Tage wie diese

GeschichteAbenteuer / P12
31.03.2009
31.03.2009
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Für einen Mutanten des Solaren Imperiums, eingebunden im Mutantenkorps, einer Untereinheit der Galaktischen Abwehr, begann der Tag von Anne Sloane recht beschaulich.
Sie saß auf der Terrasse ihres Penthouse, legte die Beine hoch und genoss während eines Cappuccino die Morgenzeitung.
Seltsam, ging es der Mutantin durch den Kopf. Jetzt lebe ich schon so lange, ich müsste eigentlich ein altes Mütterchen sein, das für seine Enkel Pullover strickt.
Oder wie die Omas der Neuzeit die Diveboards repariert.
Stattdessen sitze ich hier, warte auf mein Frühstück und bin noch so jung wie damals, als Perry mir anbot, unsterblich zu werden.
Ein Schauer ging über ihren Leib, als sie an die riesigen Anlagen zur Zelldusche auf Wanderer dachte, der künstlichen Heimatwelt von ES, dem unbegreiflichen Überwesen, welches den Menschen seit siebzig Jahren zur Seite stand.
Ja, sie hatte angenommen. Ja, sie war nun unsterblich. In einem Zeitraum von 62 Jahren würde sie nicht mehr altern. Danach wartete die nächste Zelldusche. Oder der Tod.
Doch der Tod lauerte ihr eigentlich sowieso überall auf.
Jederzeit. An jedem Ort.
Aber bitte nicht an ihrem Frühstückstisch.

Missmutig stellte sie fest, dass der Gedanke an Wanderer die Erinnerung an ihren letzten Einsatz geweckt hatte.
Auf Ekkhon II hatte sie, als Kolonialarkonidin getarnt, die Bemühungen der Galaktischen Händler sabotiert, das Beteigeuze-System einer der Sippen zuzusprechen.
In diesem System hatte eine Koalition der Springer, wie die Händler auch genannt wurden, den dritten Planeten vernichtet – in der Annahme, es sei Terra, die kleine, freche Welt, die ihnen soviel Ärger bereitet hatte.
Nun gab es nur noch die Welt Nummer vier in diesem System, die sich innerhalb der Ökosphäre seiner Sonne befand. Dies hatten auch die Springer erkannt und stritten seit dem Abzug der Topsider, die dankenswerterweise die falsche Erde verteidigt und damit deren Zerstörung erzwungen hatten, um diese ressourcenarme Wasserwelt.
Sie war nicht interessant genug, um deswegen einen Krieg zwischen den Sippen auszulösen.
Aber immer noch interessant genug, um als alleiniges Territorium eines Patriarchen herzuhalten.
Deshalb absolvierte das Korps beinahe einmal jährlich einen Einsatz, um genau das zu verhindern.
Denn immerhin war Beteigeuze IV heutzutage eine heimliche Kolonie der Menschheit.
Die Wasserangepassten Bewohner waren zu den Verbündeten der Terraner geworden und seit Jahren wertvolle Handelspartner. Terra importierte Dutzende Gemüsesorten von Beteigeuze IV und exportierte im Gegenzug Technologie und biologische Erkenntnisse.
Das Terra sich also von den arroganten Springern nicht die Butter vom Brot nehmen lassen würde, stand fest.
Und solange die Sippen untereinander so schön zerstritten waren, ja einige Patriarchen mittlerweile sogar Agenten der Erde waren, hatte man nach jeder sabotierten Konferenz mindestens ein Jahr Ruhe.

Anne seufzte leise. Ihr Partner war diesmal Ralf gewesen, der Teleoptiker. Warum nicht der große, kräftige Ras Tschubai? Warum nicht der flauschige Gucky?
Nein, es hatte der langweilige, kleine Deutschjapaner sein müssen. Und das nur wegen seiner Fähigkeit, die Sinneseindrücke eines anderen Intelligenzwesens quasi einzusehen. Was Defacto einen Telepathen einigermaßen ersetzen konnte.
Zusammen mit ihrer Fähigkeit der Telekinese hatten sie ein schlagkräftiges Team gebildet.
Ein Team, gut. Aber ein lausiges Paar. Ralf Marten war schlampig, übertrieben höflich und hatte immer dieses Nichtssagende Lächeln aufgesetzt.
Nicht dass sie je was mit ihm angefangen hätte.
Nicht dass sie jemals etwas mit einem anderen Mann gehabt hätte. Nicht mehr seit… Ja, nicht mehr seit Perry sich für Thora entschieden hatte. Und gegen sie…
Anne verdrängte die schmerzlichen Erinnerungen. Wurde es etwa wieder Zeit für einen Kneipenzug mit John Marshall, dem Chef des Mutantenkorps?
Auch ihn, den schwarzhaarigen Australier hatte sie nie als Partner in Betracht gezogen.
Aber als Freund. Als ihren besten Freund. Und das war er nun schon seit einigen Jahrzehnten.

