Du allein

GeschichteDrama / P18 Slash
Alexander Hephaestion
08.02.2009
20.03.2009
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Titel: Du allein
Genre: Drama
Altersfreigabe: PG18-slash

Disclaimer: Alexander, Hephaestion und alle anderen historischen Personen gehören natürlich sich selbst, in dieser Interpretation hier mögen sie auch noch Oliver Stone gehören. Mir gehört jedenfalls gar nichts und ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte.

Inhaltsangabe: Alexander heiratet. Roxane, eine persische Prinzessin ohne jede politische Bedeutung. Hephaestion glaubt, darauf vorbereitet zu sein. Doch was passiert, wenn er es nicht ist?

Anmerkung: Als ich an Neujahr „Alexander“ im Fernsehen gesehen habe, konnte ich nicht mehr wirklich nachvollziehen, warum ich vor vier Jahren, als ich den Film im Kino schaute, noch nicht auf die Idee gekommen bin, eine Fanfiction zu schreiben. Denn noch während ich fern sah, spann sich eine Geschichte in meinem Kopf zusammen und glücklicherweise habe ich die nächsten Tage krank auf der Couch verbracht …
Noch dazu spuken mir seit diesem Abend die blauen Augen eines gewissen jungen Mannes im Kopf herum und lassen mich nicht mehr los … Ebenso eine Tatsache, die ich vor vier Jahren unverständlicherweise nicht bemerkt habe … aber besser spät als nie. So bin ich zumindest auf die Musik gestoßen, die heute weitaus besser zu mir und meinem Leben passt als vor vier Jahren und die mich gerade auf eine Weise auffängt und mir Halt gibt, wie ich es bei anderer Musik noch nie erlebt habe. Aber das ist eigentlich ein anderes Thema und deshalb höre ich jetzt einfach auf zu quatschen, denn schließlich sollt ihr ja lesen :-)

Als letztes möchte ich noch sagen, dass ich mich sehr freuen würde, wenn ihr mir für mein Geschreibsel ein kleines Feedback hinterlasst. Aber da bin ich in dieser Kategorie bei ff.net eigentlich optimistisch *hofft*.

Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!



Du allein


~*~


We are never closer to the beginning then we are at the end

Jared Leto


~*~



Nun stehe ich also hier und muss so tun, als wünschte ich dir alles Glück der Welt.
 
Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel, in ihrer flirrenden Hitze singen und tanzen sie und trinken auf dein Wohl. Und während mein Gesicht ein Lächeln zeigt, wird es in meinem Inneren immer kälter.

Du hast heute geheiratet.
 
Und damit umzugehen fällt mir schwerer, als ich es je für möglich gehalten habe.
 
Es wäre vermessen gewesen zu glauben, dich nie mit einer Frau teilen zu müssen. Dein Reich braucht eine Königin. Und du brauchst einen Erben. Ich habe es gewusst, immer, und eigentlich hatte ich geglaubt, die Zeit, um mich an diesen Gedanken zu gewöhnen, sei ausreichend gewesen.
 
Doch nichts hat mich darauf vorbereiten können, wie du sie anschaust. Sie, Roxane, die persische Prinzessin. Zwar habe ich niemals angenommen, dass du eine Frau zur Braut nimmst, der du nicht wenigstens Respekt oder sogar Freundschaft entgegen bringst. Das jedoch ist es nicht, was in deinen Augen aufglimmt, wann immer dein Blick über ihren Körper gleitet.
 
Es ist heilloses Begehren, eine fast schon verzehrende Leidenschaft.
 
Und das ertrage ich nicht. Denn immer dann, das weiß ich, vergisst du mich.
 
Auch jetzt schaue ich zu dir hinüber, und was gäbe ich dafür, würdest du mir nur einen einzigen Blick schenken. Einen einzigen Blick aus deinen so sanften, braunen Augen, um mir zu versichern, dass du mich nicht vollständig aus deinen Gedanken verdrängt hast. Einen Blick, der mir beweisen würde, dass du weißt, was es für mich bedeutet, hier zu stehen und deine Hochzeit zu feiern.
 
Doch deine Aufmerksamkeit ist so von Roxane und ihrer geheimnisvollen Schönheit gefesselt, dass du mir keine Beachtung schenkst. Auch jetzt nicht, als du aufstehst und verkündest, dass all jene, die in den letzten Jahren mit dir gekämpft haben, ihre gesamten Schulden mit den Schätzen aus der Kriegskasse begleichen können. Und dass all die asiatischen Frauen, die uns begleiten, aus eben dieser Kasse ihre Mitgift erhalten sollen.
 
