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DEAD POETS SOCIETY - THE COLOUR OF SNOW

GeschichteAllgemein / P6 / Gen
Charlie Dalton John Keating Neil Perry
25.02.2009
25.02.2009
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The Colour Of Snow

Es war mal wieder einer von diesen Tagen an denen ich hoffte, dass der Unterricht so schnell wie möglich zu Ende ging. Es war Winter und meine Klasse hatte nichts Besseres zu tun, als anstatt in ihren Gedichtsbändern zu lesen allerhand Schabernack zu treiben und mit Papierkügelchen um sich zu werfen und zu schießen.
Gerade flog ein nasses, schleimiges Etwas an meine Tafel und blieb dort knapp rechts von meinem Ohr kleben. Ich seufzte tief, drehte mich dann herum und fragte: „Okay, wer von Ihnen war das?“
Dümmlich grinsten sie mich an, taten so, als könnten sie verstecken, was sie verbrochen hatten. Aber ich wusste schon, wer es war.
Alan Cameron saß dort in der Mitte der dritten Reihe und grinste schelmisch. Er war das genaue Gegenteil des schulischen Ichs seines Vaters. In mir ballte sich eine erneute Wut zusammen als ich an Cameron denken musste… Er wusste genau, dass ich hier unterrichtete und hatte ihm sicherlich aufgetragen, mir das Leben so schwer wie nur möglich zu machen. Ich hatte ihm immer noch nicht verziehen, was er damals nach Neils Tod gesagt hatte… Ich würde es ihm niemals vergessen. Und ich hoffte auch, dass er immer noch die Schmerzen meines Faustschlages spürte…
Ein erneutes Papierkügelchen traf mich an meinem Hemd. Ich sah auf und Alan Cameron grinste nun noch breiter als vorher. Er wusste, dass er von mir gleich eine Strafarbeit bekommen würde, die er natürlich nicht machen würde, woraufhin ich ihn dann wieder beim Direktor anschwärzen würde. Was mir aber auch nichts bringen würde, da Camerons Vater einen sehr guten Kontakt mit Professor Stonening pflegte und der mich dadurch auch nicht so gut leiden konnte.
Kurz gesagt, ich war der Arsch.
Nun hatte ich hier aber auch Kollegen, die so dachten wie ich und denen Camerons Sohn auch ein Dorn im Auge war. Ich war also nicht allein.

~*~*~*~

Als das nächste Papierkügelchen mich traf, klingelte gerade die Glocke. Alle schmissen sie ihre Sachen und die wertvollen Bücher in ihre Taschen und sprangen hinaus in den Gang. Ich selbst blieb noch zurück, um etwas aufzuräumen. Papier lag auf dem Boden verstreut, welches ich aufräumte. Wir hatten zwar eine Putzfrau aber die war inzwischen auch schon so alt, dass ich es für besser hielt ihren Rücken zu schonen und selber den Müll am Boden meines Klassenzimmers aufzusammeln.
Als ich fertig war, sah ich mich einmal kurz in Ruhe im Raum um. Ich stand vorne an meinem Pult und hatte somit einen Überblick, wie ihn einst auch Mr. Keating gehabt hatte.
Mr. Keating… vor einem Jahr hatten wir ihn zum ersten Mal wieder gesehen, in dem Pub in der Nähe des Friedhofes, auf dem Neil begraben lag. In zwei Wochen würde es wieder soweit sein, dass unser Treffen abgehalten wurde, und dieses Jahr war ich dran mit einem Gedicht. Ich hatte mir schon seit einer ganzen Weile den Kopf zerbrochen, aber mir war rein gar nichts eingefallen, nicht einmal ansatzweise…
Ich seufzte kurz, schulterte dann meine Tasche und machte mich dann auf den Weg zur Dinning Hall der Schule.

