Nachts, in Terrania

GeschichteAbenteuer / P12
31.03.2009
31.03.2009
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Es war spät Abends in Terrania. Wenn man es genau nahm, hatte der neue Tag erst angefangen. Die Stadt schlief. Noch genauer gesagt, das Villenviertel hier am Nordufer des Goshun-Sees schlief. In der Innenstadt tobte derweil das Leben. Die ARKTURUS, ein Schlachtschiff der Imperiumsklasse, war am Vormittag von einem Risikoeinsatz im Blues-Sektor zurückgekehrt, und die zweitausend Besatzungsmitglieder hatten nun nichts eiligeres zu tun, als nach einer zwanzigwöchigen Hetzjagd endlich den sauer verdienten Sold auszugeben.

Nicht so Iwan Iwanowitsch Goratschin. Der riesige Zündermutant mit den beiden autark agierenden Köpfen hatte ebenfalls an diesem Risikoeinsatz teilgenommen. Streng genommen war er es gewesen, der dem Schiff gegen die schiere Übermacht der Bluesschiffe den Arsch gerettet hatte.
Dafür hatte er etliche Freiwachen schieben müssen und war so gut wie überhaupt nicht zum Schlafen gekommen. Danach das Briefing mit Mercant und Marshall – das hatte ihm den Rest gegeben. Von wegen, der Bericht sollte vorliegen, solange die Erinnerungen noch frisch waren. Sadisten waren es, alle beide!
Iwan Goratschin betrat seine Wohnung, einen geduckten, unauffälligen Bungalow direkt am Ufer des Goshun-See. Er ließ den Seesack mit seiner Ausrüstung und Wäsche einfach zu Boden fallen. Noch während er zum Bad stakste, entledigte sich der Riese mit den zwei Köpfen seiner Kleidung. Die verschiedenen Wäschestücke ließ er achtlos fallen.
Eine eiskalte Dusche, die ihn an seine sibirische Heimat erinnerte, brachte ihn wieder so weit zu Bewusstsein, dass er sich in der kleinen Küche einen kurzen Snack zurecht machen konnte.
Nur mit seiner Shorts bekleidet machte sich der Riese an die Arbeit. Wobei er das linke Sandwich mit Salat garnierte und das rechte dick mit Senf bestrich.
Iwanowitsch, der jüngere Kopf der beiden, mochte es eben gesund, während Iwan, der ältere Kopf, gerne einen scharfen Geschmack im Mund hatte.
Was eigentlich egal war, es landete eh in einem gemeinsamen Magen.
Schweigend aß der Zündermutant das Sandwich. Iwanowitsch hatte die Kontrolle über den linken Arm übernommen. Iwan aß mit dem Rechten.

„Das war knapp, was?“, begann Iwanowitsch eine zwanglose Diskussion. „Über Seguyam 7 hätte uns dieser Molkexraumer beinahe erwischt. Ich dachte, die Dinger gibt es gar nicht mehr.“
Iwan brummelte mit vollem Mund. Woher nahm der Junge nur die Energie? Er selbst wollte eigentlich nur noch eines: Schlafen, schlafen und drei Wochen lang nicht aufwachen.
Verdammt, es war schwer, ein Elitemutant im Dienste der Menschheit zu sein. Ohne die Risikopauschale, den Einsatzzuschlag und den Zünderbonus – also den Zuschlag für jedes Gramm Materie, welches der Mutant mit seiner Gabe, Kohlenstoffverbindungen zur Kernfusion anzuregen, vernichtete – hätte er schon lange den Dienst quittiert.
„Was ist los? Redest du nicht mehr mit mir?“, beschwerte sich Iwanowitsch.
„Bin müde“, brummte Iwan. „Wieso bist du überhaupt noch so munter? Hast du heimlich geschlafen, während ich die Nachbesprechung durchstehen musste?“
„Red kein Blech. Wir wurden getrennt vernommen, schon vergessen? Ich dachte nur, wir reden noch ein wenig, bevor wir schlafen gehen.“
„Kein Interesse!“, brummte Iwan und zwang den Körper zum Aufstehen.
Seufzend fügte sich Iwanowitsch in sein Schicksal. „Okay, aber können wir noch mal zum Kühlschrank? Ich will mir 'ne Flasche Wasser mitnehmen.“
Wortlos lenkten die beiden Brüder den gemeinsamen Körper zum Kühlschrank. Dort steckte Iwanowitsch den Kopf hinein und zog endlich eine Dreiliterflasche Mineralwasser hervor.
„So“, sagte er zufrieden. „Jetzt können wir.“