Ärgerlich über sich selbst warf Anne die Zeitung fort.
So langsam sollte sie mal darüber hinweg kommen, anstatt ständig nur an Perry zu denken. Der betrachtete sie doch ohnehin nur als Freundin, bestenfalls als kleine Schwester.
Nur in den wenigen Tagen der ersten Venus-Expedition, da war es kurz anders gewesen. Da hatte der beinharte und charismatische Knochen so etwas wie Gefühl für sie gezeigt.
Aber seitdem…

Die Türklingel unterbrach ihren Gedankengang.
Anne erhob sich und durchquerte ihre Wohnung.
Definitiv. Sie musste etwas in ihrem Leben verändern. Je früher, desto besser. Sechzig Jahre Leerlauf, nur notdürftig betäubt durch Risikoeinsätze für die Abwehr konnten doch keine Lösung sein.
Sie öffnete die Tür. Es war niemand zu sehen.
Doch auf dem Boden lag ein Strauß fröhlicher Sommerblumen. Rosen, Nelken und Tulpen.
Neugierig hob sie den Strauß auf und öffnete die Karte. Die Blüte eines Vergissmeinnichts fiel heraus.
„Für die schönste Frau, die ich kenne“, las Anne laut. „Für das Licht in meinem Leben. Für den Sinn auf meinem Weg.“
Skeptisch warf sie einen Blick auf die Blumen. Schön anzusehen waren sie ja. Aber die Karte war nicht unterschrieben.
Mühsam drängte sie den Gedanken zurück, die Blumen könnten von Perry sein. Nein, unmöglich. So schade das auch war, aber in einer festen Beziehung war er nun mal treu wie Gold. Aber von wem waren sie dann?
Nun, das Appartementgebäude gehörte der Galaktischen Abwehr. Anne konnte also sicher sein, dass der Überbringer ein halbes Dutzend Sicherheitschecks hatte über sich ergehen lassen müssen – ganz zu schweigen von den Blumen, für die es noch etwas strenger zugegangen sein musste.
Also nahm sie den Strauß mit rein.

