Glucke

von aislingde
GeschichteRomanze / P12
Henry Fitzroy Vicki Nelson
08.01.2009
08.01.2009
1
659
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Wieso mussten Männer immer von der Seite angreifen? Dank des Tunnelblickes konnte Vicki die Bewegung nur erahnen. Der Schlag traf ihr Kinn.

Vicki taumelte zur Seite und versuchte verzweifelt, ihr Gleichgewicht zu halten und nicht vom Dach der chinesischen Wäscherei zu fallen.

Doch ein weiterer Schlag, den sie wiederum nicht gesehen hatte, trieb sie noch weiter nach hinten. Ihr nächster Schritt ging ins Leere.

„VIIIICKI!“ Henry hatte seinen Gegner niedergestreckt und kam näher, versuchte, nach ihrer Hand zu greifen.

Vicki ruderte verzweifelt seine Finger zu packen, doch es war zu spät, sie fühlte, wie sie fiel. Es war keine Zeitlupe, wie es in Büchern geschildert wurde, sondern plötzlich wurde alles viel schneller: der Sturz, der amüsierte Blick des Mannes und das Flackern des Lichts der Werbetafel, an der sie vorbei stürzte.

Die Landung war rau, doch ohne Henry wäre sie matsch gewesen. Er hatte sie aufgefangen.

Als er sie los ließ, drehte sich alles um sie, doch Vicki weigerte sich, hin zu fallen.

Sie atmete tief ein, dann ging es besser.

„Was hast du dort oben gemacht?“

„Ich wollte dir helfen.“

Wo Vicki es aussprach, hörte es sich idiotisch an. Henrys Lächeln sagte ihr, dass es sich nicht nur so anhörte, sondern ihre ganze Aktion auch idiotisch gewesen war. Deswegen verteidigte sie sich.

„Mike hat mich angerufen. Er hat den Obduktionsbericht vorliegen. Das Messer war mit südamerikanischem Pfeilgift benetzt.“

„Danke. Ich hatte nicht vor, mich stechen zu lassen. Sie waren unter meinem Einfluss, bis du durch die Dachluke kamst.“

„Hast du etwas herausfinden können?“

Vicki kramte in ihrer Handtasche, bis sie die Süßigkeiten gefunden hatte, die hatte sie sich jetzt verdient.

„Nichts, wir wurden leider unterbrochen – von dir.“

Henry sah richtig verärgert aus. Jeder andere hätte vor einem sauren Vampir die Flucht ergriffen, aber Vicki sah das nicht ein.

„Sie sind Handlanger von Colin de Satro. Er ist ein südamerikanischer Drogenhändler und laut Mike hat er nichts mit Dämonen zu tun."

Seufzend ging Henry los. Vicki folgte ihm. „Wo willst du hin?“

„Nach Hause, wie du weißt, drängt mein Verleger auf den Abgabetermin. Nur deinetwegen habe ich überhaupt den Schreibtisch verlassen.“

„Henry!“

Er wirbelte herum. Es war für Vicki zu dunkel, um mehr als Umrisse zu erkennen, aber sie wusste, dass seine Augen schwarz waren.

„Was ist?“ Er knurrte leise.

„Danke“, Vicki räusperte sich und trat einen Schritt näher. Er war unter einer Leuchtreklame stehen geblieben, so dass sie jetzt seine Gesichtszüge erkennen konnte. „Ohne dich wäre ich jetzt tot oder hätte mir alle Knochen gebrochen.“

Henrys Miene wandelte sich, die Augen sahen wieder menschlich aus und seine Mundwinkel hatten sich zu einem amüsierten Lächeln angehoben.

„Das stimmt.“ Henry hob seine Hand und zeichnete mit seinen Fingerspitzen ihre Lippen nach. Vicki spürte die Kühle seiner Haut. „Aber wenn du versuchst, wie eine Glucke auf mich aufzupassen und dich dabei selbst in Gefahr begibst, muss ich dich doch retten.“

Sein Lächeln vertiefte sich und er beugte sich vor. Unwillkürlich kam Vicki ihm entgegen.

Bevor ihre Lippen sich berührten, klapperte es laut.

Vicki drehte sich herum und sah einen Schatten, der in einer schmalen Gasse verschwand.

„Das war eine Katze“, war Henrys trockener Kommentar. „Sie hat einen Mülldeckel runter geschmissen.“

Der magische Moment war vorbei.

„Dann mach ich mich auf den Heimweg. Coreen will Feierabend machen.“

Vicki lächelte entschuldigend. Auch Henry lächelte.

„Auf mich wartet die Arbeit. Du meldest dich, wenn was ist?“

Sie nickte. Und von einem Lidschlag zum nächsten war Henry verschwunden.




Ende
Review schreiben