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Oktobergold

von carnival
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Lara Croft Pierre DuPont
20.03.2009
20.03.2009
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„Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd' ich nun nicht los.“
J.W. Goethe


I.
CUNY (City University New York) ca. 14Uhr
Ich war schon eine ganze Weile damit beschäftigt Kreise und Blümchen in meinen Notizblock zu malen. Natürlich litt meine Aufmerksamkeit unter dieser niveauvollen künstlerischen Betätigung, daher schnappte ich nur Fetzen der Litanei auf, die Professor Bernstein monoton herunterleierte. Meinen Kommilitonen erging offensichtlich ähnlich, denn die letzte Frage, die den Redefluss des Professors ins Stocken gebracht hatte, lag schon eine ganze Weile zurück. Bernsteins philosophische Seminare waren nie gut besucht, sodass sich die wenigen Studenten in dem zwielichtigen Saal verteilten wie Treibgut auf stürmischer See.
Bernstein war ein Relikt, übergeblieben aus einer Zeit vor Christi Geburt.
Es hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass man ihn bei Grabungen in Rom entdeckt hatte, den weißhaarigen Professor, während er das Alte Testament sorgsam in Latein übersetzt hatte.
Seufzend kritzelte ich ein Dreieck inmitten der Blumenwiese. Ich war an diesem Tag alles andere als gut drauf. Ich fühlte mich schlapp und müde, und mir war, als hätte jemand über Nacht meinen Kopf in Watte gepackt. Bernsteins monotone Litanei tat ihr übriges.
Es gab Tage, da sollte ich auf mein Bauchgefühl hören. Jenes hatte mir geraten im Bett zu bleiben, und kaum fünf Minuten später meldete es sich erneut, jedoch mit einem vorwurfsvollen Ich hab’s dir ja gesagt!
Ich wollte mich gerade von meinen Malereien loseisen und mich auf Bernstein konzentrieren, als die Tür des Vorlesungssaals geöffnet wurde. Die meisten Köpfe wandten sich dem Mann zu, der in den Saal huschte. Er trug einen anthrazitfarbenen Mantel und einen hellen Schal – er kam wohl direkt von draußen, denn sein Gesicht war noch gerötet von den kalten Winden, welche die Stadt der Wolkenkratzer seit Tagen tyrannisierten.
Ohne sich um das unwillige Gemurre zu kümmern, welches sich aufgrund dieser plötzlichen Störung der weit abschweifenden Gedanken im Saal erhob, kam er zielstrebig auf mich zu.
Und ich war schlagartig hellwach.
Ich hab’s dir ja gesagt!
Mit einem selbstgefälligen Lächeln nahm Pierre Dupont neben mir platz. „Salut, ma chère!“
„Was machst du denn hier?“, zischte ich ihm zu. Einige Reihen vor uns begannen zwei Studentinnen aufgeregt miteinander zu tuscheln und warfen verstohlene Blicke über die Schulter.
Seitdem Pierre Duponts Gesicht den National Geographic und die Cover andererMagazine geschmückt hatte, passierte das ständig.
Pierre, dem die Reaktion der beiden Frauen nicht verborgen blieb, knöpfte seinen Mantel auf und lehnte ich zurück, wobei er mich keine Sekunde aus den Augen ließ.
„Ach, Yannick! Wie mir die unterschwellige Wut im Klang deiner Stimme gefehlt hat!“
„Unterschwellige Wut?!“, ich knallte meinen Stift auf das Pult. „Du hättest mir wenigstens eine Nachricht schreiben können, als du vor sechs Wochen einfach nach Indien abgehauen bist!“
Selbst in meinen Ohren klang diese Aussage bizarr.
„Indonesien!“, korrigierte Pierre. „Ich werde das nächste Mal daran denken!“
„Falls es ein nächstes Mal gibt, mein Lieber. Ich hab deine Eskapaden so satt! Hat sich dein Trip nach Indonesien wenigstens gelohnt? Konntest du ein paar Grabstätten plündern?“
„Das tat weh! Kann ich dein Gemüt besänftigen, wenn ich dir verspreche, dass das nie wieder vorkommt?“
Ich richtete meinen Blick stur auf Bernsteins gebeugte Gestalt.
Morgens aufzuwachen und festzustellen, dass Pierre weg war, war eine Banalität von vielen.
Es gehörte zu unserem… Alltag.
Seltsam, was man einem geliebten Mensch alles durchgehen ließ.  
All seine negativen Eigenschaften – Unzuverlässigkeit, Narzissmus, Eigennutz - hatte ich vor langer Zeit stillschweigend hingenommen, nicht wahr? Denn all das zu ertragen gehört dazu, wenn man mit Pierre Dupont befreundet sein wollte.
„Es kommt nicht wieder vor!“, Pierre hatte den Arm um mich gelegt und flüsterte mir dies ins Ohr. Ich spürte die Kälte des Februars, die noch immer von seiner Haut und Kleidung ausging.