Zuerst rief sie beim Portier an. „Hallo, Dick, Anne Sloane hier. Sagen Sie, wer hat die Blumen für mich gebracht?“
Der rundliche alte Mann runzelte die Stirn. „Welche Blumen, Miss Sloane? Bei mir ist niemand vorbei gekommen.“
Unschlüssig sah Anne auf den Strauß auf ihrem Küchentisch. Wenn der alte GalAb-Agent sagte, es sei niemand an ihm vorbei gekommen, dann war das so sicher wie der Bau des ersten Imperiumsschlachtschiffs terranischer Fertigung.
Der Agent reagierte sofort. „Ich fordere sofort ein Team an, Miss Sloane. Verlassen Sie den Raum, in dem die Blumen liegen. Und waschen Sie sich penetrant die Hände.“
Anne nickte mechanisch. Das hatte Richard gut erkannt. Die Blumen waren nicht regulär abgegeben worden, konnten also eine verdammte Teufelei sein.
„Sofort“, bestätigte die Mutantin. Mit ihrer Fähigkeit der Telekinese baute sie eine undurchdringliche Wand zwischen sich und den Blumen auf.
Sie ging ins Badezimmer, kramte kurz im Schränkchen und fand eine Tube AntiFex, die sie während des Einsatzes auf Goszul offiziell verloren hatte. Diese Paste vernichtete neunzig Prozent aller bekannten Pilzsporen, Viren und Bakterienstämme.
Danach schlüpfte sie aus dem Morgenrock und legte Alltagskleidung an.
Eine Minute später erschien auch schon ein Gleiter mit den offiziellen Farben der Galaktischen Abwehr vor ihrer Terrasse, während zeitgleich ein Einsatzkommando in arkonidischen Einsatzanzügen mit einem Nachschlüssel durch die Vordertür stürmte.
***
Eine halbe Stunde später salutierte der Anführer der Einsatztruppe vor der Mutantin. „Tut mir leid, Captain Sloane. Aber diese Blumen… Sie sind einfach nur Blumen. Wir können leider nicht nachvollziehen, wer sie vor Ihrer Tür platziert hat, das Kamerasystem auf dem Gang hat zu genau dieser Zeit einen Blackout.
Aber auf jedem Fall wollte Ihnen niemand etwas böses.“
„Nur Blumen?“ Ungläubig starrte Anne auf den bunten Strauß.
„Ja, Ma´am. Nur Blumen. Und ungewöhnlich schöne noch dazu, wie ich finde.
Wenn Sie meinen Rat hören möchten, Captain…“ Der Einsatzchef, ein Lieutenant, mit dem sie auch schon in einigen Einsätzen gewesen war, beugte sich vertraulich vor.
„Stellen Sie sie in eine Vase mit frischem Wasser.“ Dazu nickte er gewichtig.
Anne verzog die Lippen zu einem spöttischen Grinsen. „Witzbold“, kicherte sie und griff telekinetisch zu. Der Mann schwebte plötzlich hilflos in der Luft und schwebte auf die Tür zu.
Er ruderte mit den Armen und meinte mit einem scheinheiligen Grinsen: „Ich habe es nur gut gemeint, Captain.“
„Ja, ja, Anderson. Werden Sie endlich erwachsen.“
Die anderen Mitglieder der Einsatzgruppe grinsten, während sie ihre Ausrüstung weg packten.
Ein lauter Schmerzensschrei zeigte an, dass Anne den Lieutenant überraschend los gelassen hatte.
Doch von diesem Rausschmiss ließ dieser sich nicht entmutigen. Er kam wieder herein, die Hände abwehrend hochgehalten: „Hoooo, Captain, Waffenstillstand. Mir ist nur gerade ein Gedanke gekommen, wer die Blumen hingelegt haben könnte.“
