Der falsche Feind

GeschichteDrama, Angst / P12
17.01.2009
23.01.2009
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Kapitel 2: Abschied für immer?

Jillian arbeitete im Videoüberwachungsraum an der Neuprogrammierung einer Kamera. Sie war alleine hier, als sich die Tür öffnete und Ryan eintrat. Als sie ihn sah, ging sie zu ihm und begrüßte ihn herzlich lächelnd mit einem Kuß, weil es niemand sehen konnte. Sein ernster Gesichtsausdruck war so undurchdringlich wie immer, wenn sie auf der Arbeit waren. Als sie sein Zögern bemerkte, sagte sie lächelnd: „Das hat ganz sicher niemand gesehen.“

Er schwieg und schüttelte den Kopf. Er konnte es ihr nicht sagen, und doch mußte er. Es wäre sonst unfair ihr gegenüber. Er nahm sich einen Stuhl und ließ sich kraftlos darauf fallen. Jillian sah ihm an, daß etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, denn er behielt auf der Arbeit stets seine unantastbare Fassung. Privat konnte er ganz anders sein, zärtlich, ideenreich und er blendete die Arbeit komplett aus, wenn sie zusammen waren.

Doch jetzt befürchtete sie, er wolle die Beziehung beenden, weil sie eine zu große Gefahr darstellte. Doch Ryan hatte etwas ganz anderes auf dem Herzen. Zögernd suchte er ihren Blick, kaum in der Lage, diesem stand zu halten. Seine Stimme war brüchig. „Ich hatte gerade ein Gespräch mit Jack… der Terrorist Saunders hat wieder eine Forderung gestellt…“ Er zögerte, weil er die Tatsache, die er selbst noch nicht glauben konnte, nicht über die Lippen bringen wollte.

Sie wurde unruhig. „Ryan, was ist los?“

Er atmete tief durch und schüttelte traurig den Kopf. „Er verlangt meinen Tod.“

Jillian war geschockt, ein heftiger Stich fuhr ihr in die Brust. „Was…? Das kann doch nicht wahr sein“ stammelte sie, „was hat der denn mit dir zu tun?“

Ryan blickte weiterhin zu Boden, nicht fähig, ihren Blick zu erwidern. „Ich hab keine Ahnung. Ich weiß nur, daß wir ihn so schnell wie möglich erwischen müssen, weil… das Ultimatum um sieben Uhr abläuft.“

Sie sah auf ihre Uhr und riß die Augen auf. „In einer halben Stunde?“ rief sie entsetzt. „Nein, das lasse ich nicht zu! Wer hat dieser Forderung denn zugestimmt?“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die Angst strömte mit jedem Schlag ihres Herzens durch ihren Körper.
Nun stand Ryan auf und nahm sie in den Arm. Ein Zeichen für sie, daß die Situation wirklich ernst war, denn es konnte jederzeit jemand herein kommen.

Sein vertrauter Geruch stieg ihr in die Nase und sie begann zu weinen, während sie die Arme um ihn schlang. Sie schob ihre eiskalt gewordenen Hände unter sein Jackett und krallte sich in seinem Hemd fest. Auch für ihn war es schwer, angesichts dieser Situation standhaft zu bleiben. Er konnte sie nicht leiden sehen, das war fast noch schlimmer als seinen eigenen Tod vor Augen zu haben. „Der Präsident hat eingewilligt und Jack befohlen, mich zu töten, wenn wir Saunders bis dahin nicht gefaßt haben.“
Seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern.

„Aber in einer halben Stunde ist das doch völlig unmöglich!“ Jillian konnte sich kaum noch beherrschen. Der Gedanke, Ryan in so kurzer Zeit zu verlieren, wo er ihr die letzten Wochen so viel Liebe entgegengebracht hatte, war unerträglich. Er schloß seine brennenden Augen und vergrub das Gesicht in ihren Haaren, atmete tief ihren Duft ein. Vielleicht war es das letzte Mal…

„Unsere Leute arbeiten mit Hochdruck daran und Jack wird alles versuchen, glaub mir!“

Doch insgeheim hegte auch er wenig Hoffnung. Er war Regierungsbeamter und somit nicht wie ein gewöhnlicher Zivilist zu behandeln. Und der Präsident schien keine andere Möglichkeit zu haben. Ryan verstand das sogar, doch den Tod so dicht vor Augen zu haben, verdrängte jegliche Vernunft.
Er wollte nicht sterben…

In diesem Moment ging die Tür auf und Jack stürmte herein. Als er die beiden erblickte, stutzte er und wirkte sehr überrascht. Doch die eilige Lage ließ ihn sofort zur Sache kommen. „Wir haben ihn!“ rief er und kam auf sie zu. Auch seine Stimme klang ein wenig aufgeregt, aus Freude, nicht zum Mörder gemacht worden zu sein. „Saunders hat vor kurzem von einer Wohnung hier in der Stadt aus telefoniert und eine Überweisung getätigt. Wir haben ihn über seine Bank ausfindig gemacht. Tony stellt sofort ein Sonderkommando zusammen, welches sich der Wohnung unauffällig nähert und dann stürmt.“