Er roch nach Schnee, vermischt mit Regen, und das eisige Blau seiner Augen war gefärbt mit den Eindrücken der weiten Welt.
Wie sehr ich ihn doch vermisst hatte.
Und er wusste das ganz genau. Dass ich immer da war.
„Also? Was hast du in Indonesien entdeckt?“, seufzte ich.
Bernstein, die Blumenwiese, alles war für den Moment vergessen.
„Nichts!“
„Nichts?“
„So ist es. Verschwendete Zeit und Energie. Doch wie heißt es? Pech im Spiel, Glück in der Liebe? Es wird übrigens Zeit, dass du das hier hinter dich lässt und deinen Spielplatz in die Welt verlegst. Das ist hier drin ja nicht zum Aushalten!“
„Das hier nennt sich Wissen aneignen, Pierre!“
Er klappte meinen Notizblock auf und warf einen bezeichnenden Blick auf meine Malereien.
„Ich nenne die Unterdrückung des natürlichen Instinkts. Was du weißt spielt in der Welt keine Rolle, wenn dein Instinkt hier systematisch in seine Einzelteile zerlegt wird.“
Ich sagte dazu nichts. Pierres Abneigung gegen jegliche Autorität kam nicht von ungefähr. Pierres Temperament und sein Drang nach Freiheit hatten dazu geführt, dass er sich mit seinem Mentor überwarf und schließlich sein Archäologiestudium abbrach.
Pierre interessierte sich nicht für den Hintergrund, denn er war zu sehr damit beschäftigt sich selbst im Fordergrund ins rechte Licht zu rücken.
„Was haben wir denn heute Abend vor?“, fragte er und winkte den beiden Studentinnen zu, die sich wieder zu uns umdrehten. „Ich würde dich nämlich gern jemandem vorstellen.“
Argwöhnisch musterte ich ihn. Wer wusste schon, welch zwielichtige Gestalt er nun wieder aufgegabelt hatte. All seine Klienten, für die er in die Tiefen der Geschichte reiste, waren dies: zwielichtig. Und reich. Vor allem reich.
„So? Wen?“
„Ihr Name ist Meryl Irving – anscheinend ein Fan meiner Arbeit.“, das auszusprechen ging ihm offensichtlich runter wie Öl.
„Und woher kennst du sie?“
„Aus Indonesien. Vor etwa einer Woche kam ein Mann zu mir – Mr. Tipper, klein und blasiert, typisch Engländer – und überreichte mir eine Einladung für den nächsten Tag in ein Hotel in Jakarta. Ich war da, Lady Irving jedoch nicht. Mr. Tipper setzte mich darüber in Kenntnis, dass Lady Irving verhindert sei. Und dass sie nach New York kommen wird!“, er schob den Mantelärmel beiseite und blickte auf seine Armbanduhr. „Ich nehme mal an, sie ist schon hier!“
Während er sprach, leerte sich der Saal. Selbst Bernstein packte seine Sachen zusammen und redete dabei mit einem Studenten.
Ich ließ Block und Stifte in meiner Tasche verschwinden. „Du bist unglaublich!“, sagte ich kopfschüttelnd. „Ich weiß nicht einmal, seit wann du wieder hier bist und du hast schon Verabredungen mit unbekannten Fans.“
Pierre zuckte mit den Schultern und grinste dabei scheinheilig.
Er nahm mir meine Tasche ab. „Nach Ihnen, Mademoiselle!“
Wir hatten den Saal kaum verlassen, als wir von den beiden Studentinnen angesprochen wurden. Sie zerflossen bei Pierres Anblick nahezu wie Kerzenwachs, mich hingegen maßen sie mit abschätzenden Blicken.
„Hi!“, sagte die eine. „Sie sind doch Pierre Dupont, nicht wahr?“
Innerlich verdrehte ich die Augen und nahm Abstand, als Pierre dies bestätigte.
Dieser alte Narzisst!
„Mein Name ist Crystal, das ist meine Freundin Adi! Es ist ja so aufregend…“
Ähnlich wie bei Bernstein schaltete ich einfach auf Durchzug und kümmerte mich nicht um das Geplänkel. Es wiederholte sich ständig.
Sie sind ja so…
Wir sind ja…
Solch eine Ehre…

Pierre hörte es trotzdem gern.
„Hey, kannst du das Foto vielleicht machen?“
Crystal – oder war es Adi?- hielt mir einen Fotoapparat entgegen und sah mich von oben herab an. „Dann können wir Sie in unsere Mitte nehmen!“, kicherte Adi – oder war es Crystal?
Mon Dieu!
Ich nahm den Fotoapparat lächelnd entgegen, wartete bis sie in Position gerückt waren und betätigte den Auslöser.
Dann ging ich. Pierre verabschiedete sich eilig und folgte mir. Er knöpfte seinen Mantel zu, dann nahm er meine Hand. „Was hast du fotografiert?“
„Den Boden!“
Er lachte und wir verließen das Gebäude. Tauchten ab im Strom der Leute, angetrieben von den eisigen Winden, die vielleicht schon wussten, was der Tag für uns bereithielt.
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