Unter Anklage

GeschichteAbenteuer / P12
31.03.2009
31.03.2009
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John Marshall, Telepath und Anführer des Mutantencorps, sah sich nervös im Gerichtssaal um. Auf dem Podest der Richter reichten sich gerade Fellmer Lloyd und Gucky die Hände. Sie trugen die offizielle Uniform des Mutanten-Corps. Sie würden mit ihrem telepathischen Talent unabhängig voneinander prüfen, ob der Tatverdächtige die Wahrheit sagte. Ob er, John Marshall die Wahrheit sagte.
Wuriu Sengu würde ihn verhören. Der Mann, der durch feste Materie sehen konnte tat das nicht gerne, immerhin waren er und John sehr gute Freunde, aber es musste wohl sein.
Eine kleine Hand berührte John auf der Schulter. Gleichzeitig erreichte ihn ein telepathischer Impuls, der ihm das Bild von einer Frühlingswiese übermittelte. Der Telepath drehte sich auf seinem Sitz und streichelte der kleinen Laury Marten dankbar über den Kopf. Sie war zwar erst drei Jahre alt, aber sie schien sehr genau zu wissen, was hier gerade vorging. Und sie schien zu spüren, wie sehr es ihn belastete.
John schickte ihr einen dankbaren Impuls zurück. Es ging um Häschen. Laury kicherte und schmiegte sich an Anne Sloane an, ihre Mutter. Anne ergriff Johns Hand und sagte: „Das wird schon, John. Es kommt bestimmt nicht zur Anklage.“
Ralf Marten, ihr Mann und Vater der kleinen Laury klopfte ihm auf die Schulter. „Wir werden dich unterstützen, John.“
Der Telepath nickte tapfer. „Das weiß ich. Danke, Freunde.“
„Mr. Marshall?“
John sah auf. Vor ihm stand Gary Patcher, Zeuge der Anklage. „Mr. Patcher?“
„Mr. Marshall... John. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass meine Frau und ich… Dass wir, egal wie die Kommission entscheiden wird, sehr dankbar sind für das, was Sie getan haben. Würde es nach uns gehen, John...“
Der Anführer des Mutanten-Corps stand auf und legte eine Hand auf die Schulter des Mannes. „Schon gut, Gary. Schon gut. Ich stelle mich heute nur den Regeln, die ich selbst aufgestellt habe.“
„Trotzdem, John, viel Glück.“ Abrupt wandte sich der Mann ab und ging zurück zum Tisch der Anklage, an dem seine Frau Joyce und ihre kleine Tochter Phoebe saßen. Phoebe war dreieinhalb. Ihr Hals war dick mit Bioplasma eingeschmiert. Aber sie lachte und winkte dem Telepathen und der kleinen Laury zu.
Mrs. Patcher lächelte ebenfalls herüber.
Das füllte Johns Magengrube mit einem Gefühl wohliger Wärme. Wenigstens hatte er für eine gute Sache gegen die Regeln des Corps verstoßen.

„Bitte erheben Sie sich!“ hallte die Stimme des Gerichtsdieners durch den Saal. Die Anwesenden standen auf. Crest da Zoltral, Kitai Ishibashi und Betty Toufry betraten den Gerichtssaal durch einen Seiteneingang. Der greise Arkonide würde den Vorsitz führen. Immerhin hatte er vor siebzig Jahren das Mutanten-Corps erst erschaffen und es auch jahrelang geführt, bevor John Marschall diesen Job von ihm übernommen hatte. Betty und Kitai waren seit Jahrzehnten seine Kollegen, sie kannten ihn ewig und er sie. Und heute würden sie über sein Leben entscheiden...
Nachdem die drei Richter Platz genommen hatten, durften sich auch die anderen Anwesenden wieder setzen. Ein Grossteil von ihnen waren Reporter der renommiertesten terranischen Zeitungen und Korrespondenten aller wichtiger Fernsehsender. Sogar Perry Rhodan, Reginald Bull und Allan D. Mercant, der Geheimdienstchef waren im Publikum. Ein klares Zeichen, wie ernst die terranische Regierung diesen Vorfall nahm.
„Kommen wir zur Sache“, begann Crest und sah streng zum Telepathen herüber.
„Dies ist eine Anhörung, Mr. Marshall. Sie wird entscheiden, ob es zum Prozess kommt oder nicht. Also seien Sie so detailliert wie irgend möglich und verschweigen Sie nichts.“
John nickte.
Kitai Ishibashi erhob sich. „Die Anhörung in der Strafsache Volk des Solaren Imperiums gegen John Marshall ist eröffnet. Der Person John Marshall, Leiter des Mutantencorps, wird folgendes Verbrechen zur Last gelegt: Die Benutzung seines Talents der Telepathie zu privatem Zwecke, ohne ausdrückliche Genehmigung und ohne Einwilligung des Opfers.“

