Blutdurst

von aislingde
GeschichteAbenteuer / P12
Coreen Fennel Dr. Rajani Mohadevan Henry Fitzroy Kate Lam Mike Celluci Vicki Nelson
02.01.2009
07.03.2009
12
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02.01.2009 1.495
 
„Sie trug Handschuhe!“
Henrys Ausruf schreckte Mike aus einem unruhigen Schlaf hoch. Statt auf der Couch zu sitzen, lag er auf ihr und Henry hatte eine Decke über ihn gebreitet.
Mike rieb sich die Augen und sah Henry an seinem Schreibtisch sitzen, wo er mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit zeichnete.
Dann stand er vor Mike und reichte ihm eine Skizze.
Er hatte die Harpyie gezeichnet.
Mike blinzelte, dann sah er sich die Zeichnung genauer an.
Henry hatte den Augenblick eingefangen, als die Harpyie ihn mit dem Kreuz bedrohte. Dabei trug sie dunkle Handschuhe, auf die der Vampir deutete.
„Deswegen hatte ich keine Angst vor Ihrer Berührung.“
„Warum trug sie die Handschuhe? Musste sie ihre Verletzung verbergen?“
„Das glaube ich nicht, nachdem sie sich verwandelt hatte, war der Flügel unversehrt. Es muss etwas anderes sein.“
Henrys Argument erschien logisch und Mike nickte.
„Was…“ Er zögerte, konnte das wirklich die Lösung sein? Es wäre so einfach, fast schon zu einfach.
„Meistens sind die unwahrscheinlichsten Ideen die richtigen. Was spukt in deinem Kopf herum?“
„Als Polizist habe ich gegenteilige Erfahrungen gemacht“, konterte Mike. Er grinste, dann sprach er seinen Verdacht aus. „Was, wenn sie auf Silber allergisch reagiert und sie deswegen die Handschuhe trug. Wenn der Pfeil, mit dem damals die andere Harpyie getötet wurde auch aus Silber war?“
„Dann haben wir eine ganz einfache Methode, sie zu besiegen. Wir lassen morgen Coreen diese Theorie überprüfen und sehen nach Einbruch der Dämmerung weiter. Mit etwas Glück findest du auch noch ihren Namen heraus und dann können wir gegen sie vorgehen.“
Mike barg den Kopf in seine Hände.
„Solange wir nur versuchen, dich zu schützen, habe ich keine Probleme, aber so wie du das ausdrückst, habe ich den Eindruck, Jäger, Ankläger, Richter und Henker in einem zu sein. Verdammt, Henry! Ich bin Polizist und kann nur ersteres.“
„Schau mich an.“
Mike blickte hoch und sah Henry in die Augen. Er hatte nichts Vampirisches an sich. Und doch strahlte er Macht aus.
„Ich bin der Sohn von Heinrich VIII und habe schon Urteile gefällt, bevor ich ein Vampir wurde. Du findest sie und um den Rest kümmere ich mich.“ Sein Tonfall war endgültig.
Ein Schaudern durchfuhr Mike. Er war sicher, dass Henry hart und gerecht urteilen würde, doch er würde es nicht nach kanadischem Recht tun.
Dann dachte er daran, dass die Harpyie für zwei Tote in Toronto verantwortlich war. Mike wollte nicht wissen, wie viele Menschen sie im Namen ihres Gottes in den letzten Jahrtausenden getötet hatte.
„Damit werde ich leben können.“
Henry neigte fast unmerklich seinen Kopf.
„Kannst du morgen früh bei Coreen nachfragen, ob sie für dich silberne Kugeln besorgen kann?“
„Ich habe noch ein Magazin in meinem Wohnzimmerschrank. Ich fahre vor der Arbeit bei mir vorbei und hole es.“ Mike fuhr mit den Fingern durch seine Haare. „Wenn ich morgen halbwegs fit sein will, sollte ich jetzt noch einige Stunden schlafen.“
„Und ich muss noch arbeiten. Wenn dich das Licht der Schreibtischlampe nicht stört, dann kannst du auf der Couch bleiben. Ansonsten kann ich dir auch noch mein Bett anbieten.“
Henrys Lächeln konnte Mike nur als teuflisch bezeichnen. Und der Gedanke, dass Henry kurz vor der Morgendämmerung auch ins Bett kommen würde, ließ nur eine Antwort zu: „Ich nehme die Couch, danke. Wenn du in ein warmes Bett kriechen möchtest, dann solltest du dir eine Heizdecke besorgen, ich werde es dir nicht anwärmen.“
Henry grinste und verschwand im Schlafzimmer. Argwöhnisch sah Mike ihm hinterher und als Henry einen Augenblick später mit einem Kissen in der Hand zurückkam, atmete er unwillkürlich auf.
„Damit man mir nicht nachsagt, ein schlechter Gastgeber zu sein. Gute Nacht, Mike.“
„Nacht, Henry.“
Mike nahm das Kissen, legte es auf die Couch. Anschließend verschwand er ins Badezimmer, um sich umzuziehen.

