Ruhestörung

von aislingde
GeschichteAbenteuer / P12
Henry Fitzroy Mike Celluci Vicki Nelson
14.03.2009
16.04.2009
5
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Das Piepen weckte Mike auf. Noch nicht ganz wach griff er nach dem Handy und klappte es auf. „Du musst einen verdammt guten Grund haben, mich mitten in der Nacht zu stören.“
Doch statt einer Antwort hörte er nichts.
Hatte er so lange gebraucht, wach zu werden, dass der andere schon wieder aufgelegt hatte?
Fluchend klappte Mike das Handy zu und legte es auf den Nachttisch zurück.
Danach machte er die Lampe an und sah auf den Wecker. Es war halb vier.
Frustriert fuhr er mit den Fingern durchs Haar. Jetzt war er wach. Wieder einzuschlafen würde gar nicht so einfach sein.
Er stand auf, ging zur Toilette und anschließend in die Küche, wo er sich ein Glas Wasser holte.
Mike hatte sich gerade wieder hingelegt und die Augen geschlossen, als das Handy erneut piepte. Ein einziges Mal. Dann war Ruhe.
„Das darf doch nicht wahr sein!“
Er machte das Licht wieder an und sah auf die Anzeige. Sein Telefon blinkte, weil es kaum noch Strom hatte. Er hatte vergessen, das Ladekabel anzuschließen.
Seufzend stöpselte Mike das Kabel ein, betätigte den Lichtschalter und drehte sich um.

Nicht mehr ganz wach, hörte Mike, wie der Quälgeist schon wieder zum Leben erwachte. Dieses Mal war es der ganz spezielle Klingelton, wenn Vicki von unterwegs anrief.
„Ich muss schlafen. Um acht Uhr beginnt mein Dienst.“
Frustriert vergrub Mike den Kopf ins Kissen.
Doch seine Sorge, was Vicki jetzt schon wieder angestellt hatte, war größer und bevor es zum fünften Mal klingelte, griff er zum Handy.
„Hast du schon auf die Uhr gesehen? Geht die Welt unter, oder was ist los?“
„Entschuldige, dass ich dich wecken musste, Mike. Aber ich brauche deine Hilfe. Henry ist von einer Straßengang angeschossen worden und ein Streifenwagen hat ihn aufgelesen und ins Krankenhaus gebracht. Ich konnte mich so gerade eben mit Henrys Ausweis in Sicherheit bringen, damit seine Identität ungeklärt ist. Wenn wir ihn da nicht raus holen, bevor die Sonne aufgeht, dann stirbt er!“
Seufzend setzte Mike sich auf. Er wies Vicki nicht darauf hin, dass Henry schon lange tot war. „In welchem Krankenhaus ist er? Aber erwarte nicht, dass ich nett zu ihm bin.“
„Er ist jetzt im North York General Hospital. Und ich stehe vor dem Haupteingang. Danke.“
„In einer halben Stunde bin ich da.“
Mike klappte das Handy zu.
Das war’s mit der ruhigen Nacht.
Warum nur hatte er das Handy nicht einfach ausgemacht, als es so wenig Strom hatte?

