STAY HERE

GeschichteDrama / P12
Ben Evans Meg Cummings
21.01.2009
21.01.2009
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Die Story beginnt in der Nacht, in der Annie Douglas bei einem riskanten Fluchtversuch auf äußerst tragische Weise ums Leben kam, nachdem die Polizei sie des Mordes an ihrem Vater verdächtigte und nach ihr suchte.
Das folgende Geschehen schließt unmittelbar an die SB-Episode 25 an und beinhaltet unter anderem auch einen Originaldialog zwischen Meg und Mark aus Folge 26.
Das Ende dieser Story ist frei erfunden.


Kleiner Hinweis:
Wer die Originalfolgen nicht kennt, sollte vielleicht MAGIC MOMENTS und ALONE IN THE NIGHT zum besseren Verständnis vorher lesen.




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STAY HERE



Ben stand auf seiner Veranda und starrte in die Nacht hinaus. Die Dunkelheit schien ihm wie ein undurchdringliches, schwarzes Tuch aus Wut und Trauer, in das ihn der laue Nachtwind einhüllte, der vom Meer herüberwehte. Er sah weder die unzähligen funkelnden Sterne über sich, noch den matt glänzenden Mond, der sich geheimnisvoll glitzernd in den tosenden Wellen widerspiegelte.
Die Welt um ihn herum verschwamm in den Tränen, die in seinen Augen wie Feuer brannten und ungeweint verglühten.
Tief in seinem Inneren tobten tausend finstere Dämonen. Mit Zähnen und spitzen Krallen gruben sie sich tiefer und tiefer in sein Gewissen, und er glaubte die Qualen, die sie in ihm verursachten, fast körperlich zu spüren. Ein schmerzliches Stöhnen stieg in ihm auf, blieb in seiner Kehle stecken und nahm ihm für Sekunden die Luft. In seinem Kopf war nur Platz für einen einzigen Gedanken, der dröhnend wie ein Donnerschlag unaufhörlich hinter seiner schmerzenden Stirn widerhallte:
Annie ist tot!
Sie war tot… und es war seine Schuld!

Nebenan hörte er Bette weinen. Es war ein lautes, hemmungsloses Schluchzen, mit dem die temperamentvolle Frau ihren unbändigen Schmerz um den Tod ihrer einzigen, über alles geliebten Nichte zum Ausdruck brachte. Es störte sie nicht im Geringsten, dass man sie mit Sicherheit in der Nachbarschaft hörte. Ein derartiges Verhalten war für Bette in diesem Augenblick die einzige Möglichkeit, sich dem Wissen um Annies schreckliches Ende zu stellen, ohne dabei den Verstand zu verlieren.
Als Ben vor ein paar Minuten versucht hatte, ihr die schlimme Nachricht möglichst schonend beizubringen, war Bette absolut fassungslos gewesen. Aus einer Art Selbstschutz heraus hatte sie ihn schließlich angeschrieen und als Lügner bezeichnet, bevor sie ihn, völlig außer sich, aus dem Haus warf.
Nun war sie allein mit der entsetzlichen Wahrheit und versuchte auf die ihr momentan bestmögliche Art ihrem Herzen Luft zu machen.

Ben wünschte, er könnte ebenso wie Bette weinen und seine Gefühle in die Nacht  hinausschreien. Doch sein Mund blieb stumm. Jeder seiner Gedanken verhallte ungesagt.
Er hatte die beiden liebsten Menschen verloren, die es bisher in seinem Leben gegeben hatte: Maria und Annie.
Und beide waren ihm auf äußerst tragische Weise genommen worden.