Und haben deine makedonischen Freunde dir bei deinen ersten Worten noch zugejubelt, so jubeln jetzt die Perser, während die Makedonier befremdet verstummen.
 
Ich kann ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken. Sie alle verstehen deinen Traum nicht. Sie haben keine Vorstellung davon, wie groß deine Vision ist, alle Völker dieser Erde miteinander zu vereinen. In ihren makedonischen Augen sind die Asiaten Barbaren, einem Volk wie dem unseren weit unterlegen und von niederer Herkunft. Doch ihr Entsetzen wird noch größer, als du nun deinen Wunsch bekannt gibst, alle Kinder sollten eine makedonische Ausbildung erhalten, um irgendwann an unserer Seite als gleichgestellte Krieger kämpfen zu können. Und während die Perser um uns herum in Freudentaumel ausbrechen, werden die Mienen deiner Generäle und Soldaten immer feindseliger und angespannter.
 
Auch ich schaue dich ungläubig an, fast schon fassungslos. Nicht wegen deiner Worte, denn ganz gleich, wie unerwartet sie auch gewesen sein mögen, sie passen so konsequent in dein Verständnis dieser Welt, dass sie mich nicht mehr erstaunen. Doch du hast eine Entscheidung getroffen, ohne zuvor meinen Rat zu suchen. Das hast du noch nie getan. In jeder Ratsversammlung, und sei sie auch noch so unbedeutend gewesen, wusste ich schon vor allen Anderen, was du auf dem Herzen hast, denn du hattest bereits mit mir darüber gesprochen. Du wolltest immer wissen, was ich denke, was ich von deinen Ideen halte und ich habe dir eine ehrliche Antwort gegeben. Es ist diese Ehrlichkeit, die du suchst und derer du dir nur bei mir sicher bist.
 
Ich spüre, dass die makedonischen Generäle um mich herum wütend werden, dass sie beginnen, erregt miteinander zu flüstern. Du hättest mit mir reden sollen. Denn ganz gleich, was ich von deiner Idee halte, ich hätte dir sagen können, dass du sie damit alle erneut vor den Kopf stoßen wirst. Was dich nicht davon abgehalten hätte, deine Idee auch in die Tat umzusetzen, doch du wärst auf ihre Reaktion vorbereitet gewesen. Manchmal frage ich mich, ob all deine Träume dich blind machen dafür, wie sehr du sie in ihrer Ehre kränkst. Und wie gefährlich das auf Dauer ist.
 
Unruhig gehe ich zwischen ihnen hindurch, beobachte Kleitos, Kassander und Philotas dabei, wie angewidert sie dich anstarren, wie auch Parmenion vor lauter Verachtung den Kopf schüttelt. Einzig Ptolemaius scheint noch so gelassen zu sein wie zuvor, doch ich kann sehen, dass es auch in ihm brodelt.
 
Das alles jedoch berührt dich nicht, du bemerkst es nicht einmal. Noch mehr als vor einigen Minuten wünsche ich mir, dass du mich anschaust, damit ich dir deutlich machen kann, welche Spannung du mit deinen Worten ausgelöst hast, wenn du sie schon selbst nicht zu spüren scheinst. Doch du ignorierst mich.
 
So, wie du es auch die letzten Tage getan hast. Du hast mich gemieden seit dem Morgen, an dem du mir von deinem Entschluss zu heiraten erzählt hast. Und auch ich habe deine Nähe nicht gesucht. Zu sehr war ich damit beschäftigt, meine Gefühle zumindest soweit unter Kontrolle zu bekommen, dass ich nach außen meine gewohnte, unerschütterliche Ruhe und Selbstsicherheit  zur Schau stellen konnte. Dich zu sehen hätte all diese Bemühungen im Keim erstickt. Und so gehen wir uns aus dem Weg, meiden den anderen so gut wir können.
 
Ich weiß nicht, ob du ein schlechtes Gewissen mit gegenüber hast, oder ob du dich einfach nicht damit auseinandersetzen willst, was diese Heirat für uns bedeutet. Doch was ich weiß ist, dass mich alleine die Erinnerung an diesen Morgen schmerzt. Sowohl die Erinnerung an deine Worte, als auch daran, wie nah du mir trotz allem warst. Und wenn schon die Erinnerung weh tut, wie sollte ich dann mit deiner tatsächlichen Nähe umgehen können?