***

„John Marshall in den Zeugenstand.“
Der schlanke Australier erhob sich und strich sich nervös durch sein schwarzes Haar. Nun wurde es ernst.
Die beiden Telepathen des Gerichts, Fellmer Lloyd und Gucky, sahen ihn mit ernsten Mienen an. Sogar Gucky, dachte John verwundert. Der ewig frohe und zu Scherzen aufgelegte Mausbiber...
Der Telepath nahm im Zeugenstand Platz. Ein Gerichtsdiener vereidigte ihn mit der Verfassung des Solaren Imperiums.
„Mr. Marshall, ab jetzt stehen Sie unter permanenter Kontrolle der Telepathen des Gerichts“, sagte Crest. „Bitte lassen Sie alle geistigen Selbstschutzbarrieren fallen und gestatten Sie ihnen vollen Zugriff auf Ihr Bewusstsein.“
John nickte knapp. Obwohl dies für einen Telepathen das Gleiche bedeutete wie für einen Normalterraner, vom Gericht dazu aufgefordert zu werden, sich seiner Kleidung zu entledigen.
„Und jetzt erzählen Sie bitte uns vielen Nichttelepathen, was sich genau in der Nacht des Dritten Juno Zweitausendzwanzig zugetragen hat.“
John nickte und begann zu erzählen...:

Es war Abend über Terrania, die Wetterkontrolle hatte leichten Nieselregen angekündigt, als John Marshall den Bungalow am Goshunsee erreichte. Er gehörte zwei Mutanten aus seinem Corps, Anne Sloane, der Telekinetin und Ralf Marten, dem Teleoptiker. Vor ein paar Jahren, nach einem halben Jahrhundert gemeinsamer Arbeit im Corps hatten sich die beiden angesehen und es hatte bei beiden Klick gemacht. So laut, dass sich Gucky, der Mausbiber, grinsend über den Lärm beschwert hatte.
Die zwei hatten daraufhin geheiratet und waren zusammengezogen. Kein Jahr darauf waren sie zu dritt. Die kleine Laury war geboren worden, das erste Kind Terras, das nachweislich von zwei vollwertigen positiven Mutanten gezeugt worden war. Entsprechend interessiert war die Öffentlichkeit an der Kleinen, aber die zwei hatten von vorneherein versucht, ihr Privatleben der kleinen Laury willen zu schützen, so gut es ging. Und das MutantenCorps, ihre Freunde und Kollegen, half ihnen dabei, so gut es ging.
Aus genau diesem Grund war John zu ihrem Haus unterwegs. Die beiden wollten endlich mal wieder ausgehen und brauchten einen Babysitter.
Für John passte sich das gut, denn Laury hatte trotz nachgewiesen hohen PSI-Werten noch kein Talent offenbart. Sie konnte weder die Sinneseindrücke anderer Menschen einsehen wie ihr Vater noch Materie mit der Kraft ihres Geistes bewegen wie ihre Mutter. Aber sie hatte ein Talent. Und mit dem Einverständnis der Eltern arbeitete John ab und zu mit der Kleinen seit sie sprechen konnte, um es zu offenbaren.
Nebenbei passte John eben auf das Kleinkind auf, das war der Deal.