~*~*~*~

Während des Mittagessens war es laut im Saal. Heute war Freitag und weil Stonening über das Wochenende wegwollte, hatte er erlaubt dass der heutige Nachmittagsunterricht ausfiele.
Was natürlich Begeisterungsstürme bei den Schülern hervorrief.
Ich selbst war auch ganz zufrieden, mal einen freien Nachmittag zu haben und hatte mir vorgenommen, heute Mittag einen kleinen Spaziergang zu unserer alten Baumhöhle zu machen und mal nachzuschauen, ob sich im Lauf der letzten Jahre sich irgendetwas verändert hatte.
„Kartoffeln, Charles?“; fragte mich Cole Potter, mein Kollege und bester Freund hier an der Schule. Er war selber noch sehr jung, hatte sein erstes Lehrjahr hier und unterrichtete Mathematik.
„Danke, Cole.“, sagte ich und nahm ein, zwei Löffel davon. Ich wusste nicht wieso, aber obwohl es heute Freitag war und es deswegen Fisch gab, meine Leibspeise, hatte ich keinen besonders großen Hunger. Eine Gabel später war ich nicht im Stande, noch etwas zu essen…
„Keinen Hunger?“, fragte mich Cole von der Seite und nahm sich ein zweites Stück des Bratens. Was Essen anging, darin war er wirklich ein Weltmeister. Der Mann konnte essen soviel er wollte, genau wie ich, und nahm nicht zu.
„Nö.“, sagte ich und legte die Gabel zur Seite. Ich nahm mein Glas und trank einen Schluck Saft, als ich den Blick von jemandem am Ende des Raumes spürte. Ich drehte mich zur Tür herum und sah, dass sie ein Spalt offen war. Von draußen kam kalte Luft herein und ich fraget mich wer wohl vergessen hatte, sie zu zu machen. Anscheinend spürte auch niemand die Kälte, als die Tür noch weiter aufging und ein Mann eintrat, bekleidet mit der Schuluniform von Welton.
Ich blinzelte mit den Augen, als ein heller Schein mir die Sicht auf den Mann nahm, kniff sie dann aber zusammen um doch etwas erkennen zu können. Warum sah keiner der Anwesenden etwas?
Meine Augen begannen schon zu schmerzen, so hell war das Licht, und dann war es auf einmal weg und ich konnte ihn sehen.
Und ich glaubte, zu träumen.
Dort im Türbogen stand…
„Hey Charles, alles in Ordnung mit dir?“
Ich schlug die Augen auf und konnte Cole sehen, der sich zu mir gebeugt hatte und mit der Hand vor meinem Gesicht herumwedelte. Sein Blick sah ein bisschen besorgt aus.
Ich blinzelte kurz und sagte dann: „Nein, es ist alles in Ordnung… war nur kurz woanders.“ Ich lächelte.
Cole schien beruhigt.
Aber in mir tobten tausend Fragen…
Hatte ich dort wirklich einen Mann gesehen?
Ich sah zur Tür. Sie war fest zugeschlossen.
Ich wandte mich an Cole: „Wer hat denn die Tür zugemacht?“
„Sie war die ganze Zeit zu.“, sagte Cole und sah mich verwirrt an. „Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“
Auf einmal war ich mir damit gar nicht mehr so sicher…
Urplötzlich ging dann aber ein Tumult los, den keiner von uns bewältigen konnte.
„Schaut nur!“, rief einer der allerjüngsten. „Schneeflocken!“
Ich schaute hinaus. Und tatsächlich. Kleine, noch fast unerkennbar Flöckchen schwebten am Fenster vorbei auf die Erde. Der erste Schnee in diesem Winter.
Die Schulglocke läutete das Ende des Mittagessens ein und alle Schüler stürmten hinaus, wild auf den Gedanken, eine Schneeballschlacht zu veranstalten.

~*~*~*~

Als ich später gegen halb vier Uhr meine Vorbereitungen für den Unterricht am Montag beendet hatte, wollte ich nun endlich meinen Spaziergang antreten. Ich schaute hinaus und sah, dass jetzt eine dicke Schneedecke über ganz Welton lag. Draußen spielten die Kinder im Schnee, bauten Schneemänner und wagten es auch manchmal, die älteren der Schüler mit Schneebällen zu bewerfen. Was diese natürlich erwiderten und wenn die Kleinen nicht schnell genug waren konnte es schon passieren, dass der eine oder andere eingeseift wurde.
Ich sah aber nichts, was gegen eine Regel verstieß, deswegen nahm ich meinen dicksten Mantel aus dem Schrank, noch dazu einen Schal und ein paar Handschuhe, die mir meine Mutter letztes Jahr geschickt hatte.