Als er wenige Minuten später zurückkam, saß Henry an seinem Schreibtisch und zeichnete. Kaum hatte Mikes Kopf das Kissen berührt, da war er schon eingeschlafen.


Als Mikes Wecker im Handy am nächsten Morgen klingelte, waren die Rollos unten, doch in der Küche war Licht und es duftete verheißungsvoll nach Kaffee.
„Guten Morgen, Mike.“ Vicki kam aus der Küche und sah ausgeschlafen aus. Zu ausgeschlafen für Mikes Geschmack, der noch gegen seine Müdigkeit kämpfte.
„Morgen, Vicki“, kam es von ihm nicht wirklich freundlich zurück. „Alles in Ordnung?“, fügte er noch hinzu, um nicht zu brummig zu wirken.
„Ja“, sie lächelte. „Bevor Henry zu Bett gegangen ist, hat er mir noch von eurem Erfolg erzählt. Wie gehst du vor, wenn du anhand des Handys die Identität der Harpyie herausgefunden hast?“
„Nach Vorschrift. Die kennst du genau so gut wie ich, nein, besser, weil du damals für deine Extratouren immer Schlupflöcher gefunden hast.“
Mike setzte sich auf und fuhr sich durch die Haare. Er musste dringend duschen und ein Kaffee wäre auch nicht schlecht. Danach wäre er eventuell aufnahmefähig.
„Bekomme ich eine ausführliche Antwort, wenn ich dir den Kaffee ans Bett bringe?“
Vicki war nicht verärgert, sondern eindeutig amüsiert.
Wie konnte jemand um diese Uhrzeit schon so gut gelaunt sein? Selbst für Vicki, besonders für Vicki war diese gute Laune ungewöhnlich.
Mike sah sie misstrauisch an.
„Was willst du? Nicht, dass ich dein Angebot ablehnen würde, aber du bist in der letzten Zeit nur so nett zu mir, wenn da irgendein Haken ist.“
„Wir arbeiten zusammen, sind sozusagen ein Team und du hast die Doppelbelastung, weil du auch noch deine normale Schicht arbeiten musst.“ Vicki zuckte mit den Achseln. „Manchmal will ich auch nett zu dir sein. Du bist ein guter Freund.“
Nur ein guter Freund. Es tat weh. Doch Mike schaffte es, sich zu einem Grinsen zu zwingen.
„Das hör ich gerne, aber kannst du mich bitte damit verschonen, bis ich halbwegs wach bin?“
„Sicher doch. Willst du deinen Kaffee mit Milch?“ Vicki drehte sich um und ging zurück in die Küche.
„Ich habe meine Trinkgewohnheiten in den letzten Monaten nicht geändert. Milch, aber bitte nicht zu viel!“, rief Mike hinter ihr her. Dann suchte er seine Sachen zusammen und ging ins Bad.
Erstaunt musterte er Henrys Sammlung an Flaschen, Tuben und Tiegeln. Er hatte mehr als jeder normale Mann. Selbst Vicki hatte nur halb so viele Behälter in ihrem Bad stehen.
Mike schüttelte angesichts dieser zur Schau gestellten Eitelkeit den Kopf und fragte sich, wie viel Zeit Henry im Bad verbrachte, um all diese Schönheitsmittelchen anzuwenden. Es war ein Wunder, dass er es im Sommer mit den kurzen Nächten überhaupt schaffte, seine Wohnung zu verlassen.