John betätigte den Türsummer. Kurz darauf stand Anne Sloane vor ihm und bat ihn herein. „Danke, dass du Zeit fürs Babysitten hast. Ralf und ich wollen mal wieder einen richtig schönen Abend zu zweit verbringen. Erst ein Besuch im Kino, danach ein romantisches Dinner im Separée mit Kerzenschein.“
„Oh. Was läuft denn?“
„Das weiß ich nicht. Ralf hatte die Idee. Aber er meinte, es sei einer dieser Ferronischen Streifen. Die sind eigentlich immer sehr amüsant.“
„Na dann viel Spaß. Wann soll sie denn ins Bett?“
„Wir haben ihr erlaubt, die neue Gucky-Serie zu sehen. Danach muss sie aber sofort in die Falle. Und lass dich nicht wieder von ihren traurigen Augen breitschlagen, John. Eine Mutter merkt, wenn das Kind zu spät ins Bett gekommen ist.“
„Ja, ja, ist schon gut“, brummte der Telepath. „Ich werde hart, aber gerecht sein.“
„Nun übertreib es nicht gleich“, lachte Ralf Marten und gab dem Telepathen und direkten Vorgesetzten die Hand. „Wir sind übrigens erst im Cinema Center drüben an der Orion Road. Danach sind wir im Arabischen Garten. Ich habe Bully seine Stammreservierung abgeschwatzt.“
„Wie hast du das denn geschafft?“ lachte John. Der Arabische Garten, ein Dachterassenrestaurant, galt als eines der besten in ganz Terrania. Es war sehr schwer, dort ohne drei Monate Vorlauf einen Tisch zu bekommen. Bully allerdings war Stammgast. Er liebte gutes Essen über alles, und die Goszul-Karte hatte es ihm angetan.
„Ich habe ihm bei einem Streich für Gucky geholfen. Für das Gemüse von Beteigeuze IV tu ich fast alles.“
„Von wegen Gemüse“, meinte Anne grinsend und tätschelte den Bauch ihres Ehemanns. „In Wirklichkeit will er in den Arabischen Dachgarten, weil es das einzige Restaurant Terranias ist, das Knödel führt.“
„Ach, Anne“, protestierte der Teleoptiker.
Die Telekinetin drückte Ralf einen Kuss auf die Wange.
„Hier, John, für den Notfall, die Nummer meines Armbandkommunikators. Sicher ist sicher.“
„Geht ein telepathischer Impuls nicht wesentlich einfacher?“ spottete der Australier.
„Lass sie doch. Anne ist der festen Meinung, dass du uns im Ernstfall nicht von den anderen zwanzig Millionen Einwohnern Terranias unterscheiden kannst. Sie ist eine Mutter, und eine Mutter macht sich immer Sorgen.“
„Onkel John! Onkel John!“
Der Telepath ging in die Knie und umarmte den kleinen Menschen, der ihm da direkt in die Arme flog.
„Onkel John, was spielen wir denn heute? Wieder Erkennen mit den Tintenklecksen?“
„Tintenklecksen? John...“
Verlegen sah der Telepath auf. „Hör mal, Anne, nicht, dass ich ein Persönlichkeitsprofil an einer Dreijährigen erstellen wollte. Aber ihre Parafähigkeiten sind noch nicht ausgebrochen, und ich wollte einfach wissen, ob es mentale Gründe hat.“
„John Marshall. Du machst keine Psychoanalyse mit meiner Tochter. Spiel mit ihr Bauklötzchen.“
„Bauklötzchen? Heutzutage sind diese Dinger positronisch gesteuert und stapeln sich selbst aufeinander.“
„Du weißt genau, was ich meine, großer Anführer des MutantenCorps. Du darfst sie ruhig auf die latenten Parafähigkeiten testen, aber überfordere sie nicht. Sie ist doch noch so jung.“
John Marshall nahm Laury auf den Arm. Er verstand Anne schon irgendwie. Sie hatte immer noch das Bild der damals fünfjährigen Telepathin Betty Toufry vor Augen, die zudem auch noch die Telekinese beherrschte. Sie alle, von Gucky bis Anata Seiko waren damals ihre Ersatzfamilie geworden. Auch wenn sich die mittlerweile erwachsene Mutantin nie über diese Zeit beklagte wussten sie doch alle, dass es falsch gewesen war, sie so früh schon in den Einsatz zu schicken. Andererseits, hätte Rhodan nicht auf das Talent der damals schon hochintelligenten Betty vertraut, wäre die Erde wohl mittlerweile arkonidischer Außenposten. Oder Handelsstützpunkt der Springer.
Annes Sorge als Bettys Ersatzmutter war es nun, dass ihr leibliches Kind vielleicht dasselbe durchmachen musste wie die Mutantin damals. John verstand und respektierte das. Trotzdem mussten doch Laurys Parafähigkeiten irgendwann zutage treten. Bei dieser genetischen Erbmasse doch eigentlich weit vor der Pubertät. Außerdem, je früher sie erkannten, über welche Fähigkeiten das Kleinkind verfügte, desto eher konnten sie Maßnahmen ergreifen, um es vor sich selbst zu schützen. Wenn das nötig sein würde...
„Keine Sorge, Anne. Laury und ich werden viel Spaß zusammen haben. Amüsiert Ihr euch auch. Also, Laury, was willst du als erstes machen?“
„Ich habe einen neuen Plüschgucky in meinem Zimmer. Den hat mir Onkel Perry geschenkt, als wir zum Mond geflogen sind. Willst du den sehen?“
John unterdrückte ein Lachen. Nur ein Kind brachte es fertig, die lebende Legende Perry Rhodan flapsig Onkel Perry zu nennen. „Okay, dann lass uns in dein Zimmer gehen. Danach essen wir was. Bist du hungrig? Was willst du denn heute essen, Laury?“
Ein heftiger mentaler Impuls erreichte John. Anne ermahnte ihn mit ihren Gedanken: Und gib ihr nicht schon wieder nur Eiscreme, John!
Der Telepath duckte sich schuldbewusst. Wie hatte Anne das nur wieder rausbekommen?

