Das Tagebuch der Nellie Lovett

GeschichteDrama, Romanze / P12
Benjamin Barker Mrs. Lovett
07.04.2009
08.05.2009
8
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Es war früher Morgen. Die Dämmerung brach ein, vertrieb die Schwärze der Nacht, nur um die Straßen und Gassen Londons in einem tristen Grau zurückzulassen, das von der aufgehenden Sonne vertrieben werden sollte – wenn diese sich hinter der dicken, schützenden Wolkenwand, die über der unglückseligen Stadt hing, hervortraute.
Trotz dieser frühen Morgenstunde war eine Gestalt schon auf den Beinen, die in diesem Augenblick den Pastetenladen betrat. Es war niemand anderes als Sweeney Todd, der dort müde stand, auf der Suche nach einer Flasche Gin.
Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, die von einer schlaflosen Nacht zeugten. Wirre Träume hatten ihn geplagt, bis er schließlich überhaupt keinen Schlaf mehr hatte finden können. Stattdessen waren düstere Erinnerungen an die Oberfläche gekrochen und hatten ihn wach gehalten.
So in seinen Gedanken verloren durchsuchte Sweeney geistesabwesend die Küche nach einer Flasche Gin, die er letztendlich versteckt in einem Schrank fand. Wahrscheinlich war sie dort vor Toby in Sicherheit gebracht worden…
Wahllos setzte sich der Barbier an einen der Tische und starrte dumpf auf die Flasche. Hinter ihm flackerte bereits das Feuer im Ofen und erfüllte den Raum mit einer angenehmen Wärme, was bedeutete, dass sich Mrs Lovett schon im Keller zu schaffen machte und die Pasteten für den einbrechenden Tag vorbereitete. Sweeney kam dies überaus gelegen, da er so fürs erste ungestört seinen Gin genießen konnte.
Nachdenklich nahm er mehrere große Schlucke, während seine Gedanken ganz woanders waren – bei Turpin. In diesem Augenblick war sein Wunsch nach Rache übermächtig und verdrängte alles in den Hintergrund. Wie lange würde er noch auf diesen Tag warten müssen? Wann würde sie ihm endlich vergönnt sein, seine Rache? Er wollte nicht länger warten, wollte nicht untätig die Zeit in seinem Barbiersalon verbringen und seine Mordlust an den Kunden auslassen. Nein, er wollte endlich Turpin auf seinem Stuhl wissen!
Sweeney spürte wie der Gin ihm die Kehle hinunterfloss. Ja, Mrs Lovett hatte dieses Mal einen wirklich guten Tropfen ausgesucht. Doch er merkte, dass er seine Wut nicht im Alkohol ertränken konnte.
Seufzend stellte er die nun fast leere Flasche wieder auf den Tisch und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Auf einmal bemerkte er ein kleines, in Leder geschlagenes Buch, das vor ihm auf dem Tisch lag. In all seinen düsteren Gedanken war es ihm gar nicht aufgefallen. Nun aber übte es eine geradezu magische Anziehungskraft auf Sweeney aus. Je länger er dieses Buch anstarrte, desto stärker wurde der Drang in ihm, danach zu greifen, es zu lesen.
Schließlich gab er dem Drängen nach und schlug es auf. Gleichgültig starrte er auf die kleine, schnörkelige Schrift, welche die Seiten füllte, jedoch nicht verriet, worum es sich bei diesem Buch handelte.
Ohne sein eigenes Zutun blätterte seine Hand zum Anfang zurück. Die Schrift schien seinen Blick förmlich aufzusaugen, als er die ersten Worte las und ehe er es sich versehen hatte, war er auch schon vertieft, in eine Geschichte, die ihm eine schreckliche Wahrheit enthüllen sollte.

Noch immer kommt es mir so unwirklich vor. Doch er ist es! Er ist wieder da! Nie hätte ich damit gerechnet, dass sich mein armseliges Leben wieder zum Besseren wenden würde, doch allein seine bloße Rückkehr macht mir eins gewiss: Es wird nicht mehr so weitergehen wie bisher.
Da saß er nun in meinem Laden und ich einfältiges Ding hielt ihn für einen Kunden, ohne Unterlass redete ich auf ihn ein und überschüttete ihn mit meinem Selbstmitleid – was er nun wohl von mir denkt?
Aber als er zu reden anfing und ich in sein Gesicht sah, da wusste ich es, ich wusste, wer es war, der da vor mir stand.
„Banjamin Barker“, flüsterte  ich und wurde von ihm sofort korrigiert: „Nicht Barker, dieser Mann ist tot! Von nun an ist es Sweeney Todd!“
Ja, vielleicht ist Benjamin Barker tatsächlich tot. Und dennoch, ich muss nur in diese dunklen Augen sehen, dann erkenne ich ihn. So sehr er sich auch verändert haben mag, er ist es trotzdem. Benjamin Barker…
Was das Leben ihm doch angetan hat! Ich wünschte, ich könnte all das einfach verblassen lassen, aber daran ist ihm nicht gelegen. Und trotzdem fühle ich mich schlecht für die Lüge, die ich ihm erzählte. Doch ist es zu seinem besten. Er will schließlich bloß seine Rache. Dieses Lodern in seinen Augen, dieser hasserfüllte Ausdruck in seinem Gesicht, das alles und noch viel mehr spricht dafür. Ob sie ihn so wiedererkannt hätte? Wahrscheinlich…