**** Einige Tage zuvor ****

„Ich werde heiraten.“
 
Die Stille, die diesen Worten folgte, war so ohrenbetäubend laut und hing so schwer zwischen ihnen wie das Donnergrollen eines Gewitters.
 
Hephaestion war mitten in der Bewegung erstarrt und stellte nun langsam den Krug, aus dem er ihnen eben hatte Wein eingießen wollten, wieder auf den Tisch. Er spürte, dass seine Hände zitterten, so sehr hatte ihn Alexanders so plötzliche und unerwartete Verkündung aus dem Gleichgewicht gebracht. Wütend über sich selbst ballte Hephaestion die Hände zu Fäusten, doch erst, als er sich sicher war, dass auch sein Gesicht bar jeder Emotion war, drehte er sich zu Alexander herum.
 
Er hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Irgendwann. Und damals, in Babylon, als Dareios’ älteste Tochter sich Alexander vorgestellt hatte, hatte er damit gerechnet, dass Alexander sie zur Frau nehmen würde. Er war jeden Tag darauf gefasst gewesen, dass Alexander seine Wahl verkündete. Doch heute trafen ihn Alexanders Worte wie aus dem Nichts.
 
„Wer ist denn die Glückliche?“, fragte Hephaestion schließlich und zwang sich zu einem Lächeln.
 
Alexander zögerte und noch bevor er etwas sagen konnte, kannte Hephaestion die Antwort bereits; so, als sei sie das schwache Echo einer Erinnerung.
 
„Roxane?“, fragte er ungläubig.
 
Alexander nickte.
 
Hephaestion starrte ihn an, sekundenlang, bevor er sich abrupt abwandte und zum Fenster hinüber ging. Dutzende Gedanken rasten durch seinen Kopf, keiner so klar, dass er ihn auf Dauer hätte festhalten können. Erst, als er am Fenster stand und auf die Stadt hinunter sah, in der trotz der frühen Stunde schon emsige Geschäftigkeit herrschte, schaltete sich sein ruhiger, rationaler Verstand wieder ein.
 
Alexander nahm also eine Frau zur Braut, die keinerlei politische Bedeutung hatte, die er einmal in seinem Leben gesehen hatte und die er gegenüber dem Rest der makedonischen Generäle wie ein Löwe würde rechtfertigen müssen. Als Hephaestion gerade fragen wollte, warum Alexander einen erneuten Streit mit seinen Gefolgsleuten für solch eine unbedeutende Prinzessin in Kauf nahm, wurde das Echo in seinem Kopf zu einem klar umrissenen, scharfen Bild.
 
Er hatte plötzlich wieder den Blick vor Augen, mit dem Alexander Roxane angesehen hatte, als sie für ihn tanzte. Den Blick, der ihm schon damals einen Stich versetzt hatte, den er aber trotzdem nicht ernst genommen hatte und den er schließlich aus seinen Gedanken verdrängt hatte. Und Hephaestion musste nichts mehr fragen, denn die Antwort erschien ihm mit einem Mal so klar, dass ihm kalt wurde. Eiskalt.
 
Er liebt sie.
 
„Roxane“, wiederholte er, hörte selbst, wie hohl seine Stimme klang und wusste auch nicht, wann er überhaupt beschlossen hatte, erneut etwas zu sagen. Seine Finger umschlossen den Fenstersims so stark, dass seine Knöchel weiß hervortraten, während er scheinbar automatisch funktionierte. „Sie ist eine schöne Frau“, fuhr er mit derselben gleichgültigen Stimme fort. „Hoffen wir, dass sie dir einen gesunden Erben schenken wird.“
 
Hephaestions Gefühle standen Kopf. So sehr dieser Tag auch immer unausweichlich gewesen war, so wenig war er auf die Heftigkeit der Eifersucht und der Wut vorbereitet gewesen, die ihn jetzt erfassten. Alexander liebte diese Frau. Immer wieder rasten diese Worte durch seinen Kopf, ließen keinen Raum für die Freude, die er trotzdem stets gehofft hatte, für Alexander empfinden zu können. Stattdessen schürten sie in ihm einen unglaublichen Hass auf diese Frau, die es geschafft hatte, Alexander in ihren Bann zu ziehen. Einen Hass, der selbst die Eifersucht überstrahlte und vor dem Hephaestion fast zurückschreckte, so sehr wütete er in seinem Herz und verdunkelte alles andere.
 