***

Es war schon spät am Abend, Laury längst im Bett. Ralf und Anne wollten erst gegen Mitternacht zurück sein. Also tat John das, was alle Babysitter taten, wenn die lieben Kleinen schliefen. Er sah fern. Es lief gerade ein Uraltschinken auf New York Central. Singin´ in the rain, ein Musical aus den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts. John seufzte viel sagend. Damals war er gerade im Teenageralter gewesen, hatte Rock´n Roll gehört wie seine Freunde, war aber heimlich auch in diese herrlich schmalzigen, romantischen Stepdance-Filmchen gegangen. Heutzutage erlebte das Genre ein regelrechtes Comeback. Viele der jungen, avantgardistischen Filmer und auch einige Musikinterpreten der Jungen Wilden entdeckten diese Erweiterung des Videoclips für ihre Werke. Aber das hatte geschlagene siebzig Jahre gedauert.
Und er hatte diese Zeit sogar noch live erlebt. Manchmal kam er sich vor wie ein jung gebliebenes Fossil, aufgewachsen mit der Ideologie des Kalten Krieges, Zeuge und Mitgestalter der planetaren Einigung, Verteidiger der Weltbevölkerung, bla, bla, bla.
Andererseits war es eine Freude, relativ unsterblich zu sein. Es berührte einfach das Herz, dabei zuzusehen, wie junge Menschen heranwuchsen, ohne dass ihnen Furcht oder Hass in die Seelen gepflanzt wurden. Perry Rhodan wäre ohne weiteres in der Lage gewesen, die Erdbevölkerung durch einige nur zu wahre Fakten einzuschüchtern und auf eine gemeinsame Linie gegen Arkon einzuschwören, aber abgesehen davon, dass seine Mitarbeiter alle eine eigene Meinung hatten und dies niemals zugelassen hätten, war Perry einfach nicht der Mann, der einen Menschen manipulierte. Eigentlich war der in Amerika geborene ehemalige Risikopilot der Space Force ein viel zu guter Mensch für den Job des Politikers. Aber eigentlich war dies auch eine neue Zeit, und eine neue Zeit erforderte vielleicht auch eine neue Form der Politik und derer, die sie machten. Vielleicht...
„Onkel John! Onkel John!“ gellte die Stimme der kleinen Laury aus ihrem Zimmer.
Sofort sprang der Telepath auf und lief, wie von Furien gehetzt los. Die mentale Ausstrahlung des Kindes hatte sich gerade verzehnfacht, und John empfing sehr deutlich eine Welle der Angst und Panik. Als er die Tür zum Kinderzimmer aufriss und den Sensor der Beleuchtung betätigte, sah er Laury beinahe schon im Bett stehen. Tränen rangen ihre Wangen herab, sie schluchzte. „Onkel John, Phoebe geht es nicht gut!“
Phoebe war die Tochter der Patchers, die zwei Häuser weiter wohnten. Die beiden spielten öfters zusammen.
„Ruhig, mein Kleines. Du hast schlecht geschlafen.“ John Marshall streichelte dem zitternden Kind über den Kopf, um es zu beruhigen. „Das geht gleich vorbei.“
Doch so schnell ließ sich die kleine Laury nicht beruhigen! „Es tut ihr aber weh, richtig weh! Und sie kann nicht... Kann nicht...“ Laury klopfte sich mit der kleinen Hand an die Kehle.