Na, zäh war der Bengel ja. Und ehrlich bis unter die blonden Haarspitzen. Wenn sie mit solch einem Kind nun wirklich überhaupt nichts hätte anfangen können, dann… Ärgerlich wischte sie den Gedanken beiseite. „Und, Lieutenant, wer bitte?“
Anderson trat näher an Anne Sloane heran, um vertraulich mit ihr zu sprechen. Seine Teammitglieder machten vergeblich lange Ohren oder drehten die Mikrophone ihrer Einsatzanzüge hoch. Anne erschuf eine telekinetische Barriere, die den Schall absorbierte.
„Nun, Captain Sloane, ich denke, dass es nur einer Ihrer Kollegen aus der Sondereinheit Mutantenkorps gewesen sein könnte. Wenn Sie wollen, nehme ich die Karte mit und lasse typographische Tests daran vornehmen. Es liegen ja Schriftproben von allen Mutanten vor. Es ließe sich also schnell herausfinden, welcher…“
„Danke, Anderson, aber das ist nicht nötig. Wenn es einer meiner Kollegen war, dann handelt es sich garantiert um einen Scherz.“
Der junge Offizier sah sie finster an. „Darf ich offen sprechen, Ma´am? Danke. Sagen Sie, wie lange kennen wir uns nun schon? Seit dem Einsatz in Moskau. Richtig?
All die Zeit kamen Sie mir immer… Traurig vor. So als würde Ihnen etwas Wichtiges fehlen. Ich habe die Karte gelesen, und ich denke, da bewundert Sie jemand wirklich. Nicht auf diese kindliche Art wie ich das tue. Ich glaube wirklich, dass Sie jemand liebt. Und ich denke, diese Liebe würde Ihnen gut tun.“
Einen Moment war Anne wütend, ja sogar zornig. Sie dachte daran, den Lieutenant telekinetisch einzuwickeln, durchs Fenster zu werfen, halb Terrania überqueren zu lassen, um ihn dann in den Goshun-See zu werfen.
Doch diese klaren, jungenhaften Augen – sie konnte es nicht.
Sie beugte sich vor und gab dem Offizier einen Kuss auf die Wange. „Danke, Cliff. Sie haben mich auf eine Idee gebracht. Ich werde selbst herausfinden, wer mir die Karte und die Blumen geschickt hat.
So, ich muss dann los. Wenn Sie hier fertig sind, wird der Portier wieder abschließen.
Herrschaften.“ Mit diesen Worten verließ Anne das Penthouse.
Aus den Augenwinkeln bekam sie noch mit, wie Anderson für den Kuss auf die Wange eine erhebliche Menge an gut gemeinten Knüffen von seinen Kameraden ab bekam.
„Männer“, lachte sie.
***
„Also“, brummte sie nachdenklich, als sie im Hauptquartier der GalAb ankam, „wer kommt denn in Frage? Ein Telekinet oder ein Teleporter? Beide hätten exzellente Möglichkeiten, das Sicherheitssystem des Hauses zu überlisten.
Eventuell auch ein Frequenzseher… Oder jemand, der bereits im voraus weiß, was ihn hinter der nächsten Wand erwartet…“
Anne überwand die Sicherheitssperren schnell und routiniert. Das sie auf zwanzig verschiedene Arten abgetastet, vermessen und analysiert wurde, bekam sie gar nicht mit.
Es war schlichte Routine für sie.
Als sie im Stockwerk der Abteilung Mutantenkorps ankam, blinzelte sie überrascht. Sie hatte den ganzen Weg vollkommen in Gedanken bis hierher zurückgelegt.
Sie trat ein, nickte den Verwaltungsangestellten und Agenten zu und betrat den Aufenthaltsraum der Abteilung, der direkt neben dem Konferenzraum lag, in dem die Mutanten und ihre unterstützenden Agenten gebrieft wurden.