Dreißig Minuten später hatte er es nicht geschafft, sich einen Kaffee zu besorgen, der frisch gebrüht war und er hatte sogar eine Parklücke gefunden.
Er nahm den fast leeren Pappbecher mit, um Vicki zu treffen.
Sie lief vor dem hell erleuchteten Haupteingang unruhig auf und ab und blickte immer wieder auf ihr Handy.
Mike trank den restlichen Kaffee aus, schmiss den Becher in einen Mülleimer und trat aus dem Halbschatten hervor, so dass Vicki ihn sehen konnte.
Sie lief direkt auf ihn zu.
„Wo bleibst du? In 40 Minuten geht die Sonne auf! Bis dahin muss Henry wieder in seiner Wohnung sein.“
Mike blickte auf seine Uhr.
„Guten Morgen, Vicki. Seit deinem Anruf sind genau 31 Minuten vergangen. Es tut mir leid, aber ich musste wach werden, mich anziehen und hierhin fahren. Davon habe ich ca. 10 Sekunden Zeit für das Erwachen benötigt. Es ging nicht schneller. Was ist der Stand der Dinge, auf welcher Station liegt er?“
„Er ist in der Leichenkammer im Keller“, war Vickis trockene Antwort. „Ich habe herausbekommen, dass er  auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben ist. Herzstillstand. Wir werden keine Krankenschwestern abzulenken brauchen.“
„Und warum hast du auf mich gewartet, wenn der Sonnenaufgang so nah ist?“
„Weil Henry zu schwer verletzt ist, um selbst laufen zu können. Sonst hätte die Sanitäter es niemals geschafft, ihn in den Krankenwagen zu schaffen. Ich kann zwar viel, aber ich kann ihn nicht alleine tragen. Außerdem fallen zwei Personen weniger auf als eine Frau.“
Mike seufzte. Trägersklave für seine Hochwohlgeborenheit zu spielen war alles, nur nicht sein Traumjob.
„Gut, dann lass uns gehen, ich will es schnell hinter mich bringen.“
Das tat er nur für Vicki. Und sie ahnte noch nicht einmal, was sie ihm abverlangte.
Mike drehte sich um und ging zum Eingang.
„Du weißt noch gar nicht, was ich geplant habe.“ Vicki blieb an seiner Seite.
„Lass mich überlegen.“ Mike hielt an und blickte sie an. „Wir marschieren da rein, tun so, als ob wir einen Auftrag haben und wann immer sich uns jemand in den Weg stellt, dann zücke ich meinen Ausweis und man lässt uns durch.“
„So ungefähr“, stimmte Vicki ihm zu. „Nur…“, sie zögerte und Mike sah sie ungeduldig an. „Wenn wir Henry finden, solltest du uns besser alleine lassen.“
„Warum?“ Was wollte sie verheimlichen?
Vicki seufzte, dann zuckte sie mit den Schultern. „Er hat viel Blut verloren und damit er transportfähig wird, muss er essen.“
„Oh!“ Unwillkürlich berührte Mike die Stelle am Nacken, wo erstaunlicher Weise keine Narbe war.
„Genau.“ Vicki nickte. „Ich weiß, dass du bei diesem Thema empfindlich bist und deswegen wollte ich Rücksicht nehmen. Jetzt komm.“
Sie ging voraus und die Tür öffnete sich vor ihr.
Mike ballte seine Hände zu Fäusten. Gott, am liebsten würde er Vicki schlagen. Er war nicht empfindlich. Es war viel schlimmer. Er war damals brutal von einem Vampir gebissen worden und das hatte unsichtbare Spuren hinterlassen.
Er biss die Zähne zusammen, dass es schon weh tat und folgte ihr. Bevor er das Gebäude betrat, schlug er seinen Kragen hoch. Er wusste in etwa, wo die Sicherheitskameras waren und musste darauf achten, dass sie kein klares Bild von ihm bekamen. Auch Vicki schüttelte ihr Haar aus, setzte eine dunkle Brille auf. Im Gegensatz zu ihm schaffte sie es auch noch, sich ganz anders zu bewegen. Viel weiblicher.

Niemand sprach sie an, als sie durch die Eingangshalle gingen. Nur ein Arzt kam ihnen entgegen, doch als er Mikes Miene sah, senkte er den Blick und ging in eine andere Richtung.
Vicki ging auf den Aufzug zu und sie mussten warten, bis er kam. Mike blieb neben ihr stehen.
Als sich die Tür öffnete, war die Kabine leer und sie traten ein. Vicki drückte auf die Taste zum Keller, während Mike auf die Tür starrte, die sich auch nach einem Augenblick schloss. Er weigerte sich, Vicki anzublicken.
„Mike?“
„Hmmmm.“
„Es tut mir leid.“
Er drehte seinen Kopf zur Seite und blickte Vicki an. Er sah aber kein Bedauern in ihrem Gesichtsausdruck, sondern Verwirrung. Sie hatte keine Ahnung, weswegen er so verärgert war und warum sie sich entschuldigte.
„Was tut dir leid?“
Er hatte nicht vor, es ihr leicht zu machen.
„Dass ich dich für Henry aus dem Bett geholt habe?“
Sie sah ihn unsicher an.
Der Fahrstuhl hielt an und Mike trat in den Gang. Er hörte, dass Vicki folgte.
Die Keller von Krankenhäusern waren immer anders als die Etagen darüber. Weniger gut beleuchtet, schmuddeliger, fast schon unheimlich. Hier waren die Wände komplett gefliest – in einem matt schimmernden Grünton, der sich leicht reinigen ließ, aber eine Qual für die Augen war. Der Flur war eigentlich sehr breit, aber überall standen unbenutzte Betten, die mit großen Laken abgedeckt waren.
Wenn man dazu noch berücksichtigte, dass ein hungriger Vampir in der Kühlkammer lag, dann war dies der perfekte Ort für einen Horrorfilm.
Unwillkürlich fuhr Mikes Hand zu seiner M-9 und er lockerte die Sicherung, so dass er sie im Fall der Fälle schneller ziehen konnte.
„Rechts oder links?“ Sollte doch Vicki eine Entscheidung treffen. Er hatte keine Lust, Vorwürfe zu hören, weil er sich für die falsche Richtung gewählt und sie deswegen wertvolle Zeit verloren hatten.
„Keine Ahnung. Ich habe das Krankenhaus nur betreten und mir den allgemeinen Stationsplan angesehen. Dort ist die Leichenkammer nur mit Gebäude und Etage angegeben, aber nicht mit einer Raumnummer. Wir müssen suchen.“ Sie sah sich um. „Lass uns nach links gehen.“
Mike nickte und folgte ihr.
Die meisten Räume waren beschriftet. Reinigung, Abstellkammer, Lagerraum, noch eine Abstellkammer. Die Türen, die nicht beschriftet waren, öffneten sie.
Meist waren es Abstellkammern. Ein Raum war ein Archiv mit Stapeln von Akten und in einem standen seltsam aussehende Instrumente, von denen Mike gar nicht wissen wollte, welche Funktion sie hatten.
Als er die Tür schloss, war das der Moment, als Vicki das Thema wieder aufnahm.
„Worum geht es dann?“
Warum musste sie so hartnäckig sein und konnte es nicht einfach auf sich beruhen lassen? Mike kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie erst Ruhe geben würde, wenn er ihr eine befriedigende Antwort geben würde. Er drehte sich um und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich bin nicht empfindlich. Es ist viel schlimmer. Weißt du, welche Albträume ich regelmäßig habe? Und du bist die Einzige mit der ich reden kann, weil mir sonst niemand glauben würde. Aber du…“ Er stockte. „… du lässt dich ja gerne beißen.“
Bevor Vicki etwas sagen konnte, stürmte Mike an ihr vorbei und öffnete schwungvoll die Tür zum nächsten Raum. Halbvolle Regale standen in Reih und Glied. Wieder keine Kühlkammer.
Als er den Raum verließ, schnappte das Schloss leise ein.
Die nächste Tür war anders. Wuchtiger.
Mike brauchte nicht auf die seitlich angebrachte Beschriftung zu schauen, um zu wissen, dass sie am Ziel waren.
„Mike!“
Er fühlte Vickis Hand auf seiner Schulter. Warm und mitfühlend. Doch er schüttelte sie ab.

