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Der Vorleser - Das Schlussplädoyer

GeschichteDrama / P12 / Gen
29.03.2009
29.03.2009
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Diese Rede ist meine letzte Deutsch-Schularbeit - auf Drängen meiner Mutter und weil ich sie selbst weniger schlecht fand als meine restlichen Werke, habe ich beschlossen, sie hier zu veröffentlichen. Der Text ist zwar derselbe, am Anfang habe ich jedoch aus den 'Zusehern' 'Zuhörer' gemacht.
Ich kann nicht behaupten, dass mein Text irgendetwas, was während jener Zeit geschah, gerecht wird, aber ich hoffe, dass er zumindest ein wenig Anklang findet.

~*~

Sehr verehrtes hohes Gericht, meine Damen und Herren Geschworenen –

Über die letzten Monate waren wir alle an dieser Untersuchung beteiligt – sehr viel mehr als die hier anwesenden Zuhörer, ja, vielleicht sogar noch mehr als einige der Angeklagten.
Sie und ich wissen, was damals vorgefallen ist, aber wirklich vorstellen kann sich das niemand, der nicht in jener Nacht in besagter Kirche gewesen ist. Erlauben Sie mir, Sie noch einmal an diese Nacht zu erinnern.
Stellen Sie sich die Angst vor, die die Frauen und Mädchen gehabt haben; die Angst, was am nächsten Tag mit ihnen geschehen könnte – nur abgelöst von der Angst, die sie bekamen, als die ersten Bomben fielen… Stellen Sie sich jene Angst vor, die die Frauen in jener Nacht gehabt haben müssen, als sie in diese Kirche getrieben, eingepfercht wurden wie Vieh – in dem Wissen, dass sie nicht entkommen könnten, wenn eine Bombe die Kirche treffen sollte.
Und dann, als es tatsächlich geschah – als niemand diese armen Frauen hinausließ – stellen Sie sich jene unbändige, grenzenlose Furcht vor, als das Kirchenschiff Feuer fing, das Grauen, als es begann, brennende Trümmer zu regnen, hören Sie die Schreie, die Angst-, die Schmerzensschreie! Riechen Sie das brennende Holz, den beißenden Rauch, der Sie kaum zu Atem kommen lässt – riechen Sie das versengte, brennende Fleisch! Vielleicht ist die lebendige Fackel neben Ihnen Mutter, Tante, Schwester, Cousine, Tochter – Sie können sie nicht einmal mehr erkennen. Fühlen Sie die unendliche Agonie, all das Leid, die Angst, alles, was diese Frauen durchmachen mussten?
Und wieso das alles?
Ich frage Sie alle – wieso?
Weil eine der heute hier Anwesenden – eine der damaligen Wärterinnen – den Schlüssel bei sich trug und sich gegen das Gewissen, gegen das Mitleid – und für die Grausamkeit des damaligen Regimes, für die ihr eigene Grausamkeit entschied, denn wie könnte man diese unendliche Grausamkeit bejahen, wenn sie nicht auf ein Echo, einen ebenso dunklen Bruder in einem selbst träfe?

Ich lasse mir einreden, dass es einen Ersatzschlüssel gab – meinetwegen auch zwei. Aber Fakt ist, die einzige Angeklagte, der wir nachweisen können, dass sie einen Schlüssel besaß – diese Frau, in der die Grausamkeit der damaligen Zeit auf so viel Echo traf – diese Frau, die so viel Leid zuließ, sitzt vor Ihnen, meine Damen und Herren!
Uns ist sie als Hanna Schmitz bekannt, aber darf man sie wirklich so nennen? Sollte man sie nicht viel eher als die personifizierte Grausamkeit einer dunklen, einer bösen Zeit sehen?
Die Angeklagte hat zu keinem der Anklagepunkte Reuegezeigt – im Gegenteil, sie hat sie benutzt, um Sie, Herr Vorsitzender, zu diffamieren, um Ihr Ansehen genauso bereitwillig in den Schmutz zu ziehen, wie sie den Schreien aus der Kirche gelauscht hat.
Natürlich hätte man ihr den Schlüssel abnehmen können – doch welche der anderen Angeklagten wusste damals, wer den Schlüssel bei sich hatte?
Heute wissen sie es – und senken betreten die Köpfe. Später, ja, da wäre es ihnen eingefallen, sobald die Panik, der Schock nachgelassen hätte – aber wer hätte solch traumatische Erinnerungen nicht verdrängt?

Und, wo wir schon bei traumatischen Erinnerungen sind – was würden wohl die oft erwähnten Schützlinge der Hanna Schmitz sagen? Was wurde ihnen in jener Zeit, die sie bei ihr waren, angetan?
Frau Schmitz suchte sich immer zarte, schwache Mädchen aus – Mädchen, die sich gegen eine so große, starke Frau wie sie unmöglich wehren konnten. Vielleicht war es gut für sie, dass sie nach diesem einmonatigen Martyrium sterben mussten – vielleicht war der Tod gnädiger als der Blick auf die Grausamkeit, die in Hanna Schmitz wohnt.
Und wären sie nicht ebenso vor ihr zurückgewichen, wie es die anderen Wärterinnen taten? Hätten Sie sich getraut, diese Frau nach dem Schlüssel zu fragen? Hätte das irgendjemand, der mitansehen musste, was sie mit ihren Schützlingen tat?
Selbst in jenen Augenblicken – selbst, als das Kirchenschiff lichterloh brannte, als die Schmerzensschreie sich in einem irrsinnigmachenden Crescendo steigerten, immer lauter wurden – bis das Gebäude jeden anderen Laut erstickte, als es zusammenbrach, als ihnen die erhitzte Luft ins Gesicht schlug und sie vor umherfliegenden Trümmern zurückwichen – bis zu jenem Moment hatten alle zu große Angst vor der Frau, die wir als Hanna Schmitz kennen.

Hohes Gericht, sehr verehrte Geschworene – denken Sie an all das Leid, denken Sie an die Schmerzen, an das Grauen, das diese Frau in ihren Mitmenschen – Gefangenen wie Kolleginnen – ausgelöst hat und entscheiden Sie nach bestem Gewissen. Lassen Sie nicht zu, dass dieses Grauen weiter umgeht in dieser Welt. Entscheiden Sie sich gegen die Grausamkeit, die dieser Frau innewohnt.
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