„Ist das … alles, was du dazu sagst?“, hörte er Alexanders ungläubige Stimme hinter sich.
 
Hephaestion schloss die Augen. „Was hast du erwartet, Alexander?“, er zwang seine Stimme dazu, nichts von dem Sturm, der in ihm tobte, nach außen dringen zu lassen. „Vorwürfe? Die wirst du von mir nicht hören.“
 
„Bei den Göttern, verflucht, schau deinen König an, wenn du mit ihm sprichst!“, schrie Alexander plötzlich und Hephaestion fuhr zusammen unter der harschen, wütenden Stimme.
 
König also, dachte Hephaestion bitter. Du warst nie nur mein König.
 
Doch er gehorchte dem Befehl, drehte sich um und hob nach einem Moment den Kopf. Alexander stand ihm gegenüber, heftig atmend und vor Zorn zitternd. Hephaestion wusste, es war nur seiner jahrelangen Übung zu verdanken, dass selbst jetzt nichts von der Eifersucht, dem Hass und dem Schmerz den Weg in seine Augen fand. Er erwiderte Alexanders Blick kühl, ohne sich auch nur im Geringsten von ihm einschüchtern zu lassen.
 
Trotzdem fiel die Wut des Königs nach einigen Augenblicken in sich zusammen. Hephaestion brauchte keine Worte, um Alexander klar zu machen, wie falsch sein Verhalten war, niemals. Und wie immer in diesen Momenten wollte Alexander Hephaestion anschließend nahe sein, wollte eine stillschweigende Absolution für seinen Fehler. Zögernd trat er einen Schritt auf Hephaestion zu, doch Hephaestion wich zurück. Denn obwohl er der Einzige war, dem Alexander diese verletzliche, unsichere Seite seiner Selbst zeigte, verschloss Hephaestion sich gegen Alexanders stumme Bitte, jene Unsicherheit auch dieses Mal aufzufangen, so wie er es stets tat. Er wusste, dass er die Kraft dafür nicht aufbringen konnte, ohne sich selbst zu verlieren.
 
„Ich muss das tun, Hephaestion.“, flüsterte Alexander, beinah verzweifelt.
 
Und Hephaestion lächelte, zynisch, sogar mit einer Spur von Hohn. Nein, dachte er, du musst nicht. Aber du willst sie. „Ich weiß“, sagte er trotzdem.  
 
Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus und es lastete schwer auf Hephaestions Schultern. Alles in ihm schrie danach, Alexander nahe zu sein. Am liebsten hätte er den Anderen angefleht, ihn zu halten bis in alle Ewigkeit, ohne je wieder loszulassen. Doch stattdessen richtete er sich auf und verschloss die Schreie hinter dem Stolz eines makedonischen Generals. „Wissen es die Anderen schon?“
 
Fast rechnete Hephaestion damit, dass Alexander ihn an den Schultern packen und schütteln würde, um ihn endlich sagen zu hören, was wirklich in ihm vorging, so fassungslos und wütend starrte Alexander ihn an. Und das würde Hephaestion in jedem Fall verhindern müssen, denn er wusste, dass er seine vorgetäuschte Gleichgültigkeit sonst nicht länger würde aufrecht erhalten können. Am Ende jedoch lachte Alexander nur leise auf und schüttelte den Kopf.
 
„Nein“, sagte er schließlich. „Ich wollte den schwersten Weg zuerst gehen.“
 
Hephaestion bohrte seine Fingernägel in die Handflächen. Er durfte nicht die Kontrolle verlieren, nicht jetzt. „Dann sollten wir es ihnen sagen.“
 
Es kam Hephaestion so vor, als betrachte er die Situation von außen, so unwirklich und absurd erschien sie ihm. Hätte man ihn noch vor einer Stunde gefragt, ob er je die Kraft aufbringen würde, um sich so fremd zu verhalten, wie er es in diesem Moment tat, hätte er es geleugnet. Und doch stand er hier, und es fühlte sich so falsch an. Er fühlte sich falsch an.
 
Hephaestion kehrte erst wieder in die Realität zurück, als Alexander ihn grob am Arm griff und ihn zwang, ihn anzusehen.
 
„Stehst du hinter mir?“, fragte er und seine Stimme war eine merkwürdige Mischung aus Befehl, Drohung und hilfloser Verzweiflung.
 
