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Ich warte hier ...

SongficAllgemein / P12
04.04.2009
04.04.2009
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2.057
 
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04.04.2009 2.057
 
Das Lied zu der Songfic heißt „Stirb nicht vor mir“ und ist von Rammstein. Ich habe es gehört und sofort diese Story im Kopf gehabt ... ^^ ... hier der Link: http://www.youtube.com/watch?v=suAhhawr4l0&feature=related

Es geht um Ralf Schmitz (ich denke, ihr kennt ihn) und um die Frau seines Lebens (da kann sich jeder eine aussuchen *g*). Hoffentlich lyncht ihr mich nicht ...
Disclaimer: Die Story gehört mir, das Lied gehört Rammstein und Ralf Schmitz gehört nur sich selbst (schade eigentlich *seufz*) ...
Reviews???


Ich warte hier ...


 „So! Das war’s schon! Tschüß!!!“, rief er seinem Publikum entgegen und winkte ihnen zum Abschied zu. Die Männer und Frauen klatschten, pfiffen und johlten vor Begeisterung. Sie standen von ihren Plätzen auf und zollten ihm Respekt.
 Er stand auf der Bühne, verbeugte sich immer wieder und schaute – scheinbar glücklich – zu seinen Fans hinunter. Als er dann nach einigen Minuten endlich hinter den Kulissen verschwinden konnte, fiel das Lächeln von ihm ab. Mit den Händen rieb er sich einmal über das müde Gesicht und seufzte tief.
 Es war immer wieder das selbe. Er kam auf die Bühne, zog seine Show und seine Improvisationen durch, spielte den fröhlichen kleinen Flummiball ... Doch nichts davon war echt. Nicht mehr.

Die Nacht öffnet ihren Schoß

Das Kind heißt Einsamkeit

Es ist kalt und regungslos

Ich weine leise in die Zeit


 Er wurde vom Veranstalter in eine Vorhalle geführt. Dort sollte er noch Autogramme geben. Das Lächeln hatte er sich wieder auf das Gesicht gezaubert. Brav sprach er mit den Menschen um ihn herum, er lächelte, lachte und tat verlegen, wenn er Komplimente bekam. Doch im Grunde interessierte es ihn nicht. Er hörte nur mit halbem Ohr zu, unterschrieb geistesabwesend hunderte von Autogrammkarten.
 Als dann auch endlich der letzte Fan gegangen war, zeigte die Uhr schon nach Mitternacht. Müde, geschafft, völlig fertig spritzte er sich kaltes Wasser ins Gesicht, um das Make-up abzuwaschen und wieder etwas munterer zu werden. Er verabschiedete sich und machte sich auf den Weg zu seinem Auto. Als er hinterm Steuer saß, wartete er einige Momente und schaute einfach nur aus leeren Augen vor sich auf das Amaturenbrett.

Ich weiß nicht, wie du heißt

Doch ich weiß, dass es dich gibt

Ich weiß, dass irgendwann

Irgendwer mich liebt


 Wann war er so geworden? Wie lange spielte er nur noch den fröhlichen kleinen Mann? Seit wann war er so kraftlos ... so gebrochen? Und warum?
 Leider konnte er diese Fragen nur zu gut beantworten. Sie! ... Oh, noch immer liebte er sie so sehr, dass es ihm Schmerzen bereitete, wenn er auch nur an sie dachte. Wie hatte er es so weit kommen lassen können? Warum hatte er nichts dagegen getan?
 Scherzbold! Seit wann kann man denn etwas gegen seine Gefühle ausrichten?! Sein schmaler Mund verzog sich zu einem bitteren Lächeln. Er hatte sie doch geliebt! Warum war sie gegangen? Warum hatte sie ihn allein gelassen? Warum hatte er es zugelassen?
 Aber was hätte er schon ausrichten können? Was konnte ein kleiner Flummi gegen den Tod persönlich ausrichten? ... Gar nichts.