„Was, Laury? Was kann sie nicht? Kann sie nicht atmen?“ Die Gedanken des Telepathen überschlugen sich. Zeigte sich hier die so lange erhoffte PSI-Begabung, oder war es wirklich nur ein Alptraum?
„Nein! Nein, das war kein Traum!“ rief Laury, schon heiser vom Schluchzen.
Das war der Beweis! Laury las seine Gedanken! Die PSI-Kräfte der kleinen Laury Marten waren durchgebrochen! Natürlich, dachte John bei sich. Das war es doch. Die beiden Mädchen waren viel zusammen, und nun schwebte Phoebe in Todesgefahr. Die Affinität der beiden und die große Angst der kleinen Patcher mussten Laury so erschrocken haben, dass sich ihre PSI-Fähigkeiten offenbart hatten. Aber wenn das wahr war, dann schwebte ein Kind in Lebensgefahr! „Komm, Kleines, denk mal an Phoebe. Ja, so ist es gut. Ich klinke mich da ein, Achtung.“ Der erfahrene Telepath hängte seine Parafähigkeit an das telepathische Talent des Kindes an. Was er sah, erschrak ihn zutiefst. Panik, Todesangst, ein heiseres Röcheln, immer, immer wieder der Griff zur Kehle! „Komm, Laury, du zeigst mir den Weg zu den Patchers.“
Mit Laury auf dem Arm hetzte John Marshall auf die Strasse. „Da lang“, kommandierte Laury. Sie liefen an zwei Bungalows vorbei. „Das Haus da!“
John sprang über den Vorgartenzaun und rannte zur Tür. Er drückte den Türmelder so fest er konnte.
„Ja?“ erklang kurz darauf eine Frauenstimme über die Gegensprechanlage.
„John Marshall, Solare Abwehr. Ist das hier das Haus der Patchers?“ fragte er atemlos.
„Solare Abwehr? Ja, ich bin Joyce Patcher.“
„Mrs. Patcher, bitte öffnen Sie! Ihrer Tochter geht es nicht gut!“
Die Frau auf der anderen Seite der Sprechanlage brach in schallendes Gelächter aus. „Phoebe schläft schon seit einer Stunde. Wirklich ein netter Versuch, ins Haus zu gelangen, während mein Mann auf der Arbeit ist. Verschwinden Sie, oder ich rufe die Polizei!“
„Wollen Sie nicht verstehen? Ihre Tochter schwebt in Lebensgefahr!“ brüllte John verzweifelt. „Jede Sekunde ist kostbar!“
„Das reicht mir jetzt! Sie haben es so gewollt, Mister! Ich rufe jetzt die Terrania Police.“
„Ja, rufen Sie die Polizei, denen gegenüber kann ich mich ausweisen. Aber dann ist es zu spät! Hören Sie, ich empfange kaum noch Lebenszeichen von Phoebe!“
„Verschwinden Sie endlich! Lassen Sie mich und meine Familie in Ruhe!“ rief die Frau hysterisch.
Laury zupfte John am Kragen seines Hemdes.
„Ja, ich weiß, Kleines. Phoebe geht es schlechter. Zu dumm, dass ich meine Dienstwaffe nicht dabei habe. Hoffentlich hat Mrs. Patcher wirklich die Polizei gerufen. Und hoffentlich ist es dann noch nicht zu spät.“
Laury hörte auf, an Johns Kragen zu zupfen. Stattdessen versuchte sie, die Tür zu berühren.
„Du willst wohl zu Phoebe, was? Oder sollen wir dich mal mit Phoebes Mutti reden lassen? Was meinst du?“ sagte der Telepath. Dabei wechselte er vom rechten auf das linke Bein, um das Gewicht zu verlagern. Dadurch kam Laury endlich in Reichweite der Tür.
John glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als die Hand des Kindes durch die feste Tür glitt, als wäre sie nicht vorhanden. Noch eine Parafähigkeit? Phasenverschiebung von Materie? Aber weder Ralf noch Anne hatten jemals einen Ansatz für dieses Talent gezeigt! Egal, John vertraute der kleinen Marten und ging auf die Tür zu. Doch statt des eigentlich unvermeidlichen harten Aufpralls erwartete ihn Helligkeit und eine kreischende Frau.
„Keine Zeit“, rief John in die Richtung von Mrs. Patcher und ließ sich von Laury in das Zimmer Phoebes lotsen.
Das Kind lag am Boden, das Gesicht war bereits blau angelaufen. Um sie herum lag Spielzeug verstreut.
Hinter den beiden hatte nun auch Mrs. Patcher das Kinderzimmer betreten. „Oh mein Gott, oh mein Gott“, brabbelte sie, einem Nervenzusammenbruch nahe.
„Rufen Sie den Notarzt! Er kann in einer Minute hier sein!“ brüllte John sie an. „Phoebe hat etwas verschluckt, deshalb bekommt sie keine Luft mehr.“
Mrs. Patcher fasste sich kurz, wischte sich die Handflächen an ihrer Hose ab, nickte bestätigend und verschwand aus dem Zimmer.
John richtete Phoebe auf. Er war verzweifelt. Die Lebenszeichen des Mädchens wurden immer schwächer, er nahm schon fast nichts mehr wahr. Nur noch ein paar grundlegende Muskelkommandos düsten durch ihren Kopf. Er ergriff das Kind und setzte einen Pressgriff an, um den verschluckten Gegenstand mit der Restluft in den Lungen herauszupressen, doch nichts rührte sich.
Was konnte er tun? Soviel Zeit, bis der Notarzt hier war, bis dem Kind geholfen werden konnte, hatten sie nicht!
„Laury, das, was du mit der Tür gemacht hast, geht das auch mit Phoebe?“
„Weiß nicht.“
„Du bist doch schon so ein großes Mädchen! Versuche es bitte für Onkel John, ja? Phoebe hat da etwas verschluckt, was ich nicht herausbekomme. Aber vielleicht kriegen wir es so raus. Wollen wir es versuchen?“
Laury nickte tapfer.
John tastete den Hals Phoebes ab, doch nichts tat sich. Dafür fand er den verschluckten Gegenstand. Und plötzlich konnte er durch die feste Materie ihres Halses greifen! Die Phase war nicht ganz perfekt, John spürte, wie ihm Blut über die Hand rann, aber wenigstens bekam er den Gegenstand zu fassen! Eilig zog er ihn hervor. Beinahe sofort begann Phoebe zu husten. Wenige Sekunden später atmete sie hastig.
In der Tür stand Mrs. Patcher. Sie hatte die Hände vor dem Gesicht gefaltete und weinte vor Freude. Sie stürzte neben ihrer Tochter zu Boden und umarmte Phoebe. „Mr. Marshall, das ich Ihnen nicht geglaubt habe, es... Oh, es tut mir so leid! Aber ich danke Ihnen, dass Sie so hartnäckig waren! Ihnen verdankt Phoebe ihr Leben.“
„Ich war es nicht allein. Laury hat gemerkt, dass mit ihrer Freundin etwas nicht stimmt.“
Während sie mit der Rechten Phoebe fest an sich drückte, strich sie Laury mit der anderen Hand über den Kopf. „Danke, Laury.“
John ließ den Gegenstand, der an allem Schuld gewesen war, durch seine Hand gleiten. „Ein Arkonball. Hm, ich bin schon lange der Meinung, dass das kein Spielzeug für Kinder unter sechs ist.“