Eine halbe Stunde später fühlte Mike sich viel besser. Er hatte sich die Zeit genommen, nicht nur seine Haare zu waschen, sondern sie auch noch zu föhnen – einfach, um Vicki länger aus dem Weg zu gehen.
Er war noch nicht wach genug, um sich ihren Fragen zu stellen.
Den Kaffee würde er noch trinken können, dann musste er aber auch schon los, um nicht zu spät zur Schicht zu kommen.
Vickis Gesichtsausdruck, als er ins Wohnzimmer zurückkam, sagte alles. Sie kannte ihn lange genug, um seine Vermeidungstaktiken zu durchschauen.
Trotzdem reichte sie ihm eine Tasse Kaffee.
Nur das Lächeln wollte ihr nicht so recht gelingen.
„Danke.“ Mike setzte sich auf die Couch und inhalierte den Duft, bevor er trank. Das tat gut.
Vicki hatte die Wartezeit nicht untätig rumgesessen. Sie hatte den Ordner mit Keepers Veröffentlichung vor sich liegen und ihn auch schon größtenteils durchgearbeitet. Dazu hatte Mike noch gar keine Zeit gehabt.
„Und? Wie ist es?“
„Gut recherchiert, aber zu reißerisch geschrieben.“ Auf Mikes fragenden Blick zuckte Vicki mit den Achseln. „Er mokiert und amüsiert sich gleichermaßen über die alten Opferkulte. Aber auch die jungen Religionen, wie das Christentum und der Islam werden nicht von spöttischen Seitenhieben verschont. Ich finde es unterhaltsam, aber gläubige Menschen, wie unsere Harpyie, sind zu recht verärgert. Aber es ist noch lange kein Grund, den Autor zu ermorden.“
Mike blickte auf die Uhr und stellte fest, dass er los musste. Er leerte die Tasse, stand auf und griff nach seinem Jackett und der Handtasche, die er in einer Plastiktüte untergebracht hatte.
„Wenn ich Dr. Mohadevan noch vor Schichtbeginn die Federn geben will, dann muss ich jetzt los.“
„Sie wird angesichts dieser exotischen Beweislage vollkommen begeistert sein.“
„Das befürchte ich auch“, stimmte Mike ihr zu. „Bis heute Abend.“
Er wollte zur Tür hinaus, als Vicki ihn rief.
„Mike?“
Er blickte sie an und fühlte, dass er am liebsten zu ihr gehen und sie zum Abschied küssen wollte. Er zwang sich, es nicht zu tun.
„Ja?“
„Kannst du es mit deinen Vorschriften vereinbaren, mich zu informieren, wenn es zu einem Zugriff gekommen ist?“
„Es wird keinen Zugriff geben, weil es bisher noch keinen Beweis gibt, dass die seltsame Todesursache Mord und keine heimtückische Krankheit ist. Wir werden höchstens ein informatives Gespräch mit ihr führen. Sei dir sicher, dass ich dir anschließend alle Details erzählen werde.“
Vicki nickte.
„Wenn es der Fall sein sollte, dann pass auf dich auf. Ich will nicht, dass sie dich berührt und deine Lebensenergie aussaugt.“
„Wer will das schon? Ich werde vorsichtig sein.“
Leise schloss Mike die Tür hinter sich.
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