Maria starb vor drei Jahren, als Ben mit ihr während eines Segeltrips in einen Sturm geriet, und sie durch einen tragischen Unfall vom Boot fiel.
Immer wieder sah er die schrecklichen Bilder vor sich, als sei es erst gestern gewesen, und heute waren sie deutlicher denn je:
Das Segel hatte sich durch eine heftige Sturmböe gelöst und traf Maria völlig unvorbereitet. Mit einem Aufschrei stürzte sie über Bord. Er war ohne zu zögern sofort hinterhergesprungen, bekam ihre Hand zu fassen und hielt sie einen Augenblick lang fest. Doch Wind und Wellen waren zu stark, und schließlich verlor er den Kampf gegen die tosenden Elemente. Verzweifelt versuchte er, Maria wiederzufinden, nachdem ihm ihre Hand entglitten war, doch vergebens. Selbst zwischen meterhohen, undurchdringlich schwarzen Wellen gefangen. hörte er von irgendwoher ihre letzten, verzweifelten Hilferufe, sie vermischten sich mit seiner eigenen Stimme, die unablässig ihren Namen schrie, bis er schließlich um sich herum nur noch das Heulen des Sturmes und das Rauschen der Wellen vernahm.
Maria, seine Frau, die große Liebe seines Lebens, sie wurde nie gefunden…

Annie war seit Ewigkeiten Marias beste Freundin gewesen. Trotzdem sie von Anfang an heimlich in Ben verliebt war und tatenlos mit ansehen musste, wie dieser sich für ihre beste Freundin entschied, hatte diese Freundschaft auch weiterhin Bestand.
Nach Marias Tod hielt Annie fest zu Ben und war für ihn da war, wenn es ihm schlecht ging. Sie machte nicht länger ein Geheimnis aus ihrer Zuneigung zu ihm, immer darauf hoffend, dass er ihre Gefühle vielleicht irgendwann erwidern würde.
Ben hatte ihre Avancen stets nachsichtig belächelt. Ja sicher, auf seine Art mochte er Annie ebenfalls, ihre Spontanität, ihre Hartnäckigkeit und ihre Launen, doch über freundschaftliche Zuneigung ging sein Gefühl für seine durchaus attraktive, rothaarige Nachbarin nie hinaus.
Aber auch für andere Frauen schien in seinem Herzen kein Platz mehr zu sein.
Einzig Dorothy, seine sogenannte „Seelenverwandte“ aus dem fernen Kansas, die er übers Internet kennengelernt hatte, war ihm in ihren zahlreichen Mails, in denen sie einander ihre geheimsten Gedanken und Gefühle anvertrauten, sehr nahe gekommen. Dabei kannte er weder ihren richtigen Namen, noch wusste er, wie sie aussah.
Vielleicht aber war es gerade diese Anonymität, die ihnen beiden die Möglichkeit einräumte, derart offen miteinander zu kommunizieren. Doch als Dorothy nach ihrer geplatzten Hochzeit spontan beschloss, ihren „SB“ aus dem Internet endlich persönlich kennenzulernen, hatte er zutiefst schockiert sofort abgeblockt und jede weitere Kontaktaufnahme abgelehnt.
Fast schien es so, als hätte er eine unsichtbare Mauer um sich herum errichtet, erschaffen aus purer Angst vor einer neuen Beziehung und davor, wieder Gefühle zuzulassen. Etwas in Ben war in jener Nacht zusammen mit Maria gestorben.

Und nun hatte ihm das Schicksal auch noch Annie genommen, auf eine so grausame Art, dass er nicht länger darüber nachzudenken vermochte…
Aufstöhnend schloss er die Augen.

