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Berufsrisiko

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P6 / Gen
Gordon B. Smith
03.03.2009
03.03.2009
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2.992
 
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03.03.2009 2.992
 
Rebecka Linder betrat am frühen Abend das Büro im obersten Stock des Verteidigungsministeriums mit äußerst gemischten Gefühlen, denn für eine junge Historikerin schien dies kaum der geeignete Ort zu sein. Auf ihrem verschlafenen Posten als wissenschaftliche Mitarbeiterin im historischen Institut der Geza von Alföldy-Universität von Metropolis hatte sie den Machtwechsel des letzten Jahres im Gegensatz zu einigen Kollegen unbeschadet überstanden, niemand konnte wohl etwas Anstößiges an ihren Arbeiten zur Sozialgeschichte der frühen EAAU finden. Fast beleidigte sie diese Tatsache, schien es doch zu bedeuten, dass ihr wissenschaftliches Werk entweder sterbenslangweilig geschrieben war oder aber den derzeitigen Machthabern politisch genehm. Beides hätte ihr nicht sonderlich gefallen. Wie aber ließ sich erklären, dass der oberste Chef der Reinigenden Flamme persönlich auf ihre Arbeit aufmerksam geworden war? Der von ihr untersuchte Zeitraum lag mindestens ein Jahrzehnt vor Gründung der Partei und stand noch nicht einmal im Entferntesten in Verbindung mit den Motiven, die den unglücklichen Thorben Wallis bewegt haben mochten, diese Bewegung ins Leben zu rufen.
Ebenso unverständlich blieb ihr der Grund der Einladung ins Allerheiligste, es sei denn, so dachte sie in einem Anfall schwarzen Humors, der General habe plötzlich beschlossen, sich für Abendkurse im allgemeinen Studiengang der Universität einzuschreiben und wolle sich von ihr eine persönliche Einführung erteilen lassen. Dies allerdings schien ihr wenig wahrscheinlich.
Bereits vor einer halben Stunde hatte Smith Sekretärin sie in das Büro begleitet und sie gebeten, in einem der steifen Ledersessel Platz zu nehmen, die eine kleine Sitzgruppe vor dem beeindruckenden Panoramafenster an der Stirnseite des Raumes bildeten. Wenig später erschien sie wieder mit einer Tasse Kaffee, aber der Hausherr ließ auf sich warten, während sie immer nervöser wurde. Die Versuchung aufzustehen, und sich im Büro näher umzusehen, war übermächtig, aber Rebecka wusste mit Bestimmtheit, dass ihr Verhalten von den aufmerksamen Beamten der III. Abteilung genau beobachtet wurde. Also unterließ sie es, einen Blick auf den mit Papieren und Datenpads übersäten Schreibtisch zu werfen und begnügte sich mit dem atemberaubenden Ausblick auf die Hauptstadt. Die bereits einsetzende Dämmerung tauchte die gläsernen Gebäude in ein intensives Rot, passend zum Banner der Partei, so als wolle auch die Sonne sich in den Dienst der neuen Machthaber stellen. Nach und nach schalteten sich die Straßenbeleuchtung und die Lampen hinter Tausenden von Fenstern ein.
Rebecka nutzte die Zeit, um noch einmal ihre Kleidung zu ordnen. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin gehörte sie nicht eben zu den Großverdienern der Universität, also hatte sie einen schlichten, eleganten Hosenanzug gewählt, den sie sonst bei wichtigen akademischen Konferenzen trug. Viel Zeit zur Auswahl ihrer Kleidung blieb ihr nicht, denn die Nachricht, sie solle im Verteidigungsministerium erscheinen, erreichte sie erst am Nachmittag, zunächst glaubte sie, jemand wolle ihr einen üblen Streich spielen. Aber da die junge Frau, die ihr die Botschaft überbrachte, die Uniform der III. Abteilung trug, musste sie ihr wohl oder übel Glauben schenken. Ein Dienstfahrzeug des Ministeriums holte sie dann auch bereits zwei Stunden später zu Hause ab. Wahrscheinlich glaubten die Nachbarn nun, sie wäre wie einige andere Bewohner des Wohnblocks verhaftet worden. Zwar hatte ihr niemand Geheimhaltung auferlegt, aber sie sah auch keinen Sinn darin, ihren Mitbewohnern das Ziel ihres Ausflugs mitzuteilen.