Draußen im Freien fühlte ich mich schon viel besser als drinnen. Hier hatte ich eine Freiheit, die mir niemand wegnehmen konnte, hier war ich nur Charlie, und nicht Charles Dalton, der Literatur-Lehrer von Hellton.
Ich war noch nicht weit vom See weg, als ich hörte, wie hinter mir auf dem Weg jemand folgte. Erst dachte ich, ich würde wieder Gespenster sehen, deswegen ignorierte ich die Schritte.
Ich ging weiter, der Schnee fiel nicht mehr so stark wie als ich losgegangen war und deshalb konnte ich alles gut vor mir erkennen. Ich kannte den Weg zur unserer Baumhöhle noch gut genug und wusste, dass ich selbst im Dunkeln wieder zurückfinden würde.
Einmal blieb ich kurz stehen und sah mich um. Hinter mir konnte ich einen schwachen Schatten im Schnee sehen, doch als ich die Augen einmal schloss und dann wieder öffnete, war er wieder verschwunden.
„Hör auf damit..“, schimpfte ich mich selber. „Er kann nicht hier sein, das weißt du ganz genau…“

Etwa eine Viertelstunde später war ich an unserer Baumhöhle angelangt. Sie war über und über mit Schnee bedeckt und sah aus wie ein kleines Zuckerhaus, von dem jedes Kind träumte. Eigentlich hatte ich vor gehabt, hineinzusteigen, aber der Eingang war verschüttet mit Schnee, der so schwer war dass ich lange gebraucht hätte um ihn wegzuschauffeln. Also musste ich warten, bis es wieder taute…
„Na wunderbar…“, murmelte ich in meinen Schal und drehte mich herum, um wieder zurück zur Schule zu gehen.
„Charlie…“
Ich blieb wie angewurzelt stehen. Diese Stimme…
„Charlie…“
Sie war nicht mehr als ein Seufzen im Wind und hätte ich sie nicht gekannt hätte ich alles für einen Traum gehalten. Ich drehte mich herum und erstarrte. Dort, am Eingang stand er. Neil.
Seine Augen leuchteten wie früher und ich glaubte, er sei wieder da.
Langsam schritt ich auf ihn zu. „Neil…“, flüsterte ich. „Du bist… es wirklich…“
Aber Neil lächelte nur sein sympathisches, glückliches Lächeln.
Ich wollte noch etwas sagen.
Doch dann fiel ich in eine nicht enden wollende Schwärze des Nichts…