Hephaestion spürte, wie er sich versteifte. Wie konnte Alexander es wagen, an ihm zu zweifeln? Wie konnte er es wagen, seine Loyalität in Frage zu stellen, nach all den letzten Minuten? „Mein König …“, begann er, benutzte mit Absicht die Anrede, die Alexander aus Hephaestions Mund so sehr hasste zu hören, und seine Stimme war klirrend wie Eis.
 
„Hephaestion, ich zweifle nicht …“, unterbrach Alexander ihn, als er erkannte, was in Hephaestion vorging, doch dieser ließ ihn nicht aussprechen:
 
„Ich habe geschworen, dir zu folgen. Überall hin, wenn es sein muss, bis in den Tod. Ich habe geschworen, dir treu zu sein, ganz gleich, was tu tust. Ich habe geschworen, hinter dir zu stehen und dir die Wahrheit zu sagen, immer dann, wenn du von allen anderen nur das zu hören bekommst, was du hören willst. Und wenn all das bedeutet, dass ich deine Hochzeit unterstützen muss, dann sei es so!“, mit einem Ruck befreite Hephaestion seinen Arm aus Alexanders Griff.

Er wusste selbst, dass in seiner Stimme die kalte Wut darüber mitgeklungen hatte, dass Alexander an ihm zweifelte, und trotzdem zitterte er. Denn gleichzeitig erinnerten ihn seine Worte an all das, was Alexander für ihn war. Dass sein Leben keinen Sinn hatte ohne Alexander.
 
„Hephaestion …“, Alexander hob die Hand und streckte sie nach dem Anderen aus, doch noch bevor er ihn berühren konnte, trat Hephaestion erneut einen Schritt zurück.
 
„Nein …“, wehrte er ab. „Alexander … nicht“, seine Stimme brach und plötzlich spürte Hephaestion die Tränen aufsteigen, die er so vehement versucht hatte zu unterdrücken. Hastig wandte er den Kopf ab, verfluchte sich selbst für seine Schwäche und trat an Alexander vorbei zur Tür. Noch einen Moment länger in der Nähe des Anderen und er würde ersticken an der Sehnsucht, Alexander in die Arme nehmen und berühren zu wollen. Nur einen Moment länger dem Blick dieser braunen Augen ausgesetzt und Hephaestion würde all seine Beherrschung verlieren.
 
„Diese Heirat muss nichts zwischen uns ändern!“, Alexanders Aufbegehren ließ Hephaestion jäh stehen bleiben. Noch vor einer Stunde hätte er Alexander Recht gegeben. Noch vor einer Stunde hätte er die Option einer Heirat von einem vernünftigen Standpunkt aus beurteilt. Doch seine Gefühle jetzt, da die Option zur Tatsache geworden war, hatten so wenig mit Vernunft zu tun und so viel mit Schmerz und Enttäuschung, dass Hephaestion nicht sicher war, ob er Alexander überhaupt jemals wieder eine Liebe entgegenbringen konnte, die frei war von Eifersucht und Hass.
 
Er konnte Alexander nicht die Antwort geben, die dieser hören wollte. Nicht jetzt. Vielleicht nie mehr.
 
„Lass es uns den Anderen sagen“, erwiderte er deshalb nur, ohne sich umzudrehen.
 
Dann öffnete er die Tür und verließ seine Gemächer, ohne Alexander die Möglichkeit einer Antwort zu lassen.    


**** Gegenwart ***

Ich weiß nicht mehr, wie ich die folgenden Stunden durchgestanden habe, ohne mir anmerken zu lassen, dass mein Innerstes immer weiter zerbrach.
 
In der Versammlung hielt ich mich zurück. Mir war klar, was passieren würde, denn diese Heirat würde der eine Tropfen zu viel sein. Wie ich es erwartete waren sie entsetzt, haben dich beschworen, dich angeschrien. Und wie ich es ebenfalls erwartete, hast du dich nicht umstimmen lassen. Du hattest deine Entscheidung getroffen, niemand hätte dich mehr von ihr abbringen können. Vielmehr bist du schließlich auf Kassander losgegangen und das war der einzige Moment, in dem ich mich bemerkbar machte. Es braucht noch immer nur ein Wort von mir, und du beruhigst dich.
 