Nach einer Stunde neigte sie fast dazu, das Büro zu verlassen und bei der Sekretärin nachzufragen, ob sie vergessen worden sei. Den Kaffee hatte sie längst getrunken und wagte auch nicht, um eine weitere Tasse zu bitten. Die Minuten zogen sich zäh wie Blei.
Als sich die Tür schließlich unvermutet schwungvoll öffnete, hatte sie gerade das rechte Hosenbein aufgekrempelt, um ihre Strumpfhose zum zwanzigsten Mal auf Laufmaschen zu überprüfen. So etwas kann auch nur mir passieren, dachte sie beschämt, während sie mit schamroten Gesicht aufsprang.
Der Hund begrüßte sie zuerst mit einem freundlichen Bellen und lief schwanzwedelnd um sie herum. Beinahe wäre sie instinktiv in die Hocke gegangen um das Tier am Hals zu kraulen, ein wirklich schönes Exemplar seiner Rasse, amerikanische Züchtung, dachte sie automatisch.
„Nun, mit meinem Hund verstehen Sie sich ja bereits ausgezeichnet, wie ich sehe!“ Der General begrüßte sie mit einem festen Händedruck, als freue er sich aufrichtig, sie in seinem Büro begrüßen zu dürfen. Er warf einen ungeduldigen Blick auf die leere Kaffeetasse. „Aber Sie haben ja nichts mehr zu trinken? Hat sich meine Sekretärin nicht ausreichend um Sie gekümmert?“
„Oh, das ist nicht schlimm“, stammelte sie. Falls sie sich über die Frau beschwerte, würde das arme Ding dann auf der Stelle verhaftet? „Es ist ja auch schon viel zu spät für Kaffee.“
„Ich werde Ihnen sofort etwas anderes bringen lassen!“
Während sie sich setzten, glich sie das Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte, mit dem leibhaftig vor ihr sitzenden Mann ab. Ein außerordentlich zuvorkommender Massenmörder, dachte sie verwundert, auch wenn sie schon gerüchtweise gehört hatte, dass er sich sehr freundlich geben konnte. Er trug Uniform, kam wohl gerade von einer offiziellen Veranstaltung, aber sparte sich eine Entschuldigung für seine Verspätung. Etwas anderes hatte sie auch nicht erwartet.
Der Hund ließ sich unter dem kleinen Couchtisch genau zwischen ihnen nieder und hielt ein Schläfchen, während die Sekretärin sich beeilte, Rebecka und den General mit Getränken zu versorgen. Ob er sich ähnlich zuvorkommend verhielt, wenn er seine Befehle erteilte? Bitte richten Sie doch diese zweihundert Dissidenten hin, vielen Dank? Wären Sie so freundlich, den Angriff auf die VOR einzuleiten?
Hätte er sich unfreundlicher verhalten, wäre sie wahrscheinlich weniger nervös gewesen, es war doch immer gut, zu wissen, woran man bei einem Menschen war. „Verzeihen Sie , Sir“, fragte sie deshalb direkt, „mir ist nicht ganz deutlich, inwiefern Sie meine Dienste benötigen.“
„Oh, ich vergaß, das ist Ihnen wohl nicht mitgeteilt worden. Lässt Ihr Dienstplan der nächsten Wochen denn einen Spielraum für ein paar Stunden Arbeit für mich?“
„Das wird sich wohl einrichten lassen.“ Erst als sie die Worte schon ausgesprochen hatte, wurde ihr bewusst, wie herablassend sie klingen mochten. „Ich meine“, korrigierte sie sich, „allzu viel zu tun gibt es jetzt zu Semesterende nicht mehr.“ Eine glatte Lüge, auf ihrem Schreibtisch häuften sich die Datenpads mit den Semesterarbeiten ihrer Studenten.