***

Die Polizei traf als erste ein. Nachdem John Marshall seinen Ausweis vorgezeigt und die Geschichte grob erklärt hatte, waren die Cops zufrieden. Der Notarzt war nicht weniger schnell. Eine erste Untersuchung ergab, dass Johns Griff in die Kehle der Kleinen leider einiges beschädigt hatte. Es würde ein paar ambulante Operationen erfordern, aber das war immer noch viel besser, als qualvoll zu ersticken. Mrs. Patcher begleitete ihre Tochter ins Krankenhaus, wo sie die Nacht über beobachtet werden sollte.
Und John ging mit der kleinen Heldin Laury zurück nach Hause. „Wenn deine Mom das rauskriegt, dann gibt das einen Ärger, der größer ist, als wenn wir einen Eisbecher gegessen hätten, groß wie der Goshun-See“, murmelte er lachend.

***

Nachdem John geendet hatte, nickten Gucky und Fellmer Lloyd. Ihre Überwachung hatte ergeben, dass John Marshall die Wahrheit sprach. Oder zumindest glaubte, die Wahrheit zu sagen.
Die drei Richter zogen sich daraufhin zur Beratung zurück.
Nervös wartete der Telepath auf ihre Rückkehr. Was würde passieren? Würden sie ihn im Verdacht haben, illegal Gedanken gelesen zu haben und einen Prozess anstrengen? Vielleicht einen Musterprozess, um Vorgabe für andere solche Prozesse zu geben?
Endlich kamen die drei zurück. Crest sah in die Runde. „In unseren Reihen sind heute einige Mutanten. Jeder einzelne von ihnen hat sich um die Erde tausendfach verdient gemacht, jeder einzelne hat sein Leben ein paar hundertmal selbstlos riskiert. Gerade John Marshall war an vielen Operationen erfolgreich beteiligt. Und ich denke, er war und ist nicht nur für Mutanten ein Vorbild.
Dennoch sollen und dürfen wir die Menschen nicht in zwei Schichten einteilen, weder in Mutanten und Nichtmutanten, noch in Menschen Erster und Zweiter Klasse. Besondere Talente wie Telepathie oder besondere Gaben wie ein beträchtliches Vermögen dürfen es niemandem erlauben, sich über die bestehenden Regeln des Zusammenlebens hinwegzusetzen. Das Gesetz ist auf alle gleich anzuwenden. Denn niemand ist wertvoller oder wertloser als andere Menschen. Sie haben nur alle verschiedene Leben hinter und vor sich.
John Marshall, Ihnen wird vorgeworfen, Ihre Gabe der Telepathie missbraucht zu haben. Gerade die Telepathie ist ein PSI-Talent, das wie kein zweites die Menschen, die nicht über dieses Talent verfügen, im höchsten Maße verunsichert. Es verleiht beinahe schon Macht über andere Menschen. Damit diese Macht nicht missbraucht wird, oder Telepathen sich durch dieses Talent von den Menschen entfremden, haben Sie, John Marshall, schon vor Jahren exakte Regeln im Umgang mit diesen Talenten gemacht, und sie waren bis heute gut. Sie werden auch für Sie gut sein, John.
Im Namen der Bürger des Solaren Imperiums erkläre ich, dass es zu keinem Prozess gegen den Telepathen John Marshall kommen wird, da er erstens nicht mit Vorsatz handelte, zweitens nicht Initiator des telepathischen Kontaktes war, sondern die minderjährige Laury Marten und drittens John Marshall dadurch in einem Notfall ein Menschenleben retten konnte. Die Anhörung ist beendet.“
Ralf schlug dem Telepathen auf die Schulter, Anne umarmte ihn. Laury verstand zwar noch immer nicht so recht, was eigentlich los war, aber wieder benutzte sie ihr telepathisches Potential, um John das Bild einer Blumenwiese zu schicken.
Die Patchers kamen herüber, Joyce bedankte sich überschwänglich und auch ihr Mann schüttelte dem Mutanten die Hand. Laury setzte sich zu ihrer Freundin Phoebe. Die beiden schwatzten aufgeregt miteinander und begannen, übermütig im Gerichtssaal herumzutollen. Joyce und Anne schwärmten sofort aus, um die beiden vergnügten Irrwische einzufangen.

Perry Rhodan und Reginald Bull kamen zu der kleinen Gruppe der Männer herüber und reichten ihnen reihum die Hand. „Eines verstehe ich nicht, John“, sagte Bully schließlich. „Warum haben Sie die Regeln für Ihre Telepathen so streng gestaltet? Wieso sind Sie so verbissen? Und wieso setzen Sie sich diesen Regeln in voller Härte aus?“
John deutete auf die beiden Frauen, die jeweils die Tochter der anderen eingefangen hatten. Sie lachten, denn irgendwie hatte das Spaß gemacht.
„Können Sie sich vorstellen, Bully, das diese beiden Familien so eng befreundet sein könnten, wenn wir die Mutanten zu unantastbaren Alleskönnern stilisieren würden? Wenn wir ihnen erlauben würden, ihre Talente ohne Rücksicht auf die Mitmenschen anzuwenden?“
„Nein, wohl kaum“, erwiderte der Staatsmann und wurde sehr nachdenklich...

Ende
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