Doch du hast mich daraufhin keines Blickes gewürdigt. Da war nichts von der Dankbarkeit, nichts von dem entschuldigenden, um Nachsicht bittenden Lächeln, mit denen du mich in solchen Situation normalerweise ansiehst.
 
Und warum auch? Alle anderen starrten mich schließlich schon zu genüge an. Denn als du das Zelt schließlich verlassen hattest, schien ihnen mit einem Mal in den Sinn zu kommen, dass es mich noch gab. Welche Rolle ich in deinem Leben bisher gespielt hatte und welche Rolle ich wohl jetzt einnehmen würde. Und je nachdem, welchem Lager sie angehören, spiegelten ihre Blicke Häme oder Mitleid wider. Was davon ich mehr verabscheute, vermag ich nicht zu sagen.
 
Ich verließ das Zelt ohne ein Wort, floh vor ihren Blicken nach draußen und es interessierte mich nicht, was mein überstürzter Aufbruch für einen Eindruck bei ihnen hinterließ. Sie alle dachten ohnehin was sie wollten, nichts, was ich sagte, würde daran etwas ändern.
 
Am liebsten würde ich auch jetzt einfach gehen. Am liebsten würde ich dieses Fest verlassen, dir und deiner Braut den Rücken kehren und in der Dunkelheit verschwinden, die mittlerweile über uns hereingebrochen ist. Doch dann würde ich all jenen, die ohnehin schon über mich lachen, neues Futter in die Hand geben. Also harre ich aus, lasse dich nicht aus den Augen und bemühe mich, Freude zu heucheln.
 
Und irgendein verquerer, selbstzerstörerischer Teil in mir freut sich tatsächlich, denn diese Heirat bedeutet schließlich auch, dass du endlich einen Sohn bekommen wirst. Doch es ist eine fast schon wahnsinnige, morbide Freude und sie fühlt sich so absurd an, so falsch, dass ich hin und wieder glaube, verrückt zu werden durch all das, was in meiner Brust zu einem riesigen Klumpen Eis zusammenwächst und mich innerlich erfrieren lässt.
 
Meine eine Hand habe ich in der Tasche meines Mantels vergraben und unbewusst spielen meine Finger schon den ganzen Abend mit dem Schmuckstück, das ich darin versteckt halte. Es ist ein glatt geschliffener Stein, eingefasst in einen goldenen Ring, den ich in Ägypten auf einem der vielen Märkte entdeckt habe. Der warme, bersteinfarbene Ton des Steins hat mich an deine Augen erinnert, wenn sich der Schein von Kerzen in ihnen spiegelt.
 
Stets habe ich auf den richtigen Moment gewartet, um ihn dir zu schenken und vermutlich ist es heute der falscheste von allen, doch ich werde ihn dir trotzdem geben. Später, wenn ich die Möglichkeit habe, mit dir alleine zu sein. Ich will, dass du heute Nacht, wenn du mit dieser Frau dein Bett teilst, meinen Ring trägst. Denn vielleicht schafft er es, was ich selbst in den letzten Tagen nicht vermochte: dass ich ein Teil von dir bleibe.
 
„Na, zur Zweitfrau degradiert?“
 
Kleitos’ schadenfrohe und alkoholschwere Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich balle meine Hand fest um den Ring; er ist es, dem ich meine Ausdruckslosigkeit zu verdanken habe, als ich mich nun langsam umdrehe.
 
Neben Kleitos stehen Kassander und Ptolemaius, letzterer tritt nun neben mich, vermutlich, um seinen Standpunkt in diesem Streit klar zu stellen. Einen flüchtigen Moment empfinde ich Dankbarkeit ihm gegenüber, doch dann richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Kleitos. Wir sind vor einigen Tagen bereits aneinander geraten, an dem Abend, als Roxane für Alexander tanzte.
 
„Du solltest dich freuen für deinen König, Kleitos“, erwidere ich ruhig. Ich habe damit gerechnet, dass sie ihre Wut über diese Hochzeit an mir abreagieren, denn an Alexander können sie sie nicht auslassen.
 
„So, wie du es tust?“, fragte Kleitos lauernd.
 
Ich zwinge ein Lächeln auf mein Gesicht. Niemand wird heute meinen Schmerz sehen. Sie schon gar nicht. „So, wie ich es tue.“
 
Einen Moment lang starrt Kleitos mich an, halb ungläubig, halb voller Verachtung.
 
Dann spuckt er mir ins Gesicht.
 