He comes to me every night

No words are left to say

With his hands around my neck

I close my eyes and pass away


 Ein Jahr lang war sie nun schon fort. Ihr plötzlicher Tod hatte ihn verändert. Vor allem seine Familie und seine engsten Freunde hatten das bemerkt.
 Anfangs konnte er es nicht glauben. Er hatte ein paar Freunde zu sich in die Wohnung eingeladen. Sie scherzten, feierten als jedoch die Nachricht kam. Lachend ging er an die Tür, befürchtete nichts schlimmes. Zwei Polizisten standen davor und er ließ sie verblüfft ein. Hatte ein Nachbar sich wegen der Lautstärke beschwert?
 „Es tut uns leid Ihnen sagen zu müssen, dass Ihre Lebensgefährtin heute gegen 15 Uhr einen Autounfall hatte. Sie war sofort tot.“, erklärte der eine Polizist mit ernster Stimme und nahm seinen Hut ab. Der andere tat es seinem Kollegen gleich. Sofort war es im Wohnzimmer still, totenstill.
 „Was für ein grotesker Scherz soll das denn sein?“, hatte er geantwortet. „Meine Freundin kann gar keinen Autounfall gehabt haben! Sie ist heute Mittag in die Bibliothek gegangen, zu Fuß.“
 „Dass sie nicht mit dem Auto unterwegs war, ist uns bekannt. Sie wurde an einer Kreuzung von einem PKW gerammt, wahrscheinlich war sie gerade auf dem Heimweg. Der Fahrer hatte einiges an Alkohol zu sich genommen.“
 Er wollte es nicht glauben. Irgendetwas in ihm sperrte sich gegen die Erkenntnis und klammerte sich an den kleinen Strohhalm, der meinte, dass es nur ein grotesker, perverser Scherz war. Ein Witz, nichts Reales. Doch der Strohhalm brach.
 Kurz stand er nur stumm da und starrte die Polizisten an. Sein Weinglas hatte er fallen gelassen, ein großer Rotweinfleck breitete sich auf seinem Teppich aus, doch er bemerkte es nicht. Die Polizisten fuhren ihn zur Identifikation. Bis er direkt vor der Bahre stand, hatte er nicht daran glauben wollen. Seine Schwester war mit ihm gefahren und stützte ihn nun, denn er schwankte gefährlich.
 Mit zitternden Händen nahm er eine Ecke des Lakens und zog es zurück. Sie war es. Sie war es tatsächlich. Und sie war tot. Bleich, mit marmorweißer Haut lag sie dort auf dem kalten Metall. Ihre Augen waren weit geöffnet, er erkannte das Grün. Er hätte es unter tausenden wiedererkannt. Sie starrte mit leerem Blick zu ihm auf. Er musste sich übergeben.

I don't know who he is

In my dreams he does exist

His passion is a kiss

And I cannot resist


 Seine Schwester brachte ihn schließlich zurück. Sie bugsierte ihn durch die Wohnung, half ihm in bequemere Sachen und brachte ihn ins Bett. Er ließ es kommentarlos mit sich geschehen. Kein Wort sprach er. Nicht mal denken war ihm nun möglich.
 Als er dann im Bett lag, bekam sein Unterbewusstsein mit, dass seine Schwester einige Telefonate erledigte. Doch irgendwie drang es nicht zu ihm durch. Er starrte unbeweglich an die Decke und sah sie doch nicht. Nur diese kalten grünen Augen sah er. Nur ihr leerer Blick beschäftigte ihn. Und das tagelang.
 Erst am Tag der Beerdigung realisierte er, dass sie nie wiederkommen würde. Niemals würde sie ihn mehr anlächeln, niemals wieder berühren. Er stand an ihrem offenen Grab. Der Sarg war heruntergelassen wurden und die meisten Gäste verschwunden. Seine Familie kümmerte sich um alles, auch um ihn.
 Nun stand er jedoch allein an ihrem Grab. Einsam. Verlassen. Gebrochen. Und er wünschte sich in dem Moment nichts sehnlicher, als dass er nun neben ihr liegen könnte.

Ich warte hier

Don't die before I do

Ich warte hier

Stirb nicht vor mir


 „Immerhin zeigt er endlich eine menschliche Regung.“, meinte seine Schwester nur, als er sie mit Tränen in den Augen und unter lautem Gebrüll vor die Tür setzte. Er wollte alleine sein und sie akzeptierte es.
 Niemals vorher hatte er seine Stimme so erhoben, vor allem nicht gegen seine eigene Familie. Doch nun konnte er nicht anders. Er wollte es nicht, aber er hatte dem einfach nichts entgegenzusetzen. Gar nichts.
 Tagelang hatte er nur noch funktioniert. Sein Körper hatte jegliche Empfindungen ausgesperrt. Er aß, wenn man es ihm sagte. Er wusch sich, wenn man es ihm befahl. Er ging ins Bett, wenn er dazu aufgefordert wurde. Allerdings war nun die Grenze erreicht und alle Empfindungen stürzten mit einem Mal auf ihn herab.
 Trauer ließ ihn Tränen verströmen. Wut, Zorn brachten ihn zum Schreien, zum Zerstören, zum Verletzen. Ruhelosigkeit gönnte ihm keinen Schlaf, ließ ihn in seiner Wohnung auf und ab tigern. Angst schnürte ihm die Kehle zu. Er bekam keine Luft und war doch unfähig seine Wohnung zu verlassen. Nicht mal auf den Balkon konnte er treten. Sein Telefon ignorierte er, die Türklingel und das ständige Klopfen ebenso. Er vergrub sich in sich selbst und vergaß allmählich, dass es noch andere Menschen, andere Empfindungen gab.