Ralf Marten war anwesend.
„Morgen“, brummte Anne.
„Morgen“, brummte Ralf zurück. Er goss sich Kaffee ein und schenkte ebenfalls einen Becher für Anne voll.
Zwei Stücke Zucker rundeten ihren Becher ab.
Anne ergriff den Kaffee, trat an den Kühlschrank und inspizierte ihn auf Snacks.
Möhren, natürlich. Gucky musste gerade in Terrania sein.
Ohne aufzusehen reichte sie Ralf Marten zwei Donuts mit Schokoladenglasur und nahm sich selbst einen mit Zuckerguss.
Dann setzte sie sich zu dem Teleoptiker an den Tisch, reichte ihm die Terrania Gazette und nahm sich selbst die Arkonstyle.

Während sie so beisammen saßen und frühstückten, meinte Ralf: „Hast du nicht frei, Anne?“
„Du doch auch, Ralf.“
Der Halbjapaner sah über den Rand seiner Zeitung zu ihr herüber. „Ich habe schlecht geschlafen. Da dachte ich mir, geh mal rüber ins HQ, trink einen Kaffee auf Staatskosten, sieh den Verwaltungsleuten bei der Arbeit zu und du kannst schlafen wie ein Murmeltier.“
Anne schmunzelte über den Witz. „Warum hast du nicht wie sonst einfach etwas Yoga gemacht? Danach geht es doch problemlos bei dir.“
Ralf runzelte die Stirn. „Hat auch nicht geklappt. Irgendwie bin ich seit wir zurück sind etwas durch den Wind.“ Er zuckte die Achseln. „Vielleicht fehlt mir die Gefahr.“
„Ja, klar“, erwiderte Anne, biss in ihren Donut und stellte sich einen heroischen, von einem Hügel herabstürzenden Ralf Marten vor, in der Linken die Fahne der Terranischen Republik, in der Rechten ein Lasergewehr auf Dauerfeuer.
„Und du?“, wechselte der Teleoptiker das Thema. „Warum bist du hier?“
„Blumen.“
„Blumen?“, echote der Mutant.
„Blumen“, bestätigte Anne. „Jemand hat heute ohne eine Spur zu hinterlassen einen Strauß Blumen vor meiner Tür abgelegt.
Die Dinger sind harmlos, aber hübsch. Also schließe ich mal einen Terroranschlag aus.
Da bleibt nur noch eine Möglichkeit. Einer meiner lieben Kollegen aus dem Mutantenkorps nimmt mich gerade etwas hoch.“ Sie kramte kurz in ihren Taschen und warf Ralf Marten die Karte zu, die bei den Blumen gewesen war. „Lies. Das spricht Bände.“
Ralf Marten studierte die Karte und meinte: „Ist doch ein netter Text. Was hat du gegen einen Bewunderer?“
„Was habe ich gegen einen Bewunderer? Nichts. Aber ich mag es nicht, hochgenommen zu werden. Und selbst wenn es ernst gemeint ist, wie soll ein Einsatzagent des Mutantenkorps denn eine Beziehung mit seinen Verpflichtungen der Erde gegenüber unter einen Hut bringen?“
Ralf legte die Zeitung beiseite. „Und? Schon eine Idee?“
„Es kann ja nur ein Teleporter oder Telekinet sein. Das grenzt die Suche stark ein.“
„Ach, deswegen bist du hier.“
„Genau.“ Anne schob sich das letzte Stück Zuckergussdonut in den Mund und spülte mit dem Kaffee nach. Sie stand auf, legte die Zeitschrift ab und nickte Ralf zu. „Danke für den Kaffee. Ich geh dann mal.“
„Viel Erfolg. Aber übertreib es nicht, Engelchen.“
„Engelchen?“
Ralf Marten runzelte die Stirn. „Habe ich das gesagt? Sorry, ist mir so rausgerutscht.“
Anne Sloane nickte fahrig und verließ den Raum.
***
Zwanzig Minuten später war sie nicht sehr viel schlauer.
Son Okura, der Frequenzseher, schied von vorne herein aus. Er hatte einen Einsatz auf Arkon.
Tama Yokida, der hochbegabte Telekinet war zwar auf Terra, unterstützte aber gerade GalAb-Agenten bei der Aushebung eines Terroristennetzwerkes. Und das seit drei Tagen.
Tako Kakuta befand sich seit acht Stunden auf Luna. Mit zehn Sprüngen wäre es ihm möglich gewesen, zur Erde zu teleportieren. Aber das hätte den japanischen Mutanten an den Rand seiner Kraft gebracht, und Anne glaubte nicht so recht daran, dass Tako solch ein Scherz diese Mühe wert war.
Blieb noch Betty Toufry, die Telepathin und Telekinetin. Konnte sie, hatte sie sich einen Scherz erlaubt? Nein. Sie weilte derzeit auf Mimas und untersuchte mit GalAb-Agenten eine unheimliche Mordserie auf dem Saturnmond.
Vielleicht Ras Tschubai? Er war in Terrania. Und er war sogar hier in diesem Gebäude.
Hm, Ras Tschubai. Beim Gedanken an den großen, muskulösen und durchtrainierten Schwarzen hellte sich Annes Miene auf. Wenn er die Karte platziert hatte, dann wünschte sie sich, dass es ernst war. So richtig ernst. Eigentlich war der Teleporter genau ihr Typ.
Laut der Hauspositronik tagte er seit mehreren Stunden in einer Sitzung mit Reginald Bull, Kitai Ishibashi und Allan D. Mercant in einem der kleineren Konferenzräume der Etage.
Am besten, entschied Anne, stellte sie den Teleporter direkt zur Rede.