Für den Bruchteil einer Sekunde scheint die Zeit still zu stehen – siedend heiß überwältigt mich abgrundtiefer Hass. Ich weiß, wie unglaublich kurz davor ich bin, Kleitos endlich, nach all den Jahren der Missgunst und Beleidigungen, das hämische Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen; dass ich nur einen Herzschlag davon entfernt bin, all meine aufgestauten Gefühle an ihm abzureagieren. Doch Ptolemaius’ Hände, die nach mir greifen, holen mich in die Realität zurück. Eine Realität, in der ich Alexanders Ansehen beschmutzen und seine Hochzeit zerstören würde, verlöre ich ausgerechnet jetzt die Beherrschung, die ich mir während all der Zeit an Alexanders Seite so eisern zu eigen gemacht habe.
 
Also wische ich mir lediglich übers Gesicht und hebe den Kopf, schaue Kleitos mit all der Überheblichkeit und Selbstsicherheit an, die ich in diesem Moment aufbringen kann. Und als Kleitos erkennt, dass auch eine weitere Demütigung mich nicht erschüttert, wird sein Gesicht zu einer Maske der Abscheu.
 
„Du bist erbärmlich!“, schleudert er mir entgegen. „Du lässt dir diese persische Schlampe vorsetzen, sagst noch nicht einmal etwas gegen diese Heirat und wenn er dich ruft, steigst du doch wieder in sein Bett! Noch nicht einmal jetzt wehrst du dich! Wie tief kann ein Mann sinken, Hephaestion?!“  
 
Seine Worte treffen mich bis ins Mark, jedes einzelne ist wie ein Messerstich in meiner Brust. Denn er spricht nur aus, was ich selbst in den letzten Tagen immer wieder dachte, jedes Mal, wenn die Dunkelheit mich einfing und ich nichts mehr zu tun hatte, um mich abzulenken. Und doch ist die Antwort ganz einfach. Ich liebe ihn. Diese drei Worte sind der Schlüssel zu allem. Sie sind das, was mich aufrecht hält, sie sind mein Stolz, meine Stärke und mein Glaube. Sie sind meine größte Schwäche und meine überwältigendste Angst.
 
Doch all das geht ihn nichts an, ihn am wenigsten von allen.
 
„Was kümmert es dich?“, frage ich deshalb. „Alexander wird seinen Erben bekommen, das ist das Einzige, was zählt.“  
 
„Einen Erben?!“, Kleitos’ Stimme überschlägt sich fast vor Wut und er ist so laut, dass sich bereits einige Gäste nach uns umdrehen. „Das Balg dieser Barbarin ist das Letzte, was ich als Erben anerkennen werde!“
 
Und als hätte jemand einen Hebel in mir umgelegt, ist es mit meiner Beherrschung von einer Sekunde auf die andere vorbei. Niemand beleidigt Alexander in meiner Gegenwart, niemand beleidigt seinen Sohn, für den ich all das hier auf mich nehme und widerstandslos ertrage! Ich stürme auf Kleitos zu, will ihm seine Beleidigung aus dem verräterischen Leib prügeln und es ist nur Ptolemaius, der mich mit aller Kraft zurückhält, und Kassander, der Kleitos aus meiner Reichweite zieht, zu verdanken, dass es mir nicht gelingt.
 
„Du redest dich um Kopf und Kragen!“, zischt Kassander Kleitos zu und sieht sich nervös um.
 
„Er ist betrunken!“, höre ich Ptolemaius’ beruhigende Stimme an meinem Ohr, doch er dringt nicht wirklich zu mir durch.
 
Heftig befreie ich mich von seinen Händen, die mich noch immer festhalten. Ich spüre, dass ich vor Wut zittere. „Das ist sein Glück“, stoße ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
 
Als Kleitos meinen heillosen Zorn bemerkt, beginnt er höhnisch zu lachen. „Was, die Hure des Königs will mich zusammenschlagen? Wäre mit Sicherheit interessant geworden. Denn was hat sie bisher schon geleistet, außer dem königlichen Schwanz ihren Hintern hinzuhalten und vor ihm auf allen Vieren zu kriechen!?“
 
Ich höre Ptolemaius neben mir scharf die Luft einziehen, aber er hält mich nicht fest. Er scheint zu glauben, dass Kleitos dieses Mal zu weit gegangen ist. Doch Kleitos’ Bemerkung treibt mir nur ein eisiges, unheilvolles Lächeln aufs Gesicht und in mir ist es plötzlich ganz ruhig. Gefährlich ruhig. Niemand wird je in den Dreck ziehen können, was Alexander und ich teilen.
 