Da geschah es. Die Türe wurde von innen aufgestoßen und Mikes Nase machte Bekanntschaft mit dem kühlen Metall.
„Au!“ Es tat weh und er fühlte, wie Blut aus den Nasenlöchern rann. Bevor er dazu kam, zu fühlen, ob der Knochen heil geblieben war, packten ihn kräftige Hände und schoben ihn gegen die Wand.
„Henry! Nein!“ Vickis Stimme hatte einen alarmierten Unterton und Mike sah, wie die Vampirzähne immer näher kamen.
Es war wie damals. Wieder würde ihn der Vampir beißen. Er war hilflos, denn Henry war viel stärker. Aber warum hatte er noch nicht zugebissen?
Dann verschwanden die Zähne aus seinem Gesichtsfeld, sie vergruben aber nicht in seinen Nacken und nur die Nase tat höllisch weh – nicht der Nacken.
„Entschuldigung. Das frische Blut hat mich fast die Kontrolle verlieren lassen.“
Die Hände ließen Mike los. Hätte er nicht die Wand im Rücken gehabt, wäre er einfach zusammen geklappt, weil seine Beine den Dienst versagten. Sie fühlten sich an wie Pudding.
Mike blickte Henry an. Der Vampir war einen Schritt zurück getreten, doch seine Augen glänzten immer noch bedrohlich schwarz und seine Vampirzähne waren deutlich zu sehen.
‚So viel zum Thema verletzt und schwach’, war Mikes Gedanke.
Dann sah er die hässliche Wunde in Henrys Brust. Das war nicht nur eine Kugel, sondern ein ganzes Magazin gewesen. Nicht nur die Brust war unbedeckt, Henry war nackt. Aber das schien den Vampir nicht zu stören.
Mikes Hand fuhr zum Nacken. Da war wirklich nichts. Henry hatte sich zurück gehalten und nicht zugebissen. Erleichtert atmete er aus.
„Du brauchst Blut, Henry. Sonst heilt die Wunde nicht.“ Vicki schob ihre Jacke hoch und hielt Henry ihren Arm hin. Ohne ein Wort zu sagen nahm er das Handgelenk und biss hinein.
Fasziniert sah Mike zu, wie der Vampir von ihr trank. Er war sich bewusst, dass es eine sehr morbide Faszination war, konnte den Blick aber nicht abwenden.
Es war nach wenigen Augenblicken vorbei und Henry sah Mike an.
„Bitte wisch dir das Blut weg, sonst vergesse ich mich noch. Was ich von Vicki getrunken habe, war noch lange nicht genug.“
Die Lippen waren unnatürlich rot, auch an den Fängen glitzerten zwei rote Tropfen. Die Augen verrieten den Hunger und wenn Mike nicht schon mit dem Rücken zur Wand gestanden hätte, wäre er noch weiter zurück gewichen.
So wühlte er in seinen Taschen, bis er Tuch fand und wischte sich das Blut ab. Es tat zwar noch weh, aber es schien nichts gebrochen zu sein.
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