Und genau in dem Augenblick, als der Schmerz in ihm übermächtig zu werden und ihn zu überwältigen drohte, sah er plötzlich ihr Gesicht vor sich: Diese einzigartigen Augen, klar und azurblau wie tiefe, unergründliche Seen, die hinausblickten aufs Meer, wo am fernen Horizont glutrot die Sonne versank. Ihr Mund, die feingeschwungenen Lippen leicht geöffnet zu einem verklärten Lächeln, als würde sie über irgendetwas staunen. Süß, unschuldig und verlockend…
Meg Cummings, die fremde junge Frau, die von irgendwoher völlig unerwartet in sein Leben geplatzt war wie ein erfrischender und lang ersehnter Sommerregen.
Sie war so herrlich unkompliziert und romantisch, vielleicht ein wenig naiv und doch voller Ideale. Ohne sich dessen bewusst zu sein, weckte sie Gefühle in ihm, die er längst vergessen glaubte, die ihn verwirrten und unsicher machten.
Meg hatte ihm und Annie geholfen, selbstlos und ohne Vorbehalte, obwohl Annie in ihr vom ersten Augenblick an eine gefährliche Rivalin im Kampf um Ben witterte und sie aus diesem Grund nicht gerade freundlich behandelte.
Hatte Annie am Ende vielleicht Recht gehabt? War Meg in ihn verliebt?
Er musste sich eingestehen, dass er ihre Zuneigung sehr wohl gespürt und dabei bemerkt hatte, wie gut sie ihm tat. Das wiederum machte ihm Angst.
Warum zum Teufel konnte er sich nicht einfach zurücklehnen und das Leben genießen?
Ben schüttelte resigniert den Kopf und unterdrückte abermals ein schmerzliches Stöhnen, während er die Veranda verließ und langsam zum Pier hinunterging.
Er war unfähig gewesen, Maria zu retten, er hatte versagt, als Annie ihn brauchte, und vorhin hatte er auch noch Meg vertrieben, indem er sie angeschrieen und aus seinem Haus gejagt hatte. Dabei wollte sie ihm doch nur helfen!

Er hatte versagt, bei Maria, bei Annie, bei Meg…

Ben starrte auf das Meer vor sich, die Wellen, die unaufhörlich heranrollten, sich auftürmten und am Strand brachen, das Rauschen der Brandung, die Dunkelheit.
In Gedanken hörte er wieder den Sturm heulen und das Meer toben wie damals in jener Nacht, als Maria starb.
Seine Füße bewegten sich mit einem Mal wie von allein vorwärts.
Er spürte weder den Wind, noch die Nässe, die seine Kleidung durchdrang. Es schien, als zöge ihn eine unbekannte Macht hinein in die von schwachem Mondlicht durchwirkte, unergründliche Dunkelheit, in der Schmerz, Trauer und Einsamkeit für immer ein Ende finden würden.
Es wäre so leicht, alles würde vorbei sein…
Vielleicht war es an der Zeit zu gehen und alles hinter sich zu lassen…



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Meg war völlig durcheinander.
Dieser blöde Anrufbeantworter… Wie unendlich dumm und gedankenlos von ihr, ihn einzuschalten! Annies Stimme darauf, ihre Worte, eindringlich, voller Angst, panisch um Hilfe bittend, hatten Ben den Rest gegeben.
Seitdem sie aus dem Krematorium zurückgekehrt waren, hatte er nicht ein einziges Wort gesprochen, doch beim Klang von Annies vertrauter Stimme war er ausgerastet. Er hatte den Anrufbeantworter wütend durchs Zimmer geschleudert und Meg aus seinem Haus gejagt.
Nun stand er allein auf seiner Veranda und starrte regungslos aufs Meer hinaus.
Während sie ihn vom Strand aus beobachtete, strich sich Meg eine Haarsträhne aus der Stirn und überlegte fieberhaft, was sie tun sollte.
Wieder zu ihm hineingehen?
Unmöglich, eine weitere Abfuhr dieser Art würde sie nicht überleben.
Sie war noch nicht lange in Sunset Beach, doch ein bedeutender Teil ihres Lebens drehte sich bereits unaufhörlich um Ben Evans, das war ihr in den vergangenen Tagen erst richtig bewusst geworden. Sie hatte sich wirklich nicht verlieben wollen, denn insgeheim war sie noch immer auf der Suche nach ihrer geheimnisvollen Internetromanze „SB“ gewesen. Doch während das Bild von ihrem bislang unbekannten, gesichtslosen Freund immer mehr verblasste, nahm Ben nach und nach dessen Platz in ihrem Herzen ein.
Im Kampf um Annies Rehabilitation waren sie einander näher gekommen, er war plötzlich nicht mehr nur ihr neuer Boss, sondern ihr Freund, ihr Verbündeter, ihr Beschützer. Irgendwann konnte sie das Herzklopfen nicht mehr ignorieren, das sie erfasste, wenn sie in seiner Nähe war.
Ben war ein äußerst attraktiver Mann, groß, schlank, dunkelhaarig und unglaublich gutaussehend. Aber obwohl er sie nett und freundlich behandelte, hatte sie doch immer das Gefühl, dass er sich sofort zurückzog, wenn sie einander ein wenig näher zu kommen schienen. Das machte sie unsicher und zog sie zugleich magisch an.
Es war ein Wechselbad der Gefühle, in seiner Nähe zu sein…

Meg warf einen letzten nachdenklichen Blick in Richtung Veranda und wandte sich dann ab. Er wollte allein sein, dass musste sie akzeptieren.
Doch Annies Tod ging auch an ihr nicht spurlos vorüber. Sie war aufgewühlt, schockiert und völlig durcheinander, sie musste unbedingt mit jemandem reden.
Entschlossen verließ sie den Strand und schlug den Weg zum JAVA WEB ein, wo Mark um diese Zeit gewöhnlich seinen Dienst tat.

Das Internet-Cafe JAVA WEB war zu dieser späten Stunde nur mäßig besucht.
Meg trat ein und nickte dem Barkeeper, der hinter dem Tresen stand, mit ernstem Gesicht zu.
„Mark, kann ich dich kurz sprechen? Es ist wirklich wichtig!“
Der junge Mann mit dem sympathischen Lächeln merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Er legte das Tuch beiseite, mit dem er eben eines der Gläser poliert hatte, kam zu ihr hinüber und sah sie besorgt an.
„Was ist denn, Meg? Du siehst furchtbar aus…“
Einen Augenblick lang rang sie mit sich. Wie konnte man jemandem eine Nachricht vermitteln, die so schrecklich und unbegreiflich war? Sie entschied sich spontan für die ungeschminkte Wahrheit:
„Annie Douglas ist tot!“
Mark starrte sie ungläubig an.
Nein… Das ist nicht wahr! Das ist unmöglich!“
Meg hob beschwichtigend die Hände.
„Mark, ich war da, okay…Es ist wahr.“
Er wollte es trotzdem nicht glauben.
„Was?“
„Sie hat versucht abzuhauen.“ erklärte Meg mit zitternder Stimme. „Sie ist im Krankenhaus in den Sarg ihres Onkels gestiegen. Sein Begräbnis sollte in New Orleans stattfinden. Ich weiß nicht… Vielleicht dachte sie, dass sie abhauen könnte, wenn sie erstmal da wäre. Aber dann hat im letzten Moment seine Frau… Al Kennedys Frau hat beschlossen, den Verstorbenen einäschern zu lassen. Aber Annie ist in dem Sarg gewesen und sie…“ Meg schluckte mühevoll die aufsteigenden Tränen hinunter,  „Sie konnten sie nicht rechtzeitig rausholen, Mark! Es war so schrecklich!“
Erschüttert nahm Mark Meg in seine Arme.
„Nein… das ist ja furchtbar… Es tut mir leid …“
Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und ließ ihren Tränen freien Lauf.
„Ja, ich weiß.“ schluchzte sie.
So standen sie einen Augenblick schweigend, dann fragte Mark:
„Hat Ben es schon erfahren?“
Mit tränenverschleiertem Blick nickte Meg.
„Das war das Schlimmste. Es war Ben, der sie gefunden hat.“
Mark schüttelte fassungslos den Kopf.
„Ben muß entsetzlich leiden. Besonders nach dem, was mit seiner Frau passiert ist.“
Meg stutzte einen Augenblick und sah dann erstaunt zu ihm auf.
„Was? Seine Frau? Ben war verheiratet?