Ryan starrte mit offenem Mund an die Decke und atmete tief durch. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Dann blickte er seinen Kollegen an. „Ich danke Ihnen Jack, Sie haben beste Arbeit geleistet!“

Jillian fragte, da Jack es bereits ohnehin aufgefallen war, daß etwas zwischen ihnen lief. „Bist du damit außer Gefahr?“

Er sah Jack an, der antwortete: „Wir müssen trotzdem zum Güterzugdepot, jetzt gleich. Tony hat uns einen Helikopter bereitstellen lassen für den Fall… daß der Übergriff schief geht.“

„Was soll denn da schief gehen?“ fragte sie aufgeregt. Einen Moment lang sah Ryan Jack skeptisch an, doch er sah es schließlich ein. Als er sich Jillian zuwandte und diese seine Hände ergriff, ging Jack zur Tür. „Ich warte draußen.“

Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, sprudelten die Worte aus der jungen Frau heraus. Sie flehte ihn an. „Aber wir haben ihn doch so gut wie. Warum mußt du trotzdem an diesen schrecklichen Ort?“

Ryan versuchte sie zu beruhigen und nahm ihren Kopf zwischen die Hände. „Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, damit Saunders Komplizen vorher nichts ahnen, wenn wir nicht dort auftauchen.“ Er schloß die Augen und küßte sie. Ihm war klar, daß es doch noch schief gehen konnte, aber das wollte er ihr nicht sagen. „Ich muß jetzt los, aber wir sehen uns wieder. Versprochen!“ Er beugte sich vor und flüsterte leise in ihr Ohr: „Ich liebe dich!“

Dann drehte er sich langsam um und ging zur Tür, der Kloß in seinem Hals schmerzte.

„Bitte halte dein Versprechen und komm zu mir zurück“ sagte sie mit tränenerstickter Stimme. Ryan preßte die Lippen zusammen und schloß die Tür hinter sich. Er konnte nicht noch einmal zurückblicken.

Der Hubschrauber war auf dem Dach des CTU-Gebäudes gelandet. Als Jack und Ryan durch die Tür hinaustraten, glühte der Himmel in einem wunderschönen Morgenrot. Die Sonne zeigte sich bereits ein kleines Stück über dem Horizont. Es war von hier aus ein gigantisches Bild über die Stadt und Ryan hoffte inständig, daß das nicht sein letzter Sonnenaufgang war, den er erleben durfte.

Als sie auf den stehenden Heli mit den laufenden Rotoren zuliefen, rief eine Stimme hinter ihnen: „Jack!“

Beide drehten sich um und sahen ihren Teamkollegen Chase auf sie zulaufen. „Tony hat gesagt, du kommst nicht mit zu Saunders Wohnung?“ rief er gegen den Rotorenlärm, während er angelaufen kam.

Jack zögerte mit einer Antwort, deshalb ergriff Ryan für ihn das Wort. „Ich habe ihn angewiesen, sich einer Vernehmung zu unterziehen, die jetzt gleich stattfinden soll.“

Chase sah ihn an. Auch er hatte eine lange Schicht hinter sich und konnte seinen Ärger nicht mehr zügeln. „Wissen Sie was? Sie können anderen nur das Leben schwer machen! Wir brauchen unsere besten Leute für diesen Einsatz und Sie legen uns mit Ihrem Bürokratenscheiß lahm!“

„So lautet die Anweisung“ sagte Ryan kurz, drehte sich um und stieg in den Hubschrauber. Ob er nun überzeugend geklungen hatte, war ihm in diesem Moment egal. Auch seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

„Was ist hier los, Jack?“ wollte Chase wissen. Jack sah ihn eindringlich an. Er konnte ihm nicht sagen, was los war, deshalb sagte er nur: „Konzentriere dich auf deinen Einsatz!“

Mit diesen Worten stieg auch er in den Hubschrauber und ließ Chase etwas irritiert zurück. Doch dann machte er sich sofort auf den Weg zu diesem wichtigen Einsatz.

Es war bereits

6.45 Uhr

als Chase und sein Kollege Baker sich der Wohnung näherten, in der sie Saunders vermuteten. Von einer Tiefgarage gegenüber beobachteten sie drei Wachleute, die vor dem Haus auf und ab gingen.

„Wie sollen wir an ihn rankommen?“ fragte Baker. „Wenn wir nicht alle Wachen gleichzeitig überwältigen, werden sie ihn warnen.“

„Ich werde Team B bescheid sagen, dann schaffen wir es“ antwortete Chase und orderte über sein Handy die Kollegen dazu. „Beeilt euch und verhaltet euch unauffällig!“



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