Achtlos ließ sich der Gigant auf das Bett fallen – eine Spezialanfertigung, die einem Melbar Kasom standgehalten hätte.
„Nacht“, brummelte Iwan. „Nacht“, brummte Iwanowitsch zurück. Beide fielen in einen traumlosen Schlaf.

ZIRP!
Iwan schreckte hoch. Raumalarm? Der Interkom? Nein, da war nichts. Müde ließ er den Kopf wieder auf das Kissen fallen.
ZIRP!
Wieder ruckte der Mutant hoch. Was war das? Das Telefon? Schnarchte Iwanowitsch wieder? Nein, alles Fehlanzeige. Erneut versuchte der Mutant, der Erschöpfung nachzugeben.
ZIRP!
Nein, schwor sich der Zündermutant, diesmal würde er das Geräusch ignorieren.
Dafür schreckte sein Bruder hoch. Aber auch er legte sich kurz darauf wieder hin.
ZIRP! ZIRP! ZIRP!
Zusammen fuhren die Brüder aus dem Bett auf.
„Eine Grille!“, fauchte Iwanowitsch. „Wo ist der Kombistrahler? Das Biest mache ich alle! Ich will schlafen!“
„Nun schieß mal nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen, Kleiner“, kommentierte Iwan amüsiert, obwohl ihn das Gezirpe mindestens genauso nervte.
ZIRP!
„Das kommt von drüben, von dem unbebauten Grundstück! Ich hole den Thermostrahler und fackel die Wiese ab!“
Der Körper drängte sich aus dem Bett, direkt auf den mehrfach gesicherten Waffenschrank zu. Doch Iwan hielt seinen Bruder zurück. „Lass den Quatsch. John Marshall will sich das Grundstück morgen früh ansehen. Es kommt bestimmt nicht gut an, wenn unser Chef eine verkohlte Wiese für den Kauftermin vorfindet.“
„Nur dann, wenn er uns etwas beweisen kann!“, erwiderte Iwanowitsch bissig. „Das Gras ist trocken, es geht kein Wind. Es könnte auch von alleine entzündet worden sein.“
„Aber er ist Telepath.“ „Er wird schon nicht unsere Gedanken lesen.“
„Und was ist, wenn er die Brandspur des Strahlers findet und eins und eins zusammenzählt?“
„Na wenn schon. Wir sind Elitemutanten des Solaren Imperiums. Wir brauchen unseren Schlaf, um weiterhin einsatzfähig sein zu können. Das muss doch ein totes Insekt oder eine abgebrannte Wiese wert sein.“
„Nun, ich…“
ZIRP! ZIRP! ZIRP! ZIRP!
„Na warte, ich…“
„Ist ja gut. Pass auf. Wir gehen da jetzt raus und suchen dieses Biest. Dann fangen wir es und setzen es bei Gucky im Garten aus.“
„Ja, das ist gut. Das sind vierhundert Meter. Und dann setzen wir Guckys Garten in Brand.“
„Iwanowitsch!“, mahnte der Ältere.
„Okay. Suchen wir das Biest.“