Als sie den Konferenzraum betrat, war sie sich nicht so sicher, was ihr den Atem raubte, die Konzentration an Zigarrenqualm, oder die Konzentration an Testosteron in der Luft.
Die Konferenz entpuppte sich vor ihren Augen schnell als Pokerrunde, bei der geraucht und getrunken wurde, was das Zeug hielt.
Auf einer Couch schlief Wuriu Sengu. Er schnarchte zum Steinerweichen.
„Hallo, Anne“, begrüßte sie Bully und begann, einen Haufen Chips zu sich heran zu ziehen.
„Es ist gerade ein Platz frei geworden. Wuriu hat aufgegeben. Interesse?“
Die Telekinetin versuchte, nur durch den Mund zu atmen, aber so schmeckte sie den Rauch erst richtig. Bäh.
„Nein, Staatsmarschall. Ich suche nur Ras.“
Der Teleporter sah auf. „Was ist los, Anne? Kann ich dir helfen?“
Dieser Ras Tschubai. Nett, hilfsbereit. Durchtrainiert. Und herrlich weiße Zähne.
Aber die dicke Zigarre störte, auf der er herumkaute.
„Wie lange spielt Ihr eigentlich schon?“, fragte sie geradeheraus.
„Keine Zeitangaben, bitte“, blaffte Bully. „Dies ist ein Herrenabend. Und wir haben alle frei. Er hat begonnen, als er begann. Und er endet, wenn er endet.“
Als er Annes wütenden Blick sah, fügte er leiser hinzu: „Das letzte Mal, als ich auf die Uhr sah, war es drei.“
„Und Ras war die ganze Zeit hier?“, fragte sie enttäuscht.
Der Afrikaner grinste und nahm einen Schluck von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit aus dem Glas vor sich. „Zumindest die letzten beiden Stunden, wenn ich es richtig abschätze.“
Anne dachte an das Klingeln an der Haustür.
Nein, damit schied Ras aus. Vor allem, wenn sie die beiden leeren Flaschen Glenmorangie unter dem Tisch betrachtete.
„Na dann spielt mal weiter“, erwiderte sie schroff und wandte sich zum gehen.
„Wolltest du nicht was von mir, Anne?“, fragte der Schwarze Stirnrunzelnd. „Wenn ich dir helfen kann, du weißt, ich…“
„Das hast du schon“, sagte sie und verließ den Raum.
***
Frustriert ging Anne durch die Büros. Wer blieb denn jetzt noch? Hatte Tako doch diese Wahnsinnstat gewagt? Gab Wuriu nur vor zu schlafen?
War Ras heimlich auf der Toilette gewesen und war in Wirklichkeit gesprungen?
Oder war es Gucky, der Schelm?
Nein, der süße Pelzträger schied aus. Bei all dem Schabernack, den der Mausbiber von Tramp so gerne betrieb, er würde niemals die Gefühle eines anderen verletzen. Bei all der Verspieltheit war er doch sehr verantwortungsbewusst.
Sie ging zurück zum Aufenthaltsraum, setzte sich an den Tisch und vergrub den Kopf in ihren Händen. Irgendwie war ihr nach heulen zumute. Warum tat sie es nicht einfach? Immerhin bedeutete es, wenn sie dieses Rätsel nicht löste, eine direkte Gefahr für ihre Sicherheit zuzulassen.

„Kein Erfolg gehabt, Anne?“, fragte Ralf und sah von seiner Zeitung auf.
Die Mutantin sah herüber. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass der Teleoptiker noch im Raum war. Übergangslos brach sie in Tränen aus. Die Enttäuschung, der Frust, der Ärger der letzten Wochen, der letzten Jahre, ja Jahrzehnte, brach sich Bahn.
Ralf Marten stand auf, kam zu ihr herüber und schloss sie in die Arme.
Hemmungslos ließ sie die Tränen fließen und fühlte sich mit jeder Sekunde etwas mehr von einer Last befreit.
Als sie sich schließlich aus den Armen des Halbjapaners löste war es ihr, als hätte jemand eine große Last von ihrem Herzen genommen. „Danke“, sagte sie.
Der Teleoptiker sah sie einen Moment mit versteinerter Miene an. Doch dann lächelte er und sagte: „Da nicht für, Anne.“
Sie versuchte ein dankbares Lächeln, scheiterte aber.

„Und? Du hast niemanden gefunden, der die Blumen platziert haben könnte, richtig?“
Anne schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe immer noch keine Ahnung. Vielleicht hast du sie ja vor meine Tür gelegt.“
Sie dachte über diesen Gedanken nach und winkte ab. „Entschuldige. Dumme Idee.“
„Dumm? Wieso?“ Ralf sah sie verwundert an.
„Na… Du und ich, wir… Ich meine, ja, wir kommen super miteinander aus, der Einsatz auf Ekhon II war gute Teamarbeit. Aber ich kann mir dich nicht als Verehrer vorstellen.“
„Verstehe“, brummte Ralf und wandte sich zum gehen.
„So war das doch nicht gemeint, Ralf“, sagte Anne schnell und hielt den Kollegen am Unterarm fest. „Es ist ja nicht gerade so, als hättest du es jemals versucht oder so. Wir sind halt nur Freunde.“
In den Augen des Teleoptikers blitzte es auf. Aber es erlosch beinahe sofort wieder. „Und was, wenn ich es war? Was, wenn ich die Karte geschrieben habe? Die Blumen platziert?“
Anne lachte wie über einen guten Witz. „Ach komm. Du und die Karte geschrieben. Ich bitte dich. Wir waren schon immer gute Freunde, Ralf. Ich könnte mir das auch gar nicht vorstellen. Du und ich im Bett… Nein. Oder auch nur beim küssen. Das ist ja so, als würde ich meinen Bruder küssen.“
„Das sagst du auch nur, weil wir es noch nie probiert haben“, scherzte der Halbjapaner unsicher. „Ich bin ein toller Küsser.“
Anne dachte an ihren ruinierten Tag. Und daran, dass wenigstens eine sichere Konstante ihrem Leben gut tun würde. Also stand sie auf und stellte sich direkt vor Ralf. „Okay. Tun wir es. Bringen wir es hinter uns. Küss mich.“
Erschrocken wich Ralf einen Schritt zurück. „Was bitte?“
„Ich sagte, küss mich. Oder willst du kneifen?“
Anstatt zu antworten trat Ralf an sie heran, etwas zu hastig. Seine Lippen näherten sich den ihren, verharrten. Dann senkten sie sich unendlich langsam auf ihre. Als sich die Münder berührten, glaubte Anne in Flammen zu stehen. Die Flammen jagten von den Lippen in ihre Eingeweide und setzten ihren Unterleib unter Feuer. Sie öffnete ihren Mund und liebkoste die Zungenspitze Ralfs sanft und lockend. Es ging so leicht, auf einmal war alles so leicht. So eindeutig, so offensichtlich!
Ralfs Zunge streichelte über ihre, und zur Leichtigkeit kam Gewissheit.