„Sie müssen mich nicht aus Höflichkeit anlügen, Miss Linder“, erwiderte er ruhig. Auch wenn er keine Drohung ausgesprochen hatte, so klang es in ihren Ohren außerordentlich bedrohlich. „Es gibt doch sicherlich die Möglichkeit, einen Teil Ihrer Arbeit zu delegieren?“
„Meine Kollegin im Fachbereich wird nicht allzu sehr begeistert sein, aber sie könnte mir sicherlich ein paar Korrekturen abnehmen.“ Rebecka nahm einen Schluck Wasser, da ihr Hals auszutrocknen drohte. „Aber, Sir, welche Arbeiten haben Sie denn im Sinn?“ Bestimmt eine Propagandaschrift für die Partei, dachte sie, wie begegnet die Reinigende Flamme den Problemen der Zeit, oder so etwas. Aber diesen Auftrag hätte ihr doch leicht jemand anderes erteilen können, es passte doch eher in das Ressort seiner Lebensgefährtin Emma Rodriguez.
„Ich sehe, Sie werden ungeduldig.“ Er beugte sich lächelnd vor, als freue ihn diese Erkenntnis. „Nun, ich kann verstehen, dass Ihnen dieses Zusammentreffen etwas seltsam erscheint, aber glauben Sie mir, ich habe meine Gründe dafür. Manchmal gebe ich begabten Menschen, die ich eigentlich zu meinen Gegnern zähle, gerne eine zweite Chance.“
Rebecka erschrak wie ein beim Lügen ertappter Angeklagter vor Gericht, auch wenn sie nicht wußte, was in ihrem Fall die Anklage darstellte. Sie durchforstete ihre Erinnerungen, ob sie irgendwo doch einmal ein kritisches Wort gegen die Partei geschrieben hatte, aber ihr wollte beim besten Willen nichts einfallen. Auch nichts, woraus sich mit dem misstrauischen Blick von Menschen von Smiths Charakterstruktur etwas kritisches konstruieren ließe. Auch wenn sie seine Motivation nachvollziehen konnte – wer träumte nicht manchmal davon, mächtig zu sein und es allen Widersachern seit der verhassten Kindergartenzeit heimzahlen zu können – so fragte sie sich doch fieberhaft, was sie ihm oder der Partei getan haben könnte. Und was ihn so beeindruckt hatte, dass er sie nicht einfach verhaften ließ, was seiner üblichen Verfahrensweise entsprach. Wenn sie sich schon bei Betreten des Büros nicht mehr wohl gefühlt hatte, so geriet sie nun in blanke Panik, auch wenn sie nicht wußte, warum. Genau das erschwerte eine mögliche Verteidigung, es gab keine Argumente gegen so etwas Diffuses.
„Was, Sir, habe ich getan, dass ich Sie verärgert habe?“
„Sie persönlich gar nichts, nun, jedenfalls fast nichts.“ Er lehnte sich wieder zurück und schlug die Beine übereinander. „Aber Sie gehören einem Berufsstand an, der mir ernste Sorgen bereitet, ja, den ich am liebsten aus der Welt schaffen würde.“
„Ich verstehe immer noch nicht ganz“, erwiderte sie und nahm einen weiteren Schluck Wasser, um Zeit zu gewinnen. „Es geht Ihnen um den Beruf des Historikers?“
„Allerdings. Schließlich kann ich bei aller Bescheidenheit davon ausgehen, bereits so etwas wie eine Person historischer Bedeutung zu sein.“ Sein Gesicht wirkte fast bekümmert. „Vielleicht bin ich bisher auch nur eine Fußnote der Geschichte – was mir nicht gerade schmeicheln würde – aber sollte es mir gelingen, mit meinen Plänen Erfolg zu haben, dann werden mir Ihre Kollegen doch das eine oder andere Buch widmen.“
„Aber, Sir, wenn ich das so sagen darf, im Moment verfügen Sie doch über gewisse Mittel, das geschriebene Wort ein wenig...wie soll ich sagen...zu Ihren Gunsten zu beeinflussen.“
„Darin liegt ein gewisser Reiz, das muss ich zugeben. Aber sprechen wir offen, Sie glauben, dass ich jedes negative Wort über die Partei oder meine Person zensieren und entsprechend ahnden würde.“