Leise verließen sie das Haus und traten auf das Nachbargrundstück hinaus.
ZIRP! „Da. Geradeaus.“
Iwan schüttelte den Kopf. „Ich höre es von rechts.“
ZIRP!
„Geradeaus!“
„Wir sehen nach. Ich höre es aber immer noch von rechts.“
Nichts.
ZIRP!
„Hinter uns!“
Der Zündermutant wirbelte herum. Unter dem Licht des Mondes erkannten die beiden Brüder kurz die davon springende Grille.
Sofort setzte der Mutant hinterher, erwischte das Insekt jedoch nicht.
„Verdammt! Soo knapp. Ist mir glatt durch die Finger geschlüpft“, brummte Iwanowitsch zornig.
ZIRP!
„Irre ich mich oder verhöhnt uns dieser Bastard?“
ZIRP! ZIRP! ZIRP!
„Rechts!“ Wieder schnellte sich der Mutant nach vorne. Wieder entkam das Insekt knapp.
„Mist!“, fluchte nun auch Iwan.
ZIRP!
Erneut erklang das Geräusch hinter ihnen. Wieder warf sich der Mutant herum, und wieder entkam die Grille knapp.
„Um auf meine Idee mit dem Anzünden zurück zu kommen… Wir könnten die Solare Abwehr bitten, die Spuren zu beseitigen. John wird nichts merken.“
„Ja, ja. Warum orderst du nicht gleich die THORA für einen Orbitalbeschuss her?“
Iwanowitsch lachte heiser. Als Einsatzagenten hätten sie sogar das Recht gehabt, den Einsatz eines Kriegsschiffs anzufordern. Vielleicht nicht gerade zu einem Orbitalbeschuss mitten in der Innenstadt Terranias.
„Wieso fordern wir nicht ein Team der SolAb an und lassen die dieses Mistvieh fangen?“
„Na toll, Iwanowitsch. Ich sehe schon die Schlagzeile: Zündermutant findet ernst zu nehmenden Gegner und fordert gegen Grille hundert SolAb-Agenten an.
Kannst du dir vorstellen, wie sehr die anderen lachen werden? Gucky wird sich über Wochen darüber amüsieren. Wuriu wird dauernd grinsen wenn er uns nur sieht. Und Kitai… Du weißt, wie schadenfroh Kitai ist.“
„Ja, aber willst du dir die ganze Nacht um die Ohren schlagen?“
ZIRP!
Iwans Miene verhärtete sich. „Nein. Sprengen wir das Mistvieh!“
„Na, endlich wirst du vernünftig“, brummte Iwanowitsch erleichtert.
„Aber wir zünden nur eine kleine Kohlenstoffverbindung, ja? Keine Explosion, die man bis zum Mond sehen kann.“
„Ich bin doch kein Anfänger, großer Bruder!“, beschwerte sich Iwanowitsch.
ZIRP!
„Da. Ich habe die Richtung.“ „Ich sehe da eine Verbindung. Gut?“ „Genau richtig, kleiner Bruder.“
Eine kleine Verpuffung huschte über die Wiese.
ZIRP!
„Falsche Verbindung. Worauf hast du eigentlich gezielt, Iwanowitsch?“
„Und du? Zum Zünden gehören immer noch zwei. Worauf hast du gezielt?“
ZIRP! ZIRP!
„Da! Ich habe den Bastard! Ist die Verbindung gut?“ „Die nehmen wir!“
Erneut gab es ein kleines Leuchten, begleitet von einem leisen Knall.
ZIRP!
„Wieder nichts. Aber ich will dieses Mistvieh kriegen! Und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“
„Da, Iwanowitsch, ich habe noch eine Verbindung gefunden.“
„Die nehmen wir!“
Ein etwas hellerer Blitz war zu sehen.
„Verdammt, die Verbindung war zu groß.“
ZIRP!
„Und wir haben schon wieder daneben gezielt.“
„Ooooooooh, ich will doch nur schlafen! Fordern wir doch lieber das Orbitalbombardement an.“
„Vielleicht nehmen wir lieber Schlaftabletten, kleiner Bruder.“
„Und kapitulieren? Nein. Das Biest ist der Feind! Der Feind, sage ich!“
ZIRP! ZIRP! ZIRP!
„Und der Feind verhöhnt uns“, brummte Iwan. „Okay, da ist noch eine Verbindung. Die nehmen wir.“
„Hab sie. Vorsichtig, vorsichtig, nicht, dass uns der Krabbler wieder entwischt. JETZT!“