I don't know who you are

I know that you exist

- Stirb nicht -

Sometimes love seems so far

- Ich warte hier -

Your love I can't dismiss


 Einige Tage ging es so, bis seine Eltern sich ernsthaft um ihn sorgten. Sie riefen ihre Tochter an und die beiden Familien machten sich auf den Weg zu ihm. Sie schrieen nach ihm, doch niemand öffnete. Schließlich brach der Mann seiner Schwester die Tür auf.
 Das Chaos in der Wohnung erschlug die vier fast. Alle Sachen waren zerstreut, ein Sessel umgeworfen, dem Esstisch fehlte ein Bein, überall lagen Scherben. Im Wohnzimmer fanden sie ihn auf der Couch. Er saß da und sah so gebrochen aus, wie noch nie. Frische Tränenspuren zierten seine eingefallenen Wangen, seine Haut war noch blasser als sonst und tiefe Ringe langen unter seinen Augen. Er starrte auf ein Foto, welches vor ihm auf dem Couchtisch stand. Sie lächelte in die Kamera und hatte ihre Arme ausgebreitet, so als warte sie darauf, dass er zu ihr kam ...

Ich warte hier


Alle Häuser sind verschneit

Und in den Fenstern Kerzenlicht

Dort liegen sie zu zweit

Und ich, ich warte nur auf dich


 Etwas mehr als einen Monat hatte er damit zu tun, seine Gefühlsausbrüche unter Kontrolle zu bringen. Er war wieder bei seinen Eltern eingezogen, weil diese ihn wenigstens im Auge behalten konnten. Seine Mutter wollte nicht riskieren, dass er sich etwas antat.
 Er versuchte wirklich, sein Leben wieder aufzunehmen, doch das war gar nicht so leicht. Warum drehte sich die Welt für die anderen weiter, während sie für ihn stehen geblieben war? Wieso fand er keinen Anlauf, um sie wieder zum Drehen zu bringen?
 Er wusste es nicht. Es war ihm auch ehrlich gesagt völlig egal. Wozu weiter leben, wenn es doch keinen Sinn ohne sie hatte?
 Nun saß er in seinem Wagen. Er hatte sein Leben wieder aufgenommen. Zumindest hatte es den Anschein. Er wohnte wieder allein, gab sich wieder fröhlich, beruhigte die anderen damit.
 Er fasste einen Entschluss, startete seinen Wagen und fuhr in die Nacht hinaus.

Ich warte hier

Don't die before I do

Ich warte hier

Stirb nicht vor mir


 Seine Familie war in heller Aufregung. Auch seinen Freunden sah man die Anspannung und Angst deutlich an. Er war verschwunden! Spurlos!!! Schon seit Stunden suchten sie ihn. Und sie hatten bereits fast ganz Köln durchkämmt ...
 Dann kam jedoch Dirk auf die zündende Idee. Was, wenn er ...? Er schnappte sich Ralfs Schwester und die beiden fuhren zum Friedhof. Sie gingen die Wege entlang und hielten die Augen nach ihm auf. An ihrem Grab fanden sie ihn dann auch.
 Wie ein Häufchen Elend saß er auf dem kalten Boden, stieß die Luft ruckweise aus und starrte auf den Marmorstein vor sich. Tränen rannen über seine Wangen, doch seltsamerweise lächelte er. Es war das erste echte Lächeln seit einem Jahr.

I don't know who you are

I know that you exist

- Stirb nicht -

Sometimes love seems so far

- Ich warte hier -

Your love I can't dismiss

- Stirb nicht vor mir -


 „Ralf?“, fragte seine Schwester mit leiser Stimme und näherte sich ihm, ließ jedoch ein paar Schritte Abstand.
 Der Angesprochene wandte sein Gesicht und schaute zu den beiden auf. Er legte den Kopf leicht schräg. „Wisst ihr was?“, fing er mit einer Stimme an zu sprechen, die tiefste Erkenntnis ausdrückte. „Ich habe in der letzten Zeit gelernt Leid zu ertragen, Schmerzen zu verbergen und mit Tränen in den Augen zu lachen. Und das alles nur, um den anderen zu zeigen, dass es mir „gut“ geht und um sie glücklich zu machen, um sie zu beruhigen.“
 „Bitte komm mit uns zurück ...“
 Ralf wandte seinen Blick wieder zu dem Grabstein. „Aber warum weinen, wenn der Schmerz wieder geht? Warum lachen, wenn die nächste Sekunde traurig wird? Warum kämpfen, wenn man so oder so verliert? Und warum leben, wenn man doch sterben will?“
 „Ralf ...“
 „Danke. Für alles.“ Mit diesen Worten lächelte er ein letztes Mal. „Geht jetzt bitte.“
 Und sie gingen. Sie hatten ihn schon längst durchschaut und sie ließen ihm seinen Willen, seinen letzten Willen. Sie verließen den Friedhof mit Tränen in den Augen.
 „Ich liebe dich.“, flüsterte der kleine Flummi zu dem Grabstein und strich sacht über die Inschrift. „Und ich will, kann und werde nicht ohne dich leben. Nicht mehr ...“
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