Ich gehe einen Schritt auf Kleitos zu, beuge mich zu seinem Ohr und sage so leise, dass nur er es hören kann: „Ich bin es, dem er vertraut, Kleitos. Und deswegen bin ich auch der Einzige, der ihn dazu bringen kann, Dinge zu tun, die für einige von euch durchaus nachteilig sein könnten.“
 
Unmissverständlich lasse ich in meiner Stimme die Drohung mitklingen. Es ist mit gleich, dass ich meine Position und die Macht, die ich dadurch habe, zum ersten Mal willkürlich ausnutze. Er ist mir in diesem Moment gleich, dass sich von nun an jeder fragen wird, wie viel von mir in Alexanders Entscheidungen mitschwingt; mehr noch, als sie es bisher getan haben. Und es ist mir auch gleich, dass ich Alexander niemals um etwas für mich selbst bitten würde.
 
Alles, was zählt, ist das fassungslose Entsetzen in Kleitos’ dunklen Augen und es verschafft mit eine ungeheure Genugtuung. Endlich einmal sollen sie bezahlen für all das, was ich mir in den letzten Jahren anhören durfte. Sollen sie ruhig glauben, dass ich nur mit dem Finger schnippen muss, damit sie während der nächsten Schlacht in der ersten Reihe stehen.
 
Der Faustschlag kommt so schnell, dass ich nicht mehr ausweichen kann und unter der Wucht des Schlags einige Schritte zurück taumle. Ptolemaius fängt mich auf, während Kassander Kleitos zurückhält, der mich wie von Sinnen und mit einem mörderischen Gesichtsausdruck anbrüllt. Doch ich höre nicht, was er sagt. In meinen Ohren summt es und als ich die Hand ins Gesicht hebe, spüre ich Blut. Meine Lippe ist aufgeplatzt.
 
Nur langsam dringen die lauten Stimmen um mich herum wieder zu mir durch. Auch Ptolemaius, der mich besorgt fragt, ob alles in Ordnung ist.
 
Ich nicke. „Nichts passiert.“
 
Mein Blick flackert zu Kassander, der Kleitos auf eine Liege bugsiert hat, ihm gerade einen neuen Becher Wein in die Hand drückt und beschwörend auf ihn einredet.
 
„Du solltest gehen, Hephaestion“, reißt Ptolemaius mich aus meiner Beobachtung. Er mustert mich nachdenklich. „Niemand hier erwartet, dass du dir das bis zum Ende antust.“
 
Ich erwidere seine Besorgnis mit einem schiefen Lächeln. „Doch“, widerspreche ich ihm. „Ich erwarte es.“
 
Und noch während ich das sage, wandert mein Blick wieder zu dir, als sei dein Körper ein Magnet, dessen Anziehungskraft ich mich nicht entziehen kann. Du scheinst von unserer Auseinandersetzung nichts mitbekommen zu haben. Doch selbst wenn, du würdest es dir nicht anmerken lassen. Ich muss mir selbst helfen in solchen Momenten, dein Beistand würde alles nur schlimmer machen. Sowohl ich, als auch du nach einiger Überredungskunst, haben das vor langer Zeit erkannt.
 
Ich weiß, dass Ptolemaius mir nachsieht, als ich jetzt deine Nähe suche, mich dir schräg gegenüber auf einem Kissen niederlasse. Gleichgültig, ob er auf meiner Seite steht oder nicht, er versteht es ebenso wenig wie all die anderen. Manchmal, gerade jetzt, verstehe ich es ja selbst kaum.
 
Dann aber streift mich dein Blick. Ein kurzer Blick nur, scheinbar zufällig. Doch zwischen uns gibt es keine Zufällt mehr. Als sich unsere Augen treffen, weiß ich, dass du den Streit bemerkt hast, denn das dunkle Braun ist voller Sorge. Ich schüttle den Kopf, zerstreue somit deine Bedenken.
 
Und plötzlich ist das Verstehen ganz leicht. In diesem Moment, der nur uns beiden gehört und von dem ich weiß, dass nur ich allein in deinen Gedanken bin, sind alle Zweifel wie fortgespült. Und ich senke den Kopf, verberge mein Lächeln. Denn es ist das erste ehrliche Lächeln seit Tagen und es gehört mir allein.
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