Ein grellweißer Lichtblitz erhellte die Nacht über Terrania. Lauter Donner hallte über das Grundstück und ließ am Bungalow der Goratschins die Scheiben bersten. Bei Gucky ging sofort das Licht an. Ebenso bei den anderen Bungalows in der Straße.
„Das… war… wohl… etwas zu stark“, murmelte Iwan und betrachtete die zerfledderte Unterhose, welche von der Explosion stark mitgenommen worden war. Fünfzig Meter von den beiden Brüdern entfernt war ein Krater entstanden, sieben Meter im Durchmesser, drei Meter tief.
„Das kannst du wohl laut sagen, Iwan…“
In der Ferne heulten die Sirenen von Rettungswagen und der städtischen Polizei.
Neben dem Zündermutanten gab es ein Poof, und Gucky materialisierte.
„Was ist denn hier los? Weißt du denn nicht, dass andere Wesen das Recht auf ihren Schönheitsschlaf haben?“, schimpfte Gucky wie ein Rohrspatz. Er stutzte und begutachtete den grünhäutigen Mutanten genauer. „Mann, hast du ein Glück, dass du so eine dicke Haut hast. Ein Mensch wäre von den Metallsplittern, die du in der Brust hast, zerrissen worden.“
Iwan deutete mit dem rechten Arm auf den Krater. „Oder wäre davon zerfetzt worden.“
„Ich wollte doch nur schlafen“, klagte Iwanowitsch. Es klang entschuldigend.

Eine Stunde später stand John Marshall vor ihnen, der Anführer des Mutantenkorps. Er musterte den mittlerweile verarzteten Mutanten eine Zeitlang.
Dann streckte er die Hand aus. Verwirrt ergriff der Mutant die dargebotene Rechte.
John streckte auch die Linke aus und ergriff die Hand, die normalerweise von Iwanowitsch kontrolliert wurde.
„Danke, Iwan, Iwanowitsch. Ihr habt mir wahrscheinlich das Leben gerettet.
Auf dem Gelände war ein Schrappnell-Sprengsatz versteckt. Sogar verdammt gut. Er sollte wohl gezündet werden, wenn ich heute morgen den Bauplatz inspizieren wollte.
Die Burschen sind da ziemlich geschickt vorgegangen. Anstatt die Sprengladung einfach in der Erde zu vergraben, haben sie unter der Uferlinie des Goshun-Sees einen kleinen Tunnel gefräst. Am Endpunkt des Tunnels platzierten sie die Ladung und füllten ihn anschließend wieder auf. Dadurch hätte die Solare Abwehr bei einer Tiefenlotung keinen verdächtigen Hohlraum entdeckt. Und ohne Beschädigungen an der Oberfläche, also vertuschte Grabungsarbeiten, hätten sie auch keinen Sprengsatz vermutet.
Durch Ihren Einsatz, meine Herren, wurde der Komplott aber aufgedeckt. Wir sind den Attentätern bereits auf der Spur.“
John klopfte dem Riesen anerkennend auf die Schulter. „Respekt. Nach dem harten Einsatz sind Sie beide noch so geistesgegenwärtig. Sie sind ein Musterbeispiel für jeden einzelnen Agenten.“

Als Marshall wieder gegangen war, trat Gucky an den Zündermutanten heran. Er grinste und zeigte seinen Nagezahn. „Keine Bange, Iwan, Iwanowitsch. Ich petze nicht. Übrigens habe ich die Grille entdeckt und telekinetisch entfernt. Sie ist jetzt bei Bully im Garten. Soll ich euch gleich ins Bett teleportieren, oder schafft Ihr es alleine zurück?“
„Es… geht schon, Gucky. Wir wollen einfach nur noch schlafen“, brummte Iwanowitsch. Der Zündermutant erhob sich von der Antigravliege, auf der er verarztet worden war und ging langsam in seinen Bungalow zurück.

In seinem Schlafzimmer angekommen ließ sich der Riese einfach in sein Bett fallen.
Iwanowitsch kicherte leise. „Was ist, kleiner Bruder?“
„Ich denke nur gerade daran, dass Gucky die Grille zu Bully geschafft hat. Na, der Dicke wird sich wundern.“
Auch Iwan schmunzelte nun. „Lass uns endlich schlafen. Vielleicht hören wir den Staatsmarschall ja nachher fluchen.“
„Okay, Iwan. Nacht.“ Der Jüngere gähnte herzhaft.
„Nacht.“
Beinahe sofort schliefen sie ein.
TROPF!
„Nicht schon wieder“, stöhnte Iwanowitsch.
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