„Das könnte man so sagen“, antwortete sie gedehnt. „Aber natürlich gefällt es niemandem, wenn man ihn in der Öffentlichkeit bloß stellt. Auch wenn nur wenigen Menschen das Privileg zuteil wird, genug öffentliches Interesse auch für die unvorteilhaften Ereignisse in seinem Leben zu genießen.“
„Das ist nett umschrieben.“ Er lachte freudlos. „Sie meinen also, ich müsse froh auch über eine negative öffentliche Meinung sein, da es bereits ein Privileg ist, dass es überhaupt eine öffentliche Meinung zu meiner Person gibt?“
„Darauf läuft es wohl hinaus.“ Sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Bereits als sie in sein Büro bestellt worden war, hatte sie nichts Gutes geahnt. Vielleicht lief das ganze ja doch auf eine Verhaftung hinaus, nur dass er sich vorher das persönliche Vergnügen gönnte, sie ein wenig schwitzen zu sehen, stellvertretend für alle Mitglieder ihres Berufsstandes. Aber warum gerade sie? Sie gehörte nicht gerade zu den bekanntesten Historikern der EAAU, schon gar nicht zu jenen, die reißerische populärwissenschaftliche Abhandlungen für die Bestsellerlisten schrieben.
„Ich danke Ihnen für Ihre Ehrlichkeit. Also will ich auch ehrlich sein: Seitdem mein Versuch, Samuel Hirschmann für meine Sache zu gewinnen, so gründlich fehlgeschlagen ist, bin ich diesbezüglich außerordentlich beunruhigt. Noch mehr beunruhigt mich allerdings die Tatsache, dass Sie und Ihre Kollegen mich zukünftig wohl in einem Atemzug mit einigen – nun sagen wir, eher unbeliebten Politikern der Zeitgeschichte nennen wird. Napoleon, das wäre noch zu verschmerzen, vielleicht auch noch Stalin, aber Hitler? Der Mann war noch nicht einmal ein richtiger Offizier...“
„Ihr Hauptproblem bei einem Vergleich mit Hitler wäre also, dass er nicht den gleichen militärischen Rang wie Sie innehatte?“ Rebecka kam sich fast wie eine Psychologin vor, die ihren Patienten behutsam fragend auf den Kern seines Missempfindens zulenkte. Das Gespräch lief absolut nicht, wie sie sich es vorgestellt hatte. Sie hatte erwartet, er würde ein paar unverbindliche Informationen mit ihr austauschen und sie dann mit einem unbedeutenden Regierungsauftrag fortschicken. „Es gäbe da noch ein paar andere Vergleichspunkte, die mir nicht gefielen...“
Der General sprang auf und ging ein paar Schritte im Raum auf und ab. Sein Hund blickte einmal gelangweilt auf und verfiel dann wieder in seinen Schönheitsschlaf. Offensichtlich kannte er derlei hektische Ausbrüche seines Herrchens bereits und ließ sich davon nicht mehr beeindrucken. Rebecka hingegen wäre am liebsten hinter der ausladenden Lehne des Sessels in Deckung gegangen. „Und Sie? Was würden Sie über mich schreiben? Welchen Vergleich würden Sie wählen?“
„Derartige Vergleiche sind extrem unwissenschaftlich“, redete sie sich heraus und versuchte, möglichst freundlich zu klingen. „Ein Historiker sollte auf so etwas nicht zurückgreifen. Zudem ist Personengeschichte nicht mein Fachgebiet, es wäre also besser, wenn Sie einen meiner Kollegen aus diesem Bereich zu Rate ziehen würden.“
„Ich habe Sie gefragt, und ich erwarte eine offene Antwort, darauf hatten wir uns doch geeinigt!“ Seiner aufgeregten Stimmlage nach zu schließen, machte er sich aufrichtige Sorgen um dieses Thema. Rebecka fragte sich, ob er sich gleichzeitig auch Gedanken um den Fortbestand seines Regimes machte, denn zum gegenwärtigen Zeitpunkt bestand wohl kaum die Gefahr, dass es eine unschmeichelhafte Publikation über die Ära Smith geben würde. War etwas Einschneidendes geschehen, das vor den Augen der Bevölkerungen verborgen gehalten wurde? Wankte seine Herrschaft? „Was würde die Historikerin Rebecka Linder über mich schreiben, wenn ich bereits Vergangenheit wäre?“