Als sie endlich inne hielten, sahen sie sich an und lächelten. Es war ein dümmliches, verliebtes Lächeln. „Endlich“, hauchte Ralf. Ihm liefen Tränen die Wangen herab.
„Ja“, erwiderte Anne und küsste die Tränen fort. „Ja. Endlich.“
Endlich war sie über Perry hinweg. Endlich hatte sie ihre Schwärmerei für Ras abgelegt.
Endlich hatte sie etwas wichtiges erkannt. Sie liebte Ralf Marten. Und das mit einer Kraft, mit einer Leidenschaft, die sie schockierte und faszinierte gleichermaßen. Und er liebte sie auch.
Wer wusste schon, wie lange?

„Was ist das hier eigentlich für ein mentaler Krach, hä?“, klang plötzlich eine Fistelstimme auf. Gucky, der Mausbiber, war in den Raum gesprungen und sah die beiden streng an. „Das war ja ein Schlag auf der PSI-Ebene, als hätte jemand ES Eis in den Nacken gesteckt. Eure Liebeserkenntnis habe ich ja sogar noch in Rio de Janeiro gehört. Ich musste nicht einmal espern!“
Anne sah zu Ralf und von ihm zu Gucky. Sie feixte dem Mausbiber zu. „Gewöhn dich dran. Das wirst du jetzt wohl öfter hören.“
„Sehr viel öfter“, sagte Ralf und küsste Anne auf die Wange.
Das nahm sie zum Anlass, um ihn wieder zu küssen und mit ihrer Zunge über seine Lippen zu wandern.
„Na, ich sehe, Ihr seid beschäftigt“, brummte der Mausbiber. „Lasst euch nicht stören, ja?“
Er teleportierte vor die Tür, blockierte sie telekinetisch und sah zu Perry Rhodan hoch.
„Auftrag ausgeführt, Leutnant Guck?“, fragte der streng.
Gucky salutierte spielerisch und erwiderte: „Ja, Sir. Auftrag ausgeführt. Blumen platziert, Verdächtige aus dem Weg geräumt und die beiden mehrmals in den gleichen Raum gelockt.
Wurde ja auch Zeit. Das konnte ja keiner mehr mit ansehen, wie sie sich unbewusste Blicke zugeworfen haben.“
„Ja“, bestätigte Rhodan, „es wurde allerhöchste Zeit, dass Anne endlich glücklich wird.
Hoffen wir, das es hält zwischen den beiden…“
Er wandte sich zum gehen. „Bleibt nur noch eine Frage bei diesem jungen, überfälligen Glück, Leutnant Guck.“
Der Multimutant hochte auf und stellte die Ohren in Rhodans Richtung, als der Präsident erneut seinen militärischen Rang verwendete. Normalerweise war das der Beginn eines Tadels.
Entsprechend misstrauisch fragte er: „Ja, Perry?“
„Wo hast du die Blumen her?“
„Aus Bullys Garten. Der hat doch so viele schöne Blumen.“
Rhodan lachte laut. „Gucky“, meinte er mit Tränen in den Augen, „du wirst nie erwachsen.“
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