~*~*~*~

Als ich wieder erwachte, saß ich vor dem Kamin meines Zimmers, eingewickelt in dicke Decken und mit einer Strickmütze auf dem Kopf. Mir war kalt, obwohl das Feuer auf meinem Gesicht brannte und stöhnte leise auf.
Jemand kam zu mir heran und zog mir die Mütze vom Kopf. Meine Augen taten noch weh. Ich spürte, wie mein Sessel vom Feuer weggerückt wurde, sodass ich nun seitlich zum Kamin saß. Jemand drückte mir eine Tasse mit duftendem Tee in die Hand und setzte sich dann mir gegenüber in den anderen Sessel. Langsam öffnete ich die Augen, blinzelte und erkannte dann…
„Mr. …Keating?“, murmelte ich. „Wow… was machen Sie denn hier?“
John Keating, mein ehemaliger Lehrer, lächelte mich an. Er war alt geworden, sein Haar war zwar noch voll, aber schon grau. Aber seine Augen… immer noch leuchteten sie wie früher.
„Hallo, Charles.“, sagte der alte Mann. „Du hast lange geschlafen.“
„Mh…“, murmelte ich. „Wie spät ist es denn…?“
„Es ist elf Uhr Abends, mein lieber Junge. Und du kannst von Glück sagen, dass ich dir hinterher bin, als du in den Wald bist.“
Ich setzte mich auf, aber mein Kopf schmerzte zu sehr. „Ich… bin ohnmächtig geworden…?“
Mr. Keating nickte. „Dich hat eine kleine Schneelawine an der alten Höhle getroffen und du bist mit dem Kopf gegen einen Baumstamm geschlagen… ich dachte erst, du bist tot, als ich dich fand, aber zum Glück warst du nur ohnmächtig…“
Ich fasste mir an den Kopf. „Oh Gott…“, stöhnte ich und befreite mich etwas aus den Decken. Ich verschüttete etwas Tee, aber das war mir egal. Und dann fiel es mir ein… die Schritte hinter mir… das konnte nur Mr. Keating gewesen sein…
„Mr. Keating…“, sagte ich leise und sah ihn an. Der Kopfschmerz machte mir zu schaffen. „Dann waren Sie das hinter mir im Schnee? Dann sind Sie mir gefolgt?“
John Keating sah mich an, ernst. „Nein…“, murmelte er. „Ich war die ganze Zeit hier und habe auch dich gewartet, weil ich seit langem mal wieder in der Nähe war… Mr. Potter sagte mir dass du ins den Wald raus bist. Als du um sieben Uhr noch nicht zurück warst habe ich mir Sorgen gemacht und bin dich Suchen gegangen. Dann habe ich dich dort gefunden…“
„Aber… wieso…warum jetzt? Wieso erst nach sechzehn Jahren… Sie hätten auch schon viel früher kommen können… letztes Jahr in dem Pub… sie hätten sich zu uns setzen können…“, sagte ich und trank von meinem Tee. Earl Grey mit einem Spritzer Zitrone. Typischer, englischer Tee.
Mr. Keating zögerte. „Ich… war mir nicht sicher, ob ihr mir schon verziehen hattet… schließlich… bin ich schuld, dass…“
„So ein Quatsch, Mr. Keating…“, murmelte ich und winkte mit der rechten Hand ab. „Neils Dad ist daran schuld, das wissen wir genau, er hat ihm seine uneingeschränkte Freude am Leben nicht gegönnt, wollte eine Marionette aus ihm machen…Sie und ich und alle anderen tragen keine Schuld, nur er allein.“
Der Lehrer lächelte leise. Eine kleine Träne stahl sich aus seinen tiefen Augen, er wischte sie nicht weg.
„Und jetzt“, sagte ich, „erzählen Sie mir, was Sie all die Jahre so getrieben haben…“

~*~*~*~

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Mr. Keating wieder verschwunden. Ich hatte aber auch nichts anderes erwartet. Aber es war ein schöner Abend gewesen und er hatte mir versprochen, in zwei Wochen zu Neils Grab zu kommen und mit uns etwas zu trinken.
Ich freute mich darauf.
Und ich war mir sicher, den Jungs würde es ebenso gehen…

Als ich ans Fenster trat und hinausblickte, waren keine Kinder da. Sie waren alle wohl noch im Speisesaal und nahmen ihr Frühstück ein.
Ich streckte mich einmal und öffnete dann die Fenster um die frische Luft einzuatmen. Ich schloss die Augen.
Als ich sie wieder öffnete, konnte ich eine Gruppe von sechs Jungen sehen, die durch den Schnee tollten und sich gegenseitig bewarfen. Ich lächelte. Schloss erneut die Augen.
Ich wusste, dass meine Erinnerungen mir wieder einen Streich spielten. Ich sah uns als Schüler dort, das war ganz klar.
Als ich die Augen aufmachte, waren wir weg. Nur noch Neil stand dort im Schnee und lächelte zu mir hoch. Und dann wusste ich, wer gestern hinter mir im Schnee mit gefolgt war…
Und in diesem Moment, als es wieder anfing zu schneien und Neil nach einem freundlichen Nicken Richtung Wald davonging, wusste ich, was für ein Gedicht ich ihm dieses Jahr schreiben würde.


FIN
 
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