum, in ihm stapelten sich Bücher, in denen so ziemlich alles wissenswerte über dunkle Magie niedergeschrieben war. Yulivee hatte sich willkürlich eines herausgenommen, um darin zu blättern, es war ihr fast übel geworden und sie legte es sogleich wieder zurück in das Regal. Tiranu und Morwenna waren schweigend daneben gestanden.

Mehr und mehr war es Yulivee so gelungen sich hinter die Mauer, die um Tiranus Herz errichtet war, zu schleichen und je mehr sie das tat, je mehr sie ihn kennen lernte, desto mehr liebte sie ihn. Nach außen hin war er immer der kalte, arrogante und berechnende Sohn der niederträchtigen Verräterin Alathaia gewesen, doch sie hatte seine Seele kennen gelernt, die keinesfalls dunkel war. Sondern viel eher ungezähmt und stur, ebenso wie ihre. Außerdem war er ein liebevoller Vater und wurde von vielen nun auch als einer der angesehen, die Albenmark zu dem machten, was es heute war.

Auch die Mauern zwischen den Völkern, die in Albenmark lebten,  bröckelten. Sie akzeptierten und respektierten einander.
Die Menschen hatten sich in den wärmeren Regionen des Windlandes, Heimat der Kentauren, und der Snaiwamark niedergelassen, wo sie sich immer mehr ausbreiteten und sich von ihren schweren Verlusten, unter der Führung ihrer Königin, erholten.
Auch die Elfen erholten sich von den Verlusten des Krieges. Nie waren so viele Kinder geboren worden, wie in den letzten zwei Jahrzehnten.
Die Zwerge hatten sich in ihre alten Heimat, den Ioliden, niedergelassen und duldeten nun Könige neben ihrem.
Aber auch die anderen Völker Albenmarks erblühten wieder unter dem Frieden, der nun herrschte.

Yulivee hatte sich an die Aufgaben und Pflichten einer Königin gewöhnt und ihr war aufgefallen wie viel Emerelle ihr wirklich über Regierungsarbeit beigebracht hatte. Sie hatte vieles an ihrer Art zu regieren, geändert. So traf sie Entscheidungen nicht wie Emerelle durch ihre Silberschale, sondern holte sich Vorschläge aus einem Rat der ältesten und weisesten Elfen sowie der Fürsten ein. Sollten Entscheidungen getroffen werden, die ganz Albenmark betrafen, beriet sie sich mit den anderen Königinnen und Königen solange bis eine Lösung gefunden war, die jeden zufrieden stellte. Dies war zwar Nervenaufreibend und konnte gut und gerne Wochen dauern, aber so würde der Frieden bestehen bleiben.


„Komm Nessa es gibt bald Abendessen. Wir wollen doch nicht, dass der Koch noch einmal fast einen Herzanfall bekommt, wenn das Essen wieder kalt wird, nur weil wir mal wieder zu spät kommen. Ich bezweifle, dass dein Vater ihn diesmal beruhigen kann.“ Yulivee stieg aus der Quelle in das warme Gras und zog ihre Tochter mit sich.

„Vati mag es auch nicht, wenn wir zu spät kommen!“, sagte die Kleine, die mit gerafften Kleidchen an ihrer Hand durch die Wiese hüpfte.
„Tatsächlich? Hat er dir das gesagt?“ Nessa nickte. „Nun, dann brauchen wir uns ja nicht sonderlich zu beeilen, was?“
Auf einmal fand Yulivee den Gedanken reizend, den pausbäckigen Kobold, den Koch ihres Palastes, mal wieder beim Herumzetern zu sehen, was immer sehr amüsant war. Was machte es da schon aus, wenn das Essen ein wenig kalt war. Besonders an einem solch schönen Sommerabend.
Nessa sah sie nur mit gerunzelter Stirn an, woraufhin Yulivee wieder lachen musste. Auch auf das Gesicht ihrer Tochter zauberte sich ein Lächeln.

„Du bist! Fang mich!“, rief sie plötzlich und rannte mit wehenden Haaren in Richtung Schloss. Yulivee sah ihr empört hinterher. Na warte! Dann jagte sie ihre Tochter hinterher, die für ihr Alter schon verdammt flink war.

Ja, Albenmark würde bald wieder so blühen wie es einst tat, doch würde es viele seiner tapfersten Helden schmerzlich vermissen.

------------------------------------------------------------

Fortsetzung: Past Becomes Presence http://www.fanfiktion.de/s/4a48ec0e0000ca860670ee49
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast