Freund und Helfer

GeschichteAllgemein / P12
17.01.2009
15.02.2009
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17.01.2009 2.532
 
A/N: So, da wären wir. Das ist mir heute beim Wohnungsputz in den Kopf gesprungen und hat sich dann nicht mehr verflüchtigt. Es musste einfach raus – und hier ist es nun. Ich glaube das hier wird ein mehrteiliger Ficlet-Spaß über Jayne und darüber, wie es ihr nach ihrer (zweiten) Rückkehr aus New York ergangen ist. Sozusagen ein Zwischenspiel bis ich vielleicht irgendwann mal wieder Zeit und die nötigen Ideen für eine längere Story habe. Schreibt mir was – ich freu mich nicht nur über Lob, sondern auch über Kritik! Und jetzt geht's los!


Kapitel 1 - Notlüge


„If you can't wake up in the morning
'cause your bed lies vacant at night
If you're lost, hurt, tired or lonely
can't control it, try as you might...“
(Robbie Williams – „Something Beautiful“)



„Was genau ist denn passiert, nachdem sie ihre Tankfüllung bezahlt haben?“, fragte Detective Morrison, ein älterer, etwas rundlicher Mann mit einer extravaganten Brille auf der Nase.

„Naa“, meinte ich schulternzuckend, „dieser Typ kam herein, zog blitzschnell eine Pistole und rief irgendwas von Hände hoch und Her mit der Kohle.“

„Und was geschah dann?“

„Irgendwie… hmm“, machte ich und tat so, als wäre das, was ich ihm gleich erzählen würde, das logischste, was in solch einer Situation als nächstes hätte passieren können. Doch der Mann, der schweißgebadet und einem Häuflein Elend gleich an der Kassentheke lehnte, kam mir zuvor.

„Seine Waffe flog ihm aus der Hand.“ Der Tankwart zitterte noch immer und seine Stimme hatte ein nervöses Beben.

„Die Waffe flog aus seiner Hand?“ Das verstand Detective Morrison offensichtlich nicht.

„Sie fiel“, meinte ich also schnell und nickte bekräftigend.

„Ah ja… sie fiel also.“ Morrison notierte sich das auf seinem Notizblock.

„Können wir jetzt gehen, Detective?“, fragte im nächsten Moment Tara, die neben mich trat.

Der Polizist in Zivilkleidung blickte erst zu Tara, dann zu mir. „Tut mir leid“, erwiderte er und winkte einen seiner Kollegen in unsere Richtung. „Officer McCallum“, sprach er denjenigen an. Der nickte kurz, kletterte über die umgeworfenen Warenständer und kam dann auf uns zu. Währenddessen wendete sich der Detective wieder an mich. „Der Officer wird ihre Aussage aufnehmen, Miss Walker. Dazu müssen wir sie bitten, uns aufs Präsidium zu begleiten.“

„Muss das wirklich sein?“, fragte ich etwas missmutig und blickte den Polizist vor mir wenig begeistert an. „Ich hab doch kaum mitbekommen, was passiert ist.“

„Sie waren neben dem bedrohten Tankwart an der Kasse die einzige Zeugin.“ Morrison nickte bekräftigend und sah dann zu seinem deutlich jüngeren Kollegen. „Officer McCallum wird mit ihnen zum Präsidium fahren und dort ihre Aussage protokollieren.“

„Natürlich, Detective“, meinte der jüngere Polizist, nickte kurz in meine Richtung und machte dann eine Geste nach draußen, wo sein Streifenwagen stand. Ich brummelte währenddessen vor mich hin und blickte etwas genervt zu Tara neben mir, während wir uns langsam in Bewegung setzten.

„Benötigen sie meine Zeugenaussage auch, Officer?“, fragte Tara darauf auch gleich. Wir traten nach draußen in die zunehmend dunkler werdende Nacht von San Diego. Ein deutlicher Geruch von Benzin hing in der Luft – wie das an Tankstellen eben so üblich ist.

„Wie ich es verstanden habe, saßen sie während des Überfalls im Auto, Miss… äh…“ Der Dunkelhaarige grübelte offensichtlich über Taras Nachnamen, doch die kam ihm zuvor.

„Welch“, grinste sie, „aber sie können gern Tara sagen.“ Meine Freundin neben mir grinste und ich glaubte zu wissen, warum das so war. Der doch recht gut aussehende Polizist in seiner schicken dunkelblauen Uniform schien mir genau Taras Geschmack zu sein. Und wie ich schon oft genug erlebt hatte, scheute Tara sich nicht, das dem netten Mann auch unter die Nase zu reiben.

„Miss Welch, genau.“ Aber er sah nicht nur nett aus, er war auch noch professionell, lächelte Tara kurz und freundlich an, kam dann aber sofort auf die Arbeit zurück. „Da sie nicht anwesend waren, benötigen wir ihre Aussage nicht. Sicher kann Miss Walker hier uns ihre Personalien angeben, falls wir doch noch Fragen haben.“

„Sicher kann sie das“, meinte Tara mit einem Blick zu mir. „Und scheuen sie sich nicht, mich anzurufen, wenn es doch nötig ist.“

Officer McCallum grinste kurz, stieg dann aber in den Streifenwagen ein. „Können wir, Miss Walker?“, fragte er mich durch die offene Fensterscheibe der Beifahrertür.

„Klar“, meinte ich und war noch immer wenig begeistert von der Idee, mit auf die Wache zu fahren. Eigentlich hatte ich einfach nur vorgehabt, mit Tara in die Stadt zu fahren um in unserer Lieblingsbar einen oder zwei Cocktails zu trinken. Wer hätte denn ahnen sollen, dass die Tankstelle, an der wir hatten tanken wollen, gerade von einem nervösen Kriminellen überfallen wurde? „Wird dann wohl länger dauern“, meinte ich zu Tara, die schon ihren Autoschlüssel aus ihrer Hosentasche kramte.

„Ich glaube es gibt Schlimmeres als mit dem netten Officer auf die Wache zu fahren.“ Sie zwinkerte. „Ruf mich an wenn du fertig bist, dann hol ich dich ab.“ Sie winkte mir noch kurz zu und stieg dann ihrerseits in ihren Wagen ein während ich die Beifahrertür des Streifenwagens öffnete und mich in das weiche Polster fallen ließ.
Sofort fielen mir die zahlreichen technischen Geräte in dem Wagen auf. Das Funkgerät war das einzige Ding, dem ich dabei eine Funktion zuordnen konnte. Die anderen Geräte betrachtete ich kurz, was der Officer offensichtlich bemerkte. Er warf mir einen Blick zu, den ich nicht ganz deuten konnte. Vielleicht war er etwas missbilligend weil mich die Ausstattung eines Polizeiautos ja eigentlich nichts anging. Also lehnte ich mich wieder zurück und bemühte mich, möglichst uninteressiert auszusehen.

„Ist für sie das erste Mal in einem Streifenwagen, oder?“ Er warf mir einen Seitenblick zu.

„Merkt man offensichtlich“, erwiderte ich knapp und wendete meinen Blick kurz darauf nach draußen, wo die mittlerweile leeren Straßen der Vororte San Diegos an uns vorbei rasten. Es war jetzt fast dunkel und ich wäre um einiges lieber zuhause oder im Honolulu  - der besagten Cocktailbar – gewesen, als hier in diesem Streifenwagen. Ich musste gähnen.

„Es ist ziemlich erstaunlich“, begann der Officer neben mir in diesem Moment wieder, „dass sie gar nicht wirken, als hätte man sie vor noch nicht mal einer halben Stunde mit einer Waffe bedroht.“ Wieder ein Seitenblick, dieses Mal sah er etwas kritisch aus.

Man gewöhnt sich dran, wollte ich eigentlich erwidern, besann mich dann aber eines Besseren. Schließlich konnte ich dem Polizisten neben mir wohl schlecht erzählen, dass ich im letzten halben Jahr nicht nur mehrmals mit einer Waffe bedroht worden, sondern außerdem in der Gewalt gleich zwei größenwahnsinniger Irrer mit abgefahrenen Fähigkeiten gewesen war. „Hm… also…“, stotterte ich und blickte zu dem Polizisten, „das ist wahrscheinlich der… äh, Schock.“ Wenig überzeugend, dachte ich im selben Moment. „Oder auch nicht. Aufgrund meiner Ausbildung kann ich recht gut mit Stresssituationen umgehen.“ Ah ja. Schon besser, dachte ich und klopfte mir gedanklich auf die Schulter.

„Mhm“, machte Officer McCallum und nickte leicht, während er auf den Parkplatz des Polizeipräsidiums einbog und sich eine Parklücke suchte. Im nächsten Moment stieg er aus dem Wagen, übergab ihn einem Kollegen und bedeutete mir, ihm in das Gebäude zu folgen. Etwas unschlüssig folgte ich ihm erst durch den Hintereingang in einen breiten Flur und dann in ein kleines Büro, das von einem größeren direkt daneben durch eine Glasscheibe abgetrennt war. In dem größeren Büro saßen mehrere Beamte und warfen McCallum und mir ein paar Blicke zu als wir das Büro betraten. McCallum bedeutete mir, dass ich mich auf den Stuhl direkt vor seinem Schreibtisch setzen sollte. Er selbst dagegen setzte seine Kopfbedeckung ab und legte sie auf den Schreibtisch. Zum Vorschein kamen dunkelbraune, etwas strubblige Haare. „Wollen sie ‘nen Kaffee?“, fragte er dann, woraufhin ich nur ein „Mit Milch, wenn sie haben“ erwiderte. Falls das hier wirklich länger dauern würde, brauchte ich nicht nur einen. „Einen Moment, bitte.“ Er ging nach drüben in das größere Büro. Sofort hörte ich Stimmen, konnte aber nicht verstehen, was sie sagten. Während McCallum uns also Kaffee besorgte und sich wahrscheinlich schon überlegte, welche seiner blöden Fragen er mir zuerst stellen könnte, haderte ich mal wieder mit meinem Schicksal und fragte mich, warum immer ich in solche blöden Schlamassel geraten musste. Natürlich war dem Räuber in der Tankstelle die Waffe nicht einfach so aus der Hand gefallen. Ich hatte ein wenig nachgeholfen, weswegen das blöde Ding letztlich tatsächlich unter einem Zeitungsregal gelandet war. Aber was hätte ich denn stattdessen tun sollen? Den Räuber mit den Tageseinnahmen der Tankstelle davon kommen lassen? Die blöden Fragen des Officers musste ich so oder so über mich ergehen lassen. Es war allein die Schuld des Räubers, dass ich jetzt hier saß und nicht zusammen mit Tara einen netten Long Island Ice Tea genießen konnte.

Schon im nächsten Moment betrat McCallum wieder den Raum. Er stellte einen von zwei Kunststoffbechern auf den Schreibtisch vor mich, den anderen behielt er in der Hand während er seinen Rechner anwarf und den Monitor einschaltete.

„Danke“, murmelte ich nur, blickte zuerst auf das braune, dampfende Getränk in dem Becher und dann auf den Mann, der mir gegenüber saß. Eine Sekunde später befielen mich Erinnerungen an eine andere Person mit der ich des Öfteren bei wichtigen Gesprächen einen Kaffee getrunken hatte. Ich schluckte schwer und lenkte meinen Blick auf den Officer mir gegenüber.

„Dann legen wir einfach los, würde ich sagen“, begann er und nippte an seinem Kaffee. „Ihren vollständigen Namen und ihr Geburtsdatum, bitte.“

„Jayne Anna Walker, geboren am zehnten Dezember 1979… hören sie, wird das hier sehr lange dauern?“ Ich war wirklich ungeduldig aber das lag wohl auch daran, dass ich mich hier ganz und gar nicht wohl fühlte. Es war schließlich noch immer eine Polizeiwache und das war einer der Orte, an denen man möglichst wenig Zeit verbringen sollte.

„Es dauert so lange wie es eben dauert“, erwiderte der Officer und tippte etwas auf seiner Tastatur ein. Ich brummte derweil etwas angesäuert. So eine dämliche Antwort aber auch. „Und jetzt gehen wir erst alles noch mal durch. Erzählen sie mir noch mal genau, wie alles abgelaufen ist. Von dem Moment an, als sie die Tür zum Tankstellengebäude geöffnet haben.“

Ich seufzte gelangweilt. „Also gut… erst mal passierte gar nichts. Ich hatte für zirka zwanzig Dollar getankt während Tara im Auto saß und telefoniert hatte. Ich ging also in den Tankstellenshop, kaufte noch eine Packung Kaugummi und bezahlte bei dem Kassierer. Gerade als er mir mein Wechselgeld wieder geben wollte, öffnete sich die Tür und ich starrte eine Sekunde später in die Mündung einer Waffe.“

„Hat der Täter irgendetwas gesagt?“, unterbrach McCallum mich in meinen Ausführungen. „Hatte seine Stimme irgendetwas Besonderes? Einen Akzent oder ähnliches?“

Ich überlegte kurz. „Er hat ja nicht viel gesagt… nur, dass wir die Hände hochnehmen müssten und der Kassierer die Tageseinnahmen rüberwachsen lassen soll. Und an den paar Worten konnte ich nichts Besonderes hören außer der Nervosität in seiner Stimme.“ Ich erinnerte mich, dass seine Stimme tatsächlich flatterte, wie wenn jemand sehr aufgewühlt und nervös ist, aber das war in solch einer Situation ja nichts Ungewöhnliches.

„Was passierte dann?“

„Na ich hab die Hände hoch genommen und der Kassierer begann zu zittern. Und dann war alles ganz schnell vorbei. Dem Täter fiel seine Pistole aus der Hand und…“ Ich stockte kurz. „Na ja… das Ding schlitterte eben über den Boden und landete unter dem Zeitungsregal. Und da hat der Täter offensichtlich Panik bekommen und ist so schnell verschwunden wie er gekommen war.“

McCallum nickte. „Und sehen sie – genau das ist der Teil mit dem wir Probleme haben.“ Er zuckte mit den Schultern und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wenn sie eine solche Waffe, wie wir sie am Tatort gefunden haben, fallen lassen, bleibt sie an einem Ort liegen. Wie kam sie also von dem Ort wo sie standen – also direkt vor der Kasse – an einen Ort, der zweieinhalb Meter entfernt ist – unter das Zeitungsregal? Sie haben sie doch nicht dort hin gelegt, oder?“

„Natürlich nicht“, sprach ich mittlerweile etwas sauer aber auch bemüht darum, mir eine Ausrede einfallen zu lassen. Plötzlich fiel mir tatsächlich etwas ein. Eine Notlüge. Was hätte ich auch sonst tun sollen? „Ich hab… ähm, die Waffe dahin gekickt. Sie ist runter gefallen und damit der Täter sie nicht wieder aufheben konnte hab ich sie weg gekickt. Wie im Fernsehen.“

„Davon höre ich jetzt das erste Mal.“

Weil ich es mir gerade erst ausgedacht hab, du Blödmann, hätte ich am liebsten geantwortet. Doch ich räusperte mich nur. „Das ist mir auch gerade erst wieder eingefallen. Ich hab in dem Moment gar nicht darüber nachgedacht, deswegen hatte ich es wohl vergessen.“ Das war ja so glaubwürdig.

„Also gut.“ Er notierte etwas. „Was geschah dann?“

„Ich hab die 911 gerufen?“, erwiderte ich fragend und bedauerte diese Tatsache bereits, andernfalls würde ich jetzt nämlich gemütlich im Honolulu sitzen, mich mit Tara über halb San Diego lustig machen und mich somit von diesen dämlichen Dingern, die man Gefühle nennt, ablenken.

„Richtig…“, murmelte Officer McCallum und kritzelte weiter auf seinem Notizblock herum. Mein Blick fiel dabei auf seine Waffe, die nicht mehr an seinem Gürtel befestigt war, sondern stattdessen im Holster auf dem Schreibtisch lag. Irgendwie hätte ich in diesem Moment schon gern mal gewusst, wie es sich überhaupt anfühlt, so ein Ding in der Hand zu haben. Ungewollt wusste ich in meinem Kopf, wie sich das kalte, harte Metall in meiner Hand anfühlen würde. Erschrocken sah ich plötzlich, dass die Waffe sich ruckartig auf dem Tisch bewegte. Ich riss die Augen auf und konzentrierte mich augenblicklich auf Miss Gluck, meine Englischlehrerin in der vierten Klasse – nur um nicht an die Waffe und den Wunsch denken zu müssen, sie zu berühren.

McCallums Blick schnellte im selben Moment über den Schreibtisch. Offensichtlich hatte er im Augenwinkel eine Bewegung mitbekommen. Einen Augenblick lang beäugte er seine Waffe, dann mich. Ich bemühte mich derweil um meinen Unschuld-vom-Lande-Blick. Es klappte. Er sah wieder auf seinen Notizblock. Das musste ich unbedingt noch in den Griff kriegen.

„Also gut, Miss Walker“, begann der Officer erneut, „ich glaube ich kann ihre Aussage so aufnehmen.“ Entweder ich bildete es mir wirklich nur ein oder der Typ sah mich wirklich etwas ungläubig an. Als hätte er selbst eine bessere Erklärung für das, was passiert war. Aber die konnte er gar nicht haben. Wie auch?

„Das heißt ich kann gehen?“

„Vorerst, ja. Dennoch bitte ich Sie, mir ihre Telefonnummer und die von Miss Welch hier zu lassen. Wir werden ihre Aussage natürlich mit der des Tankwarts abgleichen und sie informieren, falls sich noch mehr Fragen ergeben.“ McCallum sah mich eine Sekunde an, dann fiel sein Blick auf das Telefon. „Möchten sie ihren Partner oder sonst jemanden anrufen, der sie abholen kann?“

„Ich habe keinen Partner“, meinte ich zugegebenermaßen ziemlich frostig und war dabei von mir selbst etwas erschrocken. Seine Frage war ja wohl kein Grund für mich, so zu reagieren. „Ich würde Tara anrufen, wenn’s recht ist“, sprach ich dann etwas kleinlaut.

„Sicher.“ Er nickte, stand dann auf und ging in das größere Büro während ich den Telefonhörer abnahm und schnell Taras Handynummer wählte. Sie ging auch gleich ran und meinte, dass sie in zirka fünfzehn Minuten da wäre um mich dann Heim zu fahren. Das war mir mehr als Recht. Wenigstens könnten wir dort in Ruhe über die ganze Sache reden.
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