Im Java Web war um diese Zeit nicht viel los, also beschloss Mark, eine Pause zu machen. Er holte Meg einen Kaffee und setzte sich zu ihr.
Inzwischen waren ihre Tränen zwar versiegt, doch Marks Bemerkung vorhin ließ ihr keine Ruhe.
„Ich wusste nicht, dass Ben verheiratet war.“ gestand sie. „Woher weißt du es?“
„Ich hab es mal irgendwo gehört.“ Mark hob nachdenklich die Schultern.  „Ich meine, er erzählt ja nie etwas über sein privates Leben.“
Meg seufzte lächelnd.
„Ich weiß. Und wer ist sie?“
„Sie war die Schwester von Ricardo Torres und ihr Name war Maria. Und es heißt, dass sie Bens große Liebe gewesen ist.“ erzählte Mark.
Meg begann nachdenklich in ihrem Kaffee zu rühren.
„Er hat Maria einmal erwähnt, aber… er würde mir nie etwas über sie erzählen.“
Sie schwieg eine Weile, dann blickte sie Mark fragend an. „Was ist aus ihr geworden?“
„Sie ist ertrunken. Es war ein Unfall. Das war vor drei Jahren. Ihre Leiche ist nie gefunden worden. Und Ben ist nie… nie über sie hinweggekommen.“
Meg starrte ihn wortlos an, dann schüttelt sie fassungslos den Kopf.
„Und jetzt ist Annie auch noch tot! Oh Gott!“
Mark nickte betreten.
„Das ist wirklich schrecklich. Und das Schlimme daran ist, dass Annie und Maria die besten Freundinnen waren, und Ben jetzt die zwei wichtigsten Frauen in seinem Leben verloren hat.“
Meg stützte den Kopf in ihre Hände und schüttelte resigniert den Kopf.
„Und ich bin so eine Idiotin! Ich bin so eine egoistische Idiotin!“
Irritiert blickte Mark auf.
„Wieso? Warum sagst du das jetzt?“
„Weil ich…“ Meg suchte krampfhaft nach den richtigen Worten. „Wie lange habe ich diesem Kerl hinterher geheult, diesem SB, einem Menschen, den ich nicht mal persönlich kannte, sondern nur übers Internet! Und jetzt sieh dir Ben an…“
Mark verstand noch immer nicht so recht, worauf sie hinaus wollte.
„Aber…“ begann er unsicher, doch sie unterbrach ihn unbeirrt:
„Er hat zwei Menschen verloren, die er wirklich kannte…. Nein, noch schlimmer, er hat sie geliebt!“ Sie sah Mark bedeutungsvoll an. „Nur das wirkliche Leben zählt.“ Mit diesen Worten stand sie entschlossen auf. „Ich weiß, was ich zu tun habe. Danke, dass du mir von Maria erzählt hast.“



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Wie so oft war Bens Haustür nicht verschlossen.
Zögernd trat Meg ein und blickte sich vorsichtig um.
„Ben? Ben, bist du da?“
Es war alles still.
Sie wollte schon nach oben gehen und dort nach ihm suchen, da fiel ihr Blick auf die geöffnete Verandatür. Kurz entschlossen trat sie hinaus in die mondlichterhellte Nacht, blieb an der Brüstung stehen und sah hinunter zum Meer.
Dort stand jemand, direkt am Ufer, in der Nähe des Piers, und obwohl Meg im fahlen Licht des Mondes nur einen unbedeutenden Schatten erkennen konnte, wusste sie mit einem Mal ganz genau: Das war Ben.
Aber was tat er da unten ganz allein? Trauerte er um Annie? Oder dachte er vielleicht gerade an Maria, seine verstorbene Frau, die im Meer ertrunken war?
Das Meer…
Ein siedend heißer Schreck durchzuckte Meg.
Einer furchtbaren Vorahnung folgend verließ sie die Veranda und rannte so schnell sie konnte hinunter zum Pier. Dort angekommen, blickte sie sich irritiert um.
Ben war nicht mehr da…