„Nun, mein Augenmerk würde auf den gesellschaftlichen Veränderungen liegen, die es zweifellos seit der Machtergrei...ich meine dem Machtwechsel im letzten Jahr gegeben hat.“ Es würde nicht leicht sein, aus diesem Gespräch
wieder heil herauszukommen. „Ich würde schauen, welche Personengruppen sich Ihrer Bewegung angeschlossen haben und ob es gravierende Veränderungen für die unteren Schichten der Bevölkerung gegeben hat. Natürlich würde es auch eine Einführung in das Thema geben, die sich mit Ihrer Person beschäftigt, Ihrem Hintergrund und Ihrer Motivation.“
„Mit anderen Worten, es gäbe eine gesellschaftliche Analyse, die darstellen würde, aus welchen Gründen sich manche Menschen einem Verrückten wie mir anschließen? Das ist es doch, was man über mich sagt, dass ich geisteskrank wäre?“
Rebecka erstaunte es, dass er sich derart mit der Kritik an seiner Person auseinandersetzte, auch wenn sie stark zweifelte, dass er die folgerichtigen Schlüsse daraus ziehen würde. Wahrscheinlich war es nur ein Anfall von Selbstmitleid, oder schmerzte es ihn etwa, von dem großen alten Mann der EAAU, Samuel Hirschmann, zurückgewiesen worden zu sein? „Es macht wohl keinen Sinn, ableugnen zu wollen, dass es Menschen gibt, die so über Sie denken. Aber es ist ebenso eine Tatsache, dass Sie wohl in Ihrer jetzigen Position kaum in die Verlegenheit kommen, sich mit ihnen auseinandersetzen zu müssen.“
„In diesem Punkt haben Sie recht.“ Etwas gefasster nahm er wieder Platz. „Aber wir sind vom Thema abgekommen. Sie fragten mich, warum ich Sie herbestellt habe.“
„Allerdings, Sir. Warum haben Sie sich für diese Diskussion keinen namhafteren Kollegen ausgesucht? Meine Arbeiten sind nun wirklich nicht besonders bekannt.“
„Sie sind bescheidener, als es angebracht ist.“ Erneut sprang er auf – ein äußerst unruhiger Mann, dachte Rebecka, obwohl er so bedacht darauf ist, besonnen zu wirken – und ging zu seinem Schreibtisch hinüber. Dort nahm er einen Stapel Papiere auf und kam damit zurück. „Ihre Arbeiten zur Frühzeit der EAAU. Äußerst interessant für unsere Propagandaabteilung, meine Frau hat sie entdeckt.“ Er legte die Ausdrucke vor ihr ab. Sie erkannte einige neuere Texte, aber auch einen mehrere Jahre alten Artikel, den sie für ein zwar populärwissenschaftliches aber durchaus seriöses Magazin geschrieben hatte. Ein kurzer, schnell beendeter Ausflug in den Journalismus mit dem Titel Der Hunger der Massen nach Autorität. Soweit sie sich daran erinnerte, ging es darin um die Lebenseintönigkeit der Menschen in den weniger begüterten Schichten und ihr politisches Bewusstsein. Damals hatte sie gehofft, ihren Bekanntheitsgrad ein wenig anheben zu können, aber leider hatte sie erfahren müssen, dass man ihren Artikel lediglich aufgenommen hatte, da ein anderer, wesentlich berühmterer Autor terminlich verhindert gewesen war. Sie erinnerte sich nur ungern an das Gefühl der Enttäuschung.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Stromschlag, eine eiskalte Faust schien ihren Magen zu umschließen. Jetzt, dachte sie, wäre genau der richtige Zeitpunkt für den Boden unter ihr, sich aufzutun und sie zu verschlucken. Auch wenn es in dem gesamten, 20 Seiten langen Artikel nur einen entscheidenden Satz gab, der sie ins Gefängnis bringen konnte. Zwei, um genau zu sein, obwohl sie seinen Namen noch nicht einmal erwähnt hatte.
„Wie ich sehe, erinnern sie sich“, sagte der General süffisant und begann vorzulesen: „Die Menschen in ihren Wohnsilos sehnen sich nach Abwechslung, da kommen ihnen auch Wahnsinnstaten wie der jüngste Raumzwischenfall gerade Recht. Der drohende Weltuntergang hat noch immer eine gute Schlagzeile abgegeben.“ Ironisch fuhr er fort: „Das ist natürlich keine sehr wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Tatsachen, es würde mich sehr interessieren, was Ihre Professoren dazu gesagt haben.“
Da sie keine Antwort gab, sprach er weiter, sichtlich erfreut an ihrer Verlegenheit. „Wahrscheinlich wäre mir dieser Satz entgangen, aber die III. Abteilung liest gründlicher als ich. Wie ich Ihnen bereits zu Beginn unseres Gespräches sagte, bin ich aber bereit, Ihnen eine zweite Chance zu geben, da Ihre Arbeit doch von gewissem Nutzen für uns sein kann.“
„Wie, Sir, stellen Sie sich das vor?“
„Ich habe zwei Aufgaben für Sie, Rebecka, also sagen Sie Ihrer Kollegin Bescheid, dass sie in den nächsten Monaten für Sie einspringen muss. Da Sie ja offensichtlich bereits Erfahrungen mit dem Schreiben allgemein verständlicher Publikationen gesammelt haben, werden Sie meine Biographie schreiben, natürlich im Sinne der Reinigenden Flamme.“ Sein Lächeln wurde breiter, er freute sich darauf, sie leiden zu sehen. „Soweit der einfache Teil der Aufgabe. Zum zweiten wird es ein Buch geben, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, nämlich das Buch, das Sie geschrieben hätten, wäre ich bereits tot und meine Bewegung Geschichte. Ein unzensiertes Werk, für das ich Ihnen alle Informationen zur Verfügung stelle, die Sie benötigen. Leider werden Sie nie Ihren persönlichen Ehrgeiz befriedigen können und es einem breiten Publikum vorstellen...“
Erwischt dachte sie, er weiß genau, wie demütigend das für mich sein wird. Wie viele Menschen hatte sie offensichtlich die Intelligenz des Generals unterschätzt.
„Wie stellen Sie sich das vor? Ich sitze nicht allein im Büro, jeder kann an meinen PC heran. Ich würde Ihnen niemals volle Vertraulichkeit zusichern können, selbst wenn ich wollte.“
„Auch hierüber werden Sie sich keine Gedanken machen müssen, selbstverständlich stellen wir Ihnen ein Büro zur Verfügung. Ich kann vollkommen verstehen, dass die Versuchung, einige vertrauliche Dinge auszuplaudern, für Sie übermächtig sein wird.“ Er lächelte selbstzufrieden. „Wir richten Ihnen also ein kleines Apartment und ein Büro im Zentralkommissariat ein, in dem Sie wohnen werden, bis Ihre Arbeit beendet ist – ihr Gepäck sowie einige persönliche Gegenstände, die Sie gerne um sich haben werden wollen, sind bereits auf dem Weg dorthin.“
„Und danach?“ fragte sie. Sie hoffte, das Zittern in ihrer Stimme unter Kontrolle zu haben, das ihre Panik verriet. Blanke Panik.
„Das hängt ganz von Ihrer Arbeit ab.“ Er lächelte erneut. „Vielleicht lasse ich Sie ja sogar wieder frei....“
 
 
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