Dann plötzlich sah sie ihn, einen kurzen Augenblick lang konnte sie seine Umrisse inmitten der Wellen erkennen.
Was tat er da? Wollte er etwa…
„Ben… Ben, nein!“ schrie Meg entsetzt, doch der Wind und das Rauschen der Meeresbrandung ließen ihre Worte ungehört verhallen.
Ohne zu überlegen lief sie los, mitten hinein ins kalte Wasser, und kämpfte sich mit aller Kraft gegen die Gewalt der Wellen vorwärts, hin zu ihm. Nach ein paar Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit erschienen, hatte sie ihn endlich erreicht.
„Ben!“ schrie sie erneut und griff nach seinem Arm. Nichts erschien ihr in diesem Augenblick wichtiger als er. Mit aller Kraft hielt sie ihn fest, bereit, ihn nie wieder loszulassen.
Da drehte er sich um…
„Ben… Nein! Bleib hier!“

Es war, als hätten Megs Worte in ihm einen Bann gebrochen, der ihn bis zu dieser Sekunde gefangen gehalten hatte.
Plötzlich war alles um ihn herum wieder real, er sah das Meer, das Mondlicht, das die Dunkelheit der Nacht durchdrang und sich in den tanzenden Wogen spiegelte. Er hörte das Rauschen der wilden Brandung, die sich hinter ihm am Ufer und an den Bohlen des Piers brach.
Er spürte den Wind auf seiner nassen Haut, das frische Meereswasser, das seine Kleidung durchdrang. Und er fühlte Megs Nähe, als sie ihn festhielt, spürte, wie sie vor Kälte zitterte, sah die Angst in ihren Augen.
Doch er sah noch etwas anderes in ihrem Blick: Entschlossenheit.
Die Entschlossenheit, um ihn zu kämpfen, ihn nicht gehen zu lassen.

„Meg…“
Der Wind riss ihren Namen von seinen Lippen, bevor er ihn  ausgesprochen hatte, doch das störte sie beide nicht. Plötzlich waren sie einander so nah wie nie vorher.
Seine Hände, vor ein paar Sekunden noch bereit, sie endgültig von sich zu stoßen, umfassten schützend ihre Schultern, während er sie dicht zu sich heranzog.
In ihren Augen spiegelten sich für Bruchteile von Sekunden die Lichterfunken des Meeres und hielten ihn gefangen. Ihre Blicke tauchten ineinander und ließen einander nicht mehr los.
Was in diesem Augenblick mit ihnen geschah, war wie ein Zauber…

Ben spürte, wie der unerschütterliche Wille zu leben seinen Körper zu durchfluten und neu zu beleben schien.
Als sein Mund ihre Lippen berührte, kam es ihm vor, als würde mit diesem einen, innigen Kuss all die Kraft, die diese kleine, zierliche Person ausstrahlte, plötzlich auf ihn übergehen und ihn beflügeln.
Sie vertraute ihm.
Sie war da, hier und jetzt.
Sie war seine Bestimmung…

Als sich ihre Lippen nach einer kleinen Ewigkeit voneinander lösten, sah Meg voller banger Erwartung zu ihm auf.
Was würde er jetzt tun?
Mit einer entschlossenen kraftvollen Bewegung nahm er sie auf seine Arme und trug sie zum Ufer zurück. Dort blieb er kurz stehen. Alle Zweifel, alle Ängste schienen mit einem Mal verflogen.
Plötzlich wusste Ben genau, was er wollte. Ohne sie loszulassen, sah er sie an.
Meg zitterte vor Kälte, doch sie hielt seinem Blick stand.
„Hab keine Angst.“ sagte er leise. „Ich gehe nicht fort. Ich bleibe hier. Bei dir…“
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